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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Die bildschöne Deirdre Cantor ist fest entschlossen, mit einem Herzog vor den Traualtar zu treten – und zwar ehe eine ihrer Cousinen ihr zuvorkommt. Nur dann wird sie das enorme Vermögen ihres Großvaters erben und sich ihren Platz in der guten Gesellschaft sichern können. Als eine ihrer Cousinen Calder Marbrook, den zukünftigen Herzog von Brookmoor, vor dem Altar stehen lässt, kann Deirdre ihr Glück kaum fassen. Entschlossen nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand und macht ihm, ungeachtet der Gerüchte, die über seine Vergangenheit kursieren, einen Heiratsantrag – und Calder akzeptiert.
Doch kaum verheiratet zerspringen Deirdres Hoffnungen auf eine unbeschwerte Zukunft mit ihrem attraktiven Ehegatten. Calder hat ihr verschwiegen, dass er bereits eine kleine Tochter hat, Meggie – einen wahren Satansbraten, der Deirdre das Leben zur Hölle macht. Sie fühlt sich betrogen, und um Calder für diese Enttäuschung zahlen zu lassen, beginnt sie ein gefährliches und sinnliches Spiel, das nicht nur sein Verlangen weckt. Auch Calder beherrscht dieses Spiel und setzt alles daran, das Herz seiner bildschönen Frau für sich zu gewinnen …

Autorin
Celeste Bradley, 1964 in Virginia geboren, lebt am Fuße der Sierra Nevada in Nordkalifornien. Sie ist mit einem Journalisten verheiratet und hat zwei Töchter. Bevor sie 1999 ihren ersten Roman veröffentlichte, arbeitete sie auch als Schauspielerin, doch ihre wahre Leidenschaft ist das Schreiben. Preisgekrönt, u. a. mit dem RITA Award für besonders herausragende Liebesromane, gehört die New-York-Times-Bestsellerautorin inzwischen zu den heiß geliebten Stars des Genres.
Weitere Informationen unter:

Von Celeste Bradley bei Blanvalet lieferbar:
Der Liar’s Club: Die schöne Spionin (01; 36279) – Die schöne Schwindlerin (02; 36335) – Die schöne Rächerin (03; 36614) – Die schöne Betrügerin (04; 36336) – Die schöne Teufelin (05; 36854)
Die Royal Four – Spione im Dienste Ihrer Majestät: Der verruchte Spion (01; 36660) – Der geheimnisvolle Gentleman (02; 36661) – Verruchte Nächte (03; 36905) – Gefährliches Begehren (04; 36906)
 
Die Heiress Brides: Brennende Sehnsucht (01; 37415) – Flammende Versuchung (02; 37496)

Dieses Buch ist den Bradley-Mädchen gewidmet – viele glückliche Abenteuer mögen vor euch liegen.

Prolog
Es war einmal vor langer Zeit, da setzte sich ein knurriger alter Mann mit Schreibfeder und Papier hin und veränderte für immer das Leben seiner weiblichen Nachkommen.
 
 
Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, wenn auch körperlich geschwächt, bekunde ich, Sir Hamish Pickering, als meinen letzten Willen und Testament das Folgende:
Ich bin die gesellschaftliche Leiter so weit hinaufgeklettert, wie es möglich ist, dabei verfüge ich über mindestens doppelt so viel Verstand, Weisheit und Seelenstärke wie der faulenzende Adel. Eine Frau hingegen kann so hoch heiraten, wie ihr Aussehen es zulässt, ja, sie kann sogar Herzogin werden, wenn sie es anstrebt.
In dieser Hinsicht haben mich meine eigenen Töchter schmählich enttäuscht. Morag und Finella, ich habe Geld in Euch investiert, damit Ihr über Eurem eigenen Stand heiraten könnt, aber Euch fehlte der Mumm dazu. Ihr habt darauf gewartet, dass Euch die Welt auf einem Silbertablett serviert wurde. Wenn irgendein weibliches Mitglied dieser Familie auch nur einen einzigen Farthing meines Geldes haben will, dann muss es sich das schon verdienen.
Deshalb erkläre ich, dass mein gesamtes Vermögen meinen nutzlosen Töchtern vorenthalten und für jene Enkelin oder Urenkelin aufbewahrt werde, die einen englischen Herzog heiratet oder einen Mann, der später einen Herzogtitel erbt. Zu diesem Zeitpunkt soll ihr allein das gesamte Vermögen ausbezahlt werden.
Hat sie Schwestern oder Cousinen, die bei diesem Versuch scheitern, so erhalten diese bis an ihr Lebensende eine jährliche Leibrente in Höhe von fünfzehn Pfund. Hat sie Brüder oder Cousins, obschon die Familie unglücklicherweise zu Töchtern tendiert, dann erhält davon ein jeder fünf Pfund, denn mehr hatte ich auch nicht in meinen Taschen, als ich nach London kam. Jeder Schotte, der seinen Haggis wert ist, kann im Laufe von ein paar Jahren aus fünf Pfund fünfhundert machen.
Jedes Mädchen erhält im Jahr seines gesellschaftlichen Debüts eine festgelegte Summe für Kleider und Sonstiges.
Sollten drei Generationen von Pickering-Mädchen versagen, will ich mit der ganzen Mischpoke nichts mehr zu tun haben. In diesem Fall sollen die gesamten fünfzehntausend Pfund dazu verwendet werden, die Strafen und Unkosten jener zu bezahlen, die den Zollinspekteur beim Export jenes herrlichen Scotchs umgehen, der mein einziger Lichtblick in dieser Familie von Schwachköpfen war. Wenn Eure arme, selige Mutter Euch jetzt nur sehen könnte.
 
 
Gezeichnet
Sir Hamish Pickering
 
 
Bezeugt von
B. R. Stickley, A. M. Wolfe
Kanzlei Stickley & Wolfe
 
 
So lautet das Testament von Sir Pickering. Jetzt sind seine Enkelinnen Phoebe, Deirdre und Sophie nach London gekommen und versuchen, den Preis zu gewinnen.
Phoebe, die warmherzige Vikarstochter mit Vergangenheit, hat bereits verloren – und gewonnen. Indem sie sich für den bettelarmen unehelichen Halbbruder des Mannes, der ihr Herzog hätte sein können, entschied, kehrte sie dem Pickering-Vermögen mit einem Lächeln auf den Lippen den Rücken. Rafe, ihr einst draufgängerischer, jetzt ergebener Ehemann ist mit ihr in die Flitterwochen gefahren – ein Geschenk von Rafes sitzengelassenem Bruder, dem Marquis von Brookhaven. Ihre Zukunft glänzt vor Liebe, wenn auch nicht vor Gold.
Also verbleiben nur noch die schöne, in der Gesellschaft bewanderte Deirdre und die einfache, blaustrümpfige Sophie im Rennen. Der Marquis von Brookhaven, der bald der Herzog von Brookmoor sein wird, ist immer noch zu haben … aber nicht mehr lange, wenn es auch nur ein bisschen nach Miss Deirdre Cantor geht.

Erstes Kapitel
England, 1815
 
 
Die Bestie von Brookhaven schlägt eine weitere Braut in die Flucht! Sie hat ihn heute Morgen vor dem Altar stehen gelassen!«
Calder Marbrook, Marquis von Brookhaven, blieb beim Ausruf des Zeitungsjungen wie erstarrt stehen. Da ihm das mitten auf einer sehr belebten Straße in London passierte, während eine Bierkutsche auf ihn zurumpelte, war es vielleicht nicht gerade der beste Zeitpunkt, dass er zuhören musste, wie seine Lebensgeschichte lautstark der Öffentlichkeit verkündet wurde.
Der Bierkutscher brüllte eine Warnung, was Calders Körper reagieren ließ, wenn auch nicht seine Gedanken. Nachdem er sich auf der anderen Straßenseite in Sicherheit gebracht hatte, missachtete er die Flüche des Kutschers, die auf der leichten Brise zu ihm getragen wurden, und suchte die Menge nach der Stimme ab, die er vernommen hatte.
»Lest alles über die Bestie! Die Voice of Society meint, er kann seine Frauen nicht davon abhalten, ihm davonzulaufen!«
Der Zeitungsjunge, der in Wahrheit ein ziemlich ergrauter Kerl war, dessen Stimme bei den hohen Tönen leicht ins Zittern geriet, nahm Calders Münze entgegen und reichte ihm eine Zeitung, ohne in seiner Rede innezuhalten. »Die Bestie von Brookhaven schlägt wieder zu!«
Dann hob der Mann den Blick und ließ ihn über Calders Gesicht wandern, um ihn dann wieder auf die Zeichnung einer grübelnden Visage auf der Titelseite in seiner Hand zu senken.
»Oy!« Er sah Calder ins Gesicht. »Das seid Ihr, nicht wahr?« Die momentane Erregung verebbte unter Calders grimmigem Blick. Eilig zog er seine Mütze. »Äh … guten Tag, Mylord.«
Calder beachtete die Flucht des Mannes nicht weiter, sondern schlug lieber die zusammengeschlagene Zeitung auf. Er fing an Ort und Stelle zu lesen an, ein unverrückbarer, in Schwarz gekleideter Felsen, um den sich unbeachtet der Strom der Londoner Bevölkerung teilte.
»Die Bestie von Brookhaven … Kann bestritten werden, dass sein Reichtum und sein gesellschaftlicher Rang nie ausgereicht haben? … Man muss sich fragen, was der Grund für jenen mysteriösen Unfall war, durch den er vor fünf Jahren Witwer wurde … der vorzeitige Tod der liebreizenden Lady Brookhaven … Ist es wieder passiert? … Hat eine weitere junge Blume Englands beschlossen, vor etwas Dunklem, Unnatürlichem zu fliehen, trotz der offensichtlicheren Vorzüge der Bestie?«
Der Rest ging in Calders sich zusammenballenden Fäusten unter. Alter Schmerz wallte in ihm auf und riss frische Narben auf, die sich gerade erst gebildet hatten. Es war unglaublich, wie sehr diese Unterstellungen ihn schmerzten. Es war nichts als spärlich mit Halbwahrheiten gewürzter Klatsch und Tratsch.
Es stimmte, dass er an diesem Morgen die Frau, die er für sich selbst gewählt hatte, in einer ziemlich unorthodoxen Zeremonie an seinen Halbbruder Rafe weitergegeben hatte, einer Zeremonie, in der er selbst widerstrebend die Rolle des Bräutigams gespielt hatte. Wie es schien, hatte die Gesellschaft etwas dazu zu sagen, dass er und sein Bruder ihre Erwartungen mit einer Stellvertreterhochzeit enttäuscht hatten.
Calder hatte fälschlicherweise angenommen, dass er – nachdem Rafe und Phoebe, die umworbene Verlobte, sicher in die Flitterwochen abgereist waren, die er für sich selbst arrangiert hatte – einfach das Ehrfurcht gebietende Tor von Brook House hinter sich zuziehen könnte und nichts mehr mit der Sache zu tun hätte.
Offenbar war dem nicht so.
Das Papier war dünn, und die frische Tinte beschmierte seine Finger. Es war nur billiges Futter für die Massen, Nachrichtenfitzel für Kleingeister … und doch schmerzte ihm die Brust, und sein Atem brannte wie Feuer.
Vierunddreißig Jahre einer untadeligen Existenz, eines Lebens nach dem höchsten Anspruch hinsichtlich Anstand und Ehre – mit Ausnahme eines einzigen Fehlers, eines winzigen Augenblicks in einem ansonsten tadellosen Leben, und hatte er sich nicht wahrlich jede erdenkliche Mühe gegeben, um diesen einen Fehler wieder gutzumachen? Das alles war durch einen einzigen unbekümmerten Handstrich dieser selbsternannten Stimme der Gesellschaft dahin.
Er wurde sich der entgegenkommenden Menschen bewusst und der Art, wie sie ihn neugierig musterten … oder sprach aus ihren Blicken Misstrauen? Hatten sie bereits diese angeblichen Nachrichten gelesen? Wurde die Hochzeit, die an diesem Morgen stattgefunden hatte, bereits von der Menge diskutiert und analysiert? Kaute man bereits auf dem Ableben seiner verstorbenen Ehefrau herum wie auf knorpeligem Fleisch? Spuckte man bereits die angebliche Wahrheit heraus, verdreht und verkorkst und nicht als solche zu erkennen?
Blicke um ihn herum, alle starrten ihn an, verurteilten ihn, zweifelten, lästerten …
Nein, es ist nicht wahr!, wollte er ihnen entgegnen. So war es nicht. Damals nicht, und jetzt auch nicht.
Nur leider war es tatsächlich so.
Er hatte sich seitdem geändert. Er hatte die Entscheidung getroffen, nie wieder die Kontrolle über sich zu verlieren, denn die Tatsache, dass genau das vor fünf Jahren geschehen war, war für den Tod Melindas, seiner ersten Frau, mitverantwortlich gewesen.
Er erinnerte sich an dieses überwältigende Gefühl des Betrogenseins und aufflammender Besitzansprüche, die ihn in jener dunklen Zeit ergriffen hatten, aber gewissermaßen nur als Erinnerung einer Erinnerung, vergleichbar dem zweiten Akt eines Theaterstückes, das er vor langer Zeit einmal gesehen hatte.
Der Verlust von diesem Morgen jedoch brannte noch immer wie ein Feuerwerkskörper in seinem Magen. Vor Jahren hatte Melinda sich von ihm abgewendet und nach jemandem gesucht, der aufregender und romantischer war. Und heute hatte es Phoebe getan.
Während die Gesellschaft die wahre Geschichte über Melinda nicht gekannt hatte, war es doch schlimm genug gewesen, als der stoische und bemitleidenswerte Witwer gesehen zu werden, dem es nicht gelungen war, das Interesse seiner Frau zu halten. Die Welt hatte nichts von dem Schaden gewusst, den Calder sich selbst und seinen Liebsten zugefügt hatte.
Natürlich war diese Gnade dem Ansturm des neuesten köstlichen Skandals nicht gewachsen gewesen. Die öffentliche Meinung drehte sich wie ein Fähnchen im Wind. »Die Bestie von Brookhaven schlägt eine weitere Braut in die Flucht …«
Die Fassade von Brook House ragte vor ihm auf. War er tatsächlich so weit gelaufen, während er tief in Gedanken versunken war? Sein Butler, Fortescue, erschien in der Tür. »Guten Tag, Mylord.« Und als er Calders Hut und Handschuhe entgegennahm, fügte er hinzu: »Miss Cantor wünscht Euch zu sprechen. Sie wartet im vorderen Salon.«
Calder kniff die Augen zusammen. Das hatte er ganz vergessen – Phoebes Cousinen und ihre Tante wohnten ja noch immer in Brook House. Ursprünglich waren sie nur bis zur Hochzeit eingeladen gewesen, doch Lady Tessa und ihre beiden anderen Zöglinge beabsichtigten zweifellos, ihn darum zu bitten, auf unbestimmte Zeit bleiben zu dürfen.
Nicht wenn er es verhindern konnte! Oh, Miss Sophie Blake schlug kaum Wellen auf der Oberfläche von Calders Bewusstsein, denn sie war ein schüchternes, sehr zurückgezogen lebendes Wesen.
Phoebes zweite Cousine, Miss Deirdre Cantor, war extrem dekorativ und einigermaßen gewitzt – aber bedauerlicherweise war sie nur mit dieser kreischenden Harpyie von Stiefmutter zu bekommen. Mit dem unklaren Verlangen eines Mannes in der Hölle, den es nach einem Glas kühlen Wassers dürstet, sehnte sich Calder danach, Lady Tessa für immer loszuwerden.
Miss Deirdre Cantor wünschte ihn also zu sprechen …
Calder dachte an die blonde, saphiräugige Schönheit und entschied, dass ein wenig weibliche Aufmerksamkeit seinem verletzten Stolz nicht schaden konnte – selbst wenn sie ihm nur gewährt wurde, um seine Gastfreundschaft zu erwirken. Mit ihrer hübschen Figur und ihrer klassischen Anmut, die Calder an eine griechische Statue denken ließ, war Deirdre wirklich ein Fest für die Augen.
Jedenfalls war es besser, als noch länger hier zu stehen und an »die Bestie von Brookhaven« zu denken.
 
 
Miss Deirdre Cantor wartete im Salon des Marquis und betrachtete hingerissen das Portrait über dem Kaminsims. Es zeigte Lord Brookhavens Vater – und das war gut so, denn was für ein Mann würde schon sein eigenes Portrait dort aufhängen, wo er es Tag für Tag ansehen musste! -, aber die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn war groß genug, dass es vielleicht einen Blick in die Zukunft erlaubte.
Wie sein Vater war auch Lord Brookhaven ein gut aussehender Mann. Breite Schultern und dunkle Haare und Augen – so entsprach er voll und ganz dem Typus des geheimnisumwitterten Herrn den Hauses in jenen Romanen, von denen ihre Stiefmutter nicht wusste, dass sie sie las.
Wenn er nur hin und wieder lächeln würde, wäre er geradezu unglaublich attraktiv, wenn man denn den kantigen, dunkelhäutigen Typ mit alarmierend intensivem Blick mochte.
Was Deirde generell tat – und diesen Mann insbesondere. Die meisten Frauen bevorzugten den glatten, eloquenten Typ – Männer, wie sie selbst jetzt Deirdre umlagerten, ob diese es wollte oder nicht -, aber Brookhaven war ihr bereits vor Jahren aufgefallen.
Über den Mann auf dem Portrait malte sie in Gedanken Brookhaven, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, als Tessa sie zu der Anhörung anlässlich von Lady Brookhavens Tod mitgenommen hatte, die einem öffentlichen Spießrutenlauf nahe gekommen war. Niemals würde Deirdre Lord Brookhavens stolze, breitschultrige Gestalt vergessen, oder seinen verlorenen Blick und seine -
Oh, denk nicht an seinen flachen, festen Bauch oder seinen vom Reiten gestählten Hintern! Reiß dich zusammen, Dee!
Sie war vom ersten Augenblick von ihm hingerissen. Und dann, als er sich, vom Tod seiner Frau am Boden zerstört, vor dem klebrigen Mitleid der Gesellschaft zurückgezogen hatte, hatte sie ihn genauso schnell wieder aus den Augen verloren, wie sie sich seiner bewusst geworden war.
Sie hatte alle Artikel in jeglichen Zeitungen gelesen, die ihre sorglose Stiefmutter überall hatte herumliegen lassen. Fasziniert hatte sie das verschlossene Profil betrachtet, das immer wieder von Künstlern, die mutig und ausdauernd genug waren, vor Brook House auszuharren, um einen Blick auf den mit einem Mal sehr zurückgezogen lebenden Lord zu erhaschen, gezeichnet worden war.
Sie besaß immer noch jede einzelne dieser Zeichnungen, die sie zwischen den Seiten eines Buches gepresst hatte. Sie war damals erst sechzehn gewesen – und er dreißig. Ein nahezu unüberbrückbarer Altersunterschied. Doch sie hatte sich davon nicht entmutigen lassen. Die meisten Leute sahen nur das Gesicht und den Körper, mit dem sie geboren war, und bemerkten darüber nicht, dass sie über einen schier endlosen Vorrat an Geduld und Entschlossenheit verfügte.
Das war ihr gerade recht. Unterschätzt zu werden kam ihr in ihrer damaligen Situation als Tessas gefangene Stieftochter, die mit Blick auf zukünftigen Nutzen an der kurzen Leine gehalten wurde, absolut entgegen.
Sie hatte gewartet, bis sie erwachsen geworden war. Sie hatte mit ihrer Einführung in die Gesellschaft gewartet, bis er wieder aufgetaucht war. Sie hatte gewartet, bis er sich dazu entschlossen hatte, wieder zu heiraten. Sie hatte all die endlos schmerzhaften Wochen gewartet, während derer sie geglaubt hatte, dass Phoebe die Hochzeit durchziehen würde …
Aber Phoebe hatte es nicht getan. Und jetzt hatte Miss Deirdre Cantor nicht länger vor zu warten.
Logik und Effizienz waren die Wege, die sie einschlagen musste – während sie zugleich so unwiderstehlich aussehen musste wie möglich. Sie griff nach dem Ausschnitt ihres Tageskleides und zerrte kurz daran, während sie zugleich tief einatmete. Es war eine Geste, über die sie nicht mehr nachdenken musste und deren Ergebnis Männer jeden Alters ein anerkennendes Augenfunkeln entlockte.
Sie lächelte grimmig, weil sie das, was sie von Tessa gelernt hatte, in einem solchen Augenblick anwendete, aber sie musste Brookhaven dazu bringen, sie anzuhören. Und dass Männer einem hübschen Dekolleté besser zuhörten, war ein offenes Geheimnis.
Hinter ihr öffnete sich die Tür. Auf geht’s …
Sie drehte sich anmutig um und atmete unmerklich ein. Ein sittsames, erfreutes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Mylord, ich…«
Brookhaven stand kerzengerade im Türrahmen, hielt sich im Schatten, während sie im Licht stand – wie sie es geplant hatte, um ihr blondes Haar besonders gut zur Geltung zu bringen -, und für einen kurzen Augenblick verspürte Deirdre den Stich einer bösen Vorahnung.
Er ist nicht der Typ Mann, dem es gefällt, dass man mit ihm spielt. Dieser Mann kann gefährlich werden, wenn man ihn reizt.
Deirdre zögerte kurz. Vor fünf Jahren war die erste Lady Brookhaven auf der Straße kurz vor London auf schreckliche Art ums Leben gekommen, war wie eine Puppe in einem furchtbaren Kutschenunfall zerbrochen. Damals hatte niemand auch nur angedeutete Verdächtigungen gegenüber dem Mann, der jetzt vor ihr stand, geäußert – aber vielleicht hatte sich nur niemand getraut.
Dieser Mann besaß die Macht, die Welt am Laufen zu halten.
Oder, wie in ihrem Fall, sie anzuhalten.
Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild dieses Morgens. Sie hatte in der Kirche gesessen, hatte Brookhaven beobachtet, wie dieser mit Phoebe am Altar gestanden und die Gelübde gesprochen hatte, so leise, dass Deirdre ihn nicht verstehen konnte, so sehr sie sich auch anstrengte. Der Schmerz war überwältigend gewesen, heiß hatte er hinter ihren Augen gebrannt und gedroht, den Stahl aus ihrem Rückgrat zu schmelzen.
Und dann, als Lord Marbrook hereingetaumelt kam, verdreckt und halb verhungert, und Phoebe mit hohlem Blick angefleht hatte, die Zeremonie zu beenden – und es deutlich geworden war, dass Brookhaven Phoebe gar nicht heiratete -
Deirdres atemlose, schwindelig machende Erleichterung in diesem Moment hatte sie eines ganz klar erkennen lassen: Diese Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen.
Sie musste diesen Mann haben.

Zweites Kapitel
O Gott, war sie hinreißend. Calder hatte es irgendwie geschafft, diese Tatsache zu vergessen, als er mit Phoebe verlobt gewesen war – die natürlich selbst recht hübsch war, aber das war nicht der ausschlaggebende Grund für sein Interesse gewesen.
Miss Deirdre Cantor andererseits war überhaupt nicht hübsch. Sie war atemberaubend, sensationell, eine unfassbar schöne Zusammenstellung aus blondem Haar, saphirblauen Augen, milchweißer Haut und regelmäßigen Gesichtszügen – ganz zu schweigen von einer Figur, die keine Wünsche offen ließ.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ihre eigene Stiefmutter, Lady Tessa, war eine Schönheit – eine giftige Viper, nichtsdestotrotz recht liebreizend.
Doch obwohl er Deirdre niemals außerhalb des halbförmlichen Umstandes, ihr Gastgeber zu sein, beobachtet hatte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie über Tiefen verfügte, die noch unerforscht waren.
Verdammt! Was für eine unglückliche Metapher. Jetzt dachte er an warme, feuchte Tiefen. Genauer gesagt an die intimen Tiefen dieser absolut züchtigen Frau, die da vor ihm stand.
Es war viel zu lange her.
Sie ging auf ihn zu und blieb auf Armeslänge von ihm entfernt stehen, so wie es sich gehörte und doch ein wenig … zögerlich? Hölle nochmal, hatte sie bereits dieses widerliche Geschreibsel gelesen?
»Habt Ihr Angst vor mir, Miss Cantor?«
Sie musterte ihn lange. »Nein.«
»Aber Ihr wolltet mich etwas fragen, nicht wahr?«
Ihr Blick wanderte mit einer solchen Intensität über sein Gesicht, dass er fast etwas gesagt hätte. Dann war es vorüber, und sie war so gefasst wie immer. »Ich bin hier, um um Eure Hand anzuhalten, Mylord.«
Bei diesen Worten lehnte er sich zurück, sodass das Holz der Tür sich in seine Schulterblätter drückte. »Ah.« Sie war nicht die Erste, die das wollte, aber sie war die Erste, die ihren Wunsch so offen formulierte. Wie erfrischend. Aber er hatte heute nicht die Kraft für so etwas. Er rieb sich das Gesicht. »Ah, Miss Cantor, im Augenblick ist die Ehe nicht gerade ein Thema, mit dem ich mich gerne befasse.«
»Warum nicht? Weil sie Euch die Bestie nennen?«
Da war es wieder, selbst in der Sicherheit, die Brook House ihm gewährte. Er richtete sich auf und strich sich mit einem Ruck die Weste glatt. »Ein schmeichelhaftes Angebot, ohne Frage, aber vielleicht ist im Augenblick nicht der rechte Moment -«
Sie trat rasch einen Schritt vor. »Jetzt ist exakt der rechte Moment dafür, Mylord. Ihr dürft nicht zulassen, dass man einen solchen Abschaum über Euch verbreitet.«
Er war tatsächlich ein wenig überrascht. Es gab nicht viele Frauen, die auf derart köstlich skandalöse Gerüchte nichts gaben, zumindest nicht in der besseren Gesellschaft. Der Durchschnitt lechzte eher danach, solche Gerüchte zu verbreiten, oder sie mit aller Kraft zu vermeiden. »Woher wollt Ihr das wissen?«
Das war es nicht, was er sie eigentlich hatte fragen wollen, aber jetzt wurde ihm bewusst, dass es ihn tatsächlich interessierte.
Sie verschränkte die Arme – welch wahrlich köstliche Oberweite – und schaute ihn mit hochgezogener Augenbraue an. »Ich glaube kaum, dass derselbe Mann, der mit einer solchen Sorgfalt die Hochzeit seiner Verlobten mit einem anderen Mann vorbereitet hat, nur um sie glücklich zu machen, einen Mord planen oder auf derart abscheuliche Art Rache nehmen würde.«
Da irrt Ihr Euch aber gewaltig.
Andererseits war es eine schöne Abwechslung, in einem derart heroischen Licht gesehen zu werden. Oh, er war bemitleidet worden und respektiert, und im Augenblick erlebte er gerade eine neue Form der Berühmtheit, aber noch nie in seinem Leben hatte ihn jemand für galant gehalten. Nicht ihn, den ernsten älteren Bruder mit seiner manchmal erschütternden Direktheit und dem Mangel an gesellschaftlicher Gewandtheit. Er war reich und angesehen und wichtig, aber diese Attribute machten aus ihm offenbar keinen Helden.
Ihr Blick voller Gewissheit ruhte weiterhin auf ihm. »Ihr seid keine Bestie.«
Oh, aber das bin ich doch.
Und doch schien es so, als stände er der einzigen Frau in ganz London gegenüber, die nicht dieser Ansicht war. Er neigte den Kopf und schaute sie nachdenklich an. »Ihr wollt also meine Marquise sein?«
»Oh, ja«, stimmte sie leichthin zu. »Wer wollte das nicht?«
Melinda, zum Beispiel. Und Phoebe.
»Kann bestritten werden, dass sein Reichtum und sein gesellschaftlicher Rang nie ausgereicht haben?«
»Miss Cantor, ich -«
Sie sah ihm in die Augen, weder zögerlich noch bettelnd. »Ich bin nicht Melinda. Ich bin kein verzogenes, behütetes Kind. Und ich bin auch nicht Phoebe, pflichtbewusst, aber unsicher. Ich weiß genau, wer und was ich bin – und ich weiß, dass ich Euch eine bewundernswerte Gattin wäre.« Ihr Ausdruck wurde sarkastisch. »Außerdem kann es für Euch kaum noch schlimmer kommen, als es ohnehin schon ist.«
Nun, damit hatte sie allerdings recht. »Die Tratschweiber würden das Gegenteil behaupten.«
Ihre Augen leuchteten auf, möglicherweise aus Wut. »Es gibt Leute, die haben nichts Besseres zu tun, als Geschichten zu erfinden.«
»Was macht Euch so sicher?« Er war die Bestie, oder nicht? Der Schrecken der feinen Gesellschaft, Schänder zitternder Bräute? Aus einem Impuls heraus, den er nicht benennen konnte, trat er auf sie zu und nagelte sie mit seinem Blick fest. »Bekommt Ihr leicht Angst, Miss Cantor?«
Sie senkte weder den Blick noch wich sie vor ihm zurück. »Woher soll ich das wissen?«
Er drängte sich an sie, viel zu nah, aber bei Gott, sie war reizend und er hatte einen sehr anstrengenden Tag hinter sich. »Wie könnt Ihr das nicht wissen?« Er neigte den Kopf, bis seine Worte nur noch ein Atemstrich an ihrem Ohr waren. »Ein jeder hat Angst.«
Da drehte sie den Kopf und erwiderte seinen Blick aus dunkelblauen Augen. »Ich bekomme keine Angst«, bekannte sie mit vollkommen ruhiger Stimme. »Ich nehme Rache.«
Er war so überrascht, dass er fast auflachte. Sie war nicht der Typ, der in Ohnmacht fiel. Er blieb, wo er war, reizte sie. Sieh mich an. Unterschätze mich nicht.
»Ihr spielt auf Zeit«, sagte sie sanft. Ihr Atem strich warm über sein Gesicht. »Ich will wissen, ob Ihr mich heiraten wollt. Ja oder nein?«
Genug gespielt. Genug von dem ganzen Pack. Er öffnete den Mund, wollte sie wegschicken, mitsamt ihrer garstigen Stiefmutter davonjagen, damit sie niemals wieder über seine Türschwelle traten. Er wollte nichts weiter, als in Ruhe gelassen zu werden, für immer und ewig allein in diesem großen, leeren, klappernden Haus -
»Ja.«
Was? Hatte er das laut ausgesprochen? Die Überraschung in ihrem Blick verriet ihm, dass dem so war.
Verdammter Mist! »Ich -« Sein mit einem Mal trockener Mund vermochte keine Wörter zu bilden. Er räusperte sich. »Es tut mir leid, ich -«
»Ihr habt Ja gesagt.« Triumphierend schaute sie ihn an. »Ich habe es gehört.«
Verdammt! »Miss Cantor, ich -«
Sie drängte sich an ihn und hob die Lippen zu seinen. »Ihr habt Ja gesagt«, flüsterte sie. »Ich bin fest entschlossen, Euch beim Wort zu nehmen, Lord Brookhaven.«
Nehmen. Was für eine brillante Idee. Er drängte sich an sie. Eine Umarmung wäre nicht gänzlich verkehrt, da sie ja jetzt so gut wie verlobt waren -
O Gott! Was hatte er getan?
In diesem Augenblick löste sie sich von ihm. Ihr Gesicht strahlte triumphierend, während sie zur Tür tänzelte. »Ich sage es gleich Tessa. Ich nehme an, wir sollten die Hochzeit so bald wie möglich abhalten, um die Gerüchte zu beenden.«
Die Gerüchte! Zum Teufel, was würde die Klatschpresse daraus machen? Dass er die Cousine des Mädchens heiratete, das ihn vor dem Altar hatte stehen lassen?
Nach den dramatischen Ereignissen des heutigen Morgens? Es wäre kaum der Rede wert.
Sie war nicht angemessen.
Sie ist vollkommen angemessen. Ihre familiären Beziehungen sind tadellos, ihr Ruf blütenweiß, ihre Schönheit unbestritten; bei Gott, du wirst von allen Männern Londons beneidet werden.
Sie war zu jung.
Sie ist jung – aber nicht naiv. Und mit Melinda hatte sie völlig recht. Intelligent und scharfsichtig.
Er blinzelte. Seine Gedankengänge überraschten ihn. Erwog er tatsächlich, die Sache durchzuziehen?
Warum nicht? Es war an der Zeit, dass er wieder heiratete. Es war ein logischer, effizienter Zug, denn er hatte keine Zeit, noch einmal auf Brautschau zu gehen.
Bestärkt und einigermaßen davon überzeugt, dass er lediglich entschlossen, nicht impulsiv gewesen war, wies er die bereits verblassende Erinnerung an den Ausbruch seiner Verzweiflung weit von sich.
Ja, sie würde eine gute Marquise abgeben. Außerdem war da noch etwas an ihr. Er würde es niemals zugeben, aber ihm gefiel die Art, wie sie ihn ansah, als wäre er überhaupt keine Bestie.

Drittes Kapitel
Am Tag ihrer Hochzeit zwei Wochen später sehnte sich Deirdre nach ihrer einstigen Zuversicht, als sie den Mittelgang der Kirche entlangschritt. Vor dem Altar blieb sie stehen und machte einen Knicks vor der mächtigen Gestalt, die dort auf sie wartete – ihr neuer Ehemann, der Marquis von Brookhaven.
Auf Wiedersehen, Tessa. Auf Wiedersehen, schmerzvolle Vergangenheit.
Willkommen, Marquis von Brookhaven. Willkommen, unsichere Zukunft.
Sie war sich ihrer Gelübde kaum bewusst und auch nicht derer, die Brookhaven mit tiefer Stimme von sich gab. Endlich war sie hier, stand an seiner Seite, seine Braut, seine Lady. Und bald auch seine Geliebte …
All die einsamen Jahre unter Tessas Fuchtel hatte sie davon geträumt. Dieser Mann war ihr Schicksal. Dieser Mann war für sie bestimmt, auch wenn er nichts davon ahnte.
Als der Augenblick gekommen war, dass sie ihren Schleier lüften sollte, drehte sie sich bebend zu ihm um und war endlich bereit, ihn an ihren Gefühlen teilhaben zu lassen. Als der Spitzenvorhang sich hob und sie nichts mehr voneinander trennte, da durchbrach sie die Förmlichkeit mit einem scheuen Lächeln und schloss die Augen, als er sich zu ihr beugte, um sie zu küssen.
Sie hatte gedacht, es würde herrlich werden. Sie hatte geträumt, es würde ergreifend.
Sie hatte ja keine Ahnung.
Sein warmer Mund berührte ihren, seine Lippen pressten sich fest, ja – durfte sie es denken? – Besitz ergreifend auf die ihren. Der mächtige Ruck wanderte direkt von ihren zarten Lippen an eine Stelle tief in ihrem Unterleib und breitete sich dort wellenförmig aus, als wäre ein Stein in einen glitzernden Teich geworfen worden.
Fast hätte sie ihren Brautstrauß fallen lassen. Oh, süßes Paradies. Das alles durch einen einfachen, keuschen Kuss vor dem Altar?
Ihre Hochzeitsnacht würde sie umbringen!
Ihre Lippen öffneten sich, und ihr Atem entfuhr ihr in einem leisen, unbeabsichtigten Seufzer. Endlich bestärkt, schlug sie in der Erwartung, eine ähnliche Empfindung in seinem Blick zu finden, die Augen auf. Schließlich war es unmöglich, dass er es nicht auch gefühlt haben musste -
Sein dunkler Blick war jedoch recht abwesend. Tatsächlich schaute er sie nicht inniger an, als hätte er sie angeheuert, seine Schuhe zu tragen. Kalte Verzweiflung durchflutete sie und wusch den Ansturm von Hitze mit eisiger Gründlichkeit fort. Er hatte nichts gefühlt, gar nichts.
Zum ersten Mal, zugegebenermaßen ein wenig spät, kam Deirdre der Gedanke, dass er sich vielleicht niemals etwas aus ihr machen könnte. Zum ersten Mal erhaschte sie einen Blick auf eine Zukunft, die in Erwägung zu ziehen sie sich bisher strikt geweigert hatte; dass sie nämlich eine kalte, blutleere Verbindung eingegangen war – mit einem Mann, der am besten dafür bekannt war, dass er die einzige Frau, die so etwas bisher versucht hatte, in den Tod getrieben hatte.
Plötzlich erschien ihr die schöne Zeremonie nüchtern, das Stilvolle herzlos. Es war ein Ereignis, das dazu gedacht war, die Menschen zu beeindrucken, keine herzliche Feier.
Deirdre, Lady Brookhaven, schaute zu ihrem neuen Herrn auf, während er sie formvollendet den Mittelgang zurückführte. Groß und beeindruckend, stolz und hölzern schritt er an ihrer Seite und schaute kein einziges Mal zu ihr herab.
Wenn es das ist, was ich immer gewollt habe, warum fühlt es sich dann so schal an?
 
 
Unter den Gästen saßen zwei Männer in einer der hinteren Bänke auf der Brautseite. Hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Stellung waren sie kaum der Rede wert – ein gut aussehender, auf gewisse Art leichtlebiger Kerl, der sich am Rand der guten Gesellschaft bewegte, und ein kleiner, vollkommen unscheinbarer Bücherwurm.
»So, jetzt hat sie’s geschafft.« Der Gutaussehende war ein wenig zu laut oder vielleicht auch ein bisschen zu angeheitert, wenn man bedachte, dass die Sonne noch nicht ihren höchsten Stand erreicht hatte, aber das fiel niemandem auf.
Der kleinere Mann strahlte übers ganze Gesicht, und sogar seine Brillengläser beschlugen ein wenig, so sehr freute er sich. »Sie wird nie auch nur einen Penny anrühren müssen. Nicht mit einem Ehemann wie Brookhaven, der für sie sorgt.«
Stickley schien vor Freude vollkommen außer sich bei dem Gedanken, dass all das herrliche Pickering-Gold für immer sicher in ihren Händen blieb. Wolfe murmelte beruhigend und reichte ihm sein Taschentuch. »Was für ein wunderbarer Tag«, seufzte er. »Ein wunderbarer, zauberhafter Tag.«
Wolfe war über dieses Arrangement nicht so glücklich. Die Frau konnte jederzeit ihre Meinung ändern. Leider hatte er erst zu spät von der Hochzeit erfahren.
»Wenn du dich nicht für drei Wochen auf Sauftour begeben hättest, nachdem es uns gelungen war, Miss Phoebe davon abzuhalten, den Marquis zu heiraten, hättest du vielleicht rechtzeitig deine Meinung dazu äußern können«, hatte Stickley ihm steif beschieden, als er an diesem Morgen endlich wieder einmal ins Büro gekommen war. »Ich für meinen Teil bin froh über das Ergebnis. Lady Brookhaven hat zugestimmt, ihr Erbe für viele Jahre in unseren Händen zu lassen. Das ist es doch, was wir ursprünglich vorhatten, nicht wahr?«
Aber das war nicht, was Wolfe brauchte. Er hatte Schulden, große, bei Leuten, die sich nicht mit Ratenzahlung zufrieden gaben, es sei denn, es handelte sich dabei um Teile seines Fleisches und seiner Knochen. Es ging hier nicht einfach nur um Gier und ein Leben in Saus und Braus, es ging um sein Leben generell! Er würde sterben, wenn er seine Schulden nicht zurückzahlte. Er starrte Stickley voller Hass an. Ihm kam der Gedanke, dass er sein Honorar nicht teilen müsste, wenn er keinen Partner hätte.
Aber der alte Stick war zu etwas gut. Wolfe wollte gewiss nicht derjenige sein, der Pennys zählen und die Bücher führen musste. Zuerst musste er sich seine Feinde vornehmen. Für seine Freunde war auch später noch Zeit.
 
 
Als Calder seine Braut den Mittelgang zurückführte, war er sich der Gratulationsrufe, die von allen Seiten erschallten, kaum bewusst. Er hatte es geschafft. Er war wieder ein verheirateter Mann.
Genauer gesagt: Er war wieder ein Mann mit einer sehr schönen Frau.
Vielleicht ein bisschen zu schön. Erinnere dich daran, was beim letzten Mal passierte.
Das Schlimmste war, dass sie mit jedem Moment schöner zu werden schien. Bei Gott, dieses Lächeln, das sie ihm schenkte, als er den Schleier hob – als würde sie ihn lieben!
Aber leider wusste er nur allzu gut, was das Lächeln einer schönen Frau bedeutete. Sehr wenig. Sie war offensichtlich glücklich, einen Marquis geheiratet zu haben. Sie hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie seinen Reichtum zu schätzen wusste – oder zumindest hatte sie sich dessen reichlich bedient, um diese zugegebenermaßen seinem Stand entsprechende Hochzeitsfeier zu arrangieren. Es war gut, dass sie mit ihrer Verbindung zufrieden war, aber das erklärte immer noch nicht den Kuss.
Die Macht dieses flüchtigen Lippenkontaktes hatte ihn bis in die Zehenspitzen erschüttert. Nie zuvor war er so schnell atemlos gewesen. Sein Puls hatte sich überschlagen, und seine Finger hatten vor Verlangen, sie zu berühren, gezuckt. Erstaunlich.
Was hatte ihn derart berührt? Es waren doch nur weiche Lippen gewesen und eine willige Frau. Schließlich war er kein grüner Junge mehr. Er hatte schon viele Frauen geküsst – vielleicht nicht so viele wie Rafe, aber mehr als genug, um zu wissen, dass eine solche Reaktion eher ungewöhnlich war.
Dann hatte sie gelacht, als ihre Lippen sich voneinander gelöst hatten, und das hatte ihn mit einem Ruck zur Besinnung gebracht. Der Augenblick hatte ihr nichts bedeutet, außer vielleicht, dass sie erleichtert darüber war, es hinter sich gebracht zu haben, und dass ihre sorgsamen Vorbereitungen zum Erfolg geführt hatten.
Er musste daran denken, dass sie praktisch veranlagt war. Ihr Antrag war bar jeden Gefühls und sehr direkt gewesen. Sie hatte vollkommen recht gehabt, dass diese Heirat ihnen beiden zum Vorteil gereichte. Er hatte eine wohlerzogene Frau, die darauf vorbereitet war, eines Tages ihre Rolle als seine Herzogin auszufüllen, seine Kinder zu gebären und Herrin von Brookmoor zu sein. Sie verfügte über allen Reichtum und Status, den sich eine Frau nur wünschen konnte, und außerdem war sie auch noch endlich ihre niederträchtige Stiefmutter los.
Ja, sie würde passen. Die Tatsache, dass sie schön genug war, seinen Pulsschlag zu beschleunigen, sollte nur ein köstlicher Nebeneffekt sein.
Nach diesem Kuss wünschte er sich, er hätte mit seiner kleinen Überraschung noch ein wenig gewartet. Es hätte recht nett sein können, etwas mehr Zeit mit ihr allein zu haben …
Deirdre trat ins Tageslicht, wo Brookhavens Kutscher mit der pompösesten Kutsche des Marstalls auf sie wartete. Das detailreiche Familienwappen glänzte golden auf der schwarzen Lacktür.
Ihre Kutsche. Ihr Wappen.
Hinter ihr erklangen die Stimmen einiger von Tessas Bekannten.
»Was für eine schöne Hochzeit«, sagte eine Frau neidisch. »Das lässt mich beinahe wünschen, ich würde die Bestie heiraten.«
Die Frau neben ihr kicherte. »Beinahe.«
Die Bestie. Deirdre war es unendlich leid, das immer wieder zu hören. Und immer wieder wurde es ein wenig zu laut ausgesprochen, als dass es ein Geheimnis bleiben sollte. Der Mann, dem einst das Mitleid der Gesellschaft zugeflossen war, hatte jetzt offenbar als Bösewicht den größeren Unterhaltungswert.
»Meine Bestie«, flüsterte sie. Ihr Ehemann verneigte sich vor ihr, als sie auf ihn zutrat. Als er sich wieder aufrichtete, überragte er die anderen Männer um Haupteslänge.
Brookhaven gehörte ihr, ihr ganz allein, für immer.
Lieber Gott, sie hoffte nur, dass sie nicht einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.

Viertes Kapitel
Es waren nur einige wenige Meilen zurück nach Brook House, aber für Deirdre, in unbehaglicher Stille neben ihrem Ehemann eingesperrt, dauerte die Fahrt unerträglich lange.
Ehemann.
Doch er hatte noch keinen Versuch unternommen, sich ihr als solcher zu nähern. Oh, warum berührte er sie nicht? Sie waren fast schon beim Haus. Das hier war wahrscheinlich ihr letzter privater Moment für die nächsten Stunden! Selbstverständlich wollte sie nicht wie irgendein leichtes Mädchen in der Kutsche genommen werden …
Oh, was für ein Gedanke! Was für ein herrlicher, köstlicher, unanständiger, skandalöser, göttlicher Gedanke!
Vielleicht wartete er auf irgendein Zeichen ihrerseits. Sie schob sich ein wenig näher an ihn heran und drehte sich dann sanft lächelnd zu ihm um, bereit -
Neben ihr räusperte sich Brookhaven. »Miss – äh, meine Liebe …«
Das Lächeln verwandelte sich in ein leichtes Stirnrunzeln. Fühlte er sich nicht wohl? Ungewöhnlich. Er mochte ein wenig steif sein, manchmal sogar sauertöpfisch, aber üblicherweise bewegte er sich durch die Welt, als gehörte sie ihm mit allem Drum und Dran. Diese Selbstsicherheit war ziemlich anziehend.
Wieder rutschte er neben ihr hin und her, und seine Miene verfinsterte sich. Aus irgendeinem Grund war er wirklich sehr beunruhigt.
Deirdre erkannte es mühelos, auch wenn die meisten den Marquis lediglich für ein wenig verstimmt gehalten hätten. Man musste wissen, wie sehr sich Brookhaven allen gegenüber verschloss, um zu sehen, dass die kleinste Regung für ihn bedeutete, als würde er laut schreien.
Da sie selbst über jahrelange Erfahrung damit verfügte, sich vor allen zu verschließen, fiel es Deirdre leicht, den Unterschied zu erkennen. Es hatte sie ihren ganzen Mut und alle Selbstbeherrschung gekostet, die letzten dreizehn Jahre mit ihrer boshaften Stiefmutter zu leben, ohne als das Opfer ihrer eigenen Verlorenheit und Unsicherheit zu enden.
Man mochte sie für eisern und gefühllos halten – auch wenn sich Deirdre einen feuchten Kehricht darum kümmerte – oder sogar für egoistisch, aber Deirdre hatte vor langem beschlossen, dass sie sich am ehesten an Tessa rächen konnte, indem sie eine gesellschaftliche Stellung erreichte, die so weit über der ihrer Stiefmutter war, dass sie den Rest ihres Lebens damit zubringen konnte, sicherzustellen, dass Tessa nicht einmal mehr von der Frau eines einfachen Gutsherrn empfangen werden würde.
Natürlich war das nicht ihr oberstes Ziel im Leben, aber die Vorstellung hatte ihr durch einige schreckliche Jahre geholfen. Inzwischen war die Vorbereitung von Tessas sozialem Abstieg für Deirdre nicht mehr als ein … tja, Hobby. Ein Zeitvertreib.
Nein. Was Deirdre in diesem Augenblick am allermeisten wünschte, war, so viel wie möglich über den Mann hinter der Mauer herauszufinden – und diesen Mann dazu zu bringen, sich einzugestehen, dass er nie mehr ohne sie leben konnte.
Das Beste jedoch war, und darüber hatte Deirdre Brookhaven noch nicht in Kenntnis gesetzt, dass sie, sobald Brookhaven Herzog wurde, ein überwältigendes Erbe von fast dreißigtausend Pfund aus dem Vermögen ihres Urgroßvaters erhielt. Sie selbst wäre dann geradezu unanständig reich, und dann würde ihr niemand mehr auch nur die geringsten Vorschriften machen können, weder aufgrund von Zuneigung noch Erpressung, denn sie hatte ein tadelloses Leben geführt.
Sie war in jeder Hinsicht das Mädchen, für das Brookhaven sie hielt, nur dass sie bald so reich wie eine Prinzessin wäre. Seit ihrem zwölften Lebensjahr war sie dazu erzogen worden, eines Tages eine Herzogin zu sein, und auch wenn Tessas Methoden grausam und ungewöhnlich waren, so wusste Deirdre doch alles Notwendige, um einem großen Haushalt vorzustehen und das komplizierte gesellschaftliche Leben zu führen, das einem so prächtigen Paar wie ihr und ihrem Ehemann gebührte. Sie wollte gewiss nicht, dass Brookhaven irgendwann einmal der Gedanke kam, er hätte die Falsche geheiratet. Die Nachricht über ihr Erbe würde dazu führen, dass er nie auf diese Idee käme.
Wieder räusperte er sich. »Meine Liebe, ich muss gestehen, dass ich eine kleine Überraschung für Euch habe.«
Sie lächelte ihn zärtlich an. »Ich habe auch etwas für Euch, was Euch überraschen wird, Mylord.«
Wieder runzelte er die Stirn und öffnete den Mund, um hoffentlich zu erklären, was er meinte – aber da kam die Kutsche bereits schaukelnd vor Brook House zum Stehen.
Der Verschlag öffnete sich, und ein livrierter Lakai stand bereit, um ihre Hand zu nehmen und ihr die zierliche Eisenstufe hinunterzuhelfen. »Willkommen zu Hause, Mylady«, sagte er ernst.
Die Dienerschaft hatte sich in einer Reihe aufgestellt und erwartete sie, angefangen mit Fortescue bis zur niedersten Küchenmagd. Fortescue verneigte sich tief. »Mylady.« Dann richtete er sich zu seiner vollen stolzen, distinguierten Größe von gut eins neunzig auf. Er betrachtete sie kühl.
Deirdre wusste, dass ihre ersten Momente als Lady Brookhaven den Rest ihres Lebens bestimmen würden. Sie atmete ein, um die genau angemessene Begrüßung zu formulieren, huldvoll, aber doch so, dass allen klar wurde, wer das Sagen hatte.
»Papa!«
Da sie in diesem Augenblick gerade Brookhaven ansah, registrierte sie nicht so sehr den Ruf als vielmehr den Anflug echten Entsetzens, der über das strenge Antlitz seiner Lordschaft huschte. Er wandte sich von ihr ab und dem Wesen zu, das die Treppe hinunter auf ihn zugerannt kam.
Auch Deirdre drehte sich um und erblickte etwas Furchtbares. Es war eine Person – eine sehr kleine, sehr schmutzige, sehr unordentliche Person. Sie warf sich Brookhaven in einem Gewirr zerrissener Strümpfe und spitzer Ellenbogen und wirrem Haar in die Arme. Erstaunlicherweise wich Brookhaven nicht zurück, sondern stand nur steif da und ertrug die fieberhafte Umarmung des kleinen Monsters.
»Das reicht jetzt, Lady Margaret«, sagte er schließlich. »Fortescue, vielleicht hättet Ihr mich informieren sollen, dass ihre Ladyschaft einen Tag früher als erwartet eingetroffen ist!«
Das Wesen wandte sich jetzt Deirdre zu. Große schwarzbraune Augen starrten sie durch wirre Strähnen dunklen Haares an. »Du!« Es trat auf sie zu. Deirdre wich nicht zurück und erwiderte den Blick. »Du bist zu gut gekleidet für eine Gouvernante«, sagte es. »Du siehst aus, als hättest du vor zu heiraten.« Verachtung für jemanden, der so dumm sein konnte, triefte aus seiner Stimme.
Brookhaven hatte eine Tochter. Ein Kind.
Ein Kind, das nicht mehr von ihr wusste als sie von ihm.
Die Zeit flog dahin. Alter Schmerz brandete in ihr auf.
Nein, Papa! Bring sie zurück! Ich will keine neue Mutter. Ich will sie hier nicht.
Das war nicht die Stimme des Kindes, sondern ihre eigene, die durch viele vergangene Jahre hindurchhallte. Der Schock und die Verzweiflung in ihr verwandelten sich in brennenden Zorn.
»Ihr habt nichts davon gesagt«, stieß sie aus, ohne ihren Mann dabei anzusehen. »Wie konntet Ihr nur?«
»Ich habe sie nicht vor morgen früh erwartet.« Brookhaven klang, als ersticke er an seiner erzwungenen Beiläufigkeit. »Ich hatte nicht erwartet, dass es ein Problem für Euch wäre.«
»Kein Problem?« Deirdre wich vor dem zerzausten kleinen Biest zurück, und auch vor dem nur allzu vertrauten Ausdruck des Betrogenseins im Blick des Kindes. Wie hatte er das nur tun können? Er hatte sie in Tessa verwandelt! Sie fuhr ihn an. »Nein! Das – das war nicht Teil unserer Abmachung.«
Brookhaven starrte sie mit fast demselben Gesichtsausdruck an wie seine Tochter. »Meine Liebe, das ist keine Abmachung. Das ist eine Ehe. Ihr seid meine Frau. Und Ihr werdet tun, was ich Euch sage.«
Deirdre schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Was glaubte dieser Riesentrottel eigentlich, wen er geheiratet hatte? Sie verschränkte die Arme. »Ich mache nie, was man mir sagt.«
Die Göre drehte sich überrascht zu ihr um. »Ich auch nicht!« Dann ahmte sie ihre Haltung nach und starrte Brookhaven an. »Raus damit, Papa. Aber ich will damit nichts zu tun haben.« Dann ließ sie die dünnen Ärmchen fallen. »Deine Frau? Papa, hast du die Gouvernante geheiratet?«
Calder holte tief Luft, dann noch einmal, während er das Verlangen bekämpfte, brüllend in sein Arbeitszimmer zu fliehen und die Tür hinter sich zu verrammeln. »Lady Margaret, darf ich dir die neue Marquise von Brookhaven vorstellen – deine neue Mutter.«
Er hatte weder Phoebe noch Deirdre von seiner Tochter erzählt. Das Kind war nicht wirklich ein Geheimnis. Es besuchte ihn nur sehr selten. Die Öffentlichkeit hatte es vorgezogen, bei dem lange zurückliegenden Skandal seine Existenz zu vergessen, und Calder war einfach dazu übergegangen, nicht viele Worte über Meggie zu verlieren.
Auch hatte er nicht das Risiko eingehen wollen, ihretwegen abgewiesen zu werden. Meggie hatte es nicht geschafft, ein Kindermädchen oder eine Gouvernante für länger als ein paar Tage zu behalten. Tief in seinem Innern fing Calder an zu befürchten, dass Meggie all das war, was zu sein Melinda erst am Ende offenbart hatte: eigensinnig, temperamentvoll und zu Wutausbrüchen neigend.
Ganz und gar nicht wie er selbst.
Man konnte eine sittsame und ausgeglichene junge Dame wie Miss Deirdre Cantor nicht bitten, die Mutterrolle für einen solchen Wildfang anzunehmen. Aber man konnte sie mit einem Trick dazu zwingen. Als das Schweigen sich ausdehnte, erkannte er, dass man eine solche Entscheidung auch bedauern konnte.
Meggie starrte ihn mit vor Enttäuschung und Zorn geweiteten Augen an. Miss – äh, Deirdre – stand da und ließ jeglichen Charme und jede Ausgeglichenheit der Vergangenheit vermissen. Calder erinnerte sich daran, dass diese Frau von einer der gefährlichsten Giftspritzen erzogen worden war, die er jemals bedauerlicherweise kennenlernen musste. Es wäre nicht gut, wenn sie einen Moment der Schwäche an ihm entdeckte.
Wahrscheinlich wäre es vollkommen in Ordnung, wenn er jetzt Stärke und Entschlossenheit zeigte – was außerdem noch den Vorteil hätte, dieser unerträglichen Situation ein Ende zu bereiten. Ja, er hätte Deirdre vorwarnen müssen. Und er hätte Meggie gegenüber wenigstens etwas andeuten müssen.
Aber verdammt, es hatte etwas geschehen müssen, und er hatte es getan! Jetzt war alles in Ordnung. Das mutterlose Mädchen hatte eine Mutter. Brookhaven hatte eine neue Herrin. Und er hatte …
Er musste schnell etwas tun, oder die beiden brodelnden Frauenzimmer vor ihm würden noch den Siedepunkt erreichen. Er räusperte sich gewichtig. »Mylady, Ihr werdet Lady Margaret unter Eure Obhut nehmen und sie zu einer anständigen jungen Dame erziehen -« Schon als er die Worte aussprach, hatte er das Gefühl, einen Fehler zu begehen. »Ihr werdet tun, was ich von Euch verlange, oder es wird keine Partys geben und keine Bälle, keine Ausflüge und kein einziges neues Kleid, bis Ihr es tut.«
Die Luft wurde aus Deirdres Lunge gesogen. So sprach er mit ihr – vor der versammelten Dienerschaft? Jeder einzelne seiner Dienstboten, von dem ehrwürdigen Fortescue bis zur niedersten Küchenmagd, stand hinter ihr und wurde Zeuge des sich entwickelnden Dramas.
Was dachte er eigentlich, wer sie war? Was für ein Bild hatte er von ihr, dass er glauben konnte, sie würde eine solche Demütigung einfach schlucken und sich seinem Willen fügen?