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Inhaltsverzeichnis
 
Titel
Widmung
Ein paar Worte über dieses Buch
Prolog:
 
Teil 1 – Leben
Kapitel 1 – Die Untersuchung
Kapitel 2 – Clover
Kapitel 3 – Diagnose und Therapie
Kapitel 4 – Die Geburt von HeLa
Kapitel 5 – »Alles schwarz da drin«
Kapitel 6 – »Da is’ne Frau am Telefon«
Kapitel 7 – Tod und Leben der Zellkultur
Kapitel 8 – »Ein elender Fall«
Kapitel 9 – Turner Station
Kapitel 10 – Die andere Seite der Gleise
Kapitel 11 – »Der Schmerzteufel persönlich«
 
Teil 2 – Tod
Kapitel 12 – Der Sturm
Kapitel 13 – Die HeLa-Fabrik
Kapitel 14 – Helen Lane
Kapitel 15 – »So klein, dass du dich nicht daran erinnern kannst«
Kapitel 16 – »Für die Ewigkeit an der gleichen Stelle«
Kapitel 17 – Illegal, unmoralisch und erbärmlich
Kapitel 18 – »Seltsamste Hybride«
Kapitel 19 – »Eine krittische Zeit«
Kapitel 20 – Die HeLa-Bombe
Kapitel 21 – Ärzte in der Nacht
Kapitel 22 – »Der große Ruhm, der ihr gebührt«
 
Teil 3 – Unsterblichkeit
Kapitel 23 – »Der lebt«
Kapitel 24 – »Das wäre das Mindeste«
Kapitel 25 – »Wer hat Ihnen erlaubt, meine Milz zu verkaufen?«
Kapitel 26 – Verletzung des Datenschutzes
Kapitel 27 – Das Geheimnis der Unsterblichkeit
Kapitel 28 – Nach London
Kapitel 29 – Ein Dorf voller Henriettas
Kapitel 30 – Zakariyya
Kapitel 31 – Hela, die Todesgöttin
Kapitel 32 – »Das is alles meine Mutter«
Kapitel 33 – Das Krankenhaus für geisteskranke Neger
Kapitel 34 – Die Krankenakten
Kapitel 35 – Seelenreinigung
Kapitel 36 – Himmelskörper
Kapitel 37 – »Nix, wovor man Angst haben muss«
Kapitel 38 – Der lange Weg nach Clover
 
Was aus ihnen wurde
Nachwort
Danksagung
Anmerkungen
Register
Copyright

001

Für meine Familie:
 
Meine Eltern Betsy und Floyd; ihre Ehepartner Terry und Beverly; meinen Bruder und meine Schwägerin Matt und Renée und meine großartigen Neffen Nick und Justin.
Sie alle mussten wegen dieses Buches viel zu lange ohne mich auskommen, aber sie haben immer an das Projekt und an mich geglaubt.
 
Und in liebevoller Erinnerung an meinen Großvater James Robert Lee (1912-2003), der Bücher mehr liebte als jeder andere, den ich kenne.

Ein paar Worte über dieses Buch
Dies ist ein Sachbuch. Es wurden keine Namen verändert, keine Personen oder Ereignisse erfunden. Während der Recherchen habe ich mehr als tausend Stunden Gespräche geführt: mit Angehörigen und Bekannten von Henrietta Lacks, aber auch mit Juristen, Ethikern, Wissenschaftlern und Journalisten, die sich mit der Familie Lacks beschäftigt haben. Außerdem habe ich auf umfangreiches Archivmaterial – Fotos und Unterlagen – zurückgegriffen, aber auch auf Ergebnisse der naturwissenschaftlichen und historischen Forschung sowie auf die privaten Tagebücher von Henriettas Tochter Deborah Lacks.
Ich habe mir alle Mühe gegeben, die Sprechweise und den Schreibstil der einzelnen Personen einzufangen: Dialoge sind im jeweiligen Dialekt wiedergegeben, Passagen aus Tagebüchern und anderen persönlichen Aufzeichnungen zitiere ich genau so, wie sie dort stehen. Eine Angehörige von Henrietta sagte einmal zu mir: »Wenn Sie das aufmotzen, wie die Leute geredet haben, und wenn Sie verändern, was sie gesagt haben, dann wäre das unehrlich. Es nimmt ihnen ihr Leben weg, ihre Erfahrungen und ihr Ich.« An vielen Stellen habe ich exakt die Worte übernommen, mit denen die Befragten ihre Welt und ihre Erlebnisse beschrieben haben. Dabei bediene ich mich der Sprache ihrer Zeit und ihres Umfeldes, auch wenn sie Wörter wie »farbig« enthält. Angehörige der Familie Lacks bezeichneten die Johns Hopkins University häufig als »John Hopkin«; in den Passagen, in denen sie zu Wort kommen, habe ich ihren Sprachgebrauch beibehalten. Alles, was in der ersten Person aus Sicht von Deborah Lacks wiedergegeben wird, stammt wörtlich aus ihren Äußerungen und wurde nur im Hinblick auf Länge und gelegentlich auch auf Verständlichkeit bearbeitet.
Henrietta Lacks starb mehrere Jahrzehnte bevor ich mit der Arbeit an diesem Buch begann. Um Szenen aus ihrem Leben lebendig werden zu lassen, musste ich auf Gespräche, juristische Dokumente und ihre Krankenakten zurückgreifen. Die Dialoge in solchen Szenen wurden entweder aus schriftlichen Aufzeichnungen rekonstruiert oder in den Gesprächen, die ich führte, wörtlich wiedergegeben. Wo es möglich war, habe ich um der Genauigkeit willen mehrere Quellen befragt. Der Auszug aus Henriettas Krankenakten im Kapitel 1 setzt sich aus vielen Einzelnotizen zusammen.
Überall im Buch kommt das Wort HeLa vor, mit dem die aus Henrietta Lacks’ Gebärmutterhals herangezüchteten Zellen bezeichnet werden.
Zur Chronologie: Angaben über wissenschaftliche Befunde beziehen sich auf den Zeitpunkt der jeweiligen Forschungsarbeiten und nicht auf den ihrer Veröffentlichung. In manchen Fällen handelt es sich dabei um ungefähre Daten, weil nicht genau überliefert ist, wann die Arbeiten begannen. Außerdem bewege ich mich zwischen verschiedenen Handlungssträngen hin und her, und wissenschaftliche Entdeckungen verteilen sich über viele Jahre; deshalb habe ich solche Entdeckungen an manchen Stellen aus Gründen der Übersichtlichkeit nacheinander beschrieben, obwohl sie sich in dem gleichen allgemeinen Zeitraum vollzogen haben.
Die Geschichte von Henrietta Lacks und den HeLa-Zellen wirft wichtige Fragen nach Wissenschaft, Ethik, Rassen und sozialen Schichten auf; ich habe mir alle Mühe gegeben, sie so verständlich wie möglich in die Handlung einzubauen. In einem Nachwort beschäftige ich mich mit der derzeitigen juristischen und ethischen Diskussion über Forschung und das Eigentum an Gewebe. Zu all diesen Themen gäbe es viel zu sagen, aber das würde den Rahmen des vorliegenden Buches sprengen. Deshalb überlasse ich es denen, die auf solchen Gebieten besser Bescheid wissen. Ich hoffe, die Leser werden mir eventuelle Lücken verzeihen.
Wir dürfen Menschen nie als Abstraktion betrachten. Vielmehr müssen wir in jedem ein Universum sehen mit seinen eigenen Geheimnissen, seinen eigenen Schätzen, seinen eigenen Quellen der Furcht und einem gewissen Maß an Triumph.
 
Elie Wiesel
In The Nazi Doctors and the Nuremberg Code

Prolog:
Die Frau auf dem Foto
An der Wand meines Zimmers hängt das Foto einer Frau, die ich nie kennen gelernt habe. Es ist an der linken Ecke eingerissen und mit Klebeband geflickt. Sie schaut lächelnd genau in die Kamera, die Hände in die Hüften gestemmt, das Kostüm perfekt gebügelt, die Lippen dunkelrot geschminkt. Das Foto wurde Ende der Vierzigerjahre aufgenommen; damals war die Frau, die es zeigt, noch keine dreißig. Ihre hellbraune Haut ist glatt, die Augen sind jung und vergnügt; sie ahnt noch nichts von dem Tumor in ihrem Körper – einem Tumor, der fünf Kinder zu Waisen machen und die Geschichte der Medizin verändern sollte. Der Beschriftung am unteren Bildrand zufolge hieß sie »Henrietta Lacks, Helen Lane oder Helen Larson«.
Wer das Foto aufgenommen hat, weiß niemand, aber es war viele hundert Mal in Magazinen und wissenschaftlichen Lehrbüchern zu sehen, in Blogs und an Laborwänden. Meistens wird die abgebildete Frau Helen Lane genannt, oft hat sie aber auch gar keinen Namen. Dann heißt sie einfach HeLa – diesen Codenamen erhielten die ersten unsterblichen menschlichen Zellen; es waren ihre Zellen, entnommen aus ihrem Gebärmutterhals wenige Monate vor ihrem Tod.
In Wirklichkeit hieß sie Henrietta Lacks.
Jahrelang habe ich dieses Foto immer wieder angestarrt und mich gefragt, was für ein Leben sie wohl geführt hat. Was war aus ihren Kindern geworden, und was hätte sie davon gehalten, dass die Zellen aus ihrem Gebärmutterhals ewig weiterleben – dass sie zu Billionen gekauft, verpackt, verkauft und an Labors auf der ganzen Welt verschickt werden? Was hätte sie empfunden, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Zellen auf den ersten Raumflügen mit dabei waren, weil man wissen wollte, wie sie sich unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit verhalten? Oder dass sie zu einigen der wichtigsten medizinischen Fortschritte unserer Zeit beigetragen haben: zum Beispiel zur Entwicklung des Impfstoffs gegen Kinderlähmung, zur Chemotherapie, zur Klonierung, Genkartierung, künstlichen Befruchtung? Mit ziemlicher Sicherheit wäre sie (wie wahrscheinlich die meisten von uns) schockiert gewesen, dass in den Labors heute millionenmal mehr von ihren Zellen wachsen, als ihr Körper je hatte.
Wie viele Zellen von Henrietta gegenwärtig am Leben sind, lässt sich unmöglich sagen. Könnte man alle jemals gezüchteten HeLa-Zellen auf einer Waage aufschichten, würden sie nach Schätzungen eines Wissenschaftlers mehr als 50 Millionen Tonnen wiegen – eine unvorstellbare Zahl angesichts der Tatsache, dass eine einzige Zelle so gut wie nichts wiegt. Würde man alle jemals gezüchteten HeLa-Zellen hintereinanderlegen, so die Berechnung eines anderen Wissenschaftlers, würden sie die Erde mehr als dreimal umspannen – eine Kette von über 120 000 Kilometern. Henrietta selbst war in ihren besten Jahren etwas mehr als 1,50 Meter groß.
Von den HeLa-Zellen und der Frau, von der sie stammten, erfuhr ich 1988, 37 Jahre nach ihrem Tod. Ich war damals 16 und saß in einem städtischen College im Biologieunterricht. Unser Lehrer Donald Defler, ein kahlköpfiger kleiner Mann, ging im Hörsaal nach vorn und schaltete den Overheadprojektor ein. Dann deutete er auf zwei Diagramme, die hinter ihm an der Wand aufleuchteten. Sie zeigten in schematischer Darstellung den Vermehrungszyklus einer Zelle; für mich aber sahen sie aus wie ein neonfarbenes Durcheinander aus Pfeilen, Quadraten und Kreisen. Dazwischen standen Worte und Halbsätze, die ich nicht verstand, beispielsweise »MPF löst eine Kettenreaktion der Proteinaktivierung aus«.
Als Jugendliche war ich an der normalen Highschool im ersten Jahr durchgefallen, weil ich nie zum Unterricht erschienen war. Daraufhin wechselte ich an eine alternative Schule, an der Traumdeutung unterrichtet wurde statt Biologie. Die Stunden bei Defler besuchte ich, um den Highschool-Abschluss nachzuholen; deshalb saß ich mit sechzehn in einem Hörsaal, in dem mir Begriffe wie Mitose oder Kinase um die Ohren flogen. Ich verstand nur Bahnhof. »Müssen wir diese Diagramme in allen Einzelheiten auswendig lernen?«, fragte ein Student.
Ja, sagte Defler, wir müssten die Diagramme auswendig lernen und sie kämen auch in der Klausur dran. Im Moment aber spiele das erst einmal keine Rolle. Zunächst sollten wir verstehen, welche verblüffenden Fähigkeiten die Zellen haben. Ungefähr hundert Billionen von ihnen bilden unseren Körper, und jede einzelne ist so klein, dass mehrere tausend auf den Punkt am Ende dieses Satzes passen würden. Sie sind die Bausteine aller Arten von Gewebe – Muskeln, Knochen, Blut -, und die wiederum sind die Bestandteile unserer Organe. Unter dem Mikroskop sieht eine Zelle aus wie ein Spiegelei: Der weiße Teil (das Cytoplasma) besteht aus Wasser und Proteinen, die für die Ernährung sorgen, und im Dotter (dem Zellkern) liegen die genetischen Informationen, die jedes Individuum zu dem machen, was es ist. Im Cytoplasma geht es so lebhaft zu wie auf einer Straße in New York. Es ist vollgestopft mit Molekülen und Leitungsbahnen, in denen ständig Enzyme und Zucker von einem Teil der Zelle zum anderen transportiert werden; außerdem pumpen sie Wasser, Nährstoffe und Sauerstoff in die Zelle hinein und wieder raus. Im Cytoplasma sind rund um die Uhr winzige Fabriken am Werk: Sie produzieren Zucker, Fette, Proteine und Energie, um alles in Gang zu halten und den Zellkern zu ernähren. Der Zellkern ist die Steuerungszentrale: In jedem Zellkern jeder Körperzelle liegt eine Kopie unseres gesamten Genoms. Dieses Genom sagt den Zellen, wann sie wachsen und sich teilen sollen, und es sorgt dafür, dass sie ihre Aufgaben erfüllen, ob sie nun den Puls regulieren oder unserem Gehirn helfen, die Worte auf dieser Seite zu verstehen.
Defler ging vorn im Hörsaal auf und ab und erklärte uns, wie ein Embryo durch die Mitose – den Prozess der Zellteilung – zum Baby heranwächst und wie unser Organismus durch den gleichen Vorgang neue Zellen hervorbringt, damit Wunden heilen und verlorenes Blut ersetzt wird. Das Ganze, sagte er, sei so wunderschön wie ein perfekt choreografierter Tanz. Aber auch das erklärte er uns: Im Teilungsprozess muss sich bloß irgendwo ein kleiner Fehler einschleichen, und schon beginnen die Zellen sich unkontrolliert zu vermehren. Nur ein Enzym mit falscher Aktivität, nur eine falsche Proteinaktivierung, und schon hat man Krebs. Die Mitose gerät außer Kontrolle, und deshalb breitet sich der Tumor aus. »Das alles weiß man, weil man Krebszellen in Zellkulturen untersucht hat«, sagte Defler. Er grinste, wandte sich zur Tafel und schrieb in riesigen Lettern zwei Wörter: HENRIETTA LACKS.
Henrietta, so erzählte er uns, war 1951 an einem bösartigen Gebärmutterhalskrebs gestorben. Kurz vor ihrem Tod aber hatte ein Chirurg einige Proben des Tumors entnommen und in eine Petrischale gegeben. Damals waren Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten bemüht, menschliche Zellen im Labor zu züchten, aber vergebens: Irgendwann waren sie immer abgestorben. Henriettas Zellen nun verhielten sich anders: Sie vermehrten sich, bildeten alle 24 Stunden eine neue Generation und stellten ihr Wachstum nie ein. Sie wurden zu den ersten unsterblichen menschlichen Zellen, die man im Labor gezüchtet hatte.
»Henriettas Zellen leben außerhalb ihres Körpers schon viel länger, als sie darin gelebt haben«, sagte Defler. Man könne in nahezu jedes Zellkulturlabor auf der ganzen Welt gehen und die Gefriertruhen öffnen; die Wahrscheinlichkeit, in kleinen, auf Eis gelagerten Gefäßen viele Millionen oder sogar Milliarden HeLa-Zellen zu finden, sei sehr, sehr hoch.
An Henriettas Zellen wurden die Gene erforscht, die Krebs verursachen oder ihn unterdrücken; sie trugen zur Entwicklung von Medikamenten bei, mit denen man Herpes, Leukämie, Grippe, Hämophilie und die Parkinson-Krankheit bekämpfen kann; und man verwendete sie zur Untersuchung aller möglichen Fragen: von der Laktoseverdauung über sexuell übertragbare Krankheiten, Blinddarmentzündung, Lebensverlängerung und das Paarungsverhalten von Mücken bis hin zu den schädlichen Nebenwirkungen der Arbeit in der Kanalisation. Ihre Chromosomen und Proteine wurden so eingehend untersucht, dass die Wissenschaftler heute jedes Detail kennen. Wie Meerschweinchen und Mäuse, so sind auch Henriettas Zellen zu einem allgemein gebräuchlichen Laborhilfsmittel geworden.
»Die HeLa-Zellen gehören mit zum Wichtigsten, was in der Medizin während der letzten hundert Jahre geschehen ist«, sagte Defler.
Und dann, als sei es ihm gerade erst eingefallen, fügte er nüchtern hinzu: »Sie war übrigens eine Schwarze.« Mit einer schnellen Bewegung wischte er ihren Namen von der Tafel und blies sich den Kreidestaub von den Händen. Die Stunde war zu Ende.
Während die anderen Studierenden aus dem Hörsaal strömten, saß ich da und dachte: Und das war alles? Mehr erfahren wir nicht? Das ist doch nicht die ganze Geschichte!
Ich folgte Defler in sein Büro.
»Woher kam sie?«, fragte ich. »Wusste sie, wie wichtig ihre Zellen waren? Hatte sie Kinder?«
»Das alles würde ich Ihnen wirklich gern sagen können«, antwortete er, »aber man weiß so gut wie nichts über sie.«
Nach der Schule rannte ich nach Hause und legte mich mit meinem Biologiebuch auf das Bett. Ich schlug im Register das Wort »Zellkultur« nach, und da stand es:
Krebszellen können sich in Zellkulturen unbegrenzt vermehren, wenn sie ständig mit Nährstoffen versorgt werden; man kann sie also als »unsterblich« bezeichnen. Ein bekanntes Beispiel ist eine Zelllinie, die seit 1951 in Kultur gehalten wird. (Zellen dieser Linie werden als HeLa-Zellen bezeichnet, weil ihre Quelle ursprünglich ein Tumor war, den man einer Frau namens Henrietta Lacks entnommen hatte.)
Das war alles. Ich schlug »HeLa« in der Enzyklopädie meiner Eltern nach, dann in meinem Lexikon. Keine Henrietta.
Als ich die Highschool abgeschlossen hatte und mich im College auf das erste Examen in Biologie vorbereitete, waren die HeLa-Zellen allgegenwärtig. Sie wurden in der Histologie, Neurologie und Pathologie erwähnt; ich benutzte sie, um in Experimenten der Frage nachzugehen, wie sich benachbarte Zellen verständigen. Aber Henrietta erwähnte nach Mr. Defler nie wieder jemand.
Als ich Mitte der Neunzigerjahre meinen ersten Computer bekam und das Internet nutzen konnte, suchte ich nach Informationen über sie, aber ich fand nur zusammenhanglose Bruchstücke. In den meisten Quellen wurde ihr Name mit Helen Lane angegeben; manche behaupteten, sie sei im Alter zwischen 30 und 40 Jahren gestorben, anderen Angaben zufolge war sie über 40, über 50 oder sogar über 60. Manchmal hieß es, sie sei an Eierstockkrebs gestorben, an anderen Stellen war es Brust- oder Gebärmutterhalskrebs.
Schließlich machte ich ein paar Zeitschriftenartikel über sie ausfindig, die in den Siebzigerjahren erschienen waren. Das Magazin Ebony zitierte Henriettas Ehemann mit den Worten: »Ich weiß nur noch, dass sie diese Krankheit hatte, und gleich nach ihrem Tod haben sie mich ins Büro gerufen. Ich sollte ihnen die Erlaubnis geben, irgendeine Probe zu entnehmen. Ich habe es aber nicht gestattet.« Jet erklärte, die Familie sei verärgert, dass Henriettas Zellen für 25 Dollar je Flasche verkauft wurden und dass überall Artikel über die Zellen erschienen, ohne dass sie davon etwas wusste. Und weiter hieß es dort: »Irgendwie hatten sie wohl das Gefühl, von Wissenschaft und Presse ausgenutzt worden zu sein.«
Zu den Artikeln gehörten auch Fotos von Henriettas Angehörigen: Ihr ältester Sohn sitzt in Baltimore am Esstisch und liest in einem Lehrbuch der Genetik; ihr mittlerer Sohn in Armeeuniform hält lächelnd ein Baby auf dem Arm. Ein Bild aber fiel mir mehr auf als alle anderen: Es zeigt Henriettas Tochter Deborah Lacks im Kreis ihrer Familie. Alle lächeln und haben die Arme umeinandergelegt, ihre Augen leuchten aufgeregt. Nur Deborah lächelt nicht. Sie steht im Vordergrund und sieht einsam aus, fast als hätte man ihr Bild nachträglich in das Foto hineinkopiert. Sie ist 26 und sehr hübsch mit ihren kurzen braunen Haaren und den ausdrucksstarken Augen. Diese Augen aber blicken hart und ernst in die Kamera. Der Bildunterschrift zufolge hatte die Familie erst wenige Monate zuvor erfahren, dass Henriettas Zellen noch am Leben waren, obwohl ihr Tod zu jener Zeit bereits 25 Jahre zurücklag.
In allen Berichten wurde erwähnt, Wissenschaftler hätten Untersuchungen an Henriettas Kindern angestellt, aber die Familie Lacks wusste offenbar nicht, welchem Zweck diese Forschungsarbeiten dienten. Ihren Angaben zufolge habe man feststellen wollen, ob sie die gleiche Krebserkrankung hatten wie Henrietta; die Journalisten dagegen erklärten, man habe mit den Untersuchungen an den Angehörigen neue Erkenntnisse über Henriettas Zellen gewinnen wollen. In den Artikeln wurde ihr Sohn Lawrence zitiert: Da die Zellen seiner Mutter unsterblich seien, wollte er wissen, ob auch er nun ewig leben würde. Nur ein Familienmitglied blieb stumm: Henriettas Tochter Deborah.
Während ich nach dem Examen Schriftstellerei studierte, wurde es bei mir irgendwann zur fixen Idee, eines Tages Henriettas Geschichte zu erzählen. Einmal rief ich in Baltimore sogar die Telefonauskunft an, um ihren Mann David Lacks ausfindig zu machen, aber er war nicht verzeichnet. Das Buch, das ich schreiben wollte, sollte eine doppelte Biografie werden: über die Zellen und über die Frau, von der sie stammten – über eine Tochter, Ehefrau und Mutter.
Was ich damals noch nicht ahnte: Mein Anruf wurde zum Beginn eines zehnjährigen Abenteuers. Es führte mich in Forschungslabors, Krankenhäuser und Nervenheilanstalten, und zu den Figuren, die darin eine Rolle spielen, gehören Nobelpreisträger, Lebensmittelhändler, verurteilte Schwerverbrecher und ein professioneller Hochstapler. Während ich versuchte, mich mit der Geschichte der Zellkultur und der komplizierten ethischen Diskussion über die Verwendung menschlichen Gewebes in der Forschung vertraut zu machen, wurde ich der Verschwörung bezichtigt, und man ließ mich sowohl im buchstäblichen als auch im übertragenen Sinn gegen die Wand laufen. Am Ende lernte ich dann Deborah kennen, und sie erwies sich als eine der stärksten, zähesten Frauen, die mir jemals begegnet sind. Zwischen uns entwickelte sich eine tiefe persönliche Bindung, und allmählich, ohne dass ich es bemerkte, wurde ich ebenso Teil ihrer Geschichte wie sie in meiner.
Deborah und ich stammen aus ganz unterschiedlichen Milieus: Ich bin als weiße Agnostikerin im Nordwesten der USA an der Pazifikküste aufgewachsen; meine Wurzeln liegen zur Hälfte bei New Yorker Juden und zur anderen Hälfte bei Protestanten aus dem Mittleren Westen. Deborah dagegen war eine zutiefst gläubige Christin aus dem Süden. Wenn das Gespräch auf Religion kam, wäre ich immer am liebsten aus dem Zimmer gegangen, denn bei dem Thema fühlte ich mich unwohl; Deborahs Familie hatte es sehr mit Predigten, Wunderheilungen und manchmal auch mit Wodu. Sie war in einem Farbigenviertel aufgewachsen, das zu den ärmsten und gefährlichsten im ganzen Land gehörte; meine Heimat war ein sicheres, ruhiges Wohnviertel der Mittelschicht in einer vorwiegend von Weißen bewohnten Stadt, und auf meiner Highschool waren gerade einmal zwei farbige Schüler. Ich war Wissenschaftsjournalistin und neigte dazu, alles Übernatürliche als »Wuwuzeugs« zu bezeichnen; Deborah ihrerseits glaubte, dass Henriettas Seele in ihren Zellen weiterlebte und Einfluss auf jeden hatte, der ihr über den Weg lief. Also auch auf mich.
»Wie soll man denn sonst erklären, dass dein Naturkundelehrer ihren richtigen Namen kannte, obwohl alle anderen sie Helen Lane nennen?«, fragte Deborah. »Sie wollte dich auf sich aufmerksam machen.« Die gleiche Denkweise wandte sie auf alles in meinem Leben an: Als ich heiratete, während ich an diesem Buch schrieb, tat ich es nach ihrer Ansicht nur deshalb, weil Henrietta wollte, dass sich jemand während der Arbeit um mich kümmerte. Als ich mich scheiden ließ, hatte sie entschieden, dass mein Mann dem Buch im Weg stand. Als ein Lektor darauf bestand, die Familie Lacks aus dem Buch herauszulassen, und dann bei einem Unfall auf rätselhafte Weise verletzt wurde, erklärte Deborah: »Das kommt davon, wenn man auf Henrietta scheißt.«
Die Familie Lacks stellte alles infrage, was ich über Glauben, Wissenschaft, Journalismus und Rasse zu wissen meinte. Das Ergebnis ist dieses Buch. Es handelt nicht nur von den HeLa-Zellen und Henrietta Lacks, sondern auch von Henriettas Familie – insbesondere von Deborah – und ihren lebenslangen Bemühungen, mit der Existenz dieser Zellen und der Wissenschaft, die zu einem großen Teil auf ihr beruht, Frieden zu schließen.
Deborahs Stimme
Wenn die Leute fragen – irgendwie fragense immer, da kommste gar nich drumrum -, dann sag ich: Ja, stimmt, meine Mutter hat Henrietta Lacks geheißen, sie is 1951 gestorben, John Hopkins hat ihre Zellen genommen, und die Zellen sind heute noch am Leben. Die vermehren sich, wachsen und verbreiten sich, wenn man se nich einfriert. Die Wissenschaftler nennen sie HeLa, und sie is auf der ganzen Welt in Krankenhäusern und in den ganzen Computern und im Internet, überall.
 
 
Wenn ich mich beim Arzt untersuchen lass, sag ich immer, meine Mutter war HeLa. Dann sind se ganz aufgeregt und erzählen mir alles mögliche Zeugs, wie ihre Zellen geholfen haben, meine Blutdruckpillen und Antidepressionspillen zu machen, und wie alle diese wichtigen Sachen in der Wissenschaft nur wegen ihr passieren konnten. Aber mehr erklären se nich. Se sagen nur, boah, deine Mutter war aufm Mond, sie war in Atombomben und hat diesen Impfstoff gegen Kinderlähmung gemacht. Ich weiß nich, wie se das alles gemacht hat, aber ich nehm an, sie hat sich drüber gefreut, ich mein, se hat damit doch vielen Leuten geholfen. Ich glaub, das hätt ihr gefallen.
Aber ich hab das immer komisch gefunden, wenn deine Mutter so viel für die Medizin getan hat, warum können ihre Angehörigen es sich dann nich mal leisten, zum Arzt zu gehn? Is doch verrückt. Die Leute sind durch meine Mutter reich geworden, und wir ham nich mal gewusst, dass se ihre Zellen genommen haben, und wir haben keinen Pfennig gekriegt. Das hat mich so verrückt gemacht, da bin ich krank drüber geworden und hab Pillen genommen. Aber jetzt will ich nich mehr kämpfen. Ich will nur noch wissen, wer meine Mutter war.

Teil 1
Leben

002
1
Die Untersuchung
Am 29. Januar 1951 saß David Lacks hinter dem Lenkrad seines alten Buick und blickte hinaus in den Regen. Er hatte unter einer hohen Eiche vor dem Johns Hopkins Hospital geparkt. Bei ihm saßen drei seiner Kinder, zwei davon noch in den Windeln, und warteten auf Henrietta Lacks, ihre Mutter. Ein paar Minuten zuvor war sie eilig aus dem Auto gestiegen, hatte sich die Jacke über den Kopf gezogen und war in die Klinik gelaufen, vorüber an der Toilette mit der Aufschrift »Farbige«, der einzigen, die sie benutzen durfte. Im nächsten Gebäude stand unter einem elegant geschwungenen Kupferdach eine fast vier Meter hohe Jesusstatue aus Marmor. Mit weit ausgebreiteten Armen hielt sie Gericht über den früheren Haupteingang des Hopkins. Niemand aus Henriettas Familie war jemals bei einem Arzt der Klinik gewesen, ohne zuvor die Statue aufzusuchen, ihr Blumen zu Füßen zu legen, ein Gebet zu sprechen und an ihrem großen Zeh zu reiben – das sollte Glück bringen. Aber heute blieb Henrietta nicht stehen.
Sie ging geradewegs in das Wartezimmer der gynäkologischen Abteilung, einen großen, offenen Raum, der bis auf ein paar lange Bänke mit hoher Lehne leer war. Sie sahen aus wie Kirchenbänke.
»Ich habe einen Knoten an der Gebärmutter«, sagte sie zu der Rezeptionistin. »Das muss der Arzt sich mal ansehen.« Schon seit über einem Jahr hatte Henrietta ihren engsten Freundinnen erzählt, dass sie sich nicht ganz wohl fühlte. Eines Abends, nach dem Abendessen, hatte sie mit ihren Cousinen Margret und Sadie auf dem Bett gesessen und gesagt: »Ich habe einen Knoten in mir.«
»Einen was?«, fragte Sadie.
»Einen Knoten. Der tut schrecklich weh. Wenn dieser Mann zu mir kommen will – Jesus Christus, das sind Schmerzen.« Als es ihr beim Sex zum ersten Mal weh tat, glaubte sie, es habe mit der kleinen Deborah zu tun, die sie ein paar Wochen zuvor zur Welt gebracht hatte. Oder auch mit dem schlechten Blut, das David manchmal nach Hause brachte, wenn er über Nacht bei anderen Frauen gewesen war – die netten Ärzte behandelten es mit Penicillin- und Schwermetallspritzen.
Einmal griff Henrietta nach den Händen ihrer Cousine und führte sie zu ihrem Bauch, genau wie damals, als Deborah zum ersten Mal getreten hatte.
»Spürst du was?«
Immer wieder drückten die Cousinen ihr die Finger in den Bauch.
»Ich weiß nicht«, sagte Sadie. »Vielleicht bist du außerhalb der Gebärmutter schwanger – du weißt doch, so was kommt vor.«
»Ich bin nicht schwanger«, erwiderte Henrietta. »Das ist ein Knoten.«
»Hennie, das musst du nachsehen lassen. Denn wenn es was Schlimmes ist…«
Aber Henrietta ging nicht zum Arzt, und die Cousinen erzählten niemandem, was sie im Schlafzimmer gehört hatten. Über Dinge wie Krebs redete man zu jener Zeit nicht, Sadie aber vermutete, Henrietta hielt es geheim, weil sie Angst hatte, der Arzt würde ihr die Gebärmutter herausnehmen, so dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte.
Ungefähr eine Woche nachdem sie ihren Cousinen erzählt hatte, dass etwas nicht stimmte – sie war 29 -, wurde sie mit Joe schwanger, ihrem fünften Kind. Sadie und Margaret erklärten, die Schmerzen hätten wohl doch irgendwie mit dem Kind zu tun gehabt. Aber Henrietta sagte immer noch nein.
»Es war schon vor dem Baby da«, beharrte sie. »Es ist was anderes.«
Von nun an redete niemand mehr über den Knoten, und David, Henriettas Mann, erfuhr überhaupt nichts davon. Viereinhalb Monate nachdem Joseph geboren worden war, fand Henrietta eines Tages beim Wasserlassen Blut in ihrer Unterwäsche, obwohl es nicht die Zeit ihrer Regel war.
Sie ließ die Badewanne volllaufen, setzte sich ins warme Wasser und spreizte langsam die Beine. Für die Kinder, ihren Mann und die Cousinen blieb die Tür verschlossen. Henrietta steckte sich einen Finger in die Scheide und strich quer über den Muttermund, bis sie fand, was sie irgendwie schon die ganze Zeit gespürt hatte: einen harten Klumpen, tief drinnen, als ob jemand unmittelbar links von der Öffnung der Gebärmutter einen Kieselstein eingesetzt hätte.
Henrietta stieg aus der Wanne, trocknete sich ab und zog sich an. Dann sagte sie zu ihrem Mann: »Du bringst mich am besten mal zum Arzt. Ich blute, und es ist nicht die Zeit dafür.« Der Hausarzt untersuchte sie, sah den Knoten und vermutete, es sei ein Syphilisgeschwür. Aber der Test fiel negativ aus. Nun riet er Henrietta, sie solle sich in die gynäkologische Abteilung des Johns Hopkins Hospital begeben.
Das Hopkins war eines der besten Krankenhäuser in den ganzen Vereinigten Staaten. Man hatte es 1889 als gemeinnützige Klinik für die Kranken und Armen errichtet, und im Osten von Baltimore, wo sich früher ein Friedhof und eine Nervenheilanstalt befunden hatten, erstreckte sich jetzt der Klinikkomplex – über mehr als fünf Hektar. Die öffentlichen Stationen waren voller Patienten, die meisten von ihnen Schwarze, die ihre Arztrechnungen nicht bezahlen konnten. David fuhr Henrietta die mehr als 30 Kilometer zur Klinik – nicht weil sie ihnen am liebsten gewesen wäre, sondern weil sie im weiten Umkreis das einzige Krankenhaus war, das farbige Patienten behandelte. Es war die Zeit der Rassengesetze: Wenn Farbige in ein nur für Weiße vorgesehenes Krankenhaus kamen, wurden sie in der Regel weggeschickt – selbst wenn das bedeutete, dass sie auf dem Parkplatz starben. Das Hopkins nahm zwar Schwarze auf, aber auch hier lagen sie auf eigenen Stationen und hatten eigene Trinkbrunnen.
Die Schwester rief Henrietta aus dem Wartezimmer und führte sie durch eine schmale Tür in ein Untersuchungszimmer für Farbige. Es war einer in einer langen Reihe von Räumen, die durch Glaswände getrennt waren, so dass die Krankenschwestern von einem in den anderen blicken konnten. Henrietta zog sich aus, wickelte sich in ein gestärktes weißes Kliniknachthemd und legte sich auf einen hölzernen Untersuchungstisch. Dort wartete sie auf Howard Jones, den diensthabenden Gynäkologen. Jones war mager, seine Haare wurden schon grau, und seine tiefe Stimme klang durch den Südstaatenakzent etwas weicher. Als er ins Zimmer kam, erzählte Henrietta ihm von dem Knoten. Bevor er sie untersuchte, blätterte er ihre Akte durch – eine unvollständige Skizze ihres Lebens und eine Litanei nicht behandelter Krankheiten:
Schule bis zur sechsten oder siebten Klasse; Hausfrau und Mutter von fünf Kindern. Seit der Kindheit Atembeschwerden wegen rezidivierender Racheninfektionen und Schiefstand der Nasenscheidewand. Hausarzt hat chirurgische Korrektur empfohlen, Patientin hat abgelehnt. Patientin hatte nahezu fünf Jahre lang den gleichen Zahnschmerz; Zahn wurde schließlich zusammen mit mehreren anderen gezogen. Einziges Sorgenkind ist die älteste Tochter, die Epileptikerin ist und nicht sprechen kann. Glückliches Familienleben. Alkoholgenuss nur sehr gelegentlich. Ist nie gereist. Gut ernährt, kooperativ. Patientin war eines von zehn Geschwistern. Eines kam bei einem Autounfall ums Leben, eines starb an rheumatischen Herzbeschwerden, ein drittes an einer Vergiftung. Während der letzten beiden Schwangerschaften unerklärliche vaginale Blutungen und Blut im Urin; Hausarzt hat Test auf Sichelzellanämie empfohlen. Patientin hat abgelehnt. Seit dem Alter von 15 Jahren mit dem Ehemann liiert, keine besondere Vorliebe für Geschlechtsverkehr. Patientin leidet an asymptomatischer Neurosyphilis, hat aber Syphilistherapie abgebrochen und erklärt, sie fühle sich wohl. Zwei Monate vor dem jetzigen Besuch, nach der Entbindung vom fünften Kind, hatte die Patientin beträchtliche Blutmengen im Urin. Test ergab Bereiche mit erhöhter Zellaktivität in der Cervix. Arzt hat Diagnostik empfohlen und sie zum Ausschluss von Infektionen oder Krebs an den Facharzt überwiesen. Patientin sagte Termin ab. Einen Monat vor dem jetzigen Besuch positiver Test auf Gonorrhöe. Patientin wurde an den Kliniktermin erinnert. Keine Reaktion.
Dass sie bei allen diesen Gelegenheiten nicht zur Nachuntersuchung kam, war nicht verwunderlich. Ein Besuch im Hopkins war für Henrietta wie eine Reise in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte. Sie wusste, wie man Tabak erntet und ein Schwein schlachtet, aber die Wörter Cervix oder Biopsie hatte sie nie gehört. Sie las und schrieb nicht viel, und in der Schule hatte sie keinen naturwissenschaftlichen Unterricht gehabt. Wie die meisten farbigen Patienten ging sie nur dann ins Hopkins, wenn sie glaubte, dass ihr nichts anderes mehr übrig blieb.
Jones hörte zu, wie Henrietta ihm von den Schmerzen und dem Blut erzählte. »Sie sagt, sie wisse, dass mit ihrem Muttermund etwas nicht stimmt«, schrieb er später. »Auf die Frage, woher sie das wisse, erwiderte sie, es fühle sich an, als sei dort ein Knoten. Ich weiß nicht genau, was sie damit meint, es sei denn, sie hätte den Bereich tatsächlich abgetastet.«
Henrietta legte sich auf den Untersuchungstisch, presste die Füße in die Halterungen und starrte die Decke an. Tatsächlich fand Jones genau an der Stelle, von der sie gesprochen hatte, einen Knoten. Er beschrieb ihn als zerklüftete, harte Masse von der Größe eines 5-Cent-Stücks. Wenn er den Muttermund mit einem Zifferblatt verglich, befand sich der Knoten bei 4 Uhr. Er hatte sicher schon tausend Cervixkarzinome gesehen, aber so etwas war ihm noch nie untergekommen: glänzend, dunkelrot (»wie Wackelpudding von Traubensaft«, schrieb er später) und so empfindlich, dass es bei der geringsten Berührung zu bluten begann. Jones schnitt eine kleine Probe heraus und schickte sie zur Diagnose ins pathologische Labor auf der anderen Seite des Korridors. Dann schickte er Henrietta nach Hause.
Ein wenig später saß Howard Jones an seinem Schreibtisch und diktierte Notizen über Henrietta und die Diagnose: »Ihre Krankengeschichte ist insofern interessant, als sie hier in der Klinik am 19. September 1950 eine termingerechte Entbindung hatte«, sagte er. »In der Akte aus jener Zeit und dem Bericht über die Nachuntersuchung sechs Wochen später wird keine Anomalie der Cervix erwähnt.«
Jetzt aber, drei Monate später, war sie wieder da und hatte einen voll ausgeprägten Tumor. Entweder hatten die Ärzte ihn während der letzten Untersuchungen übersehen – was unmöglich erschien -, oder aber er war mit entsetzlicher Geschwindigkeit gewachsen.

003
2
Clover
Henrietta Lacks wurde am 1. August 1920 unter dem Namen Loretta Pleasant in Roanoke in Virginia geboren. Wie daraus Henrietta wurde, weiß niemand. Eine Hebamme namens Fannie brachte sie in einer kleinen Baracke an einer Sackgasse zur Welt. Man hatte von dort den Blick auf ein Eisenbahndepot, in dem jeden Tag Hunderte von Güterwagen verkehrten. Bis 1924 lebte Henrietta mit ihren Eltern und acht älteren Geschwistern in diesem Haus; dann starb ihre Mutter Eliza Lacks Pleasant bei der Geburt des zehnten Kindes. Johnny Pleasant, Henriettas Vater, war ein vierschrötiger Mann, der an einem Stock ging – mit dem er im Übrigen häufig nach den Leuten schlug. Einer Familienlegende zufolge hatte er seinen Bruder umgebracht, weil der versucht hatte, mit Eliza anzubändeln. Johnny hatte nicht die Geduld, Kinder großzuziehen; nach Elizas Tod brachte er sie alle nach Clover in Virginia, wo seine Angehörigen immer noch die Tabakfelder bestellten, auf denen ihre Vorfahren als Sklaven gearbeitet hatten. Alle zehn Kinder konnte in Clover niemand aufnehmen, also wurden sie unter den Angehörigen aufgeteilt – das eine kam zu irgendeinem Vetter, das andere zu einer Tante. Henrietta landete bei ihrem Großvater Tommy Lacks.
Tommy wohnte in einem »Home-House«, wie man hier allgemein sagte – einer 4-Zimmer-Holzhütte, die früher als Sklavenunterkunft gedient hatte. Sie hatte einen Bretterfußboden und Gaslampen; das Wasser musste Henrietta über einen Hügel vom Bach heraufschleppen. Das Home-House stand auf einer Anhöhe, und der Wind pfiff durch die Mauerritzen. Im Inneren war die Luft so kühl, dass die Familie die Leichen verstorbener Angehöriger tagelang im vorderen Korridor aufbahren konnte, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Anschließend wurden sie dann auf dem Friedhof hinter dem Haus bestattet. Henriettas Großvater zog bereits einen anderen Enkel groß, den eine seiner Töchter zurückgelassen hatte, nachdem er auf dem Fußboden des Home-House zur Welt gekommen war. Dieses Kind hieß David Lacks, wurde aber allgemein nur Day genannt: In der gedehnten Sprechweise der Region hört sich »house« wie hyse an, und David klingt wie Day.
Der kleine Day war ein Pannenkind, wie man in der Familie Lacks sagte: Ein Mann namens Johnny Coleman war auf der Durchreise in den Ort gekommen, und neun Monate später kam Day. Munchie, eine zwölfjährige Cousine und Hebamme, hatte geholfen, ihn zur Welt zu bringen; er war am ganzen Körper blau wie der Sommerhimmel und atmete nicht. Ein weißer Doktor mit Filzhut und Spazierstock kam in das Home-House, schrieb »Totgeburt« auf Days Geburtsurkunde und fuhr dann mit seinem Pferdewagen, der eine rote Staubwolke hinterließ, zurück in die Stadt.
Derweil betete Munchie: »Herr, ich weiß, dass Du dieses Baby nicht zu Dir nehmen willst.« Sie wusch Day in einer Wanne mit warmem Wasser, dann legte sie ihn auf ein weißes Laken, streichelte ihn und klopfte ihm auf die Brust, bis er nach Luft schnappte und seine blaue Haut ein warmes Hellbraun annahm.
Als Johnny Pleasant seine Tochter Henrietta bei Großvater Tommy abgab, war sie vier und Day fast neun. Damals hätte niemand vermutet, dass Henrietta ihr ganzes weiteres Leben mit Day verbringen würde: zuerst als Cousine, die im Haus des Großvaters aufwuchs, später als seine Frau.
Als Kinder standen Henrietta und Day jeden Morgen um vier Uhr auf, um die Kühe zu melken und die Hühner, Schweine und Pferde zu füttern. Sie bestellten einen Garten voller Mais, Erdnüssen und Gemüse, dann machten sie sich zusammen mit ihren Vettern und Cousinen Cliff, Fred, Sadie, Margaret und vielen anderen auf den Weg zu den Tabakfeldern. Einen großen Teil ihrer Jugend verbrachten sie in gebückter Haltung und setzten Tabakpflanzen. Die Pflüge, hinter denen sie hergingen, wurden von Maultieren gezogen. Jedes Frühjahr pflückten sie dann die breiten, grünen Blätter und banden sie mit wunden, vom Nikotinharz verklebten Fingern zu kleinen Bündeln zusammen; anschließend kletterten sie auf die Dachsparren im Tabakschuppen des Großvaters und hängten Bündel für Bündel zum Trocknen auf. An jedem Sommertag beteten sie um ein Unwetter, das ihre sonnenverbrannte Haut kühlen sollte. Kam dann tatsächlich ein Gewitter, liefen sie kreischend über die Felder und sammelten ganze Arme voll reifer Früchte und Walnüsse, die der Wind von den Bäumen wehte.
Wie die meisten Jugendlichen aus der Familie Lacks, so schloss auch Day die Schule nicht ab. Er verließ sie in der vierten Klasse, weil die Familie ihn für die Feldarbeit brauchte. Henrietta blieb immerhin bis zur sechsten Klasse. Während des Schuljahres ging sie morgens, nachdem sie den Garten und das Vieh versorgt hatte, mehr als drei Kilometer zu Fuß. An der Schule für Weiße vorüber, wo die Kinder Steine nach ihr warfen und sie hänselten, gelangte sie schließlich zur Schule für Farbige, ein hölzernes Bauernhaus mit drei Räumen, das sich unter Schatten spendenden Bäumen versteckte. Vor dem Haus war ein Hof, auf dem Mrs. Coleman die Jungen und Mädchen getrennt voneinander spielen ließ. Nach Schulschluss und während der Ferien den ganzen Tag über war Henrietta mit Day und den Vettern auf dem Feld.
Bei schönem Wetter liefen die Vettern nach der Arbeit sofort zu dem Badeteich, den sie sich jedes Jahr anlegten, indem sie den Bach hinter dem Haus mit Steinen, Balken, Sandsäcken und allem anderen, was sich dafür eignete, aufstauten. Mit Steinen vertrieben sie die giftigen Wassermokassinschlangen, dann ließen sie sich von Baumästen ins Wasser fallen oder tauchten vom schlammigen Ufer aus.
Wenn es dunkel wurde, machten sie Feuer und verbrannten darin Stücke alter Schuhe, um die Mücken fernzuhalten. Von ihrem Platz unter der großen Eiche, an der sie ein Seil zum Schaukeln aufgehängt hatten, blickten sie zu den Sternen. Sie spielten Fangen, Ringelreihen oder Himmel und Hölle und tanzten singend auf dem Feld herum, bis Großvater Tommy rief, sie sollten jetzt schlafen gehen.
Jede Nacht krochen die Vettern auf den engen Dachboden über einer kleinen Holzhütte, die nur wenige Meter vom Home-House entfernt war. Dort lagen sie dicht nebeneinander und erzählten sich Geschichten über den Tabakbauern ohne Kopf, der nachts durch die Straßen streifte, oder über den Mann ohne Augen, der am Bach wohnte. Dann schliefen sie, bis ihre Großmutter Chloe unten den Herd mit Holz einheizte und sie vom Duft frischer Kekse geweckt wurden.
In der Erntezeit spannte Großvater Tommy einmal im Monat nach dem Abendessen die Pferde an und machte sich bereit für die Fahrt in die Stadt South Boston. Dort befand sich nicht nur der zweitgrößte Tabakmarkt des Landes, es gab dort auch Tabak-Umzüge, eine Tabak-Königin und einen Hafen, in dem die getrockneten Blätter auf Schiffe geladen wurden, damit die Menschen überall auf der Welt etwas zu rauchen hatten.
Bevor Tommy zu Hause losfuhr, rief er alle jungen Vettern und Cousinen zusammen. Sie legten sich auf einem Bett aus Tabakblättern auf den flachen Wagen und kämpften so lange wie möglich gegen den Schlaf an, bevor sie sich dem Rhythmus der Pferde geschlagen geben mussten. Wie die Bauern aus ganz Virginia, so fuhren auch Tommy Lacks und die Enkel über Nacht, um ihre Ernte nach South Boston zu bringen. Dort reihten sie sich beim Morgengrauen in eine lange Wagenreihe ein und warteten, bis sich die riesigen grünen Holztüren des Auktions- und Lagerhauses öffneten.
Sobald sie ankamen, halfen Henrietta und die Cousins, die Pferde auszuspannen, und füllten ihre Futtertröge mit Getreide. Dann luden sie den Tabak der Familie ab und legten ihn auf den Bretterfußboden des Lagerhauses. Der Auktionator ratterte Zahlen herunter, die in dem großen, offenen Raum widerhallten. Die Decke war fast zehn Meter hoch, die vielen Oberlichter hatte der Schmutz der Jahre geschwärzt. Während Tommy Lacks neben seiner Ware stand und um einen guten Preis betete, liefen Henrietta und die Cousins zwischen den Tabakhaufen hin und her, wobei sie in einem schnellen Kauderwelsch brabbelten und den Auktionator imitierten. Abends halfen sie Tommy, den nicht verkauften Tabak in den Keller zu bringen. Dort machte er den Kindern aus den Blättern ein Bett. Die weißen Bauern schliefen eine Etage höher in großen Hallen und Privatzimmern; die Schwarzen verbrachten die Nacht auf einem staubigen Lehmfußboden in den Eingeweiden des Lagerhauses bei den Pferden, Maultieren und Hunden. Ein hölzerner Verschlag für die Tiere reihte sich hier an den anderen, und leere Schnapsflaschen türmten sich bis fast zur Decke. In den Nächten im Lagerhaus wurde gesoffen, dem Glücksspiel und der Prostitution gefrönt, und gelegentlich floss auch Blut, wenn die Bauern die Einnahmen der Saison durchbrachten. Von ihrem Bett aus Tabakblättern aus starrten die Lacks-Kinder die baumgroßen Deckenbalken an, bevor sie beim Klang von Gelächter und klirrenden Flaschen einschliefen – mit dem Aroma getrockneten Tabaks in der Nase.
Am Morgen zwängten sie sich zusammen mit dem nicht verkauften Teil der Ernte wieder in den Wagen und machten sich auf den langen Heimweg. Die Vettern, die in Clover zurückgeblieben waren, wussten genau, was eine Wagenfahrt nach South Boston bedeutete: Für jeden würde es etwas geben, ein Stück Käse vielleicht oder eine Scheibe Fleischwurst; also warteten sie stundenlang geduldig an der Hauptstraße und folgten dem Wagen dann bis zum Home-House.
Die breite, staubige Hauptstraße von Clover war voller Ford-Modelle A und Wagen, die von Maultieren oder Pferden gezogen wurden. Der alte Snow hatte in dem Ort den ersten Traktor und fuhr damit zum Einkaufen, als wäre es ein Auto – die Zeitung unter den Arm geklemmt, neben sich seine Hunde Cadillac und Dan. Auf der Hauptstraße gab es ein Kino, eine Bank, einen Juwelier, eine Arztpraxis, ein Eisenwarengeschäft und mehrere Kirchen. Bei gutem Wetter standen weiße Männer – vom Bürgermeister über den Arzt bis zum Leichenbestatter – mit Hosenträgern, Zylindern und langen Zigarren an der Hauptstraße, tranken Whisky aus Saftflaschen, unterhielten sich oder spielten auf dem Holzfass vor der Apotheke Dame. Die weißen Frauen schwatzten derweil im Gemischtwarenladen, während ihre Babys friedlich nebeneinander auf dem Ladentisch schliefen, die Köpfchen auf Stoffballen gebettet.
Henrietta und ihre Cousinen verdingten sich bei den Weißen und pflückten auf deren Feldern für zehn Cent Tabak. So hatten sie genug Geld, um sich ihre geliebten Cowboyfilme mit Buck Jones anzusehen. Der Kinobesitzer zeigte Stummfilme, und seine Frau spielte dazu Klavier. Da sie aber nur ein einziges Stück konnte, eine fröhliche, karnevalsähnliche Melodie, spielte sie es immer – auch wenn auf der Leinwand gerade Blut floss oder jemand erschossen wurde. Die Lacks-Kinder saßen in der Abteilung für Farbige neben dem Projektor, der während des gesamten Films laut tickte wie ein Metronom.
 
Als Henrietta und Day älter wurden, fanden sie Spaß an Pferderennen auf dem Feldweg, der sich an der Tabakplantage der Lacks-Familie – sie hieß jetzt einfach Lacks Town – entlangzog. Die Jungen stritten sich immer darum, wer Charlie Horse reiten durfte, Opa Tommys großen Braunen, der schneller war als jedes andere Pferd in Clover. Henrietta und die anderen Mädchen sahen vom Hügel oder von mit Strohballen beladenen Wagen aus zu, hüpften auf und ab, klatschten in die Hände und kreischten, während die Jungen auf den Pferden vorübersausten.
Oft feuerte Henrietta Day an, manchmal aber auch Crazy Joe Grinnan, einen anderen Vetter. Crazy Joe war ein »überdurchschnittlicher Mann«, wie Vetter Cliff es ausdrückte: groß, stämmig und stark, mit dunkler Haut, einer scharf geschnittenen Nase und so viel dichtem Haar auf Kopf, Armen, Rücken und Hals, dass er sich im Sommer am ganzen Körper rasieren musste, um nicht allzu sehr unter der Hitze zu leiden. Crazy Joe wurde er genannt, weil er ungeheuer verliebt in Henrietta war und alles tat, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Denn mit ihrem hübschen Lächeln und den walnussbraunen Augen war sie das schönste Mädchen in Lacks Town.
Als Crazy Joe sich wegen Henrietta zum ersten Mal fast das Leben genommen hätte, war er ihr vorher – mitten im Winter – nachgelaufen, als sie sich auf dem Heimweg von der Schule befand. Er bettelte um eine Verabredung und sagte: »Hennie, na los … gib mir doch wenigstens eine Chance.« Als sie nur lachte, lief Crazy Joe davon, sprang geradewegs durch das Eis eines beinahe zugefrorenen Teiches und weigerte sich herauszukommen, bis sie sich einverstanden erklärte, mit ihm auszugehen.
Alle Vettern hänselten Joe und sagten: »Das Eiswasser hat ihn vielleicht ein wenig abgekühlt, aber er ist so heiß auf sie, dass es fast angefangen hat zu kochen!« Henriettas Cousine Sadie, die Schwester von Crazy Joe, schrie ihn an: »Mann, du bist so verknallt in das Mädel, und dann willste für se sterben? Das is nich richtig.«
Was sich im Einzelnen zwischen Henrietta und Crazy Joe abspielte, wusste niemand genau; bekannt war nur, dass es zu einigen Verabredungen und ein paar Küssen kam. Henrietta und Day aber schliefen in ein und demselben Zimmer, seit das Mädchen vier Jahre alt war, und so wunderte sich über das Nächste, was geschah, niemand: Sie bekamen gemeinsame Kinder. Ihr Sohn Lawrence wurde wenige Monate nach Henriettas vierzehntem Geburtstag geboren; vier Jahre später folgte seine Schwester Lucile Elsie Pleasant. Beide kamen wie früher schon ihr Vater, ihre Großmutter und ihr Großvater auf dem Fußboden des Home-House zur Welt.
Elsies Zustand wurde erst Jahre später mit Wörtern wie Epilepsie, geistige Behinderung oder Neurosyphilis beschrieben. Für die Leute in Lacks Town war sie bloß ein wenig einfach gestrickt. Sie kam so schnell zur Welt, dass Day noch nicht einmal mit der Hebamme zurück war. Elsie schoss geradezu heraus und fiel mit dem Kopf auf den Fußboden. Deshalb habe sie den Geist eines Säuglings behalten, sagen alle.
Die alten, staubigen Registerbücher aus Henriettas Kirche enthielten die Namen vieler Frauen, die man aus der Gemeinde ausgestoßen hatte, weil sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatten. Henrietta blieb das aus irgendeinem Grund erspart, obwohl in Lacks Town gemunkelt wurde, Crazy Joe könnte der Vater eines ihrer Kinder sein.