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Ildefonso Falcones

DAS LIED DER
FREIHEIT

Roman

Deutsch von Stefanie Karg

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »La reina descalza«
bei Grijalbo, Random House Mondadori, S.A., Barcelona.

Die Übersetzerin dankt Heike Peetz für ihre Unterstützung
bei der Recherche und Korrektur.
Begriffe wie Negerin, Zigeuner usw. wurden aus Gründen
der historischen Authentizität verwendet;
sie entsprechen dem damaligen Sprachgebrauch.
»Elegie des Cantaor« zitiert nach Bernard Leblon (Hrsg.), Flamenco,
übersetzt von Maximilien Vogel, mit freundlicher Genehmigung
des Palmyra Verlags, Heidelberg.

1. Auflage
Copyright © 2013 by Ildefonso Falcones de Sierra
Translated from the original edition of Random House Mondadori, Barcelona 2013
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014
beim C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-12375-8
V002

www.cbertelsmann.de

Zum Gedenken an meine Eltern

Flamenco bedeutet:

ein anderer Körper,

Seele, Leidenschaften, Gefühle, Triebe und Begierden;

ein anderer Blick auf die Welt,

mit großartigem Gespür;

das Los der Erkenntnis,

Musik in den Nerven,

wilde Unabhängigkeit,

Freude voller Tränen,

und Schmerz, Leben und

Liebe im Schatten;

Hass auf die Routine,

auf die Methode, die einen beschneidet;

sich versenken in Gesang,

in Wein und in Küsse;

in feine Kunst verwandeln das Leben,

voller Launen und Freiheit;

die Ketten der Mittelmäßigkeit nicht gelten lassen;

in allem eine Herausforderung sehen;

sich genießen, sich hingeben, sich spüren,

leben!

TOMÁS BORRÁS, »Elegie des Cantaor«

I
Großartige Göttin

1

Hafen von Cádiz, 7. Januar 1748

Als sie den Kai schon fast mit dem Fuß berührte, zögerte Caridad. Sie verharrte auf der Laufplanke der Feluke, mit der die Passagiere der La Reina ausgebootet wurden, des Kriegsschiffs, das sechs Handelsschiffe mit wertvollen Waren über den Ozean begleitet hatte. Die Frau hob den Blick zu der Wintersonne, die das geschäftige Treiben im Hafen in helles Licht tauchte: Die Ladung eines der Handelsschiffe, das mit ihnen in Havanna aufgebrochen war, wurde gerade gelöscht. Die Sonne stahl sich durch die Ritzen ihres schäbigen Strohhutes und blendete sie. Der Lärm verstörte sie, und sie verkrampfte sich ängstlich, als gälte all das Schreien und Rufen ihrer Person.

»He, du da, weiter!«, schnauzte ein Seemann die dunkelhäutige Frau an und drängelte sich rücksichtslos an ihr vorbei.

Caridad stolperte und wäre beinahe ins Wasser gefallen. Schon wollte der Nächste sie überholen, doch da sprang sie ungelenk auf den Kai, trat zur Seite und blieb wieder stehen, während die Seeleute unter Lachen und Scherzen weiter entluden und gewagte Wetten über die Weiber abschlossen, bei denen sie sich für die lange Ozeanüberfahrt entschädigen würden.

»Genieß deine Freiheit!«, rief ein anderer Mann, als er an der Schwarzen vorbeiging und sich dazu hinreißen ließ, sie heftig in die Oberschenkel zu kneifen.

Seine Gefährten lachten. Caridad reagierte nicht, sie starrte auf den langen schmutzigen Pferdeschwanz, der auf dem Rücken des Matrosen hin und her tanzte und dessen Lumpenhemd streifte, bis der Mann sich mit schwankenden Schritten in Richtung der Puerta de Mar verlor.

Freiheit?, fragte sie sich. Welche Freiheit? Sie sah über den Kai hinweg zur Stadtmauer. Die meisten der mehr als fünfhundert Besatzungsmitglieder der La Reina drängten sich vor dem Stadttor, wo ein ganzes Heer von Amtspersonen – bestehend aus Vorstehern, Wachleuten und Prüfern – sie auf der Suche nach illegalen Waren filzte und über den Verlauf der Überfahrt befragte. Die Seeleute warteten ungeduldig darauf, die Prozedur hinter sich zu bringen, manche forderten lauthals, unverzüglich durchgelassen zu werden, doch die Inspektoren gaben nicht nach. La Reina, die nun majestätisch vor der Insel Trocadero vor Anker lag, hatte in ihrem Schiffsbauch mehr als zwei Millionen Pesos transportiert und fast ebenso viele Silberbarren, aber auch Caridad und ihren Besitzer Don José.

Dieser verdammte Don José! Caridad hatte ihn während der Überfahrt gepflegt. »Schiffspest«, hatten die Männer an Bord gesagt. »Er wird sterben«, waren sie sich einig gewesen. Und er starb tatsächlich, nach einer langen Agonie, während der sich sein Körper Tag um Tag in gewaltigen Schwellungen, Fieberschüben und Blutungen aufzehrte. Einen ganzen Monat lang waren Don José und seine Sklavin in einer kleinen stickigen Kabine eingesperrt, in der es nur eine Hängematte gab. Don José hatte tief in die Tasche gegriffen, damit der Kapitän von der Kajüte im Heck, die von den Schiffsoffizieren gemeinsam genutzt wurde, für ihn und seine Sklavin einen kleinen Raum abteilte.

»Eleggua, mach, dass seine Seele niemals Ruhe findet! Eleggua, mach, dass sie weiter umherirrt«, hatte Caridad gefleht, während sie in der engen Kabine die machtvolle Gegenwart des Höchsten Wesens gespürt hatte, des Gottes, der das Schicksal der Menschen bestimmte. Und als ob Don José ihre Stimme vernommen hätte, hatte er sie mit grausig finsteren Augen um Mitleid angefleht und Hilfe suchend die Hand nach ihr ausgestreckt. Aber Caridad hatte ihm jeden Trost verweigert. Hatte sie damals nicht auch verzweifelt die Hand ausgestreckt, als man ihr den kleinen Marcelo wegnahm? Und was hatte ihr Herr daraufhin getan? Er hatte dem Vorarbeiter der Tabakplantage befohlen, sie festzuhalten, und einen anderen schwarzen Sklaven angebrüllt, den Kleinen mitzunehmen.

»Sieh zu, dass er Ruhe gibt!«, hatte er drohend auf dem Vorplatz vor dem großen Haus verlangt, wo die Sklaven versammelt waren, um zu erfahren, wer ihr neuer Besitzer werden würde und welches Schicksal sie von nun an erwartete. »Das ist ja nicht auszuhalten …«

Dann hatte Don José plötzlich geschwiegen. Die Verwunderung war den Sklaven an den Gesichtern abzulesen gewesen. Caridad war es gelungen, sich dem Vorarbeiter zu entwinden, um zu ihrem kleinen Sohn zu laufen, doch sogleich war sie sich ihrer Unvorsichtigkeit bewusst geworden und stehen geblieben. Eine Weile waren nur die verzweifelten Schreie Marcelos zu vernehmen gewesen.

»Soll ich sie auspeitschen, Don José?«, hatte der Vorarbeiter gefragt, als er Caridad wieder am Arm packte.

»Nein«, hatte Don José nach kurzer Überlegung gesagt. »Ich habe keine Lust, sie verletzt mit nach Spanien zu nehmen.«

Cecilio, der große Sklave, hatte Caridad daraufhin losgelassen und den kleinen Marcelo unter dem strengen Blick des Vorarbeiters zur Hütte geschleift. Caridad war auf die Knie gefallen, und ihr Klagen hatte sich mit dem Weinen des Jungen vermischt. Damals hatte sie ihren Sohn zum letzten Mal gesehen. Sie durfte sich nicht einmal von ihm verabschieden, man gestattete ihr nicht …

»Caridad! Frau, was stehst du da herum?«

Als sie ihren Namen hörte, kehrte sie in die Gegenwart zurück. Es war die Stimme von Don Damián, dem alten Kaplan der La Reina, der ebenfalls an Land gegangen war. Sogleich ließ sie ihr Bündel fallen, zog den Hut, senkte den Blick und starrte auf ihre schäbige Kopfbedeckung, die ihre Hände jetzt zerdrückten.

»Du kannst hier nicht auf dem Kai stehen bleiben«, ermahnte der Priester sie und nahm sie am Arm. Die Berührung dauerte nur einen Augenblick, dann löste der Geistliche verwirrt die Hand. »Los«, trieb er sie an, »komm mit!«

Gemeinsam gingen sie zum Stadttor, Don Damián, mit einer kleinen Truhe beladen, und Caridad, das Bündel und den Hut in Händen, den Blick auf die Sandalen des Kaplans geheftet.

»Weg frei für einen Gottesmann!«, forderte der Priester die Seeleute auf, die sich vor dem Stadttor drängten.

Die Menschenmenge trat auseinander, um Platz zu machen. Caridad folgte ihm, schwarz wie Ebenholz, mit gesenktem Kopf, barfuß und mit schleppendem Schritt. Doch das lange graue Hemd aus grobem, rauem Stoff, das ihr als Gewand diente, konnte sie nicht richtig verhüllen: Sie war eine große, wohlgeformte Frau – viele Seeleute sahen auf, um ihr dichtes schwarzes Kraushaar zu betrachten, während andere ihre festen, üppigen Brüste und ihre ausladenden Hüften bewunderten. Der Kaplan ließ sich nicht aufhalten, hob jedoch mahnend die Hand, wenn er Pfiffe oder unverschämte Rufe oder eine allzu dreiste Bemerkung vernahm.

»Ich bin Pater Damián García«, stellte sich der Priester vor und breitete seine Papiere vor einem der Vorsteher aus, sobald sie die Seeleute hinter sich gelassen hatten. »Der Kaplan des Kriegsschiffes La Reina der Armada Seiner Majestät.«

Der Amtmann begutachtete die Dokumente.

»Gestatten Padre, dass ich Eure Truhe untersuche?«

»Persönliche Dinge …«, antwortete der Priester und öffnete die Truhe. »Die Waren sind ordnungsgemäß in den Dokumenten verzeichnet.«

Der Vorsteher nickte und fing an, den Inhalt zu durchwühlen.

»Irgendwelche Zwischenfälle während der Überfahrt?«, fragte er, ohne den Priester anzusehen, und wog einen kleinen Tabakriegel in der Hand. »Irgendwelche Begegnungen mit feindlichen Schiffen oder mit Schiffen, die nicht zur Flotte gehören?«

»Nichts dergleichen. Alles ist nach Plan verlaufen.«

Der Vorsteher nickte.

»Eure Sklavin?«, fragte er und deutete auf Caridad, nachdem er offensichtlich die Kontrolle beendet hatte. »Sie steht nicht in den Papieren.«

»Die Frau? Nein. Sie ist frei.«

»Sie sieht aber nicht so aus«, stellte der Vorsteher fest und baute sich vor Caridad auf, die ihr Bündel und ihren Strohhut fest umklammerte.

»Verdammte Negerin, sieh mich an!«, herrschte der Amtmann sie an. »Was versteckst du da?«

Einige der Männer, die mit der Kontrolle der Seeleute beschäftigt waren, unterbrachen ihr Tun und blickten zu der Schwarzen, die reglos, mit gesenktem Kopf vor dem Amtmann stand. Die Seeleute, die den Geistlichen und Caridad vorgelassen hatten, traten näher.

»Nichts. Sie versteckt nichts«, entfuhr es Don Damián.

»Schweigt, Padre! Wer einem Amtmann nicht in die Augen sehen kann, hat etwas zu verbergen.«

»Was soll die Arme schon zu verbergen haben?« Der Priester gab nicht nach. »Caridad, zeig ihm deine Papiere!«

Die Frau wühlte in dem Bündel nach den Dokumenten, die ihr der Schiffsschreiber überreicht hatte, und Don Damián sprach weiter:

»Sie ist in Havanna zusammen mit ihrem Besitzer Don José Hidalgo an Bord gegangen. Ihr Herr wollte in seine Heimat zurückkehren, doch er ist während der Überfahrt gestorben, Gott hab ihn selig.«

Caridad überreichte dem Vorsteher ihre zerknitterten Dokumente.

»Vor seinem Tod«, erklärte nun Don Damián, »hat Don José sein Testament gemacht und darin die Freilassung seiner Sklavin Caridad bestimmt. Hier haben Sie das Schriftstück über die Freilassung, das der Schreiber des Flaggschiffs ausgestellt hat.«

»Caridad Hidalgo«, las der Vorsteher in dem Dokument, in dem der Schreiber den Nachnamen des verstorbenen Besitzers eingesetzt hatte, »auch Cachita genannt, Sklavin von schwarzer Farbe wie das Ebenholz, gesund und von kräftigem Wuchs, mit schwarzem Kraushaar, im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren befindlich.«

»Was hast du da in dem Beutel?«, fragte der Vorsteher, nachdem er die Dokumente gelesen hatte, die Caridads Freiheit bestätigten.

Die Frau öffnete ihr Bündel und zeigte es ihm. Eine alte Decke und eine Jacke aus grobem Flanell. Das war ihr gesamter Besitz: Die Jacke hatte der Plantagenbesitzer ihr im letzten Winter gegeben, die Decke vor zwei Wintern. Zwischen den Stoffsachen verborgen, steckten noch ein paar Zigarren, die sie Don José auf dem Schiff stibitzt hatte. Was, wenn sie die entdecken?, fragte Caridad sich ängstlich. Der Amtmann wollte gerade das Bündel genauer untersuchen, doch als er die alten Kleider sah, verzog er nur angewidert das Gesicht.

»Sieh mich an!«, herrschte er die Schwarze an.

Caridad zitterte am ganzen Leib. Sie hatte noch nie einen weißen Mann angesehen, wenn dieser mit ihr sprach.

»Sie hat Angst«, griff Don Damián ein.

»Ich habe gesagt, dass sie mich ansehen soll!«

»Tu es«, bat der Kaplan.

Caridad hob den rundlichen Kopf mit den kräftigen Lippen, der kurzen Nase und den kleinen braunen Augen und blickte am Vorsteher vorbei in Richtung Stadt.

Der Amtmann runzelte die Stirn und versuchte vergeblich, den flüchtigen Blick der Frau zu erhaschen. »Der Nächste«, sagte er schließlich. Die Anspannung ließ nach, und ein ganzer Trupp Seeleute drängte sich auf ihn zu.

Don Damián, mit Caridad immer dicht auf den Fersen, durchquerte die Puerta de Mar mit den beiden zinnenbesetzten Türmen und betrat die Stadt. Die La Reina, mit der sie aus Havanna gekommen waren, ließen sie hinter sich zurück. Der Zweidecker mit mehr als siebzig Kanonen lag vor Trocadero auf Reede, zusammen mit den sechs Handelsschiffen, die er eskortiert hatte und deren Laderäume mit Waren aus Amerika angefüllt waren: Zucker, Tabak, Kakao, Ingwer, Sarsaparille, Indigo, Koschenille, Seide, Perlen, Schildpatt … und Silber. Cádiz hatte sie mit Glockengeläut empfangen. Spanien stand mit England im Krieg, deshalb hatte die Ankunft der Waren und der Schätze, die für die Kassen der spanischen Finanzbehörde dringend benötigt wurden, eine festliche Stimmung ausgelöst, die überall in der Stadt zu spüren war.

Das Stadttor und die Iglesia de Nuestra Señora del Pópulo lagen inzwischen hinter ihnen, und als sie die Calle del Juego de Pelota erreichten, scherte Don Damián aus dem Strom der Seeleute, Soldaten und Händler aus und blieb stehen.

»Möge Gott dich begleiten und behüten, Caridad«, sagte er, während er sich zu ihr umdrehte und die Truhe auf den Boden stellte.

Die Frau gab keine Antwort.

»Ich habe zu tun, verstehst du?«, versuchte er sich zu entschuldigen. »Such dir irgendeine Arbeit. Cádiz ist eine reiche Stadt.«

Don Damián unterstrich seine Worte mit einer Handbewegung. Dabei streifte er Caridads Unterarm. Er senkte den Kopf. Als er wieder aufsah, blickte er in Caridads braune Augen, die auf ihn geheftet waren, so wie während der Nächte der Überfahrt, als er sich der Sklavin nach dem Tod ihres Besitzers angenommen hatte und sie auf Anweisung des Kapitäns vor der Besatzung versteckt hielt. Ihm drehte sich der Magen um. Ich habe sie nicht angefasst, sagte er sich zum wiederholten Mal. Ja, er hatte sie nie berührt, doch Caridad hatte ihn mit ausdruckslosen Augen betrachtet, und er … er hatte nicht umhin gekonnt und sich beim Anblick des üppigen Weibes unter seiner Kleidung befriedigt.

Gleich nach Don Josés Ableben war das Begräbnisritual durchgeführt worden. Es wurden drei Responsorien gebetet, und dann wurde der Leichnam, mit zwei Wasserkrügen an den Füßen beschwert, in einem Sack über Bord geworfen. Danach ordnete der Kapitän an, dass die improvisierte Kabine wieder abgebaut wurde und der Schreiber das Hab und Gut des Verstorbenen sicherstellte. Don José und Caridad waren die einzigen Passagiere des Flaggschiffs gewesen, Caridad die einzige Frau an Bord.

»Padre«, hatte der Kapitän den Kaplan angewiesen, »Ihr seid dafür verantwortlich, dass die Negerin nicht mit der Besatzung zusammentrifft.«

»Aber ich …«, hatte Don Damián versucht, sich zu wehren.

»Sie gehört Euch zwar nicht, doch Ihr könnt über den Proviant, den Señor Hidalgo mit an Bord genommen hat, verfügen und sie damit verpflegen«, hatte der Offizier festgestellt, ohne auf Don Damiáns Protest einzugehen.

Don Damían hatte Caridad in seiner winzigen Kabine versteckt gehalten, in der nur Platz für eine Hängematte war, die er tagsüber einholte und zusammenrollte. Die Schwarze schlief auf dem Boden, unter der Hängematte. In den ersten Nächten hatte der Kaplan in der Lektüre der Heiligen Schrift Zuflucht gesucht, doch immer wieder war sein Blick dem flackernden Licht der Kerze gefolgt, das sich wie von selbst von den Seiten des schweren Buches zu lösen schien, um die Frau zu bescheinen, die zusammengerollt ganz in seiner Nähe lag.

Er hatte gegen die Fantasien angekämpft, die ihn beim Anblick von Caridads Beinen überkamen, die unter der Decke hervorlugten, beim Anblick ihrer Brüste, die sich im Rhythmus ihres Atems hoben und senkten, beim Anblick ihrer Schenkel. Doch dann hatte er, wenn auch widerwillig, begonnen, sich zu berühren. Vielleicht weil die Holzwand, an der die Hängematte festgemacht war, knarrte, vielleicht wegen der Spannung, die in dem engen Raum entstand, jedenfalls hatte Caridad irgendwann die Augen aufgeschlagen. Don Damían hatte gespürt, wie er errötete, und einen Augenblick innegehalten, aber unter Caridads Blick, genau dem ausdruckslosen Blick, mit dem sie jetzt seine Worte vernahm, hatte sich seine Begierde nur vervielfacht.

»Hör auf mich, Caridad«, forderte er sie jetzt nachdrücklich auf. »Such dir Arbeit!«

Dann lud Don Damián seine Truhe auf, kehrte ihr den Rücken zu und machte sich wieder auf den Weg.

Warum nur fühle ich mich schuldig?, fragte er sich, als er kurz stehen blieb, um die Truhe auf die andere Schulter zu heben. Er hätte sie ja auch zwingen können, sagte er sich, wie immer, wenn ihn Schuldgefühle überkamen. Sie war doch nur eine Sklavin. Vielleicht … vielleicht hätte er ja nicht einmal Gewalt anwenden müssen. Diese schwarzen Sklavinnen waren doch alle hemmungslos! Don José, ihr Besitzer, hatte es doch bei der Beichte zugegeben: Er hatte mit allen Beischlaf gehabt.

»Mit Caridad hatte ich ein Kind«, hatte er gestanden, »vielleicht auch zwei. Aber nein, das wohl doch nicht. Ihr zweites Kind, dieser tölpelige und dumme Junge, war genauso schwarz wie sie.«

»Bereuen Sie?«, hatte der Priester gefragt.

»Weil ich Kinder mit den Negerinnen habe?«, hatte der Plantagenbesitzer entrüstet erwidert. »Padre, ich habe diese kleinen Kreolen immer der Zuckermühle in der Nähe verkauft, und die gehörte Priestern! Die haben sich niemals mit meiner sündigen Seele befasst, wenn sie mir die Kinder abgekauft haben.«

Don Damián ging weiter in Richtung der Kathedrale Santa Cruz. Bevor er in eine Seitenstraße einbog, blickte er zurück. Er konnte Caridad erkennen, an der die Leute vorbeigingen. Sie war zur Seite getreten und lehnte still und in sich versunken an einer Mauer.

Sie wird schon zurechtkommen, sagte er sich und ging rasch weiter. Cádiz war eine reiche Stadt, in der man Händler und Kaufleute aus ganz Europa antraf und in der das Geld säckeweise bewegt wurde. Die Schwarze war eine freie Frau, also musste sie lernen, mit ihrer Freiheit zu leben, und sich eine Arbeit suchen. Als Don Damián eine Stelle erreicht hatte, von der aus man die Bauarbeiten an der neuen Kathedrale, ganz in der Nähe der alten Kathedrale Santa Cruz, deutlich sehen konnte, blieb er stehen. Aber was für eine Arbeit sollte die arme Frau verrichten? Die Unglückliche hatte doch nie woanders als auf einer Tabakpflanzung gearbeitet! Dort hatte sie gelebt, seit englische Sklavenhändler die Zehnjährige aus einem Königreich am Golf von Guinea für fünf lächerliche Stoffballen gekauft hatten, um sie auf dem stets nach frischer Ware gierenden kubanischen Markt weiter zu verschachern. Das hatte Don José Hidalgo dem Kaplan selbst erzählt, als er wissen wollte, warum er ausgerechnet Caridad für diese Reise ausgewählt hatte.

»Sie ist kräftig und ansehnlich«, hatte der Plantagenbesitzer augenzwinkernd erklärt. »Und dazu ist sie offenkundig nicht mehr fruchtbar, was außerhalb der Plantage nur von Vorteil ist. Denn nachdem sie diesen blöden Balg auf die Welt gebracht hat …«

Don José hatte ihm auch berichtet, dass er Witwer sei und einen Sohn habe, der nach der Universität in Madrid Karriere gemacht hatte. Nun war er nach Madrid unterwegs, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Auf Kuba hatte er in der Nähe von Havanna eine einträgliche Tabakplantage besessen, die er selbst mithilfe von etwa zwanzig Sklaven bewirtschaftete. Die Einsamkeit, das Alter und die zunehmende Konkurrenz der Zuckerfabrikanten, die immer mehr Land für ihre blühende Industrie erwarben, hatten ihn veranlasst, seinen Besitz zu verkaufen und in die Heimat zurückzukehren. Doch nach zwanzig Tagen auf See hatte ihn die Pest befallen und sich wütend in seinen altersschwachen Körper gefressen. Fieber, Ödeme, Flecken auf der Haut, blutendes Zahnfleisch – der Arzt hatte den Patienten bald aufgegeben.

Wie auf den königlichen Schiffen vorgeschrieben, hatte der Kapitän der La Reina daraufhin den Schreiber in die Kabine von Don José beordert, um dessen Letzten Willen aufzuzeichnen.

»Ich schenke meiner Sklavin Caridad die Freiheit«, hatte der Kranke geflüstert, bevor er seinen gesamten Besitz seinem Sohn vermachte, den er nicht mehr wiedersehen sollte.

Die Frau hatte nicht einmal ansatzweise den Mund zu einem Lächeln verzogen, als sie von ihrer Freilassung erfuhr, erinnerte sich der Priester, als er jetzt auf der Straße stand.

Sie hatte nie etwas gesagt! Don Damián dachte an seine Bemühungen, Caridad unter den vielen Stimmen herauszuhören, die sonntags bei den Gottesdiensten an Deck beteten, oder auch an ihr verhaltenes Flüstern abends, vor dem Schlafengehen, wenn er sie zum Beten zwang. Was für eine Arbeit sollte diese Frau also hier finden? Der Kaplan wusste, dass fast alle Sklaven, die die Freiheit erhielten, letztlich für ihre ehemaligen Besitzer weiterarbeiteten, für einen erbärmlichen Lohn, mit dem sie kaum das Notwendigste bezahlen konnten, das ihnen zuvor, als Sklaven, sicher zugestanden hatte. Oder aber die Schwarzen waren dazu verdammt, in den Straßen um Almosen zu betteln, immer im Wettstreit mit Unmengen anderer Bettler. Und die waren wenigstens in Spanien geboren, kannten Land und Leute und waren, zumindest manche von ihnen, aufgeweckt und listig. Wie aber sollte Caridad in einer fremden großen Stadt wie Cádiz zurechtkommen?

Don Damián seufzte und strich sich mehrere Male über das Kinn und das wenige Haar, das ihm verblieben war. Dann drehte er sich um, stöhnte, als er sich erneut die Truhe auf die Schulter hob, und schickte sich an, den Weg zurückzugehen. Was soll ich nur tun?, fragte er sich. Er könnte … Ja, er könnte Caridad Arbeit in der Tabakfabrik vermitteln, denn darauf verstand sie sich.

»Mit den Tabakblättern ist sie sehr geschickt. Sie geht liebevoll und sanft damit um, so wie es sein muss, sie kann die besten Blätter unterscheiden, und sie ist sehr geübt im Zigarrenrollen«, hatte Don José ihm berichtet. Aber das würde bedeuten, dass er um einen Gefallen bitten müsste und dass man womöglich erfuhr, dass er … Das Risiko, dass Caridad über den Vorfall vom Schiff sprach, konnte er nicht eingehen. In den Fabrikhallen waren an die zweihundert Arbeiterinnen beschäftigt, die ohne Unterlass tuschelten und lästerten, während sie die kleinen Cádiz-Zigarren fertigten.

Caridad lehnte nach wie vor ruhig und schutzlos an der Mauer. Eine Bande Rotzlöffel machte sich über sie lustig, ohne dass die übrigen Passanten eingriffen. Don Damián kam genau in dem Moment bei ihr an, als einer der jungen Burschen einen Stein auf sie werfen wollte.

»Aufhören!«, schrie er.

Der Kerl hielt inne. Die Frau nahm den Hut ab und blickte zu Boden.

Caridad entfernte sich ein wenig von den sieben Passagieren, die mit ihr an Bord des Schiffes gegangen waren, das den Guadalquivir aufwärts nach Sevilla fahren sollte. Müde suchte sie zwischen den Gepäckstücken nach einem Platz, um sich zu setzen. Das Schiff war eine einmastige Tartane, die eine Ladung des geschätzten Olivenöls aus der Flussebene um Sevilla nach Cádiz gebracht hatte.

Von der Bucht von Cádiz segelten sie die Küste entlang nach Sanlúcar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir. Vor Chipiona warteten sie mit anderen Schiffen auf die Flut und günstige Winde, um die so gefährlichen wie gefürchteten Sandbänke von Sanlúcar zu überwinden, die das gesamte Gebiet in einen Schiffsfriedhof verwandelt hatten. Nur wenn alle Voraussetzungen erfüllt waren, gingen die Kapitäne das Wagnis ein und fuhren mit der Flut flussaufwärts, die bis in die Nähe von Sevilla wahrzunehmen war.

»Es ist schon vorgekommen, dass Schiffe hundert Tage warten mussten, um über die Sandbank zu kommen«, erzählte ein Seemann einem prächtig gekleideten Passagier, der sofort einen besorgten Blick auf Sanlúcar und die spektakuläre, sumpfige Küste warf.

Caridad saß zwischen mehreren Säcken an die Reling gelehnt und überließ sich dem Schaukeln der Tartane. Auf dem Meer herrschte angespannte Ruhe, so wie unter den Leuten auf dem Schiff; das Gleiche galt für die übrigen wartenden Schiffe. Aber nicht nur das Warten zehrte an den Nerven, sondern auch die Furcht vor Angriffen durch Engländer oder Korsaren. Als die Sonne unterging, nahm das Wasser eine bedrohlich metallische Farbe an. Die besorgten Gespräche von Besatzung und Reisenden wurden leiser, bis schließlich nur noch ein Flüstern zu vernehmen war. Mit dem Verschwinden der Sonne wurde offenbar, dass Winter war. Feuchtigkeit nistete sich in Caridads Körper ein und vergrößerte noch ihr Kältegefühl. Sie hatte Hunger und war müde. Sie hatte sich die Jacke übergezogen, die genauso grau und verblichen war wie ihr Gewand. Ihre Erscheinung bildete einen starken Kontrast zu den übrigen Fahrgästen, deren Kleidung ihr luxuriös und bunt vorkam. Caridads Zähne klapperten, und sie bekam eine Gänsehaut, also suchte sie in ihrem Bündel nach der Decke. Ihre Finger berührten eine Zigarre. Sie betastete sie vorsichtig und erinnerte sich sehnsüchtig an ihr Aroma und ihre Wirkung.

Sie hüllte sich fest in die Decke. Don Damián hatte sie auf das Schiff gebracht, das erste, das aus dem Hafen von Cádiz auslaufen sollte.

»Fahr nach Sevilla«, hatte er ihr eingeschärft, nachdem er mit dem Kapitän den Preis ausgehandelt und aus eigener Tasche bezahlt hatte, »nach Triana. Dort gehst du zum Convento de las Mínimas und sagst den Nonnen, dass ich dich schicke.«

Caridad fehlte der Mut, ihn zu fragen, was Triana war oder wie sie das Kloster finden sollte, und der Geistliche hatte sie auf das Schiff gedrängt. Dabei hatte er sich nervös nach links und rechts umgeblickt, als hätte er Angst, jemand könnte sie zusammen sehen.

Caridad schnupperte an der Zigarre, und der Duft versetzte sie nach Kuba. Sie kannte doch nur ihre Hütte und die Plantage und die Zuckermühle, zu der sie jeden Sonntag mit den anderen Sklaven zum Gottesdienst ging, um anschließend bis zur Erschöpfung zu singen und zu tanzen. Von der Hütte zur Plantage, und von der Plantage zur Hütte, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Wie sollte sie da ein Kloster finden? Wer waren all diese fremden Menschen? Und Marcelo? Was war aus ihm geworden? Und wie mochte es ihrer Freundin María gehen, der Mulattin, mit der sie immer zusammen gesungen hatte? Und all den anderen? Was tat sie da, nachts auf einem fremden Schiff, in einem unbekannten Land, unterwegs zu einer Stadt, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab?

Bei der Erinnerung an Marcelo wurden ihre Augen feucht. Sie tastete in ihrem Bündel nach dem Feuerstein, dem Zunder und einem Stück Stahl. Ob man sie rauchen lassen würde? In der Tabakpflanzung durfte sie das, es war ganz üblich. Während der gesamten Überfahrt hatte sie wegen Marcelo geweint. Sie war sogar nahe daran gewesen, sich ins Meer zu stürzen, um ihrem Leid ein Ende zu setzen. »Weg da! Willst du vielleicht ins Wasser fallen?«, hatte einer der Matrosen sie gewarnt. Und sie hatte gehorcht und sich von der Reling entfernt.

Hätte sie den Mut aufgebracht, ins Meer zu springen, wenn der Matrose nicht aufgetaucht wäre? Caridad wollte nicht weiter darüber nachdenken. Stattdessen beobachtete sie nun die Männer auf der Tartane. Sie wirkten nervös. Die Flut hatte zwar eingesetzt, doch es kam kein Wind auf. Einige rauchten. Sie schlug geschickt den Stahl gegen den Feuerstein, und es dauerte nicht lange und der Zunder brannte. Wo sollte sie hier den Baumpilz finden, aus dem sie Zunder herstellen konnte? Sie zündete die Zigarre an, inhalierte tief und überlegte, dass sie nicht einmal wusste, wie sie an Tabak gelangen sollte. Der erste Zug beruhigte ihr Gemüt. Die beiden nächsten Atemzüge sorgten dafür, dass sich ihre Muskeln entspannten, und sie überließ sich einem sanften Schwindel.

»Lässt du mich mitrauchen?«

Ein Schiffsjunge war vor ihr in die Hocke gegangen, sein Gesicht war schmutzig, aber fröhlich und freundlich. Eine Weile ließ Caridad sich von dem Lächeln mitreißen, mit dem der Junge auf ihre Antwort wartete. Sie hatte in dem Moment nur Augen für seine weißen Zähne, die genauso strahlten wie die von Marcelo, wenn er sich in ihre Arme warf. Sie hatte noch einen Sohn zur Welt gebracht, dessen Vater Don José war, doch ihr Herr hatte ihn verkauft, sobald der Junge nicht mehr auf die Obhut der zwei alten Frauen angewiesen war, die sich um die Kinder der Sklavinnen kümmerten, während diese arbeiteten. Alle teilten das gleiche Los, denn der Besitzer hatte keine Lust, die Kinder der Sklaven durchzufüttern. Marcelo, ihr zweiter Sohn, dessen Vater ein Schwarzer aus der Zuckermühle war, war anders: eine schwere Geburt, ein Kind mit Problemen. »Niemand wird ihn kaufen«, hatte der Plantagenbesitzer festgestellt, als Marcelo älter wurde und sich seine Unbeholfenheit und Einfältigkeit abzeichneten. Doch ihm wurde zugestanden, auf der Plantage zu bleiben, wie die Hunde oder Hähne oder Schweine, die sie hinter der Hütte aufzogen. »Er wird sterben«, hatten alle vorausgesagt. Doch Caridad hatte es nicht zugelassen und ergeben die Schläge und Peitschenhiebe eingesteckt, wenn man sie dabei erwischte, dass sie ihm trotzdem zu essen gab. »Wir geben dir das Essen, damit du arbeitest, nicht, damit du einen Idioten fütterst«, hatte der Vorarbeiter sie angebrüllt.

»Lässt du mich mitrauchen?«, bat der Schiffsjunge hartnäckig.

Warum nicht?, überlegte Caridad. Schließlich glich sein Lächeln dem ihres Marcelo. Sie bot ihm die Zigarre an.

»He! Wo hast du denn dieses Wunderwerk aufgetrieben?«, rief der Junge hustend nach dem ersten Zug. »Auf Kuba?«

»Ja«, hörte Caridad sich antworten, während sie die Zigarre wieder an sich nahm und an die Lippen führte.

»Wie heißt du?«

»Caridad«, antwortete sie, in eine Rauchwolke gehüllt.

»Dein Hut gefällt mir.«

Der Junge wartete ungeduldig auf den nächsten Zug. Caridad gab ihm erneut die Zigarre.

»Die Brise ist da!«

Der Ruf des Kapitäns unterbrach die Stille. Auf den anderen Schiffen waren ähnliche Rufe zu vernehmen. Südwind war aufgekommen, ideal, um die Sandbank zu überqueren. Der Schiffsjunge gab Caridad die Zigarre zurück und lief zu den anderen Seeleuten.

»Danke!«, sagte er noch schnell.

Anders als die übrigen Passagiere verfolgte Caridad das aufwendige Manöver nicht, das in dem engen Kanal drei Richtungswechsel erforderlich machte. Im gesamten Mündungsgebiet des Guadalquivir, an Land wie auf den Barkassen, die an den Ufern vertäut lagen, wurden Leuchtfeuer entzündet, um die Schiffe zu leiten. Sollte der Wind abflauen und sie auf der Hälfte der Strecke stehen bleiben, bestand vielfältige Gefahr, endgültig zu stranden. Caridad genoss den angenehmen Kitzel in ihren Muskeln und ließ zu, dass der Tabak ihre Sinne vernebelte. In dem Augenblick, in dem die Tartane in den gefürchteten Kanal einfuhr, an dem backbord der Turm von San Jacinto die Strecke beleuchtete, begann Caridad zu singen. Sie wiegte sich im Rhythmus ihrer Erinnerungen an die sonntäglichen Feste, wenn die Schwarzen aus den verschiedenen Sklavensiedlungen sich nach dem Gottesdienst in der Baracke der Plantage versammelten, zu der sie mit ihren Besitzern gekommen waren. Dort gestatteten ihnen die Weißen, zu singen und zu tanzen, als wären sie Kinder, die sich austoben und ihre harte Arbeit vergessen müssen. Doch mit jedem Tanzschritt und mit jedem Ton der Batá-Trommeln – der großen Iyá, der Mutter aller Trommeln, der Itótele oder der kleinen Okónkolo – hatten die Schwarzen in Wahrheit ihre eigenen Götter verehrt, die als Jungfrauen und Heilige der Christen maskiert waren.

Nun sang Caridad einfach weiter, ungeachtet der gebieterischen Befehle des Kapitäns und des hektischen Hin und Her der Besatzung. Sie bildete sich ein, sie würde Marcelo in den Schlaf wiegen, sie meinte, sein Haar zu berühren, seinen Atem zu hören, seinen Geruch wahrzunehmen … Sie warf eine Kusshand in die Luft. Der Junge hatte bestimmt überlebt! Gewiss wurde er von dem neuen Besitzer und vom Vorarbeiter beschimpft und geschlagen, aber die Sklaven auf der Plantage mochten ihn. Er lachte immer! Er war ein Junge, der zu allen sanft und gutmütig war. Marcelo wusste nichts von Sklaverei und Herrschaft. Er lebte in Freiheit. Nur zuweilen sah er den Sklaven in die Augen, als verstünde er ihr Leid und wollte ihnen Mut machen, sich von ihren Ketten zu befreien. Einige schenkten Marcelo ein trauriges Lächeln, andere kämpften angesichts seiner Unschuld mit den Tränen.

Caridad zog kräftig an der Zigarre. Bestimmt war er gut versorgt, daran hegte sie keinen Zweifel. Gewiss kümmerte sich María um ihn, die Sklavin, mit der zusammen sie gesungen hatte. Und Cecilio auch, obwohl man ihn gezwungen hatte, ihr den Sohn wegzunehmen. All die Sklaven, die mit den Ländereien verkauft worden waren, würden sich um ihn kümmern. Und ihr Junge war glücklich, das spürte sie. Aber Don José …

»Möge seine Seele niemals Ruhe finden!«, fluchte Caridad.