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Alle Personen in diesem Roman sind frei erfunden.
Auch den Ort Martinsfehn werden Sie vergeblich auf der Landkarte suchen.
Er existiert nur in meiner Fantasie.


Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag
erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2014

ISBN 978-3-492-96487-6
© Piper Verlag GmbH, München 2014
Covergestaltung und -motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Datenkonvertierung: Uhl + Massopust, Aalen

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Prolog

Sie spürte seinen Blick, hob den Kopf und lächelte ihn an. Gemeinsam schnippelten sie einen Teil der getrockneten Pilze noch kleiner, als sie ohnehin schon waren. Sie benutzte dazu sein Taschenmesser. Er nahm das Messer, das er zum Schlachten brauchte. Die Schnipsel landeten in einer Flasche mit Apfelkorn, die er zuschraubte und kräftig schüttelte. Seine Hände waren schlank und sogar jetzt im November noch gebräunt, weil er so viel Zeit im Freien verbrachte. Sie wünschte sich, von ihnen berührt zu werden.

Gestern hatte sie sich im Internet schlaugemacht. Diese Pilze waren keineswegs so harmlos, wie er behauptete. Sie enthielten Psilocybin, das so ähnlich wie LSD wirkte. Doch sie wagte nicht, ihre Bedenken laut auszusprechen. Er sollte sie nicht für einen Feigling halten.

»Ich werde noch ein Kaninchen schießen, damit ich nicht aus der Übung komme«, hatte er angekündigt. Auf seiner großen Wanderung würde er völlig autark leben. In seinem Survival-Guide hatte er ihr gezeigt, welche Insekten man essen konnte, Maikäfer zum Beispiel, das hätte sie nie gedacht. Schnecken galten als besonders nahrhaft, man musste sie in kochendes Wasser werfen und dann noch braten, damit sie ihren unangenehmen Eigengeschmack verloren. »Dafür müsste ich allerdings kurz vor dem Hungertod stehen«, hatte er gesagt und dabei gelacht. Er wollte lieber fischen und jagen. Aber ausgerechnet Kaninchen.

Als sie klein war, hielt ihr Opa Kaninchen. Deutsche Riesen mit großen, dunklen, glänzenden Augen. Ihr silbriges Fell fühlte sich seidig und unendlich weich an. Obwohl es streng verboten war, ihr Opa fürchtete immer, dass eines der Tiere entwischen könnte, öffnete sie manchmal heimlich eine der Käfigtüren und ließ ihre Hand über die Rücken der Tiere gleiten. Die Kaninchen bewegten sich kaum, sie saßen immer nur da, stumm und wehrlos, eingesperrt in ein winziges dunkles Loch. Wenn die Jungen geboren wurden, nackt und blind, versteckten die Mütter sie in der hintersten Ecke ihres Verschlags, als könnten sie die Kleinen dort vor ihrem trostlosen Schicksal bewahren. Sie bereiteten ein weiches Nest aus Heu und Haaren, die sie sich selbst ausrupften. Ihr Opa war der Einzige, der in die Nester schauen durfte. Acht, sagte er dann, oder zehn oder auch mal nur vier. Sie selbst musste sich gedulden, bis die kleinen Kaninchen von selbst aus dem Nest krabbelten. Sie sahen alle gleich aus, graubraun ohne irgendein Fleckchen Weiß. Dennoch hatte sie immer ein Lieblingskaninchen. Eins, das sie ihrer Meinung nach besonders lieb anschaute oder das außergewöhnlich süß mit der Nase wackeln konnte.

Die Kaninchen waren zum Schlachten da, das verstand sie erst später. Sobald ihr klar wurde, was da sonntags auf den Tisch kam, in sämiger, hellbrauner Bratensoße, mit gelblichen Kartoffeln und köstlich duftendem Rotkohl, weigerte sie sich, davon zu essen. Wie konnten die Erwachsenen nur mit Appetit die Kaninchen verspeisen, die vor ein paar Tagen noch in Opas Stall gehockt hatten, lebendig, warm und weich.

Jahrelang hatte sie nicht mehr daran gedacht. Erst an diesem späten Nachmittag im November, als sie nebeneinander im herbstnassen Gras kauerten, hinter den morschen Brettern, die einmal Claasens Gemüsegarten eingezäunt hatten, kam die Erinnerung zurück. Etwa siebzig Meter vor ihnen hockte ein Wildkaninchen, sein Fell schimmerte nur wenig bräunlicher als das der Schlachtkaninchen ihres Großvaters, und da war alles wieder da. Sogar der Stallgeruch, streng und etwas süßlich, stieg ihr in die Nase.

Das Tier ahnte nichts von seinem bevorstehenden Tod. Unbekümmert setzte es sich auf die Hinterläufe, der Kopf mit den großen dunklen Augen, die ihr so vertraut waren, drehte sich wachsam hin und her. Als er ihr die Schrotflinte anbot, schüttelte sie den Kopf und unterdrückte den Impuls, in die Hände zu klatschen und dem Kaninchen das Leben zu retten.

Er kniete neben ihr, hob die Waffe, ganz langsam, mit der Sicherheit des guten Jägers, er kniff das linke Auge zusammen, zielte sorgfältig und drückte ab. Gleichzeitig mit dem Knall flog das Tier rückwärts durch die Luft. Es landete auf der Seite und blieb reglos liegen, wie hingeworfen. Als hätte es niemals gelebt.

Jeden anderen Menschen hätte sie in diesem Moment aus tiefster Seele verabscheut. Ihr wurde klar, wie sehr sie ihn liebte.