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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für Anya
auf ewig

Vorwort
Mein Buch Die Schatten der Globalisierung schrieb ich unmittelbar nach meinem Ausscheiden aus der Weltbank, wo ich von 1997 bis 2000 das Amt des Senior Vice President und Chefökonomen bekleidete. In diesem Buch schilderte ich einen Großteil meiner Erfahrungen bei der Weltbank und im Weißen Haus, wo ich von 1993 bis 1997 dem Wirtschaftswissenschaftlichen Beirat von Präsident William Jefferson Clinton zunächst als einfaches Mitglied und später als Vorsitzender angehörte. Es waren turbulente Jahre; die Finanzkrise in Ostasien in den Jahren 1997/98 stürzte einige der erfolgreichsten Entwicklungsländer in beispiellose Rezessionen und Depressionen. In der ehemaligen Sowjetunion führte der Übergang vom Kommunismus zur Marktwirtschaft, der neuen Wohlstand bringen sollte, stattdessen zu einem Rückgang des Einkommens und des Lebensstandards um bis zu 70 Prozent. Die Welt, die selbst unter optimalen Umständen durch scharfen Wettbewerb, Unsicherheit und Instabilität gekennzeichnet ist, ist kein Paradies, und die Entwicklungsländer taten nicht immer alles, was sie tun konnten, um ihre Lage aus eigener Kraft zu verbessern. Aber ich gelangte zu der Überzeugung, dass die Industriestaaten über internationale Organisationen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltbank ihrerseits nicht nur nicht alles in ihrer Macht Stehende taten, um diesen Ländern zu helfen, sondern ihnen manchmal sogar noch das Leben schwerer machten. IWF-Programme hatten die Krise in Ostasien eindeutig verschlimmert, und die »Schocktherapie«, die der IWF in der ehemaligen Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten propagiert hatte, trug maßgeblich dazu bei, dass der Systemwechsel hin zur Marktwirtschaft vielfach scheiterte.
In Die Schatten der Globalisierung habe ich viele dieser Themen behandelt. Ich glaubte, die Debatte um eine einzigartige Perspektive bereichern zu können, da ich selbst miterlebt hatte, wie wirtschaftspolitische Konzepte und Empfehlungen im Weißen Haus und bei der Weltbank formuliert werden. Dort arbeiteten wir gemeinsam mit Entwicklungsländern an Strategien, die das Wachstum ankurbeln und die Armut wirksam bekämpfen sollten. Genauso wichtig war die Tatsache, dass ich mich als Wirtschaftswissenschaftler seit nunmehr fast vierzig Jahren darum bemühe, die Stärken und Grenzen des marktwirtschaftlichen Systems zu verstehen. Meine Forschungen stellten nicht nur die Allgemeingültigkeit von Thesen über die Effizienz von Märkten, sondern auch einige der fundamentalen Glaubenssätze über die Globalisierung in Frage, etwa die Annahme, dass Freihandel zwangsläufig wohlfahrtssteigernd wirke.
Ich beschrieb einige der Fehlleistungen des internationalen Finanzsystems und seiner Institutionen und zeigte auf, weshalb nicht so viele Menschen von der Globalisierung profitierten, wie es eigentlich möglich und notwendig gewesen wäre. Und ich skizzierte eine Reihe von Maßnahmen, die in Angriff genommen werden müssen, um die Globalisierung zu einer echten Erfolgsgeschichte zu machen – insbesondere für die Armen und die Entwicklungsländer. Das Buch enthielt außerdem Vorschläge zur Reform der Weltfinanzordnung und der internationalen Finanzinstitutionen, die diese managen; aus Platzgründen konnte ich darauf jedoch nicht näher eingehen.
Meine Tätigkeit im Weißen Haus und bei der Weltbank verschaffte mir nicht nur außergewöhnliche Einblicke in die Probleme der Globalisierung, sondern auch die Grundlage für diesen Nachfolgeband. Ich unternahm damals zahlreiche Auslandsreisen und traf mich mit vielen hochrangigen Regierungsvertretern, um die Erfolge und Misserfolge der Globalisierung auszuloten. Auch nachdem ich Washington verlassen und wieder an die Universität zurückgekehrt war, beteiligte ich mich weiterhin an der Globalisierungsdebatte. Im Jahr 2001 erhielt ich den Nobelpreis für frühere theoretische Arbeiten zur Informationsökonomik. Seither habe ich Dutzende von Entwicklungsländern bereist, meine Gespräche mit Wissenschaftlern und Geschäftsleuten, mit Regierungschefs und Staatspräsidenten sowie mit Parlamentariern auf allen Kontinenten fortgesetzt und an Diskussionsforen über wirtschaftliche Entwicklung und Globalisierung teilgenommen, die sämtliche Segmente unserer globalen Gesellschaft betreffen.
Als ich vom Weißen Haus zur Weltbank wechseln wollte, bat mich Präsident Clinton zu bleiben, sowohl als Vorsitzender seines Wirtschaftswissenschaftlichen Beirats als auch in seinem Kabinett. Ich lehnte ab, weil ich die Aufgabe, Konzepte und Programme zur Bekämpfung der bitteren Armut zu erarbeiten, unter der die weniger entwickelte Welt litt, für eine weitaus bedeutendere Herausforderung hielt. Dass in einer Welt des Überflusses so viele Menschen in großer Armut leben, empfand ich als eine schreckliche Ungerechtigkeit. Die Probleme waren gewaltig, aber ich war zuversichtlich, dass man etwas dagegen unternehmen konnte. Ich nahm das Angebot der Weltbank nicht nur deshalb an, weil es mir neue Möglichkeiten eröffnete, die Schwierigkeiten zu erkunden, sondern auch, weil es mir eine Plattform bieten würde, die Anliegen der Entwicklungsländer zu unterstützen.
Während meiner mehrjährigen Tätigkeit bei der Weltbank begriff ich, weshalb die Globalisierung in ihrer gegenwärtigen Gestalt eine so große Unzufriedenheit hervorrief. Wirtschaftliche Entwicklung ist zwar möglich, aber sie ist durchaus kein »Selbstläufer«. Ich sah Länder, in denen die Armut nicht ab-, sondern zunahm, und ich hatte beobachtet, was das bedeutet – nicht nur statistisch, sondern im Leben der Menschen. Natürlich lässt sich keine Lösung herbeizaubern. Aber man kann eine Vielzahl von Veränderungen vornehmen – in den verschiedenen Politikfeldern, an wirtschaftlichen Institutionen, bei den Spielregeln und in den Einstellungen -, die dazu beitragen können, dass insbesondere die Entwicklungsländer stärker von der Globalisierung profitieren. Zu einigen Modifikationen wird es zwangsläufig kommen – Chinas Auftritt auf der globalen Bühne als dominante Produktionswirtschaft und Indiens Erfolg beim Outsourcing beispielsweise machen schon jetzt politische Korrekturen und ein Umdenken unumgänglich. Die Instabilität auf den Weltfinanzmärkten in den letzten zehn Jahren – von der Weltfinanzkrise 1997/98 über die lateinamerikanischen Krisen zu Beginn dieses Jahrtausends bis zum Kursverfall des Dollars Anfang 2003 – haben uns gezwungen, das Weltfinanzsystem zu überdenken. Früher oder später wird die Völkergemeinschaft einiges in dem Sinne revidieren müssen, wie ich es in den folgenden Kapiteln vorschlage; die Frage ist nicht so sehr, ob es zu diesen oder ähnlichen Veränderungen kommt, sondern wann – und, was noch wichtiger ist, ob sie vor oder nach einer Reihe weltweiter Katastrophen eintreten werden. Planlose, überstürzte Neuerungen im Gefolge einer Krise sind vermutlich nicht die beste Methode, das Weltwirtschaftssystem zu reformieren.
Das Ende des Kalten Krieges hat neue Chancen eröffnet und alte Beschränkungen beseitigt. Die Bedeutung der Marktwirtschaft ist mittlerweile allgemein anerkannt, und nach dem Niedergang des Kommunismus hätten sich die Regierungen jetzt eigentlich jenseits der ideologischen Grabenkämpfe darauf konzentrieren können, die Schwachstellen des Kapitalismus zu beseitigen. Die Welt hätte davon profitiert, wenn die USA die Gelegenheit genutzt hätten, am Aufbau eines internationalen Wirtschafts- und Politiksystems mitzuwirken, das sich auf Werte und Prinzipien stützt wie etwa die, dass ein Handelsabkommen die Entwicklung in armen Ländern fördert. Stattdessen haben die Industrieländer, die nicht länger um »die Herzen und Köpfe« der Menschen in der Dritten Welt konkurrieren mussten, eine Welthandelsordnung geschaffen, die den Sonderinteressen ihrer Konzerne und Finanzinstitute Vorschub leistet und den ärmsten Ländern der Welt schadet.
Entwicklung ist ein komplexer Prozess. Einer der Hauptkritikpunkte, die gegen den IWF und andere internationale Wirtschaftsinstitutionen erhoben werden, lautet, ihre Einheitslösungen würden – und könnten – diesen Komplexitäten nicht gerecht werden. Allerdings lassen sich aus den unzähligen ökonomischen Fallbeispielen durchaus einige allgemeine Prinzipien herauskristallisieren. Viele der erfolgreichen Entwicklungsländer haben eine ähnliche Politik betrieben, jeweils zugeschnitten auf ihre spezielle Situation. Ein Ziel dieses Buches besteht darin, diese Gemeinsamkeiten zu erläutern.
Ich sollte ein Wort zu dem Verhältnis zwischen meinen früheren Forschungsarbeiten, insbesondere jenen, für die mir später der Nobelpreis verliehen wurde, meinen wirtschaftspolitischen Positionen während meiner Jahre in Washington und meinen späteren Büchern, vor allem Die Schatten der Globalisierung und Die Roaring Nineties, sagen.
Meine früheren wissenschaftlichen Arbeiten über die Auswirkungen von unvollkommener und beschränkter Information und unvollkommenem Wettbewerb verdeutlichten mir die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Märkten. Im Verlauf der Jahre habe nicht nur ich diese Erkenntnisse auf die Makroökonomik ausgedehnt. Meine Arbeiten zur öffentlichen Finanzwissenschaft betonten die Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen Staat und Markt – eine Sichtweise, die weitgehend mit der Position der Regierung Clinton übereinstimmte und der ich im jährlich erscheinenden Economic Report of the President in den Jahren, in denen ich dem Wirtschaftswissenschaftlichen Beirat des Präsidenten angehörte, mit zum Ausdruck verhalf. Als ich zur Weltbank kam, fand ich Beunruhigendes vor: Die Weltbank – und mehr noch der IWF – propagierte eine konservative Wirtschaftspolitik (etwa die Privatisierung des Sozialversicherungswesens), die das genaue Gegenteil dessen war, wofür ich mich im Weißen Haus so energisch eingesetzt hatte. Schlimmer noch: Es wurden dort Modelle benutzt, die ich in meinen theoretischen Arbeiten als weitgehend unhaltbar widerlegt hatte. (Noch befremdeter war ich, als ich erfuhr, dass Clintons Finanzminister diese Politik ebenfalls unterstützte.)
Meine ökonomischen Forschungsarbeiten hatten die grundlegenden Fehler in den ökonomischen Konzepten des IWF, in dessen »Marktfundamentalismus«, aufgezeigt, also der Überzeugung, dass Märkte aus eigener Kraft zu ökonomischer Effizienz führen. Aus intellektueller Konsequenz – ausgehend von meinen früheren wissenschaftlichen Arbeiten – brachte ich meine Sorge darüber zum Ausdruck, dass die wirtschaftspolitischen Rezepte, die der IWF zum Beispiel in Ostasien anpries, womöglich alles nur noch schlimmer machten. Dies nicht zu tun, wäre eine sträfliche Vernachlässigung meiner Pflichten gewesen.
Das, wofür wir in der Regierung Clinton kämpften, war nicht nur für Amerikaner, sondern auch für den Rest der Welt von Bedeutung. Also setzte ich mich auch nach meinem Wechsel vom Weißen Haus zur Weltbank für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Markt und Staat ein, für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit und der Vollbeschäftigung. Die Themen, die ich während meiner Amtszeit bei der Weltbank zur Diskussion stellte – und die von vielen der dort arbeitenden Volkswirte sehr positiv aufgenommen wurden -, sind die gleichen, die ich in Die Schatten der Globalisierung behandelte.
Die erbitterten Kontroversen, die sich an den globalen Finanzkrisen und dem schwierigen Systemwechsel der vormals kommunistischen Staaten zur Marktwirtschaft entzündeten, sind mittlerweile abgeflaut. Heute kann man diese Fragen gelassener betrachten, und in vielen Grundfragen zeichnet sich, wie ich in Kapitel 1 beschreibe, ein Konsens ab, der sich weitgehend mit den Vorschlägen deckt, die ich in Die Schatten der Globalisierung dargelegt habe. Das Buch hat seinen Beitrag dazu geleistet, dass die Diskussion darüber, wie die Globalisierung neu gestaltet werden sollte, eine andere Richtung nahm. Eine Reihe dieser Vorschläge ist mittlerweile Allgemeingut, und sogar der IWF hat sich meinem Standpunkt angeschlossen, dass es außerordentlich riskant ist, spekulatives Kapital ungehindert hin und her fließen zu lassen. Die anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen der politischen Linken und Rechten in den USA und in anderen Ländern erinnern uns daran, dass es noch immer weitreichende Differenzen in der Wirtschaftspolitik und in grundlegenden Wertefragen gibt. So lautet einer der Hauptkritikpunkte an den weltwirtschaftlichen Institutionen, dass sie, ohne Rücksicht auf die Umstände des Einzelfalls, immer ein ganz bestimmtes wirtschaftspolitisches Konzept vertreten haben – eines, das meines Erachtens in vielerlei Hinsicht verfehlt ist.
In diesem Buch spiegelt sich mein Glaube an demokratische Prozesse wider: meine Überzeugung, dass aufgeklärte, informierte Bürger einen gewissen Schutz davor bieten, dass einseitige, beschränkte Unternehmens- und Finanzinteressen, die den Globalisierungsprozess bislang bestimmt haben, ihre Machtstellung auch in Zukunft missbrauchen, dass die gewöhnlichen Bürger der Industrie- und Entwicklungsländer ein gemeinsames Interesse daran haben, die Globalisierung zu einer Erfolgsgeschichte für alle zu machen. Ich hoffe, dass dieses Buch wie Die Schatten der Globalisierung die Globalisierungsdebatte – und letztlich auch die politischen Prozesse, die die Globalisierung gestalten – verändern wird.
Auf dem Feld der Globalisierung werden einige unserer wichtigsten gesellschaftlichen Konflikte – einschließlich der Auseinandersetzungen über Grundwerte – ausgetragen, darunter die essenzielle Frage, wie die Aufgaben zwischen Staat und Markt verteilt werden sollen.
Konservative konnten sich früher auf Adam Smiths »unsichtbare Hand« berufen, die Annahme, Märkte und die Verfolgung eigennütziger Interessen brächten, wie von unsichtbarer Hand, ökonomisch effiziente Ergebnisse hervor. Selbst wenn sie einräumten, dass Märkte von sich aus vielleicht keine gesellschaftlich akzeptable Einkommensverteilung erzeugten, behaupteten sie, Effizienz- und Gerechtigkeitsfragen seien voneinander zu trennen.
Nach dieser konservativen Auffassung geht es in der Ökonomie um Effizienz, während Fragen der Gerechtigkeit (die wie die Schönheit so oft im Auge des Betrachters liege) der Politik vorbehalten bleiben sollten. Heute ist die theoretische Begründung des Marktfundamentalismus weitgehend widerlegt. Meine Forschungen über die Informationsökonomik zeigten, dass bei unvollkommener Information, insbesondere bei asymmetrischer Information – wo einige Personen etwas wissen, was andere nicht wissen -, (anders gesagt, immer) die unsichtbare Hand deshalb unsichtbar zu sein scheint, weil sie nicht da ist. Ohne sachgerechte staatliche Regulierung und Intervention führen Märkte nicht zu ökonomisch effizienten Ergebnissen.
In den letzten Jahren haben wir spektakuläre Beispiele für diese theoretischen Einsichten gesehen. Wie ich in meinem Buch Die Roaring Nineties geschildert habe, führte die Verfolgung eigennütziger Interessen durch Vorstandsvorsitzende, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Investmentbanken nicht zu ökonomischer Effizienz, sondern zu einer spekulativen »Seifenblase«, die mit massiven Fehlinvestitionen einherging. Und das Platzen der Blase löste, wie fast immer, eine Rezession aus.
Heute besteht (zumindest unter Volkswirten, wenn auch nicht unter Politikern) weitgehend Einvernehmen über die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Märkten. Die Skandale der neunziger Jahre in den USA und in anderen Ländern stürzten »das System der Unternehmensfinanzierung und den Kapitalismus amerikanischen Stils« von dem Sockel, auf dem sie zu lange gestanden haben. Allgemeiner ausgedrückt: Man hat erkannt, dass der oftmals kurzfristige Horizont der Wall Street unvereinbar ist mit wirtschaftlicher Entwicklung, die eine langfristige Strategie und Planung erfordert.
Außerdem setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass es nicht nur eine Form von Kapitalismus gibt, nicht nur ein »richtiges« wirtschaftliches Rahmenmodell. So existieren zum Beispiel andere Formen der Marktwirtschaft – wie etwa die schwedische Variante, die anhaltendes und robustes Wachstum erzeugt hat -, die eine ganz andere Gesellschaft hervorgebracht haben, mit einem besseren Gesundheits- und Bildungssystem und weniger Ungleichheit. Auch wenn das schwedische Modell in anderen Ländern nicht so gut funktioniert oder für ein bestimmtes Entwicklungsland ungeeignet sein mag, beweist sein Erfolg, dass alternative Formen erfolgreicher Marktwirtschaften bestehen können. Und wenn es Alternativen und Wahlmöglichkeiten gibt, sollten demokratische politische Prozesse – und nicht Technokraten – bei der Entscheidungsfindung im Mittelpunkt stehen. Ich kritisiere an den internationalen wirtschaftlichen Institutionen unter anderem, dass sie so taten, als gäbe es keine Zielkonflikte (Trade-offs) – als würde eine politische Agenda alle Menschen besser stellen, wo es in der Wirtschaftspolitik doch immer um eine Auswahl unter Alternativen geht, von denen einige bestimmte Gruppen (wie etwa ausländische Kapitalisten) auf Kosten anderer Gruppen begünstigen und andere bestimmten Gruppen (etwa Arbeitnehmern) zu Gunsten anderer Risiken auferlegen.
Eine der Grundentscheidungen, die alle Gesellschaften treffen müssen, betrifft die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben. Ökonomischer Erfolg setzt voraus, dass zwischen Staat und Markt ein angemessenes Gleichgewicht hergestellt wird. Welche Leistungen sollte der Staat erbringen? Sollte es eine staatliche Rentenversicherung geben? Sollte der Staat bestimmte Wirtschaftssektoren durch Anreize fördern? Welche Rechtsvorschriften zum Schutz der Arbeitnehmer, der Verbraucher und der Umwelt sollte er erlassen, oder sollte er darauf verzichten? Dieses Gleichgewicht zwischen Markt und Staat verändert sich natürlich mit der Zeit, und es unterscheidet sich auch von Land zu Land. Ich werde aufzeigen, dass die Globalisierung, so wie sie bislang gestaltet wurde, das Finden der notwendigen Balance oftmals erschwert hat.
Die Globalisierungskritiker haben Recht, wenn sie behaupten, die Globalisierung sei dazu benutzt worden, einen bestimmten Wertekodex zur Geltung zu bringen. Ich hoffe aber auch zu zeigen, dass dies nicht so sein muss. Die Globalisierung muss keineswegs zwangsläufig der Umwelt schaden, die Ungleichheit verschärfen, die kulturelle Vielfalt schwächen und die Unternehmensinteressen auf Kosten des Wohlstands der gewöhnlichen Bürger fördern. Vielmehr kann sie, sofern sie in geordnete Bahnen gelenkt wird, wie es bei der erfolgreichen Entwicklung vieler ostasiatischer Länder der Fall war, sowohl den Entwicklungs- als auch den Industrieländern nachhaltig zum Vorteil gereichen.
An der Haltung zur Globalisierung, an den Versäumnissen und Ungerechtigkeiten, die mit ihrer Gestaltung verbunden werden, zeigen sich wie bei einem Rohrschach-Test die Grundüberzeugungen und Einstellungen von Ländern und Völkern. Welche Auffassung haben sie von der angemessenen Rolle von Staat und Markt? Welchen Stellenwert räumen sie sozialer Gerechtigkeit und anderen nicht-ökonomischen Werten ein?
Ökonomen, die der Verringerung von Einkommensunterschieden weniger Gewicht beimessen, neigen der Ansicht zu, staatliche Maßnahmen zum Ausgleich dieser Ungleichheit seien zu kostspielig und möglicherweise sogar kontraproduktiv. Diese Anhänger einer »freien Marktwirtschaft« glauben auch eher, dass Märkte von sich aus, ohne staatliche Eingriffe, effizient seien und dass man den Armen am besten dadurch helfe, dass man für Wirtschaftswachstum sorge – irgendwie würden die positiven Einkommenseffekte dann schon zu den Bedürftigen »durchsickern«. (Interessanterweise hält sich diese Überzeugung noch immer, obwohl wirtschaftswissenschaftliche Forschungen ihr theoretisch den Boden entzogen haben.)
Ökonomen, die wie ich der Ansicht sind, dass Märkte oft keine effizienten Ergebnisse hervorbringen (sondern zum Beispiel zu viel Umweltverschmutzung und zu wenig Grundlagenforschung) und dass gravierende Einkommensunterschiede und ein hohes Maß an Armut zu Störungen des Marktes führen, denken, dass die Verringerung dieser Ungleichheit weniger kosten kann, als konservative Ökonomen vorhersagen. Diejenigen, denen Ungleichheit und Armut ein Dorn im Auge sind, sehen auch die gewaltigen Kosten, die entstehen, wenn man sich nicht mit diesen Problemen befasst: die gesellschaftlichen Folgen, psychische Störungen, Gewalttätigkeit und soziale Konflikte eingeschlossen. Auch die Möglichkeiten staatlicher Intervention beurteilen sie positiver. Selbst wenn die öffentliche Verwaltung manchmal – oder vielleicht auch oft – nicht so effizient arbeitet, wie man es sich wünschen würde, gibt es bemerkenswerte Erfolgsbeispiele, von denen ich einige auf den folgenden Seiten erörtern werde. Alle vom Menschen geschaffenen Institutionen sind unvollkommen, und jede Institution sollte aus Erfolgen und Fehlschlägen lernen.
Diese unterschiedlichen Einschätzungen über das richtige Einschreiten gegen Armut und Ungleichheit spiegeln sich in den Auffassungen darüber wider, wie Armut und Ungleichheit entstehen. Grob gesagt, sind diejenigen, die sich mit der Ungleichheit nicht abfinden wollen, der Meinung, dass Reichtum zu einem guten Teil eine Frage des Glücks ist – des Glücks, mit guten Genen oder als Kind reicher Eltern auf die Welt zu kommen (die »Sperma-Lotterie«), oder des Glücks, ein Grundstück zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu kaufen (kurz bevor dort Öl gefunden wird oder bevor sich eine örtliche Immobilienblase entwickelt). Diejenigen, die sich davon weniger beunruhigen lassen, sind der Ansicht, dass Reichtum Lohn für harte Arbeit ist. Nach dieser Sichtweise beseitigt eine Einkommensumverteilung nicht nur Anreize für eine hohe Arbeitsmotivation und eine verstärkte Ersparnisbildung, sondern ist sogar beinahe unmoralisch, denn sie nimmt dem Einzelnen den wohlverdienten Lohn für seine Leistung.
Diesen Positionen entsprechen Standpunkte in einer Fülle anderer Fragen. Diejenigen, denen es weniger um die Verminderung von Ungleichheit und mehr um ökonomische Effizienz zu tun ist, interessieren sich oftmals weniger für nicht-ökonomische Werte wie soziale Gerechtigkeit, Umwelt, kulturelle Vielfalt, allgemeinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Verbraucherschutz. (Natürlich gibt es viele Ausnahmen – zum Beispiel Konservative, die für den Schutz der Umwelt eintreten.)
Ich betone diese Zusammenhänge zwischen ökonomischen und kulturellen Haltungen, um zu verdeutlichen, wie sehr es darauf ankommt, wem wir Schlüsselaspekte der wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung anvertrauen. Wenn man die Entscheidungsfindung an »Konservative« delegiert, dann bekommt man zwangsläufig eine Wirtschaftspolitik und Ergebnisse, in denen sich deren politische Interessen und kulturelle Werte widerspiegeln. In diesem Buch spiegeln sich selbstverständlich meine persönlichen Urteile und Werte wider; zumindest hoffe ich, transparent zu sein und beide Seiten der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Debatten darzustellen.

Die Globalisierung vor ihren Anhängern schützen

Während der Weltwirtschaftskrise, vor rund siebzig Jahren, formulierte der britische Ökonom John Maynard Keynes seine Theorie der Arbeitslosigkeit. Darin legte er im Einzelnen dar, wie staatliche Maßnahmen dazu beitragen können, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen und Vollbeschäftigung zu erreichen. Keynes wurde von Konservativen diffamiert, die ihm vorwarfen, die Rolle des Staates ausweiten zu wollen. Sie begriffen die Haushaltsdefizite, die zwangsläufig mit einem konjunkturellen Abschwung einhergehen, als Gelegenheit, um staatliche Programme zu beschneiden. Aber Keynes tat mehr zur Rettung des kapitalistischen Systems als all die marktgläubigen Finanzkapitalisten zusammengenommen. Wäre man dem Rat der Konservativen gefolgt, dann wäre die »Große Depression« noch schlimmer verlaufen; sie hätte länger gedauert und hätte tiefer gereicht, und die Forderung nach einer Alternative zum Kapitalismus wäre immer lauter vorgetragen worden. Aus demselben Grund glaube ich, dass sich die gegenwärtige Dynamik der Globalisierung nur aufrechterhalten lässt, wenn wir ihre Probleme erkennen und beseitigen.
Die Globalisierung ist wie wirtschaftliche Entwicklung nicht unvermeidlich – auch wenn starke politische und ökonomische Kräfte dahinterstecken. Den meisten Indikatoren zufolge verlangsamten sich sowohl das Tempo als auch der Umfang der Globalisierung zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, sie drehte sich sogar um. So waren beispielsweise Außenhandelskennziffern, ausgedrückt in Prozent des Bruttoinlandsprodukts, rückläufig. Wenn die Globalisierung für viele oder die meisten Bürger eines Landes eine Senkung des Lebensstandards bedeutet und wenn sie elementare kulturelle Werte gefährdet, dann wird es zu politischen Forderungen kommen, sie zu drosseln oder ganz zu unterbinden.
Der Weg, den die Globalisierung nimmt, wird selbstverständlich nicht nur durch die Kraft von Ideen und Erfahrungen verändert (zum Beispiel durch Vorstellungen darüber, ob die Liberalisierung des Handels oder des Kapitalmarkts das Wachstum fördern wird, und die tatsächlichen Erfahrungen mit diesen Reformen), sondern auch durch globale Ereignisse. In den letzten Jahren haben die Attentate vom 11. September und der Krieg gegen den Terrorismus, der Krieg im Irak und der Aufstieg Chinas und Indiens die Globalisierungsdebatte jeweils in einer Weise neu definiert, die ich erörtern werde.
Dieses Buch befasst sich nicht nur mit ökonomischen Aspekten im engeren Sinne, sondern auch mit der Frage, wie die Politik das Wirtschaftssystem gestaltet. Nach Ansicht der Ökonomen sind Anreize von Bedeutung. Und es gibt starke Anreize – und weitreichende Möglichkeiten – dafür, politische Prozesse und das Wirtschaftssystem so anzulegen, dass sie für einige wenige auf Kosten der Mehrheit gewinnbringend sind.
Die Macht partikularer Interessen lässt sich durch offene, demokratische Prozesse jedoch begrenzen. Wir können ethische Maßstäbe im Wirtschaftsleben wieder zur Geltung bringen. Regelwerke für eine verantwortliche Unternehmensführung und -kontrolle können durchaus so gestaltet sein, dass sie nicht nur die Rechte der Aktionäre, sondern auch die der anderen Personengruppen, die von den Aktivitäten des Unternehmens betroffen sind, anerkennen. Engagierte und gebildete Bürger wissen, was man tun muss, damit die Globalisierung allen Menschen oder doch weit mehr Menschen als heute zugute kommt, und sie können verlangen, dass ihre Regierungen entsprechende Rahmenbedingungen für die Globalisierung schaffen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch dazu beiträgt, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

KAPITEL 1
Eine andere Welt ist möglich
Auf einer weiten Fläche am Stadtrand von Mumbai trafen sich im Januar 2004 Aktivisten aus der ganzen Welt zum Weltsozialforum. Das Ambiente bei diesem ersten Forum in Asien war ganz anders als bei den Veranstaltungen, die in den vorangegangenen vier Jahren im brasilianischen Porto Alegre stattgefunden hatten. Über 100 000 Menschen nahmen an diesem einwöchigen Ereignis teil, und die ganze Szenerie glich, wie Indien selbst, einem bunten Gewühl. Organisationen, die sich für fairen Handel einsetzen, hatten reihenweise Verkaufsstände aufgebaut, an denen handgefertigter Schmuck, farbenfrohe Textilien und Haushaltswaren feilgeboten wurden. Transparente am Straßenrand verkündeten: »Handloom is a Biggest Employment Source in India« (Handwebstühle sind die größte Erwerbsquelle in Indien). Demonstranten schlugen Trommeln und sangen Slogans, während sie sich im Gänsemarsch ihren Weg durch die Menschenmassen bahnten. Gruppen von dalit-Aktivisten (Angehörige der Kasten, die früher »Unberührbare« genannt wurden) im Lendenschurz, Vertreter von Arbeiterrechtsorganisationen und Frauengruppen, der Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) standen auf Tuchfühlung miteinander. Tausende versammelten sich in provisorisch hergerichteten Hallen, groß wie Hangars, um Redner wie die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson (von 1997 bis 2002 UN-Menschenrechtskommissarin) und die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi zu hören. Es war heiß und feucht, und überall herrschte dichtes Gedränge.
Auf dem Weltsozialforum fanden viele Gespräche statt. Es wurde debattiert, wie man die mächtigen internationalen Institutionen reorganisieren und die Macht der USA beschneiden könnte. Aber ein Thema überragte alle anderen: die Globalisierung. Einig war man sich darin, dass Veränderungen notwendig sind, was in dem Motto der Konferenz »Eine andere Welt ist möglich« prägnant zum Ausdruck gebracht wurde. Die versammelten Aktivisten hatten von den Verheißungen der Globalisierung gehört – dass sie allen Wohlstand bringen werde. Gesehen hatten sie jedoch die Wirklichkeit: Während es einigen tatsächlich sehr gut ging, waren andere schlechter dran. Ihres Erachtens war die Globalisierung in erheblichem Maße Teil des Problems.
Die Globalisierung umfasst vieles: den internationalen Austausch von Ideen und Wissen, die Vermischung der Kulturen, die globale Zivilgesellschaft und die globale Umweltbewegung. Dieses Buch befasst sich in erster Linie mit der ökonomischen Globalisierung, also der engeren wirtschaftlichen Verflechtung aller Staaten der Welt durch den zunehmenden Austausch von Gütern und Dienstleistungen, Kapital und auch Arbeitskräften. Die große Verheißung der Globalisierung liegt darin, dass sie zu einer weltweiten Erhöhung des Lebensstandards führen soll, indem sie erstens armen Ländern Zugang zu Auslandsmärkten verschafft, so dass diese ihre Güter dort absetzen können, zweitens den ungehinderten Fluss ausländischer Investitionen, die die Herstellung neuer, billigerer Produkte ermöglichen, zulässt und drittens die Grenzen durchlässiger macht, damit Menschen leichter in andere Länder reisen können, um sich dort weiterzubilden, zu arbeiten und einen Teil ihres Arbeitseinkommens in ihre Heimatländer zu schicken, um dort wiederum ihre Familien zu unterstützen und neue Betriebe zu finanzieren.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen in den Entwicklungs- wie in den Industrieländern enormen Nutzen aus der Globalisierung ziehen könnten. Aber bislang deutet alles darauf hin, dass die Globalisierung dieses Potenzial nicht eingelöst hat. Dieses Buch wird zeigen, dass das Problem nicht die Globalisierung als solche ist, sondern die Art und Weise, wie sie bislang gestaltet wurde. Vorangetrieben wurde die Globalisierung durch ökonomische Faktoren, insbesondere durch die Senkung der Kommunikations- und Transportkosten. Geformt wurde sie jedoch durch politische Interessen. Die Spielregeln haben weitgehend die Industriestaaten festgelegt – geleitet vor allem von in ihren Ländern vertretenen Sonderinteressen – und dabei, wen wundert’s, den Ordnungsrahmen der Globalisierung so gestaltet, dass sie ihren Belangen förderlich ist. Es ging ihnen mitnichten um einen fairen Regelkodex oder gar einen, der dem Wohlergehen der Menschen in den ärmsten Ländern der Welt zugute kommen würde.
Nach unserer Teilnahme am Weltsozialforum gehörten Mary Robinson, der Kanzler der Universität Delhi, Deepak Nayaar, der Präsident der Internationalen Arbeitsorganisation, Juan Somavia, und ich zu den wenigen, die zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Wintersportort Davos weiterreisten, wo sich die globale Elite trifft, um über die ökonomische Weltlage zu beraten. Die Ansichten, die hier in diesem verschneiten Gebirgsort von den Industrie- und Finanzkapitänen der Welt über die Globalisierung geäußert wurden, unterschieden sich wesentlich von denen, die in Mumbai zu hören waren.
Das Weltsozialforum war eine offene Veranstaltung, die zahllose Menschen aus der ganzen Welt zusammenbrachte, um über gesellschaftliche Veränderungsprozesse und darüber zu diskutieren, wie sich das Schlagwort »Eine andere Welt ist möglich« in die Tat umsetzen ließe. Es verlief chaotisch, ohne feste Vorgaben und wunderbar lebendig – eine Gelegenheit, sich zu begegnen, sich Gehör zu verschaffen und mit anderen Aktivisten Kontakte zu knüpfen. Auch in Davos kommen die Macher dieser Welt hauptsächlich deswegen zusammen, um neue Verbindungen aufzubauen und alte zu pflegen. Davos ist eine geschlossene Veranstaltung, auf der man die Stimmung unter den globalen Wirtschaftsführern schon immer gut erkunden konnte. Die im Wesentlichen auf weiße Geschäftsleute beschränkte Einladungsliste, ergänzt um hochrangige Politiker und ausgewählte Journalisten, wurde in den letzten Jahren allerdings erweitert. Seitdem gehört auch eine Reihe von Künstlern, Intellektuellen und NGO-Vertretern zu den Geladenen.
In Davos konnte man ein Gefühl der Erleichterung und auch ein bisschen Selbstzufriedenheit spüren. Die Weltwirtschaft, die sich seit dem Platzen der Dotcom-Blase in den USA schwach entwickelt hatte, erholte sich endlich, und der »Krieg gegen den Terror« schien planmäßig zu verlaufen. Das Treffen im Jahr 2003 war von starken Spannungen zwischen den USA und den übrigen Ländern wegen des Irak-Krieges überschattet gewesen, und in den Jahren davor war es zu Meinungsverschiedenheiten über die Richtung gekommen, die die Globalisierung nehmen sollte. 2004 herrschte allgemeine Erleichterung darüber, dass wenigstens diese Spannungen nachgelassen hatten, auch wenn der amerikanische Unilateralismus, die Tatsache, dass das mächtigste Land der Erde anderen seinen Willen aufzwang, während es zugleich Demokratie, das Recht auf Selbstbestimmung und Menschenrechte predigte, Anlass zur Sorge gab. Menschen in der Dritten Welt ärgerten sich schon lange über die Art und Weise, wie Entscheidungen von globaler Tragweite – wirtschaftlicher und politischer Art, die sich auf ihr Leben auswirkten – getroffen wurden. Jetzt hatte es den Anschein, als wäre der Rest der Welt ebenfalls besorgt.
Ich fahre seit vielen Jahren zu den Treffen in Davos, und dort wurde immer mit großer Begeisterung über die Globalisierung gesprochen. Was mich an dem Treffen 2004 faszinierte, war die Schnelligkeit, mit der sich die Meinungen gewandelt hatten. Mehr Teilnehmer denn je bezweifelten, ob die Globalisierung tatsächlich die verheißenen Früchte bringen würde – zumindest für viele Menschen in den ärmeren Ländern. Ernüchtert durch die weltwirtschaftliche Instabilität, die das ausgehende zwanzigste Jahrhundert kennzeichnete, fragten sie sich nun, ob die Entwicklungsländer die Folgen bewältigen konnten. Dieser Meinungswandel ist typisch für eine grundlegende Neubewertung der Globalisierung, die in den letzten fünf Jahren weltweit stattgefunden hat. In den neunziger Jahren drehten sich die Diskussionen in Davos um die Vorteile der Öffnung internationaler Märkte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen Armutsbekämpfung, Menschenrechte und die Notwendigkeit fairer Handelsabkommen im Mittelpunkt.
Vor allem eine Davoser Diskussionsrunde über Handelsfragen legte die gegensätzlichen Standpunkte der Industrie- und der Entwicklungsländer offen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Welthandelsorganisation sagte, die Entwicklungsländer seien selbst schuld, wenn die Handelsliberalisierung – der Abbau von Zöllen und anderen Handelsschranken – nicht die erwarteten Wachstumsimpulse gebracht und die Armut nicht im erhofften Ausmaß verringert habe; sie müssten ihre Märkte stärker dem Freihandel öffnen und sich schneller in die Weltwirtschaft integrieren. Ein Inder, der eine Kleinkreditbank leitete, stellte indes die Kehrseite des Freihandels für Indien heraus. Er berichtete von Erdnussbauern, die nicht mit eingeführtem malaysischem Palmöl konkurrieren konnten. Für mittelständische Betriebe sei es schwer, Bankkredite zu erhalten. Das war nicht neu. Überall auf der Welt mussten Länder, die ihren Bankensektor internationalen Großbanken öffneten, feststellen, dass diese Banken lieber mit anderen multinationalen Konzernen wie Coca-Cola, IBM und Microsoft Geschäfte machten. Im Wettbewerb zwischen internationalen Großbanken und inländischen Banken schienen die Inlandsbanken oftmals den Kürzeren zu ziehen, aber die eigentlichen Verlierer waren die inländischen Kleinbetriebe, die auf diese Banken angewiesen waren. Die Ratlosigkeit einiger Zuhörer, die überzeugt davon waren, die Anwesenheit internationaler Banken sei eindeutig für alle das Beste, zeigte, dass diese Manager ähnlichen Klagen Argentiniens und Mexikos kaum Beachtung geschenkt hatten; in beiden Ländern kam die Kreditvergabe an inländische Firmen weitgehend zum Erliegen, nachdem viele ihrer Banken in den neunziger Jahren von ausländischen Großbanken übernommen worden waren.
Sowohl in Mumbai als auch in Davos wurde über Reformen diskutiert. In Mumbai wurde die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert, die Globalisierung fairer zu gestalten. In Davos wurden die Entwicklungsländer eindringlich ermahnt, die Korruption entschlossener zu bekämpfen, ihre Märkte zu liberalisieren und sich den multinationalen Unternehmen zu öffnen, die auf dem Treffen so zahlreich vertreten waren. Einig war man sich jedoch auf beiden Veranstaltungen, dass etwas geschehen musste. In Davos wurde die Verantwortung dafür vehement auf die Entwicklungsländer abgewälzt; in Mumbai wurde die gesamte internationale Staatengemeinschaft in die Pflicht genommen.

Die zwei Gesichter der Globalisierung

Anfang der neunziger Jahre wurde die Globalisierung euphorisch begrüßt. Der Kapitalzufluss in die Entwicklungsländer hatte sich binnen sechs Jahren, von 1990 bis 1996, versechsfacht. Mit der Gründung der Welthandelsorganisation im Jahr 1995 – dem krönenden Abschluss fünfzigjähriger Bemühungen – wollte man den internationalen Handel mit einem gewissen rechtlichen Ordnungsrahmen versehen. Alle, so die Annahme, würden davon profitieren – die Menschen in den Industrie- wie in den Entwicklungsländern. Die Globalisierung sollte allen beispiellosen Wohlstand bringen.
Kein Wunder also, dass der erste größere Protest gegen die Globalisierung im Dezember 1999 in Seattle – wo eine neue Handelsrunde mit dem Ziel eines weiteren Abbaus von Handelsschranken eingeläutet werden sollte – die Verfechter freier Märkte unvorbereitet traf. Der Globalisierung war es gelungen, Menschen aus der ganzen Welt gegen die Globalisierung zusammenzuschmieden. Fabrikarbeiter in den USA sahen ihre Arbeitsplätze durch Konkurrenz aus China bedroht. Kleinbauern in der Dritten Welt fürchteten wegen hochsubventionierten Maises und anderer Nutzpflanzen aus den USA um ihr Auskommen. Arbeitnehmer in Europa mussten erleben, dass der hart erkämpfte Kündigungsschutz im Namen der Globalisierung immer stärker unter Druck geriet. Aids-Aktivisten mussten feststellen, dass im Gefolge neuer Handelsabkommen die Preise für Medikamente so stark anstiegen, dass diese für viele Betroffene in ärmeren Ländern unerschwinglich wurden. Umweltschützer mussten beobachten, wie die Globalisierung ihren jahrzehntelangen Kampf für gesetzliche Vorschriften zum Schutz unserer natürlichen Umwelt untergrub. Auch diejenigen, die ihr kulturelles Erbe schützen und entwickeln wollten, bekamen die störenden Einflüsse der Globalisierung zu spüren. Das Argument, die Globalisierung werde letztlich alle Menschen, zumindest in ökonomischer Hinsicht, besser stellen, ließen diese Demonstranten nicht gelten.
Viele Berichte und Kommissionen haben sich mit dem Thema Globalisierung befasst. Ich selbst gehörte der World Commission on the Social Dimension of Globalization an, die 2001 von der Internationalen Arbeitsorganisation (1919 in Genf gegründet, um Regierung, Wirtschaft und Arbeitnehmer zusammenzubringen) eingesetzt wurde. Die gemeinsam vom tansanischen Präsidenten Benjamin W. Mkapa und der finnischen Präsidentin Tarja Kaarina Halonen geleitete Kommission gab 2004 einen Bericht heraus, der zu einem sehr skeptischen Urteil gelangte. Ein paar Zeilen daraus verdeutlichen, was viele Menschen über die Globalisierung denken:
Der gegenwärtige Globalisierungsprozess bringt unausgewogene Ergebnisse hervor, sowohl international als auch innerstaatlich. Zwar gibt es positive Wohlstandseffekte, aber zu viele Länder und Menschen bleiben davon ausgeschlossen. Sie haben auch kaum oder gar keinen Einfluss auf diesen Prozess. Aus Sicht der überwältigenden Mehrheit der Frauen und Männer hat die Globalisierung ihre einfachen und berechtigten Erwartungen hinsichtlich auskömmlicher Arbeitsplätze und einer besseren Zukunft für ihre Kinder nicht erfüllt. Viele von ihnen leben in der Unsicherheit einer Schattenwirtschaft ohne formale Rechte und einer Reihe armer Länder, die sich am Rande der Weltwirtschaft mit Mühe und Not über Wasser halten. Selbst in wirtschaftlich erfolgreichen Ländern hat die Globalisierung für manche Arbeitnehmer und Gemeinschaften negative Folgen gezeitigt. Inzwischen schärft die Revolution in den globalen Kommunikationstechnologien das Bewusstsein für diese Ungleichheiten … diese globale Unausgewogenheit ist moralisch unannehmbar und politisch untragbar.
Die Kommission analysierte die Entwicklung in 73 Ländern. Und sie gelangte zu überraschenden Ergebnissen. In allen Weltregionen mit Ausnahme von Südasien, der USA und der EU stieg die Arbeitslosigkeit zwischen 1990 und 2002 an. Als der Bericht veröffentlicht wurde, hatte die globale Arbeitslosenzahl mit 185,9 Millionen einen neuen Höchststand erreicht. Die Kommission stellte außerdem fest, dass 59 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit zunehmender Ungleichheit lebten und nur 5 Prozent in Ländern mit abnehmender Ungleichheit. Sogar in den meisten Industrieländern wurden die Reichen immer reicher, die Armen oft noch ärmer.
Kurz, die Globalisierung mag einigen Ländern geholfen haben – ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP, der Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen) mag zugenommen haben -, aber trotzdem haben die meisten Menschen davon nicht profitiert. Die Globalisierung drohte reiche Länder mit armen Menschen hervorzubringen.
Selbstverständlich haben diejenigen, die unzufrieden sind mit der ökonomischen Globalisierung, im Allgemeinen nichts gegen den größeren Zugang zu Weltmärkten oder die weltweite Ausbreitung von Wissen einzuwenden, dank deren die Dritte Welt aus den Entdeckungen und Innovationen in den Industrieländern Nutzen ziehen kann. Sie kritisieren vielmehr die folgenden fünf Punkte:
• Die Spielregeln der Globalisierung sind unfair, da sie auf die spezifischen Interessen der fortgeschrittenen Industrieländer zugeschnitten sind. Tatsächlich sind einige neuere Veränderungen so unfair, dass sie einige der ärmsten Länder noch ärmer gemacht haben.
• Die Globalisierung stellt materielle Werte über andere Werte wie etwa die Sorge um die Erhaltung der Umwelt oder um den Schutz des Lebens selbst.
• Die Instanzen, die die Globalisierung maßgeblich gestalten, haben den Entwicklungsländern einen Großteil ihrer Hoheitsbefugnisse genommen, so dass sie in Schlüsselbereichen, die das Wohl ihrer Bürger beeinflussen, keine selbstständigen Entscheidungen mehr treffen können. In diesem Sinne hat die Globalisierung die Demokratie untergraben.
• Während die Befürworter der Globalisierung behaupten, alle Menschen würden wirtschaftlich profitieren, finden sich in den Entwicklungs- wie in Industrieländern zahlreiche Belege dafür, dass es viele Verlierer gibt.
• Der vielleicht wichtigste Punkt: Das Wirtschaftssystem, das den Entwicklungsländern aufgenötigt – in einigen Fällen sogar regelrecht aufgezwungen – wurde, ist unangemessen und oftmals äußerst schädlich. Globalisierung sollte nicht gleichbedeutend sein mit der Amerikanisierung der Wirtschaftspolitik oder der Kultur, aber genau dies ist oft der Fall und sorgt für erheblichen Unmut.
Der letzte Punkt ist für die Menschen in den Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen von Belang. Es gibt viele Formen der Marktwirtschaft – das amerikanische Modell unterscheidet sich von dem der skandinavischen Staaten, vom japanischen Modell sowie vom europäischen Modell der sozialen Marktwirtschaft. Selbst die Menschen in den Industriestaaten nehmen Anstoß daran, dass die Globalisierung dazu benutzt wurde, um das »liberale angloamerikanische Modell« gegenüber diesen Alternativen voranzutreiben. Und selbst wenn das amerikanische Modell, gemessen am BIP, erfolgreich war – in vielen anderen Hinsichten, etwa was die Lebenserwartung (und, wie manche behaupten würden, Lebensqualität), die Armutsbekämpfung oder auch die Bewahrung des Wohlstands der Mittelschicht anlangt, hat es enttäuscht. Die Reallöhne in den USA, insbesondere in den untersten Lohngruppen, stagnieren seit über 25 Jahren, und die Einkommen sind deshalb so hoch, weil die Amerikaner viel länger arbeiten als die Europäer. Viele Menschen in anderen Ländern sind daher nicht sicher, ob sie das amerikanische Modell der Marktwirtschaft überhaupt wollen. In der Dritten Welt wird sogar noch schärfere Kritik geäußert: dass die Globalisierung dazu benutzt wird, um eine Spielart der Marktwirtschaft durchzusetzen, die noch extremer und noch einseitiger von Unternehmensinteressen geprägt ist als die US-amerikanische Variante.

Globalisierung und Armut

Kritiker der Globalisierung verweisen auf die wachsende Zahl von Menschen, die in Armut leben. Auf der Welt findet ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum statt, und bislang hat das Bevölkerungswachstum die Nase vorn. Obgleich der Prozentsatz der in Armut lebenden Menschen rückläufig ist, steigt die absolute Zahl der Armen. Nach der Definition der Weltbank ist arm, wer von weniger als zwei Dollar pro Tag leben muss, und extreme Armut bedeutet, mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen zu müssen.
Denken wir eine Minute darüber nach, was es bedeutet, von einem oder zwei Dollar täglich leben zu müssen. Ein Leben unter diesen Umständen ist brutal. Die Kinder sind zumeist unterernährt, die Lebenserwartung liegt oft unter fünfzig Jahren, und Gesundheitsversorgung gibt es kaum. Die Menschen verbringen tagtäglich Stunden mit der Suche nach Brennmaterial und Trinkwasser und mit dem Kampf um ein kärgliches Auskommen: Sie pflanzen Baumwolle auf einem halbtrocknen Fleckchen Land an und hoffen, dass in diesem Jahr der Regen nicht ausbleiben wird; oder sie schinden sich damit, auf einem unfruchtbaren halben Morgen Reis anzubauen, obwohl sie wissen, dass, ganz egal wie schwer sie schuften, die Ernte kaum ausreichen wird, um die eigene Familie zu ernähren.
Die Globalisierung hat sowohl bei den größten Erfolgen als auch bei einigen Misserfolgen eine Rolle gespielt. Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft, das auf Exporten basiert, hat mehrere hundert Millionen Menschen aus der Armut befreit. Aber China hat die Globalisierung umsichtig und klug genutzt: Es hat seine Märkte nur langsam für Importe geöffnet und blockiert noch heute den Zufluss von »vagabundierendem«, spekulativem Geld – Kapital, mit dem kurzfristig hohe Renditen erzielt werden sollen und das auf einer Welle des Optimismus in ein Land hineinströmt, nur um bei der leisesten Schwierigkeit wieder abzufließen. Die chinesische Regierung erkannte, dass mit solchem Kapital zwar ein kurzlebiger Boom entfacht werden kann, die zu erwartenden anschließenden Rezessionen und Depressionen der Wirtschaft jedoch langfristig schaden und die kurzfristigen Vorteile mehr als aufwiegen würden. China blieb daher von den starken konjunkturellen Schwankungen verschont, die andere Länder in Ostasien und Lateinamerika heimsuchten (wie wir in Kapitel 2 sehen werden), und verzeichnete kontinuierliche Wachstumsraten von über 7 Prozent jährlich.
Die traurige Wahrheit aber ist, dass, außerhalb Chinas, die Armut in den Entwicklungsländern in den letzten zwanzig Jahren zugenommen hat. Etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung von gegenwärtig 6,5 Milliarden Menschen leben in Armut (ein Anstieg um 36 Prozent gegenüber 1981), ein Sechstel – 877 Millionen – lebt in extremer Armut (ein Anstieg von 3 Prozent gegenüber 1981). Besonders betroffen ist Afrika, wo der Prozentsatz der Bevölkerung, die in extremer Armut lebt, von 41,6 Prozent im Jahr 1981 auf 46,9 Prozent im Jahr 2001 gestiegen ist. Angesichts des afrikanischen Bevölkerungswachstums heißt dies, dass sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, fast verdoppelt hat: von 164 Millionen auf 316 Millionen.
Historisch betrachtet, ist Afrika von der Globalisierung am stärksten ausgebeutet worden: Im Zeitalter des Kolonialismus eigneten sich die Kolonialmächte die Rohstoffe des Kontinents an, ohne eine nennenswerte Gegenleistung dafür zu erbringen. Aber auch in Lateinamerika und Russland wuchs in den letzten Jahren die Ernüchterung über die Globalisierung. Diese Länder öffneten ihre Märkte, ohne dass die Globalisierung ihre Versprechen erfüllt hätte, vor allem nicht in Bezug auf die Armen.