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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Ausgerechnet Lady Alicia Lawrence, von der guten Gesellschaft aufgrund eines jugendlichen Verfehlens als notorische Lügnerin gebrandmarkt und ausgeschlossen, kommt per Zufall einer gefährlichen Verschwörung auf die Spur. Der Prinz von England ist in Gefahr! Nur Lord Stanton Horne, eines der Mitglieder des Geheimbundes der Royal Four, die das Könighaus durch versteckte Operationen schützen, schenkt ihr Glauben. Gemeinsam wollen sie gegen das Komplott vorgehen und besuchen eine skandalöse Party, auf der die junge Frau den Feind wähnt. Um von der Gesellschaft unerkannt zu bleiben, gibt sich Alicia auf der Veranstaltung als Stantons Mätresse aus. Auf ihrer Mission, die Verschwörung aufzudecken und den Prinzen zu retten, geraten die beiden jedoch unversehens in einen wilden Strudel leidenschaftlichen Begehrens. Kann die schöne Alicia das Herz ihres Meisterspions zum Schmelzen bringen?

Autorin
Celeste Bradley, 1964 in Virginia geboren, lebt am Fuße der Sierra Nevada in Nordkalifornien. Sie ist mit einem Journalisten verheiratet und hat zwei Töchter. Bevor sie 1999 ihren ersten Roman veröffentlichte, arbeitete sie auch als Schauspielerin, doch ihre wahre Leidenschaft ist das Schreiben. Preisgekrönt, u. a. mit dem RITA Award für besonders herausragende Liebesromane, gehört die New-York-Times-Bestsellerautorin inzwischen zu den heiß geliebten Stars des Genres. Weitere Informationen unter:

Von Celeste Bradley bei Blanvalet lieferbar:
Der Liar’s Club: Die schöne Spionin (36279) – Die schöne Schwindlerin (36335) – Die schöne Rächerin (36614) – Die schöne Betrügerin (36336) -
Die schöne Teufelin (36854)
 
Die Royal Four – Spione im Dienste Ihrer Majestät: Der verruchte Spion (01; 36660) – Der geheimnisvolle Gentleman (02; 36661) – Verruchte Nächte (03; 36905) – Gefährliches Begehren (04; 36906)

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Die Originalausgabe erschien 2006
unter dem Titel »Seducing the Spy« bei St. Martin’s Press, New York

Ich widme dieses Buch meiner lieben Freundin, der Autorin Cheryl Lewallen. Freunde wie dich findet man nur wenige im Leben.
 
 
Ich möchte mich bei unseren Lehrern für ihre harte Arbeit bedanken, die sie tagtäglich leisten und ohne die wir nicht bestehen könnten. Mein Dank geht an die kreativen und engagierten Frauen und Männer, die uns helfen, unsere Kinder zu besseren Menschen zu erziehen.

Jeder Herrscher braucht eine Reihe von Männern, auf die er sich verlassen kann und die ihm die Wahrheit sagen – egal ob er sie hören will oder nicht.
 
Zur Zeit der Normannen, als sich König Wilhelm der Eroberer von Beratern umgeben sah, die mehr auf ihren eigenen Vorteil aus waren, als dem Wohle des großen Ganzen zu dienen, gründeten einige Jugendfreunde des Königs das Quatre Royale. Sie alle waren Lords und dem König treu ergeben.
Diese vier Männer gaben sich als Quatre Royale die Namen berüchtigter Raubtiere; ihr Privatleben trennten sie strikt von ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich der, als Schild der Täuschung und Schwert der Wahrheit im Namen des Königs zu wirken.
Mutig wie der Löwe.
Tödlich wie die Kobra.
Wachsam wie der Falke.
Schlau wie der Fuchs.
Die Ernennung galt ein Leben lang – die Ergebenheit war absolut. Bindungen durch Familie, Freunde und sogar durch die Liebe wurden flüchtig wie ein Traum, wenn ein sorgfältig ausgewählter Lehrling den Platz seines Meisters einnahm. Das Privatleben war nichts als eine Maske, die im Dienst der Verschwiegenheit und Anonymität aufrechterhalten wurde. Denn in Wahrheit umschlossen die eisernen Gitter der Pflicht die Herzen und Seelen der Royal Four.

Prolog
England, 1813
Lord Wyndham,
ich schreibe Euch, weil Ihr mir als ein geringerer Idiot erscheint als andere Herren. Die Klatschspalten waren voll davon, dass Eure Cousine Lady Jane Pennington einen profanen Kartenspieler geheiratet hat, und doch bekennt Ihr Euch weiterhin zu ihr und beweist damit für ein Mitglied Eurer Spezies ausgezeichnetes Urteilsvermögen.
Deshalb habe ich entschieden, Euch mit einer Sache zu betrauen, die mir kürzlich zu Ohren gekommen ist. Ich glaube, dass sich gerade eine Verschwörung gegen die Krone bildet. Die Einzelheiten entnehmt bitte den folgenden Seiten.
Was Ihr mit dieser Information anstellt, interessiert mich nicht im Geringsten. Ich habe nicht vor, meine Zeit mit den Angelegenheiten von Männern zu verschwenden.
Lady Alicia Lawrence

1. Kapitel
Stanton Horne, der elfte Marquis von Wyndham, Mitglied der Royal Four- einem Geheimbund der mächtigsten Männer Englands -, angesehener Experte für historische Dokumente und darüber hinaus noch ein äußerst attraktiver Mann, besah sich die Bescherung auf dem Boden seiner Eingangshalle und verkniff sich ein ratloses Seufzen.
»Es tut mir leid, Mylord«, sagte der Diener rasch. »Ich mache das sofort sauber, Mylord. Es tut mir so leid, Mylord.« Stantons stammelnder Bursche wich vor ihm zurück, wie man vor einer gefährlichen, menschenfressenden Bestie zurückweichen würde. Vorsichtig hob Stanton die Hand, um eine beschwichtigende Geste zu machen, aber der Mann jammerte und wurde leichenblass. »Es t…tut m…mir l… leid, M…m…mylord.«
Stanton gab auf. Bei manchen Leuten war eben Hopfen und Malz verloren. Er hatte sich bei dem Burschen nur dafür entschuldigen wollen, dass er so plötzlich um die Ecke der Halle gebogen war und seinen eigenen Tee zu Boden gestoßen hatte. Jetzt würde der Diener zweifellos Geschichten darüber erzählen, wie er der Wut seines Dienstherren nur knapp entgangen war.
Die Tatsache, dass er seiner außergewöhnlich genauen Erinnerung nach in seinem Haus noch nie die Stimme erhoben hatte, schien keinen Einfluss auf die Ehrfurcht zu haben, die sein Personal ihm gegenüber empfand.
Ja, er konnte ein schwieriger Dienstherr sein. Es stimmte auch, dass er nicht besonders gesellig war. Und doch hielt er sich für einen gerechten und ausgeglichenen Menschen und nicht für ein großes, behaartes Ungeheuer, das junge bartlose Burschen so sehr erschreckte, dass sie den Verstand verloren und – offensichtlich – auch die Fähigkeit, ein Teetablett zu tragen.
»Junger Mann -«
»Dobbins, Mylord!«
»Ja, Dobbins, natürlich.« Stanton atmete noch einmal beschwichtigend ein. »Wenn Ihr hier fertig seid, dann würde ich es begrüßen, möglichst bald ein neues Teetablett zu bekommen.«
Der Mann fiel auf die Knie, als duckte er sich vor einem Schuss und fing an, fieberhaft das zerbrochene Geschirr aufzusammeln. Seine Hände zitterten so sehr, dass Tee von den Scherben auf Stantons Stiefel tropfte.
Der Bursche fiel angesichts dieser Tatsache fast in Ohnmacht. »Mylord! Oh, Mylord, ich -«
Stanton konnte es sich nicht länger anhören. Er machte auf dem Absatz kehrt und schlenderte davon. Solange er zugegen war, würde ohnehin nichts Sinnvolles geschehen. Es schien, als brauche es nicht mehr, seinen gesamten Haushalt in Angst und Schrecken zu versetzen, als dass er ein Zimmer seines eigenen Hauses betrat.
Es war immer so. Wo auch immer er hinging, drängten Mütter ihre Kinder aus seinem Weg und selbst die kampfeslustigsten Männer wandten den Blick ab. Kein noch so sorgfältig gepflegtes Äußeres vermochte den Eindruck zu tilgen, dass er in Wirklichkeit ein fieses, furchteinflößendes Monster war.
Es reichte aus, einen Mann an sich zweifeln zu lassen.
Vielleicht war er in letzter Zeit tatsächlich ein bisschen angespannt. Warum sollte er es auch nicht sein, wenn der schlimmste Spion, mit dem England es je zu tun gehabt hatte, ihm und seinen Kameraden von den Royal Fourschon wieder entwischt war? Es stimmte zwar, dass die Schimäre dieses Mal ein wenig angeschlagen aus der Sache herausgekommen war und sich vor ihren Suchtrupps versteckte, ihren besten Männern nur einen Schritt voraus.
Der Gedanke daran, dass der außerordentlich gefährliche französische Adlige, der sich ihnen gegenüber mit solcher Leichtigkeit als junger englischer Kammerdiener ausgegeben hatte, nun Schmerzen erdulden musste und dem Abgrund nahe stand, war recht befriedigend. Aber Stantons sehnlichster Wunsch war es, den kalten Leichnam des Mannes vor sich ausgestreckt auf dem Boden liegen zu sehen.
Doch dieser Wunsch erwies sich, als nicht so einfach zu erfüllen.
Obschon das besondere Talent der Schimäre, in immer neue Rollen zu schlüpfen, mit den Schnittwunden in ihrem Gesicht nicht mehr zum Tragen kommen konnte, so war der brillante Verstand des Mannes doch unbeeinträchtigt.
Der Krieg gegen Napoleon war zum Stillstand gekommen – beide Seiten verzeichneten derzeit schwere Verluste. England und Frankreich standen sich mit den Schwertern an der Kehle ebenbürtig gegenüber und warteten nur darauf, dass irgendetwas die Balance zu ihren Gunsten entschied.
So weit die Entschuldigung für Stantons etwas angespannte Nerven in letzter Zeit. Er war einfach nur ein bisschen … nervös.
Als er davonging, hörte er, wie ein zweiter Bursche dem ersten zu Hilfe kam. Ihr Flüstern war leicht den Flur hinunter zu hören.
»Der Herr ist in letzter Zeit einfach nur zum Fürchten, nicht?«
Dobbins grunzte zustimmend. »Ich hab schon gedacht, es wär um mich geschehn.«
»Wenn er mich fragen würde, würde ich ihm raten, sich’ne Frau zu suchen. Der muss’n bisschen Dampf ablassen, bevor er noch platzt.«
»Wird nicht passieren. Der Herr wird schwerlich’ne Dame finden, die vor seinen kalten Augen nicht schreiend davonrennt. Keine Dame, die ich bisher gesehn hab, würde ihr Herz an so’nen harten Hund hängen!«
Harter Hund? Das war neu. Einfallsreich und sogar ein bisschen alliterierend. Stanton fand es in jedem Fall anziehender als »Teufelsbrut« oder »eiskalter Teufel«. Er setzte seinen Weg kommentarlos fort. Was würde es ihm schon bringen, wenn er sie für ihre Respektlosigkeit tadelte, außer dass er damit die Angst unter seinen Angestellten noch schürte?
Und doch, als er allein in seinem Studierzimmer saß und auf seinen Tee wartete, ließ ihm dieser letzte Kommentar keine Ruhe.
»Keine Dame würde ihr Herz an so einen hängen.«
Leider schien er damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, wenn auch die Begründung, die der Bursche geliefert hatte, nicht zutraf. Wenn seine Anwesenheit bereits Angst unter seinen robusten Dienstboten aus dem Londoner East End hervorrief, so war das doch nichts im Vergleich zu seiner Wirkung auf die zarte Sensibilität reizender und infrage kommender junger Damen der feinen Gesellschaft.
Gewiss war er nicht ganz unschuldig an der Situation. Er war weder glatt noch gefällig noch vermochte er die Damen mit humorvollen Anekdoten zu unterhalten – denn ihm fiel nie eine im passenden Moment ein. Sein Mangel an netter Konversation, auf die Damen so viel Wert legten, half nicht gerade, sie von seinem angeblich finsteren Wesen abzubringen.
Aber was machte das schon? Stanton hatte die Frauen schon vor langer Zeit aufgegeben und fühlte sich seither besser. Das Allerletzte, was er in seinem komplizierten Leben gebrauchen konnte, war eine Frau.
Der Türklopfer ertönte dreimal und schickte ein widerhallendes Geräusch durch das größtenteils stille Haus. Stanton erschrak, denn er war das Geräusch nicht gewöhnt. Stimmen drangen aus der Eingangshalle durch die halb geöffnete Tür seines Studierzimmers.
»Ich wünsche, Lord Wyndham zu sprechen.« Die Stimme einer Frau, klar und fest. »Er wünscht es auch. Er weiß es nur noch nicht.«
»Ich bedaure, Madam.« Der Tonfall seines Butlers war eisig. »Seine Lordschaft pflegt für unangemeldeten Besuch, nicht zu Hause zu sein.«
Stantons Mundwinkel zuckten. Er empfing nur selten Besuch, ob nun geladen oder nicht, deshalb war das Geräusch seines Türklopfers auch so ein ungewöhnlicher Laut. Glücklicherweise gehörte Grimm nicht zu denen, die strikte Befehle missachteten. Binnen weniger Augenblicke war die Person verschwunden, und Stanton konnte sich wieder seiner Arbeit zuwenden.
»Ich kann nicht erkennen, dass er allzu beschäftigt wäre. Er sitzt in seinem Studierzimmer und starrt an die Decke. Das weiß ich, weil ich durchs Fenster gesehen habe, bevor ich anklopfte.«
Grimm, der ruchloseste Butler, den man mit Geld bezahlen konnte, stotterte hilflos ob dieser ungeheuerlichen Bemerkung. Stantons kultivierte Neugier war geweckt. Er stand auf, gelenkt von seinem Wunsch, mehr zu erfahren. Wer war diese Person, die in seiner Eingangshalle ein solches Theater veranstaltete? Er streckte den Kopf durch die Tür seines Studierzimmers.
Sie war nicht gerade groß und sehr merkwürdig gekleidet. Ihr sackartiges Kleid war zu lang und schleifte auf dem Boden, was er dem Straßendreck entnahm, der sich jetzt von ihrem Saum auf seinen Teppich verteilte. Auf ihrem Kopf thronte ein Hut, der seit einigen Jahrzehnten aus der Mode war und ihr Gesicht hinter einem dichten Schleier verbarg.
Ein unwürdiger Bittsteller, daran bestand kein Zweifel. Grimm würde damit fertig werden.
Er zog sich in sein Studierzimmer zurück. Sie warf den Kopf herum, und er konnte schier spüren, wie sich ihr Blick durch den dunklen Schleier bohrte.
»Da seid Ihr ja«, fuhr sie ihn an. »Sagt Eurem Mann hier, er soll mich einlassen. Ich muss mit Euch sprechen.« Ihre Stimme wenigstens war kultiviert und melodisch, trotz der irritierenden Schärfe, die ihr innewohnte. Die Frau war absolut bemerkenswert mit ihrem herrischen Wesen und ihrer bizarren Erscheinung.
Grimm warf ihm einen gequälten Blick zu. »Sie weigert sich, ihren Namen zu nennen, Mylord.« Grimm sah aus, als würde ihn ein weiterer Moment in der Anwesenheit dieser Kreatur seine geistige Gesundheit kosten.
Stanton sah keinen Grund, seinen Butler in einen epileptischen Anfall zu treiben. Es war so schon schwer genug für ihn, gutes Personal zu halten. Die Tatsache, dass seine wachsende Neugier den eben durchlebten Anfall ruheloser Unzufriedenheit linderte, hatte mit seiner Entscheidung nichts zu tun.
Er verbeugte sich vor der Frau und wies mit der Hand auf eine andere Tür. »Wenn Ihr die Güte hättet, mir den großen Gefallen zu tun, im grünen Salon auf mich zu warten, werde ich mich Eurer in wenigen Augenblicken mit Freuden annehmen.«
Sie knickste nicht zur Erwiderung, noch machte sie irgendeins der üblichen sozialen Geräusche. Stattdessen blieb ihr Schleier unverwandt auf ihn gerichtet.
»Wenn Ihr glaubt, dass ich einfach irgendwann gehe, dann täuscht Ihr Euch gewaltig«, sagte sie rundheraus. »Ich habe keine besonderen Pläne für den Rest des Tages. Genau genommen habe ich keine besonderen Pläne für den Rest meines Lebens, also rate ich Euch, zu Eurem Wort zu stehen und tatsächlich nicht länger als wenige Augenblicke zu brauchen.«
Mit diesen Worten wandte sie sich abrupt ab und ging in den grünen Salon, ohne sich von Grimm helfen zu lassen, der erstaunlich langsam reagierte.
»Hm.« Die Frau mochte zwar wie ein Flüchtling aus der Irrenanstalt aussehen, aber sie klang eher wie ein ungeduldiger Rittmeister. Stanton warf Grimm einen Blick zu, der der Frau offen hinterherstarrte. Seine Miene zeigte dabei eine Mischung aus glühendem Hass und einem Funken Respekt, was einfach unmöglich war, denn Grimm beugte sich keinem außer seinem Herrn.
»Grimm, Tee und Gebäck bitte in den grünen Salon. Damen mögen Tee und Gebäck.«
Grimm erwiderte nichts, als er sich abwandte. Doch als Stanton den Gang hinunterschritt, meinte er, seinen unerschütterlichen Butler etwas von »Gifttee und Drachengebäck« murmeln zu hören.
Stanton ging nur lange genug in sein Studierzimmer zurück, um sich einen Gehrock überzuziehen und die Dokumente, die er nicht gelesen hatte, in eine abschließbare Schublade zu legen. Dann steckte er den Schlüssel in dessen übliches Heim in seiner Westentasche, schlenderte zum grünen Salon und öffnete die Tür.
Lady Alicia Lawrence stand am Fenster. Sie drehte sich um, um den Mann zu begrüßen, für den sie so weit durch den Regen gelaufen war. Stanton Horne, Marquis von Wyndham – der einzige Mann in ganz London, der sich vielleicht anhören würde, was sie zu erzählen hatte, bevor er sie wieder in die Gosse jagte.
Er sah gut aus, das stand schon mal fest. Sie konnte die Symmetrie seiner eher scharf modellierten Gesichtszüge bewundern, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, ob er sie vielleicht ebenso attraktiv finden würde.
Es war schon unheimlich, wie viel mehr Zeit sie zur Verfügung hatte, seit sie aufgehört hatte, sich um solche Dinge zu kümmern. Natürlich konnte sie mit dieser Zeit nur sehr wenig anfangen … aber es hatte keinen Sinn, darüber zu lamentieren. Das Kind war bereits in den Brunnen gefallen.
Sie ertappte sich dabei, wie ihr Blick auf dem recht sinnlichen Schwung seiner Unterlippe verweilte, und zwang sich dazu, ihn mehr im Ganzen zu mustern. Was war das für ein Mann, dieser Lord Wyndham, der jedem ein Begriff war, den jedoch keiner wirklich gut kannte?
Selbst sie, eine von der Gesellschaft Ausgestoßene, wusste, dass er reich war wie ein König und geheimnisvoll wie ein schwarzer Magier in seinem Turm. Sie glaubte den Gerüchten über Jungfrauenopfer auf seinem Dachboden nicht, aber was wusste sie schon über Jungfrauen?
Er sah eher normal aus, wenn verstörend dunkle Augen und ein eisernes Kinn als normal bezeichnet werden konnten. Sein dichtes, nahezu rabenschwarzes Haar war zu einem perfekten Zopf gebunden und verlieh seinem Gesicht, das ansonsten als schön bezeichnet werden konnte, eine gewisse Strenge.
Sie bewunderte seine Treue zum klassischen Stil anstelle des zerzausten Byronstils, den die meisten Herren heutzutage bevorzugten. Wer sich sofort einer neuen Mode unterwarf, tendierte dazu, sich auch in anderen Dingen leicht beeinflussen zu lassen. Sie musste es ja wissen, da sie selbst vor gefühlten hundert Jahren eine solche Person gewesen war. Lord Wyndham sah so aus, als könnte selbst ein Wirbelsturm ihm nichts anhaben.
Er begrüßte sie mit einem korrekten, angedeuteten Diener. Sie machte sich nicht die Mühe, seine Gefälligkeit zu erwidern. Er würde mit diesem Unsinn auch aufhören, wenn er sich ihres Rufs bewusst wurde. »Ich bin Lady Alicia Lawrence, Tochter des Earl von Sutherland. Ich verfüge über Informationen über einen Plan, Seine Königliche Hoheit, den Prinzregenten, zu entführen. Seid Ihr daran interessiert, mir zuzuhören, oder soll ich mir einen anderen suchen, der der Sache größere Bedeutung beimisst?«
Stanton spürte, wie seine Neugier nachließ. Oh, verdammt! Sie war eine von denen, die an jeder Ecke eine Verschwörung vermuteten. Er hatte schon mit einigen dieser irrationalen Menschen in seinen Jahren als Falke zu tun gehabt, aber das hier war das erste Mal, dass einer von ihnen sich direkt an ihn wandte.
Was eine andere Frage aufwarf: Was hatte sie zu der Annahme verleitet, der zurückgezogen lebende Marquis von Wyndham könnte an ihrer Geschichte interessiert sein? Die Antwort darauf wollte Stanton sehr gerne erfahren. Schließlich vermied er es, in der Öffentlichkeit als auch nur ansatzweise an Politik interessiert zu erscheinen.
Vielleicht sollte er Lady Alicia doch ernst nehmen. »Darf ich meinen Butler kommen lassen, um Euch den Hut abzunehmen?«
Sie berührte mit ihren behandschuhten Fingerspitzen ihren moderigen Schleier. »Es wäre mir lieber, ihn anzubehalten.«
Er sollte darauf bestehen, aber sie könnte die eine Frage stellen, die er nicht beantworten wollte.
Warum?
Er hatte nicht vor, sich zu erklären, denn wenn er es täte, würde ihn das nur auf direktem Weg ins Irrenhaus bringen. Wie konnte er dieser Frau erklären, dass er ihr Gesicht sehen musste, um zu wissen, ob sie log? Sie würde ihn fragen, wie um alles in der Welt er das wissen wollte, und er würde ihr nicht die Wahrheit sagen können, denn er wusste selbst nicht, wie dieses erstaunliche Talent, über das er verfügte, funktionierte.
Er mochte noch nicht einmal darüber nachdenken, denn er war stolz darauf, ein rationaler Mann zu sein, und das war er auch … bis auf diese eine Sache eben, diese Fähigkeit, an die er mit ganzem Herzen glaubte, denn sie hatte ihn noch nie im Stich gelassen.
Sein ganzes Leben lang hatte Stanton es gewusst, wenn man ihn anlog. Als Junge hatte er ohne Probleme die kleinen Unwahrheiten, die Erwachsene den Kindern erzählen, aufgedeckt. Er hatte gewusst, dass er auch dann wachsen würde, wenn er seine Milch nicht trank, dass er nicht sterben würde, wenn er mit einer Schere in der Hand rannte, und dass er, egal wie oft er sich als Knabe selbst befriedigte, doch niemals daran erblinden würde.
Als er älter wurde, stellte er fest, dass er selbst verheimlichte Tatsachen erspürte, oder zumindest doch den Akt des Verheimlichens. Er lernte die Lügen kennen, die die Leute erzählten, um sich Schande oder Mühen zu ersparen. Er gewöhnte sich an die Lügen, die sie bei ihrem Streben nach Geld oder Liebe erzählten.
Schleier oder auch nicht, selbst er konnte erkennen, dass die Person vor ihm angesichts seiner Unaufmerksamkeit langsam die Geduld verlor. Sie wedelte mit einem gefalteten Blatt Papier in der Luft herum und legte den Kopf schief. »Wenn Ihr meinen Brief gelesen hättet – für den ein Mitglied Eures Haushaltes sich weigerte, das Porto zu bezahlen -, dann hättet Ihr bereits einen genauen Überblick darüber, was ich gehört habe«, erklärte sie schnippisch.
Sie war verärgert. Stanton konnte kaum sagen, wie wenig ihn das beeindruckte. »Lady Alicia, vielleicht möchtet Ihr es mir jetzt erzählen?«
Bald würde er sich daran erinnern, in welchem Zusammenhang er bereits von Lady Alicia Lawrence gehört hatte. Er selbst hatte ihren Brief nicht abgewiesen, aber er war sich sicher, dass Grimm es getan hatte – auf seinen Befehl hin. Jeder, der eine wichtige Nachricht zu übermitteln hatte, wusste, dass man so etwas nicht der Post anvertrauen durfte. Daraus folgte, dass es keinen Grund für ihn gab, sein Leben mit Briefen und Einladungen zu beschweren, die er sowieso niemals beantworten würde.
Endlich setzte sich Lady Alicia. »Vor vier Nächten habe ich zufällig eine Unterhaltung mitbekommen. Drei Männer diskutierten die ›Umsiedlung‹ des Prinzregenten. Sie haben vor, ihn während einer Hausparty zu entführen, die auf dem Anwesen von Lord Cross stattfindet.« Sie zögerte. »Haltet Ihr es für möglich, dass der Prinzregent tatsächlich eine solche Feierlichkeit besuchen würde?«
Nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Cross’ Partys waren berüchtigt für den lasziven Wahnsinn, der sich auf ihnen abspielte. Niemand gab jemals zu, eine besucht zu haben, aber es gab Gerüchte über die Dinge, die dort vor sich gingen.
»Ich halte es für gewiss.« George war kein Mann, der sich lasziven Ablenkungen gegenüber verschloss. Mehr noch, Georges kürzliche Enttäuschung – um es milde auszudrücken – mit den Vieren bedeutete, dass ein neuerliches königliches Über-die-Stränge-Schlagen überfällig war.
Umsiedlung. George könnte in Schwierigkeiten sein. Wieder einmal.
Diese Sache wollte Stanton nicht in die Hände von Leuten niedereren Standes delegieren – was könnten die Liars schon ausrichten? Nur Personen seines Standes und höher – und auch nicht viele davon – konnten dem Prinzregenten nahe genug kommen und in seiner Nähe bleiben, wenn der Mann es nicht wollte, nicht einmal seine Bettgefährtinnen.
Bettgefährtinnen.
Laszive Ablenkungen.
Plötzlich erinnerte sich Stanton, in welchem Zusammenhang er schon von Lady Alicia Lawrence gehört hatte.
Vor fünf Jahren war eine junge Debütantin mit einem Stallburschen im Bett erwischt worden, einem einfältigen Stallburschen, um präzise zu sein.
Stantons bemüht höfliche Fassade fing an zu bröckeln. Diese verwaschene und schlecht sitzende Verkleidung verbarg eine der schlimmsten Skandalnudeln der letzten Jahre. Sie hatte die Grundfesten der guten Gesellschaft erschüttert. Wie üblich waren die wilden Taten der jungen Dame zum Stoff von Legenden geworden. Der Aufruhr hatte selbst im letzten Winkel der Gesellschaft Widerhall gefunden, und die wohlbehüteten Töchter Englands wurden seither noch genauer beobachtet.
Die Frau ihm gegenüber war eine in Verruf geratene Kokotte. Was für eine Zeitverschwendung!
Er stand auf. »Habt vielen Dank, meine Dame. Ich will Euch nicht länger aufhalten.«
Auch sie erhob sich, blieb aber stehen. Er konnte spüren, wie ihr Blick ihn durch den Schleier hindurch taxierte.
»Ich sehe, dass Euer Gedächtnis Euch nicht im Stich lässt, Wyndham. Ich nehme an, Ihr habt Euch gerade meines Rufes erinnert.«
Er verbeugte sich flüchtig. »Lady Alicia, ich bin ein viel beschäftigter Mann.«
»Natürlich.« Sie knickste nicht, sondern drehte sich einfach um und stolzierte aus dem Raum. »Ihr müsst mich nicht zur Tür begleiten. Ich habe darauf geachtet, mir die Lage des Ausgangs zu merken. Es ist am besten, immer vorbereitet zu sein.« Mit diesen Worten war sie verschwunden.
Was für eine erstaunliche Zurschaustellung von schlechten Manieren! Er hatte wirklich genug von ihr. Er drehte sich um, um selbst aus dem Zimmer zu gehen. Jetzt konnte er seine Aufmerksamkeit endlich wieder Wichtigerem zuwenden.
Doch verdammt! Seine Neugier ließ ihm keine Ruhe, obschon die Frau ganz offensichtlich geistig gestört war. Er wollte mehr erfahren, aber ihn schauderte bei dem Gedanken, diese Kreatur noch einmal in sein Haus kommen zu lassen.
Wo war dieser Brief? Ah, sie hatte ihn auf dem Nebentischchen liegen gelassen.
Stanton nahm die gefalteten Blätter in die Hand und entfaltete sie umgehend. Gut, sie hatte tatsächlich den ganzen Vorfall für ihn aufgeschrieben. Sie gab sich wirklich große Mühe, ihrer Geschichte Gewicht zu verleihen.
Dann fiel sein Blick auf das Wort »Narbenmann«.
Teufel noch mal! Im Augenblick gab es nur einen Narbenmann, um den er sich Gedanken machte.
Die Schimäre.
Er drehte sich abrupt um und rannte aus dem Haus, der Frau hinterher, aber sie war fort. Auf der Straße war keine Mietdroschke und auch keine schäbig gekleidete Fußgängerin zu sehen.
Lady Alicia war verschwunden.

2. Kapitel
Sobald Stanton aufgegeben hatte, seine merkwürdige Besucherin zu verfolgen, hatte er damit angefangen, Recherchen über die Frau anzustellen. Seine erste Anlaufstelle war Diamond House.
»Lady Alicia Lawrence?« Stantons Kusine Lady Jane – oder Mrs Damont, wie sie jetzt genannt werden könnte, was aber niemand tat – runzelte die Stirn. »Vielleicht habe ich die Leute über sie tratschen hören … aber ich habe nicht aufgepasst.« Sie schenkte ihnen Tee ein, dann lächelte sie ihn mit funkelnd grünen Augen an. »Warum? Hast du endlich dein Auge auf jemanden geworfen, Wyndham?«
Er atmete heftig aus. »Um Himmels willen!« Geistesabwesend nahm er den Tee und lehnte sich in dem breiten Ohrensessel zurück, den Jane ihm angeboten hatte. Er holte tief Luft und erlaubte seinen Schultern, sich ein klein wenig zu entspannen.
Janes Gesellschaft war ziemlich beruhigend, zumindest wenn sie allein war. Sie hatte nie darüber gesprochen, aber er wusste, dass ihr sein Ruf vollkommen egal war. Stanton kam der Gedanke – den er bereits viele Male zuvor gedacht hatte -, dass er in seiner Jugend gerne mehr mit jungen Damen wie Jane zu tun gehabt hätte, mit vernünftigen Damen, die über gesunden Menschenverstand und starke Nerven verfügten.
Na ja, vielleicht nicht so starken Nerven, wie die Person, die ihm heute ihre Aufwartung gemacht hatte. »Sie kam heute Morgen in mein Haus, um mich und die Männer im Allgemeinen zu beschimpfen«, erzählte er Jane. »Und mit verstörenden politischen Neuigkeiten.«
Janes Blick hellte sich weiter auf. »Ein neuer Fall für mich?«
»Nein!«
Diese deutliche Absage erklang sowohl aus Stantons Kehle als auch aus dem Türrahmen in seinem Rücken.
Hatten Janes Augen vorher geglänzt, so strahlten sie jetzt, als sie den Blick auf den Neuankömmling hob. »Hallo, Darling.«
Stanton stand nicht auf, er drehte sich nicht einmal um. »Hallo, Damont.«
Ethan Damont, der Diamant, früherer unnützer Betrüger beim Kartenspiel und inzwischen geradezu aufreizend nützlicher Spion, trat zu ihnen und setzte sich auf die Armlehne von Janes Stuhl. Da Ethan ein ziemlich großer Kerl war, knarrte der Stuhl protestierend. Damont hauchte einen Kuss auf den Scheitel seiner Frau und wickelte sich eine widerspenstige Strähne ihres erdbeerblonden Haars um den Finger.
In Stantons Augen hatte die Geste nichts Besitzergreifendes an sich, sondern vermittelte eher den Eindruck, dass er so verrückt nach seiner Frau war, dass er einfach nicht die Finger von ihr lassen konnte.
Stanton selbst war ungeheuer stolz auf seine brillante Kusine. Etwas weniger zufrieden war er mit der Wahl ihres Partners, obschon er sich oft, ja fast täglich vor Augen führte, dass Ethan bisher einen geradezu vorbildlichen Ehemann abgab. Vielleicht war es deshalb gerecht, dass auch Damont Stanton nicht besonders gut leiden konnte.
Gerade jetzt beobachtete ihn Ethan aus zusammengekniffenen Augen. »Jane, ich komme einfach nicht mit dem Koch zurecht. Was auch immer ich ihm sage, scheint zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rauszugehen. Er hört nur auf dich.« Er seufzte. »Ich vermisse meine alte Köchin.«
Stanton schnaufte. »Eure alte Köchin war ein Mitglied des Liar’s Club. Ihr Auftrag war es, Euch zu beschatten.« Das hätte nach Stantons Ansicht ruhig bis in alle Ewigkeit fortgesetzt werden können, doch er bemerkte: »Sie hat jetzt Wichtigeres zu tun, als Hefekuchen für Euch zu backen.«
Ethan seufzte. »Oh, aber ihr Hefekuchen …«
Jane tätschelte ihm den Handrücken und erhob sich. »Ich kümmere mich für dich um Boxer, Schatz. Bist du immer noch auf diese kleinen Zitronenteilchen aus?«
Ethan nickte eifrig. »Ja, bitte.«
Jane lächelte Stanton an. »Ich bin gleich zurück, nachdem Ethan sein Schwätzchen mit dir gehalten hat.« Sie warf ihrem Mann einen wissenden Blick zu. »Das war nicht gerade subtil, mein Schatz. Ganz und gar nicht.«
Ethan zuckte die Achseln. Dann ergriff er die Gelegenheit und ließ sich in den frei gewordenen Stuhl gleiten.
Stanton war sich nie ganz sicher, was er von dem respektlosen Kartenspieler halten sollte, der die unbeugsame Jane erobert hatte und im Gegenzug höchst wirksam von ihr eingewickelt worden war. Ethan hatte keinen Respekt vor Autorität, was sich schon allein darin zeigte, dass er den Prinzregenten in dessen Anwesenheit als »alten Knacker« bezeichnet hatte. Er kannte keine Zurückhaltung oder gesellschaftliche Bedenken, aber seine Effektivität stand außer Frage. Denn wer würde schon einen ehemaligen Hochstapler, der über seinem eigenen gesellschaftlichen Rang geheiratet hatte, für ein gefährliches Mitglied der Spionageabwehr halten?
Stanton hatte sich nicht wirklich in Ethan getäuscht. Der Mann war ohne Skrupel und ohne Ehre. Und doch hatten diese eher zwielichtigen Tendenzen ihn zu einem wertvollen Mitglied des Liar’s Clubwerden lassen, jenes Rings von Spionen und Kriminellen, der für die Royal Fourarbeitete.
Doch Stanton gab sich keinen Illusionen hin, dass die Katze das Mausen lassen könnte. Nur seine überwältigende Verehrung für Jane hielt diesen bestimmten Kater davon ab, weiterhin auf die Jagd zu gehen.
Stanton verspürte einen Anflug von Neid angesichts Ethans Unbekümmertheit, denn er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal mit solcher gelassenen Selbstverständlichkeit in einen Stuhl geglitten wäre. Doch bei Ethan hielt diese träge Entspanntheit nie lange an. Er beugte sich vor, stützte die Unterarme auf die Knie, seine Hände baumelten lässig, und er fixierte Stanton mit überraschend feurigem Blick.
»Nein, nein, nein. Tausendmal nein.«
»Was, nein?«
»Nein, Ihr werdet Jane nicht wieder in einen Eurer Fälle verwickeln. Sie hat den letzten nur knapp überlebt.« Sein Blick verdunkelte sich und richtete sich nach innen. »Als ich ihre Verbrennungen sah …«
Stanton war dieser sichtbare Beweis seines unverzeihlichen Fehlers erspart geblieben, der Jane vor wenigen Monaten fast das Leben gekostet hätte, aber er hatte nicht vergessen, dass er dafür verantwortlich war, dass die Schimäre sie beinahe getötet hätte. Er hatte Jane gedankenlos mitten ins Netz einer Verschwörung geschickt, ohne eine Möglichkeit, ihn schnell zu kontaktieren, sollten die Dinge sich negativ entwickeln. Und das hatten sie.
Wieder einmal fühlte er sich gezwungen, seine damalige Haltung zu verteidigen. »Sie sollte den Haushalt ihres Onkels nur beobachten – und sich nicht einmischen.«
Ethan grunzte. »Dann kanntet Ihr sie wohl nicht besonders gut.«
Noch etwas, das er bereute. »Nein, ich fürchte, nicht.«
Die junge Lady Jane und ihre zarte, emotional instabile Mutter, die vormalige Marquise, waren zu einem Leben in Armut verbannt worden, als Stantons Vater der neue Marquis von Wyndham geworden war. Dafür konnte Stanton nicht wirklich etwas, aber er hatte sich auch nie die Mühe gemacht, nachzufragen, was aus ihnen geworden war, bis er selbst vor zwei Jahren den Titel übernommen hatte und der erschreckenden Umstände gewahr wurde, in denen die beiden Damen lebten.
Er hatte getan, was er konnte, um die letzten Tage im Leben der ehemaligen Lady Wyndham so angenehm wie möglich zu gestalten. Jane hingegen hatte er sofort als wertvoll erkannt und in seinem eigenen Interesse eingesetzt. In Englands Interesse.
Doch Stanton hatte keine Lust, den irritierenden Ethan in seine Gewissensbisse einzuweihen. »Ihr selbst scheint jedoch keinen Anstoß daran zu nehmen, dass Jane für den Liar’s Clubarbeitet.«
Ethan wich keinen Millimeter. »Es geht mir nicht um die Spionage und auch nicht darum, dass Jane nicht dazu in der Lage wäre. Das Problem seid ganz allein Ihr – und Eure Bereitschaft alles und jeden für Eure Ziele zu opfern. Ihr seid ein eiskalter Hund!«
Da war es schon wieder. »Eigentlich ziehe ich ›harter Hund‹ vor«, murmelte Stanton schwach.
Ethan fuhr ungebremst fort: »Manchmal frage ich mich, ob Ihr wohl annehmt, ein jeder teile Euer Desinteresse am Leben, oder ob Euch das Wohlergehen Eurer Mitmenschen so wenig wert ist, dass Ihr sie einfach austauscht wie ein lahmendes Pferd oder verschmutzte Handschuhe!«
Das saß. Stanton fühlte, wie ihm bei Ethans Worten eiskalt wurde. »Ich halte Jane für unersetzlich«, sagte er steif. »Und ich brauche sie nicht für diese Mission.«
Ethan lehnte sich zurück, nur teilweise besänftigt. »Dann habt Ihr also dieses Mal einen anderen gefunden, den Ihr über die Klinge springen lasst?«
»Ich werde Lady Alicia nicht über die Klinge springen lassen«, stieß Stanton gepresst aus. »Sie ist lediglich die Quelle einer Information, von der ich noch nicht sicher bin, ob sie einer genaueren Überprüfung bedarf.«
Ethan zog eine Augenbraue hoch. »Lady Alicia? Doch nicht Lady Alicia Lawrence?«
Stanton legte den Kopf schief. »Was wisst Ihr über sie? Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie vor einigen Jahren in irgendein gesellschaftliches Missgeschick verwickelt war.«
»Missgeschick? Es war eher ein Debakel! Sie hat eine Hausparty in Devonshire platzen lassen, indem sie drei Männer in einer Nacht vernaschte – dabei war sie gerade erst achtzehn Jahre alt. Ich war selbst dort, habe aber den größten Teil des Aufruhrs verpasst. Offenbar haben mehrere ehrenwerte Zeugen sie in den Armen eines einfältigen Stallburschen gefunden – in ihrer ganzen zerzausten Pracht.« Ethan hob den Zeigefinger. »Ich selbst habe ihr nie einen Vorwurf daraus gemacht. Vor diesem Vorfall war sie eine sehr nette junge Dame, immer zum Scherzen bereit und sich nicht zu gut für einen harmlosen Flirt mit einem einfachen Kartenspieler. Aber sie hat nie über die Stränge geschlagen – jedenfalls nicht vor jener Nacht. Wahrscheinlich wäre sie besser weggekommen, wenn sie es nicht so heftig bestritten hätte«, überlegte Ethan. »Sie hat behauptet, sie hätte den Stallburschen für einen anderen Mann gehalten, einen Lord, glaube ich, obwohl ein jeder sah, dass er nichts war als ein schlichter Stallbursche, der nicht genügend gesunden Menschenverstand besaß, seine Finger von einer adligen Dame zu lassen. Dann stellte sich heraus, dass jemand zwei andere Männer im Morgengrauen ihr Zimmer hatte verlassen sehen. Der Mann, von dem sie behauptete, er habe sie ruiniert – Lord Almont, ja genau, der war’s – er jedenfalls stritt ab, irgendetwas mit ihr zu tun zu haben. Hat dann auch einen Zeugen präsentiert, der ihn die ganze Nacht am Kartentisch gesehen hatte.«
Ethan schüttelte den Kopf. »Das arme Ding. Ich nehme an, sie hat versucht, das Schlimmste abzuwenden, aber als Kokotte verschrien zu sein, ist so schon schlimm genug. Da braucht man nicht auch noch zusätzlich den Ruf eines Lügners von Weltformat.«
Stanton zog eine Grimasse. Pest und Schwefel! Er war bis aufs i-Tüpfelchen so schlimm, wie er befürchtet hatte. Er stützte eine zeitraubende Untersuchung aufgrund der Worte einer allseits bekannten Schwindlerin. Er rieb sich mit einer Hand das Gesicht. Vielleicht sollte er diese ganze Entführungsgeschichte sofort in den Mülleimer werfen und diese irritierende Lady Alicia so schnell wie möglich vergessen.
Aber wenn es nun wahr war?
Es steckten einfach zu viele stimmige Details in ihrer Geschichte – Details, die sie niemals wissen konnte -, um ihn ungewöhnlich lange am Haken der Unentschlossenheit baumeln zu lassen.
Nein. Er hatte keine Wahl. Er musste Lady Alicias Verschwörer finden oder aber beweisen, dass es ihn nicht gab.
Dann habt Ihr also einen anderen gefunden, den Ihr dieses Mal über die Klinge springen lasst.
Niemand würde über die Klinge springen. Ob sie nun eine liederliche Schwindlerin war oder auch nicht – Lady Alicia Lawrence würde durch seine Hände kein Leid geschehen. Er würde sich persönlich um die Angelegenheit kümmern.
Aus purer Neugier und um ihre Angaben zu verifizieren, denn Stanton verkannte den Inhalt von Klatsch und Tratsch nie als Wahrheit, machte er sich auf den Weg nach Sutherland House, um noch einmal mit Lady Alicia zu sprechen.
Sie war nicht da. Vielmehr wurde der Butler bei der Nennung ihres Namens leichenblass und schien tatsächlich die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dem Marquis von Wyndham die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Stanton nahm dem Mann die qualvolle Entscheidung ab.
»Ich nehme an, ich werde mich an die Zeitungen wenden müssen, um ihren derzeitigen Aufenthaltsort herauszufinden …«
Binnen Sekunden wurde er eingelassen und in einen Raum mit dem rotgesichtigen Lord Sutherland und der bleichen und zitternden Lady Sutherland geführt.
Alicias Vater war ein großer Mann, der einst möglicherweise von kräftiger Statur gewesen war, doch jetzt wirkte er grau und aufgedunsen. Alicias Mutter war dünn und machte einen erschöpften Eindruck, als hätte sie keinen Lebensmut mehr.
Sie beide brachten es kaum über sich, lange genug über ihre berüchtigte Tochter zu sprechen, um Stanton darüber zu informieren, dass sie sich gezwungen gesehen hatten, den Kontakt zu ihr vollkommen abzubrechen, um ihre beiden anderen sittsamen und tugendhaften Töchter vor dem schlechten Einfluss ihrer Schwester zu bewahren.
Interessant an der Sache war, dass sie logen. Lord Sutherland wandte oft den Blick ab, obschon das auch an der empfundenen Scham liegen konnte. Lady Sutherland andererseits schaute ihm ernst in die Augen und blinzelte kaum. War sie in der Kunst der Lüge so sehr geübt, dass sie dabei so ehrlich wirken konnte? Und doch logen sie. Er wusste es.
Dabei erzählten sie ihm nicht mehr, als dass sie jeglichen Kontakt zu ihrer ungeratenen Tochter abgebrochen hatten. Was könnte an einer derart offenkundigen Aussage nicht stimmen? Doch er wusste, dass sie logen.
»Dann hat sie sich gegen uns gewendet«, sagte Lord Sutherland mit leicht zittriger Stimme. »Sie sah uns an, als hätten wir ein Verbrechen begangen, und erklärte, sie wolle nie wieder etwas mit uns zu tun haben!«
»Das erklärt vielleicht, warum wir nicht über sie sprechen möchten …« Die blasse und kurzatmige Lady Sutherland rang die Hände und war nicht in der Lage, den Satz zu beenden.
Das wenigstens – so sagte es ihm sein geschärfter Sinn – entsprach der Wahrheit. Die ganze Geschichte war geradezu tragisch und sehr bedauernswert und bestätigte Stantons Einschätzung, dass Ehe und Familienleben am besten Männern überlassen blieben, die viel mehr Zeit zur Verfügung hatten als er, aber er hatte damit noch immer keine Antwort auf seine Frage.
»Wo kann ich Lady Alicia finden?«
»Wir haben uns erst in dieser Saison wieder imstande gesehen, uns bei gesellschaftlichen Anlässen zu zeigen«, sagte Lady Sutherland, den Tränen nahe. »Fünf Jahre lang haben wir uns auf dem Land versteckt. Jetzt können unsere Töchter – gute, tugendhafte Mädchen! – vielleicht noch eine gute Partie machen, aber nur, wenn Alicia von der Bildfläche und aus der Erinnerung verschwunden bleibt.«
Sie schniefte und blinzelte Stanton schmerzerfüllt an. »Lord Wyndham, Ihr habt doch nicht vor … Ihr habt doch nicht vor, diese schmerzliche Vergangenheit wieder ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren? Warum sucht Ihr nach Alicia? Was bedeutet sie Euch?«
Stanton konnte der Frau nicht erzählen, dass er der Falke war, ein Mitglied der Royal Four,jenes ehrwürdigen Geheimbundes, der in der Lage war, Könige an die Macht zu bringen und sie zu entthronen. Diese Information war das Privileg einiger ausgewählter Personen, darunter der Premierminister und der Prinzregent. Ein solches Wissen war nichts für die schwachen, sterblichen Mitglieder der Gesellschaft.
Deshalb sagte er lediglich: »Ich habe eine unbedeutende geschäftliche Angelegenheit mit Lady Alicia zu bereden.«
Er wartete, und das Ehepaar reagierte darauf so, wie die meisten Leute es taten: Sie wurden unter seinem Blick immer unruhiger. Seine Augen schienen diese Wirkung auf die Leute zu haben.
»Barrow Street«, brach es schließlich aus Lady Sutherland heraus. »In Cheapside.« Dann schlug sie sich die Hand vor den Mund und warf ihrem brütenden Ehemann einen erschreckten Blick zu.
Die Wahrheit. Stanton erhob sich und machte einen Diener. »Habt Dank. Guten Abend.« Er machte auf dem Absatz kehrt und ging, ohne sich groß Gedanken über die Dame zu machen. Sie waren beide Lügner, obschon sie nicht bezüglich Lady Alicias Aufenthaltsort gelogen hatten. Er machte sich im Geiste eine Notiz, dass Lady Alicias Eltern ihm noch mehr erzählen könnten, wenn er darauf bestehen würde.
 
 
Nachdem Lord Wyndham gegangen war, saßen Lord und Lady Sutherland eine Weile in gespannter Stille beieinander, bevor sie mit gedämpften Stimmen den Besuch Seiner Lordschaft diskutierten.
Sollten sie erleichtert sein, dass der Mann endlich weg war, oder besorgt, dass Alicia erneute Aufmerksamkeit auf sich und somit auch auf sie gezogen hatte?
Sie waren sich jedoch darin einig, dass sie richtig gehandelt hatten, als sie Lord Wyndham den anderen Mann verschwiegen hatten, der sich erst kürzlich bei ihnen nach Alicia erkundigt hatte.
»Daraus sollten wir uns heraushalten.«
Wenn sie doch nur einfach alles ungeschehen machen könnten.

3. Kapitel
Stunden nachdem sie Lord Wyndhams Residenz verlassen hatte, betrat Lady Alicia Lawrence ihr kleines, schäbiges Haus und warf Hut und Schleier mit solchem Schwung auf das Beistelltischchen, dass sie über die einladungsfreie Oberfläche schlitterten und auf der anderen Seite zu Boden fielen. Sie schloss für einen langen Moment die Augen und bemühte sich, die Fassung nicht zu verlieren, dann bückte sie sich, um das ausgeliehene Accessoire vom Boden aufzuheben und vorsichtig auf das Tischchen zurückzulegen.
Millie hatte nicht viele hübsche Dinge, und obschon der Hut nichts war, was Alicia einst als hübsch bezeichnet hätte, so gehörte er doch Millie. Sie liebte ihre betagte ehemalige Gouvernante, auch wenn diese bedauerlicherweise keinen guten Geschmack hatte. Alicia schaute auf den Saum ihres geliehenen Kleides hinab und seufzte. Sie würde lange wach bleiben und den Schmutz von der alten Seide schrubben müssen, so viel stand fest.
Millie kam auf ihren Stock gestützt den Flur herunter. Ihr Blick hellte sich auf, als sie Alicia sah. »Und, hat er dich reingelassen? Hat er dir geglaubt? Sieht er so gut aus, wie man sich erzählt?«
Alicia lächelte. »Ja. Ich weiß nicht. Sogar noch besser.«
Millie nickte und lächelte zurück. »Dann ist es ja gut, dass du meinen Hut aufhattest.« Sie nahm ihn liebevoll an sich. »Es hat jede Menge junge Männer gegeben, die mir einen zweiten Blick zuwarfen, wenn ich ihn trug.«
Alicia nahm an, dass es sich bei den zweiten Blicken um ungläubige gehandelt hatte, aber sie würde das nie sagen.
»Selbstverständlich hat mein derzeitiger Kavalier eines solchen Blickfangs nicht bedurft. Er sagt, er wusste es von dem Augenblick an, als er mich das erste Mal im Garten sah, dass ich eine Dame bin, mit der man rechnen kann. Nun ja, er ist ja selbst nicht mehr besonders gut aussehend, aber ich bin längst aus dem Alter heraus, in dem das eine Rolle spielt.«
Alicia war glücklich darüber, dass Millie glücklich war, auch wenn der »Kavalier« ebenso ein Produkt ihrer Fantasie war wie ihr »Garten«, der in Wirklichkeit ein steiniger Flecken Erde hinter dem Haus war, in dem noch nicht einmal das Unkraut sich wohlfühlte. Eingebildete Kavaliere waren besser als überhaupt keine Kavaliere.
Sie drehte sich zu dem fleckigen Spiegel um, der den Flur zierte, und betrachtete eingehend ihr Gesicht. Der Nesselausschlag war immer noch leicht zu erkennen, wenn er auch gegenüber letzter Nacht etwas abgeklungen war. Ihr Gesicht war leider noch immer recht aufgedunsen, und ihr Hals fühlte sich weiterhin rau an.
Es sah ganz so aus, als müsste sie nun auch Erdbeeren auf die Liste der Lebensmittel setzen, die sie nicht vertrug. Das war wirklich schade, denn es standen noch einige Gläser Erdbeermarmelade in der Speisekammer. Millies noch betagtere Kusine vom Land hatte sie ihnen zum Geschenk gemacht, und Alicia war sehr froh darum gewesen. Es war schon lange her, dass sie etwas anderes hatte kaufen können als Grundnahrungsmittel, und zu diesen gehörte Marmelade eindeutig nicht.
Sie drückte die Knie durch und besah sich den Rest ihres Spiegelbildes. Ihr ganzer Körper war aufgedunsen, nicht so, dass es gefährlich wäre, aber doch genug, dass sie nicht ihre eigene Kleidung tragen konnte. Auch das Kleid hatte sie sich von Millie ausleihen müssen, denn ihr eigenes ließ sich um ihre aufgedunsene Taille nicht mehr zuknöpfen. Ihre Haut war viel zu empfindlich, als dass sie das enge, einschnürende Gefühl knapper Kleidung ertragen hätte.
Es sah danach aus, als könnte sie morgen ihre eigenen Sachen wieder tragen, wenn sie nur genug Wasser trank und sich gleich ins Bett legte. Doch zuerst ging sie in die Küche, um sich eine Haferbreimaske anzurühren, mit der sie ihre juckende Haut beruhigen wollte. Als der Brei hinreichend abgekühlt war, um ihn auf ihre brennende Haut zu schmieren, klatschte sie ihn sich dankbar auf Stirn und Wangen.
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Drei Mal. Heftig. Alicia zuckte zusammen, denn sie war dieses Geräusch nicht gewöhnt. Verdammt noch mal! Sie hatte nicht genügend Haferflocken übrig, um eine weitere Portion zuzubereiten, denn Hafersuppe war die wichtigste Zutat ihres allmorgendlichen Frühstücks. Rasch ging sie also so, wie sie war, in Strumpfsocken zur Tür und öffnete.
Der Marquis von Wyndham stand in seiner ganzen knapp zwei Meter großen, herrlich männlichen Pracht draußen und machte ihr seine Aufwartung. Ohne die Behinderung durch den Schleier war sie endlich in der Lage, ihn richtig zu sehen – und zu würdigen!
Er war kein schöner Mann, zumindest nicht auf die einfache, übliche Art. Er war dunkel mit der ernsten und arroganten Stärke eines Erzengels – eines Racheengels vielmehr, der ein Schwert trug und die Absicht hatte, Dinge zu zerstören.
Seine Größe trug zu diesem Eindruck bei. Auch hatte er breite Schultern, aber er war nicht wirklich muskulös. Er hatte große, wohlgestaltete männliche Hände mit langen Fingern – solche Hände wussten einem Pianoforte Musik zu entlocken, aber sie hatten auch keine Schwierigkeiten damit, oben genanntes Schwert zu führen.
In anderen Worten: Er entsprach absolut Alicias Geschmack.
Schade drum. Was für eine Verschwendung. Was sollte sie schon mit dem Mann ihrer Träume anfangen, der umgekehrt nichts mit ebenjenen Träumen zu tun haben wollte, jetzt, da er ihr endlich seine Aufwartung machte? Es war, als habe der Teufel höchstpersönlich die perfekte irdische Folter für Lady Alicia Lawrence ersonnen.
»Womit soll ich mir nur die Zeit vertreiben, wenn ich tatsächlich in die Hölle komme?«, murmelte sie halblaut.
Dann nahm er sie offenbar zum ersten Mal wirklich wahr und trat einen Schritt zurück. Mist aber auch. Sie hatte ihr Gesicht nicht bedeckt. Alicia unterdrückte einen Anflug des Bedauerns, dass ein solcher Mann sie nicht in ihrem besten Licht sah und reckte herausfordernd das Kinn, damit er sie in all ihrer allergisch-verschmierten Lebendigkeit betrachtete.
Er blinzelte zweimal, dann verneigte er sich. »Lady Alicia, ich bin froh, Euch zu Hause anzutreffen.«
Alicia verschränkte die Arme und kratzte sich müßig an einer juckenden Stelle am Ellenbogen. »Natürlich bin ich zu Hause. Ich habe Euch doch schon gesagt, dass ich nichts vorhabe. Niemals.«
»Äh, ja. Also.« Er richtete sich auf und musterte sie eingehend. »Ihr entstammt einer vornehmen Familie, habt eine gute Erziehung genossen, und doch scheint Ihr nicht die leiseste Ahnung von gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu haben.«