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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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für B.

40
»Es ist schwer zu glauben.«
»Was?«
»Dass ich hier bin.«
»Warum?«
»Nach so vielen Jahren.«
»Es ist schön.«
»Wie wenn man nach einer langen Reise wieder im eigenen Bett schläft.«
»Ich weiß.«
»Wenn man einen Geschmack aus der Kindheit wiederentdeckt.«
»Einen runden weißen Lutscher.«
»Mit einer Figur in der Mitte.«
»Und einem farbigen Rand.«
Ein Wasserfall der Erinnerungen. Ein kleines Hotelzimmer in der Sommerhitze. Pinienbäume, die den rettenden Schatten schenken. Zu viel Licht. Wenn man Geheimnisse hat. Wenn man ungestört sein möchte. Wenn jeder andere Mensch einer zu viel ist. Wenn man in der Dämmerung besser zurechtkommt. Wenn man vom Bett aus jede Zimmerecke berühren kann.
»Hier hat sich kaum was verändert.«
»Findest du?«
»Ich habe dich noch vor Augen.«
»Aber ohne graue Haare und ohne Stock.«
»Wie geht es dir?«
»Die Albträume kommen nur noch selten.«
»Gut so.«
»Ja.«
»Warum lächelst du?«
»Ich habe dich auch noch vor Augen.«
Eine schöne, junge Frau. Am Empfang. In einem engen dunkelblauen Kleid. Flache weiße Sandalen. Zwei große Koffer. Eine weiße Handtasche. Finger voller Ringe. Langes lockiges Haar. Verspielt. In den Augen. Sie pustet es immer wieder weg. Blau-weiße Ohrringe. Ein schmales Gesicht. Volle Lippen. Eine breite Nase. Große dunkle Augen. Ungeduldige Hände. Eine elegante Armbanduhr.
»Ich habe meine Arbeit vergessen.«
»Wann?«
»Als du in das Foyer kamst.«
»Wann?«
»Damals. Erinnerst du dich noch?«
»Ich muss mich nicht erinnern.«
»Dich zu sehen ist …«
»… wie ein Traum.«
»… wie Weihnachten.«
»Und Ostern.«
»Und Geburtstag.«
»Und Frühlingsanfang.«
»Zusammen.«
Ihre Körper nebeneinander. Verschwitzt. Müde. Hungrig. Nimmersatt. Glücklich. Auf den nassen Bettlaken. Die Hand auf dem Bauch. Der Fingernagel im Oberarm. Der Mund auf der Brust. Das Bein um die Hüfte. Seine grünen Augen.
»Hast du an mich gedacht?«
»Wie viele Male, Liebste, liebte ich dich blinden Auges, und blind war meine Erinnerung/ohne deinen Blick zu kennen, ohne dich anzusehn
»Fast hätte ich es vergessen.«
»Was?«
»Deinen Neruda.«
»Ich habe mir vorgestellt …«
»Was?«
»Das Leben mit dir.«
»…«
»Für immer und ewig.«
»Und?«
»Es war voller Wunder.«
Das winzige Hotelzimmer. Wie eine ganze Welt. Wie ein ganzes Leben. Grenzenlos. Endlos. Unendlich. Wie die Tiefe der Ozeane. Unerforscht. Geheimnisvoll. Beängstigend. Unwiderstehlich. Faszinierend. Wie die Zahl der Sterne. Unbekannt. Unheimlich. Unzerstörbar. Unsterblich.
»Wie geht es deiner Tochter?«
»Ich habe zwei.«
»Gratuliere.«
»Danke.«
»Ich danke dir.«
»Warum?«
»Einfach so.«
»Warum?«
»Vergiss es.«
»Ich will nicht vergessen.«
»Wenn du meinst.«
»Hast du Kinder?«
»Einen Sohn.«
»Wie alt?«
»Siebzehn.«
»Siebzehn?«
»Ja.«
»Ich frage mich …«
»Was?«
»Einen Sohn also.«
»Ja.«
»Ich …«
… liebe dich nur dich immer dich mein ganzes leben lang du bist meine luft mein herzschlag du bist in mir unendlich das meer das ich sehe bist du die fische die ich fange hast du in mein netz gelockt du bist mein tag und meine nacht und der asphalt unter meinen schuhen und die krawatte um meinen hals und die haut an meinem körper und die knochen unter meiner haut und mein boot und mein frühstück und mein wein und meine freunde und der morgenkaffee und meine bilder und meine bilder und meine frau in meinem herzen und meine frau meine frau meine frau …
»Ich werde jetzt gehen.«
»Bitte nicht.«
»Warum nicht?«
»Es ist gemein.«
»Was?«
»Zu kommen und dann zu gehen.«
»Ich habe keine Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.«
»Ausgerechnet du sagst das.«
»Ich war schwach.«
»Ja, das warst du.«
»Ich bin nie darüber hinweggekommen.«
»Pech gehabt.«
»Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.«
»Ich glaube dir.«
»Ich möchte, dass du hierbleibst.«
»Es ist zu spät.«
»Wer hat sich je geliebt wie wir?«
Es war einmal ein kleines Hotel am Meer, von Pinienbäumen vor dem kalten Nordwind geschützt. Die Südmauer schmeckte sogar im Winter nach Salz und Hitze. Große Fenster und Balkontüren spiegelten die Wellen. Das Meer, wie ein sternenvoller Nachthimmel, umarmte den kleinen Kieselstrand unterhalb des Hotels. Wo alles begonnen hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie immer noch da. Wo alles enden sollte.
»Sieh mal, die Wolken!«
»Weißt du noch?«
»Und du?«

1
Luka erblickt die Welt mit einem leisen, halbherzigen Schrei und wird dann ganz still, als er das Wasser auf seiner Haut spürt. Man schreibt das Jahr 1959 in Makarska, einer kleinen ruhigen Hafenstadt in Kroatien. Die Hebamme Anka, die gleichzeitig auch die Nachbarin der Familie ist und somit nicht lange gebraucht hat, um auf die panischen Rufe des künftigen Vaters zu antworten, überprüft drei Mal, ob alles gesund und vollzählig ist, und denkt: Was für ein sonderbares Kind. Sie schüttelt leicht den Kopf. Was wird bloß aus ihm werden, so still und nachdenklich, als wäre er achtzig Jahre alt und hätte die Welt schon gesehen. Und doch blind wie ein Kätzchen. Lukas erschöpfte Mutter fragt besorgt, ob mit dem Kind auch bestimmt alles in Ordnung sei, warum es denn nicht mehr weine. Die Hebamme beruhigt sich selbst, indem sie Antica, der Mutter – mit der sie schon unzählige Liter starken türkischen Kaffee getrunken hat -, antwortet, alles sei bestens, sie solle sich jetzt erholen und schlafen und Kräfte sammeln für später, für ihren kleinen Sohn, ein großer Bursche sei das, man werde noch von ihm hören. Die Mutter verlangt nach ihm. Sie will ihn halten. Er heiße Luka, sagt sie stolz und ein wenig verlegen. Die Hebamme weiß das schon und nickt zustimmend, man könne es sofort erkennen, dass das hier ein richtiger Luka sei, und legt den stummen Jungen, dessen Augen weit geöffnet sind, als wären sie sein einziges Fenster zur Welt, in die Arme seiner Mutter. Ein blindes Kätzchen, denkt sie dabei wieder. Augenblicklich schlafen beide ein. Mutter und Sohn. Es ist ein warmer Novembertag. Windstill und heiter. Ein Winter, der noch kein Winter ist.
 
Luka ist drei Jahre alt. Sein Vater Zoran nimmt ihn zum ersten Mal mit zum Fischen. Er hat ein kleines Boot, das Luka sein Eigen nennt. Dann lächelt Zoran immer und zwinkert Lukas Mutter zu. Sie lächelt dann auch. Der Vater nimmt Lukas Hand in seine, und sie gehen zum Hafen. Mit der rechten Hand hält sich Luka an seinem Vater fest. In der linken Hand trägt er eine kleine Tasche, in der sich eine Menge Buntstifte und sein Malblock befinden. Luka malt und zeichnet sehr gerne. Nirgendwohin geht er ohne diese Tasche. Heute will er vor allem fischen. Aber auch malen. Unterwegs begegnen sie vielen Menschen. Auf dem Kačić-Platz: Alle begrüßen sie, alle kennen sie und lächeln Luka an und fragen ihn, was er denn vorhabe. Luka kann vor Stolz kaum reden. »Fischen«, sagt er, zu laut, und versteckt die Maltasche hinter dem Rücken. Die Leute lachen. Einige wundern sich übertrieben, so ein kleiner Junge, das gehe doch nicht, das sei verboten. Luka schwankt zwischen Angst, man könnte es ihm verbieten, und Empörung darüber, dass man es wagt, die Entscheidung seines Vaters anzuzweifeln. Der macht aber nur ein ernstes Gesicht und drückt Lukas verschwitzte Hand: Alles ist in Ordnung, er muss sich keine Gedanken machen. Sie gehen weiter. Sie gehen immer weiter, die Riva entlang, wo Luka sich an der Meeresseite hält und ins Wasser schaut. Jeden Fisch begrüßt er mit einem leisen Aufschrei. Und so bis zum Boot. Es ist kein langer Weg für den Vater, aber für einen Dreijährigen ist es ein großer Ausflug. Die linke Hand tut ihm schon weh. Die Tasche ist schwer. So viele Stifte! Das Boot liegt ruhig zwischen anderen, genauso kleinen Booten. MA 38. Das Kennzeichen in roter Farbe. Fast alle Boote sind weiß mit einem dünnen blauen Strich rundherum. Oder sie sind ganz weiß. Luka kann schon das Boot seines Vaters erkennen. Er war schon Millionen Mal auf diesem Boot. Vielleicht sogar öfter. Nur fischen war er noch nie. Luka liebt das Meer und das Boot über alles. »Wenn ich groß bin, werde ich Seemann«, sagt er. Oder Fischer. Der Vater steigt leichtfüßig ins Boot. Er hebt Luka hoch über das Meer und stellt ihn neben sich ab. Das Boot ist zwar nicht groß, aber es hat eine kleine Kabine. Luka setzt sich. Er sieht seinem Vater dabei zu, wie er das Boot geschickt aus dem Hafen steuert. Luka wird einmal auch so wie sein Vater sein. Sie fahren Richtung offenes Meer. Zwischen den Halbinseln Sv. Petar und Osejava hindurch. Am Ende des Meeres, von dem aus er immer noch die übrig gebliebenen Steine der Kapelle Sv. Petar sehen kann – das war das Erdbeben, es war schlimm, das ganze Haus hat gezittert und Mama hat geweint und Papa hat sie alle in den Keller gebracht, und es hat lange gedauert, länger als irgendetwas, das Luka kennt, und er hatte Angst, große Angst, aber sie haben es geschafft, und es ist nichts passiert, nur seine Kuscheltiere sind durcheinandergekommen, Papa hat sich um alles gekümmert -, schaltet der Vater den Motor aus. Das Boot treibt auf dem Wasser. »Wie heißt die Insel dort drüben?«, fragt Zoran. Luka mag dieses Spiel. Er ist gut darin. »Brač«, sagt er. Lukas Stimme zittert, obwohl er sich seiner Sache sicher ist. »Gut, und dahinter?« »Far«, sagt Luka schnell. Der Vater lächelt. »Ja, fast richtig. Hvar heißt sie. Aber das ist ein schwieriges Wort, manchmal kann nicht einmal ich es aussprechen.« Luka ist nachdenklich, er hofft, er hat nichts vermasselt. Der Vater holt die Angelrute. Also alles in Ordnung. Luka muss vor Aufregung ständig schlucken. Er lehnt sich über den Rand und sucht nach den Fischen. Er ruft ihnen zu, sie sollten sich beeilen, sich bereithalten, er komme. Er taucht seine kleine Hand ins Meer hinein. »Hier, hier, kleine Fischlein«, flüstert er. Dann hebt er den Blick und begegnet den Augen seines Vaters. Heute ist der schönste Tag meines Lebens, denkt Luka und macht die Augen zu. Meeresbewohner knabbern an seinen Fingern.
 
Während Lukas Hand die Fische im Meer herausfordert, erblickt Dora die Welt mit einem Schrei, der so schrill ist, dass die Hebamme Anka lachen muss. Man schreibt das Jahr 1962 im Entbindungsraum des Krankenhauses im Franziskanerkloster. So ein starkes, kräftiges Mädchen, sagt Anka. Die Mutter Helena ist erschöpft und kann nichts sagen. Lächeln kann sie auch nicht. Sie kann nur daran denken, dass es endlich vorbei ist. Endlich. Das erste und das letzte Kind, denkt sie. Sie schließt die Augen und schläft ein. Doras lauter Widerstand stört sie dabei nicht. Die Hebamme bewundert die Kraft dieses winzigen Wesens. Sie blickt Dora liebevoll an. Sie streichelt ihr Köpfchen und ihr zitterndes Körperchen. Die Hebamme ist alt – obwohl: Verglichen mit diesem Wesen ist jeder alt – und hat viel Erfahrung. Sie hat unzählige Kinder entbunden. Sie hat sie alle gesehen. Aber dieses Mädchen! Unermüdlich ohrenbetäubend schreiend, schleicht es sich in ihr Herz hinein. Ohne sich zu verirren. Ohne Umwege. Die Hebamme spürt leise Tränen aufkommen. Sie hat keine eigenen Kinder. Sie hat nie geheiratet. Ihr Verlobter ist im Krieg gefallen. Von Italienern erschossen. Danach hat es keinen Mann mehr für sie gegeben. So ist es damals gewesen. Und jetzt, seit dem großen Erdbeben im Januar, bei dem von ihrem Häuschen nur die Westwand geblieben ist, muss sie auch noch bei ihrer jüngeren Schwester wohnen und deren Mann ertragen, der zu oft betrunken ist und so gerne Witze über ihr Alleinleben macht. Gemeine, anstandslose Witze. Sie krümmt ihren Zeigefinger und berührt mit dem Knöchel den kleinen, runden Mund des Mädchens. Überrascht und abgelenkt verstummt es, und seine fast blinden Augen finden die der Hebamme und bleiben an ihnen haften. Dora wird es heißen, aber das ist ja schon bekannt.
 
Dora ist zwei Jahre alt und ein lebhaftes Mädchen. Ihre Mutter sagt, sie sei wild. Dora versteht das nicht, es ist ihr aber auch egal. Denn ihre Mutter lächelt dabei. Und ihr Vater setzt sie sich auf die Schultern und läuft mit ihr herum, als wäre er ihr Pferdchen. »Dora lacht, und die ganze Stadt bebt«, sagt die Mutter. Dora spricht mit zwei Jahren wie kein anderes Kind. So als wäre sie schon fünf. »Und sie versteht auch alles«, sagt ihre Mutter nicht ohne Stolz. Dora kann von nichts genug haben. Sie muss alles anfassen, alles sehen, überall hingehen. Auf der Straße, in der Kalalarga, auf der Riva, der Uferpromenade oder auf dem Kačić-Platz ruft sie jedem Vorbeieilenden etwas zu, und der Vorbeieilende, die Eile vergessend, bleibt stehen, lächelt sie an, wenn auch unsicher oder verwundert, und grüßt sie oder antwortet ihr. Dora ist sehr sicher auf den Beinen, sie fällt nie hin, aber sie rennt auch nicht, sie läuft einfach nur sehr schnell. Ihre Schritte sind lang, es sieht merkwürdig, manchmal sogar komisch aus, wenn man sie dabei beobachtet. Springen will Dora auch nicht. Sie steigt von einer Mauer mit einem Schritt ins Leere. »Hast du Angst?«, fragt die Mutter. Dora weicht ihrem Blick aus und antwortet nicht. Und springt nicht.
 
Luka ist fünf Jahre alt und bekommt eine Schwester. Sie heißt Ana und ist winzig und weint viel, und seine Mutter kann sich kaum auf den Beinen halten, und sein Vater arbeitet mehr denn je, und Luka sieht ihn immer seltener, und er muss unglaublich viel malen, im ganzen Haus hängen seine Bilder. Er geht jetzt in den Kindergarten, obwohl seine Mutter nicht arbeitet, und die anderen Kinder sind manchmal sehr gemein zu ihm, sodass er auf die Toilette geht und dort weint und malt, wo niemand ihn sieht, auch nicht Tante Vera, die sich eigentlich um alle Kinder kümmert, ihn aber besonders lieb hat. Sie fährt ihm oft mit der Hand über die Haare, lächelt ihn warm an oder zwinkert ihm zu und liest am häufigsten seine Lieblingsgeschichte vor, auch wenn die anderen Kinder schreien, die Geschichte sei langweilig und sie würden sie schon auswendig kennen. Eigentlich möchte Luka den ganzen Tag im Kindergarten bleiben und gar nicht mehr nach Hause gehen, wo diese blöde Schwester weint und Mama müde ist und Papa nicht da und ihm immer mehr zum Heulen ist, auch wenn er es unterdrückt und keiner es sieht. Und trotzdem ist er unglücklich und will, dass alles so ist wie früher, als sein Vater noch mit ihm angeln gegangen ist und sie mit dem Boot weit hinausgefahren sind und er die Fische malen und fangen konnte und sein Vater ihm lustige und manchmal schwierige Fragen gestellt hat, wie zum Beispiel, wenn eine weiße Kuh weiße Milch gibt, was für Milch gibt dann eine schwarze Kuh?, was natürlich keine einfache Frage ist, doch er hat alle Antworten gewusst. Und manchmal sind sie bis nach Sonnenuntergang geblieben, aber immer, immer haben sie viel Spaß miteinander gehabt.
 
Dora versteht es. Ihre Mutter spricht deutlich und langsam und ist traurig, und Dora versteht es. Aber Dora ist nicht traurig darüber, dass sie jetzt schon, mit zwei Jahren, drei Mal in der Woche in den Kindergarten gehen soll, denn Mama muss wieder arbeiten, und Dora hat keine Großeltern in der Nähe, die auf sie aufpassen könnten. Ihre Großeltern wohnen weit, weit weg. Dora hat sie schon oft besucht. In einer großen Stadt. »Der Hauptstadt, schlicht und ergreifend«, sagt Mama; dann ärgert sich Papa und verbessert sie. Belgrad sei die Hauptstadt, Zagreb sei nur eine große Stadt. In Belgrad lebt auch der Präsident. Mama murmelt etwas vor sich hin. Dora sieht, dass sie nicht glücklich ist. Es ist nicht wegen des Präsidenten, den mag jeder, er ist immer von Kindern und Blumen umgeben, aber mit der Stadt, in der er lebt, ist Mama nicht glücklich. Deswegen sagt Dora, wenn sie mit Mama alleine ist: Wir fahren zu Oma und Opa in die Hauptstadt. Und Mama lächelt und sieht sich dabei schnell um. Zagreb. Sie mussten lange mit dem Auto fahren, um dorthin zu kommen. So lange, dass Dora mehrmals eingeschlafen ist. Dora erinnert sich an alles. Ihr Kopf ist voller Bilder, die riechen und sprechen und manchmal auch schmecken. Und sie kann sie alle in Worte fassen. »Das Mädchen hat ein Gedächtnis!«, ruft die Mutter und kann es kaum glauben. »Wie ein Elefant«, sagt der Vater und wundert sich. Ein merkwürdiges Kind, denken sich einige, sagen aber nichts. Dora macht sich keine Gedanken darüber. Sie steht manchmal lange vor dem Spiegel und beobachtet sich darin, ihr Gesicht, das sich so schnell verändert, als wären es hundert verschiedene, das gefällt ihr gut. So ist sie. Alles das ist sie. Und sie freut sich auf die Kinder im Kindergarten, die sie noch nie gesehen hat. Auf das Spielzeug auch. Sie hat keine Angst. »Für Dora ist das ganze Leben ein Abenteuer«, sagt ihre Mutter immer und hebt die Augenbrauen, was sehr lustig aussieht, sodass Dora lachen muss. Und Papa liest die Zeitung.
 
Luka sieht das neue Mädchen, das gerade hereinkommt. Sein schwarzes Haar, lang und wellig. Und glänzend. Wie der Schuppenpanzer eines Fisches. Es ist klein und dünn und schnell und jünger als alle anderen Kinder im Kindergarten, und er kann die Augen nicht von ihm abwenden. Die Mutter des Mädchens trägt seine Tasche, die weiß und blau gestreift ist. Mit einem großen gelben Fisch in der Mitte. Sie gefällt Luka sehr, diese Tasche. Auch wenn er den Fisch nicht erkennen kann. Er selbst hat einen schwarzen Rucksack, den er sich nicht selbst aussuchen konnte und den er schon einmal mit der Schere angegriffen hat, um einen neuen zu bekommen. Aber es hat nicht geklappt, es ist nur noch schlimmer geworden. Jetzt ist der Rucksack hässlich und kaputt. Deswegen versteckt Luka ihn in einer Plastiktüte und trägt die Tüte mit sich herum. Und niemand merkt es. Wenn er doch nur so eine tolle Tasche hätte wie das neue Mädchen! Er sieht sich schon mit dieser Supertasche herumlaufen, sein Malzeug und Malheft darin, von allen bewundert und beneidet. Stolz überquert er den Kačić-Platz, langsam schreitet er auf die Marineta zu, wo alle Leute sich versammeln, um ihn und seine neue Supertasche zu sehen. Keiner kann die Augen von ihm abwenden! Vielleicht würde Mama dann wieder lächeln und Papa einen Kuss geben, so wie früher, sie würde Papas Namen leise aussprechen, mehrmals würde sie ihn sagen – Zoran, Zoran, Zoran, Luka kann es schon hören -, und Papa würde zufrieden schmunzeln und mit Luka fischen gehen. Ja, sicher würde er das machen und ihm ganz schwierige Fragen stellen wie zum Beispiel, wenn Mama und Papa weiß sind, aber das Kind in Afrika geboren wird, welche Hautfarbe wird es dann haben?, was eine schwierige Frage ist, aber das ist egal, er kennt alle Antworten. Wenn er nur so eine Tasche hätte! Wie das neue Mädchen. Er kann die Augen nicht abwenden von ihr!
 
Dora betritt erwartungsvoll den Kindergarten und sieht sich um. Ein großer Junge steht neben dem Bücherregal und beobachtet sie. Dora stört das nicht. Sie zieht ihre Jacke aus. Sie will nicht, dass Mama ihr hilft, solange der große Junge sie beobachtet. Vielleicht ist das so im Kindergarten. Vielleicht muss einer so den ganzen Tag stehen und andere Kinder beobachten, vielleicht ist das ein ganz tolles Spiel. Dora kann es kaum erwarten, mitspielen zu dürfen. Die Schuhe will sie sich auch alleine ausziehen. »Was ist denn, Dorice«, wundert sich Mama. Mama versteht es nicht. Sie weiß nicht, dass das ein ganz tolles, neues Spiel ist und dass der Junge sie beobachtet und dass sie tapfer sein muss, wenn sie mitspielen will, und sie will unbedingt auch so unbeweglich am Regal mit den Bilderbüchern stehen dürfen, oh ja, das will sie auf jeden Fall. Also schüttelt Dora den Kopf und sagt nichts. Denn ihr Kopf fühlt sich plötzlich so schwammig an und voll und leer und aufgeblasen wie ein Luftballon und heiß und leicht und zittrig und durchsichtig. Sie schließt die Augen. Ihr linker Fuß ist schuhlos. So bleibt sie sitzen. »Was hast du denn, zlato moje«, fragt die Mutter noch einmal. Dora sieht sie an. Gleich wird Mama anfangen zu weinen. Moja Dorice!
 
Luka bewegt sich nicht. Er lehnt sich an das große Bücherregal und hält die Luft an. Er hat Angst, die Tasche könnte verschwinden, wenn er die Muskeln entspannt und einatmet. Er fixiert die Tasche, bis es wehtut und seine Augen anfangen zu tränen. Er zählt: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … Dann löst sich seine Welt in nichts auf, und er gleitet zu Boden. Alles ist still um ihn. Er verschwindet nach und nach. Wie die Bilder eines Buches, dessen Seiten er ganz langsam loslässt.
 
Dora ist die Erste, die bei dem ohnmächtigen Jungen ankommt. Sie geht in die Hocke, wird winziger als winzig. Ihre Augen weiten sich, bis ihr Gesicht, das blasser wird als blass, nur noch aus Augen zu bestehen scheint. Sie beugt ihren Kopf über den des Jungen, und bevor die Frau, die sich auf seiner anderen Seite niederkniet und seine Beine hochhebt, sie wegschicken oder ihr zuvorkommen kann, küsst Dora ihn auf den hellroten Mund. »Dora!«, ruft ihre Mutter entsetzt. Keine Zeit für Kosenamen!
 
Luka hört eine leise Stimme an seinem Gesicht: »Du bist mein Dornröschen, nur mein, wach auf, mein Prinz, du bist mein Prinz, nur mein …« Dann kommen ihm auch andere Stimmen und Worte zu Ohren, und verwirrt und schwach macht er die Augen auf und …
… sie sieht seine Augen, die sich langsam öffnen, seinen verstörten Blick, seine Lippen, die sich lautlos bewegen …
 
… aber er kann nichts sagen, also lächelt er schwach und …
 
… sie lächelt auch und …
 
… er hebt unsicher seinen Arm, und seine Hand streckt sich ihrem Gesicht entgegen, und er berührt ihr langes, schwarzes Haar und fragt sich, wo wohl die Tasche geblieben ist und ob er sie jetzt vielleicht überreden könnte, sie ihm zu schenken, um ihn aufzumuntern, und …
 
… sie flüstert noch einmal ganz leise, so leise, dass nur ihr Mund sich bewegt: »Mein Prinz, nur mein.«

2
»Siehst du die dort, die ganz kleine, wie eine Eiskugel?«
Dora zeigt mit dem ausgestreckten Arm, an dessen Ende ein runder Lutscher zwischen den klebrigen Fingern steckt, in die Höhe des Himmels, und obwohl ihre Köpfe ganz nah beieinander liegen, kann Luka sie nicht sehen, diese wolkige Eiskugel.
Sie haben sich auf dem Kabinendach ausgestreckt und beobachten jetzt die Wolken, die eine leichte Sommerbrise über den Himmel treibt. Es ist früh am Nachmittag, und es ist sehr ruhig um sie herum, nur ab und zu geht ein Tourist vorbei. Die Einheimischen verstecken sich alle vor der brennenden Sonne, die Fensterläden sind geschlossen, man sucht den tiefsten Schatten und versucht, sich nicht zu bewegen: Bei solcher Hitze fällt manchmal sogar das Atmen schwer.
Alle wissen das, außer den Touristen, die den ganzen Tag unermüdlich und ohne Hut herumlaufen und dann schließlich in der Notaufnahme enden. Luka weiß das ganz genau. Er beobachtet sie jeden Morgen am Strand, wo er sich neben dem gelben Haus mit dem Sonnenschirmverleih sein Taschengeld verdient. Er ist neun Jahre alt. Er sieht gut aus. Das sagt auch Dora. Sein Haar lässt er wachsen, und es schimmert in der Sonne, als wäre es voller Glitzerstaub. Seine sonst sehr blasse Haut hat eine satte schokoladenbraune Tönung bekommen. Zu Hause beobachtet Luka oft seinen Körper im Spiegel. Er gefällt ihm nicht so ganz, er ist zu dünn. Aber das wird sich bald ändern, denn im Mai hat Luka mit dem Wasserballtraining angefangen. Jeden Morgen steht er um sieben Uhr auf, isst schnell eine Scheibe Brot und läuft zum Training. »Galeb« heißt der Klub. Schon sein Vater hat da Wasserball gespielt. Vor vielen Jahren natürlich. Bevor Luka geboren wurde. Da hat Mama ihn gesehen und sich in ihn verliebt. Alle Mädchen verlieben sich in Wasserballspieler, ist doch klar! Sie sind groß und stark und einfach gut. Besser als Fußballspieler. Er freut sich darüber. Über das Wasser und die Freunde und die Muskeln. Wenn es nur nicht im September schon zu Ende wäre. Blöder September! Und Dora. Daran darf er nicht denken. An September und Dora in einem Atemzug. Darf er nicht. Auf keinen Fall.
Dora kommt jeden Morgen zur gleichen Zeit wie er zum Strand – es sei denn, sie hat ihm beim Training zugeschaut, was sehr oft der Fall ist -, breitet ihr Badetuch neben seinem Klappstuhl aus, beobachtet ihn beim Malen, geht schwimmen, wenn er Pause macht, und bleibt bis zum Mittagessen. Dann gehen sie gemeinsam nach Hause, kaufen manchmal, wenn einer von ihnen Geld hat, ein Eis im Milchrestaurant, dem einzigen Ort in Makarska, wo es Eis gibt – Dora nimmt natürlich ein Schokoladeneis, für sie gibt es nichts außer Schokolade auf der Welt, und er Zitrone, er mag diesen sauerbitteren Geschmack, der so herrlich erfrischt und noch lange auf der Zunge haften bleibt, manchmal sogar noch bis nach dem Mittagessen -, und wo man immer Schlange stehen muss. Sie trennen sich erst an der letzten kleinen Kreuzung, wo Dora dann den winzigen steilen Hügel hinaufläuft und Luka rechts und dann zwei Mal links abbiegt. Da sie nur dann Hunger haben, wenn sie zusammen sind, stochern sie zu Hause missmutig auf ihren Tellern herum, schieben das Essen hin und her, verschlingen ganze Bissen, ohne sie richtig gekaut zu haben. Die Mütter ärgern sich, wundern sich, machen sich Sorgen, spaßen darüber, schreien sie an, drohen, legen ihnen die Hand auf die Stirn, beobachten sie aufmerksam, kochen ihre Lieblingsspeisen, verzweifeln, fragen nach, zucken mit den Achseln. Dann wird der Tisch abgeräumt, und jeder zieht sich in sein Zimmer zurück, um den unerträglich heißen Nachmittag zu überleben, um sich auszuruhen. Was die Kinder auch tun sollten.
Aber Dora und Luka haben sich hinausgeschlichen, jeden Tag, den ganzen Sommer lang, während die Eltern in ihren Zimmern Siesta hielten. Denn Ausruhen ist für sie die größte Verschwendung der kostbaren Zeit, die sie miteinander verbringen können. Wie jede andere Zeit, die sie nicht zusammen erleben.
»Siehst du sie oder siehst du sie nicht?« Doras Stimme ist schon ein wenig ungeduldig. »Man darf nicht sagen, dass man etwas sieht, wenn man es nicht sieht!« Sie spielt mit ihren Haaren. Wie immer.
Luka bleibt still. Er muss an den September denken, also sagt er lieber nichts. Er dreht sich zu ihr um und sieht sie dabei an, wie konzentriert sie die Wolken beobachtet. Seit Monaten schon. Seit Jahren. Wenn er erblinden würde, wäre es ihm egal, denn ihr Gesicht kennt er in- und auswendig.
»Das zählt nicht. Nur die Wolken zählen, die man tatsächlich gesehen hat.« Sie atmet aufgeregt, und ihre Augenlider fangen an zu flattern. »Also, was nun? Wenn du sie nicht siehst, habe ich gewonnen! Weil du auch die davor nicht gesehen hast, obwohl sie so klar war. Es konnte gar nichts anderes sein als eine fliegende Kutsche mit einer Taube auf dem Dach. Es war klar zu sehen. Aber du hast es nicht gesehen …« Sie schnappt nach Luft. Nach einer kleinen Pause fragt sie ganz leise: »Oder willst du nicht mehr mit mir spielen?«
Ein Boot fährt aus dem Hafen. Der Motor brummt laut. Das Meer wellt sich kaum merklich, aber genug, um Dora und Luka sanft zu schaukeln. Ihre Körper berühren sich leicht, trennen sich wieder, berühren sich, trennen sich, berühren sich …
»Ich sehe alles, ich habe auch die Taube gesehen, ich will nur, dass du gewinnst. Sonst bist du ganz traurig, und das mag ich nicht.«
»Stimmt ja gar nicht …«
»Ich mag nicht, wenn du traurig bist, das mag ich überhaupt nicht.«
Luka liegt immer noch auf der Seite und beobachtet Doras Gesicht. Nur nicht daran denken, denkt er, dass es bald weg sein wird.
Dora schweigt eine Weile. Dann setzt sie sich auf und umfasst ihre Knie.
»Ich bin nicht traurig. Das stimmt überhaupt nicht. Ich bin nicht traurig, wenn ich nicht gewinne. Es ist gemein, so etwas zu sagen, wenn es überhaupt nicht stimmt. Frag, wen du willst. Es ist gemein. So etwas zu sagen, wenn es überhaupt nicht stimmt. Alle werden es dir sagen, frag sie nur.«
Sie legt die Stirn auf die Knie.
Luka kann sie nicht länger ansehen. Sein Herz pocht laut und unregelmäßig. In seinem Kopf ist es wirr. Er setzt sich auch aufrecht hin. Er wagt es nicht zu atmen. Er macht die Augen zu und zählt: Eins, zwei, drei, vier …
»Hör sofort auf damit! Atme! Oder willst du wieder ohnmächtig werden?«
Dora schüttelt ihn so heftig, dass er umkippt und fast ins Meer fällt. Er macht die Augen auf. Doras Gesicht ist ganz nah, ihre schwarzen Augen sind groß wie die zwei Pizzateller, die er neulich im Restaurant Plaža gesehen hat. Sie waren so groß, dass die Kellner sie kaum tragen konnten. Sie zitterten in ihren Händen, und Luka hat gedacht, dass die Pizzas jeden Moment auf dem Boden landen würden. Leider ist nichts passiert.
»Lass uns schwimmen gehen«, sagt er unvermittelt und steht auf. Er springt vom Kabinendach auf das Querbrett und von da aus aufs Land. Ohne auf Dora zu warten, geht er mit großen Schritten Richtung Sv. Petar. Zum Felsen. Bald hört er sie hinter sich. Er lächelt. Ganz leicht, wie die Wolke, ist sie. In seinem Kopf entsteht gleich ein wunderbares Bild.
»Und ich habe es doch gesehen, aber es war keine Eiskugel, so was Blödes! Es war ein Fußball, dem die Luft ausgegangen ist!«
 
Es ist vier Jahre her, dass Dora zum ersten Mal in den Kindergarten gekommen und Luka in Ohnmacht gefallen ist. Es ist vier Jahre her, dass Dora und Luka unzertrennlich geworden sind. Niemand wundert sich. Niemand stellt Fragen. Alle schauen interessiert zu, denn so etwas hat Makarska noch nicht erlebt. Niemand lacht. Nicht einmal die anderen Kinder. Die spielen mit ihnen oder aber sie lassen sie in Ruhe. Es liegt etwas Seltsames in der Luft, wenn Dora und Luka zusammen sind. Man kann es nicht Frieden nennen und nicht Sturm. Es riecht nach Mandarinen und nach gerösteten Mandeln und nach Meer und nach frisch gebackenen Keksen und nach Frühling. Als wären sie von einer Wolke umhüllt. Einige behaupten, sie, die Wolke, sei türkis, andere wiederum, sie sei orange. Domica, die alte Frau, die immer vor ihrem Haus am Waldrand zwischen der Riva und dem Strand sitzt, sagt, sie sei hellblau, fast weiß wie der Himmel im Sommer. Dabei nickt sie vielsagend und schließt die beinah blinden Augen. Seit sie das Erdbeben vor sechs Jahren vorhergesehen hat, haben die Leute ein wenig Angst vor Domica, kommen aber immer wieder zu ihr, um sie um Rat zu fragen. Vor allem junge, verliebte Frauen.
Aus irgendeinem Grund finden auch die Eltern es nicht merkwürdig, dass eine Zweijährige und ein Fünfjähriger Freunde geworden sind. Und was für Freunde! Gelegentlich sehen sie einander nachdenklich an, so als würden sie sich an etwas erinnern, an etwas, das man besser vergessen sollte. Man sieht sie dann abwesend und verträumt lächeln. Aber das war schon alles. Sie haben nie etwas gesagt und tun alles Mögliche, damit die Kinder sich täglich sehen können, auch außerhalb des Kindergartens. Und als eines Tages Luka mit Doras Tasche und sie mit seinem beschädigten Rucksack in den Kindergarten gekommen ist, hat es gar keiner bemerkt. Und niemand ist auf die Idee gekommen, nach dem Verbleib der alten Plastiktüte zu fragen.
Lukas vierjährige Schwester Ana will auch mitspielen oder mitgehen, was Luka und Dora meistens nicht passt. Manchmal, vor allem im Sommer, in den großen Schulferien, muss Luka sie aber mitnehmen, das entscheidet seine Mutter, also kann er sich da nicht herausreden. Dann sitzen sie zu dritt um seine Sonnenschirme herum und schmeißen Steine ins Meer, aber auf keinen Fall, auf gar keinen Fall gehen Dora und Luka dann zu ihrem Felsen! Der Felsen auf der Halbinsel Sv. Petar gehört nur ihnen, ihnen allein, und eine aufdringliche Schwester oder irgendein anderes Kind hat da nichts zu suchen. Das ist klar. Darüber müssen Dora und Luka nicht sprechen, sie müssen nicht einmal einen verschwörerischen Blick wechseln. Sie können mit Ana Eis essen gehen. Das ist in Ordnung. Ein Eis, das ist nichts Besonderes. Oder im seichten Wasser picigin spielen oder nach dem dicksten Baum suchen. Oder sich eine kokta teilen, wenn sie Durst haben. Das geht. Aber ihr Felsen! Keine Chance. Und noch etwas gehört nur ihnen: die Wolken. Die Wolken über ihnen am Himmel, der allen gehört.
Ana mag Dora. Sie will, dass Dora ihre Freundin wird. Im Kindergarten erzählt sie schon, Dora sei es tatsächlich, ihre allerbeste Freundin. Alle beneiden sie. Jeder kennt Dora. Auch die, die sie selbst nicht kennt, kennen sie. Dora ist lustig und erzählt tolle Sachen, mit ihr ist es nie langweilig, sie weiß auf alles eine Antwort. Sie hat ein eigenes Fahrrad, rot und so glänzend, dass es in der Sonne wie eine Riesenflamme herumrast. Das will Ana auch. Luka lacht dann nur und geht weg, als wollte er sagen, niemand könne wie Dora sein. Oder so wie Dora Fahrrad fahren. Ana denkt manchmal, Dora lebe in einem Märchen, sie sei eigentlich eine Prinzessin und nur zu Besuch hier. Ana mag Märchen. Dora liest ihr ab und zu welche vor. Oder erzählt sie ihr. Oder erfindet neue. Spielt sie ihr vor. Das gefällt Ana am besten. Dann verwandelt Dora sich in eine Prinzessin in Not, eine gemeine Königin, einen Feuer speienden Drachen, einen weinenden König, einen tapferen Prinzen, eine gute Fee, eine böse Hexe. Nacheinander. Oder gleichzeitig. Das ist spannender als im Kino. Ja, Ana mag Dora. Vor allem aber, weil Dora ihr ein Geheimnis verraten hat. Sie hat ihr gezeigt, wie man sich im Spiegel ansieht, wie sich das Gesicht mir nichts, dir nichts verändern und man alles werden kann. Auch ohne eine Geschichte, einfach so, nur weil man es will, weil einem danach ist. Dora nennt das eine wichtige Übung. Sie sammelt Filmhefte und weiß alles über alle Schauspieler. An einigen Tagen lässt sie Ana die Bilder der berühmten Schauspieler berühren, aber nur kurz und flüchtig. Bis sie bis fünf gezählt hat. Ana ist Dora sehr dankbar dafür, denkt aber trotzdem, dass Dora zu streng ist damit. Was kann schon passieren? Es sind doch nur Fotos! »So werde ich eines Tages auch sein«, flüstert Dora dann manchmal, und Ana versteht nicht genau, was sie damit meint, so schön oder so unberührbar oder so geheimnisvoll oder so schwarz-weiß.
Und Dora mag Ana, sie ist Lukas Schwester, und Dora mag alles, was sie mit Luka teilen kann. Es ist auch klar, wer die Wichtigste ist. Luka hat für sie – für Dora und für keine andere! – die Muschelkette gebastelt. Nur Luka hält ihre Hand so, dass Doras Herz schneller schlägt und sie oft schlucken muss. Nur mit Luka teilt sie ihren Lieblingslutscher, den weißen, runden, mit dem farbigen Rand und einer Figur in der Mitte. Sie findet es nicht eklig, an ihrem Lutscher weiterzulutschen, nachdem Luka ihn im Mund gehabt hat. So wie es ihre Mutter nicht stört, mit Doras Gabel zu essen oder aus ihrem Glas zu trinken. »So sind die Mütter«, sagt ihre Mutter dann und lächelt. Und Dora fragt sich, warum sie dasselbe empfindet, wenn es um Luka geht, auch wenn sie nicht seine Mutter ist. Hundert Prozent nicht! Das wäre wirklich komisch, wenn eine Mutter jünger wäre als ihr Kind! Sie hat schon einmal ihre Zähne mit seiner Zahnbürste geputzt. Außerdem hätte Dora auch gerne eine Schwester oder einen Bruder. Sie hätte gerne so etwas Weiches, Kuscheliges, Anschmiegsames, mit dem sie auch spielen könnte. Ihre Mama sagt, sie schaffe sich dann besser einen Hund oder eine Katze an. Aber das will Dora nicht. Katzen machen ihr ein wenig Angst. Ganz wenig, natürlich, denn Dora hat eigentlich vor nichts Angst. Wie dieses Mädchen irgendwo im Ausland, das keine Schmerzen gespürt hat und bei dem die Ärzte dann festgestellt haben, dass es schwer krank war und im ganzen Körper geblutet hat, ohne dass es ihm selbst aufgefallen ist. Der Unterschied ist aber, dass Dora nicht krank ist. Auf gar keinen Fall. Nie in ihrem Leben ist sie krank gewesen. Sie hat einfach keine Angst. Schlicht und ergreifend, würde ihre Mama sagen. Sie sagt das oft: schlicht und ergreifend. Das ist so etwas wie ein Kennwort, ein Erkennungszeichen. Wie bei den sieben jungen Geißlein der weiße Fuß der Mutter. Dora findet es lustig, manchmal zählt sie, wie oft am Tag ihre Mutter das sagt. Mama macht dann ganz große Augen und schüttelt ein wenig den Kopf. Es ist tatsächlich lustig. Dora mag ihre Mutter. Und Luka. Aber es ist ganz anders. Dora hat früh verstanden, dass man – schlicht und ergreifend – auf völlig verschiedene Art und Weise mögen kann.
Und Luka mag Dora. Er findet alles an ihr toll. Er wünscht sich oft, sie wäre seine Schwester, denn so könnten sie immer zusammen sein, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Das wäre klasse, so eine Schwester. Aber vielleicht auch nicht. Manchmal ist sich Luka unsicher, denn er hat manchmal ein Gefühl oder auch mehrere, die ihm völlig unbekannt sind, die ihm sogar Angst machen, und wenn sie ihn überfallen, dann ist er froh, dass er nach Hause laufen kann, wo keine Dora ist und alles klar und vertraut und einfach ist. Er legt sich dann auf sein Bett und versucht an etwas anderes zu denken als an Dora, aber vergeblich. Sie ist immer da, in seinem Kopf, er sieht ihr kleines Gesicht, ihre großen Augen, hört sie lachen und erzählen, sie kann endlos viel erzählen, und schon vermisst er sie, steht auf, läuft aus dem Haus und sucht sie. Und findet sie immer. Um sich dann mit ihr ins Krankenhaus hineinzuschleichen, das sich im Kloster, so einer Art Kirche, befindet, denn Dora mag den Geruch und die hohen Decken im Warteraum. Sie setzen sich und tun eine Zeit lang so, als würden sie auf den Arzt warten oder auf ihre Eltern, aber jeder kennt sie schon, und meistens lässt man sie in Ruhe, nachdem man sie angelächelt hat. Denn sie grüßen immer höflich. Einmal hat Dora ihm den Raum gezeigt, in dem sie geboren wurde. Toll! Sie teilt alles mit ihm. Wie eine wahre Freundin eben.
 
»Warte auf mich!«