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Inhaltsverzeichnis





















DIE AUTOREN

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Katja Reider arbeitete als Pressesprecherin eines großen Jugendwettbewerbs, bevor sie zu schreiben begann. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Mehr zu Katja Reider unter:

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Constantin Kilian lebt als Autor und Regisseur in München. Neben Drehbüchern fürs Fernsehen schrieb er Romane und zwei Theaterstücke. Er hat einen sechzehnjährigen Sohn.

 

 

 

 

Von Katja Reider und Constantin Kilian ist bereits bei cbt erschienen:

Das erste Mal lieben

1

Was denkst du gerade?«

Kaum habe ich die berüchtigten vier Worte ausgesprochen, möchte ich sie schon zurücknehmen. Ich beiße mir auf die Lippen, weiß doch genau, dass Daniel diese Frage einfach nur ätzend findet. Garantierter Stimmungskiller. Dabei war’s bis eben so schön hier auf »unserer« Bank unter der Weide, sein Kopf in meinem Schoß, leichten Wind im Haar, die ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht. Aber ich hab es mal wieder vermasselt…

Daniel richtet sich auf, blinzelt in die Sonne. »Was hast du gesagt?«

»Ich hab dich gefragt, was du gerade denkst.«

In der Wiederholung klingt es noch bescheuerter.

Daniel kratzt sich am Kopf. »Weiß nicht, ach doch: Ich hab überlegt, ob ich Toms Verstärker mal an meiner Anlage teste. Wär vielleicht gar nicht schlecht. Was meinst du?«

» Hmm.«

Was soll ich dazu sagen? Jungs denken stundenlang über irgendwelche Sachen nach, an die Mädchen keinen Gedanken verschwenden würden. Wenn sie aussehen, als grübelten sie über die Zukunft der Menschheit nach, überlegen sie meistens, wo eigentlich ihre alten Fußballschuhe geblieben sind oder ob sie sich die neue CD von Eminem kaufen sollten… Echt, das sind einfach zwei Welten! Dabei ist Daniel eigentlich nicht so. Er versteht meistens sehr gut, was in mir vorgeht, macht nicht gleich zu, wenn Gefühle im Spiel sind. Diese Sensibilität hat mir vom ersten Moment an ihm gefallen, damals, als er nach den Sommerferien zusammen mit Tom und Bill neu in unsere Klasse kam. War nur eine Frage der Zeit, bis ich Robert, den unendlich vernünftigen Robert, in die Wüste geschickt habe. Und dann… Ich lächele unwillkürlich vor mich hin.

Daniel gibt mir einen Nasenstups. »Was grinst du so?«

Ich drehe meinen Kopf weg. »Ich grinse nicht, ich lächele – das ist ein feiner Unterschied. Hab gerade an unseren ersten Kuss gedacht, damals im Schwimmbad, als du noch eine Gänsehaut gekriegt hast, wenn ich dich berührt habe.«

Daniel grinst. »Kriege ich doch heute auch noch.«

»Ja, aber nur, wenn’s zehn Grad unter Null sind.«

»Blödsinn.« Daniel greift nach mir, zieht mich so dicht zu sich heran, dass mir fast die Luft wegbleibt. »Ich find’s immer noch super mit uns.«

Wir schauen uns in die Augen. Ganz tief, ganz offen. Einer dieser Momente, die ich am liebsten tütenweise einfrieren möchte, um mich in schlechteren Zeiten dran zu wärmen.

»Ich hab dich lieb«, sage ich leise.

Als Antwort küsst er mich, heftig und intensiv. Seine Hände gleiten meinen Rücken herunter, umfassen meine Hüften. Mein Körper reagiert sofort, drängt sich wie von selbst an ihn heran, schon wird mir weich und wattig im Bauch, schon spüre ich das vertraute angenehme Ziehen im Unterleib.

Daniels Hand ist unter meine dicke Jacke geschlüpft, versucht, das Shirt aus meiner Hose zu ziehen.

Ich grinse. »Geht nicht, das ist ein Body.«

»Scheiße, immer diese komplizierten Klamotten.«

Ich schmiege mich in seinen Arm. »Hier draußen hätten wir doch sowieso nicht rummachen können.«

»Wieso denn nicht?« Daniel hat sein Tabakpäckchen aus seiner Jacke gezogen und fängt an, eine Zigarette zu drehen. »Hier kommt doch sowieso kein Schwein vorbei. «

Ich rücke meine Klamotten zurecht. »Das kann man nie wissen. Die Leute sind doch heilfroh, dass nach diesem ewig langen Winter endlich der Frühling kommt, und rennen gleich nach draußen.«

Daniel hat sich seine Zigarette angezündet, nimmt den ersten tiefen Zug. »Ja, endlich kann man wieder raus, ohne sich den Arsch abzufrieren. Immer nur drinnen rumhocken nervt doch langsam.«

Ich fühle einen Stich, bemühe mich aber, meiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben. »Wieso, wir hatten es doch sehr gemütlich, oder etwa nicht…?«

Fast jeden Nachmittag dieses langen Winters haben wir bei Daniel zu Hause verbracht. Sein Vater ist Regisseur an unserem kleinen Stadttheater und war meistens bis in den Abend hinein bei Proben. So hatten wir die ganze Wohnung für uns, haben stundenlang Musik gehört, geredet, geträumt – und uns geliebt, bis wir wunde Lippen hatten. Und diese wunderbare, kuschelige Zweisamkeit »nervt ihn langsam«?

Der Aprilwind fährt mir durch die Jacke, ich fröstele, bin wohl doch zu dünn angezogen.

»Was ist denn los?«, fragt Daniel. Anscheinend hat er meinen Stimmungsumschwung bemerkt.

Ich starre aufs Wasser, als wären die dümpelnden Enten superinteressant. Vier Monate sind wir jetzt zusammen. Daniel und Marie. Marie und Daniel. Auch wenn’s blöd klingt: Für mich waren das die bisher schönsten Monate meines Lebens, kann mich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. Daniel war der Erste, mit dem ich geschlafen habe. Ich glaube, wir haben uns ziemlich dämlich angestellt am Anfang, waren einfach total unsicher. Sexuell war das erste Mal wirklich nicht der Hit. Aber wir waren beide froh und irgendwie auch ein bisschen stolz, dass wir es »erfolgreich« hinter uns gebracht hatten. Inzwischen ist es total schön…

»Musst du wirklich schon los?« Zärtlich legt Daniel seine Hand an meine Wange, sieht ein bisschen schuldbewusst aus. Er ist ja schließlich kein Idiot. Sicher weiß er, dass mich seine Bemerkung gekränkt hat. Aber er spricht es nicht an und ich tue es auch nicht. Da käme ich mir echt zu blöd vor. Überhaupt wollte ich doch endlich aufhören, jedes seiner Worte auf die Goldwaage zu legen. Das gehörte zu meinen guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Hat aber leider genauso wenig geklappt wie der Vorsatz, mindestens zweimal die Woche joggen zu gehen…

 

 

 

Marie ist nun doch noch neben mir sitzen geblieben. Ich streichle ein wenig über ihre Wange. Dicht aneinander gekuschelt sitzen wir auf der Bank und lassen unsere Blicke über den kleinen, ruhigen See wandern.

Überall blüht und sprießt es, es ist ein herrliches Gefühl, endlich diesen muffigen Winter aus den Gliedern zu schütteln und etwas Neues anzugehen. Mein Arm liegt um ihre Schulter, mit der anderen Hand vergewissere ich mich der zwei Eintrittskarten in meiner Hosentasche. Marie wird Augen machen. Ich will sie damit überraschen. Aber für so was muss man den richtigen Augenblick abwarten.

Ich weiß gar nicht, warum sie gerade wieder so schnell eingeschnappt war. Muss irgendwas Falsches gesagt haben. Manchmal sage ich etwas dahin, ohne lange zu überlegen, und gleich wird einem das Wort im Mund umgedreht. Alles bezieht Marie persönlich auf sich, und dann muss ich ihr erklären, dass es gar nicht so gemeint war, und schon ist der Wurm drin. Also diese Pedanterie geht mir ganz schön auf den Nerv. Krumm genommen hat sie vielleicht den Satz mit dem »immer drinnen hocken nervt doch langsam«. Der war aber überhaupt nicht persönlich gemeint. Sei’s drum, ich bin es leid, mir jeden Satz vorher dreimal zu überlegen.

»Schau mal, die Ente da, die landet gleich…«, sage ich und deute nach oben.

Marie folgt meinem Blick. Und tatsächlich, zwei Sekunden später setzt die Ente nur ein paar Meter von uns entfernt im Wasser auf und landet dicht neben einer anderen Ente. Die zwei Enten beschnabeln sich freundlich, es scheint ein Pärchen zu sein.

»Wusstest du, dass Enten ein Leben lang beim selben Partner bleiben und sich treu sind?«, fragt Marie.

Ich schüttele den Kopf. Finde aber auch, dass Enten ziemlich doofe Viecher sind. Innerlich muss ich über meinen Gedankenschluss kichern, halte mich aber lieber zurück, sonst fragt sie mich wieder, was ich gerade denke.

Ich linse zu ihr hinüber, aber Marie hat die Augen geschlossen, lässt die Sonnenstrahlen ihr Gesicht wärmen. So kann ich sie in Ruhe betrachten. Ich bin immer noch verliebt in ihr schönes Profil mit den leicht vorstehenden Wangenknochen, ihrer schmalen, geraden Nase und den schön geschwungenen Lippen.

An ihrem sechzehnten Geburtstag hat Marie zum ersten Mal mit mir geschlafen, oder besser gesagt, an diesem Tag hat sie sich mir »geschenkt«. Ich meine, das klingt doof altmodisch, aber genau so war es. Sie hat sich mir zu ihrem Geburtstag versprochen. Ich hatte für den großen Tag alles vorbereitet, und als ich dann endlich zur Sache kommen wollte, wurde ihr schlecht von meinem leckeren Krabbencocktail. Und dann hat sie mich angefaucht, wie ich, wenn es ihr so schlecht gehe, nur an »das Eine« denken könne.

Der Abend war natürlich gelaufen. Nichts war gegangen. Und wir waren zerstritten. Aber zwei Tage später war zum Glück alles wieder im Lot. Als ich es überhaupt nicht erwartete, bei ihrer Freundin Sara, ist es dann passiert, mit Marie und mir. Und seitdem haben wir ganz schön oft geübt.

Marie ist meine erste feste Freundin, so mit Sex und allem. Es ist toll. Wir gehen in dieselbe Klasse. Obwohl ich fast eineinhalb Jahre älter bin als sie – in fünf Monaten werde ich achtzehn –, weil ich halt voriges Jahr durchgerasselt bin und jetzt die Klasse wiederhole. Scheiß-Schule, bin schon wieder ziemlich schlecht. Ich glaubte, die Ehrenrunde würde einfacher werden, aber denkste. Doch ich hab jetzt keinen Bock, über die Schule nachzugrübeln.

Ah, ich Doofmann, vor lauter Grübeln habe ich das Wichtigste fast vergessen. Schnell fasse ich in meine Hosentasche und taste nach den zwei Konzertkarten.

»Ey, Marie, willst du nach Köln?«

»Hm, wieso? Was ist in Köln?«

»Schon mal was von der Kölnarena gehört?«

»Ja klar, die große Halle, wo die Stars auftreten…«

Jeder, der sich ein bisschen in der Musikszene auskennt, weiß, dass in der Kölnarena die großen Musik-Events laufen.

»Tja, ich meine, da spielt Madonna am Freitag…«

»Ah ja«, murmelt Marie, »schön für sie.«

»Tja, finde ich auch schön…«, sage ich und lasse mir viel Zeit für den nächsten Satz. »Noch schöner finde ich allerdings, dass ich dabei sein werde…« Ich lasse Marie nicht aus den Augen.

»Was?« Endlich öffnet sie die Augen und schaut mich an.

Ohne zu antworten, strecke ich ihr eine der Eintrittskarten hin. Sie liest die Aufschrift: »Hey, geil !«, Wo hast du denn die her?!«

»Tja, Beziehungen muss man haben…«, sage ich leichthin.

»Irre! Und die gehört wirklich dir?!«

»Logo. Wem sonst.«

»Toll«, sagt Marie und richtet sich auf.

»Und am allerschönsten finde ich, dass du auch dabei sein wirst.« Ich reiche ihr die zweite Karte.

»Das gibt’s doch nicht. Ist das echt wahr?«

»Echt wahr. Kein Scheiß. Mein Dad hat sie mir geschenkt, wegen dem abgesagten London-Trip. Und eine Wohnung, wo wir pennen können, haben wir auch in Köln, der Freund von Dad ist nicht da.«

»Du meinst mit Übernachten und so?«

Jetzt hat sie es gerafft.

Ich grinse sie an, als ob dies das Normalste auf der Welt wäre.

»Himmel, und wenn meine Eltern mich nicht weglassen? «, fragt Marie.

»Die alten Spießer werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. So wird’s gemacht, bingo!«

2

Daniel stellt sich das immer so easy vor: »Die alten Spießer vor vollendete Tatsachen stellen…« Als wäre das so einfach und ich einfach nur zu brav und zu ängstlich, um mich gegen meine Eltern durchzusetzen. Klar ist bei ihm alles »easy«. Daniels Vater ist so sehr mit sich und seinem megawichtigen Theater beschäftigt, dass er im Grunde froh ist, wenn Daniel seinen Kram alleine macht. Hin und wieder sitzen sie dann bei einem Glas Rotwein locker in der Küche zusammen, diskutieren über Bücher und Theaterstücke und machen einen auf gleichberechtigte Vater-Sohn-Beziehung, aber das war’s dann auch schon.

Daniels Mutter jettet seit der Scheidung als erfolgreiche Immobilienmaklerin durch die Gegend, schaut alle paar Monate mal rein und fängt dann urplötzlich an, Daniel »erziehen« zu wollen, und das findet er natürlich super- ätzend.

Wir reden nicht sehr viel über unsere Eltern. Ist ein bisschen heikles Thema. Ich weiß natürlich, dass er meine Eltern spießig findet. Und irgendwie sind sie das ja auch. Aber es sind eben meine Eltern, und ich kann es nicht gut ab, wenn Daniel über sie herzieht. Aber wenn ich dran denke, was für ein Eiertanz mir jetzt wegen dieses Trips nach Köln bevorsteht, kriege ich echt die Krise.

Ich sehe schon die erschrocken aufgerissenen Augen meiner Mutter vor mir, die gerunzelte Stirn meines Vaters … Das wird mit Sicherheit der Horror! Ich muss mir einen günstigen Moment aussuchen, um das Thema anzuschneiden. Am besten, wenn Ricky, meine neunjährige Schwester, oben auf ihrem Zimmer ist.

 

Ist das jetzt ein günstiger Moment? Abendessen beendet, Tagesschau fängt in zehn Minuten an. Ich hole tief Luft und sage beiläufig: »Daniel ist ziemlich enttäuscht. Sein Vater hatte ihn eigentlich zu einer London-Reise eingeladen, über Pfingsten. Und jetzt muss er doch mal wieder arbeiten, ganz schön doof… Aber immerhin hat er ihm heute, quasi als Ersatz, ein super Geschenk gemacht. Das heißt… «, ich mache eine Kunstpause, » eigentlich ist es ein Geschenk für uns beide.«

»So, was denn?«, fragt Mama, mit einem Mal etwas wachsamer.

Am besten, ich schiebe alles auf Daniels Vater, das hat dann so einen »offiziellen« Charakter. Also los: »Daniels Dad hat uns zwei Karten zu einem Konzert geschenkt. Stellt euch vor: für Madonna. Die wollen wir natürlich unbedingt sehen und…«

Mama unterbricht mich. »Das ist ja nett von ihm.«

Läuft gar nicht schlecht. Jetzt nicht nachlassen. »Ja, nicht wahr? Das Konzert findet in… äh… in Köln statt, in der Musikhalle. Ist ja klar, ein Superstar wie Madonna spielt natürlich nicht in unserem Kaff… äh, in unserer Kleinstadt.«

Papa hat die Zeitung sinken lassen, schaut mich jetzt aufmerksam an. Ich weiß genau, dass er am Ton meiner Stimme hört, dass das Konzert nicht der eigentliche Knackpunkt ist, dass es um was ganz anderes geht.

Ich lasse die Katze aus dem Sack:

»Wir können sogar in Köln übernachten, in der Wohnung von einem Freund von Daniels Vater, der ist zurzeit nicht da.«

Blöd, diesen letzten Hinweis hätte ich mir schenken können.

»Ist doch super, oder?«

So, jetzt habe ich mein Pulver verschossen. Jetzt sind sie am Drücker.

Meine Mutter lässt sich aufs Sofa sinken. Himmel, sie kriegt schon wieder diesen leidenden Blick!

Mama schluckt. »Aber Marie, ihr könnt doch nicht in der Wohnung eines wildfremden Mannes ein Wochenende verbringen!«

»Aber ich sagte doch schon: Der Typ ist gar nicht da. Außerdem ist er kein Wildfremder, sondern ein Freund von Daniels Vater. Er ist übrigens Arzt.«

Diese ehrbaren Berufe ziehen bei meinen Eltern doch immer!

Mein Vater schüttelt den Kopf. »Marie, du bist gerade mal sechzehn, und dann ein Wochenende allein in Köln – auf so einem Konzert, wo mit Sicherheit jede Menge Hasch und irgendwelche Glückspillen angeboten werden… Nein, das können wir wirklich nicht zulassen.«

Meine Stimme wird lauter, unkontrollierter. »Aber verdammt, ich bin doch nicht allein. Daniel ist bei mir und der wird immerhin bald achtzehn!«

Wie eine heiße rote Welle schießt die Wut in mir hoch. Wie ich es hasse, diesen Affentanz hier abziehen zu müssen! Warum kann ich nicht einfach wie die anderen in meiner Klasse locker erzählen, was ich am Wochenende vorhabe, und fertig…! Das hier hält echt kein Schwein aus.

Meine Mutter erkennt die drohenden Vorzeichen einer Familienkatastrophe und versucht die übliche Versöhnungstour: »Pass mal auf, Marie. Ich hätte da einen Vorschlag : Papa und ich fahren euch an diesem Freitag nach Köln und wir machen uns da selbst einen netten Abend. Gehen mal wieder richtig schön essen, ins Theater oder so was. Und dann holen wir Daniel und dich vor der Konzerthalle wieder ab. – Na, was sagst du dazu?«

Ich könnte kotzen! Ich könnte schreien! Das ist ja wohl der allerletzte, mieseste Vorschlag überhaupt! Ich spüre, dass mir vor Wut die Tränen kommen. Nee, bloß nicht heulen jetzt. Ich springe auf und renne zur Treppe, dann drehe ich mich noch mal um, werfe mit einer dramatischen Geste meine langen blonden Haare zurück.

»Ihr könnt machen, was ihr wollt. Ich werde nach Köln fahren! Hört ihr? Ich lasse mir dieses Wochenende nicht kaputtmachen. Da könnt ihr Gift drauf nehmen.«

Fast körperlich spüre ich Mamas traurige Augen in meinem Rücken, Papas Hilflosigkeit, seine väterliche Empörung. Manchmal könnte ich sie umbringen.

Im Vorbeigehen habe ich mir das Telefon gegriffen und mit nach oben genommen.

Mit zitternden Fingern tippe ich die Nummer von Sara ein. Ich glaube, wenn sie nicht zu Hause ist, drehe ich durch. Aber ich habe Glück, sie ist gleich dran.

Bei Sara brauche ich keine Einleitung:

»Du glaubst nicht, was meine Eltern sich eben geleistet haben…!«

Ich erzähle ihr die ganze Story wortwörtlich. Sara unterbricht mich nur, um bestätigende oder verständnisvolle Laute einzuwerfen, sagt »unglaublich« oder »fass ich nicht«. Sara kennt die Situation bei uns zu Hause total gut, wir sind schon seit Ewigkeiten befreundet. Ich erzähl ihr einfach alles und nie ist mir was peinlich.

»Und was willst du jetzt machen?«

Ich puste mir eine Haarsträhne aus der Stirn. Mir ist richtig heiß vor Aufregung. »Was wohl? Ich fahre mit Daniel nach Köln. Ist mir völlig egal, was danach hier los ist.«

»Würde ich auch machen. Irgendwann müssen sie ja mal schnallen, dass du keine zehn mehr bist.«

Ich nicke. »Allerdings! Mensch, Sara, endlich mal neben Daniel einschlafen, aufwachen, zusammen frühstücken… Nicht ständig befürchten müssen, dass sein Vater doch früher nach Hause kommt und uns im Bett erwischt… Was ist dagegen schon ein Krach mit meinen Eltern?«

Sara schweigt einen Moment. »Aber sag mal, dann seid ihr ja dieses Wochenende gar nicht zum Klassenfest da!«

Stimmt. Ich beiße mir auf die Lippen. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Dabei laufen die Planungen für diese Nacht seit Wochen auf Hochtouren. Rust, unser Deutschlehrer, hatte nämlich die Idee einer »Lesenacht«. Er hat zwei Autoren eingeladen, abends in unserer Schule aus ihren Büchern zu lesen. Und wir haben durchgesetzt, dass anschließend eine Fete gefeiert wird mit Essen, Trinken, Tanzen… allem Drum und Dran eben. Für den nötigen Sound soll die Schulband The Fame sorgen.

»Mensch, Marie, das Fest dürft ihr doch nicht verpassen. Könnt ihr nicht ein Wochenende später nach Köln fahren?«

Ich wickele eine Haarsträhne um meine Finger. Das ist ja zum Verrücktwerden. Jetzt kriege ich auch noch von Sara Druck.

»Aber wir haben doch schon die Karten für das Konzert … ! Und ein Wochenende später ist bestimmt dieser Freund von Daniels Vater wieder zurück.«

»Wär das denn so schlimm?« Sara klingt ein bisschen verschnupft, ihre Stimme ist einen Grad kühler.

»Wir wollen eben wirklich mal ganz allein sein, verstehst du das nicht?«

Sara holt tief Luft. »Ich finde, ihr seid ziemlich viel allein in letzter Zeit. – Aber okay, wenn dir die Köln-Tour wichtiger ist…« Sie lässt den Rest des Satzes in der Luft hängen.

Scheiße.

»Mensch, Sara, was soll ich denn sonst machen?«

»Schon gut, aber die anderen werden ganz schön sauer sein.«

Ich seufze. Warum muss eigentlich immer alles so verdammt kompliziert sein?

 

 

 

Mist, ich bin spät dran, schon fünf vor acht, hab verpennt. Ich sause mit meinem Rad den kleinen Abhang hinunter. In den ersten zwei Stunden haben wir Sport, das einzige Fach, das ich mag und in dem ich nicht zu spät kommen möchte. In der letzten Stunde haben wir Mathe. Wahrscheinlich kriegen wir heute die Mathearbeit zurück. Ich glaub, ich hab eine Drei oder schlechtestenfalls eine Vier, meinem Gefühl nach ging’s nicht so schlecht. Ich fetze an dem Eck vorbei, an dem Marie immer mit dem Rad auf mich wartet. Aber sie ist nicht da. Ich schaue auf die Uhr. Noch drei Minuten, sie ist sicher schon weitergefahren.

Marie mag das, wenn wir uns vor der Schule sehen, in der Schule, nach der Schule und dann auch noch am Nachmittag. Mir wird das manchmal fast zu viel, weil andere Sachen darunter leiden. Die Treffen mit Tom und Bill werden immer seltener, die Männer-Action geht mir irgendwie ab und über das häufige Fußballtraining hat sie sich auch schon beschwert.

Und jetzt macht sie Stress wegen Köln. Marie hat Angst vor ihren Alten, glaubt, dass es Zoff gibt, wenn sie trotz Verbot zum Konzert mitkommt. Ich fahre auf jeden Fall, lass doch die Wahnsinnskarten nicht verfallen. Und ihre Freundin Sara nervt zusätzlich wegen dem Klassenfest am Wochenende. Aber solche Feten sind zwei-, dreimal im Jahr, da kann man schon mal fehlen – alles halb so wild.

 

Viertel nach zwölf, jetzt gilt’s. Mathe steht an. Ich sitze im Klassenzimmer in der vorletzten Reihe neben meinem Freund Tom und die Lehrerin geht gleich in die Vollen. Bei der alten Schostak habe ich stets das Gefühl, sie hat mich auf dem Kieker. Sie gibt die Arbeiten nach der Notenqualität raus, zuerst die guten, dann die schlechten, fies wie immer. Jetzt ist sie schon bei den Dreien. Es gab nur zwei Einsen und drei Zweien. Die Schostak geht stets auf den Betroffenen zu, baut sich auf, wartet zwei Sekunden und dann gibt sie ihren Kommentar ab:

»Marie Färber… Drei plus. Schade, Marie, Sie können mehr, Ihnen fehlen nur zwei Punkte, dann hätten Sie eine Zwei. Aber momentan scheint es für Sie ja wichtigere Dinge zu geben als die Mathematik…«

Dabei blickt sie kurz zu mir herüber. Nicht lange genug, dass es penetrant wirkt, aber doch eindeutig genug, dass jeder aufmerksame Beobachter merken kann, dass sie mich meint, dass sie uns beide meint. Blöde Kuh, diese Schostak. Versucht, sich mit ihren wasserstoffblond gefärbten Haaren jünger zu machen, dabei wirkt sie dadurch noch älter. Sie ist mindestens fünfzig und ihren Atombusen steckt sie stets in zu eng geschnittene Kostüme, einfach abartig. Sie gibt noch weitere vier Dreien zurück, dann kommt sie schon zu den Vieren. Mist, jetzt wird’s aber Zeit, rück endl ich mei ne Arbeit raus!

Es folgen sieben Vieren, dann macht sie eine kleine Pause und wendet den Blick zu den hintersten Reihen, in denen Tom, Bill und ich sitzen.

»So, und nun zu unseren sich so erwachsen dünkenden Sportskanonen…«

Oh Mann, was soll denn dieser überhebliche Ton? Ich könnte sie erwürgen. Das darf doch nicht wahr sein. Hab ich vielleicht nur eine beschissene Fünf?

»Nun kommen wir zu den Vier-Minus-Arbeiten… Tom Strecker, gerade noch mal Glück gehabt, Vier minus… für einen Wiederholer wahrlich keine Glanzleistung.«

Dann geht sie zu Bill, auch er hat eine schwache Vier. Nun kommen die Fünfer. Mein Hals ist total trocken, im Bauch spüre ich eine unangenehme Leere.

Es folgen drei Fünfen, die letzte ist eine Fünf minus und ich bin immer noch nicht dabei.

Mathe-Hölle, tu dich vor mir auf!

Ich glaube, sie hat bloß noch zwei Arbeiten in ihrer Hand, fast alle waren schon dran…

Wenn ich ’ne Sechs hab, kann ich einpacken, das war’s dann mit meiner Schulkarriere. Das darf nicht sein, was soll ich bloß machen?

Nun steht sie vor mir. Schaut mich an wie einen Delinquenten vor der Hinrichtung.

In diesem Moment muss ich plötzlich an meinen Kater Woody denken. Weiß auch nicht, warum, zu gerne würde ich jetzt mit ihm auf meinem Bett liegen und kuscheln und die ganze Welt von mir abschütteln.

»So, und nun zu Ihnen, Daniel Gering… Sie wissen wohl nicht, wie ernst die Lage ist, oder?«

Und dann legt sie eine Pause ein, als ob sie ihre Frage tatsächlich ernst meint. Was soll man auf so eine beschissene Frage nur antworten?

»Doch, eigentlich schon…«, sage ich und winde mich herum.

»Tja, junger Mann, eigentlich reicht aber nicht. Fünf minus, mit einem Stern. Sie können von Glück sagen, dass ich Ihnen keine Sechs gegeben habe, denn dann wär’s wohl jetzt schon aus. Wo haben Sie nur die ganze Zeit Ihre Gedanken? Ich kann Ihnen nur eins sagen, so kann es nicht weitergehen, setzen Sie sich endlich hin und büffeln Sie Mathe, nehmen Sie Nachhilfe oder lassen Sie sich irgendwas anderes einfallen, sonst schaffen Sie das Klassenziel nie. In jedem Fall müssen Sie etwas unternehmen, da beißt die Maus keinen Faden ab.«

Diesen beknackten Spruch mit der Maus liebt sie, jeden zweiten Tag müssen wir uns den anhören.

Fünf minus, was für eine Scheiße!

»Herrgott noch mal, Daniel! Sie sind doch nicht so dumm, dass Sie das nicht besser hinkriegen. Sie sind ein ganz fauler Hund. Schon im Halbjahreszeugnis hatten Sie in Mathe und Physik eine Fünf. Und noch mal sitzen bleiben ist nicht drin, dann können Sie die mittlere Reife vergessen, vom Abitur ganz zu schweigen.«

Ich weiß nicht, wie ich die Stunde überstehe. Irgendwann ist es endlich vorbei. Erlösung durch die Glocke. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in der Schule so gedemütigt worden zu sein. Nach der Stunde kommt Marie zu mir, legt mir vor allen Leuten den Arm um die Schultern und meint: »Schatz, das kriegen wir zusammen hin, ich helf dir, okay?«

Das gibt mir den Rest.