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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Lady Jane Pennington ist eine temperamentvolle und schöne junge Frau – und die Nichte eines mutmaßlichen Verräters der englischen Krone. Diesem das Handwerk zu legen, ist die gefährliche Mission von Ethan Damont, in der Londoner Gesellschaft bekannt als Spieler und Lebemann, in Wahrheit aber ein Mitglied des legendären »Liar’s Club«, einer Geheimgesellschaft, die im Dienste des Königshauses operiert. Bei seinem Versuch, ihren Onkel zu enttarnen, trifft der gut aussehende Ethan auf die schöne Jane und ist auf der Stelle von ihr überwältigt. Doch ist diese begehrenswerte Frau ihrem Onkel nur in familiärer Zuneigung verbunden – oder ist sie am Ende selbst an einer Verschwörung gegen die Krone beteiligt? Ethan ist hin und her gerissen, zwischen dem Feuer, das Jane in ihm entfacht, und seinem Verdacht. Und auch Jane verzehrt sich nach diesem undurchsichtigen Mann, der in ihr ganz ungekannte Saiten zum Schwingen bringt …

Autorin
Celeste Bradley hat für ihren von Kritikern und Leserinnen hoch gelobten Debütroman den RITA Award bekommen. »Die schöne Spionin« ist der Auftakt einer Reihe von Liebesromanen um den »Liar’s Club«.

Von Celeste Bradley außerdem lieferbar:
Die schöne Spionin (36279)
Die schöne Schwindlerin (36335)
Die schöne Betrügerin (36336)
Der verruchte Spion (36660)

Dieses Buch ist jener Person gewidmet,
die als Erste meine frühen
Schreibversuche las … und mich um mehr bat.
Danke, Joanne.

Prolog
Es war an der Zeit, sich über den Spieler klar zu werden.
Der Mann im abgedunkelten Zimmer saß in einem Sessel vor den glühenden Kohlen im Kamin. Seine Füße ruhten auf einem Schemel, seine Augen waren geschlossen, und er vermittelte den Anschein größter Entspannung. Doch wären die Anstrengungen seines Gehirns sichtbar gewesen, hätte man einen ganz anderen Eindruck gewonnen.
Der Spieler …
Der Spieler konnte von Nutzen sein – und war es in der Tat schon gewesen. Der Spieler konnte genauso gut ein Klotz am Bein sein, wenn seine Schwächen ihn übermannten. Er wusste vieles. Es konnte gefährlich werden, eine solche Figur auf dem Spielbrett zu belassen. Die Loyalität des Spielers war tadellos, doch sie war niemals wahrhaft geprüft worden.
Noch war er ein Bauer, fähig nur in eine Richtung sich zu bewegen. Und doch war er ein Bauer, der in einen Springer verwandelt werden konnte – oder dessentwegen das Spiel verloren ging.
Die Kohlen glühten. Das Haus kam zur Ruhe und knarzte in der fortschreitenden kühlen Herbstnacht. Die Uhr auf dem Kaminsims schlug zur dritten Stunde. Der Mann blieb bequem in seinem Sessel liegen und dachte nach.
Ja, der Spieler konnte ihm von Nutzen sein.
Noch ein letztes Mal.

1
England 1813
 
Lady Jane Pennington fühlte sich ziemlich in die Enge getrieben. Der Ballsaal kam ihr mehr und mehr vor wie ein Wald, in dem ausgehungerte Junggesellen im Gebüsch lauerten, und sie war das Reh.
Halb verborgen hinter einer Topfpalme, lehnte sich Jane an die Wand. Sie glaubte nicht, dass ihre Zehen noch einen einzigen Tanz aushielten. Lieber suchte sie den Saal nach ihren fünf Kusinen ab, die in der Gesellschaft gemeinhin als der Maywell-Mob bekannt waren. Lord Maywell war Gastgeber dieser abendlichen Schweißarbeit, äh, dieses abendlichen Balles, und er war auch Janes Onkel.
Der Gentleman war jedoch nirgends zu sehen. Natürlich nicht. Er interessierte sich sehr viel mehr für das Kartenspiel als dafür, die Bekanntschaften und somit Heiratsaussichten seiner fünf Töchter zu befördern. Jane erlaubte sich, im Stillen vor Zorn zu kochen, ohne dies in irgendeiner Weise durch ihr Äußeres zu verraten.
Seinen fünf Töchtern als Begleitung zu dienen und sie in die entsprechenden Zirkel einzuführen wäre das Mindeste, was der Mann tun konnte; vor allem, nachdem er den armen Dingern allesamt die Maywell-Nase vermacht hatte, von dem Hang zur Maßlosigkeit in allen Dingen ganz zu schweigen. Da nun allein ihre überforderte Tante, Lady Maywell, die fünf Töchter hütete, waren die Mädchen bekannt dafür, sich in so manche peinliche Situation gebracht zu haben.
Sie erblickte ihre jüngste Kusine, Serena, die scheu die Tanzenden beobachtete. Mit gerade einmal fünfzehn war sie noch viel zu jung, um bereits an einem Ball teilzunehmen, aber die Entscheidung hierfür hatte auch nicht Jane getroffen. Lord und Lady Maywell hatten ihre Töchter allesamt auf den Heiratsmarkt geworfen. Offenbar in der Hoffnung, dass so wenigstens eine einen Fang machen würde.
Jane verließ den Schutz ihrer Palme für einen Moment und ging zu Serena hinüber, richtete deren Schärpe und steckte ihr eine widerspenstige Strähne rotblonden Haares, das ihrem eigenen sehr ähnlich war, zurück in die Frisur.
»Du hast einen Fleck auf deinem Mieder, Liebes«, flüsterte sie Serena zu. »Steck deine Seidenblume darauf.«
Serena schluckte und nickte, dann drehte sie sich abrupt um und eilte in Richtung Damentoilette. Jane bemerkte, dass auf der anderen Seite des Saales Augusta, die Älteste der fünf und doch kaum zwanzig, irgendwo ein Glas Champagner gefunden hatte. Lady Maywell war nirgends zu sehen, deshalb setzte sich Jane rasch in Bewegung.
Ein junger Mann trat ihr in den Weg. »Lady Jane! Darf ich um diesen Tanz bitten?«
Jane blinzelte ihn an. Wie zum Teufel hieß dieser Winzling noch mal? Sie war jedem Mann unter fünfzig vorgestellt worden, seit sie vor drei Monaten nach London gekommen war, und konnte sich an kaum einen von ihnen erinnern.
Aber dummerweise erinnerten sich alle an sie. Lady Jane Pennington, gut gekleidet und unverheiratet und deshalb der ideale Fang für jeden unternehmungslustigen Mann, der meinte ärmer zu sein, als ihm zustand. Die Aufmerksamkeit war zunächst verwirrend gewesen, für eine kurze Zeit schmeichelhaft und dann nur noch lästig, als sie bemerkt hatte, dass es nur einen einzigen Grund für die Bewunderung gab. Ihre schlechte Stimmung musste sich in ihre Miene geschlichen haben, denn der junge Mann trat tatsächlich einen Schritt zurück. »Mylady?«
Billingsly. Aus dem Nichts tauchte der Name in Janes Gedächtnis auf. »Mr Billingsly, bitte verzeihen Sie.« Sie zwang sich dazu, höflich zu sein. Schließlich konnte Mr Billingsly nichts dafür, dass er einer der langweiligsten Männer war, deren Füße auf ihre Slipper getreten waren. »Es tut mir sehr leid, aber ich habe gerade erfahren, dass meine Tante meiner Anwesenheit bedarf.« Das war noch nicht einmal gelogen, wenn man in Betracht zog, dass Tante Lottie, hätte sie von Augustas Benehmen etwas geahnt, ganz sicher gewollt hätte, dass Jane für sie einsprang. »Aber ich sehe gerade, dass meine Kusine Julia diesen Tanz noch frei hat«, setzte Jane beschwingt fort.
Enttäuschung verscheuchte das Lächeln aus dem Gesicht des Mannes. Er riss sich zusammen und verbeugte sich. »Selbstverständlich. Die Freude ist ganz …«
Oh, verdammt! Augusta hatte den Sektkelch geleert. Mit einem flüchtigen Nicken drängte sich Jane an Mr Billingsly vorbei. »Sie entschuldigen mich sicherlich.«
Als Jane sich endlich an den Tänzern vorbei ihren Weg zu Augusta gebahnt hatte, blinzelte diese, die, soweit Jane informiert war, bis zu jenem Abend noch nie in ihrem Leben auch nur einen Tropfen Wein zu sich genommen hatte, verträumt zu dem funkelnden Kronleuchter über ihren Köpfen hinauf.
»Sieh nur, Jane«, sagte sie, als Jane neben sie trat. »Es wirft kleine Regenbogen an die Decke!« Sie hickste, dann kicherte sie. »Ist Champagner nicht göttlich?«
Oje! Jane zog ihre Kusine von dem Quell ihrer Begeisterung fort und die Länge des Ballsaales hinunter. »Du solltest jetzt ein bisschen frische Luft schnappen, Liebes. Es ist hier drinnen viel zu warm.«
Augusta blinzelte und ließ sich widerstandslos führen. »Mir ist tatsächlich ein wenig schwindlig.«
»Hast du heute irgendwas gegessen?«
Augusta schüttelte tapfer den Kopf. »Oh, nein. Ich wollte doch in mein Kleid passen. Seh ich nicht gut aus?«
Jane seufzte. Das hier würde noch schlimmer werden, bevor es besser wurde. »Du siehst entzückend aus, Schatz. Hier entlang jetzt. Noch durch diese Tür …«
Einige Minuten später war der Champagner im Gebüsch und Augusta in Begleitung einer Kammerzofe auf dem Weg zu ihrem Schlafzimmer. Plötzlich war sie liebend gerne bereit gewesen, den Abend zu beschließen. Katastrophe abgewendet.
Jane blieb draußen auf der Terrasse und sog die kühle Abendluft ein. Auch ihr selbst lag nichts daran, wieder in den stickigen Ballsaal zurückzukehren. Sie tat es nur Mutter zuliebe.
»Folge deinem Onkel und deiner Tante gewissenhaft. Du hast so wenig Erfahrung in diesen Dingen.«
Nun ja, das war damals gewesen. Jetzt hatte sie drei Monate lang ihre Erfahrungen gemacht, und alles, was sie darüber sagen konnte, war, dass sie sich niemals zuvor so sehr gelangweilt hatte. Ihre Tage waren angefüllt mit mädchenhaftem Kichern und ihre Abende mit wunden Zehen und falschen Schmeicheleien.
Sie berichtete in allen Einzelheiten davon in ihren täglichen Briefen an Mutter, obgleich sie sich kaum vorzustellen vermochte, warum Mutter daran Interesse haben sollte.
Sie nutzte es aus, für einen kurzen Augenblick völlig unbeobachtet zu sein, und streckte sich ausgiebig. Während sie sich den Nacken rieb und den Kopf von der einen zur anderen Seite rollte, fragte sie sich, ob sie ihrer Pflicht, zum Wohle ihrer Kusinen junge Männer anzulocken, für diesen Abend Genüge getan hatte. Sie war müde, und irgendjemand musste sich um Augusta kümmern …
Am Rand ihres Gesichtsfeldes flackerte etwas auf. Sie schaute am Haus hinauf, beschattete mit der Hand ihre Augen vor dem gleißenden Licht aus den Fenstern des Ballsaales. Da war es wieder.
Hoch oben, hinter einem Fenster im zweiten Stock, dem zweiten von links, flackerte ein Kerzenlicht. Irgendetwas an dessen Schein war geheimnisvoll. War das nicht das Zimmer, das ihr Onkel unter dem Hinweis, der Schornstein sei einsturzgefährdet, abgesperrt hatte?
Von dort, wo sie stand, machte der Schornstein einen durchaus soliden Eindruck, aber Lord und Lady Maywell waren immer noch in der Lage, sich den Anschein von Wohlstand zu geben. Das Haus wirkte elegant und kostbar ausgestattet, obgleich Jane aus erster Hand wusste, dass es sich dabei eher um einen bröckelnden Steinhaufen handelte.
Wenn das Zimmer also gefährlich war – was tat dann jemand mit einem geheimnisvollen Kerzenlicht darin?
Jane machte ein paar Schritte zurück und versuchte, durch das Fenster ins Haus zu schauen. Die Terrasse wurde von einer Balustrade begrenzt, die nach rechts und links in einer geschwungenen Treppe auslief. Mit einer Hand raffte Jane ihre Röcke und hüpfte leichtfüßig die Stufen hinunter auf den Rasen, wobei sie das Fenster immerzu im Auge behielt.
Der Winkel war immer noch zu spitz. Jammerschade! Einen kurzen Augenblick lang hatte sie gedacht, Mutter einmal etwas wirklich Interessantes erzählen zu können.
Sie warf einen Blick hinter sich. Am Rande des Rasens, etwas außerhalb des Lichtkreises, der aus den Fenstern des Ballsaales und von den Lampen auf der Terrasse fiel, stand eine große, alte Ulme.
Jane mochte den Baum, denn es war das Einzige im formalen Garten ihrer Verwandten, das sie an die alten, ungezähmten Haine Northumbriens erinnerte.
Vor vielen Jahren war sie im Aufbäumeklettern einmal recht geübt gewesen. Sie warf einen letzten, nachdenklichen Blick in Richtung Fenster. War die Kerze noch da?
Ein Flackern im oberen Fenster ermutigte sie. Die Äste der Ulme machten einen stabilen Eindruck; sie schienen sie geradezu einzuladen.
Jane lächelte still vor sich hin und lief quer über den Rasen zu dem Baum.
 
Der Ballsaal war voller Raubtiere mit dem Drang nach sinnlicher Erfüllung, voller Jungfrauen auf der Jagd nach einer triumphalen Partie und voller Anstandsdamen, die alles daran setzten, diese beiden Gruppen auseinanderzuhalten. Normalerweise war das eine interessante Zusammenstellung, die mit Sicherheit genug Stoff für einen Abend größten Amüsements bot.
Doch im Augenblick war Ethan Damont – Spieler, notorischer Frauenheld und erwerbsloser vorgeblicher Gentleman – nur darauf aus, den Hinterausgang zu finden.
Mit den Jahren hatte Ethan die Erfahrung gemacht, dass es immer besser war, nach einem Abend höchst einträglichen Kartenspiels die Stätte seines Wirkens über den weniger geläufigen Weg zu verlassen, für den Fall, dass irgendjemand im Nachhinein auf die Idee kommen sollte, dass ein gewisser professioneller Spieler … nun ja … falsch gespielt hatte.
Im Augenblick wäre es nicht gut, wenn seine Ärmel und Taschen durchsucht würden. Ethan war sehr stolz auf seinen ungebrochenen Rekord vorgeblicher Ehrbarkeit, und er wollte das Schicksal nicht herausfordern, indem er für alle weithin sichtbar aus der Vordertür hinausstolzierte.
Ein karmesinroter Handschuh legte sich auf seinen Arm und zwang ihn, stehen zu bleiben. Eine dunkeläugige Dame mit bemerkenswerter Oberweite lächelte zu ihm hinauf.
»Welch Freude, Sie wiederzusehen, Mr Damont.« Die letzten Worte waren mehr gehaucht als gesprochen. Einen kurzen Moment entsann sich Ethan der Kosenamen, die sie ihm im selben Tonfall ihrer Stimme verliehen hatte.
Natürlich war der Ehemann der Dame nicht gerade davon erbaut gewesen, während jener Hausparty, an die er sich lieber nicht erinnern wollte, die Worte »Schneller, mein Hengst!« aus dem Schlafzimmer seiner Frau zu hören.
Es war an der Zeit, dass er ging. Mit einem letzten wehmütigen Blick auf den bereits erwähnten Busen verneigte sich Ethan und lächelte bedauernd. »Leider muss ich mich von Ihnen verabschieden, Madam. Dringende Geschäfte, Sie wissen schon.«
Er hatte kaum mehr als zehn Schritte gemacht, da wurde er von einem anderen behandschuhten Arm angehalten. Dieser war in smaragdgrüne Seide gehüllt, die haargenau zu den Juwelen um den Hals einer stattlichen Blondine passte.
»Darling, ich hatte ja keine Ahnung, dass du hier bist!« Sie atmete tief ein. Wundersame Dinge liefen im eng geschnürten Mieder ihres rabenschwarzen Kleides ab.
Ah, die Witwe Bloomsbury …
Die Nächte – und Vormittage und Nachmittage -, die er im Bett der Witwe verbracht hatte, waren tief in Ethans Erinnerung eingebrannt. Sie war ja so gelenkig!
Ethan küsste den Handschuh auf ihrem Handrücken. »Nicht jetzt, aber bald«, murmelte er. »Ich muss los.«
Als er sich abwandte, sah er eine entfernt bekannte Dame in Saphirblau, die strahlend lächelnd auf ihn zukam. Verdammt, möglicherweise gab es auf diesem Ball überhaupt keine Jungfrauen! Er drängte sich durch die Tanzenden, um ihr zu entkommen.
Dieses Mal hielt er den Kopf hoch und die Augen offen. Es gelang ihm, den nächsten Damen, die sich auf den Weg zu ihm gemacht hatten, zu entgehen, und er erreichte die Terrassentür, ohne ein weiteres Mal angehalten zu werden.
Außer Atem und mit dem Gefühl, der von der Meute gehetzte Fuchs zu sein, warf er einen letzten, verzweifelten Blick zurück, bevor er durch die Tür in den dunklen Garten schlüpfte.
 
Offensichtlich stimmte es doch, was Lady Penningtons Mutter ihrer Tochter immer wieder gesagt hatte: Man konnte nie wissen, wann man froh darüber war, ein frisches Paar Unterhosen zu tragen. Glücklicherweise hatte sie an diesem Abend ein brandneues Paar angezogen. Wenn man kopfüber vom Ast eines Baumes hing, war der Zustand der Unterhosen und des Strumpfbandgürtels von eminenter Bedeutung.
Jane hörte auf, gegen ihre Röcke anzukämpfen, die um ihren Kopf und ihre Arme fielen, und hing einfach mit ihren Kniekehlen um den Ast und ließ sich leise vor und zurück schwingen.
Der Boden – viel zu tief unter ihr, als dass sie einfach loslassen und fallen könnte.
Der Ast – unmöglich, ihn zu fassen zu kriegen, wenn ihr Oberkörper in ihren eigenen umgedrehten Röcken gefangen war. »›Die neue Linie ist sehr schmal, Miss‹«, erinnerte sich Jane zornig an die Worte der Schneiderin. »›Trippelschritte sind ungemein angesagt, Miss. Eleganz geht über alles, Miss.‹«
Na gut, sie musste es wieder versuchen. Vorsichtig raffte sie den Stoff mit den Händen, während sie den Saum ihres Unterrockes und ihres Kleides hoch zu ihren Ellenbogen schob, dann noch höher, sodass sie dieses Mal sogar ihr Gesicht und ihre Schultern befreite. Tief atmete sie die kühle Nachtluft ein und bedachte den Boden, der nur ein klein wenig zu tief unter ihr war, mit einem sehnsüchtigen Blick.
Am schlimmsten war, dass alles umsonst gewesen war. Das Licht in dem Fenster war inzwischen längst verloschen, und sie hatte nichts Nennenswertes beobachten können.
Sie holte tief Luft und schwang ihren Körper vor und zurück und reckte beim Wendepunkt eines jeden Bogens die Arme weit vor, um den Ast mit beiden Händen zu umklammern. Ihre Finger rutschten bei den ersten beiden Malen an der krümeligen Rinde ab. Noch einmal nahm sie Schwung.
In diesem Moment gab der Ast ein bedrohliches Knacken von sich. Jane erstarrte. Dieser kurze Moment der Unachtsamkeit reichte aus, dass sie wieder von Lagen feinsten Musselins bedeckt wurde.
Der dicke Ast hatte stabil ausgesehen, als sie auf ihn geklettert war. Wenn ihre Tanzschuhe nur nicht so glatt und unnütz wären und sie den Halt verloren hätte, wäre alles gut gegangen.
Und auch jetzt ging es ihr noch gut. Ihre Beine waren vom Leben auf dem Land stark und muskulös, und in ihrem Kopf hämmerte es noch nicht allzu arg, aber wenn sie nicht bald eine Lösung ihres Problems fand, würde sie sich einem Schicksal stellen müssen, das ihr im Moment schlimmer vorkam, als zu sterben.
Sie würde um Hilfe rufen müssen.
 
Ethan Damont verließ Lord Maywells hübschen Ballsaal mit den Taschen voll von Lord Maywells hübschem Geld. Nachdem er aus verlässlicher Quelle erfahren hatte, dass Lord Maywell alles andere als ein redlicher Mensch war, hatte Ethan das abendliche Kartenspiel sogar genossen.
Die erfrischende Aufregung eines Zeitvertreibs, der ihn im Laufe des letzten Jahres überwiegend kaltgelassen hatte, ließ ihn beschwingt Maywells ausgedehnte Gartenanlagen durchqueren. Er schlenderte gerade einen Kiesweg entlang, der zu einer Mauer an der Grundstücksgrenze führte, die für ihn hoffentlich nicht zu hoch war, als Ethan ein Geräusch hörte. Er hielt inne.
Irgendwo, weniger als zehn Meter von ihm entfernt, fluchte eine Frau – leise und sehr einfallsreich.
Eine Frau? Allein hier draußen im Dunkeln? Ethans Mundwinkel zuckten. Wer sagte, dass sie allein war?
Er setzte seinen Weg fort. Es lag ihm fern, sich in die Angelegenheiten fremder Leute einzumischen. Er selbst würde in einem solchen Augenblick nicht gestört werden wollen. Wenigstens meinte er sich zu erinnern, dass er in solchen Momenten nicht gestört werden wollte – es war schon sehr lange her.
Weibliche Gesellschaft war auch so etwas, das im vergangenen Jahr seinen vormaligen Glanz für ihn verloren hatte. Zumindest die Art von Gesellschaft, die Ethan bisher bevorzugt hatte.
Es hatte eine Zeit gegeben, zu der er sich schamlos der Unterhaltung hingegeben hatte – je mehr, desto besser. Wein, Weib und Gesang. Als das Geld ihm wie Honig durch die Finger rann, hatte er nie Probleme gehabt, zahllose Gespielinnen zu finden. Und wenn die Zeiten schlecht waren, dann hatte sein Charme für gelegentliche Amouren gereicht.
Doch eines Tages war der Wein zu Essig geworden, die Frauen laut und vulgär und der Gesang disharmonisch. Plötzlich kam es ihm vor, als könnte er weit, weit in seine Zukunft blicken – und alles, was er dort sah, war nur ein schaler Abklatsch des bereits Erlebten.
Er hatte eine Zeitlang den Schein gewahrt, aber dann hatte er selbst daran das Interesse verloren. Erst als er vor wenigen Wochen von einer dunkelhaarigen Schönheit aus seinem eigenen Haus gezerrt worden war, um einen Auftrag auszuführen, hatte er sein Herz wieder vor Aufregung pochen hören.
Wer wollte ihm das verdenken? Sie war ein hübsches und belebendes Geschöpf, diese Rose Lacey – oder vielmehr Rose Tremayne, denn sie hatte geheiratet; ausgerechnet den wahrscheinlich letzten Freund, den Ethan auf dieser Erde hatte.
Aber vielleicht war das auch gut so. Ethan besaß nichts, das ihn für eine so prinzipientreue Frau interessant machte. Er konnte ehrlich behaupten, dass er sein Leben der Umverteilung von Reichtum gewidmet hatte – in seine eigene Tasche.
Er fragte sich gerade ohne großes Interesse, ob es wohl ein sehr langes Leben sein würde.
Dann hörte er sie schniefen.
Oh, nein, stöhnte er bei sich. Nicht das noch. Sein Rückgrat gab nach. Er versuchte, sich mit purem Willen aufrecht zu halten.
Schnief.
»Verdammter Mist«, flüsterte er und gab seinem ersten Impuls nach. Er wandte sich um und ging auf dem Weg zurück, bis er etwa dort angekommen war, wo er auf der anderen Seite der Hecke die Frau vermutete. Die Hecke war alt und das Laub zwischen den knorrigen Ästen nicht sehr dicht. Ethan zwängte sich, ohne nennenswerten Lärm zu verursachen, hindurch.
Es war dunkler auf dieser Seite der Hecke, aber Ethan erkannte die Umrisse schwarzer Baumstämme vor der etwas helleren Region nahe am Haus. Der Boden unter seinen Füßen war weich, sodass er sich dem damenhaften Schniefen ungehört nähern konnte.
Letztendlich wurde Ethan mit einem Anblick belohnt, der ihn staunend stehen bleiben ließ. Er atmete tief ein und nahm sich Zeit, den Anblick zu genießen. Lange, wahrhaftig überdurchschnittliche bestrumpfte Beine schlangen sich um einen ausladenden Ast. Es war verdammt erotisch. Am liebsten hätte Ethan leise aufgestöhnt.
Er trat näher heran. Im Licht, das vom Haus her auf sie fiel, konnte er über dem Rand ziemlich zerschlissener Strümpfe die milchweiße Haut ihrer Schenkel sehen. Die Waden, mit denen sie sich am Ast festklammerte, waren wohlgeformt und machten den Eindruck, als könnten sie sich die ganze Nacht um ihn – äh, um den Ast – schlingen.
Sonst sah er nichts, außer Yards und Yards feinsten Musselins, die den Rest ihres Körpers verhüllten. Kein Problem.
Beine waren für Ethan schon immer ausschlaggebend gewesen.
In diesem Augenblick knackte der Ast, den Ethan gerade beneidet hatte, laut und vernehmlich.
Ethan sprang vor, ergriff das Musselinbündel dort, wo er die Taille vermutete, und riss sie mitsamt Beinen in seine Arme. Seine Dame in Not stieß einen überraschten Schrei aus und rammte ihm ihren Ellenbogen mit aller Kraft in den Magen.
»Uff!« Das tat weh! Ethan revanchierte sich, indem er sie sehr viel langsamer zu Boden ließ, als er es normalerweise getan hätte. Schließlich hatte man nicht jeden Tag eine solche Gelegenheit. Mit den Armen fest um sie, brachte der Versuch, sie umzudrehen mit sich, dass er sich einige unausweichliche Freiheiten nahm.
»Verzeihung! Entschuldigen Sie vielmals!«, sagte Ethan ohne große Eile. Er ließ ihre herrlichen Beine zuerst zu Boden und beobachtete enttäuscht, wie der Musselin seine Loyalität wechselte und herabfiel, um sie zu verbergen. In seinen Armen blieb ein kämpfendes, protestierendes Bündel aus wirren Haaren und um sich schlagenden Händen.
»Loslassen! Oh! Oh!« Die Frau versetzte ihm einen letzten heftigen Stoß, und Ethan gab sie frei.
»Gern geschehen«, knurrte er, schenkte ihr eine kurze, ironische Verbeugung und wandte sich zum Gehen. Ritterlichkeit zahlte sich nie aus. »Ich hoffe, der Ast fällt Ihnen nicht auf den Kopf«, rief er ihr noch mit nicht übermäßig besorgter Stimme zu.
Rotgesichtig und atemlos richtete sich Lady Jane Pennington, prominente Erbin und kürzlich Gerettete, auf und strich sich einen Teil ihres Haares aus dem Gesicht. Das Licht vom Haus her beschien einen breiten Rücken, der eilig in der Dunkelheit verschwand.
Oh, dem Himmel sei Dank! Er ging! Wenn man aus Verlegenheit und Erniedrigung Feuer fangen könnte, dann wäre sie in diesem Moment mit Sicherheit eine brennende Fackel. Die Tatsache, dass jemand gesehen hatte, was sie … oh, sie könnte sterben!
Und doch fühlte sie, die sich ein Leben lang viel auf ihre gute Erziehung eingebildet hatte, sich gezwungen zu sagen: »Ich danke Ihnen, Sir.« Sie drohte zwar an diesen Worten zu ersticken, aber es war nur gerecht.
Er drehte sich zu ihr um, dann kam er langsam zu ihr zurück. Jane wurde doppelt verlegen, als das Licht sein Gesicht beschien. Er war nicht nur groß und stark, sondern auch noch äußerst attraktiv. Alles in allem also der schlechteste Kandidat für einen Retter, den man sich vorstellen konnte.
Er trat nah an sie heran, dann noch näher. Alarmiert machte Jane einen Schritt zurück. Ihr Haar fiel ihr immer noch ins Gesicht, und sie stand im Schatten, aber es wäre nicht gut, erkannt zu werden.
Der Kerl kam so nahe, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Ihr stockte der Atem. Er sah so gut aus! Und war ihr so nah …
Erst jetzt überkam sie ein mulmiges Gefühl. Es war Nacht, und sie war allein in einem verlassenen Garten mit einem Mann, der ihre Unterwäsche gesehen hatte. Selbst der galanteste Retter könnte den falschen Eindruck gewinnen.
Er senkte den Blick auf sie. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt. »Mir wäre ein ehrliches ›Hau ab!‹ lieber als dieses widerwillige ›Danke!‹, Gazelle«, sagte er mit tiefer Stimme.
Janes Mundwinkel zuckten. Sie hatte einen langen Abend hinter sich und war nicht in der Stimmung, sich die Meinung dieses Mannes anzuhören. »Und mir wäre es lieber, Sie wären gegangen, als dass Sie zurückkommen und sich über mich lustig machen.«
»Aua!« Er lächelte leicht. »Sie haben Zähne. Vielleicht sind Sie doch gar keine Gazelle.« Er neigte den Kopf dicht an den ihren, bis sie, wenn sie sich bewegen würde, mit ihren Lippen seine Wange berühren müsste. »Sind Sie eine Raubkatze?« Seine Stimme war weich und sanft wie Federn an ihrem Ohr. »Waren Sie deshalb oben auf dem Baum? Warteten Sie darauf, sich auf einen nichtsahnenden Mann zu stürzen?« Dem Tonfall seiner Stimme war anzumerken, dass er nur allzu gern ebenjener Mann wäre.
O je! Er war einer von denen! Jane schnaubte. »Haben Sie mit diesem Haufen Pferdeäpfeln wirklich Erfolg bei Frauen? Oder bin ich die Erste, bei der Sie es ausprobieren?« Sie verschränkte die Arme. »Ich muss Ihnen nämlich leider sagen, dass es nie funktionieren wird.«
Er zog den Kopf zurück, um sie anzusehen. Seine Augen lagen im Schatten. Jane konnte nicht sehen, wie er reagierte. War er betroffen? Aber was kümmerte es sie?
»Natürlich nicht«, sagte er tonlos, fast gelangweilt. »Was dachte ich mir bloß dabei? Wie auch immer, ich werde zu Hause erwartet.«
Dann pflückte er ein Blatt aus ihrem Haar und steckte es in seine Westentasche. »Mein Andenken, holde Dame«, sagte er spöttisch.
Er wandte ihr den Rücken zu und ging davon. Gerade als er in die tiefere Dunkelheit des hinteren Gartens trat, drehte der Fremde sich noch einmal nach ihr um, warf ihr über die Schulter ein unverschämtes Grinsen zu und deutete auf »ihren« Baum.
»Nette Glieder«, rief er ihr zu. »Unter denen könnte ein Mann eine ganze Nacht verbringen.« Mit einem unbekümmerten Gruß wandte er sich wieder von ihr ab und war in der Dunkelheit verschwunden.
Jane schlug sich bestürzt über diesen schockierenden Scherz eine Hand vor den Mund – und musste gegen ihren Willen doch lachen. Er war ein ganz, ganz ungezogener Bursche.
Sie raffte die Röcke und rannte zum Haus. Sie hoffte, es in ihr Zimmer zu schaffen, bevor irgendjemandem auffiel, in welcher Verfassung sie war. Während sie durch die Dämmerung eilte, dachte sie über ihren attraktiven, unverschämten Retter nach …
Vielleicht würde sie Mutter lieber nicht von ihm erzählen.

2
Ethan wurde zu Hause nicht erwartet. Er hatte gelogen. Es gab da niemanden außer seinem grauhaarigen Butler und seinem riesenhaften, missmutigen Koch. An der Treppe zu seinem stattlichen Haus in Mayfair stieg Ethan Damont aus der Mietsdroschke. Obwohl es bereits spät war, brannte hinter den Fenstern im Erdgeschoss Licht, und auch hinter der bereits geöffneten Eingangstür.
Wenn er sich nicht täuschte, dann hatte sein neuer Butler aus irgendeinem Grund bereits gewusst, dass die Tür zu öffnen war, noch bevor Ethan überhaupt die Auffahrt hochgefahren war. Ein derartig eifriges Erfüllen von Pflichten war leicht alarmierend. Ethan hoffte sehr, dass nicht von ihm erwartet wurde, es durch pünktliche Bezahlung oder eine Weihnachtsgratifikation zu belohnen. Das Kartenspiel war eine recht wechselhafte Einkommensquelle. Wenn überhaupt.
Im Moment ging es ihm gut. Selbst ein ausgesprochener Hedonist wie Ethan würde lange brauchen, um die großzügige Belohnung aufzubrauchen, die er für seine Mithilfe bei der Rettung von Collis Tremaynes stämmigem alten Onkel erhalten hatte.
Zum ersten Mal fiel Ethan auf, dass er den Namen des Onkels nie erfahren hatte. Dann schüttelte er den Gedanken aus seinem benebelten Gehirn. Selbstverständlich war er nicht betrunken. Man konnte nicht gut betrügen, wenn man trank.
Nun, das stimmte nur bedingt. Ethan konnte es, und er hatte es mehr als einmal getan, aber es war schlechter Stil. Die Mitspieler mochten es nicht, wenn sie ihre Verluste nicht ihrem eigenen relativen Unvermögen zuschreiben konnten. Es weckte Zweifel, und das war schlecht fürs Geschäft.
Aber heute Nacht war er nicht betrunken. Nur müde. Er war des ganzen verdammten Spiels müde.
Er seufzte und stieg seine Treppe mit viel weniger Freude hinauf, als das Haus verdiente. Er hatte es gewonnen, als er noch jung und unerfahren war – von einem Mann, der so reich war, dass er nur mit den Schultern gezuckt und sich am nächsten Tag ein noch schöneres gekauft hatte.
Ethan liebte sein Haus, liebte jedes vergoldete Fitzelchen, jeden Quadratzentimeter Marmor auf dem Boden, jede Maus im Keller und jede verdammte Fledermaus auf dem Speicher. Er war vielleicht kein Gentleman, und er mochte auch kein ehrbarer oder auch nur annähernd guter Mann sein, aber er hatte ein verdammt schönes Haus.
In der Eingangshalle ebenjenen Hauses stand Ethans Butler bereit. Er trug die neue offizielle pink- und violettfarbene Uniform von Diamond House mit Würde. Ethan hatte es nicht ernst gemeint, als er sie ausgesucht hatte, nachdem der Mann ihn über Gebühr wegen einer angemessenen Uniform bedrängt hatte – niemals hätte er gedacht, dass der Kerl ihn ernst nehmen würde! -, und jetzt musste er ihren Anblick wohl für immer ertragen.
Na ja, ein Fehler von vielen! Der Butler trug die Uniform nichtsdestotrotz mit unfehlbarer Würde.
Ethan reichte dem Butler Hut und Handschuhe. »Woher wussten Sie, dass ich es war? Es war eine Mietsdroschke.«
Der Butler zuckte nicht mit den Achseln, wie es vielleicht jeder andere getan hätte. Er nickte vielmehr respektvoll. »Ich wusste es einfach, Sir.«
»Schon. Aber woher?«
Der Butler blinzelte. Sein Blick verlor dabei nie seinen gelassenen, leicht mystischen Ausdruck. »Ich wusste es, weil Sie es waren, Sir.«
»Das ist beängstigend, wissen Sie das?«
»Ja, Sir.«
Ethan schälte sich aus seinem Mantel, den er wegen des Septembernebels getragen hatte. »Nun, dann hören Sie damit auf. Es verursacht mir Albträume.«
»In der Tat, Sir.«
Ethan warf dem Mann einen prüfenden Blick zu, aber dessen kühle Reserviertheit war ungebrochen. Das war kein Scherz gewesen. Mit einem nur mühsam verborgenen Schauder begab sich Ethan in sein Arbeitszimmer.
Obgleich es fast Morgen war, versuchte er erst gar nicht, ins Bett zu gehen. Der Schlaf kam erst, wenn er so verdammt müde war, dass er kein Auge offenhalten konnte. Er konnte genauso gut ins Feuer starren und an einem Brandy nippen, bis das passierte.
Die Brandykaraffe war nirgends zu entdecken.
»Jeeves!«
Der Butler erschien wie durch Zauberhand in der Tür zum Arbeitszimmer, was Ethan zusammenzucken ließ. »Sir, mein Name ist P...«
»Jeeves, bezahle ich Sie gut?«
»Geradezu unanständig gut, Sir.«
»Nur zu wahr.« Jedenfalls im Moment. »Wenn ich Sie also Jeeves nennen möchte, und Sie haben keine Einwände gegen Jeeves, außer dass Sie nicht wirklich so heißen – Sie hatten nicht zufällig mal einen Hund namens Jeeves oder einen Feind oder irgendwas dergleichen, oder?«
»Nein, Sir, in der Tat nicht.«
»Gut. Ich möchte Sie nämlich Jeeves nennen. Ich erinnere mich leicht daran, wenn ich müde oder betrunken bin, oder müde und betrunken, und der Name gefällt mir. Ich fühle mich wie ein Lord, wenn ich ihn sage. Los, sagen wir es zusammen, Jeeves.«
Der Butler – Ethan wollte verdammt sein, denn er hatte dessen richtigen Namen längst vergessen – wiederholte mit ernster Miene mit ihm: »Jeeves.«
»So, Jeeves, warum ich Sie gerufen habe: Mein Brandy ist weg.«
»Ja, Sir, in der Tat.«
Ethan seufzte. Es sah ganz danach aus, als sollte er die Jeeves-Sache noch bereuen. »Haben Sie meinen Brandy irgendwo anders hingestellt?«
»Ja, Sir, in der Tat.«
»Und das wäre …?«
»In Ihr Wohnzimmer, Sir. Gleich neben Ihr Schlafzimmer.«
Ethan wartete, aber Jeeves gewann. Mit schwachen Knien gab Ethan nach. »Warum haben Sie ihn in mein Wohnzimmer gestellt und nicht in meinem Arbeitszimmer gelassen, Jeeves?«
»Damit ich Sie, wenn Sie sich wieder einmal sinnlos betrunken haben, nur ins nächste Zimmer tragen muss und nicht zwei Stockwerke hoch, Sir.« Jeeves schaute ihn unverwandt an. Er schien wegen seiner offenen Rebellion nicht im Mindesten beunruhigt. »Wenn Sie mir nicht erlauben, das Personal einzustellen, das dieses Haus benötigt, muss ich andere Wege finden, meine Arbeit zu Ihrer Zufriedenheit auszuführen.«
Ethan starrte ihn schockiert an. Dann lachte er fast gegen seinen Willen kurz auf. »Jeeves, Sie haben gesunden Menschenverstand. Ich werde meinen Brandy ab jetzt im Wohnzimmer zu mir nehmen. Eins zu eins, meinen Sie nicht auch?«
»In der Tat, Sir. Ich bin gespannt, wer am Ende gewinnt, Sir.«
Ethan lachte noch einmal und wandte sich zur Treppe und seinem Wohnzimmer, wo sein Brandy auf ihn wartete. Dann hielt er inne. »Wenn Sie eine Person einstellen dürften, wer wäre das dann?«
»Eine Köchin, Sir«, sagte Jeeves, ohne zu zögern.
»Ich habe einen Koch.«
»Sie haben einen tätowierten Seemann, der in Ihre Suppe spuckt, Sir. Sie essen nicht oft zu Hause, Sir, aber ich.«
Da hatte der Mann recht. »Na gut. Sie dürfen einen neuen Koch einstellen.« Ethan ging die Treppe weiter hinauf, dann hielt er nochmals inne. »Jeeves, was für eine Tätowierung?«
»Zwillinge, Sir. Ziemlich üppige, im Evakostüm. Offenbar ein Erlebnis, das es wert war, verewigt zu werden.«
Ethan pfiff. »Na, so was. Das würde ich mir gerne ansehen.«
»Er ist sehr stolz darauf und wird es Ihnen sicher gerne zeigen, wenn Sie danach fragen, aber ich rate Ihnen dennoch davon ab.«
»Und warum das?«
Jeeves schaute ihn aus uralten Augen an. »Die jungen Damen, um die es hier geht, residieren auf je einer Backe des Kochs, Sir. Ihr Essen wird niemals mehr so schmecken wie zuvor, das verspreche ich Ihnen.«
Ethan lachte immer noch, als er sich einen Drink einschenkte. Während er mit seinem Brandy am Kamin saß, musste er zugeben, dass Jeeves das erste Anzeichen von Leben war, das sein Haus seit langer Zeit gesehen hatte.
Der glänzende Widerschein des Feuers in seinem Brandy erinnerte Ethan an den schwachen Lichtschein auf dem zerzausten Haar des Mädchens im Garten. Unwillkürlich rieb er sich die Rippen, wo ihr Ellenbogen ihn getroffen hatte. Sie verfügte über einen bewundernswerten Schwinger, das musste man ihr lassen.
Als er sein Glas leerte, fragte er sich, wie sie wohl ihren aufgelösten Zustand ihren Bekannten erklärt hatte. Er zog das Andenken aus seiner Westentasche und ließ das kühle rot-orangefarbene Blatt durch seine Finger gleiten.
Er hatte sie nicht nach ihrem Namen gefragt, was wahrscheinlich nur gut so war. Er hatte sich nicht gerade geziemend verhalten. Sie aber auch nicht.
Wer mochte sie sein, und was hatte sie auf dem Baum zu suchen gehabt? Diese Fragen beschäftigten ihn so sehr, dass er darüber vergaß, sich einen weiteren Brandy einzuschenken.
Er fragte sich, ob sie einen Verehrer hatte.
 
»Eene meene muse matz, wer von euch wird wohl mein Schatz?«
Lord Maywells zahlreiche und äußerst verschiedene Töchter kreischten bei dem ungeziemenden Reim vor Lachen und steckten die Köpfe zusammen, um zu erkennen, auf wessen Portrait Augustas Finger zeigte.
Lady Jane Pennington ließ sich auf das Bett zurückfallen, das sie sich mit ihrer jüngsten Kusine, Serena, teilte, und versuchte mit aller Macht, ihre Langeweile zu unterdrücken. Sie war nach ihrem Missgeschick nicht zu den Festlichkeiten zurückgekehrt, denn es war nicht möglich gewesen, den Schaden, den ihr Kleid und ihre Person bei ihrem Abenteuer genommen hatte, in Gänze zu tilgen. Man hätte über sie geredet. Sie hatte sich vorgenommen, Kopfschmerzen vorzutäuschen oder irgendetwas dergleichen, als die anderen Mädchen heraufgekommen waren.
Aber wie sich herausstellte, hatte sie niemand vermisst.
Nun, die Mädchen waren von dem Abend über alle Maßen erregt, und ihre Tante hatte mehr als genug damit zu tun, ihre Töchter im Auge zu behalten. Es war ein Zeichen des Vertrauens und der Achtung, dass ihre Verwandten an diesem Abend nicht jeden ihrer Schritte überwacht hatten.
Wie sich nun herausstellte, war es hinsichtlich der Ereignisse im Garten auch ein Segen gewesen. Jane verbannte die Erinnerung daran aus ihrem Gehirn. Es war zu peinlich und … irgendwie erregend.
Das Kichern schwoll zu aufgeregtem Kreischen an. Jane zuckte zusammen.
Die Mitglieder des Maywell-Mob, wie die Mädchen in weniger wohlwollenden Kreisen genannt wurden, waren im Grunde genommen nett, wenn auch nur auf eine einzige Sache aus. Sie wollten heiraten, alle fünf, und das so schnell wie möglich.
Wenn Jane wie sie aufgewachsen wäre, Betten und Haarbürsten teilend und mit einer einzigen, verhärmten Zofe für fünf Schwestern, hätte sie es vielleicht auch etwas eiliger, von zu Hause fortzukommen. Doch Jane hatte kein Zuhause, das der Rede wert war. Die Ländereien ihres Vaters waren an seinen Bruder Christoph übergegangen, den neuen Marquis von Wyndham. Die vierzehnjährige Jane und ihre Mutter waren nach Northumbrien auf das »Witwenanwesen« abgeschoben worden.
Jane verbannte auch diese Gedanken aus ihrem Gehirn. Eine behütete junge Erbin sollte sich nicht mit solchen Dingen belasten, schon gar nicht sollte sie darüber brüten. Lieber sollte sie alberne Mädchenspiele spielen. Sie holte tief Luft und verschloss sich vor den traurigen Erinnerungen. Dann betrachtete sie die Albernheiten ihrer Kusinen mit einem amüsierten Lächeln.
Sie waren alle ganz bei der Sache. Das Traurige daran war, dass dieses Spiel für sie todernst war. Die Mädchen hatten auf diesem vom Krieg verwüsteten Heiratsmarkt keine Chance. Es gab nicht genügend potenzielle Ehemänner, was die Konkurrenz verschärfte, und der Maywell-Mob war bei den verfügbaren Junggesellen nicht besonders angesehen.
Lady Maywell, wie immer sehr pragmatisch, hatte beschlossen, alle fünf auf einmal auf den Markt zu werfen. »Am besten setzt man alle seine Köder auf einmal ein«, hatte sie argumentiert. »Dann ist es wahrscheinlicher, dass wenigstens eine von ihnen einen Fang macht.«
Die Tatsache, dass alle fünf die berüchtigte Maywell-Nase besaßen, war nur ein kleiner Teil des Problems. Jane selbst galt eher als hübsch oder elegant denn als schön, obgleich das möglicherweise mehr ihrer Kleidung geschuldet war als sonst etwas.
Der Maywell-Mob hingegen war nahe daran, Seine Lordschaft mit dem Bedarf an Kleidern und Festivitäten, um potenzielle Ehemänner anzulocken, zu ruinieren. Es war kaum etwas übrig für die Mitgift. Jane wiederum besaß so viele Kleider, dass sie eigentlich für mehrere reichten. Sie trug nur die elegantesten, perfekt passenden Kleider mit sämtlichen Accessoires, die eine Frau brauchte, um auf diesem Frissoder-stirb-Heiratsmarkt zu bestehen.
Selbstverständlich war alles eine Scharade, aber es erinnerte Jane an ein Leben, das längst vergangen war. Die Jahre, in denen sie mit ihrer Mutter ums Überleben gekämpft hatte, schienen ihr allen Spaß an Rippbändern und Batistunterwäsche genommen zu haben.
Das Kichern schwoll an. Jane schauderte es. Von Augusta, der ältesten, bis hin zu Serena, der jüngsten, besaßen die Kusinen nicht einen Funken Verstand. Und doch waren sie liebe Mädchen, die ihre entfernte Kusine herzlich aufgenommen hatten. Sie hätten alles Recht dazu gehabt, Jane um ihre Truhen voller schöner Dinge zu beneiden. Die Schwestern waren gezwungen, dieselben Kleider immer wieder umzunähen und an die nächstjüngere weiterzureichen, in der Hoffnung, dass sie nicht wiedererkannt würden. Und trotz ihrer eigenen relativen Armut hatten sie gestaunt und rückhaltlos bewundert, was Jane aus ihren Truhen gepackt hatte.
Das Spiel um sie herum ging unter viel Gekicher weiter und erreichte eine solche Lautstärke, dass Jane beschloss, sich einen anderen Ort zum Schlafen zu suchen. Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte, zwischen Serena und Bedelia – der vierten Schwester, oder war sie die dritte? – vom Bett zu krabbeln.
Bedelia japste. »Oh, Jane, schau nur, was du angerichtet hast, du dummes Ding!«
Jane blinzelte überrascht. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, schoss es ihr durch den Kopf. Dann schaute sie hinunter und sah, dass sie eines der Portraits unter ihrem Ellenbogen zerdrückte. Sie richtete sich auf, nahm das Blatt und versuchte, es über ihrem Knie zu glätten.
Serena hatte die Zeichnungen gemacht, und sie waren wirklich ziemlich gut. Man sollte sich einem solchen Talent gegenüber nicht despektierlich verhalten, vor allem nicht, da die arme Serena sonst kaum etwas hatte, das sie auszeichnete. Sie war nicht besonders schlau und auch nicht besonders hübsch, und außerdem – das wusste Jane aus eigener Erfahrung – strampelte sie schrecklich im Schlaf.
Die Zeichnung glättete sich. Jane erkannte ein Gesicht, das sie ihre Bewegungen verlangsamen und ihren Atem beschleunigen ließ. Mit seiner hohen Stirn und den breiten Wangenknochen, mit dem zu langen Haar, das er offen und respektlos trug, erinnerte er Jane an einen erschöpften mittelalterlichen Helden, der seinen Helm abgenommen hatte, nachdem er kurz zuvor den Drachen erlegt und die Prinzessin gerettet hatte.
Es war der Mann aus dem Garten. »Wer ist das?«
Augusta schnaufte. »Ach, der. Der ist nur ein Platzhalter.«
»Was ist er?« Das war sicher nicht so gemeint gewesen, wie es geklungen hatte.
»Ein Platzhalter. So nennt Mama die Herren, die nur eingeladen werden, damit die Sitzordnung bei Tisch aufgeht«, erklärte Bedelia. »Ethan Damont ist kein Gentleman. Er hat nur ein hübsches Gesicht, das sich bei Tisch gut macht.«
»Und Papa spielt gerne mit ihm Karten«, ergänzte Serena. »Er sagt, er will so lange mit ihm spielen, bis er herausgefunden hat, welchen Trick der Diamant anwendet, um immer zu gewinnen.«
Eingeladen, aber nicht willkommen? Es war sogar noch schlimmer, als Jane vermutet hatte. Er tat ihr leid. Dann erreichten Serenas Worte ihr Bewusstsein. »Der Diamant?«, wandte sich Jane an ihre Kusinen. »Der Spieler, über den die Voice of Society immerzu berichtet?«
Augusta verdrehte die Augen. »Die Klatschspalten machen ihn zu mehr, als er ist. Er hat keinen Namen und auch kein Vermögen. Serena hat ihn nur in den Topf getan, um das Dutzend voll zu kriegen.«
»Ein Platzhalter«, sagte Serena kichernd. »Und er hat hübsche Augen.«
Der Mann in der Zeichnung schaute Jane an. Serena besaß manchmal mehr Talent, als sie wusste, denn in ihrer Eile, die Zettel für ihr Spiel herzustellen, hatte sie mehr von dem Mann zu Papier gebracht, als sie es getan hätte, wenn sie darüber nachgedacht hätte.
Ethan Damont hatte keine »hübschen« Augen. Er hatte traurige und tragische Augen – Augen, die von Einsamkeit und Resignation sprachen. Jane fühlte ein leichtes Stechen in der Brust. Ethan Damont, der Diamant.
Er war geradezu schockierend freizügig gewesen, als er sie berührt hatte. Oh, nicht etwa wirklich anstößig, aber sie war sich sehr wohl darüber bewusst gewesen, dass er sich Zeit gelassen hatte, sie auf dem Boden abzusetzen. Ein sehr körperbewusster Mann. Groß, gewandt und von ungeheuerlichem Benehmen – genau so, wie man sich einen opportunistischen Kartenspieler aus dem gemeinen Volk vorstellte.
Sie schaute noch einmal auf die Zeichnung. Seine Augen …
Warum nur hatte sie das Gefühl, dass Mr Ethan Damont mehr zu bieten hatte, als auf den ersten Blick zu erkennen war?

3
Am nächsten Tag war Ethan wieder der Alte. Er stolzierte in voller Montur inklusive Spazierstock die Strand herunter. Im Augenblick hatte er keine Sorgen. Er hatte Lord Maywell letzte Nacht einen ganzen Packen Geldscheine abgenommen, die er zu der Belohnung hinzugefügt hatte, die er kürzlich von Collis Tremaynes stämmigem Onkel erhalten hatte.
Ethan hatte nie erfahren, warum Collis und sein Onkel zusammengeschlagen und in einem kerkerähnlichen Raum in einer alten Waffenfabrik angekettet worden waren. Aber er hatte ja auch nie danach gefragt. Er hatte noch nicht einmal nach dem Namen des Onkels gefragt, sondern ihn im Stillen nur unbekümmert »den alten Knacker« getauft. Und dabei war es geblieben.
Es gab Zeiten, wenn ein Kerl den Spielstand wissen musste, und dann gab es wieder solche, da ließ man ihn lieber im Ungewissen.
Mit vollen Taschen und erfolgreich unterdrückten Fragen beschloss Ethan den neuen Tag und seine neu gewonnene Solvenz zu genießen. Welchen delikaten Zeitvertreib konnte er an diesem herrlichen Nachmittag in der großartigsten Stadt der Welt wohl finden? Er atmete tief und zufrieden ein. Die Möglichkeiten waren grenzenlos.
Ethan liebte London mit all seinen schmutzigen, schmierigen, dunklen Winkeln. Er hasste es, wenn er die Stadt verlassen musste. Er war einige Male auf mehrtägige Festivitäten auf irgendwelchen Landgütern eingeladen gewesen, wo er sich einen gewissen Ruf als Jäger und Reiter erworben hatte und die restliche Zeit die tödliche Langeweile damit zu vertreiben versuchte, indem er die Hausherrin mit seinem Charme dazu brachte, seinetwegen ihre Wäsche abzulegen.
Und dann gab es da noch jene bemerkenswerten Momente, als seine Langeweile dadurch durchbrochen wurde, dass er vor einem erbosten Ehemann hatte fliehen müssen oder vor sechs … ah, ja, daran erinnerte er sich gern.
Und doch, ließ man einmal diese atemlosen Renne-umdein-Leben-Abenteuer beiseite, war er immer froh gewesen, in die Stadt zurückzukehren. Hier verschwammen die unsichtbaren Grenzen zwischen den Menschen, hier öffneten sich die Türen einen Spalt, und es war ihm ohne große Mühe möglich, zwischen der Person, die er war, und derjenigen, die er in den Augen anderer war, hin und her zu wechseln.
Aus den Augenwinkeln sah er sein Spiegelbild in einem der Schaufenster. Da er nichts dagegen hatte, einen gelungenen Auftritt zu bestaunen, blieb er stehen und beglückwünschte sich im Stillen. Er sah aus wie ein Gentleman. Sein Hut, ein schlanker Zylinder mit schmalem Rand, wie er gerade en vogue war, saß im exakt richtigen Winkel auf seinem Kopf, um eine gewisse Gleichgültigkeit zu signalisieren, sein Frack und seine Weste waren aus bestem Tuch und nach der neuesten Mode geschnitten. Seine grauen, maßgefertigten Handschuhe aus feinstem Leder umfassten den Knauf eines Spazierstockes, den er weder besonders mochte noch benötigte. Er zog lieber Stiefel an als Strümpfe und Halbschuhe, obgleich er überaus ansehnliche Waden sein Eigen nannte.
Ja, er entsprach von Kopf bis Fuß dem Bild eines flanierenden Gentleman. Es war alles am richtigen Platz, und kein einziger Hinweis auf seine wahre Herkunft erinnerte seine Mitmenschen daran, dass er nicht – nicht wirklich – dazugehörte.
Aber natürlich wussten alle Bescheid. Vor langer Zeit hatte er beschlossen, dass es besser war, ihnen von Anfang an reinen Wein einzuschenken und dann wie ein Besessener daran zu arbeiten, dass sie es vergaßen.
Warum?
Um ganz ehrlich zu sein, wusste er das selbst nicht mehr. Von Geburt an war er dazu erzogen worden, seinen Platz in der besseren Gesellschaft zu finden. Er war als kleines Kind bereits unterrichtet worden, seine Gouvernanten und Lehrer stammten aus dem verarmten Landadel, und seine Eltern scheuten keine Ausgabe, ihm Reiten und Schießen beibringen zu lassen und all die anderen Amüsements einer Klasse, die kaum etwas anderes tat, als sich mit Müßiggang die Zeit zu vertreiben.
Als er nun sein eigenes Spiegelbild betrachtete, musste Ethan zugeben, dass sein Vater damit verdammt erfolgreich gewesen war. Ethan Damont, Sohn eines Textilfabrikanten und einer Schneiderin, sah von Kopf bis Fuß aus wie der Aristokrat, den sein Vater aus ihm hatte machen wollen.
Natürlich hatte sein Vater damit bezwecken wollen, die ganze Familie gesellschaftlich voranzubringen. Zu dumm nur, dass der alte Mann nicht bedacht hatte, dass sein Sohn als echter Aristokrat – also unnütz und faul bis auf die Knochen – wenig oder vielmehr kein Interesse an der Gestaltung oder Herstellung von Drillich haben würde.
Oder daran, den Fußschemel für den gesellschaftlichen Aufstieg seines Vaters abzugeben.
Der Alte hatte das nicht gut verkraftet. Vor neun Jahren hatte Damont senior seinen einzigen Sohn aus dem Haus geworfen und ihn dabei als nutzlos und unerträglich beschimpft. Ethan erinnerte sich gut daran, was für ein teuflischer Säufer er mit zwanzig gewesen war, und musste zugeben, dass sein Vater mit seiner damaligen Einschätzung recht gehabt hatte.
Nun, heutzutage käme man niemals auf diesen Gedanken. Ein feines Haus in Mayfair, Bedienstete, die den Eindruck erweckten, als würden sie tatsächlich eine Weile in Anstellung bleiben, und jedwedes Anzeichen vornehmen Müßiggangs – im Augenblick zumindest war der unnütze und unerträgliche Teil seiner selbst mit bloßem Auge nicht zu erkennen.