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001

Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Inschrift
Prolog
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
 
Copyright

Buch
Die Gesellschaft der Reichen und Schönen im Palace Hotel von New York steht unter Schock: In der Suite 4602 ist das Zimmermädchen Darlene French einem brutalen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Ihr Mörder scheint niemand anderes zu sein als Sylvester Yost, ein Musik liebender, äußerst kaltherziger und durch seine schmutzige Profession schwer reich gewordener Profikiller. Eve Dallas fühlt sich persönlich verantwortlich, so schnell wie möglich stichhaltige Beweise für seine Schuld zu finden, denn der gute Ruf ihres Ehemanns Roarke steht auf dem Spiel. Doch der Fall wirft viele Fragen auf: Wer heuert einen Profikiller an, um eine unschuldige Hotelangestellte zu ermorden? Welche persönlichen Motive hat der mysteriöse Auftraggeber? Ist sein eigentliches Ziel womöglich niemand anderes als Roarke selbst? Und welche Rolle spielt Mick Connelly, ein früherer Freund ihres Mannes aus seiner dunklen Zeit in Dubliln? Erst als ein weiterer Mord in Roarkes Freundeskreis geschieht, erkennt Eve das wahre Motiv: Es liegt tief verborgen in ihrer eigenen Vergangenheit – und in der von Roarke. Koste es, was es wolle: Sie muss die Geheimnisse ans Licht bringen und dem Horror der Erinnerung ins Gesicht blicken – erst dann kann sie den Killer überführen …

Autorin
J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken.
www.noraroberts.com

Von J. D. Robb ist bisher erschienen:
Rendezvous mit einem Mörder (1; 35450) · Tödliche Küsse (2; 35451) · Eine mörderische Hochzeit (3; 35452) · Bis in den Tod (4; 35632) · Der Kuss des Killers (5; 35633) · Mord ist ihre Leidenschaft (6; 35634) · Liebesnacht mit einem Mörder (7; 36026) · Der Tod ist mein (8; 36027) · Ein feuriger Verehrer (9; 36028) · Spiel mit dem Mörder (10; 36321) · Sündige Rache (11; 36332)

Carcasses bleed at the sight of the murderer.
Selbst Gerippe fangen beim Anblick des Mörders an zu bluten.
- Robert Burton
 
Honour is sometimes found among thieves.
Ehre findet sich manchmal sogar unter Dieben.
- Sir Walter Scott

Prolog
Ein Mensch wurde ermordet.
Hinter den mit Sichtblenden versehenen Fenstern und sechsundvierzig Etagen unterhalb des Raumes, in dem ihn der Tod ereilte, ging das Leben weiter. Lärmend, hektisch, blind für das, was gleichzeitig geschah.
Am schönsten war New York an einem milden Maiabend wie diesem, wenn sich ein Meer von Blumen aus den Steintrögen und den Ständen der Händler entlang der breiten Hauptstraßen ergoss. Fast wurde der Gestank der Abgase der Autos und der Flugzeuge, die wie stets die Fahrbahnen und Flugschneisen verstopften, von ihrem süßen Duft verdrängt.
Fußgänger marschierten eilig die Gehwege entlang, schlenderten gemächlich an den Schaufenstern vorbei oder lehnten sich, während sie sich von einem Gleitband transportieren ließen, gemütlich irgendwo an. Kaum jemand trug eine Jacke oder einen Mantel, so dass man allerorten Hemden, Blusen und vor allem die neonfarbenen T-Shirts, die im Frühjahr 2059 ein echter Renner waren, sah.
An den Schwebegrills wurden modische Getränke in denselben grellen Farbtönen verkauft, und der Geruch gegrillter Sojaburger stieg in den blauen Abendhimmel auf.
Viele junge Leute nutzten das letzte Tageslicht und tobten sich mit Bällen, Reifen oder Stöcken auf den Sportplätzen aus.
In den Kinos um den Times Square war kaum etwas los, denn die Kunden hielten sich an diesem wunderbaren Abend lieber auf den Straßen auf. Anders war es in den Sex-Shops und den Clubs, denn gerade diese Jahreszeit rief in vielen Spaß an solchen Dingen wach.
Luftbusse karrten Kunden in die Sky Mall, das hoch gelegene Einkaufszentrum, und Werbeflieger kreuzten über den Straßen und sonderten, um noch mehr Kundschaft in die Läden zu bekommen, einen nicht endenden Strom von mehr oder minder flotten Sprüchen ab.
Kauf und du wirst glücklich. Und morgen? Kaufst du einfach wieder irgendetwas ein.
Paare saßen vor dem Aperitif oder vor gefüllten Tellern an den Tischen vor den Restaurants, schmiedeten fröhlich Pläne für den weiteren Verlauf des Abends, unterhielten sich über das wunderbare Wetter oder tauschten sich über die Erlebnisse des Tages aus.
Das Leben in der Stadt erstrahlte in seiner ganzen Schönheit, während hoch über den Köpfen der unzähligen geschäftigen, gut gelaunten Menschen das Grauen des Todes Einzug hielt.
Er kannte nicht mal ihren Namen. Doch es war ihm völlig egal, wie ihre Mutter sie gerufen hatte, als sie zappelnd auf die Welt gekommen war. Und es kümmerte ihn noch viel weniger, welchen Namen sie mitnehmen würde, wenn sie diese Welt ebenso zappelnd wieder verließ.
Es ging alleine darum, dass sie da war. Zur rechten Zeit am rechten Ort.
Sie hatte die Suite 4602 betreten, während sie auf ihrer abendlichen Runde durch die Zimmer dieses Stockwerkes gewesen war. Er hatte bereits seit dem Nachmittag auf sie gewartet und wurde durch ihr pünktliches Erscheinen für seine Geduld belohnt.
Sie trug die adrette schwarze Uniform und das hübsche weiße Schürzchen eines Zimmermädchens des eleganten Palace Hotel und hatte sich das glänzend braune Haar, wie von einer Angestellten des besten Hotels der ganzen Stadt erwartet wurde, mit einer schlichten schwarzen Spange ordentlich im Nacken zusammengesteckt.
Zu seiner Freude war sie jung und hübsch. Doch hätte er sein Werk auch dann wie geplant verrichtet, wenn sie neunzig Jahre alt gewesen wäre und hässlich wie die Nacht finster.
Aufgrund der Tatsache jedoch, dass sie jung und mit ihren roten Wangen und den dunklen Augen durchaus attraktiv zu nennen war, würde seine Arbeit für ihn ein regelrechter Genuss.
Natürlich hatte sie geklingelt. Zweimal, mit der erforderlichen kurzen Pause. Und diese Pause hatte er genutzt und sich lautlos in dem großen Schlafzimmerschrank versteckt.
Als sie schließlich die Tür mit ihrem Generalschlüssel geöffnet hatte, hatte sie vorschriftsmäßig gerufen.
»Ich komme, um das Bett zu machen.« Dabei hatte sie den gleichmütigen Singsang an den Tag gelegt, mit dem sich die meisten Zimmermädchen in Räumen meldeten, in denen nur selten jemand war.
Zuerst ging sie durchs Schlafzimmer ins Bad, um die Handtücher, die der Bewohner der Suite, der sich unter dem Namen James Priory eingetragen hatte, seit seiner Ankunft vielleicht bereits benutzt hatte, durch frische zu ersetzen.
Während sie das Bad aufräumte, sang sie eine muntere kleine Melodie. Geh du nur fröhlich deiner Arbeit nach, dachte er an seinem Platz im Schrank. Das täte er gleich nämlich ebenso.
Er wartete, bis sie zurückkam und die benutzten Handtücher, um sie später mit hinauszunehmen, auf den Boden warf. Wartete, bis sie ans Bett getreten und mit dem Aufschlagen der leuchtend blauen Tagesdecke fertig war.
Sie war stolz auf ihre Arbeit, merkte er, als er sie die linke Stoffecke sorgfältig zu einem langen Dreieck falten sah.
Tja, das war er genauso.
Er bewegte sich blitzschnell. Kaum nahm sie aus dem Augenwinkel eine verschwommene Bewegung wahr, hatte er sie auch schon erreicht. Sie schrie gellend auf, doch ihr lang gezogener Schrei drang über das schallisolierte Zimmer nicht hinaus.
Er wollte, dass sie schrie. Dadurch käme er in Stimmung.
Sie schlug verzweifelt um sich und streckte eine Hand nach dem Piepser in der Schürzentasche aus. Er aber drehte ihr einfach den Arm hinter den Rücken, bis ihr Schrei vor lauter Schmerz erstarb und sie nur noch zu einem leisen Wimmern in der Lage war.
»Das kann ich nicht zulassen.« Er nahm ihr den Piepser ab und warf ihn achtlos fort. »Das, was gleich passieren wird, wird dir nicht gefallen«, erklärte er ihr freundlich. »Aber mir wird es gefallen, und das ist das Einzige, was zählt.«
Er legte einen Arm um ihren Hals und hob die zierliche, kaum fünfzig Kilo schwere, junge Frau mühelos in die Höhe, bis sie halb erstickt erschlafft in sich zusammensank.
Er hatte für den Notfall eine Spritze mit einem starken Beruhigungsmittel eingesteckt, doch die würde er nicht brauchen bei einer derart winzigen Person.
Als er sie wieder losließ und sie kraftlos auf die Knie sank, rieb er sich die Hände und sah sie mit einem strahlenden Lächeln an.
»Musik an«, befahl er mit gut gelaunter Stimme und sofort tosten die von ihm zuvor einprogrammierten gewaltigen Klänge einer Arie aus der Oper Carmen durch den Raum.
Einfach prachtvoll, dachte er und atmete, als könne er dadurch die Noten in sich aufsaugen, so tief wie möglich ein.
»Und jetzt machen wir uns am besten an die Arbeit.«
Pfeifend prügelte er auf sie ein. Summend vergewaltigte er sie. Und als er sie erwürgt hatte, sang er aus vollem Hals die Carmen-Arie mit.

1
Der Tod hatte zahlreiche Facetten, und der gewaltsame Tod sogar noch mehr. Es war ihr Job, diese Facetten zu durchleuchten, bis sie auf den Kern des Ganzen stieß.
Ob ein Mord in heißem Zorn oder völlig kaltblütig begangen wurde, war ihr dabei egal. Sie diente den Toten, und sie hatte einen Eid geschworen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, um dafür zu sorgen, dass dem Opfer Gerechtigkeit widerfuhr.
Heute Abend allerdings hatte Lieutenant Eve Dallas von der New Yorker Polizei Dienstausweis, Dienstwaffe sowie Handy in einem eleganten, kleinen Seidentäschchen, das sie als lächerlich frivol und äußerst unpraktisch empfand, versteckt.
Statt wie gewohnt in Lederjacke, Hemd und Jeans war ihr langer, schlanker Körper in ein weich schimmerndes, apricotfarbenes, im Rücken geradezu dramatisch tief ausgeschnittenes Abendkleid gehüllt. Kleine Diamanten glitzerten an ihrem Hals, an ihren Ohrläppchen, in die sie sich vor kurzem in einem Augenblick der Schwäche hatte Löcher stechen lassen, und – was ihr besonders peinlich war – in ihrem kurz geschnittenen braunen Haar.
Einzig ihre braunen Augen wiesen sie auch weiterhin als Polizistin aus. Sie sah sich in dem eleganten Ballsaal um, ließ den Blick über die Gäste wandern und dachte dabei über die von ihrem Mann getroffenen Sicherheitsvorkehrungen nach.
Die in die kunstvoll vergipsten Decken eingelassenen Überwachungskameras boten einen vollständigen Überblick über den gesamten Saal. Scanner prüften unauffällig, ob ein Gast oder ein Angestellter irgendwelche Waffen bei sich trug. Und mindestens die Hälfte der schwarz befrackten Kellner, die sich mit Tabletts voller Getränke durch die Menge schoben, hatte eine Ausbildung als Leibwächter oder im Nahkampf absolviert.
Nur geladene Gäste fanden heute Abend Einlass, und das Siegel auf den Einladungen wurde an den Eingangstüren sorgfältig geprüft.
Vorsicht war dringend geboten, denn es wurden Schmuckstücke, Kunstwerke und Kleider mit einem geschätzten Gesamtwert von fünfhundertachtundsiebzig Millionen Dollar im Ballsaal ausgestellt.
Jedes dieser Stücke ruhte an einem Platz, an dem es besonders vorteilhaft zur Geltung kam, und war durch ein auf Bewegung, Licht, Gewicht und Wärme eingestelltes individuelles Sensorfeld geschützt. Falls irgendwer versuchen würde, einen dieser Gegenstände nur zu berühren, gäbe es sofort ohrenbetäubenden Alarm, alle Türen gingen zu, und der private Wachdienst würde umgehend durch ein handverlesenes Eliteteam der New Yorker Polizei verstärkt.
Eves Meinung nach war eine solche Ausstellung an einem derart großen, derart öffentlichen Ort geradezu idiotisch, weil sie allzu viele Menschen in Versuchung führen könnte, selbst wenn die Inszenierung wirklich gelungen war.
Aber was sollte man von jemandem wie Roarke auch anderes erwarten?
»Nun, Lieutenant?« Die amüsierte Stimme mit dem melodiösen, leichten irischen Akzent lenkte ihren Blick zurück auf ihren Mann.
Obgleich Roarke natürlich nicht nur durch seine Stimme die Aufmerksamkeit fast aller Frauen automatisch auf sich zog.
Er hatte sündhaft blaue Augen und ein Gesicht, das Gott an einem seiner besten Tage persönlich gemeißelt zu haben schien. Als er sie jetzt betrachtete, verzog er seinen Dichtermund, der ihrer Meinung nach einfach zum Anbeißen war, zu einem leichten Lächeln, zog eine dunkle Braue in die Höhe und strich mit seinen langen Fingern besitzergreifend über ihren nackten Arm.
Seit fast einem Jahr waren sie beide Mann und Frau, doch wenn er sie so beiläufig und gleichzeitig intim berührte, fing ihr Puls noch genauso an zu rasen wie am allerersten Tag.
»Nette Feier«, meinte sie, und sein Lächeln dehnte sich zu einem umwerfenden Grinsen aus.
»Ja, nicht wahr?« Die Hand auf ihrem Arm, sah er sich zufrieden um.
Seine rabenschwarzen Haare fielen ihm fast bis auf die Schultern, wodurch er, wie sie fand, das Aussehen eines wilden irischen Kriegsfürsten bekam. Und mit seinem hoch gewachsenen, straffen, muskulösen Körper in dem eleganten schwarzen Anzug bot er einen Anblick, der nicht nur ihr, sondern ebenfalls einer Großzahl der anderen Frauen regelrecht den Atem nahm. Hätte Eve zu Eifersucht geneigt, hätte sie gleich einigen der anwesenden Damen kräftig in den Hintern treten müssen wegen der feurigen beziehungsweise sehnsüchtigen Blicke, die ihr Gatte von ihnen zugeworfen bekam.
»Bist du mit den von uns getroffenen Sicherheitsvorkehrungen zufrieden?«, fragte er sie lächelnd.
»Dass du diese Ausstellung im Ballsaal eines Hotels organisierst, finde ich, egal, ob der Ballsaal dir gehört, nach wie vor in höchstem Maß riskant. Schließlich ist das Zeug, das hier herumliegt, mehrere hundert Millionen Dollar wert.«
Er zuckte leicht zusammen. »Zeug ist nicht unbedingt das Wort, mit dem all diese Dinge nach unseren Bemühungen, Werbung für die Auktion zu machen, bezeichnet werden sollten. Die Kunstwerke, die Schmuckstücke und Souvenirs, die Magda Lane im Verlauf ihrer Karriere zusammengetragen hat, sind so ziemlich das Feinste, was jemals zur Versteigerung geboten worden ist.«
»Und sie streicht dafür sicher jede Menge Kohle ein.«
»Das will ich doch wohl hoffen, denn dafür, dass mein Unternehmen die Ausstellung und die Auktion organisiert und auch die Verantwortung für die Sicherheit des Ganzen übernimmt, kriegt es ein ordentliches Stück von diesem Kuchen ab.«
Während er sich nun selbst aufmerksam im Ballsaal umschaute, hatte er dabei den gleichen kühlen, durchdringenden Blick wie seine Frau, obwohl er alles andere als ein Polizist war.
»Ihr Name allein wird dafür sorgen, dass die Leute für die Gegenstände hoch bieten. Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass am Schluss das Doppelte des tatsächlichen Werts all dieser Stücke erzielt werden wird.«
Wahnsinn, dachte Eve. Absoluter Wahnsinn. »Du denkst, dass die Leute eine halbe Milliarde für Sachen lockermachen werden, die jemand anderem gehören?«
»Das ist nur eine vorsichtige Schätzung, bei der der Sentimentalitätsfaktor nicht mitgerechnet ist.«
»Meine Güte!« Sie schüttelte den Kopf. »Dabei ist das alles doch nur irgendwelcher alter Plunder.« Dann aber hob sie entschuldigend eine Hand. »Ich hatte kurz vergessen, dass der Typ, mit dem ich gerade rede, der König alten Plunders ist.«
»Danke vielmals für das Kompliment.« Dass er selber einen Teil dieses Plunders für sich und seine Frau ersteigern wollte, erzählte er ihr vielleicht erst mal besser nicht.
Er hob einen Finger, und im Handumdrehen tauchte ein befrackter Kellner mit einem Tablett voll gefüllter Champagnerflöten vor ihm auf. Roarke nahm zwei der Gläser und reichte eins der beiden Eve. »Falls du damit fertig bist, die von mir getroffenen Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen, könntest du dich jetzt eventuell schlichtweg amüsieren.«
»Wer sagt denn, dass ich das nicht längst schon tue?« Schließlich war sie nicht als Polizistin hier, sondern als Roarkes Frau. Was hieß, dass sie gezwungen war, sich unter die Gästeschar zu mischen und die größte Qual über sich ergehen zu lassen, die es in ihren Augen gab: Smalltalk mit irgendwelchen Leuten, mit denen es wahrhaftig nichts zu reden gab.
Da er sie genauestens kannte, hob er ihre Hand an seine Lippen und erklärte beeindruckt: »Du bist wirklich gut zu mir.«
»Wollen wir hoffen, dass du das nicht so schnell vergisst. Also gut.« Sie nahm einen kräftigenden Schluck aus ihrem Glas. »Wem wirfst du mich zum Fraß vor?«
»Ich denke, wir sollten mit der Hauptperson beginnen. Lass mich dir Magda vorstellen. Sie wird dir gefallen.«
»Eine Schauspielerin«, grummelte Eve erbost.
»Es ist hässlich, wenn man Vorurteile hat. Und auf jeden Fall ist Magda Lane viel mehr als eine bloße Schauspielerin«, erklärte er und bahnte sich einen Weg durch das Gedränge auf die große Mimin zu. »Sie ist eine Legende. Sie ist seit fünfzig Jahren im Geschäft und hat jeden neuen Trend, jeden neuen Stil, jede Veränderung in ihrem Metier nicht nur schadlos überstanden, sondern positiv genutzt. Dafür reicht Talent allein nicht aus. Dafür braucht man Rückgrat, und davon hat sie eindeutig jede Menge.«
Eve hatte ihren Gatten niemals zuvor derart schwärmerisch erlebt, und so erklärte sie lächelnd: »Du scheinst ein echter Fan von ihr zu sein.«
»Und ob. Als ich als Kind in Dublin lebte, gab es einen Abend, an dem ich von der Straße verschwinden musste, weil ich ein paar geklaute Brieftaschen und andere Kleinigkeiten in der Tasche hatte und mir die Polizei dicht auf den Fersen war.«
»Typisch Straßengöre.« Sie verzog tadelnd ihren vollen, ungeschminkten Mund.
»Tja, vielleicht, auf jeden Fall bin ich in einem Kino abgetaucht. Ich war zirka acht und war der festen Überzeugung, dass ich mich bei dem Drama, das gerade geboten wurde, zu Tode langweilen würde, aber dann saß ich im Dunkeln und sah zum ersten Mal Magda Lane als Pamela in Pride’s Fall.«
Er zeigte auf ein mit unzähligen eisig blau glitzernden Steinen besetztes, ausladendes, strahlend weißes Ballkleid. Die Droiden-Replik der Mimin, die es trug, drehte sich elegant im Kreis, machte einen graziösen Knicks und hielt sich dabei einen leuchtend weißen Fächer vors Gesicht.
»Wie zum Teufel hat sie sich in diesem Ding bewegt?«, überlegte Eve. »Sieht aus, als ob es mindestens eine Tonne wiegt.«
Er fing an zu lachen. Typisch Eve, dass sie nur die unpraktische, nicht aber die glamouröse Seite dieses Kleides sah. »Wie man mir erzählt hat, wiegt das Kleid tatsächlich beinahe dreißig Pfund. Sie hat offenkundig bereits damals jede Menge Rückgrat gehabt. Auf alle Fälle trug sie dieses Kleid, als ich sie zum ersten Mal im Kino sah. Und während dieser Stunde vergaß ich total, wo ich war, wer ich war, dass ich einen Bärenhunger hatte und dass mir zu Hause Prügel drohen würden, falls nach Meinung meines Alten nicht genügend Geld in den geklauten Brieftaschen zu finden war. Sie zog mich völlig in ihren Bann.«
Eine Störung ihrer Unterhaltung verhinderte er dadurch, dass er lässig winkte oder freundlich lächelte, wenn jemand nach ihm rief. »In jenem Sommer habe ich mir Pride’s Fall noch vier Mal angesehen und sogar dafür bezahlt. Na ja, zumindest einmal habe ich brav eine Eintrittskarte gekauft. Und auch später habe ich mir stets, wenn ich der Wirklichkeit entfliehen wollte, irgendwelche Filme, vorzugsweise mit ihr, angesehen.«
Da sie den kleinen Jungen deutlich vor sich sehen konnte, der allein im Dunkeln saß und sich von den Bildern auf der Leinwand in eine andere Welt entführen ließ, ergriff sie seine Hand.
Als achtjähriger Junge hatte er eine Welt für sich entdeckt, die außerhalb der grausamen Gewalt und des fürchterlichen Elends seines eigenen Lebens lag.
Als achtjähriges Mädchen hatte sie, zu traumatisiert, um sich an irgendwas aus ihrem bisherigen Leben – und sei es nur ihren Namen – zu erinnern, die Wandlung zu Eve Dallas durchgemacht.
War das nicht fast das Gleiche?
Eve erkannte die Schauspielerin sofort. Auch wenn Roarke inzwischen nicht mehr ins Kino ging, hatte er doch Tausende von Filmen auf Diskette, und sie hatte in dem Jahr, seit sie ihn kannte, mehr Zeit vor dem Fernsehbildschirm zugebracht als in den gesamten dreißig Jahren zuvor.
Magda Lane war nicht zu übersehen. In ihrem leuchtend roten Kleid sah ihr wohlgeformter, straffer Leib wie ein vollendetes Kunstwerk aus. Mit ihren dreiundsechzig Jahren hatte sie das beste Alter gerade hinter sich gelassen, der Begriff Matrone jedoch fiel einem bei ihrem Anblick ganz bestimmt nicht ein. Nach allem, was Eve sah, ging sie den neuen Lebensabschnitt äußerst schwungvoll an.
Ihr Haar hatte die Farbe reifen Weizens und wogte in spiralförmigen Locken auf ihre nackten Schultern. Ihre Lippen, voll und reif wie ihr gesamter Körper, schimmerten im selben Rot wie ihr Gewand. Ihre milchig weiße Haut war faltenlos und wurde von dem Schönheitsfleck am Ende einer ihrer sanft geschwungenen Brauen vorteilhaft betont.
Der Blick der leuchtend grünen Augen, die unter diesen dunklen Brauen blitzten, landete kühl und abschätzend auf Eve. Dann wanderte er weiter Richtung Roarke und wurde plötzlich warm.
Mit einem leichten Lächeln trat sie aus dem Kreis von Menschen, der sich um sie gebildet hatte, und kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.
»Mein Gott, Sie sehen einfach prächtig aus.«
Roarke nahm ihre Hände und hob sie an seinen Mund. »Ich wollte gerade genau dasselbe sagen, Magda. Wie immer sehen Sie einfach fantastisch aus.«
»Ja, aber das gehört zu meinem Job. Sie hingegen wurden einfach so geboren. Sie sind eben ein Glückspilz. Und das ist sicher Ihre Frau.«
»Ja. Eve, Magda Lane.«
»Lieutenant Eve Dallas.« Magdas Stimme schwebte dunkel und geheimnisvoll wie Nebel durch den Raum. »Ich habe mich schon darauf gefreut, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich war am Boden zerstört, weil ich aus Termingründen nicht zu Ihrer Hochzeit kommen konnte.«
»Trotzdem hat unsere Ehe bis jetzt gehalten.«
Magda zog erstaunt die Brauen in die Höhe, dann aber funkelten ihre Augen anerkennend auf. »Ja, so sieht es aus. Nun verschwinden Sie schon, Roarke. Ich möchte Ihre wunderbare, faszinierende Gattin ein bisschen näher kennen lernen, und Sie lenken mich dabei nur ab.«
Magda wedelte ihn mit einer ihrer schlanken Hände fort. Der Diamantring, den sie trug, sprühte dabei regelrechte Funken. Fröhlich hakte sie sich bei der Polizistin ein.
»Und jetzt lassen Sie uns ein Plätzchen finden, an dem nicht ein Dutzend Leute darauf drängen, sich mit uns zu unterhalten. Es gibt kaum etwas Anstrengenderes als oberflächliche Gespräche, finden Sie nicht auch? Natürlich denken Sie, genau das würde Ihnen mit mir blühen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht die Absicht habe, uns mit Smalltalk zu langweilen, nun, da mir endlich die Freude Ihrer Bekanntschaft zuteil geworden ist. Soll ich vielleicht damit beginnen, dass ich Ihnen beichte, wie sehr ich es bedauere, dass Ihr schändlich attraktiver Gatte jung genug ist, um mein Sohn zu sein?«
Eve merkte verdutzt, dass sie plötzlich an einem kleinen Tischchen im hintersten Winkel des großen Ballsaals saß. »Und weshalb sollte das für einen von Ihnen beiden ein Hindernis gewesen sein?«
Lachend nahm Magda zwei frische Champagnerflöten von einem Tablett und scheuchte dann den Kellner fort. »Das ist sicher meine eigene Schuld. Ich habe mir bereits vor Jahren vorgenommen, nie mit einem Mann ins Bett zu gehen, der zwanzig Jahre älter oder jünger als ich ist. Und an diesen Grundsatz habe ich mich immer streng gehalten. Auch wenn das hin und wieder durchaus bedauerlich gewesen ist. Aber …«, sie nippte an ihrem Glas und blickte Eve über den Rand hinweg mit einem leichten Lächeln an, »… ich will nicht über Roarke sprechen, sondern über Sie. Genauso habe ich mir die Frau vorgestellt, für die er sich einmal entscheiden würde.«
Eve bekam ihren Champagner in die falsche Kehle und starrte Magda, als sie aufhörte zu husten, mit großen Augen an. »Sie sind der erste Mensch, der das behauptet.« Sie kämpfte kurz mit sich, gab dann aber auf und fragte: »Wie kommen Sie darauf?«
»Sie sind durchaus attraktiv, aber von Ihrem Aussehen alleine hätte er sich ganz bestimmt nicht blenden lassen. Sie lachen«, stellte Magda fest und nickte zufrieden. »Das ist gut. Im Umgang mit Männern, vor allem mit dem Format von Roarke, braucht eine Frau nämlich Humor.«
Eve war weder glamourös noch eine echte Schönheit, ging es Magda durch den Kopf. Aber sie wirkte durch und durch solide, hatte einen guten Knochenbau, klare Augen und ein interessantes Grübchen in der Mitte eines ausdrucksvollen Kinns.
»Möglicherweise hat Ihr Aussehen ihm gefallen, aber wie gesagt, geblendet hat es ihn ganz sicher nicht. Roarke hat ein großes Interesse, wenn nicht sogar eine gewisse Schwäche für alles Schöne. Und da ich meinerseits Interesse und eine gewisse Schwäche für diese Art von Menschen habe, habe ich mir sämtliche Berichte in den Medien über Sie angesehen.«
Eve legte den Kopf ein wenig auf die Seite und fragte in herausforderndem Ton: »Und, habe ich den Test bestanden?«
Amüsiert strich Magda mit einem ihrer scharlachroten Fingernägel über den Rand ihres Glases und nahm erneut einen Schluck. »Sie sind eine smarte, entschlossene Person, die nicht nur auf eigenen Füßen steht, sondern diese Füße auch benutzt, um anderen kräftig in den Allerwertesten zu treten, wenn sie es für nötig hält. Sie sind körperlich aktiv, haben jede Menge Köpfchen, und auf einem Fest wie diesem haben Sie einen Gesichtsausdruck, dem deutlich zu entnehmen ist, dass Sie denken: Was für ein Schwachsinn. Haben wir nicht was Besseres zu tun, als uns hier blöd die Beine in den Bauch zu stehen?«
Eve grinste kurz und dachte: In der steckt deutlich mehr als eine aufgetakelte Blondine, die gern Theater spielt, weil sie dort im Mittelpunkt des Interesses steht. »Sind Sie wirklich Schauspielerin oder vielleicht eher Psychologin?«
»In jedem dieser beiden Berufe ist sehr viel vom jeweils anderen erforderlich.« Erneut machte Magda eine Pause und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Ich nehme an, dass all sein Geld Ihnen von Anfang an völlig egal gewesen ist. Das hat ihn sicher fasziniert. Und ich kann mir ebenso wenig vorstellen, dass Sie seinem Charme sofort erlegen sind. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich eine Zeit lang mit Ihnen gespielt, Sie aber nach einer Weile auch wieder abgelegt.«
»Ich bin kein verdammtes Spielzeug.«
»Nein, das sind Sie gewiss nicht.« Dieses Mal hob Magda ihr Glas zu einem Toast. »Er ist bis über beide Ohren in Sie verliebt, und es ist wunderbar das zu erleben. Aber jetzt erzählen Sie mir bitte von Ihrer Arbeit bei der Polizei. Ich habe bisher nie eine Polizistin gespielt. Ich habe ein paar Mal Frauen gespielt, die die Gesetze übertreten haben, um sich oder andere zu schützen, aber niemals eine Frau, die sich, um andere zu schützen, im Rahmen der Gesetze bewegt. Ist es ein aufregender Job?«
»Es ist ein Job. Er hat seine Höhen und Tiefen wie jede andere Arbeit.«
»Ich bezweifle, dass es ein Job wie jeder andere ist. Sie klären Mordfälle auf. Wir … Zivilpersonen, wie Sie uns, glaube ich, nennen, finden diesen Prozess, einschließlich des Mordes selbst, faszinierend.«
»Das liegt wahrscheinlich daran, dass Sie nicht selbst die Betroffenen, nämlich die Toten sind.«
»Genau.« Magda warf ihre blonde Mähne zurück und fing hellauf an zu lachen. »Oh, Sie gefallen mir! Das freut mich. Und wenn Sie nicht von Ihrer Arbeit sprechen wollen, kann ich das verstehen. Leute, die nichts mit dem Theater zu tun haben, denken oft, mein Job wäre aufregend und glamourös, während er in Wahrheit einfach nur ein Job ist … Mit Höhen und mit Tiefen wie jeder andere auch.«
»Ich habe viele Ihrer Filme gesehen. Ich glaube, Roarke hat alles, was Sie je gemacht haben, auf Diskette. Der Film, in dem Sie eine Gaunerin spielen, die sich in ihr Opfer verliebt, hat mir besonders gut gefallen. Er ist echt lustig.«
»Der Lockvogel. Ja, der ist amüsant. Chase Conner war mein Filmpartner und ich hatte mich damals tatsächlich in ihn verliebt. Auch das war, solange es hielt, durchaus amüsant. Das Kostüm, das ich während der Cocktailparty-Szene trage, wird hier ebenfalls versteigert.«
Lächelnd blickte sie sich zwischen all den Dingen, die ihr einmal viel bedeutet hatten, um. »Bestimmt erziele ich mit diesem Kleid einen guten Preis, was meiner Stiftung für die darstellenden Künste zugute kommen wird. Nicht mehr lange, und jede Menge Bestandteile meiner Karriere oder eher noch meines Lebens kommen unter den Hammer.«
Sie wandte den Kopf und schaute nachdenklich zu der Kulisse eines Boudoirs, in dem ein elfenbeinfarbenes Nachthemd neben einem offenen Schmuckkasten, aus dem sich glänzende Ketten und blitzende Steine prachtvoll über einen glänzenden Ankleidetisch ergossen, zu sehen war. »Eine herrlich weibliche Szene, finden Sie nicht auch?«
»Ja, wenn einem so etwas gefällt.«
Lächelnd drehte sich Magda wieder zu Eve herum. »Es gab mal eine Zeit, in der mir so was ungemein gefallen hat. Aber eine kluge Frau überlebt auf einem derart schwierigen Terrain wie der Schauspielerei nicht lange, wenn sie sich nicht regelmäßig neu erfindet.«
»Und was sind Sie jetzt?«
»Ja, ja«, murmelte Magda. »Ich mag Sie wirklich sehr. Ständig fragen mich die Leute, warum ich das hier tue, warum ich so viele Dinge aufgebe, an denen ich so lange Zeit gehangen habe. Wissen Sie, was ich zu ihnen sage?«
»Nein, was?«
»Dass ich die Absicht habe, noch viele Jahre zu leben und zu arbeiten. Lange genug, um wieder jede Menge Dinge anzuhäufen.« Abermals lachte sie fröhlich auf. »Das ist zwar nicht gelogen, aber es ist nicht alles. Die Stiftung ist ein Traum von mir. Die Schauspielerei hat mir vieles gegeben, was ich weitergeben möchte, solange ich noch lebe und jung genug bin, um es zu genießen. Zuschüsse, Stipendien, Bühnen, auf denen sich all die jungen Begabungen bewegen können. Es gefällt mir, dass eventuell ein junger Schauspieler oder Regisseur dank der Unterstützung, die ihm in meinem Namen gegeben wird, seine Karriere starten kann. Das ist natürlich reine Eitelkeit von mir.«
»Das finde ich nicht. Ich finde, es ist weise.«
»Oh. Jetzt finde ich Sie noch netter als sowieso schon. Ah, da ist Vince und gibt mir ein Zeichen. Mein Sohn«, erklärte Magda. »Er kümmert sich um die Medien und um die Sicherheit bei diesem aufwändigen Spektakel. Ein anspruchsvoller junger Mann«, fügte sie hinzu. »Weiß der Himmel, von wem er diese Eigenschaft geerbt hat. Das ist also mein Stichwort, dass ich mich wieder an die Arbeit machen muss.« Damit stand sie auf. »Ich werde in den nächsten Wochen hier sein, und ich hoffe, dass wir uns in dieser Zeit noch öfter sehen.«
»Das würde mich wirklich freuen.«
»Ah, Roarke. So etwas nennt man perfektes Timing.« Als er zu ihnen an den Tisch trat, wandte Magda sich ihm strahlend zu. »Mich ruft nämlich die Pflicht, weshalb ich Ihre reizende Gattin leider verlassen muss. Allerdings erwarte ich möglichst bald eine Einladung zum Abendessen, damit ich mehr Zeit mit Ihnen beiden verbringen und mich gleichzeitig an den spektakulären Kochkünsten Ihres Majordomus erfreuen kann. Wie war noch mal sein Name?«
»Summerset«, spuckte Eve zwischen zusammengebissenen Zähnen aus.
»Ja, natürlich. Summerset. Also, hoffentlich bis bald«, wiederholte sie, küsste Roarke auf beide Wangen und glitt nahezu schwerelos davon.
»Du hattest Recht. Ich fand sie echt nett.«
»Ich war mir sicher, dass du sie mögen würdest.« Während er sprach, führte er sie gleichzeitig diskret in Richtung Ausgang. »Tut mir Leid, dass ich dich an deinem freien Abend damit belästigen muss, aber wir haben ein Problem.«
»Ein Sicherheitsproblem? Hat tatsächlich jemand versucht, sich mit einer Hand voll Klunker aus dem Staub zu machen?«
»Nein, es geht nicht um Diebstahl, sondern offenbar um Mord.«
Sofort hatte sie den kühlen Blick der Polizistin. »Wer ist tot?«
»Nach allem, was man mir gesagt hat, eins der Zimmermädchen.« Sie traten auf einen der Fahrstühle zu. »Südturm, sechsundvierzigste Etage. Einzelheiten sind mir nicht bekannt«, erklärte er, ehe sie ihn unterbrechen konnte. »Der Leiter unseres Sicherheitsdienstes hat mich eben erst darüber informiert.«
»Habt ihr die Polizei verständigt?«
»Ich habe dich verständigt, oder etwa nicht?« Mit grimmiger Miene stieg er in den Lift. »Der Sicherheitsdienst wusste, dass wir beide hier sind. Deshalb haben sie beschlossen, erst mich – und selbstverständlich damit dich – zu informieren und zu warten, dass wir zwei die nächsten Schritte tun.«
»Okay, jetzt werde bloß nicht sauer. Schließlich wissen wir bisher noch gar nicht sicher, ob es tatsächlich ein Mord gewesen ist. Die Leute schreien immer sofort los, wenn sie eine Leiche finden. Dabei haben sie es meistens mit dem Opfer eines Unfalls oder eines natürlichen Todes zu tun.«
Sobald sie aus dem Fahrstuhl stieg, verengten ihre Augen sich zu schmalen, missbilligenden Schlitzen. Viel zu viele Menschen, darunter eine völlig aufgelöste Frau in der Uniform des Hauspersonals, jede Menge Anzugträger und mehrere Leute, die angesichts des allgemeinen Lärms aus ihren Zimmern gekommen zu sein schienen, drückten sich im Korridor herum.
Sie griff in ihre lächerlich kleine Tasche, zog ihren Dienstausweis daraus hervor und hielt ihn deutlich sichtbar in die Luft.
»New Yorker Polizei, bitte räumen Sie den Flur. Sämtliche Gäste kehren bitte zurück auf ihre Zimmer, die Leute vom Sicherheitsdienst bleiben alle hier. Kümmere sich bitte jemand um die Frau. Wer ist hier der Chef?«
»Ich.« Ein hoch gewachsener Mann mit kaffeebrauner Haut und einem blank polierten Schädel trat einen Schritt nach vorn. »John Brigham.«
»Brigham, Sie kommen mit mir.« Da sie keinen Generalschlüssel in ihrem Täschchen hatte, wies sie wortlos auf die Tür, ließ sich von ihm öffnen, trat ein und sah sich aufmerksam um.
Das Wohnzimmer der Suite war voll gestopft mit teuren Möbeln und verfügte über eine gut bestückte Bar. In dem hell erleuchteten, durch Jalousien vor Einblicken von außen geschützten, eleganten Raum herrschte tadellose Ordnung. Alles lag und stand an seinem Platz.
»Wo ist sie?«, wollte Eve von Brigham wissen.
»Im Schlafzimmer. Erste Tür links.«
»War die Tür offen oder wie jetzt geschlossen, als Sie zum ersten Mal hereingekommen sind?«
»Geschlossen. Aber ich kann nicht sicher sagen, dass nicht Ms Hilo, die Hauswirtschafterin, sie hinter sich zugezogen hat. Sie hat sie gefunden.«
»Die Frau draußen im Flur?«
»Genau.«
»Gut, lassen Sie uns gucken, was wir haben.« Sie trat vor die Tür, zog sie auf und – hörte ohrenbetäubende Musik.
Auch hier waren alle Lampen eingeschaltet und warfen ihr kaltes Licht auf die tote junge Frau, die wie eine zerbrochene Puppe wirkte, die von einem verwöhnten Kind achtlos auf das Bett geworfen worden war.
Einer ihrer Arme hing in einem unmöglichen Winkel von der Bettkante herab, ihr Gesicht war blutig und verquollen, ihr Rock war bis zur Hüfte hochgeschoben und ein dünner Silberdraht schnitt ihr wie eine schmale, todbringende Kette tief in den schlanken Hals.
»Ich glaube, dass eine natürliche Todesursache ausgeschlossen werden kann«, murmelte Roarke.
»Ja. Brigham, wer war nach Auffinden der Toten außer Ihnen und der Hauswirtschafterin noch alles in dieser Suite?«
»Niemand.«
»Haben Sie sich der Toten genähert und sie oder irgendetwas anderes als die Türgriffe berührt?«
»Ich kenne die Vorschriften, Lieutenant. Ich war selbst zwölf Jahre bei der Abteilung für Verbrechensbekämpfung der Chicagoer Polizei. Hilo hat mich verständigt. Sie hat mich über ihr Handy angerufen und irgendetwas Unverständliches geschluchzt. Innerhalb von zwei Minuten war ich hier. Sie war währenddessen zurück in ihr Büro im vierzigsten Stock gerannt. Ich habe die Suite betreten, habe die Tür geöffnet und gleich erkannt, dass das Opfer tot war. Da ich wusste, dass sich Roarke in Ihrer Begleitung hier im Hotel aufhielt, habe ich ihn umgehend kontaktiert, anschließend die Suite gesichert, nach Hilo geschickt und auf Sie gewartet.«
»Gut gemacht, Brigham. Als Ex-Polizist ist Ihnen bewusst, wie häufig vermeintlich helfende Hände einen Tatort korrumpieren. Kannten Sie das Opfer?«
»Nein. Hilo nannte sie ihre Darlene. Ihre kleine Darlene. Das ist alles, was ich bisher aus ihr herausbekommen habe.«
Ohne das Zimmer zu betreten, blickte Eve sich um und überlegte, wie die junge Frau ermordet worden war. »Sie könnten mir einen großen Gefallen tun und Hilo an einen ruhigen Ort bringen, an dem sie mit niemandem reden kann, bis ich nach ihr schicke. Ich werde diese Sache melden. Ich will das Zimmer nicht betreten, solange ich meine Hände und Schuhe nicht versiegeln kann.«
Brigham griff in seine Tasche und zog eine kleine Dose Seal-It daraus hervor. »Das hier habe ich mir von einem meiner Männer bringen lassen. Zusammen mit einem Rekorder«, fügte er hinzu und drückte ihr das winzige Aufnahmegerät, das sie sich an den Kragen klemmen konnte, in die Hand. »Ich dachte mir nämlich bereits, dass Sie nicht mit einem Untersuchungsset auf eine solche Party gehen.«
»Prima. Macht es Ihnen etwas aus, Hilo etwas Gesellschaft zu leisten, bis ich mich um sie kümmern kann?«
»Kein Problem. Melden Sie sich einfach, wenn Sie mit ihr reden wollen. Außerdem postiere ich, bis Ihre Leute kommen, ein paar von meinen Männern vor der Tür.«
»Danke.« Sie schüttelte die Dose. »Warum sind Sie nicht mehr bei der Polizei?«
Zum ersten Mal verzog Brigham den Mund zu einem Lächeln. »Mein jetziger Arbeitgeber hat mir ein allzu verführerisches Angebot gemacht.«
»Das glaube ich gern«, meinte Eve, nachdem Brigham gegangen war, zu ihrem Mann. »Er hat einen kühlen Kopf und gute Augen.« Sie fing an, sich ihre Schuhe einzusprühen, kam jedoch zu dem Ergebnis, dass sie ohne ihre Pumps wesentlich beweglicher wäre, streifte sie ab, besprühte ihre Füße, ihre Hände, und drückte dann die Dose und auch den Rekorder ihrem Gatten in die Hand.
»Du musst den Tatort aufnehmen.« Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und rief die Zentrale an.
»Ihr Name ist Darlene French«, las Roarke die Daten von seinem Handcomputer ab. »Sie war zweiundzwanzig und erst seit einem guten Jahr hier angestellt.« Er schnaubte zornig.
»Tut mir Leid.« Sie berührte ihn am Arm. »Ich werde mich von jetzt an um sie kümmern. Schalte bitte den Rekorder an, okay?«
»Ja, in Ordnung.« Er steckte den Computer wieder ein und klemmte den Rekorder am Aufschlag seiner Smokingjacke fest.
»Das Opfer wurde als Darlene French identifiziert, weiblich, zweiundzwanzig Jahre alt, Zimmermädchen im Roarke Palace Hotel. Es sieht aus, als ob sie in genanntem Hotel, in Suite 4602 ermordet worden ist. Anwesend Lieutenant Eve Dallas als ermittelnde Beamtin sowie Roarke als zeitweilige zivile Hilfsperson, die den Tatort filmt. Die Zentrale wurde von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt.«
Jetzt näherte sich Eve der Leiche. »Der Tatort weist kaum Spuren eines Kampfes auf, der Körper der Toten allerdings ist vor allem im Gesicht mit Prellungen und Wunden übersät, die darauf schließen lassen, dass sie heftig geschlagen worden ist. Die Blutspritzer lassen vermuten, dass das Opfer die Schläge auf dem Bett liegend zugefügt bekommen hat.«
Erneut sah sie sich im Zimmer um und entdeckte den Piepser, der direkt neben der Badezimmertür auf dem Boden lag.
»Der rechte Arm des Opfers ist gebrochen«, fuhr sie tonlos fort. »Weitere Abschürfungen an den Schenkeln und um die Vagina herum legen die Vermutung nahe, dass post mortem eine Vergewaltigung stattgefunden hat.«
Sanft hob Eve eine der schlaffen Hände und sah sie sich genauer an. Weshalb nur hatte sie keine Mikroskopbrille dabei? »Hier sind ein paar kleine Hautreste. Dann hast du ihn also ebenfalls erwischt. Das ist gut, Darlene«, murmelte sie leise und fuhr dann lauter fort: »Unter den Fingernägeln des Opfers finden sich Hautpartikel sowie wahrscheinlich Haare und Fasern des Täters.«
Langsam glitt ihr Blick an Darlenes Leib hinauf. Die Bluse ihrer Uniform war bis oben zugeknöpft. »Er hat sich nicht groß mit einem Vorspiel aufgehalten. Hat ihr weder die Kleider vom Leib gerissen noch sie dazu gezwungen, sich auszuziehen. Hat einfach auf sie eingedroschen und sie anschließend vergewaltigt. Dann hat er sie mit einem dünnen Draht, wahrscheinlich aus Silber, wie mit einer Garrotte erwürgt. Die Enden des Drahts sind vorne gekreuzt und zu zwei kleinen Schleifen umgebogen, was die Vermutung nahe legt, dass der Killer sie von Angesicht zu Angesicht erwürgt hat, während er über ihr stand oder lag. Hast du sie von allen Seiten aufgenommen?«, wandte sich Eve an ihren Mann.
»Ja.«
Nickend hob sie den Kopf des Opfers an, reckte ihren Hals und sah sich die Drahtschlinge von hinten an. »Nimm auch das hier bitte auf«, sagte sie zu Roarke. »Vielleicht verrutscht das Ganze etwas, wenn wir sie herumdrehen. Der Draht ist im Nacken völlig intakt, und sie hat nur minimal geblutet. Er hat sie erst erwürgt, als er mit dem Schlagen und der Vergewaltigung am Ende war. Hat rittlings auf ihr draufgesessen«, stellte sie mit zusammengekniffenen Augen fest. »Ein Knie auf jeder Seite. Zu jenem Zeitpunkt hat sie sich, wenn überhaupt, nur noch mit letzter Kraft gewehrt. Also hat er ihr den Draht über den Kopf geschoben, die Enden vor ihrer Kehle gekreuzt und dann kräftig gezogen. Er hat bestimmt nicht lange dazu gebraucht.«
Trotzdem hatte sie sich bestimmt aufgebäumt, hatte instinktiv versucht, ihren Mörder abzuwerfen, während ihre Kehle von dem Draht und ihren stummen Schmerzens- und Entsetzensschreien grausam gebrannt hat. Das Hämmern ihres Herzens und das Rauschen ihres Bluts waren immer weiter angeschwollen, sie hatte mit den Fersen auf die Matratze getrommelt und ihre Hände hilflos in der Bettdecke verkrallt. Dann waren ihr am Schluss die Augen aus dem Kopf gequollen, sie hatte das Gefühl gehabt, als würde ihr die Schädeldecke bersten, und nach einem letzten jagenden Klopfen hatte ihr Herz die Arbeit eingestellt.
Eve trat einen Schritt zurück. Ohne Untersuchungsset konnte sie hier kaum noch etwas tun. »Ich muss wissen, auf welchen Namen dieses Zimmer reserviert gewesen ist. Welche Routine die Zimmermädchen haben. Dafür brauche ich Hilo.« Sie trat vor den Schrank und warf einen kurzen Blick hinein. »Außerdem wäre es sehr hilfreich, wenn ich diejenigen Angestellten sprechen könnte, mit denen Darlene näher bekannt oder befreundet gewesen ist.« Nach einem Blick in die Kommode schüttelte sie resigniert den Kopf.
»Keine Kleider. Nicht mal eine Fluse. Ein paar benutzte Handtücher, die sie vermutlich fallen oder auf dem Weg aus dem Bad ins Schlafzimmer dort liegen gelassen hat. War das Zimmer überhaupt belegt?«
»Das finde ich sofort für dich heraus. Außerdem wirst du die Namen und Adressen ihrer nächsten Verwandten haben wollen.«
»Ja.« Eve seufzte leise auf. »Vor allem den von ihrem Mann, falls sie einen hatte. Oder den von ihrem Freund, ihrem Geliebten oder irgendeinem Ex. In neun von zehn Fällen ist bei Sexualmorden der Täter der Partner oder Ex-Partner der Frau. Nur sieht es aus, als wäre dies Ausnahme-Fall Nummer zehn. An diesem Mord ist nichts Persönliches, nichts Intimes, nicht die Spur von Leidenschaft. Der Täter war beherrscht und emotional nicht im Geringsten in die Sache involviert.«
»An einer Vergewaltigung ist niemals irgendwas intim.«
»Manchmal doch«, verbesserte ihn Eve. Sie kannte sich schmerzlich damit aus. »Wenn es eine Beziehung zwischen Angreifer und Opfer gibt, irgendeine, vielleicht sogar nur in der Fantasie des Täters existente, gemeinsame Geschichte, wird die Tat intim. Dieser Täter aber war absolut kalt. Er hat sich nur in sie hineingerammt und ist wahrscheinlich umgehend gekommen. Ich wette, er hat mehr Zeit mit den Schlägen als mit der Vergewaltigung verbracht. Manchen Männern macht das einfach Spaß. Es ist für sie so etwas wie das Vorspiel vor dem eigentlichen Akt.«
Roarke stellte den Rekorder aus. »Eve. Gib diesen Fall an jemand anderen ab.«
»Was?« Blinzelnd kehrte sie in die Gegenwart zurück. »Weshalb sollte ich das tun?«
»Tu dir das nicht an.« Er legte eine Hand an ihre Wange. »Es tut einfach zu weh.«
Er achtete darauf, dass er nicht von ihrem Vater sprach. Von den Schlägen, von dem wiederholten Missbrauch, von der nackten Panik, aus der ihr Leben bestanden hatte, bis sie acht gewesen war.
»Wenn man einen Fall an sich heranlässt, tut er immer weh«, antwortete sie schlicht und blickte auf die tote Darlene French. »Ich habe sie gesehen und berührt und jetzt gehört sie mir. Ich werde sie niemand anderem überlassen. Das kann ich einfach nicht.«

2
Ein gewisser James Priory aus Milwaukee hatte die Suite 4602 bereits drei Wochen zuvor für zwei Nächte reserviert und bei seinem Erscheinen um fünfzehn Uhr zwanzig an diesem Nachmittag dem Empfangschef seine Kreditkarte zur Überprüfung vorgelegt.
Während die Spurensicherung den Tatort untersuchte, sah sich Eve im Wohnzimmer die von Brigham heraufgeschickte Überwachungsdiskette an.
Die Bilder zeigten einen gemischtrassigen Mann von Mitte bis Ende vierzig im dunklen Anzug des erfolgreichen Geschäftsmanns, für den eine erstklassige Suite in einem erstklassigen Hotel bestimmt nicht zu teuer war. Rein äußerlich der Typ des gut bezahlten Prokuristen, überlegte Eve.
Unter dem gut sitzenden Anzug und dem sorgfältig frisierten Haar jedoch entdeckte sie den Gangster.
Er war gedrungen, hatte eine breite Brust und wog leicht das Doppelte der von ihm erwürgten jungen Frau. Seine Hände waren fleischig, die Finger lang und grob, und die Farbe seiner Augen glich dem widerlichen Film, der sich im Januar auf den Pfützen bildete. Sie hatten ein schmutzig kaltes Grau.
Sein Gesicht war kantig, mit einer klotzigen Nase und einem dünnen Mund. Das dunkelbraune, sorgfältig gekämmte und an den Schläfen grau melierte Haar wirkte affektiert. Oder wie eine Perücke, dachte sie.
Er versuchte nicht, sein Gesicht vor den Kameras oder den Angestellten zu verbergen, und bedachte den Empfangschef sogar mit einem kurzen Lächeln, bevor er sich von einem Pagen in Richtung Fahrstuhl begleiten ließ.
Ein Koffer war sein einziges Gepäck.
Auf der nächsten Aufnahme sah Eve, wie dem Mann die Tür der Suite geöffnet wurde und der Page höflich einen Schritt zurücktrat, damit Priory vor ihm das Hotelzimmer betrat. Der Kamera im Flur zufolge hatte er den Raum nicht noch mal verlassen, bevor der Mord geschehen war.
Statt den Zimmerservice zu bestellen, hatte er sich am AutoChef in der kleinen Küche ein rohes Steak, eine gebackene Kartoffel, Sauerteigbrötchen, Kaffee und zum Nachtisch ein Stück Käsekuchen bestellt.
Auch die Bar im Wohnzimmer hatte er benutzt, hatte sich eine Limonade und ein paar Erdnüsse gegönnt.
Keinen Alkohol, bemerkte Eve. Er hatte also einen klaren Kopf gehabt.
Die nächste Diskette zeigte, wie Darlene mit ihrem Wagen vor der Tür der Suite zum Stehen kam.
Eine hübsche junge Frau in einer frisch gestärkten Uniform und bequemen Schuhen, in deren großen braunen Augen ein träumerischer Ausdruck lag. Zart gebaut. Kleine Hände, die mit einem kleinen goldenen Herz-Anhänger an einer dünnen goldenen Kette spielten, den sie unter ihrer Bluse hervorgezogen hatte, als sie vor die Tür getreten war.
Sie drückte auf den Klingelknopf, massierte sich mit einer Hand den Rücken und klingelte noch einmal. Schob die Kette mit dem Herz-Anhänger ordentlich zurück unter ihre Bluse, legte ihren rechten Daumen auf den Scanner und schloss erst dann mit ihrem eigenen Schlüssel auf. Sie öffnete die Tür, nahm einen Stapel frischer Handtücher von ihrem Wagen, rief mit gut gelaunter Stimme, dass das Zimmermädchen da sei, und zog die Tür um zwanzig Uhr sechsundzwanzig hinter sich ins Schloss.
Um zwanzig Uhr achtundfünfzig trat Priory, Koffer und Handtücher in einer Hand, in den Korridor hinaus, zog die Tür hinter sich zu, legte die schmutzige Wäsche ordentlich in dem dafür vorgesehenen Fach des Wagens ab und schlenderte gemächlich zur Tür, durch die man das Treppenhaus betrat.
Innerhalb von zweiunddreißig Minuten hatte er Darlene French misshandelt, vergewaltigt und getötet, überlegte Eve.
»Er hat einen völlig klaren Kopf behalten«, sagte sie laut zu sich selbst. »Einen völlig klaren Kopf.«
»Lieutenant?«
Eve schüttelte den Kopf und hob, als ihre Assistentin etwas sagen wollte, abwehrend die Hand.
Peabody presste ihre Lippen aufeinander und musterte ihre Vorgesetzte wortlos. Sie arbeitete seit einem guten Jahr mit Eve zusammen, weshalb ihr ihre Arbeitsweise hinlänglich vertraut war.
Ihre Augen, die beinahe genauso dunkel waren wie ihr glattes, kinnlanges Haar, fielen auf das Standbild eines Mörders, das auf dem Bildschirm zu sehen war.
Sieht echt gemein aus, dachte Peabody, hielt jedoch weiterhin den Mund, bis Eve das Schweigen brach.
»Was haben Sie für mich?«
»Priory, James, Verkaufsleiter der Alliance-Versicherungsgesellschaft mit Sitz in Milwaukee. Bei einem Verkehrsunfall am fünften Januar dieses Jahres gestorben.«