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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 

für Xenia

Hinfahrt

1
Dies ist meine Geschichte, die Geschichte von mir selbst, Florian Beutler, und meinem dunkelbraunen Anzug, einem Dreiviertelanzug, um genau zu sein, ein kleinwüchsiger Onkel hat ihn getragen, als er heiratete, dann trug ihn mein Vater, der kaum größer war, und später ein Cousin beim Abschlussball, nachdem wir die Ärmel hatten kürzen lassen. Am Ende sollte ich ihn tragen, zur Konfirmation, gegen meinen Willen, aber ich weigerte mich, was meiner Mutter das Fest verdarb, dabei war es doch meine eigene Konfirmation, und so trug ich ihn zum ersten Mal am Morgen dieses 28. April, es war ein Dreiviertelanzug aus dunkelbrauner Schurwolle, und die Geschichte, die ich erzähle, ist die Geschichte der letzten Tage dieses Anzugs und zugleich meine eigene Geschichte, die Geschichte von Florian Beutler, den sie Flo nannten, und wie wir beide am Ende doch noch zusammenkamen, der Anzug und ich, an diesem Morgen des 28. April, einem Sonnabend, am Tag, bevor ich starb.
 
Wir waren zu siebt. Vorne links saß Wolf, über das riesige Lenkrad gebeugt, der Einzige von uns, der damals einen Führerschein besaß. Eben mit der Schule fertig, schmal und hochgewachsen, eigentlich hatte er Locken, aber er bekam schon eine Glatze und hatte sich die Haare abrasiert. Ich habe ihn nie gefragt, ob ihm das etwas ausmachte. Er wollte nach Holland auf die Glasbläserschule, aber irgendetwas stimmte mit den Formularen noch nicht. Ich bin nie richtig warm geworden mit ihm, vielleicht war es auch meine eigene Schuld. Neben ihm Bernd, ein kühler, strähniger Typ, keiner riss sich darum, näher mit ihm zu tun zu haben, Lehrerliebling, groß in alten Sprachen, überhaupt Geschichte und Vergangenes, fast konservativ, was damals aus irgendeinem Missverständnis heraus nicht weiter auffiel. Bernd konnte stundenlang Vorträge halten, im Nachhinein betrachtet, haben wir ziemlich viel von ihm gelernt, auch politisch, aber währenddessen war es kaum zu ertragen. Einmal, als wir abends zusammensaßen, fragte ich nach, was denn das Wort rational eigentlich bedeute, und er sah mich mit diesen kleinen, leeren Augen an und sagte dann, wobei er auf den Plattenspieler neben sich zeigte, auf dem eine seiner amerikanischen Jazzplatten lief, wenn er da mit der Faust draufschlagen würde, das wäre nicht rational. Ich weiß nicht mehr, ob er jemals eine Freundin hatte, geschweige denn, ob er traurig darüber war.
Neben Bernd, ganz am Rand der Beifahrerbank, saß Birte, die an diesem Morgen den Kassettenrekorder kontrollierte, schon weil die beiden Jungs ihr die Hoheit darüber nicht streitig machten, also gab es Ina Deter ohne Ende, das Album war gerade neu herausgekommen. Birte war ein bisschen fülliger, die Augen standen dicht beieinander, ihr großes, rundes Gesicht wurde durchzogen von einem langen Mund, der ganz gerade war und sehr schmal, sie hatte tatsächlich die Haut eines Pfirsichs, mit diesen Blutäderchen auf den Wangen und dem Rosa, aber auch mit den kleinen Härchen überall, was immer niedlich aussah, aber richtig hinfassen wollte man auch nicht. Sie war die Erste, die einen Busen bekommen hatte, doch weil ihr Oberkörper ohnehin in alle Richtungen wuchs, fiel es nicht so auf, selbst wenn ihre Brüste inzwischen wirklich groß geworden waren. Später ist sie auch gestorben, aber vorher hat sie immerhin noch eine ganze Weile Landschaftsarchitektur studiert.
Hinter ihr kam Kordel, die bei jedem neuen Lied aufstöhnte und wieder von ihrer Crosby, Stills & Nash-Aufnahme anfing, die aber überhaupt niemand hören wollte. Kordel war anfangs nur eine Klassenkameradin meines Bruders gewesen, bis wir im Schulorchester nebeneinander zu sitzen kamen, in der letzten Reihe. Sie schlug die Becken gegeneinander, ich saß an der Pauke, wir verbrachten die meiste Zeit damit, Pausen zu zählen und die Augen zu verdrehen, wenn kurz vor unserem Einsatz wieder einmal die Posaunen unsauber intonierten oder eine Oboe keine Luft mehr kriegte und die ganze Runde von vorne begann, was bei uns natürlich richtig Freude aufkommen ließ. Kordel war eine Art Albino, ich glaube, sie besaß überhaupt keine Pigmente. Ihre Haare und die Augenbrauen waren so weiß, dass man die Haut hindurchsehen konnte, die auch ganz weiß leuchtete, außer Kordel war vorher in der Sonne gewesen, oder sie regte sich auf, denn beides ließ sie innerhalb von Sekunden am ganzen Körper rot werden. Gegen die Aufregung konnte sie nichts unternehmen, aber sobald es draußen warm wurde, trug sie aberwitzige Mützen gegen die Sonne, sodass sie aussah wie ein entlaufener Forschungsreisender.
In der Mitte saß Holger, was ziemlich typisch ist. Holger war mein Bruder, ihm hatte ich es zu verdanken, dass alle mich Flo nannten. Ich selbst stellte mich damals als Ryan vor, was ich ganz lustig fand, aber Holger entschied sich halt für den anderen Teil meines Namens. Irgendwann hatte ich nur noch mit Älteren zu tun, die aus seinen Kreisen kamen und durch ihn von mir gehört hatten, da saß der Name immer schon fest. Es gibt Schlimmeres. Zu Holger später mehr, wir hatten es nicht ganz leicht miteinander. Sein Anzug war aus dunkelgrauem Samt und noch fast neu, von der Preisverleihung im Jahr zuvor, als sie ihn bei »Jugend forscht« für seinen Nachbau eines Zaunkönigflügels ausgezeichnet hatten. Holger war jedenfalls ein gutes Jahr älter als ich, vielleicht reicht das für den Beginn.
Direkt vor mir saß Anton, die eigentlich Antonia hieß, ich hatte sie irgendwann mal im Spaß so genannt, und alle waren darauf eingestiegen. Weil sie vor mir saß, waren von ihr nur die Haare zu sehen, die dunkelblond und wellig zu beiden Seiten der kleinen Kopfstütze hervorquollen. Anton hatte richtig schönes, dickes Haar, das musste mir keiner erklären. Eines Tages war sie mit einem Seitenscheitel in die Schule gekommen, und ich hatte sie ausgelacht, für wen sie sich denn so schön mache, aber sie hatte ganz ernst entgegnet, es habe sich über Nacht so gelegt, woraufhin ich mich gar nicht mehr hatte einkriegen wollen. Wir sind über die Sache nie richtig hinweggekommen. Jetzt jedenfalls saß sie vor mir, zugleich unerträglich nah und doch völlig unerreichbar, und schon das war mir zu viel. Anton war eine Klasse unter mir und schon seit der Fünften im Schulorchester, als ich mich dort noch um die Technik kümmerte und dass jeder einen Notenständer hat und solche Sachen. Sie war mit Abstand die Kleinste gewesen, ich weiß noch, wie sie ihre Geige auspackte, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, wie sie die Schulterstütze festklemmte und mit einer kleinen Neigung des Kopfes ihr Kinn auf das Holz legte. Ohne hinzusehen, hatte sie den Bogen gespannt und damit über die Saiten gestrichen, ohne den Hals der Geige auch nur zu berühren, er stand einfach frei in der Luft, ich hatte so etwas noch nie gesehen und dachte, gleich fällt sie ihr hin, aber sie griff nach den Wirbeln und stimmte rasch die Saiten durch, und dabei lachte sie zu uns herüber. Wir waren ihr alle vom ersten Moment an verfallen.
Ich erinnere mich, dass ich mich hinüberbeugte zu Holger, der immer schon Posaune spielte, und sagte, das sei ja wohl mal was. Mein Bruder lachte sogar mit, sie war ja noch ein Kind. Das habe ich ihr alles nie erzählt. Wenn ich ehrlich bin, fielen ihr schon da, als sie den Kopf aufs Instrument legte, die Haare seitlich über das Gesicht, und wenn ich ganz ehrlich bin, gefiel es mir damals schon. Tatsächlich hatte sie, auch wenn es in diesem ersten Moment nicht so darauf ankam, eine unfassbar schöne Geige, aus richtig dunklem Holz mit einer fast schwarzen Schnecke, später trug ich ihr manchmal den Koffer, was uns beide mit Stolz erfüllte. Vielleicht war Anton der Grund, warum ich überhaupt im Schulorchester blieb, und vielleicht lag es sogar an ihr, dass ich nun bei dieser Fahrt mitmachte, ich weiß es nicht, jedenfalls wusste ich es an diesem Tag im April nicht, zumindest hätte ich es niemals jemandem eingestanden, am allerwenigsten mir selbst.
Schließlich also, ganz hinten in einer Ecke der Rückbank, wo schon das Gepäck über die Lehne herüberragte, in dem dunkelbraunen, fusseligen Anzug, die Haare zu einem Zopf gebunden, was mir am Morgen wie eine ganz lässige Idee erschienen war, den Kopf an der Scheibe, einen Zeigefinger quer zwischen den Zähnen, auf dem ich herumknabberte, den Blick hinaus auf die Autobahn gerichtet, folgte am Ende ich. Auf der Leitplanke des Mittelstreifens standen Streben in die Luft und bildeten zusammen eine grüne Wand, als Sichtschutz vor dem Verkehr auf der Gegenfahrbahn und vor den Scheinwerfern bei Nacht. Nur wenn man direkt zur Seite schaute, konnte man hindurchsehen, eine rasche, verwirrende Folge, wie lauter Messer, die alles, was dahinter auftauchen mochte, kurz und klein hackten, in Einzelbilder, die so winzig waren, dass sie sich gleich wieder zu einem surrenden, ruckenden Film zusammensetzten, fremd und falsch, wie ein Daumenkino. Ich weiß noch, dass ich dachte, es sei der Film meines Lebens. Ich träumte einfach vor mich hin, wie es wohl jeder bisweilen tut und ich zu dieser Zeit besonders häufig. Vielleicht schaute ich auch einfach nur weg, um nicht die ganze Fahrt über auf Antons Haare starren zu müssen.
 
Das mit den Anzügen war Bernds Idee gewesen. Wir trugen alle einen, schwarz oder zumindest dunkelbraun, jedenfalls die Jungen, die Mädchen hatten sich einfach irgendwie hübsch gemacht, in Kleiderfragen waren sie nicht so festgelegt wie wir. Birte trug einen weiten, nachtschwarzen Rock mit Blümchenstickereien und eine Art Janker aus Wildleder, was uns ziemlich unpassend erschien. Kordel war die Einzige, die aus unserem Farbschema ein wenig herausfiel, sie hatte das dunkelblaue Stoffkleid an, das sie meistens trug, darunter ein langärmeliges, cremefarbenes T-Shirt, immerhin hatte sie sich Zöpfe flechten lassen, die um die Ohren zu Affenschaukeln gebunden waren. Anton kam in einer kleinen Latzhose aus dunkelgrauem Samt mit schmalen Trägern, die Hosenbeine standen breit ab wie bei einem Cowboy, dazu trug sie eine helle Bluse mit kurzen, gepufften Ärmeln. Von ihrer Mutter hatte sie sich eine zierliche Armbanduhr geliehen, die sie von Zeit zu Zeit wie selbstverständlich aufzog. Wenn uns jemand das Ganze abnehmen würde, dann wegen ihr.

2
Wir hatten uns am Morgen in aller Herrgottsfrühe bei Birte getroffen, um uns schön zu machen. Als Holger und ich um kurz nach sechs eintrafen, stand Kordel bereits am Bügelbrett, sie war in einem richtigen Rausch, mit roten Flecken im Gesicht, die Haare klebten ihr in der Stirn, um sie herum dampfte es, nur mit Unterwäsche und Socken bekleidet, bügelte sie alles, was man ihr hinhielt. Birte hatte die neue Kassette eingelegt und sang mit: »Wenn du so bist wie dein Lachen«. Wolf wollte lieber Ton Steine Scherben hören, kam aber nicht zu Wort. Er trug einen Zylinder seines Großvaters, was ein bisschen zu weit ging. Wir rieten ihm davon ab. Jemand hatte Sekt mitgebracht, man trank ihn aus der Flasche, um kein Geschirr mehr schmutzig zu machen, Birte kippte sogar einen kleinen Schluck in ihren Schuh und hielt ihn Wolf hin, aber der wollte ebenso wenig davon trinken wie wir anderen, sodass ihr am Ende nichts anderes übrig blieb, als es selbst zu tun, und nachher beschwerte sie sich die ganze Zeit, ihr Strumpf sei feucht. Bernd zeigte uns, wie man einen Schlips bindet, aber wir bekamen es nicht hin, und er selbst auch nicht, also entschieden wir, die Krawatten zu Hause zu lassen.
Meine Anzughose saß doch ziemlich locker, sie hatten sie damals nur kürzer gemacht, nicht schmaler. Während Kordel mir das Hemd bügelte, betrachtete ich mich im Spiegel und schaute, ob sie sich irgendwo enger stellen ließ. Außer dem Knopf gab es noch einen Metallhaken, der aber auch nicht viel veränderte. Plötzlich stand Anton neben mir, mit einer Sicherheitsnadel im Mund, und als sie mich ansah, musste sie lachen, was wegen der Sicherheitsnadel nicht richtig ging, jedenfalls kniete sie sich vor mich hin, nahm den Hosenstoff zwischen die Finger und legte ihn zu einer Falte zusammen. Beim Abstecken schaute sie zu mir hoch, und da erst fiel mir auf, wie lange wir uns schon nicht mehr richtig angesehen hatten, und ich schaute ihr in die Augen, bis sie sagte, sie habe nur gucken wollen, ob sie mich gestochen hätte. Sie schloss die Sicherheitsnadel und war schon fertig. Im Spiegel sah ich uns nebeneinanderstehen, dann reichte Kordel mir das Hemd, und als ich es angezogen hatte, musste ich in voller Montur auf und ab spazieren, die Hände in den Taschen der Anzughose, den obersten Hemdknopf hatte ich offen gelassen. Birte sagte, es sehe eindrucksvoll aus, nach einem jungen Mann, der wisse, was er im Leben wolle, und alle nickten, nur ich nicht.
Als sich auch die anderen in Schale geworfen hatten, zauberte Bernd für jeden noch ein hellblaues Tüchlein hervor, damit es weniger nach Begräbnis aussah und so wirkte, als gehörten wir zusammen. Uns Männern – wie er sich ausdrückte – faltete er sie eigenhändig zu kleinen Fächern, die er in die Reverstäschchen unserer Jacketts steckte, wobei er uns zuflüsterte, er habe dafür einfach eine Schlafanzughose seines Vaters zerschnitten. Birte versuchte sich eines in die Brusttasche ihres Jankers zu stecken, aber sie bekam den Stoff nicht richtig zusammengelegt und stopfte ihn schließlich einfach hinein, bis nur noch einige Zipfel heraussahen. Kordel knotete sich das Tuch um den Hals, was ihr ein bisschen die Luft abzudrücken schien, jedenfalls wurde sie gleich wieder rot. Anton legte das Tüchlein zusammen und band es als große Schleife um einen Träger ihrer Hose, sie sah aus wie ein Geschenk.
Beim Vorbereitungstreffen waren wir gewarnt worden, auf den Zufahrtsstraßen werde es aller Voraussicht nach Kontrollen geben, wahrscheinlich würde man jeden, der erkennbar dazugehörte, schon im Vorfeld abfangen und in Gewahrsam nehmen. Daher: keine offen herumliegenden Plakate, Flugblätter, keine allzu offensichtlichen Hinweise auf unsere Absichten, keine Anstecker, Transparente usw. Wir ergänzten: keine Kleidung, an der sich unsere Gesinnung allzu deutlich ablesen ließ.
Den Bus hatten wir von der Gemeinde bekommen, in der Wolfs Vater Pastor war, es passte schon alles irgendwie zusammen. Unter der Woche wurde er genutzt, um die Teilnehmerinnen des Bibelkreises, die nicht mehr so gut zu Fuß waren, abzuholen und im Anschluss wieder nach Hause zu bringen. In den Ritzen der Bänke steckten noch die klein zusammengefalteten hellgrünen Zettel mit der fotokopierten Wochenlosung. Wir hatten versprechen müssen, vorsichtig zu sein und ihn vollgetankt zurückzubringen. Über die Seiten des Busses zog sich der Schriftzug »Sprengel Nord on tour«, und auf der Heckklappe pappte ein Aufkleber »Die Letzten werden die Ersten sein«. Es war die perfekte Verkleidung. Wir waren der Jugendkammerchor auf dem Weg zu unserer Partnergemeinde in Lüchow-Dannenberg, im Gepäck ein bewährtes Programm geistlicher Liedkunst, im Herzen das Vertrauen auf das Wort des Herrn. Voller Freude sahen wir einem Wochenende musikalischer Eintracht entgegen. Bernd hatte uns beim Einsteigen grinsend eingeschärft, im Falle einer Kontrolle ruhig die Hände zu falten, man könne es gar nicht deutlich genug machen. Jetzt, auf Höhe der Northeimer Baggerseen, drehte er sich plötzlich zu uns um und sagte, wir sollten besser noch ein bisschen üben, um im Notfall rasch etwas anstimmen zu können. Er teilte Noten aus, der Hund hatte wirklich an alles gedacht.
 
Es war Ich hatte viel Bekümmernis, und ich überlegte noch, ob ich das von mir eigentlich auch hätte sagen können. Beim Ansingen stellte sich heraus, dass alle doch mehr oder weniger vom Blatt singen konnten. Schwierigkeiten machte nur die Verteilung der Stimmen. Der Chorsatz ist für doppelte Besetzung eingerichtet, was nicht ins Gewicht fällt, solange alle noch gemeinsam das Thema singen, aber dann löst es sich schon auf, und die Stimmen folgen einander versetzt. Weil Wolf beim Fahren nicht in die Noten schauen konnte, übte Bernd mit ihm seinen Tenorpart, bis er einigermaßen auswendig durchkam. Bernd selbst sang normalerweise Bass, aber jetzt erklärte er, die andere Tenorstimme zu übernehmen, damit Wolf sich wenigstens hier und da bei ihm anlehnen könne. Holger und ich sahen uns an und mussten ein bisschen feixen, weil wir uns an Weihnachten immer stritten, wer den Bass singen durfte. Obwohl mein Bruder, wenn man ehrlich ist, tatsächlich die tiefere Stimme hatte, wurde mir in der Höhe immer so eng, dass es im Hals wehtat und ich ganz starr vor Anstrengung wurde. Bei Anton und Kordel stand außer Frage, dass sie Sopran sangen, und als ich mitrechnete, war klar, dass Birte dann eben allein blieb im Alt, aber Bernd drehte sich zu uns um und meinte, der Satz verlange zwingend eine zweite Altstimme, sonst falle es auseinander. Er versenkte für einen Moment den Blick in seinen Noten, und als er beim Aufschauen zu mir herübersah, wusste ich, dass ich sie würde singen müssen, und so kam es dann auch. Auf den zweiten Bass könne man leichter verzichten.
Ich fügte mich und war ja schon froh, dass keiner blöde Sprüche machte. Wir hoben die Blätter, Bernd schnallte seinen Gurt ab, um besser dirigieren zu können, und musste uns den Einsatz trotzdem halb verdreht über die Schulter geben, aber sobald wir sangen, war alles in Ordnung. Es ist dann doch immer wieder eine ziemliche Macht. Jedenfalls klang das, was von vorne kam, nicht schlecht, und dann lösten sich die Stimmen voneinander, und einer nach dem anderen hob für sich alleine an, sodass alles durcheinanderlief, und in diese Fülle hinein sang am Ende ich von hinten wie ein Kastrat meine Mädchenstimme, es war zum Heulen schön. Trotz der Fahrgeräusche entkam keiner von uns der Demut. Nach der Schlusskadenz nickte Bernd nur, und wir gaben ihm still die Noten zurück. Es mochte nicht in jeder Kleinigkeit gestimmt haben, aber wer uns nach einem solchen Auftritt die Geschichte mit dem Gemeindechor nicht abnahm, dem fehlte vielleicht nicht das Ohr, aber ganz gewiss das Herz.
Ich lehnte die Stirn an das Polster der Sitzbank vor mir und musste die ganze Zeit schlucken, weil mir von den hohen Passagen die Kehle noch eng war, und auf einmal hörte ich ganz leise Antons Stimme. Sie summte weiter, ich meinte die anschließende Arie zu erkennen, nahezu unhörbar, sodass ich mich von hinten regelrecht an ihre Lehne drücken musste, um überhaupt etwas zu verstehen, und ergänzte selbst im Kopf die Zeilen: Seufzer, Tränen, Kummer, Not, / Ängstliches Sehnen, Furcht und Tod / Nagen mein beklemmtes Herz, / Ich empfinde Jammer, Schmerz. Vielleicht bildete ich mir aber auch nur ein, dass sie summte, und es war alles nur meine innere Stimme oder das Pfeifen des Motors.
Jedenfalls wurde ich nach unserer kleinen Probe wieder still. Mir war ein bisschen schlecht, ich war aufgeregt, womöglich war es Angst vor dem, was kommen würde, vielleicht auch Stolz, dass wir so mutig waren. Außerdem war ich müde, weil wir bis Mitternacht über die Gewaltfrage gesprochen hatten, jetzt im Auto ging es schon wieder darum. Bernd war eindeutig gegen Gewalt, aus ziemlich abstrakten Gründen, die wir alle nicht recht verstanden, Birte war leidenschaftlich dafür, natürlich nur gegen Sachen, sie sagte, die merken doch nichts, es gehe darum, Zeichen zu setzen. Fast machte es den Anschein, sie freue sich darauf, etwas zu zerschmeißen. Mir selbst war es egal. Es war so lange her, dass ich mich geprügelt hatte, auf dem Hof der Grundschule, dass ich mir das alles ohnehin nicht mehr vorstellen konnte. Bernd meinte, es könne eigentlich nur darum gehen, die Kosten für den Staat in die Höhe zu treiben, daran werde sich alles entscheiden. Dafür aber brauche man keine Gewalt, das würde das ganze Projekt in den Augen der Bürger nur diskreditieren. Holger fragte nach vorn, warum Wolf eigentlich immer so früh raufschalte, das mache ihn ganz nervös, dabei wussten alle, dass untertouriges Fahren den Benzinverbrauch senkt, auch wenn Wolf tatsächlich so früh schaltete, dass der Motor jedes Mal fast erstarb.

3
Als Bezugsgruppe gehörten wir seit einem guten Jahr zusammen, seit den großen Friedensdemonstrationen, obwohl mir im Nachhinein schleierhaft ist, warum man wegen so etwas extra eine Gruppe gründen musste. Aber wir hatten dieses Gewaltfreie Training gemacht, ein Wochenende, bei dem man in kleinen Rollenspielen ausprobierte, wie man in angespannten Situationen am besten reagierte, wir waren in diesen ganzen Graswurzelsachen unterrichtet worden, und dazu gehörte es eben, sich in kleinen, schlagkräftigen Gruppen zu organisieren, deren Mitglieder sich aufeinander verlassen konnten, zur Not aber auch auf sich allein gestellt durchkommen sollten. Wir wussten ja nicht, was uns erwartete.
Kordel war damals als Teilnehmerin der fiktiven Besetzung einer Flughafenbaustelle an ein Tischbein gekettet worden, das einen Baumstamm symbolisierte. Sie hatte sich an den Tisch geklammert und immerzu »Mein Freund, der Baum!« gerufen. Wolf, der einen Polizisten des Räumkommandos darstellte, hatte ziemlich schnell zu viel bekommen und wohl etwas grob an ihr herumgezerrt, auch wenn da nichts zu machen war, die Ausbilder vom Roten Stern hatten Kordels Arme hinter dem Tischbein mit echten Handschellen aneinandergefesselt und den Schlüssel an sich genommen, was die Staatsgewalt in eine ziemlich aussichtslose Situation brachte. Aber Wolf hatte einen klaren Auftrag, er war niemand, der gern verhandelte, und außerdem war er von Kordels Rufen irgendwann richtig angefressen, sodass er sie am Ende einfach zur Seite schubste, den Tisch hochhob und die Unwillige befreite. Kordels Gesicht lief gleich wieder rot an, sie schob die Lippen vor und begann zu weinen, fing sich dann aber und spuckte ihm mit dem Ausdruck größter Verachtung direkt ins Gesicht. Aus Wut und Trauer, wie sie in der anschließenden Diskussion mehrmals wiederholte, denn natürlich wurde die Übung von den Leuten vom Roten Stern, die bis dahin still danebengesessen und Protokoll geführt hatten, sofort abgebrochen. Von mir aus hätte man das Gespräch gleich mit abbrechen können, weil alle sich immerzu nur gegenseitig vorwarfen, die Regeln verletzt zu haben, statt einmal, wie es mir geboten erschien, Wolfs übermenschlichem Einsatz Respekt zu zollen. Immerhin war es ihm gelungen, eine der großen, alten Rotbuchen, um die es in dem Spiel doch eigentlich ging, mit eigenen Händen aus dem Erdreich zu ziehen. Jedenfalls hörte ich an diesem Tag von einem der bärtigen Anleiter in Bezug auf Kordels Spucken zum ersten Mal den Ausdruck »Gewalt gegen Menschen« und die Frage, auf welcher Eskalationsstufe wir uns sähen.
 
Am Rasthof Seesen fuhren wir ab, weil Birte aufs Klo musste, und mir selbst war es auch ganz recht. Danach stand ich lange am Waschbecken und ließ mir kaltes Wasser über die Arme laufen. Ich stellte mir vor, das Ganze könnte auf einmal noch platzen, wir würden im Radio hören, dass die Transporte für politisch nicht durchsetzbar erklärt worden seien, man würde die Blockade absagen, und uns bliebe nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren. Oder, stellte ich mir vor, wir könnten uns in eine Diskussion verstricken und auf einmal feststellen, im Unrecht zu sein. Wer würde es wagen, das Ganze abzublasen? Es würden sich Lager bilden, und je nachdem, wie wir uns verteilten, gäbe es Wortgefechte, und am Ende wäre es sicherlich Bernd, der entscheiden würde, in welche Richtung es weiterging, und wenn er dafür war, zurückzufahren, wer hätte ihm widersprochen? Wir würden bei der nächsten Gelegenheit abfahren und die Brücke auf die andere Seite der Autobahn nehmen, und wenn wir in der Mitte über der Straße wären, würde ich von hinten rufen: Außer Seesen nichts gewesen, was sicher einen Lacher gäbe und uns helfen würde, wieder ein bisschen runterzukommen.
Dann trocknete ich mir die Hände ab und gab dabei acht, die Telefonnummer der Ermittlungshilfe nicht zu verwischen, die wir uns am Morgen alle auf den Unterarm geschrieben hatten, für den Fall, dass wir irgendwo festgehalten wurden. Nur Anton hatte sie sich auf den Bauch geschrieben, weil sie ja diese kurzärmelige Bluse anhatte. Nach der Vorwahl hatte ihr Kugelschreiber auf der Haut den Geist aufgegeben, und ich stand gleich mit meinem Stift bei ihr, um weiterzuschreiben, aber sie hatte mich nur angelacht und ihn mir einfach aus der Hand genommen.
Jeder, den sie aufgriffen, hatte das Recht, innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden einen Anruf zu machen. Bernd hatte uns eingeschärft, auf keinen Fall unsere Eltern oder irgendwelche Freunde anzurufen, die wüssten auch nicht, was zu tun sei, und würden sich bloß Sorgen machen. Stattdessen gab er uns die Nummer der Ermittlungshilfe, einer Anlaufstelle, die sich nicht nur in der Rechtsberatung auskannte, sondern auch ein bisschen koordinieren konnte, wo die Leute hingebracht wurden und wann die Zahl der Festgehaltenen groß genug war, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Telefongespräche musste man bezahlen, jedenfalls war es theoretisch wohl möglich, dass sie darauf bestanden, und ebenso theoretisch war es möglich, dass sie nicht herausgeben konnten, aber das Restgeld behalten durften sie auch nicht, weil es sonst Bestechung gewesen wäre, also war Bernd noch Geld wechseln gewesen und hatte beim Losfahren jedem dreiundzwanzig Pfennige in die Hand gezählt, zwei Groschen und drei einzelne Pfennigstücke, er legte sie uns auf den Handteller und drückte tatsächlich jedem die Finger darüber zusammen, hob den Kopf ein wenig und sah uns im Aufschauen so von unten her in die Augen, als wären es Oblaten, die er uns gab, und er würde gleich flüstern, dies ist sein Leib, der für uns gegeben ist. Wir nahmen es alles hin.
 
Es war außergewöhnlich warm in diesem April, der Monat hatte die Erwartungen an sein sprichwörtlich wechselndes Wetter lächelnd übergangen. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, die Schwimmbäder waren vorzeitig geöffnet worden, an Ostern hatten wir uns im T-Shirt auf die Suche nach unseren Schokoladeneiern gemacht und sie zwischen blühenden Krokussen und Hyazinthen gefunden. Die Tage waren trocken und heiß, in den Zeitungen wurde dazu aufgefordert, viel zu trinken, und so hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen eine Mineralwasserflasche zu öffnen, den verbleibenden Raum bis zum Rand mit Waldmeistersirup zu füllen, sie wieder zuzuschrauben und ein paarmal zu wenden, damit sich die dunkelgrüne Farbe in dem klaren Wasser verteilte. Ich nannte das Bowle und trank sie über den Tag verteilt. Daran dachte ich jetzt, wo ich gern etwas zu trinken dabeigehabt hätte. Eigentlich war mein Bruder für den Proviant zuständig gewesen, nur hatte er über all den belegten Broten aus den Augen verloren, dass wir auch etwas zu trinken brauchten. An der Raststätte hatten Kordel und Bernd etwas holen wollen, aber die Flaschen waren ihnen dort zu teuer gewesen. Es wurde warm in unseren Anzügen, wir öffneten die Fenster und ließen uns vom Fahrtwind kühlen.
 
Hinter Hannover verließen wir die Autobahn und fuhren über die Dörfer weiter, über Burgwedel und Allerhop nach Celle, dann durch Eldingen und Sprakensehl. Südlich von Uelzen bogen wir schließlich auf eine kleine, kaum befestigte Nebenstraße ab, nirgendwo waren Kontrollen zu sehen, die Fahrbahn war schmal und voller Schlaglöcher, ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wem wir hier in die Arme fallen sollten. Ich malte mir aus, was die Besatzung einer einsamen Polizeistreife irgendwo im Niemandsland zwischen diesen halb aufgegebenen Bauerngehöften dazu sagen würde, dass ein Jugendchor auf der Fahrt nach Lüchow ausgerechnet einen solchen Ackerweg nahm. Bernd würde es wahrscheinlich gelingen, sich auf eine romantische Liebe zu alten Dorfstraßen herauszureden.
Kordel schlug vor, mal zu schauen, ob wir schon Radio Wendland empfangen könnten, aber Bernd schüttelte nur den Kopf, dafür seien wir noch zu weit entfernt, und wahrscheinlich hatte Kordel es auch nur gesagt, weil sie die Musik nicht mehr ertrug. Einmal entdeckte Birte vor uns ein Auto mit »Atomkraft, nein danke«-Aufklebern, sie ließ Wolf dicht heranfahren und holte ihren Fotoapparat mit dem Teleobjektiv heraus, um ihnen einen kleinen Schrecken einzujagen. Mit verstellter Stimme trug sie uns vor, was sich dort vorne wohl abspielte, wenn plötzlich jemand im Rückspiegel eine Wagenladung Zivilpolizisten zu erkennen meinte, die sich nicht einmal Mühe gaben, auf geheim zu machen. So sahen wir aus. Oder glaubten es zumindest. Wir waren sicher, bei etwas Großem dabei zu sein, und überzeugt, dadurch selbst an Größe zu gewinnen. Wir waren unbeirrbar und entschieden, das machte uns gefährlich. Am liebsten hätte ich immerzu »Was kostet die Welt?« gerufen, dabei war mir ja klar, was sie kostete: viel, sehr viel, sie war unbezahlbar. Deshalb waren wir ja hier.
 
Zu meinem vorletzten Geburtstag hatte ich mir von meinem Bruder einen »Atomkraft, nein danke«-Anstecker gewünscht, weil er selbst einen trug, aber Holger sagte, ich sei noch zu klein dafür. Sie hatten das Thema in der Schule durchgenommen, und wie ich ihn kannte, hatte er auch nicht verstanden, was daran im Einzelnen gefährlich war, und dem Lehrer am Ende einfach geglaubt. Jedenfalls verbot er mir, so etwas zu tragen, ich würde zu wenig davon verstehen. Der Button, den er mir schenkte, zeigte anstelle der lachenden Sonne einen lachenden Baum und den Schriftzug »Baum ab, nein danke«. Ich war tatsächlich erleichtert, einen Anstecker zu tragen, den ich verstand, ich hatte gelesen, wie viele Bäume sie für einen einzigen Schreibblock abholzten und wie viel Sauerstoff jeder Baum uns im Laufe seines Lebens schenkte. Ich hätte jedem erklären können, wie wichtig die Bäume für unser Dasein waren, falls jemand danach gefragt hätte. Dennoch blieb mein Neid. Der »Atomkraft, nein danke«-Anstecker schien mir wertvoller zu sein, es ging eine Gefahr von ihm aus, während der Baum eigentlich etwas für Grundschüler war. Bei der Atomkraft stand etwas auf dem Spiel, das wusste ich. Es ging um alles, man konnte daran sterben. Schon weil noch die Kinder der Kinder unserer Kinder den Strahlen ausgesetzt sein würden. Bei den Bäumen dagegen fiel mir nur eine einzige Lebensgefahr ein: hochklettern und runterfallen. Und genau genommen bot gegen diese Bedrohung das Absägen doch den besten Schutz.

4
Das eigentliche Wendland begann mit der Überquerung des Elbe-Seitenkanals, der es nach Westen hin begrenzte wie der Graben eines alten Wasserschlosses. In Vorbereitung auf unser Abenteuer hatten wir uns wochenlang durch die Geschichte dieser Landschaft gelesen, durch ihre Geografie, ihre Flora und Fauna: alte Gegend aus Heide und Moor, wasserarme, unfruchtbare Böden, sagenhafte Berichte von Jägern und den auflodernden Flämmchen der Irrlichter, die Wenden hatten hier gelebt, mit ihren Rundlingsdörfern. Im Norden wurde es von der Elbe abgeschlossen, wir lasen, dass der Fluss durch urwaldartige Auen dahinströme, in denen hinter riesigen, überwachsenen Deichen Störche und Biber lebten. Eine natürliche Grenze, unbezwingbar.
Nach Süden hin, am Übergang zur Altmark und ins Magdeburgische, gab es so etwas nicht. Auch dort zog sich zwar ein Band kleinerer Wasserläufe dahin, die Dumme, der Provinzialgrenzgraben, die neue Dumme, ein Stück Jeetzel, und schließlich führte der schmale Lüchower Landgraben bis hinüber zum großen Arendsee im Osten. Aber eine richtige Befestigung war das nicht.
Dennoch zweifelte ich nicht daran, dass auch diese Grenze ebenso unüberwindbar war wie die im Norden, ich konnte mir vorstellen, wie es dort aussah. Wir lebten ja selbst im Zonenrandgebiet, und viele der Familienwanderungen durchs Hinterland waren früher oder später an ein solches Ende gestoßen: die kleinen Schildchen auf den runden, schwarz-rot-gelb lackierten Pfählen, die den eigentlichen Grenzverlauf anzeigten, worauf erst einmal zwanzig Meter Niemandsland folgten, ein gefährlich leicht zu eroberndes Zwischenreich, das den kleinen Jungen, der ich einmal gewesen war, einlud und lockte, dann der Zaun aus schwarzem Metall, dahinter das breite, penibel gepflügte Schussfeld und, schon in der Ferne, als Verbindung zwischen den nackten, blinden Wachtürmen die Reihe nebeneinandergesetzter Betonplatten, über die von Zeit zu Zeit einzelne, emsige Wägelchen Patrouille fuhren.
Vor Jahren, als die Aufregung des Älterwerdens eben erst begonnen hatte, in einer Zeit, die uns längst unendlich vergangen erschien, schon jetzt, obwohl sie genau genommen kaum zwei, drei Jahre zurücklag, zu dieser Zeit also war es vorgekommen, dass nachts am Ende eines Festes auf einmal einer von uns davonlief, aus Liebes- oder Lebenskummer, der uns damals aus dem Nichts überkam, und verschwunden blieb, bis wir Übrigen es endlich merkten und rätselten, wo er sein mochte. Und immer kam dann jemand auf die Idee, er sei zur Grenze gelaufen, um den Zaun zu überwinden und auf die Minenfelder zu gelangen, in die Selbstschussanlagen, und dort sein trostloses Leben zu beenden. Also waren auch wir losgerannt und hatten das Waldstück durchstreift, das hinüberführte zur Grenze, um am Ende wirklich jedes Mal den Traurigen zu finden, der überwältigt von seinem eigenen Kummer, seiner Kühnheit und dem Mitleid mit sich selbst zusammengebrochen war und nun auf einem Baumstumpf saß, den Kopf in den Händen verborgen.
Sicherlich war es nicht gerecht, aber so war für uns dieses andere Land jenseits der Grenze ein Ort des Todes geworden, ein abgeschlossenes Reich, hinter dessen Zaun die Nachkriegszeit gefangen blieb und der ganze Krieg gleich mit. Vor unseren Augen verschmolzen die Stacheldrahtzäune der Lager mit diesem neuen Zaun zu einem Denkmal unserer Vergangenheit, die dort im Osten ein ganzes Land erstarren ließ, ein Land, in dem es sich, wenn wir zu Besuch bei der uralten Verwandtschaft waren, anfühlte wie die alten, staubigen Geschichten ihrer Kindheit. Wurde im Fernsehen ein deutscher Filmklassiker gezeigt, von früher, aus der harten Zeit, wusste ich durch unsere Besuche, wie es damals gerochen hatte: wie dieses Land, vor dem wir Angst behielten.
Das war die Fremde, in die hinein sich das Wendland als spitzer, dreieckiger Stachel bohrte. Es lag abseits von allem, was wir kannten, umgeben von schwer befestigtem Feindesland. Was immer hier passieren mochte, auf dem restlichen Bundesgebiet würde beim vorherrschenden Westwind nichts davon zu spüren sein. Wenn Deutschland eine Wüste hatte, dann hier, im bevölkerungsärmsten Landkreis der Republik. Wer würde darum weinen? Das Wendland war fraglos der natürliche, folgerichtige Ort zum Lagern alter, ausgebrannter Brennelemente, die noch immer strahlen würden, wenn unsere fernsten Vorstellungen von Zukunft längst erloschen waren.