001

Pierre Szalowski

BEI KÄLTE
ÄNDERN DIE FISCHE
IHRE BAHNEN

Roman

Aus dem Französischen
von Andreas Jandl

C.Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel
»Le froid modifie la trajectoire des poissons«
bei Éditions Hurtubuise HMH ltée, Montréal

Die Übersetzung wurde vom Canada Council for the Arts gefördert.

1. Auflage
Copyright © 2007 Éditions Hurtubuise HMH ltée
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010
beim C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-641-04951-5

Für Antoni, Tom, Sophie.
Gestern, heute und für immer.



»Man braucht nichts im Leben zu fürchten,
man muss nur alles verstehen.«

MARIE CURIE

ÜBERALL UND NIRGENDWO
IN MONTRÉAL

Donnerstag, 25. Dezember 1997

sch

HOFFENTLICH IST WEIHNACHTEN
SCHNELL VORBEI

»Warte, dein Vater schläft noch!«

Neun Uhr neunzehn. Ich setzte mich also wieder auf mein Bett. Seit zwei Stunden war ich jetzt schon wach und wartete in meinem Zimmer. Das ist eine Art Familientradition. Jedes Jahr besteht Papa darauf, dass ich mich erst blicken lasse, wenn der Weihnachtsmann da gewesen ist. Dabei bin ich schon elf und weiß seit fünf Jahren, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.

Dass es fünf sind, ist geheim; meine Eltern glauben, es seien vier.

Als Alex, mein einziger Freund, mir breit grinsend die traurige Wahrheit verkündete, war ich sechseinhalb. Ich fühlte mich plötzlich in eine Welt gestoßen, in der es für alles eine Erklärung zu geben schien. Um meine Enttäuschung darüber zu verbergen, tat ich in der Schule dasselbe wie Alex: Ich machte mir einen Spaß daraus, den Kleinsten zu erzählen, der Weihnachtsmann sei nur eine Erfindung der Eltern. Zu Hause versuchte ich Papa und Mama mehr oder weniger deutlich zu verstehen zu geben, dass bei mir der Spruch »Wenn du nicht artig bist, bringt dir der Weihnachtsmann keine Geschenke« langsam nicht mehr zog. Als ich aber sah, wie meine Mutter panisch zu meinem Vater schaute, ließ ich es lieber bleiben. Ich wollte sie nicht unglücklich machen. Manchmal muss man seine Eltern anlügen, um ihnen Freude zu bereiten.

»Der Weihnachtsmann ist echt toll, normalerweise passt ein so großes Elektroauto nämlich gar nicht durch den Schornstein.«

Als ich in den darauf folgenden Sommerferien mit meinem Vater beim Angeln war, schaute ich lange aufs Wasser.

»Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann.«

Er schaute zu mir, ich sah ihn an. Er musterte mich kurz mit einem kleinen Lächeln und steckte mir dann einen neuen Köder an die Angel.

»Tja. So kann’s gehen.«

Papa schwingt nie große Reden. Mama meint, er sei eher sparsam, wenn es um Worte geht. Er sagte das damals so, als hätte er es längst geahnt, und er fragte auch nicht nach, wie ich es herausgefunden hatte, obwohl man als Polizist für gewöhnlich immer nachhakt … na ja, als ehemaliger Polizist. Er war jetzt Ausbilder. Der Arzt, ein alter Hase, hatte bei ihm ein leichtes Burn-out diagnostiziert.

»Na, hör mal! Ich verstehe nicht, was so stressig daran sein soll, den neureichen Tussis in der Rue Laurier ein paar Strafzettel zu verpassen. Wegen denen brauchst du dir keinen Kopf zu machen, das zahlen doch sowieso die Männer.«

Mama meint, die Anspannung komme von innen und man wisse immer nur selbst, warum man angespannt ist. Mein Vater erzählte mir zum Einschlafen trotzdem weiterhin die Geschichten vom guten Polizisten, der die bösen Motorrad-Rocker verhaftet. Doch dann hörte er eines Abends vor zwei Jahren damit auf. Zum Unmut meiner Mutter schickt er jedes Jahr Mitte Januar sein Begründungsschreiben, warum er nicht mehr auf Streife gehen will.

»Mir ist nicht mehr danach, und bezahlt werde ich ja trotzdem.«

Als wir nach dem Angeln zurück in unserem Wochenendhaus waren, flüsterte er meiner Mutter etwas ins Ohr. Sie presste einfach nur die Lippen zusammen. In ihren Augen war ich zwar immer noch ein Kind, aber jetzt ein bisschen weniger unschuldig. Sie hatte in ihrer Grundschulklasse schon einige Schüler gesehen, die dieses brutale Erwachsenenwissen hatten.

»Warum weinst du denn, mein Kleiner?«

»Mein Papa hat mich angeschrien, weil ich mein teures Weihnachtsgeschenk kaputt gemacht habe, dabei waren noch nicht einmal alle Raten abbezahlt.«

Aber hier, in unserem Wochenendhaus, stand ihr eigenes Kind vor ihr. Ich bin Einzelkind, und etwas war für immer vorbei: Sie konnte nie wieder mit meinem Papa zusammen Weihnachtsmann für mich spielen. Weihnachten ist für die Eltern genauso schön wie für die Kinder, das habe ich damals verstanden.

Neun Uhr neunundzwanzig. Gestern haben wir lange zu Abend gegessen. Wir waren zu sechst am Tisch: ich, meine Eltern und Julien, der beste Freund meines Vaters, mit seinen unerträglichen Zwillingen Alexandrie und Alexandra. Die beiden schrien die ganze Zeit herum, und weil sie gleich aussehen, kam es mir vor, als schrie immer dieselbe. Meine Mutter hat das noch mehr genervt als mich.

»Alexandrie! Alexandra!«

Und die Mädchen nahmen sich bei den Händen und sangen den alten Schlager von Claude François, der genauso heißt wie sie:

»Alexandrie! Alexandra!«

»Julien, hättest du die beiden nicht anders nennen können?«

»Tja, wenn ich ihre Mutter nicht auf einer Claude-François-Party kennengelernt hätte, dann vielleicht …«

»Sag mal, welche von uns ist die Schönere?«

Ich wusste nicht, welche der beiden Nervensägen mir die Frage gestellt hatte. Kein Wunder, es sind hundertprozentige Zwillinge, sie sehen vollkommen gleich aus, die oder die, gehupft wie gesprungen. Das einzig Gute war, dass Julien inzwischen geschieden ist.

»Die Ehe war super – nur die Frau hat gestört.«

Deshalb gab es die Claude-François-Schwestern von nun an immer nur alle zwei Jahre. Trotzdem habe ich nie verstanden, warum er sich die Zwillinge mit seiner Ex-Frau nicht einfach geteilt hat – jeder hätte eine nehmen können. Anscheinend können Zwillinge aber nicht ohneeinander leben. Genau wie Eltern, also meine zumindest.

Ich sollte es eigentlich gar nicht wissen, aber die Zwillinge hätten meine Schwestern sein können. Julien war mit meiner Mutter verlobt, als sie beide noch Lehramtsstudenten an der Uni waren. Und dann hat Julien den Fehler begangen, ihr meinen Vater vorzustellen, der gerade in Top-Form war, mit Waschbrettbauch und breiten Schultern unter der hautengen Uniform. Er hatte gerade bei der Polizei angefangen. Liebe auf den ersten Blick, hat sie gesagt. Papa hat dasselbe gesagt. Und Julien war aus dem Rennen.

Als die Zwillinge endlich erschöpft auf dem Wohnzimmersofa zusammensackten, kam meine Mutter und gab mir einen Kuss.

»Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.«

»Aber Mama, es ist Weihnachten.«

»Je früher du jetzt im Bett bist, desto früher kriegst du morgen deine Geschenke!«

Auf dem Weg in mein Zimmer sah ich, wie mein Vater und Julien noch eine Flasche aufmachten. Meine Mutter war nicht mehr dabei. Sie waren sehr ernst, und keiner lächelte, als ich winkend an ihnen vorbeilief. Sie wirkten sogar traurig, als sie mich sahen. Sie müssen danach noch eine Flasche getrunken haben, denn als ich nachts aufgewacht und aufs Klo gegangen bin, saßen sie noch immer flüsternd im Wohnzimmer.

»Die Frauen verlieben sich, weil sie dich außergewöhnlich finden. Und dann tun sie alles, damit du gewöhnlich wirst …«

Neun Uhr neununddreißig. Klopf, klopf, klopf! Meine Mutter öffnete die Tür zu meinem Zimmer. Sie schaute ohne ein Lächeln zu mir herein.

»Dein Vater ist jetzt wach.«

Die Stimme meiner Mutter klang traurig. Zuerst habe ich gar nicht bemerkt, dass sie »dein Vater« gesagt hatte statt »Papa«.

Als ich aus dem Zimmer kam, sah ich in der Küche, dass mein Vater und Julien nicht nur eine Flasche mehr getrunken hatten, sondern zwei. Im Wohnzimmer hing Papa in seinem Sessel vor dem ausgeschalteten Fernseher – große Weihnachts-Flimmerpause – und wartete auf mich. Er zwang sich zu einem Lächeln und kratzte sich am Kopf. Ich fragte mich, ob nicht noch andere leere Flaschen auf dem Balkon versteckt waren.

Weihnachten ist zwar nur einmal im Jahr, aber unsere kleinen Rituale vergessen wir trotzdem nie. Deshalb war es komisch, dass meine Eltern nicht nebeneinandersaßen. Meine Mutter saß etwas weiter weg auf dem Sofa und nicht auf der Armlehne des Sessels, der für meinen Vater reserviert war. Sie waren keine Einheit mehr, wie sonst.

Auch wenn man schon elf ist, wird als Erstes das größte Geschenk unterm Baum aufgemacht. Ich habe sofort verstanden, dass dieser Chemiekasten eine Idee von Mama war. Pädagogisch wertvolle Geschenke kommen immer von ihr. Bei ihr muss ein Geschenk nützlich sein. In der Schule bin ich ein Jahr weiter, weil sie mir schon mit vier Jahren das Lesen beigebracht hat. Im Kindergarten war ich deshalb der Star. Heute bin ich nur noch der Schlaumeier, der einen Kopf kleiner ist als die anderen. Blieben also noch drei gleich große Geschenke. In dem Fall kommt immer das schwerste zuerst. Mein Vater musterte mich plötzlich verdächtig komplizenhaft.

»Das da ist Papas kleine Überraschung …«

Ich tat so, als hätte ich den vorwurfsvollen Blick nicht gesehen, den meine Mutter ihm zuwarf. Ich riss das Geschenkpapier auf und bekam ganz große Augen. Ich konnte es kaum glauben. Ein Camcorder! Ich sah zu meinem Vater und flüsterte:

»Papa, wow …«

Er ließ sich zufrieden in den Sessel sinken. Meine Mutter verzog das Gesicht.

»Dir auch danke, Mama! Danke euch beiden … Und danke, lieber Weihnachtsmann!«

Sie lächelte, bemüht. Der Camcorder war wirklich nicht ihre Idee gewesen. Schnell machte ich noch die beiden anderen Geschenke auf. Ein Karton Lego, eine weitere Idee meiner Mutter, um meine Feinmotorik zu verbessern. Ich war auf diesem Gebiet schon so gut, dass ich mit dicken Eishockeyhandschuhen eine Uhr auseinandernehmen konnte.

Das letzte Paket war ein Radiowecker in Form eines Fußballs. Der war von Julien. Ich hatte letztes Jahr gesagt, dass ich keine Geschenke mehr will, die was mit Baseball zu tun haben.

»Aber der Bademantel ist doch von den Yankees!«

Ich glaube, Julien hätte gerne einen Sohn gehabt. Vielleicht nicht gerade im Doppelpack, aber immer nur Barbiepuppen kaufen, frustriert auch den besten Vater irgendwann. Also lässt er sich an mir aus.

»Ein Wecker! Immerhin was mit Fußball …«

»Denk dran: Nicht das Geschenk zählt, sondern die Geste.«

Ich habe genau gehört, dass meine Mutter nicht wirklich mit mir geredet hat, sondern mit meinem Vater. Ich nahm wieder den Karton mit dem Camcorder in die Hand und setzte mich auf den Boden, mit dem Rücken zu ihnen. Ich spürte, dass sie nicht einer Meinung waren, aber bei einem so schönen Geschenk war das nicht mehr mein Problem. Ich nahm die Gebrauchsanleitung heraus. Meine Eltern flüsterten. Ich tat so, als würde ich lesen, und hörte alles mit an. Ich wusste nicht, dass meine Mutter so fluchen konnte.

»Zum Kotzen ist das! Eine verdammte Kamera für tausend Dollar! Mit diesen hinterlistigen Spielchen musst du gar nicht erst anfangen!«

»Er wünscht sich seit Langem eine, und hast du sein letztes Zeugnis gesehen?«

»Er hatte schon immer hervorragende Noten!«

»Aber sagst du nicht dauernd, dass er gefördert werden soll?«

»Wenn du ihm mit elf eine Kamera kaufst, was soll er dann mit sechzehn kriegen? Ein Auto?«

Meine Mutter stand auf und ging aus dem Zimmer. Als ich hörte, wie sie über das teure Geschenk stritten, bereute ich gleich, dass ich nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubte. Vor allem weil ich dieses Jahr schon viel zu viele Streitereien mitangehört hatte. Sie fangen fast immer mit demselben Satz an:

»Hast du nichts Besseres zu tun, als vor dem Fernseher herumzuhängen?«

Ich schaute zu meinem Vater. Er lächelte, gezwungen. Dann stand er langsam auf. Falsch, sehr langsam.

»Aua, mein Kopf!«

Er ging zum Bad und wollte die Tür öffnen, aber sie war verschlossen. Klopf, klopf, klopf!

»Besetzt!!!«

Mein Vater hielt sich die Ohren zu, so laut hatte meine Mutter geschrien. Dann kam er zurück und ließ sich vorsichtig in seinen Sessel sinken. Am liebsten wäre er wohl ganz darin verschwunden. Mechanisch griff er zur Fernbedienung. Klick! Und im Fernsehen ging das Blabla los.

Laut Nachrichtensender war es neun Uhr neunundfünfzig.

Sonntag, 4. Januar 1998

sch

DAS SIND DOCH KINDER!

An dem bonsaihaften Weihnachtsbaum auf dem Couchtisch blinkten nur noch drei Birnchen der winzigen Lichterkette, daneben standen zwei Gläser und eine leere Flasche Wein. Auf dem Sofa hatten es sich zwei Katzen auf einem zusammengeknüllten gelben Hemd bequem gemacht und schliefen. Daneben lag eine Herrenhose in arabesker Beinhaltung auf dem Boden – offenbar in größter Eile ausgezogen. Auf der Rückenlehne des Sofas leuchtete, sorgfältig zusammengefaltet, ein kurzes rotes Kleid.

Die Schlafzimmertür etwas weiter hinten in der Wohnung war halb geöffnet. Im zerwühlten Bett lagen eine Frau und ein Mann in tiefem Schlaf. Der Radiowecker zeigte vierzehn Uhr an.

»Psst! Psst! Los, komm schon!«

In der Küche stand ein schwarzes Kätzchen vor einer kleinen Klappe, die in die Balkontür eingelassen war.

»Miau! Miau! Miau!«

Das kleine Tier machte einen zögernden Schritt nach vorne und streckte sich, um zunächst nur den Kopf durch die Klappe zu stecken. Draußen auf dem Hochparterrebalkon rollte eine Hand einen kleinen roten Ball einladend im Schnee.

»Und wer kriegt ihn, den Ball?«

Die kleine Katze schien zu ahnen, dass das ganze Spektakel einzig und allein ihr galt. Sie duckte sich kurz. Die Entscheidung war gefallen. Der Ball war für niemand anderen als für sie. Mit einem Satz sprang sie darauf zu. Eine Hand packte sie im Nacken. Der Ball war doch nicht für sie bestimmt.

»Miau!«

Taub für die Hilferufe ihres entführten Mitbewohners bewegte sich keine der beiden Katzen auf dem Sofa vom Fleck. Die drei Lichtlein am Weihnachtsbaum blinkten weiter. Im Schlafzimmer rollte sich einer der beiden Körper vom anderen weg. Ein muskulöser Männerarm kam unter der Decke hervor, streifte den Rücken der Frau und hing dann seitlich aus dem Bett heraus. Sie murmelte etwas, dann wurde es wieder still.

Ding dong! Ding dong!

Der Mann schreckte zusammen und setzte sich mit einem Ruck auf. Er schaute sich um. Voller Panik blickte er zur Eingangstür.

»Julie! Wach auf!«

»Ich schlafe …«

»Jemand hat geklingelt!«

»Du hast geträumt. Schlaf weiter!«

Ding dong! Ding dong!

Der Mann stürzte zu seiner Hose, in die er noch schneller hineinsprang, als er sie am Vorabend ausgezogen hatte. Er beugte sich über das Sofa und riss sein gelbes Hemd an sich. Die beiden Katzen flogen kurz durch die Luft und landeten auf ihren Pfoten. Der Mann zog sich sein Hemd über und rüttelte Julie wach.

»Wer kann denn wissen, dass ich hier bin?«

Julie hob den Kopf, nur wenig erstaunt.

»Niemand außer mir, den Katzen und dir …«

Er starrte sie einen Moment lang an, dann die beiden Katzen, die unschuldig schnurrten. Manche Männer sind nach dem Sex tatsächlich noch dümmer als vorher. Julie schob die Decke zur Seite und erhob sich. Ihr Körper war absolut makellos. Sie ging, ohne den Mann eines Blickes zu würdigen, hinüber ins Bad, während er damit beschäftigt war, sich das Hemd in die Hose zu stecken.

»Bist du verheiratet, oder was?«

Der Mann tat so, als hätte er sie nicht gehört, und konzentrierte sich voll und ganz auf seinen Hosenschlitz.

Julie tauchte in einem kurzen roten Morgenmantel aus Kunstseide wieder auf.

»Mein lieber Freddy … Du heißt doch Freddy, oder? Du bist mir vielleicht ein Held. Gestern Abend warst du noch Single, und schwupps, nach einmal Vögeln bist du plötzlich ein verheirateter Mann.«

Julie schloss bedeutungsschwer den Morgenmantel, um ihre Brüste zu bedecken. Schnell knotete sie noch den dünnen Gürtel um die Taille, damit das leichte Kleidungsstück besser zusammenhielt.

Ding dong! Ding dong!

»Hat deine Frau einen Waffenschein?«

Der Schwachkopf schien tatsächlich nachzudenken. Im Flur stieg Julie in ein Paar Pantoffeln mit hohen Absätzen. So wirkte sie noch schlanker, noch hübscher, noch makelloser. An ihrem Gang ließ sich erahnen, dass sie hohe Absätze gewohnt war. Ihr Hintern wackelte unter dem dünnen Stoff hin und her. Der Mann versteckte sich hektisch hinter einem Garderobenständer. Sein Blick folgte der Schönen, die er für einen Abend geliebt hatte, zur Eingangstür, aber auf den Hintern starrte er ihr dabei nicht mehr. An der Wohnungstür richtete Julie sich noch einmal zu voller Größe auf. Sie öffnete ohne Angst und ohne die Spur eines schlechten Gewissens.

»Miau!«

Ein etwa zwölfjähriger Junge hielt die kleine Katze im Arm. Auf ihren hohen Absätzen wirkte Julie riesig, und der Kopf des Jungen reichte ihr gerade bis zur Brust. Als sie ihre Katze bei dem kleinen Nachbarn auf dem Arm sitzen sah, beugte sie sich vor. Ihr leichter Morgenrock öffnete sich dabei ein wenig.

»Brutus! Was hast du schon wieder draußen verloren?«

Der Junge starrte Julie auf die nur halb bedeckten Brüste.

»Er ist schon wieder ausgebüxt!«

»Das ist schon das dritte Mal diese Woche …«

Julie hatte schnell verstanden, welches Spiel der unverhoffte Retter da trieb. Sie beugte sich noch ein wenig weiter vor und streckte den Arm aus, um nach der kleinen Katze zu greifen. Der Morgenrock öffnete sich noch etwas mehr. Der Junge war zur Salzsäule erstarrt. Eine von Julies Brüsten war nun fast ganz zu sehen.

»Er ist ja schon ganz steif vor Kälte …«

Das Kind starrte gebannt auf den langsam hart werdenden Nippel.

»Alex, ich rede von der Katze … Du bist doch Alex, oder?«

»Ja, Julie …«

Sie beugte sich noch weiter hinunter, um Brutus zu packen. Ihre nackten Brüste hingen direkt vor seiner Nase, und Alex schien nicht gewillt, das Kätzchen je wieder loszulassen.

»Alex? Nicht nur die Katze wird sich etwas einfangen, wenn …«

»Miau!«

Alex fügte sich und gab Brutus frei, der sich sofort an die schöne warme Brust seiner Besitzerin kuschelte.

»Danke, Alex.«

»Wenn er noch mal ausbüxt, bringe ich ihn wieder.«

Julie lächelte dem Jungen amüsiert zu, der so dreist war, dass sie es schon fast wieder bewundernswert fand.

»Daran zweifle ich keine Sekunde!«

Klack! Die Tür fiel wieder ins Schloss. Mit pubertär geschwellter Brust drehte sich Alex kurz zur anderen Straßenseite. Er hob beide Daumen als Ausdruck seiner Zufriedenheit über die gelungene Aktion, ein triumphaler Sieg. Dann näherte er sich neugierig der Scheibe in Julies Eingangstür, um ihren Hintern besser durch den Flur verschwinden zu sehen. Plötzlich wich er zurück und sauste die Vortreppe hinunter: Er hatte soeben den Mann entdeckt.

»Und, wer war’s?«

»Ein Nachbarskind hat mir Brutus zurückgebracht … Na ja, eigentlich wollte er nur was zu gucken haben.«

»Was?«

»Er hat mir die ganze Zeit auf die Titten gestarrt, wenn dir das lieber ist.«

»Stimmt, da gibt es ja auch einiges zu sehen.«

Dieser Trottel war wieder zur Höchstform aufgelaufen. Ein Mann kann, je nachdem, was er von einer Frau erwartet, erstaunlich schnell sein Gesicht ändern. Nur leider sein Gehirn nicht.

»Und hat er bezahlt, um zu gucken, der Kleine?«

Julies Blick war nicht düster, er war finster wie die Nacht. Tiefdunkelschwarz.

»Und du, hast du gezahlt für heute Nacht? Hat dich drei Tänze gekostet, eine Flasche Wein vom Spätverkauf und zwei Stunden Lügengeschichten.«

Eine Striptease-Tänzerin nach Hause zu bringen und es dann noch bis in ihr Bett zu schaffen, ist immer noch das Nonplusultra, die höchste Kunst des Lügenpokers. Doch wenn die Partie gespielt ist, ist es das Wichtigste, irgendeinen netten Spruch parat zu haben, um nach dem haushohen Sieg zum Abschied wieder sanft zu landen.

»Mensch, die fangen aber wirklich früh an, heute!«

»Verzieh dich! Das sind doch Kinder.«