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Buch

Seit über zehn Jahren hatte Myron Bolitar – Sportagent und schon wiederholt Privatdetektiv wider Willen – nichts mehr von Terese Collins gehört. Nach einer kurzen, aber heftigen Liebesaffäre hatten die beiden damals den Kontakt zueinander völlig abgebrochen. Dementsprechend fällt Myron aus allen Wolken, als Terese ihn nun plötzlich per Telefon ganz nonchalant nach Paris einlädt. Er ahnt gleich, dass weitaus mehr hinter diesem Anruf steckt als ein lauschiges Wiedersehen zwischen alten Freunden. Wie viel mehr, hätte er sich jedoch in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Denn als Myron in Paris eintrifft, erwartet ihn keine blonde Schönheit am Flughafen, sondern die französische Polizei. Tereses geschiedener Ehemann – ein hochkarätiger Enthüllungsjournalist – hatte sie eindringlich gebeten, zu ihm nach Paris zu kommen. Doch als sie seinem Drängen nachgibt und sich mit ihm treffen will, erfährt sie, dass er in der Zwischenzeit ermordet worden ist. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, und verzweifelt bittet Terese Myron um Hilfe. Nicht nur bei der Aufklärung des Mordes, sondern auch bei der Lösung eines anderen, viel größeren Rätsels. Denn am Tatort wurden Blutspuren gefunden, die nicht von Tereses Mann stammen, sondern laut DNA-Test von Tereses Tochter – und die kam vor zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben

An Tereses Seite macht Myron sich auf die Suche nach der Wahrheit. Was steckt hinter der mysteriösen Blutspur? Und für welche heiße Story musste Teresas Exmann mit dem Leben bezahlen? Schneller, als ihnen lieb ist, wird aus ihrer Wahrheitssuche eine gefährliche Hetzjagd


Der Autor

Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Seine Thriller wurden in über 40 Sprachen übersetzt und erobern regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Harlan Coben, der als erster Autor mit den drei bedeutendsten amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet wurde – dem Edgar Award, dem Shamus Award und dem Anthony Award –, gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in New Jersey.
Mehr zum Autor und seinen Büchern unter www.harlancoben.com.

Harlan Coben im Goldmann Verlag:

Kein Sterbenswort. Roman • Kein Lebenszeichen. Thriller • Keine zweite Chance. Thriller • Kein böser Traum. Thriller
Kein Friede den Toten. Thriller • Das Grab im Wald. Thriller
Sie sehen dich. Thriller • In seinen Händen. Thriller • Wer einmal lügt. Thriller • Ich vermisse dich. Thriller • Ich finde dich. Thriller • Ich schweige für dich. Thriller

Die Reihe um Myron Bolitar:
Das Spiel seines Lebens. Thriller • Schlag auf Schlag. Thriller  • Der Insider. Thriller  • Ein verhängnisvolles Versprechen. Thriller • Von meinem Blut. Thriller • Sein letzter Wille. Thriller

Harlan Coben

V on
meinem Blut

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Gunnar Kwisinski



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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2009

unter dem Titel »Long Lost« bei Dutton,

a member of Penguin Group (USA), Inc., New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2010

Copyright © der Originalausgabe 2009 by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotiv: Trevillion Images/Valentino Sani FinePic

Redaktion: Sigrun Zühlke

Th · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-04945-4
V003

www.goldmann-verlag.de

Für Sandra Whitaker
Die coolste Cousine der Welt

Erster Teil

Hold on.
This will hurt more than anything has before.

William Fitzsimmons, » I Don’t Feel It Anymore«

1

» Du kennst ihr Geheimnis nicht«, sagte Win zu mir.

» Muss ich das?«

Win zuckte die Achseln.

» Übel?«, fragte ich.

» Sehr«, sagte Win.

» Dann will ich’s vielleicht auch gar nicht kennen.«

*

Zwei Tage bevor mir das Geheimnis offenbart wurde, das sie zehn Jahre lang für sich behalten hatte – eine offensichtlich private Angelegenheit, die nicht nur dazu führte, dass wir beide vollkommen am Boden zerstört waren, sondern die sogar die Welt verändern sollte –, rief Terese Collins mich um fünf Uhr morgens an und riss mich aus einem mehr oder weniger erotischen Traum, indem sie mich in einen anderen katapultierte. Sie sagte nur: »Komm nach Paris.«

Ich hatte ihre Stimme seit … tja … ungefähr sieben Jahren nicht mehr gehört. Die Leitung knisterte, und sie verschenkte keine Zeit mit einem Hallo oder einer anderen Begrüßung. Ich drehte mich auf die Seite und fragte: »Terese? Wo bist du?«

»Im d’Aubusson, einem gemütlichen Hotel am Rive Gauche in Paris. Es würde dir hier gefallen. Heute Abend um sieben fliegt eine Air-France-Maschine von New York.«

Ich richtete mich auf. Terese Collins. Bilder strömten durch meinen Kopf – ihr gemeingefährlicher Bikini, die Privatinsel, der sonnenüberflutete Strand, ihr Blick, der Zähne zum Schmelzen bringen konnte, der gemeingefährliche Bikini.

Den Bikini muss man schon mindestens zwei Mal erwähnen.

»Ich kann nicht«, sagte ich.

»Paris«, gurrte sie.

»Ich weiß.«

Vor fast zehn Jahren waren wir beide zusammen als verlorene Seelen auf eine Insel geflohen. Danach hatte ich gedacht, wir würden uns nie wiedersehen, was aber nicht stimmte. Gut zwei Jahre später hatte sie mir geholfen, das Leben meines Sohnes zu retten. Und dann, puff, war sie wieder spurlos verschwunden – bis heute.

»Denk nochmal drüber nach«, fuhr sie fort. »Die Stadt des Lichts. Wir könnten uns die ganze Nacht lang lieben.«

Trotz meiner schlagartig trockenen Kehle gelang es mir zu schlucken. »Klar, das sowieso, aber was machen wir dann tagsüber?«

»Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, bräuchtest du dann doch wohl viel Ruhe.«

»Und Vitamin E«, sagte ich und musste unwillkürlich lächeln. »Ich kann nicht, Terese. Ich bin liiert.«

»Die 9/11-Witwe?«

Ich fragte mich, woher sie das wusste. »Ja.«

»Das hat absolut nichts mit ihr zu tun.«

»Entschuldige, aber das sehe ich anders.«

»Liebst du sie?«, fragte Terese.

»Ändert es irgendwas, wenn ich jetzt ja sage?«

»Eigentlich nicht.«

Ich nahm das Telefon in die andere Hand. »Was ist mit dir los, Terese?«

»Nichts ist los. Alles okay. Ich will bloß ein fantasievolles, romantisches Wochenende voller Sinnlichkeit mit dir zusammen in Paris verbringen.«

Wieder musste ich schlucken. »Ich hab sieben Jahre lang nichts von dir gehört.«

»Fast acht.«

»Ich hab bei dir angerufen«, sagte ich. »Mehr als ein Mal.«

»Ich weiß.«

»Ich habe Nachrichten für dich hinterlassen und Briefe geschrieben. Ich habe dich gesucht.«

»Ich weiß«, sagte sie noch einmal.

Schweigen. Ich mag Schweigen nicht.

»Terese?«

»Als du mich gebraucht hast«, sagte sie, »als du mich wirklich gebraucht hast, da bin ich zur Stelle gewesen, oder?«

»Das stimmt.«

»Komm nach Paris, Myron.«

»Einfach so?«

»Ja.«

»Wo warst du die ganze Zeit?«

»Das erzähl ich dir alles, wenn du hier bist.«

»Ich kann nicht. Ich bin mit jemandem zusammen.«

Wieder dieses verdammte Schweigen.

»Terese?«

»Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns kennengelernt haben?«

Es war unmittelbar nach der schlimmsten Katastrophe meines Lebens gewesen. Bei ihr musste es ähnlich gewesen sein. Wir beide waren damals von wohlmeinenden Freunden gedrängt worden, eine Benefizveranstaltung zu besuchen, und in dem Moment, als wir uns sahen, war es, als würde die wechselseitige Trübsal eine ungeheure Anziehungskraft ausüben. Ich glaube zwar nicht, dass die Augen der Spiegel der Seele sind, denn ich bin zu vielen Verrückten begegnet, die einen dazu verleiten konnten, diesen pseudowissenschaftlichen Tinnef zu glauben. Aber die Trauer, die in Tereses Augen lag, war unübersehbar. Genaugenommen strahlte sie jedoch diese Trauer mit ihrem ganzen Wesen aus – und an jenem Abend, als mein eigenes Leben in Trümmern lag, sehnte ich mich danach.

Ein Freund von Terese besaß eine kleine Karibikinsel in der Nähe von Aruba. Wir machten uns noch in jener Nacht auf den Weg und erzählten niemandem, wohin wir fuhren. Drei Wochen lang blieben wir auf der Insel, liebten uns, redeten kaum miteinander, verloren uns ineinander und fielen übereinander her, weil es für uns nichts anderes auf der Welt gab.

»Natürlich erinnere ich mich daran«, sagte ich.

»Wir waren beide am Boden zerstört. Wir haben nie darüber gesprochen, aber wir wussten es beide.«

»Stimmt.«

»Ganz egal, was dir damals so zu schaffen gemacht hat«, sagte Terese, »du bist darüber hinweggekommen. Das ist ganz natürlich. Menschen erholen sich. Wir bekommen ein paar Schrammen ab oder erleiden schwere Wunden, aber mit der Zeit verheilt das alles wieder.«

»Und du?«

»Meine Wunden sind nicht verheilt. Ich weiß nicht einmal genau, ob ich das gewollt hätte. Meine Welt war ein Scherbenhaufen, und ich hielt es wohl für das Beste, es dabei zu belassen.«

»Jetzt kann ich dir nicht mehr ganz folgen.«

Sie sprach jetzt sehr leise. »Ich habe nicht geglaubt – ich korrigiere, ich glaube noch immer nicht, dass ich sehen möchte, wie die aus den Scherben von damals rekonstruierte Welt aussieht. Ich glaube nicht, dass sie mir gefallen würde.«

»Terese?«

Sie antwortete nicht.

»Ich möchte dir helfen«, sagte ich.

»Vielleicht kannst du das gar nicht«, sagte sie. »Vielleicht hat es überhaupt keinen Sinn.«

Mehr Schweigen.

»Vergiss, dass ich angerufen habe, Myron. Pass auf dich auf.«

Und dann war sie weg.

2

»Ah«, sagte Win, »die liebreizende Terese Collins. Ein Weltklassehintern allererster Güte.«

Wir saßen auf der wackeligen mobilen Tribüne in der Sporthalle der Kasselton High School. Die vertraute Mischung aus Schweiß, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln lag in der Luft. Wie in allen ähnlichen Sporthallen auf diesem riesigen Kontinent klangen alle Geräusche verzerrt, und die seltsamen Echos bildeten so etwas wie einen akustischen Duschvorhang.

Ich liebe solche Sporthallen. Ich bin gewissermaßen darin aufgewachsen. Viele der schönsten Momente meines Lebens habe ich in solchen stickigen Räumlichkeiten verbracht, wobei ich meistens einen Basketball in der Hand hatte. Ich mag das Geräusch des Balls beim Dribbeln. Ich mag den glänzenden Schweißfilm, der sich beim Aufwärmen auf den Gesichtern bildet. Ich mag das Gefühl der Ledernoppen an den Fingerspitzen, und ich mag den Moment fast religiöser Andacht, wenn man den vorderen Rand des Korbs fixiert, den Ball mit Rückwärtsdrall loslässt und auf der ganzen Welt nichts anderes zählt.

»Schön, dass du dich noch an sie erinnerst«, sagte ich.

»Weltklassehintern. Allererste Güte.«

»Ja, das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden.«

Win war mein Zimmergenosse in Duke gewesen. Jetzt war er mein wichtigster Geschäftspartner und, zusammen mit Esperanza Diaz, mein bester Freund. Eigentlich hieß er Windsor Horne Lockwood III., und so sah er auch aus – etwas schüttere, blonde Locken, die von einem wie von Gotteshand gezogenen Scheitel geteilt wurden, rötliche Gesichtshaut, attraktive, aristokratische Züge, Golfer-V-Ausschnitt-Bräune und eisblaue Augen. Er trug überteuerte Khakis, deren Bügelfalten dem Scheitel Konkurrenz machten, einen blauen Lilly-Pulitzer-Blazer mit rosa-grünem Futter und dazu passendem Taschentuch, das wie eine Spritzblume aus der Brusttasche hing.

Klamotten für Weichlinge.

»Wenn Terese im Fernsehen war«, sagte Win mit seinem hochnäsigen Privatschul-Akzent, der immer so klang, als würde er einem begriffsstutzigen Kind etwas vollkommen Einleuchtendes erklären, »konnte man gar nicht sehen, was für ein Klassehintern das war. Weil sie ja hinter dem Moderatorentisch saß.«

»Mhm.«

»Aber dann habe ich sie in diesem Bikini gesehen …«, für alle, die mitzählen, es handelt sich um den schon erwähnten gemeingefährlichen Bikini, » also das ist ein echter Aktivposten. Vollkommene Verschwendung bei einer Nachrichtenmoderatorin. Eine Tragödie, wenn man mal richtig darüber nachdenkt.«

»Wie die Hindenburg«, sagte ich.

»Irrwitzig komische Bemerkung«, sagte Win. »Und so zeitgemäß.«

Wins Gesichtsausdruck war immer überheblich. Wenn man ihn sah, meinte man, einen elitären, snobistischen Mann aus einer alteingesessenen, reichen Familie vor sich zu haben. Im Großen und Ganzen hatte man damit recht. Aber gerade die Punkte, in denen man sich vertat, konnten schwerwiegende und bleibende Verletzungen nach sich ziehen.

»Also«, sagte Win. »Beende deine Geschichte.«

»Das ist alles.«

Win runzelte die Stirn. »Und wann fliegst du nun nach Paris?«

»Überhaupt nicht.«

Auf dem Platz fing das zweite Viertel an. Schulbasketball von Fünftklässlern. Meine Freundin – die Bezeichnung kommt mir immer etwas schwer über die Lippen, ich weiß aber nicht, ob »Geliebte«, »Lebensabschnittspartnerin« oder »Betthase« es besser träfen – Ali Wilder hatte zwei Kinder, und ihr Sohn, das jüngere dieser beiden Kinder, spielte in der Schulmannschaft. Er hieß Jack und war nicht besonders gut. Ich sage das nicht, weil ich ihn verurteilen oder irgendwelche Vorhersagen über zukünftigen Erfolg machen will – selbst Michael Jordan hatte es erst in seinem vorletzten Schuljahr bis in die Schulmannschaft geschafft –, es ist einfach nur eine Beobachtung. Jack ist für sein Alter ziemlich groß und kräftig gebaut, und wie so oft geht das mit einem gewissen Mangel an Spritzigkeit und Geschicklichkeit einher. Er wirkte beim Sport immer etwas schwerfällig.

Aber er spielte gern Basketball, und das bedeutete mir viel. Jack war ein guter Junge, im besten Sinne ein ziemlicher Nerd – und liebesbedürftig, wie es bei einem Jungen, der seinen Vater viel zu früh auf so tragische Art verloren hatte, nicht anders zu erwarten war.

Ali konnte erst zur Halbzeit hier sein, und ich war – wenn auch sonst vielleicht nicht für viel zu gebrauchen – immer gerne bereit einzuspringen.

Win sah mich immer noch mit gerunzelter Stirn an. »Habe ich das richtig verstanden? Du hast es abgelehnt, ein Wochenende mit der liebreizenden Ms. Collins und ihrem Weltklassehintern in einem Design-Hotel in Paris zu verbringen?«

Es war immer ein Fehler, mit Win über Beziehungen oder auch nur über Frauen zu reden.

»So ist es«, sagte ich.

»Warum?« Win sah mich an. Er schien wirklich entsetzt zu sein. Doch dann entspannte sich seine Miene. »Ach, Moment, schon klar.«

»Was ist?«

»Sie hat zugelegt, stimmt’s?«

Win.

»Das weiß ich nicht.«

»Warum dann?«

»Du weißt ganz genau warum. Ich habe eine Freundin. Erinnerst du dich?«

Win starrte mich an, als würde ich gerade mitten auf dem Spielfeld meinen Darm entleeren.

»Was ist?«, fragte ich.

Er lehnte sich zurück. »Du bist ja ’ne Sissi.«

Die Spielsirene ertönte, Jack setzte seine Brille auf und trottete mit diesem wunderbaren, etwas schiefen Ansatz eines Lächelns im Gesicht zum Tisch des Zeitnehmers. Die Fünftklässler der Livingston High School spielten gegen ihre Erzrivalen aus Kasselton. Ich musste mir ein offensichtliches Grinsen über die Intensität des Geschehens verkneifen – wobei ich damit weniger die Jungs als vielmehr die Eltern auf der Tribüne meinte. Obwohl ich nicht allzu stark verallgemeinern möchte, ließen sich die Mütter doch im Prinzip in zwei Gruppen aufteilen: die Netzwerker, die die Gelegenheit nutzten, um Kontakte zu knüpfen oder zu vertiefen, und die Gehetzten, die bei jedem Ballkontakt ihres Sprösslings Blut und Wasser schwitzten.

Die Väter waren oft unangenehmer. Manchen gelang es, ihre Gefühle im Zaum zu halten, sie murmelten nur leise vor sich hin und kauten an den Fingernägeln. Andere schrien ihre Emotionen durch die Halle, lästerten über Schiedsrichter, Trainer und die Jugendlichen.

Zwei Reihen vor uns saß ein Vater, der unter etwas litt, das Win und ich einst »Zuschauer-Tourette« getauft hatten, weil er offensichtlich nicht anders konnte, als alle Leute um sich herum während des gesamten Spiels laut zu beschimpfen.

Ich habe in dieser Beziehung einen klareren Blick als die meisten anderen Menschen. Ich war nämlich früher eines dieser extrem seltenen Exemplare: ein wirklich talentierter Sportler. Das war ein Schock für die ganze Familie gewesen, da der letzte große sportliche Erfolg der Bolitars vor meiner Zeit der Sieg meines Onkels Saul in einem Shuffleboard-Turnier auf einer Kreuzfahrt im Jahr 1974 gewesen war. Ich war schon auf der Livingston High School ein Vorzeige-Nationalspieler der Jugend-Basketballmannschaft. Und danach war ich Captain und Star-Aufbauspieler des Basketballteams der Duke University, mit dem ich zwei Mal die Universitäts-Meisterschaft gewann. Nach meinem Abschluss war ich in der ersten Runde des Draft von den Boston Celtics ausgewählt worden.

Und dann, Kawumm, war alles mit einem Schlag vorbei.

Jemand schrie: »Wechsel!«

Jack rückte seine Brille zurecht und trabte auf den Platz.

Der Trainer der gegnerischen Mannschaft deutete auf Jack und rief: »Yo, Connor! Du nimmst den Neuen. Der ist groß und unbeweglich. Also zieh an ihm vorbei.«

Der Tourette-Dad stöhnte. »Das Spiel ist so knapp. Warum muss er den jetzt bringen?«

Groß und unbeweglich? Hatte ich richtig gehört?

Ich starrte den Kasselton-Trainer an. Er hatte einen blond gesträhnten, schaumgefestigten Bürstenhaarschnitt und einen dunklen, ordentlich gestutzten Unterlippenbart, wodurch er wie der alternde Bassist einer Boygroup aussah. Er war groß – ich bin eins zweiundneunzig, und der Kerl war vielleicht fünf Zentimeter größer und schätzungsweise zehn bis fünfzehn Kilo schwerer.

»›Der ist groß und lahm‹«, wiederholte ich und wandte mich Win zu. »Ist das nicht einfach unglaublich, dass der Coach das gerade laut herausposaunt hat?«

Win zuckte die Achseln.

Ich versuchte dann, nicht mehr daran zu denken. Die Hitze des Gefechts. Lass gut sein, Myron.

Beim Stand von vierundzwanzig beide kam es dann zum Desaster. Direkt nach einer Auszeit brachte Jacks Mannschaft mit einem Einwurf den Ball ins Spiel. Kasselton überraschte Livingston durch eine plötzliche Manndeckung übers ganze Feld. Jack stand frei. Der Einwurf kam zu ihm. Jack erschrak aber einen Moment lang über die Pressdeckung. Kommt schon mal vor.

Jack wusste nicht, wohin mit dem Ball. Hilfesuchend sah er zur Ersatzbank. Auf seiner Seite war das Kasseltoner Team. Der Coach mit dem Bürstenhaarschnitt rief: »Wirf! Wirf!«, und deutete auf den Korb.

Auf den falschen Korb.

»Wirf!«, rief der Coach noch einmal.

Und Jack, ein netter Junge, der Menschen gerne einen Gefallen tat und großes Vertrauen in die Erwachsenen hatte, tat, was man ihm sagte.

Der Ball traf. Den falschen Korb. Zwei Punkte für Kasselton.

Die Eltern aus Kasselton jauchzten vor Vergnügen, viele lachten sogar lauthals. Die Livingstoner Eltern hoben verzweifelt die Hände und stöhnten über den Fehler eines Fünftklässlers. Und dann klatschte der Kasseltoner Coach, der Kerl mit dem Bürstenhaarschnitt und dem Boygroup-Bart, seinen Assistenztrainer ab, deutete auf Jack und rief: »Hey, Junge, kannst du das gleich nochmal machen?«

Jack war zwar der größte Jugendliche auf dem Platz, in diesem Moment wirkte es aber, als versuchte er mit aller Macht, sich so klein wie möglich zu machen. Das schiefe Halblächeln verschwand. Seine Lippen zuckten. Er blinzelte. Jeder Teil seines Körpers krampfte sich zusammen – genau wie mein Herz.

Ein Vater aus Kasselton legte noch einen drauf. Er lachte, formte aus den Händen einen Trichter um den Mund und rief: »Passt den Ball zu dem Großen von Livingston. Er ist unsere stärkste Waffe.«

Win tippte dem Mann auf die Schulter. »Sie halten jetzt sofort den Mund.«

Der Vater drehte sich zu Win um, sah die Weichei-Kleidung, die blonden Haare und das feingliedrige Gesicht. Er wollte schon grinsen und eine dumme Bemerkung machen, aber irgendetwas – vermutlich ein uralter Selbsterhaltungstrieb, der schon für das Überleben der Reptilien verantwortlich war – hielt ihn dann doch noch davon ab. Er sah Win in die eisblauen Augen, dann senkte er den Blick und sagte: »Okay, ’tschuldigung, das war wohl ein bisschen daneben.«

Ich bekam es kaum noch mit. Ich konnte mich nicht rühren, saß stocksteif auf der Tribüne und starrte den selbstgefälligen Coach mit dem Bürstenhaarschnitt an. Ich spürte, wie es in mir tickte.

Die Halbzeit-Sirene ertönte. Der Coach schüttelte immer noch den Kopf und lachte. Einer seiner Assistenztrainer drückte ihm die Hand. Ein paar Eltern und Zuschauer gingen zum Coach und taten es dem Assistenztrainer nach.

»Ich muss los«, sagte Win.

Ich antwortete nicht.

»Soll ich noch in der Nähe bleiben? Für alle Fälle?«

»Nein.«

Win nickte kurz und ging. Ich starrte den Trainer von Kasselton weiter unverwandt an. Ohne den Blick von ihm abzuwenden, stand ich auf und ging die wackelige Tribüne hinunter. Sie erzitterte bei jedem meiner Schritte. Der Trainer ging in Richtung Tür. Ich folgte ihm. Er ging in die Toilette. Dabei grinste er wie der Idiot, der er zweifelsohne war. Ich blieb vor der Tür stehen und wartete auf ihn.

Als er wieder herauskam, sagte ich: »Großartig.«

Die Worte »Coach Bobby« waren in sein Hemd eingestickt. Er blieb stehen und starrte mich an. »Was bitte?«

»Einen zehnjährigen Jungen zu ermuntern, auf den falschen Korb zu werfen«, sagte ich. »Und dann diese zum Schreien komische Bemerkung Hey, Junge, kannst du das gleich nochmal machen‹, nachdem Sie dazu beigetragen haben, ihn zu demütigen. Sie sind wirklich ein ganz toller Hecht, Coach Bobby.«

Die Augen des Trainers verengten sich. Aus der Nähe betrachtet war er groß, breit, hatte kräftige Unterarme, ausgeprägte Fingerknöchel und eine Neandertaler-Augenbraue. Ich kannte diese Typen. Die kennen wir alle.

»Das gehört halt zum Spiel, Kumpel.«

»Einen Zehnjährigen zum Gespött der Leute zu machen, das gehört zum Spiel?«

»Ihn verunsichern. Den Gegner so unter Druck setzen, dass er einen Fehler macht.«

Ich sagte nichts. Er musterte mich und kam offenbar zu dem Ergebnis, jau, mit dem werd ich schon fertig. Große, kräftige Männer wie Coach Bobby sind oft davon überzeugt, dass sie mit praktisch jedem fertig werden. Ich starrte ihn nur an.

»Haben Sie irgendwelche Probleme damit?«, fragte er.

»Das sind Zehnjährige.«

»Na ja klar sind das Zehnjährige. Was sind Sie – einer von diesen zartbesaiteten, rührseligen Daddys, die glauben, dass alle auf dem Platz gleich sein sollen? Dass man bloß keine Gefühle verletzen darf und daher auch keiner gewinnen oder verlieren soll? Hey, dann zählen wir doch am besten gar nicht erst die Punkte, oder?«

Der Assistenztrainer von Kasselton kam zu uns herüber. Er trug das gleiche Hemd wie der Trainer, allerdings mit dem Schriftzug »Assistenztrainer Pat«.

»Bobby? Die zweite Halbzeit fängt gleich an.«

Ich trat einen Schritt näher an den Trainer heran. »Halten Sie sich einfach ein bisschen zurück.«

Coach Bobby reagierte darauf wie erwartet mit einem Grinsen und sagte: »Und was, wenn nicht?«

»Er ist ein bisschen sensibel.«

»Der Arme. Aber wenn er so sensibel ist, dann wäre es vielleicht besser, wenn er gar kein Basketball spielen würde.«

»Und in Ihrem Fall wäre es vielleicht besser, wenn Sie gar keine Jugendmannschaft trainieren würden.«

Dann trat Assistenztrainer Pat einen Schritt vor. Er sah mich an, und das wissende Lächeln, das ich nur zu gut kannte, breitete sich in seinem Gesicht aus. »Na sieh mal einer an.«

Coach Bobby sagte: »Was ist?«

»Weißt du, wer der Typ ist?«

»Wer?«

»Myron Bolitar.«

Ich sah deutlich, wie Coach Bobby über den Namen nachdachte – es war fast so, als hätte er ein Fenster in der Stirn, durch das man zugucken konnte, wie das Eichhörnchen, das die kurze Bahn entlangrannte, immer schneller wurde. Als die Synapsen zu feuern aufhörten, grinste Coach Bobby so breit, dass die oberen Spitzen des Unterlippenbarts abzureißen drohten.

»Der ehemalige Superstar‹«, er malte die Anführungszeichen tatsächlich mit den Fingern in die Luft, »der’s nie zu den Profis geschafft hat? Der weltberühmte Vorrunden-Flop?«

»Genau der«, bestätigte Assistenztrainer Pat.

»Ach daher.«

»Hey, Coach Bobby«, sagte ich.

»Was ist?«

»Lassen Sie den Jungen einfach zufrieden.«

Die Augenbraue zog sich zusammen. »Sie wollen doch wohl keinen Streit mit mir anfangen?«, sagte er.

»Da haben Sie vollkommen recht. Das will ich nicht. Ich möchte nur, dass Sie den Jungen zufrieden lassen.«

»Ist nicht drin, Freundchen.« Er lächelte und trat etwas näher an mich heran. »Haben Sie irgendwelche Probleme damit?«

»Ja, das habe ich. Große Probleme sogar.«

»Wie wäre es denn, wenn wir die Diskussion nach dem Spiel fortsetzen? So ganz unter uns?«

Das Blut wallte in meinen Adern auf. »Wollen Sie mich zu einem Kampf herausfordern?«

»Jau. Natürlich nur, wenn Sie kein Feigling sind. Sind Sie ein Feigling?«

»Ich bin kein Feigling«, sagte ich.

Manchmal kommen diese unglaublich schlagfertigen Antworten bei mir wie aus der Pistole geschossen. Versuchen Sie, am Ball zu bleiben.

»Ich muss ein Spiel coachen. Aber hinterher klären wir beide das. Alles klar?«

»Alles klar«, sagte ich.

Schon wieder diese unglaubliche Schlagfertigkeit. Ich hatte einen Lauf.

Coach Bobby steckte mir den Zeigefinger ins Gesicht. Ich überlegte, ob ich ihn abbeißen sollte – immer eine gute Möglichkeit, sich die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Gegenübers zu sichern. »Sie sind ein toter Mann, Bolitar. Haben Sie das verstanden? Ein toter Mann.«

»Ein tauber Mann?«, fragte ich.

»Ein toter Mann.«

»Oh, gut, wenn ich nämlich ein tauber Mann wäre, könnte ich Sie ja gar nicht hören. Aber wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich das als toter Mann natürlich auch nicht.«

Die Sirene ertönte. Assistenztrainer Pat sagte: »Jetzt komm schon, Bobby.«

»Ein toter Mann«, wiederholte er noch einmal.

Ich legte die Hand wie ein Schwerhöriger hinters Ohr und schrie: »Was?« Aber er hatte sich schon umgedreht.

Ich sah ihm nach. Er stolzierte langsam und selbstbewusst davon, die Schultern nach hinten, die Arme schwangen etwas zu stark. Ich wollte gerade irgendetwas Dummes rufen, als ich eine Hand auf meinem Arm spürte. Ich drehte mich um. Es war Ali, Jacks Mutter.

»Was ist denn hier los?«, fragte sie.

Ali hatte diese großen, grünen Augen und ein sehr hübsches, offenes Gesicht – das ich ziemlich unwiderstehlich fand. Ich wollte sie hochheben und dieses Gesicht mit Küssen bedecken, aber manche Leute hätten es an diesem Ort für unangemessen halten können.

»Nichts«, sagte ich.

»Wie lief die erste Halbzeit?«

»Wir liegen zwei Punkte zurück, glaube ich.«

»Hat Jack getroffen?«

»Nein, ich glaub nicht.«

Ali musterte mein Gesicht einen Moment lang und entdeckte etwas darin, das ihr nicht gefiel. Ich wandte mich ab, und wir gingen zurück auf die Tribüne. Wir setzten uns nebeneinander und sahen das Spiel an. Nach zwei Minuten fragte Ali: »Und was ist jetzt mit dir?«

»Nichts.«

Ich rutschte auf dem unbequemen Sitz etwas nach hinten.

»Lügner«, sagte Ali.

»Ich versuch nur, ins Spiel zu kommen.«

»Lügner.«

Ich sah sie an, betrachtete das freundliche Gesicht mit den Sommersprossen, die sie in ihrem Alter gar nicht mehr haben dürfte, die sie aber so unglaublich anbetungswürdig machten, und entdeckte auch etwas. »Du siehst heute ein bisschen mitgenommen aus.«

Nicht nur heute, dachte ich, aber in den letzten Wochen war es zwischen uns nicht perfekt gelaufen. Ali war ziemlich aufgewühlt gewesen und hatte häufig geistesabwesend gewirkt, wollte aber nicht darüber sprechen. Und da ich selbst ziemlich beschäftigt gewesen war, hatte ich nicht nachgehakt.

Ali blickte auf den Platz hinunter. »Hat Jack gut gespielt?«

»Prima«, sagte ich. Dann fragte ich: »Wann geht dein Flug morgen?«

»Um drei.«

»Ich fahr dich zum Flughafen.«

Erin, Alis Tochter, fing nächste Woche auf der Arizona State University an. Ali und Jack begleiteten sie auf dem Flug, um ihr die ersten Tage der Eingewöhnung zu erleichtern.

»Ist nicht nötig. Ich hab mir schon einen Mietwagen bestellt.«

»Ich würd euch aber gerne hinfahren.«

»Das schaffen wir schon so.«

Ihr Tonfall beendete jede weitere Diskussion über dieses Thema. Ich versuchte mich zurückzulehnen und das Spiel anzusehen. Mein Puls raste immer noch. Ein paar Minuten später fragte Ali: »Warum starrst du die ganze Zeit den Trainer der gegnerischen Mannschaft an?«

»Welchen Trainer?«

»Den mit den in schlechter Heimarbeit gefärbten Haaren und dem Robin-Hood-Bart.«

»Ich brauche noch ein paar Tipps zum Striegeln«, erwiderte ich.

Sie hätte fast gelächelt.

»Hat Jack in der ersten Halbzeit viel gespielt?«

»Wie üblich.«

Das Spiel war zu Ende. Kasselton gewann mit drei Punkten Vorsprung. Das Publikum tobte. Jacks Trainer, ein in jeder Beziehung guter Mann, hatte beschlossen, Jack in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr einzusetzen. Ali war etwas ärgerlich darüber – normalerweise versuchte der Trainer allen Jungs in etwa gleich viel Spielzeit zu geben –, entschied sich aber offensichtlich dafür, es einfach hinzunehmen.

Die Mannschaften verzogen sich für die Nachbesprechung in die Ecken des Spielfelds. Ali und ich warteten im Schulflur vor der Sporthalle. Es dauerte nicht lange. Coach Bobby kam auf mich zu. Er stolzierte genau wie vorher schon, hatte dazu aber jetzt auch noch die Hände zu Fäusten geballt. Er wurde von drei anderen Männern begleitet, die sämtlich übergewichtig und längst nicht so hart waren, wie sie glaubten – Assistenztrainer Pat war auch dabei. Coach Bobby blieb ungefähr einen Meter vor meiner Wenigkeit stehen. Seine drei Kumpane stellten sich mit verschränkten Armen in einer Art Halbkreis hinter ihn und starrten mich an.

Einen Moment lang sagte niemand etwas. Sie musterten mich nur mit bösen Blicken.

»Ist das jetzt der Teil, wo ich mir vor Angst in die Hose mache?«, fragte ich.

Wieder streckte Coach Bobby mir den Zeigefinger ins Gesicht. »Kennen Sie das Landmark, diese Bar in Livingston?«

»Klar«, sagte ich.

»Heute Abend um zehn. Hinterm Haus auf dem Parkplatz.«

»So spät darf ich nicht mehr raus«, sagte ich. »Außerdem bin ich nicht so leicht rumzukriegen. Sie müssen mich vorher zum Essen einladen. Und ein Blumenstrauß wäre auch nett.«

»Wenn Sie nicht da sind …«, der Finger kam näher, » komm ich Sie suchen. Und dann knöpf ich Sie mir vor. Haben Sie mich verstanden?«

Das hatte ich nicht, aber bevor ich um Aufklärung oder ein paar weitere Erläuterungen bitten konnte, stapfte er davon. Seine Kumpel folgten ihm auf dem Fuß. Sie drehten sich zu mir um. Ich winkte allen ein fünffingriges Toodle-loo hinterher. Als einer mich länger anstarrte, als es mir angemessen erschien, warf ich ihm eine Kusshand zu. Sein Kopf schnellte nach vorn, als ob ich ihm eine Ohrfeige verpasst hätte.

Kusshände – eine meiner Lieblingswaffen, um Homophobe auf die Palme zu bringen.

Ich wandte mich wieder an Ali, sah ihre Miene und dachte Oh-oh

»Was um alles in der Welt war das denn?«

»Als du noch nicht hier warst, ist im Spiel was vorgefallen«, sagte ich.

»Und was?«

Ich erzählte es ihr.

»Und darauf bist du dann zum Trainer gegangen?«

»Ja.«

»Wieso?«, fragte sie.

»Wie wieso?«

»Damit hast du es doch nur noch schlimmer gemacht. Der Mann ist ein Aufschneider. Die Jungs merken das selbst.«

»Jack ist fast in Tränen ausgebrochen.«

»Darum kümmere ich mich dann. Dein Macho-Gehabe ist jedenfalls fehl am Platz.«

»Es geht doch gar nicht um Macho-Gehabe. Ich wollte nur, dass er aufhört, auf Jack rumzuhacken.«

»Kein Wunder, dass Jack in der zweiten Halbzeit nicht mehr eingesetzt wurde. Wahrscheinlich hat sein Trainer mitgekriegt, wie idiotisch du dich benommen hast, und war klug genug, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Fühlst du dich jetzt wenigstens besser?«

»Nein, noch nicht«, sagte ich. »Aber nachdem ich ihm heute Abend am Landmark die Fresse poliert habe, ja, ich glaub, danach fühle ich mich dann besser.«

»Vergiss es.«

»Du hast doch gehört, was er gesagt hat.«

Ali schüttelte den Kopf. »Das ist doch unglaublich! Was ist nur los mit dir?«

»Ich hab mich für Jack eingesetzt.«

»Das ist nicht deine Aufgabe. Du hast da keine Aktien drin. Du bist …«

Sie brach ab.

»Sag’s doch, Ali.«

Sie schloss die Augen.

»Du hast recht. Ich bin nicht sein Vater.«

»Das wollte ich nicht sagen.«

Wollte sie schon, aber ich ließ die Sache auf sich beruhen. »Also gut, vielleicht war es nicht meine Aufgabe, wenn’s wirklich nur darum gegangen wäre – aber das war es doch gar nicht. Ich hätte den Kerl auch auf den Pott gesetzt, wenn er das mit einem anderen Jungen gemacht hätte.«

»Wieso?«

»Weil es falsch ist.«

»Und für wen hältst du dich, dass du hier entscheiden darfst, ob etwas falsch oder richtig ist?«

»Was soll die Frage? Manche Dinge sind einfach falsch. Andere sind richtig. Und das, was der Coach da gemacht hat, war eben einfach falsch.«

»Der Mann ist ein arrogantes Arschloch. Es gibt solche Menschen. Daran muss man sich gewöhnen. Jack hat das begriffen, oder zumindest ist er dabei, es zu lernen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu – man muss auch den Umgang mit Idioten lernen. Verstehst du das nicht?«

Ich antwortete nicht.

»Und wenn du glaubst, dass mein Sohn so tief verletzt wurde«, zischte Ali zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »was glaubst du, wer du bist, dass du mir nichts davon erzählst? Ich hab dich sogar noch gefragt, als wir uns in der Halbzeitpause unterhalten haben, erinnerst du dich?«

»Ja.«

»Du hast gesagt, es wäre nichts gewesen. Was hast du dir dabei gedacht – dachten wir, das kleine Fräulein kommt damit nicht klar, dem sagen wir lieber mal gar nichts davon?«

»Nein, natürlich nicht.«

Ali schüttelte den Kopf, sagte aber nichts mehr.

»Was ist?«, fragte ich.

»Ich hab dich zu nah an ihn herangelassen«, sagte sie.

Mein Herz ging in den Sturzflug.

»Scheiße«, sagte sie.

Ich wartete.

»Für einen wunderbaren Mann mit einer eigentlich so guten Auffassungsgabe, bist du manchmal ganz schön begriffsstutzig.«

»Vielleicht hätte ich wirklich nicht auf ihn losgehen sollen, klar. Aber wenn du dabei gewesen wärst, als er Jack hämisch gefragt hat, ob er das nochmal machen kann, und du Jacks Gesicht in dem Moment gesehen hättest …«

»Das mein ich gar nicht.«

Ich brach ab und überlegte. »Dann hast du recht. Dann bin ich wohl begriffsstutzig.«

Ich bin ein Meter zweiundneunzig groß, Ali ist ungefähr dreißig Zentimeter kleiner. Sie stellte sich vor mich und blickte zu mir hoch. »Ich fliege nicht nach Arizona, um Erin die Eingewöhnung zu erleichtern. Oder wenigstens nicht nur deshalb. Meine Eltern leben da. Und seine Eltern leben auch da.«

Ich wusste, auf wen sich das seine bezog – auf ihren verstorbenen Ehemann, den Geist, den ich zu akzeptieren und manchmal sogar zu schätzen gelernt hatte. Er war immer zugegen. Wahrscheinlich war das gut und richtig so, obwohl ich mir gelegentlich schon mal wünschte, dass er verschwände – aber es ist natürlich furchtbar, so etwas zu denken.

»Sie – beide Großelternpaare – wollen, dass wir auch dahin ziehen. Dann sieht man sich öfter, und sie können mir auch helfen. Eigentlich eine gute Idee, wenn man sich das mal so durch den Kopf gehen lässt.«

Ich nickte, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun sollen.

»Jack und Erin brauchen das. Na ja, und ich wohl auch.«

»Was braucht ihr?«

»Eine Familie. Seine Eltern sollen ein Teil von Jacks Leben werden. Und die vertragen die Kälte hier oben einfach nicht mehr. Verstehst du?«

»Natürlich versteh ich das.«

Die Worte klangen in den eigenen Ohren seltsam, fast, als ob sie jemand anders gesagt hätte.

»Meine Eltern haben da eine Wohnung gefunden, die wir uns mal angucken sollen«, sagte Ali. »Die ist im selben Häuserblock, in dem sie auch wohnen.«

»Wohnungen sind praktisch«, plapperte ich drauflos. »Die Unterhaltskosten sind nicht so hoch. Man zahlt einfach nur die Miete, und damit hat sich das, oder?«

Sie sagte nichts.

»Also«, sagte ich, »bevor wir jetzt lange darum herumreden: Was bedeutet das für uns beide?«

»Willst du nach Scottsdale ziehen?«, fragte sie.

Ich zögerte.

Sie legte mir die Hand auf den Arm. »Sieh mich an.«

Das tat ich. Und dann sagte sie etwas, mit dem ich niemals gerechnet hatte.

»Unsere Beziehung ist doch nichts für die Ewigkeit, Myron. Das wissen wir doch beide.«

Eine Gruppe Kinder eilte an uns vorbei. Eins berührte mich und sagte doch tatsächlich: »Entschuldigung.« Ein Schiedsrichter pfiff. Eine Sirene ertönte.

»Mom?«

Jack, gesegnet sei sein kleines Herz, kam um die Ecke. Ali und ich fingen uns und lächelten ihm zu. Er erwiderte das Lächeln nicht. Normalerweise kam Jack fröhlich wie ein neugeborener Welpe auf uns zu und klatschte uns gut gelaunt ab – ganz egal, wie schlecht er gespielt hatte. Das war Teil seines Charmes. Heute war das anders.

»Hey, alter Junge«, sagte ich, weil ich eigentlich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Ich hatte oft mitgekriegt, wie Leute in ähnlichen Situationen »Gutes Spiel« sagten, aber die Kids wussten, dass es eine Lüge war, fühlten sich nicht ernst genommen, und das machte das Ganze dann nur noch schlimmer.

Jack lief auf mich zu, schlang die Arme um meinen Bauch, lehnte seinen Kopf an meine Brust und fing an zu schluchzen. Wieder brach mir das Herz. Ich blieb einfach stehen und legte ihm eine Hand auf den Hinterkopf. Ali sah mich an. Ihr Gesichtsausdruck gefiel mir überhaupt nicht.

»Ist ein harter Tag gewesen«, sagte ich. »Haben wir alle mal. Lass es dir nicht zu Herzen gehen, okay? Du hast dein Bestes gegeben, mehr kannst du nicht machen.« Dann fügte ich noch etwas hinzu, das der Junge nicht verstehen würde, obwohl es hundertprozentig der Wahrheit entsprach. »Eigentlich sind diese Spiele auch gar nicht so wichtig.«

Ali legte ihrem Sohn eine Hand auf die Schulter. Er ließ mich los, drehte sich zu ihr um und lehnte sich an sie. Wir blieben ungefähr eine Minute so stehen, bis er sich etwas beruhigt hatte. Dann klatschte ich in die Hände und rang mir ein Lächeln ab.

»Hat jemand Lust auf ein Eis?«

Jack war sofort wieder da. »Ich!«

»Heute nicht«, sagte Ali. »Wir müssen packen und uns fertig machen.«

Jack runzelte die Stirn.

»Vielleicht ein andermal.«

Ich erwartete, dass Jack ein lautes »Ach, Mom« von sich gab, aber vielleicht hatte er auch etwas aus ihrem Tonfall herausgehört. Er legte den Kopf schräg und drehte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, wieder zu mir um. Wir klopften die Fingerknöchel der Fäuste leicht gegeneinander – auf die Art begrüßten und verabschiedeten wir uns –, und Jack machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Mit einer Geste forderte Ali mich auf, nach rechts zu gucken. Als ich das tat, sah ich Coach Bobby. »Wag es nicht, dich mit ihm zu prügeln«, sagte sie.

»Er hat doch angefangen.«

»Der Klügere gibt nach.«

»In Filmen vielleicht. An Orten mit Zauberpulver, Osterhasen und hübschen Feen. Aber im wahren Leben wird ein Mann, der nachgibt, als gewaltiger Schlappschwanz angesehen.«

»Dann tu’s für mich, okay? Oder für Jack. Fahr heute Abend nicht zu der Bar. Versprich es mir.«

»Er hat gesagt, wenn ich nicht komme, will er mich suchen und sich mir vorknöpfen, oder so was.«

»Er ist ein Großmaul. Versprich’s mir.«

Sie zwang mich, ihr in die Augen zu sehen.

Ich zögerte, aber nicht lange. »Okay, versprochen. Ich fahr da nicht hin.«

Sie wandte sich ab und wollte gehen. Ohne Kuss oder auch nur ein kleines Küsschen auf die Wange.

»Ali?«

»Was ist?«

Der Flur kam mir plötzlich sehr leer vor.

»Trennen wir uns?«

»Willst du nach Scottsdale ziehen?«

»Willst du darauf jetzt sofort eine Antwort haben?«

»Nein. Aber ich kenne die Antwort schon. Genau wie du.«