Cover

Stephanie Laurens

Küsse im Mondschein

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Elke Bartels

Buch
1825 in England: Die beiden jungen, schönen Zwillingsschwestern Amanda und Amelia Cynster sind verzweifelt: Wie nur sollen sie einen Mann finden, der es wert ist, ein Leben lang geliebt zu werden? Um endlich dem Mann ihrer Träume zu begegnen, haben sie sich einen Plan ausgedacht: Während Amelia ihre Suche im Licht des
Tages beginnen wird, macht Amanda die Nächte unsicher... Gelangweilt von der glitzernden Welt der feinen Londoner Gesellschaft mit ihren wohlhabenden, aber farblosen Verehrern, beschließt Amanda, den Mann ihres Herzens anderswo zu finden. Sie beginnt ihre Suche an Orten, die sich so gar nicht für eine junge Dame ziemen, wie Spielhöllen und die Partys zweifelhafter Ladys -, wo sich aber die »echten« Männer aufhalten sollen. Doch bald schon wandelt sich Amandas gespannte Neugier in Nervosität. Denn aus den Schatten der zwielichtigen Bar löst sich der umwerfende Martin Fulbridge, Earl of Dexter. Amanda ist von diesem sinnlichen und mysteriösen Mann mit dem dunklen Geheimnis sofort fasziniert. Er führt sie ein in die Kunst der Liebe, aber wird sie diesen leidenschaftlichen Löwen auch zähmen können und sein Herz gewinnen...?

Autorin
Stephanie Laurens begann mit dem Schreiben, um etwas Farbe in ihren wissenschaftlichen Alltag zu bringen. Doch bald wurden ihre Bücher so beliebt, dass sie ihr Hobby zum Beruf machte. Sie gehört zu den meistgelesenen und populärsten Liebesroman-Autorinnen der Welt. Stephanie Laurens lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in einem Vorort von Melbourne, Australien.

1
Upper Brook Street, London 20. Februar 1825
 

»Es ist hoffnungslos!« Seufzend ließ Amanda Cynster sich auf dem Bett ihrer Zwillingsschwester auf den Rücken plumpsen. »Es findet sich aber auch nicht ein einziger Gentleman in der gesamten Londoner Gesellschaft, der es wert wäre, in Betracht gezogen zu werden – zumindest zurzeit nicht.«
»Ach, es hat doch schon die gesamten vergangenen fünf Jahre keine diskutablen Männer mehr gegeben – na ja, oder jedenfalls keine, die daran interessiert gewesen wären, sich eine Ehefrau zuzulegen.« Amelia, die ausgestreckt neben Amanda lag, starrte nachdenklich in den Betthimmel empor. »Wir haben gesucht und gesucht -«
»Haben praktisch jeden Stein einzeln umgedreht.«
»Und die einzigen Männer, die auch nur halbwegs von Interesse wären... haben wiederum kein Interesse an uns.«
»Es ist unglaublich, einfach unglaublich!«
»Schlimmer noch: Es ist sogar ausgesprochen deprimierend.«
Die Zwillingsschwestern sahen sich sowohl von der Figur als auch von den Gesichtszügen her einander so ähnlich wie ein Ei dem anderen; sie waren gesegnet mit goldblonden Ringellocken, kornblumenblauen Augen und einem porzellanzarten Teint und hätten ohne Weiteres für La Belle Assemblée Modell stehen können als der Inbegriff der eleganten, wohl erzogenen jungen Dame aus vornehmem Hause – nur dass ihr augenblicklicher Gesichtsausdruck nicht so recht in dieses Bild passte. Amelia blickte nämlich regelrecht angewidert drein, während Amanda eher rebellisch wirkte. »Und trotzdem – ich weigere mich ganz entschieden, meine Ansprüche herunterzuschrauben.«
Was sie von ihrem zukünftigen Ehemann erwarteten und welche Eigenschaften und Vorzüge dieser aufzuweisen haben sollte, darüber hatten die Zwillinge im Laufe der Jahre bereits schier endlose Diskussionen geführt. Dabei unterschieden ihre Ansprüche und Maßstäbe sich nicht wesentlich von denen, die auch ihre Ratgeberinnen für angemessen hielten – als da wären ihre Mutter und Tanten und natürlich die Ehefrauen ihrer Cousins. Amanda und Amelia waren umgeben von starken Frauen, ausnahmslos Damen der Gesellschaft, die allesamt Glück und Zufriedenheit in ihrer Ehe gefunden hatten. Daher stand für die Zwillinge ziemlich zweifelsfrei fest, welche Qualitäten der Mann ihrer Wahl haben müsste.
Er sollte ein Gentleman sein, der sie aufrichtig liebte, ein Mann von Charakter, für den sie und die Kinder, die sie gemeinsam großziehen würden, stets an allererster Stelle ständen. Ein ritterlicher Beschützer und Helfer in der Not, ein Ehegefährte mit einem starken, verlässlichen Arm, der immer für sie da sein würde und ihnen ein Leben in Sicherheit böte. Ein Mann, der die Fähigkeiten, die Intelligenz und die Ansichten seiner Frau schätzte und respektierte, und der sie stets als eine gleichberechtigte Partnerin akzeptierte; ganz egal, wie sehr er selbst auch danach streben mochte, Herr und Meister seiner Welt zu sein. Ein Gentleman mit ausreichend großem Vermögen, um gar nicht erst den Verdacht aufkeimen zu lassen, dass er es in erster Linie auf Amandas und Amelias nicht unbeträchtliche Mitgift abgesehen haben könnte. Ein Mann aus ihrer gesellschaftlichen Sphäre, der über ausreichend einflussreiche Verwandte und gute Beziehungen verfügte, um es sogar mit dem mächtigen Cynster-Clan aufnehmen zu können.
Kurzum, ein Mann voller Leidenschaft und mit viel Familiensinn – Geliebter, Beschützer, Weggefährte. Ehemann.
Amanda schürzte nachdenklich die Lippen. »Es muss doch da draußen irgendwo wenigstens noch ein paar Männer geben, die sich mit unseren Cousins messen können.« Sie sprach von den Bar Cynsters, jener berühmt-berüchtigten sechsköpfigen Gruppe von Herzensbrechern, die sich so lange Zeit über sämtliche Regeln und Gepflogenheiten der Londoner Gesellschaft einfach hinweggesetzt und dabei zahllose junge Damen sehnsüchtig schmachtend hinter sich zurückgelassen hatten – bis schließlich das Schicksal eingriff und ihre Herzen in der Falle der Liebe fing. »Sie können doch nicht einzigartig sein.«
»Sind sie ja auch nicht. Denk nur mal an Chillingworth.«
»Stimmt – aber wenn ich an den denke, denke ich automatisch an Lady Francesca, also hilft mir das auch nicht sonderlich viel weiter. Denn Chillingworth ist bereits vergeben.«
»Außerdem ist er sowieso zu alt für uns. Wir brauchen beide jemanden, der uns altersmäßig näher steht.«
»Aber nicht zu nahe – ich habe reichlich genug von diesen ernsten jungen Männern.« Es war eine geradezu umwerfende Offenbarung für die Zwillinge gewesen, als sie erkannt hatten, dass ihre Cousins – jene arroganten, diktatorischen männlichen Wesen, die sich so lange Zeit als ihre Aufpasser aufgespielt hatten, und die loszuwerden Amanda und Amelia so lange vergeblich versucht hatten – in Wirklichkeit die Verkörperung ihrer Idealvorstellungen waren. Diese Erkenntnis hatte die Fehler und Unzulänglichkeiten der derzeitigen Bewerber um ihre Hand allerdings leider nur noch umso deutlicher hervortreten lassen. »Ich finde, wir müssen endlich selbst etwas unternehmen!«
»Richtig. Wir brauchen einen Plan.«
»Aber einen, der anders ist als der vom letzten oder vorletzten Jahr!« erwiderte Amanda und sah dabei ihre Zwillingsschwester prüfend an; Amelias Ausdruck war gedankenverloren, ihr Blick auf irgendein Bild in der Ferne geheftet, das nur sie selbst sehen konnte. »Und du siehst mir ganz so aus, als hättest du bereits einen und wüsstest schon, wie du vorgehen wirst.«
Amelia drehte sich zu ihrer Schwester um. »Nein, einen Plan kann man das so nicht nennen. Noch nicht. Aber immerhin gibt es durchaus geeignete Gentlemen, bloß dass die wiederum nicht auf der Suche nach einer Ehefrau sind. Mir fällt mindestens einer ein, und es wird bestimmt auch noch andere geben. Ich dachte gerade... vielleicht sollten wir aufhören, immer nur zu warten, und die Dinge besser selbst in die Hand nehmen.«
»Genau der Ansicht bin ich auch. Also, was schlägst du vor?«
Amelia schob energisch das Kinn vor. »Nun ja, ich bin diese ewige Warterei wahrhaftig leid – wir sind mittlerweile immerhin schon dreiundzwanzig! Bis Juni will ich verheiratet sein. Und deshalb werde ich, sobald die Saison beginnt, eine erneute Bewertung vornehmen und eine neue Liste mit Kandidaten aufstellen, und zwar ungeachtet dessen, ob sie nun ans Heiraten denken oder nicht. Und dann habe ich vor, denjenigen auszuwählen, der mir am besten gefällt, und entsprechende Schritte zu unternehmen, um sicherzustellen, dass er mich auch zum Altar führen wird.«
In diesem letzten Satz schwang eine unüberhörbare Entschlossenheit mit. Nachdenklich betrachtete Amanda Amelias Profil. Viele glaubten, sie – Amanda – sei die Eigensinnige, die Stärkere von beiden, diejenige, die deutlich mehr Selbstsicherheit erkennen ließ. Amelia dagegen wirkte so viel ruhiger, und dennoch: In Wirklichkeit verhielt es sich so, dass Amelia diejenige war, die, wenn sie erst einmal ein Ziel ins Auge gefasst hatte, so gut wie unmöglich wieder davon abzubringen war.
Und genau darauf kam es an.
»Du gerissenes kleines Biest! Dann hast du also schon ein Auge auf jemanden geworfen!«
Amelia zog die Nase kraus. »Habe ich, ja, aber so richtig sicher bin ich mir noch nicht. Möglicherweise ist er ja trotz allem nicht die allererste Wahl. Denn wenn man sich nicht darauf versteift, nur unter den Männern auszuwählen, die ihrerseits bereits auf der Suche nach einer Braut sind – na ja, dann wird die Auswahl doch gleich schon wieder etwas bunter.«
»Stimmt.« Amanda ließ sich noch etwas tiefer in die Kissen zurücksinken. »Aber nicht für mich. Denn ich habe mich bereits gründlich umgeschaut.« Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr sie fort: »Wirst du mir nun sagen, wer er ist, oder soll ich raten?«
»Weder noch«, entgegnete Amelia und blickte ihre Schwester an. »Ich weiß nämlich nicht mit Sicherheit, ob er der Richtige ist, und du könntest dich, wenn du eingeweiht bist, womöglich verplappern und ihm somit ungewollt verraten, dass ich an ihm interessiert bin.«
Amanda wägte die Wahrscheinlichkeit ab und musste zugeben, dass die Gefahr des Sichverplapperns durchaus gegeben war; Heuchelei und Verstellung waren nicht ihre starken Seiten. »Na schön, dann eben nicht. Aber wie willst du denn nun sicherstellen, dass er dich zum Altar führt?«
»Genau das weiß ich ja leider noch nicht. Ich weiß nur, dass ich nichts unversucht lassen werde, um ihn genau dorthin zu bekommen.«
Bei diesem grimmig entschlossen klingenden Schwur aus dem Mund ihrer Schwester fühlte Amanda unwillkürlich einen Schauder über ihren Rücken rieseln. Denn sie wusste nur zu gut, was der Ausdruck »nichts unversucht lassen« bei Amelia bedeutete. Es war eine recht riskante Strategie. Dennoch hegte sie kaum Zweifel daran, dass es Amelia mit ihrer Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit schließlich wohl doch gelingen würde, diese Strategie bis zum siegreichen Ende zu verfolgen.
Amelia sah ihre Zwillingsschwester an. »Was ist mit dir? Wie sieht denn dein Plan aus? Und erzähl mir jetzt nicht, dass du keinen hättest; die Mühe kannst du dir nämlich sparen.«
Amanda grinste. Das war das Beste daran, dass sie Zwillinge waren – sie errieten instinktiv die Gedankengänge der jeweils anderen. »Na schön. Ich habe mich natürlich bereits in der eleganten Gesellschaft umgesehen, und nicht nur unter denjenigen männlichen Wesen, die sich dazu herabgelassen haben, anbetungsvoll zu unseren zierlichen Füßchen niederzuknien. Und dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich, da ich innerhalb unserer gesellschaftlichen Kreise offenbar keinen passenden Gentleman finden kann, dann eben außerhalb danach suchen muss.«
»Wo willst du denn außerhalb unserer Kreise heiratsfähige Gentlemen finden?«
»Wo verbrachten denn zum Beispiel unsere Cousins den Großteil ihrer Abende, bevor sie schließlich heirateten?«
»Sie pflegten einige der Bälle und Abendgesellschaften zu besuchen.«
»Ja, schon, aber denk mal ein bisschen genauer zurück, und dann wirst du dich daran erinnern, dass sie immer nur ziemlich widerwillig zu diesen Veranstaltungen gingen, vielleicht zwei Tänze absolvierten und dann so rasch wie möglich wieder verschwanden. Sie sind dort stets nur deshalb erschienen, weil unsere Tanten so hartnäckig darauf bestanden. Aber nicht alle heiratsfähigen Gentlemen – zumindest nicht die, die wir als passende Partie für uns erachten würden – haben weibliche Verwandte, die sie wenigstens ab und zu mal zu irgendwelchen gesellschaftlichen Veranstaltungen schleifen.«
»Aha, und deshalb...« Amelia heftete ihren Blick wieder auf Amandas Gesicht. »Deshalb wirst du nun also in den privaten Clubs und Spielhöllen nach vorteilhaften Partien suchen. Nach Gentlemen, denen wir bisher noch nicht begegnet sind, weil sie sich nie oder nur höchst selten in unseren Kreisen blicken lassen.«
»Ganz genau – in den Clubs und Kasinos und natürlich auch bei den privaten Abendgesellschaften, die in den Salons gewisser Damen stattfinden.«
»Hmmm... scheint mir ein ziemlich guter Plan zu sein.«
»Ich glaube, er bietet eine ganze Menge Möglichkeiten.« Amanda betrachtete Amelias Gesicht. »Willst du nicht zusammen mit mir suchen? Es gibt doch mit Sicherheit mehr als nur eine begehrte Partie, die sich irgendwo dort draußen im Dunkel des Londoner Nachtlebens verbirgt.«
Amelia erwiderte den forschenden Blick ihrer Zwillingsschwester, dann schaute sie gedankenverloren an ihr vorbei. Amelia dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Wenn ich nicht fest entschlossen wäre... aber das bin ich nun mal.«
Ihre Blicke trafen sich abermals, ihrer beider Gedanken waren in vollkommener Übereinstimmung, dann nickte Amanda. »Es ist für uns nun wohl an der Zeit, getrennte Wege zu gehen.« Sie grinste und machte eine dramatische Handbewegung. »Du musst deinen Weg gehen, um deine Listen aufzustellen und deine Tricks unter dem strahlenden Licht der Kronleuchter anzuwenden …«
»Während du?«
»Während ich mein Schicksal in den Schatten suche.«
 

Und in dunkle Schatten getauchte Ecken und Winkel gab es wahrlich genügend im Hauptzimmer von Mellors, der neuesten und verrufensten unter den von der Londoner Schickeria frequentierten Spielhöllen. Doch Amanda widerstand dem Drang, sogleich in das trübe Halbdunkel zu spähen, sondern blieb zunächst brav auf der Türschwelle stehen und ließ ihren Blick stattdessen erst einmal mit kühler, nüchtern-sachlicher Gelassenheit über die anwesenden Gäste schweifen.
Während diese wiederum – wenn auch erheblich weniger nüchtern-sachlich – Amanda in Augenschein nahmen.
An vier der sechs runden Tische hatten sich bereits diverse Gentlemen versammelt, Gestalten mit hart blickenden Augen und schweren Lidern, die, ihre Whiskygläser dicht neben sich, Spielkarten in den Händen hielten. Mit unverhohlener Dreistigkeit musterten sie die junge Frau von Kopf bis Fuß, doch Amanda ignorierte ihre Blicke. An einem etwas größeren Tisch wurde gerade eine Partie Pharo gespielt; zwei Frauen schmiegten sich sirenengleich an zwei der Spieler. Der Bankhalter sah Amanda direkt an, erstarrte für einen Moment mitten in der Bewegung, als ob ihm gerade etwas eingefallen wäre, blickte dann wieder auf den Tisch hinunter und drehte die nächste Karte um.
Neben Amanda stand Reggie Carmarthen, Freund aus Kindheitstagen und außerordentlich widerwilliger Begleiter, und zupfte sie verstohlen am Ärmel. »Hier ist nichts zu holen, wirklich. Wenn wir jetzt gehen, schaffen wir es noch rechtzeitig zu Henry’s, bevor das Abendessen dort zu Ende ist.«
Amanda beendete ihre erste, flüchtige Begutachtung der Anwesenden und wandte sich zu Reggie um. »Woher willst du denn wissen, dass hier nichts zu holen ist? Wir sind doch gerade eben erst gekommen, und in den Ecken ist es dunkel.«
Die Inhaber hatten das Etablissement an der Duke Street mit dunkelbraunen Velourstapeten, passenden Ledersesseln und Tischen aus Holz ausgestattet. Beleuchtet lediglich von in relativ großen Abständen angebrachten Wandleuchtern, war das Ergebnis eine dämmrige Höhle mit eindeutig maskulin anmutendem Anstrich. Wieder sah Amanda sich forschend im Raum um, und dabei überkam sie eine vage Ahnung von Gefahr, ein plötzliches Gefühl der Nervosität, das eine prickelnde Gänsehaut auf ihren Armen erzeugte. Energisch hob sie das Kinn. »Lass mich erst mal einen Rundgang machen, und dann werden wir ja sehen. Wenn ich feststellen sollte, dass es hier wirklich gar nichts zu holen gibt, dann können wir von mir aus wieder gehen.« Reggie wusste nur allzu gut, was Amanda sich holen wollte, auch wenn er dieses Unterfangen definitiv nicht gutheißen konnte. Sie hakte ihn kurzerhand unter und lächelte ihn begütigend an. »Du kannst doch nicht jetzt schon wieder zum Rückzug blasen.«
»Was vermutlich so viel heißen soll, wie dass du ohnehin nicht auf mich hören würdest, selbst wenn ich es täte.«
Amanda und Reggie sprachen nur leise – aus Rücksichtnahme auf diejenigen, die sich auf ihr Spiel zu konzentrieren versuchten. Unterdessen dirigierte sie ihn in Richtung der Spieltische. Jeder, der sie beide so sah, konnte eigentlich nur zu einer möglichen Schlussfolgerung gelangen – nämlich, dass Reggie ihr Verehrer war, und dass sie ihn dazu überredet hatte, sie zu einer Art Mutprobe mit hierher zu nehmen. Und Amanda tat auch nichts, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Denn es stimmte ja schließlich; sie hatte ihn dazu überredet, sie in dieses zwielichtige Etablissement mitzunehmen, obgleich der wahre Sinn und Zweck ihres Besuches noch um einiges schockierender war als ein derartiges Experiment.
Da die Spielhölle erst kürzlich eröffnet worden war, hatte sie die übelsten Windhunde und Draufgänger angelockt, die stets das Neueste in puncto Zerstreuung und Ausschweifung suchten. Hätte Amanda in den respektableren Lokalen und Vergnügungsstätten irgendetwas nach ihrem Geschmack gefunden, so wäre sie selbstverständlich überhaupt niemals auf den Gedanken gekommen, an diesem anrüchigen Ort ihr Glück zu versuchen. Aber durch die etablierten Kasinos und Salons hatte sie bereits in den vergangenen zwei Wochen die Runde gemacht – vergeblich. Insofern war ihre Anwesenheit hier – an diesem Abend, in diesem Raum, in dem die einzigen männlichen Gesichter außer dem von Reggie solche waren, die sie lieber nicht wahrnehmen würde – ein Maßstab für ihre Verzweiflung.
Während sie also an Reggies Arm durch die Räumlichkeiten stolzierte und dabei stets ein naives, ganz und gar unechtes Interesse an den jeweiligen Spielen vortäuschte, warf sie heimlich einen prüfenden Blick auf die Spieler – und musste zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass sie allesamt nicht ihren Vorstellungen entsprachen.
Wo um alles in der Welt so jammerte sie innerlich, steckt er denn bloß, jener Gentleman, der der einzig Richtige für mich ist?
Schließlich erreichten sie den letzten der großen Spieltische und blieben für einen Moment stehen. Dieser Raum war von einer beachtlichen Tiefe und war insgesamt doppelt so groß wie jener Teil, den sie bereits durchschritten hatten. Der vor ihnen liegende Bereich war in scheinbar undurchdringliche Düsterkeit getaucht, die einzige Beleuchtung spendeten zwei Wandlampen, die jedoch nur spärlich Licht gaben. Hier und dort hatte man große Lehnsessel zu kleinen Gruppen angeordnet; diejenigen, die in diesen Sesseln Platz genommen hatten, waren in dem trüben Licht allerdings kaum wahrzunehmen. Zwischen den Sitzgelegenheiten standen kleine Tische, und Amanda sah, wie eine langfingrige weiße Hand mit lässiger Geste eine Spielkarte auf eine blank polierte Tischplatte warf. Es war ganz klar, dass dieses Ende des Raumes für jene Art von Glücksspiel reserviert war, bei der es richtig hart zur Sache ging.
Für die richtig hartgesottenen, gefährlichen Spieler.
Noch ehe Amanda entscheiden konnte, ob sie tatsächlich dazu bereit war, in jenen Bereich vorzudringen, der mehr wie eine schummrige Höhle wirkte als wie ein Salon, beendete eine der Gruppen, an denen sie gerade vorbeigegangen waren, ihre Partie. Karten landeten klatschend auf dem Tisch, derbe Scherze mischten sich mit Flüchen, Stuhlbeine scharrten über den Boden.
Gemeinsam mit Reggie wandte Amanda sich um – und stellte fest, dass sie soeben Gegenstand der Betrachtung von vier männlichen Augenpaaren geworden war, allesamt kalt und unverhohlen abschätzend und von einem metallischen Glanz erfüllt, allesamt eindringlich auf sie gerichtet.
Der Mann, der ihr am nächsten war, erhob sich von seinem Platz und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sodass er Reggie noch um einen Kopf überragte. Einer seiner Gefährten folgte seinem Beispiel und stand ebenfalls auf. Er grinste.
Lüstern.
Der erste Gentleman bemühte sich noch nicht einmal mehr um ein Lächeln. Mit ausgesprochen anmaßender Miene machte er einen schwankenden Schritt vorwärts, dann schweifte sein Blick ganz plötzlich an seinen Mitspielern vorbei, und er stutzte.
»Nanu, was sagt man denn dazu? Also, wenn das nicht die kleine Miss Cynster ist! Ihr seid wohl hergekommen, um mal zu sehen, wie die andere Hälfte sich so amüsiert, wie?«
Mit wahrhaft majestätischer Gelassenheit wandte Amanda sich dem Fremden zu; trotz der Tatsache, dass er größer war als sie, blickte sie ihn betont von oben herab an. Und als sie schließlich erkannte, wen genau sie da vor sich hatte, reckte sie ihr Kinn noch eine Idee höher. »Lord Connor.« Sie machte einen Knicks vor ihm – schließlich war er ein Graf -, ließ diese Geste der Ehrerbietung aber bewusst wie eine belanglose Formalität erscheinen; denn ihr gesellschaftlicher Status war noch höher als der seine.
Der Graf war ein verkommenes Subjekt, ein Taugenichts, wie er im Buche stand, zugeschnitten nach einem von Gott verworfenen Muster, für das glücklicherweise die Schablone verloren gegangen war. Ihm eilte der Ruf voraus, ein Lüstling zu sein, der mit sämtlichen Lastern behaftet war und als höchst zwielichtig und übel beleumundet galt. Das anzügliche Funkeln in seinen blassen Augen, deren eines Lid dank eines lange zurückliegenden Duells permanent auf halbmast hing, deutete allerdings darauf hin, dass die Gerüchte in seinem speziellen Fall eher noch untertrieben waren. Von einer beträchtlichen Leibesfülle – tatsächlich schien er beinahe noch breiter zu sein, als er lang war -, hatte Connor einen schwerfälligen Gang, fahle Haut und ausgeprägte Hängebacken, was ihn alt genug erscheinen ließ, dass er Amandas Vater hätte sein können, nur dass sein volles, dunkelbraunes Haar noch keine einzige graue Strähne aufwies.
»Nun? Seid Ihr bloß hier, um zu gaffen, oder seid Ihr zum Spielen aufgelegt?« Connors fleischige Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Die Falten, die Jahre der Ausschweifungen in seine Haut gegraben hatten, vertieften sich noch. »Bestimmt wollt Ihr doch jetzt, nachdem Ihr Euch nun schon einmal durch die Türen von Mellors gewagt habt, nicht einfach wieder gehen, ohne ein ganz klein wenig zu riskieren? Ohne einmal Euer Cynster-Glück zu versuchen? Wie ich gehört habe, seid Ihr bei Euren Streifzügen durch die Stadt doch bisher immer recht erfolgreich gewesen.«
Reggie schloss seine Finger um Amandas Handgelenk. »Eigentlich sind wir bloß -«
»Bloß was? Auf der Suche nach der richtigen Herausforderung? Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich Euch da nicht behilflich sein kann. Wie wär’s mit einem Robber Whist?«
Amanda sah Reggie nicht an – sie wusste genau, was er gerade dachte, aber sie wollte verdammt sein, wenn sie jetzt feige den Schwanz einkneifen und davonlaufen würde, nur weil ein Mann von Connors Sorte sich an sie heranzumachen versuchte. Sie setzte einen Ausdruck amüsierter Überheblichkeit auf. »Ich kann mir nicht so ganz vorstellen, Mylord, dass es Euch sonderlich großes Vergnügen bereiten würde, den Sieg über eine Anfängerin wie mich zu erringen.«
»Ganz im Gegenteil«, in Connors Stimme schwang jetzt ein härterer Unterton mit, »ich rechne sogar fest damit, dass ich mich amüsieren werde, komme, was da wolle.« Er lächelte – ein hinterhältiges, schleimiges Lächeln – und fixierte sein Opfer. »Ich habe gehört, dass Ihr ein geschicktes Händchen im Umgang mit Karten hättet – da werdet Ihr Euch diese Chance, Eure Fähigkeiten gegen meine zu erproben, doch sicherlich nicht entgehen lassen, oder?«
»Nein!«, zischte Reggie neben ihr warnend.
Amanda wusste, sie sollte sich auf keinen Fall auf Connors Herausforderung einlassen, sondern ihn kühl abservieren und sich von Reggie hinausbegleiten lassen; doch sie konnte den Gedanken nicht ertragen – sie konnte es schlicht und einfach nicht -, dass dann Connor und sämtliche anwesenden Gentlemen zuerst vielsagend hinter ihr hergrinsen würden, um schließlich, kaum dass sie draußen war, höhnisch über sie zu lachen.
»Whist?«, hörte sie sich sagen. Reggie neben ihr stöhnte unterdrückt.
Sie war recht gut bewandert in dem Spiel und hatte auch tatsächlich oft Glück mit Karten, doch sie war nicht so töricht, sich einzubilden, dass sie es mit einem Spieler wie Connor aufnehmen könnte. Amanda tat so, als dächte sie ernsthaft über seinen Vorschlag nach – wohl wissend, dass mittlerweile aller Augen auf ihnen beiden ruhten -, dann schüttelte sie den Kopf, ein ablehnendes Lächeln auf den Lippen. »Ich denke-«
»Ich habe eine hübsche kleine Stute, reinrassiges arabisches Vollblut. Hatte sie eigentlich zur Zucht gekauft, aber wie sich mittlerweile herausgestellt hat, ist sie verflixt wählerisch und alles andere als gefügig. Sie müsste also eigentlich ganz nach Eurem Geschmack sein.« Dieser Kommentar war nur gerade eben noch so beiläufig dahergesagt, dass man ihn noch nicht zwangsläufig als Beleidigung auffassen musste. Connor lächelte – ein ganz entschieden zu durchtriebenes Lächeln. »Übrigens bin ich Eurem Cousin Demon beim Kauf des Tieres zuvorgekommen.«
Diese letzte Bemerkung hatte Connor ganz zweifellos nur eingeworfen, um Amandas Interesse zu wecken; stattdessen stachelte sie aber ihren Stolz an.
»Nein!«, flüsterte Reggie neben ihr mit wachsender Verzweiflung.
Amanda sah Connor in die Augen und zog arrogant eine Braue hoch. Ihr Lächeln war schon vor geraumer Zeit verblasst. »Eine Stute, sagt Ihr?«
Connor nickte leicht. »Ist ein kleines Vermögen wert, das Tier.« Sein Ton ließ darauf schließen, dass ihm gerade gewisse Zweifel an der Klugheit seines Wetteinsatzes kamen.
Einen kurzen Augenblick lang schwankte Amanda, drauf und dran, seine Herausforderung anzunehmen; dann aber meldete sich die Vorsicht zu Wort. Denn sie, Amanda, musste ja nicht unbedingt gegen Connor spielen; es würde vollkommen ausreichen, wenn sie stattdessen einfach eine Partie gegen einige der Stutzer wagte, die bereits überaus neugierig dreinschauten und das Geschehen interessiert verfolgten. Das würde mit Sicherheit bereits genügen, um sie davor zu bewahren, als Dilettantin und Stümperin abgestempelt zu werden, als ein unbedarftes Dämchen, das seine Fähigkeiten entschieden überschätzte und sich ein bisschen zu viel vorgenommen hatte. Denn eines stand fest: Sie konnte es sich nicht leisten, von der Spieler-Clique, in der sich womöglich ihr zukünftiger Ehemann versteckte, mit Verachtung abgetan zu werden. Die Frage war nur, wie sie Connors Falle wieder entschlüpfen sollte.
Die Antwort lag klar auf der Hand. Amanda verzog die Lippen zu einem charmanten Lächeln und murmelte: »Wie faszinierend. Leider muss ich jedoch passen, da ich nichts habe, was ich Euch im Gegenzug für einen solch wertvollen Einsatz anbieten könnte.«
Sie wandte sich ab und sah die beiden draufgängerisch anmutenden Burschen an, die bereits langsam auf sie zukamen und sie ganz dreist und unverhohlen von Kopf bis Fuß musterten. Unter Amandas prüfendem Blick strafften diese unwillkürlich die Schultern.
»Noch nicht einmal drei Stunden Eurer Zeit?«, knurrte Connor.
Amanda fuhr herum und starrte ihn an. »Drei Stunden?«
»Drei Stunden, die Ihr an meiner Seite zu verbringen hättet« – Connor machte eine betont großmütige Handbewegung -, »wobei die Wahl der Umgebung voll und ganz Euch überlassen bleiben würde.« Diese letzte Bemerkung war von einem ausgesprochen anzüglichen Grinsen begleitet.
Er machte sich über sie lustig. Alle würden sich über sie lustig machen und sie verhöhnen, wenn sie jetzt davonlief.
Am allerhöhnischsten aber würde sie selbst über sich lachen.
Trotzig hob Amanda das Kinn. »Meine Zeit ist äußerst kostbar.«
Connor verzog spöttisch die Lippen. »Was Ihr nicht sagt!«
»Aber ich möchte doch behaupten, dass diese Stute von Euch ebenfalls kostbar ist.« Ihr Herz hämmerte vor Aufregung. Sie lächelte herablassend. »Nun ja, aber das muss sie wohl auch sein, wenn Demon an ihr interessiert war.« Plötzlich hellte ihre Miene sich auf. »Wenn ich gewinne, werde ich sie ihm schenken.«
Er würde ihr den Hals umdrehen.
Reggie stieß ein deutlich vernehmbares Stöhnen aus. Lächelnd sah Amanda Connor in die Augen. »Ein Robber Whist, glaube ich, sagtet Ihr?«
Damit hatte sie endgültig die Grenze überschritten und sich auf wirklich gefährliches Terrain vorgewagt. Noch während sie die Worte aussprach, noch während sie den kalten, berechnenden Ausdruck wahrnahm, der plötzlich in Connors Augen erschien, verspürte Amanda ein elektrisierendes Gefühl der Erregung in sich aufsteigen, stärker als alles, was sie je zuvor empfunden hatte. Gespannte Erwartung, vermischt mit einer Spur von Furcht, durchströmte sie; die Intensität dieses Gefühls trieb sie an. »Euer Partner?« Sie sah Connor fragend an.
Mit ausdrucksloser Miene winkte er zu dem düsteren Ende des Raumes hinüber. »Meredith.«
Aus einem der Lehnsessel erhob sich ein dünner Gentleman und verbeugte sich steif.
»Er sagt zwar wenig, hat aber ein ausgezeichnetes Kartengedächtnis.« Connors Blick schweifte zu Reggie hinüber. »Und wer wird Euer Partner sein, Miss Cynster? Carmarthen hier?«
»Nein.« Reggies Ton ließ unzweideutig erkennen, dass er für sich persönlich eine Grenze gezogen hatte und sich auch nicht dazu verleiten lassen würde, diese zu überschreiten. Aufgebracht zog er an Amandas Arm. »Das ist doch der helle Wahnsinn! Komm jetzt, lass uns gehen, sofort! Was kümmert es dich, was solche Subjekte von dir denken? Das kann dir doch völlig gleichgültig sein.«
Es war ihr aber eben nicht gleichgültig – und genau da lag der Hase im Pfeffer. Sie konnte es nicht erklären, und doch konnte sie sich nicht vorstellen, dass einer ihrer Cousins Connors nur spärlich verhüllten Beleidigungen aus dem Weg gegangen wäre. Nicht, bevor er nicht Vergeltung dafür eingefordert hätte.
Und es klang ganz so, als ob Connors Araberstute genau das richtige Maß an Vergeltung wäre. Und selbst wenn sie die Partie verlöre, dann würde sie sich immer noch ein ganz besonderes Vergnügen daraus machen festzulegen, wo genau sie die geforderten drei Stunden an Connors Seite verbringen würde. Vergeltung, jawohl! Das würde den Kerl lehren, sich nicht über Damen des Cynster-Clans lustig zu machen, ganz gleich, wie jung sie auch sein mochten!
Aber zuerst musste sie noch einen Whistpartner finden, und zwar vorzugsweise einen, der ihr dabei helfen würde zu gewinnen. Amanda verschwendete nicht eine Sekunde mit dem Versuch, Reggie zum Mitspielen zu überreden – der hatte ja schon Schwierigkeiten damit, sich die Farben der Karten zu merken! Sie lächelte ihm beruhigend zu, um seine wachsende Besorgnis zu zerstreuen, dann wandte sie sich ab, um ihren Blick durch den Raum wandern zu lassen und die Spieler an den anderen Tischen in Augenschein zu nehmen – wobei an allen Tischen mittlerweile jegliche Aktivität zum Erliegen gekommen war.
Es musste doch wohl irgendeinen Gentleman geben, der bereit war, ihr zu Hilfe zu kommen...
Ihre Stimmung sank schlagartig. Keiner der Anwesenden ließ heiteres, augenzwinkerndes Interesse erkennen, auf keinem der Gesichter zeichnete sich jene verschmitzt-verwegene Miene ab, die Amanda zu sehen erwartet hatte, und die zu besagen schien: »Ich bin bereit, bei jedem Spaß mitzumachen.« Stattdessen glitzerte Berechnung, eiskalt und unverhüllt, in den Augen sämtlicher Männer. Die Gleichung, die sie alle gerade aufstellten, war nicht schwer zu begreifen: Wie viel würde sie, Amanda, dafür geben, um vor Connor gerettet zu werden?
Ein Blick in die Runde genügte. Für die Männer an den Spieltischen war sie ein leichtes Opfer, eine saftige, arglose Taube, reif zum Rupfen. Das Hochgefühl und die prickelnde Erwartung, die Amanda gerade eben noch empfunden hatte, schwanden schlagartig und machten einem flauen Gefühl in ihrer Magengrube Platz.
In Anbetracht des genauen Wortlauts ihrer Wette war sie zwar überzeugt, dass Connor sie nicht in eine Falle gelockt hatte, sondern dass es tatsächlich nur um die Stute gegen drei Stunden in ihrer, Amandas, Gesellschaft ging. Sie hatte die Wette selbstverständlich annehmen müssen, das war sie ihrem Stolz schuldig. Allerdings stellte sich auch die Frage, wie sie am Ende des Spiels dastehen würde, wenn sie einen dieser Männer zu ihrem Whistpartner nahm.
Triumphierend, das sicherlich, und zwar ungeachtet dessen, wie das Ergebnis auch lauten mochte; aber auch mit einer weiteren, womöglich noch gefahrvolleren Spielschuld, die dann auf ihr lasten würde.
Wieder ließ Amanda ihren Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen, sah den Männern einem nach dem anderen flehend in die Augen. Und dabei wurde ihr immer beklommener zumute. Sicherlich gab es doch wohl einen Gentleman, der ehrenhaft genug war, um sich einfach nur aus Spaß an der Freude als ihr Spielpartner zur Verfügung zu stellen, oder?
Ganz allmählich keimte hier und dort ein Lächeln auf einem der Gesichter auf. Stühle wurden zurückgeschoben und scharrten über den Boden. Eine Reihe von Gentlemen erhob sich...
Es half alles nichts – Reggie würde als ihr Partner herhalten müssen, ganz gleich, wie sehr sie auch bitten und betteln musste.
In genau dem Augenblick jedoch, als Amanda sich zu ihrem Begleiter umwandte, wurde die Aufmerksamkeit der ihr gegenüberstehenden Männer plötzlich durch irgendetwas abgelenkt, irgendetwas, das sich hinter Amanda und Reggie in den dunklen Tiefen des Salons verbarg.
Sowohl Amanda als auch Reggie drehten sich in die Richtung um, in die die Spieler starrten.
Und tatsächlich: In dem trüben Halbdunkel regte sich etwas. Etwas Großes.
Aus einem der Sessel am Ende des Raumes erhob sich eine dunkle Gestalt. Ein Mann, breitschultrig und hoch gewachsen. Mit einer lässigen Grazie, die in Anbetracht seiner Körpergröße nur noch umso unwiderstehlicher war, kam er gemächlich auf sie zugeschlendert.
Während er sich der Gruppe näherte, fielen die Schatten nach und nach von ihm ab. Dann erreichte ihn das Licht der Lampen und beleuchtete endlich auch einige Einzelheiten – einen Überrock, der nur von einem der exklusivsten Herrenschneider Londons stammen konnte, in Kombination mit tadellos sitzenden Hosen aus feinem Tuch, das sich um muskulöse Schenkel schmiegte, bevor es in elegantem Fall an seinen langen Beinen hinabfloss. Vervollständigt wurde das Bild durch ein kunstvoll gebundenes elfenbeinfarbenes Halstuch und eine matt schimmernde Seidenweste von erlesener Eleganz. Seine Körperhaltung und sein Auftreten, lässig und vornehm-zurückhaltend zugleich, strahlten Selbstsicherheit aus und noch mehr – nämlich einen unumstößlichen Glauben an seine eigene Fähigkeit, Erfolg zu haben, ganz gleich, welcher Art das Problem oder die Aufgabe, die es zu bewältigen galt, auch sein mochte.
Sein Haar war dicht und braun und von einer Fülle, die sich in modischer Unordnung um seinen Kopf schmiegte, in weichen Wellen seine hohe Stirn beschattete und ihm bis zum Rockkragen reichte. Der Lichtschein der Kerzen verlieh einigen etwas helleren Strähnen einen satt goldenen Glanz und verwandelte das Ganze in eine lohfarbene Mähne.
Er kam unaufhaltsam näher. Die Art, wie er sich auf sie zubewegte, wirkte zwar in keiner Weise bedrohlich, und dennoch haftete jedem seiner langen, raubtierhaft-geschmeidigen Schritte eine Spur von nur mühsam gebändigter Kraft und Energie an.
Schließlich trat er vollends aus dem Halbdunkel heraus, und das Kerzenlicht enthüllte sein Gesicht.
Amanda stockte der Atem.
Fein modellierte, hohe Wangenknochen grenzten an die glatte Fläche seiner Wangen, die – schmal waren und an den Stellen, wo sie in die Kieferpartie übergingen, von der Andeutung eines dunklen Bartschattens bedeckt – zu einem kantigen, äußerst energisch anmutenden Kinn ausliefen. Seine Nase war gerade und klassisch geformt, ein eindeutiger Hinweis auf seine Abstammung. Seine Augen waren groß und von schweren Lidern beschattet, seine Brauen wiesen eine ausgeprägt schwungvolle Form auf. Und was seine Lippen anging, so war die Oberlippe gerade und fein gezeichnet, die Unterlippe hingegen voll und unverkennbar sinnlich. Er hatte ein Gesicht, das Amanda augenblicklich erkannte – nicht speziell als das seine, das nicht, sondern eher im allgemeinen Sinne. Ein Gesicht, das von ebenso vornehm elegantem Schnitt war wie seine Kleidung, das ebenso markant und energisch war wie seine Haltung und sein Auftreten.
Augen von der Farbe grünen Achats sahen Amanda an und hielten ihren Blick fest, als er schließlich vor ihr stehen blieb.
Von der Habgier und der Rücksichtslosigkeit, die sich so deutlich in den Blicken und auf den Gesichtern der anderen Männer abzeichneten, war bei ihm nichts zu spüren; Amanda musterte ihn aufmerksam, konnte aber auch bei näherem Hinsehen keine Spur von verschleierter Absicht in seinen changierenden Augen entdecken. Das Einzige, was sie in seinem Blick sah, was sie an ihm spürte, war Verständnis – das und selbstironische Belustigung.
»Falls Ihr einen Partner braucht… Es wäre mir eine Ehre, Euch aushelfen zu dürfen.«
Die Stimme passte zu seinem Körper – tief, kehlig, ein klein wenig rau -, so als ob sie zu wenig gebraucht worden wäre und infolgedessen eingerostet war. Amanda fühlte seine Worte ebenso deutlich, wie sie sie hörte, spürte, wie ihre Sinne schlagartig erwachten und ihr Herz höher zu schlagen begann. Seinen Blick unbewegt auf ihr Gesicht gerichtet, musterte er kurz ihre Züge, bevor er ihr abermals ruhig und unverwandt in die Augen sah. Obwohl er nicht zu Reggie hinübergeblickt hatte, wusste Amanda, dass ihm keineswegs entgangen war, wie ihr Freund sie unentwegt am Ärmel zupfte und dabei zusammenhanglose Ermahnungen zischte.
»Danke.« Sie vertraute dem Fremden – vertraute jenen achatgrünen Augen. Und sollte sie sich irren, so war ihr das auch egal. »Miss Amanda Cynster.« Sie reichte ihm die Hand. »Und Ihr seid?«
Er ergriff ihre Hand, und seine Lippen verzogen sich zu einem leisen Lächeln, als er sich elegant vor ihr verbeugte. »Martin.«
Amanda bezweifelte allerdings stark, dass er ein Mister Martin war. Dann doch wohl eher Lord Martin. Sie erinnerte sich vage daran, schon einmal von einem Lord Martin gehört zu haben.
Martin ließ ihre Hand wieder los und wandte sich an Connor. »Ich gehe doch wohl recht in der Annahme, dass Ihr nichts dagegen einzuwenden habt?«
Als Amanda Martins Blick folgte, erkannte sie, dass Connor durchaus einen Einwand hatte – sogar einen sehr schwerwiegenden, wenn der finstere Ausdruck in seinen Augen die Wahrheit sprach. Wundervoll! Perfekt! Vielleicht würde Connor jetzt ja einen Rückzieher machen …
Noch während ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, wurde ihr klar, wie unwahrscheinlich das wäre. Männer und ihre albernen Regeln!
Und tatsächlich nickte Connor denn auch prompt zustimmend. Er hätte zwar am liebsten protestiert, hatte aber das Gefühl, dass er das nicht konnte.
Amanda sah Reggie an. Der Gesichtsausdruck ihres Begleiters war zutiefst erschrocken, über alle Maßen fassungslos. Er öffnete den Mund. Sein Blick schnellte an ihr vorbei, dann kniff er die Lippen langsam zu einer schmalen Linie zusammen. »Ich hoffe nur, du weißt, was du tust.«
Leise drang sein Gemurmel an ihr Ohr, während sie sich gerade zu ihrem neuen Partner umwandte.
Martin hielt den Blick derweil auf Connor gerichtet. »Vielleicht sollten wir jetzt anfangen.« Er wies in das Halbdunkel im hinteren Teil des Raumes.
»In der Tat.« Schwerfällig drehte Connor sich um und stampfte hinüber in das trübe Zwielicht. »Die Nachtstunden haben so etwas Beflügelndes an sich.«
Bei dem Gedanken an die Düsterkeit, die sie erwartete, musste Amanda unwillkürlich eine Grimasse unterdrücken. Sie schaute auf und stellte fest, dass Martins Blick wieder auf ihrem Gesicht ruhte; dann sah er über ihren Kopf hinweg zum anderen Ende des Raumes hinüber. »Zwei frische Päckchen Spielkarten, bitte, Mellors.« Martins Blick kehrte zu Amandas Gesicht zurück. »Und zwei brennende Armleuchter.«
Er zögerte einen flüchtigen Moment, dann bot er Amanda seinen Arm. »Wollen wir?«
Sie lächelte, legte ihre Hand auf seinen Arm und spürte augenblicklich die stählerne Kraft der Muskeln unter dem Stoff. Er führte sie zu jener Ecke hinüber, in der Connor und Meredith bereits standen und warteten.
»Seid Ihr ein guter Spieler, Sir?«, wollte Amanda von ihrem Whistpartner wissen.
Mit einem amüsierten Zucken um die Mundwinkel blickte Martin auf sie hinunter. »Ich gelte eigentlich als ganz passabler Spieler.«
»Das ist gut, weil Connor nämlich ein Experte ist, und ich bin es nicht. Und ich denke, er spielt häufig mit Meredith zusammen.«
Nach einem kurzen Moment des Schweigens fragte Martin: »Und Ihr? Wie gut spielt Ihr?«
»Einigermaßen gut, aber Connors Klasse habe ich nicht.«
»In diesem Fall werden wir beide schon irgendwie zurechtkommen.« Als sie sich den anderen näherten, senkte er die Stimme. »Spielt offen und ehrlich und ohne irgendwelche krummen Touren. Versucht nicht, besonders raffiniert oder gerissen zu sein. Das überlasst besser mir.«
Für weitere Instruktionen blieb ihm keine Zeit mehr, doch seine Anweisungen waren auch so klar genug. Und Amanda hielt sich an sie, als die erste Partie in Gang kam. Sie hatten die Ecke, in der sie saßen, ganz für sich. Reggie lümmelte mit gekrümmtem Rücken in einem Lehnsessel in einigen Metern Entfernung und schaute missmutig zu. Connor saß auf Amandas linker Seite, Meredith rechts von ihr. Als Mellors mit den bereits angezündeten Armleuchtern erschien, zuckten sowohl Connor als auch Meredith sichtlich zusammen.
Seelenruhig wies Martin Mellors an, die Kandelaber auf kleine Tische zu beiden Seiten von Amandas Sessel zu stellen. Connor warf Martin einen giftigen Blick zu, sagte aber nichts; Martin, so schien es, übte jene gewisse Art von Autorität aus, die nur wenige anzuzweifeln wagten. Eingehüllt in den goldenen Schein der Kerzen, fühlte Amanda sich nun schon erheblich wohler. Sie entspannte sich und merkte, dass es ihr bei dem hellen Licht doch um einiges leichter fiel, sich zu konzentrieren.
Die erste Partie bestand aus einer Reihe von Tests, bei der die Gegner einander einzuschätzen versuchten – Connor prüfte Amandas und auch Martins Stärken und Schwächen, während Martin wiederum sowohl Connor als auch Meredith taxierte und dabei zugleich genauestens Amandas Spielweise verfolgte. Wie so oft hatte sie ausgesprochen gute Karten, doch einen Gegner von Connors Kaliber zu schlagen war keine leichte Aufgabe. Und dennoch, dank Martins geschickter Führung hatten sie Erfolg und gewannen die erste Partie.
Da beim Robber die beste von drei Partien den Ausschlag gab, war Amanda geradezu entzückt über den Sieg. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, streckte die Arme und lächelte Mellors an, als dieser ihr ein Glas Champagner servierte. Rund um sie herum wurden weitere Gläser verteilt. Amanda trank einen großen Schluck, nippte dann aber nur noch an der perlenden Flüssigkeit. Die Männer hingegen stürzten ihren Champagner in zwei Zügen hinunter, woraufhin Mellors die Gläser gleich wieder vollschenkte, und zwar einschließlich Amandas.
Martin hob ab, Connor gab, und die zweite Partie begann.
Als ein Blatt auf das andere folgte, war Martin sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht sicher, ob er gewinnen würde. Und noch erstaunlicher war, dass ihm selbst das eigentlich gar nichts ausmachte, sondern dass es ihn in erster Linie um des Engels willen beunruhigte, der ihm da gegenübersaß. Jenes bezaubernde Geschöpf mit dem blonden Lockenschopf, der im flackernden Licht der Kerzen wie von einem filigranen Muster aus Gold überzogen schien. Es war üppig und dicht und glänzend, ihr Haar. Und es juckte Martin förmlich in den Fingern, es zu berühren, zu streicheln – und nicht nur ihr Haar. Ihr Teint war makellos, von jener milchweißen Vollkommenheit, die sich nur bei einem bestimmten englischen Mädchentyp fand. Viele bemühten sich angestrengt darum, mit diversen Mittelchen und Cremes die gleiche Wirkung zu erzielen, doch Amanda Cynsters Haut war von Natur aus wie glatter, fleckenloser Alabaster.
Und was ihre Augen anging – die waren kornblumenblau, von der gleichen intensiven Farbnuance wie die teuersten Saphire. Sie waren Kleinode im wahrsten Sinne des Wortes. Und sie hatten etwas ausgesprochen Waches, Aufgewecktes und zugleich seltsam Unschuldiges an sich, und doch... und doch war Amanda Cynster nicht kindlich-naiv, sondern einfach noch gänzlich unberührt von weltlichem Zynismus. Noch nicht vom Unrat des Lebens befleckt. Sie war noch Jungfrau, da war Martin sich ganz sicher.
Für einen Kenner seines hoch entwickelten, ausgeprägt exotischen Geschmacks war sie die vollkommene englische Rose.
Eine Rose, die nur darauf wartete, gepflückt zu werden.
Und genau das wäre mit großer Wahrscheinlichkeit am Ende dieses Abends mit ihr passiert, wenn er, Martin, nicht eingeschritten wäre. Was zum Teufel sie sich eigentlich dabei dachte, ihren Fuß in diese Spielhölle zu setzen und sich darin herumzutreiben wie ein Köder in einem Teich voller hungriger Forellen, das war ihm völlig schleierhaft.
In Wahrheit wollte er auch lieber nicht allzu intensiv über sie und ihre Einfälle, ihr Tun, ihre Wünsche und Sehnsüchte nachdenken. Denn sein einziger Beweggrund dafür, sie aus dem Loch herauszuziehen, in das sie gefallen war, war rein altruistischer Natur. Er hatte beobachtet, wie sie zunächst noch versucht hatte, dem alten Wüstling Connor auszuweichen und sich dabei trotzdem ihren Stolz zu bewahren. Und er hatte verstanden, warum sie sich plötzlich auf die Hinterbeine gestellt, sich gegen die Beleidigungen aufgelehnt und sich dann aller Vernunft und Vorsicht zum Trotz doch dazu hatte hinreißen lassen, Connors Herausforderung anzunehmen.
Er wusste nämlich nur zu gut, was es bedeutete, seinen Stolz zu verlieren.
Aber sobald sie gewonnen hatten und Amanda in Sicherheit war, würde er sich wieder zurückziehen und in die Schatten zurückkehren, dorthin, wo er hingehörte.
Schweren Herzens, wie er zugeben musste, und dennoch war an seinem Entschluss nicht zu rütteln.
Amanda Cynster war nun einmal nicht für ihn bestimmt und würde es auch niemals sein. Er hatte ihrer Welt schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt.
Der letzte Stich ging an Connor. Martin überflog die Liste mit den erzielten Punkten, die Connor führte und zwischen ihnen beiden auf dem Tisch liegen hatte. Noch eine weitere Runde, und dann würden – sofern die Götter nicht ganz unerwartet eingriffen – Connor und Meredith die aktuelle Partie gewinnen und somit den Spielstand ausgleichen.
Höchste Zeit, die Taktik zu ändern.
Die nächste Runde verlief genauso, wie Martin es vorausgesehen hatte. Connor frohlockte bereits und rief nach mehr Champagner, während er die Karten für die erste Runde des entscheidenden Spiels mischte. Martin, der die leichte Röte auf den Wangen seiner Partnerin bemerkte, winkte Mellors näher zu sich, als dieser sich gerade vorbeugte, um das Glas seines Gastes neu zu füllen, und gab ihm mit gedämpfter Stimme seine eigenen Anweisungen.
Mellors hatte ein gutes Gespür dafür, wer unter seinen reicheren Stammgästen welchen Rang bekleidete. Als er auf dem Rückweg an Amandas Sessel vorbeiging, streifte er scheinbar versehentlich den brennenden Armleuchter, streckte hastig die Hand aus, um ihn festzuhalten, und stieß dabei stattdessen ihr Glas – genau jenes Glas, das er gerade eben erneut mit teurem französischen Champagner gefüllt hatte – zu Boden. Unter wortreichen Entschuldigungen hob Mellors das Glas wieder auf und versprach, ein neues zu bringen.
Das tat er denn auch, allerdings erst eine Weile später, als sie sich dem Ende der ersten Runde näherten.