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Steven Galloway

Der Cellist von Sarajevo

Roman

Aus dem Englischen
von George Schmidt

Für Lara

Das Sarajevo in diesem Roman ist nur ein kleiner Teil der richtigen Stadt und ihrer Menschen, wie sie sich der Autor vorgestellt hat. In erster Linie wird hier eine Geschichte erzählt.

Ihr interessiert euch vielleicht nicht für den Krieg! Aber der Krieg interessiert sich für euch!
Leo Trotzki

Der Cellist
Sie fauchte talwärts, spaltete mühelos Luft und Himmel. Ihr Ziel, durch Zeit und Geschwindigkeit näher gebracht, breitete sich aus. Einen Moment vor dem Aufschlag war zum letzten Mal alles so wie zuvor. Dann explodierte die sichtbare Welt.
Im Jahr 1945 fand ein italienischer Musikwissenschaftler in den Überresten der ausgebrannten Dresdener Musikbibliothek vier Takte vom Generalbass zu einer Sonate. Er glaubte, dass diese Noten ein Werk des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni aus dem 17. Jahrhundert seien, und versuchte sich in den nächsten zwölf Jahren an der Rekonstruktion eines größeren Stückes aus dem versengten Manuskriptfragment. Die dabei entstandene Komposition, bekannt als Albinonis Adagio, besitzt wenig Ähnlichkeit mit Albinonis anderen Werken und gilt bei den meisten Gelehrten als fragwürdig. Aber selbst diejenigen, die an seiner Echtheit zweifeln, können die Schönheit dieses Adagios nur schwerlich bestreiten.
Fast ein halbes Jahrhundert später ist es ebendieser Widerspruch, der dem Cellisten gefällt. Dass etwas, das in einer vom Krieg zerstörten Stadt fast vernichtet worden wäre, wiedererstehen, etwas Neues und Wertvolles werden konnte, gibt ihm Hoffnung. Eine Hoffnung, die jetzt zu dem Wenigen zählt, was den belagerten Einwohnern von Sarajevo geblieben ist. Für viele schwindet die Hoffnung mit jedem Tag.
Und so sitzt der Cellist heute am Fenster seiner Wohnung im zweiten Stock und spielt wie jeden Tag in letzter Zeit, bis er seine Hoffnung wiederkehren spürt. Das Adagio spielt er selten. An vielen Tagen ist es einfach, dann kann er die belebende Kraft der Musik so direkt spüren, als tankte er ein Auto auf. Manchmal ist es nicht der Fall. Wenn diese Hoffnung nach etlichen Stunden nicht wiederkehrt, hält er inne, sammelt sich, und dann beschwören er und sein Cello Albinonis Adagio aus den Ruinen von Dresden in die von Mörsern aufgerissenen, von Heckenschützen heimgesuchten Straßen von Sarajevo. Bis die letzten Töne verklingen, hat er wieder Hoffnung gefasst, aber jedes Mal, wenn er auf das Adagio zurückgreifen muss, wird es schwerer, und er weiß, dass seine Wirkung begrenzt ist. Die Adagios, die er noch zur Verfügung hat, sind gezählt, und er will diese kostbare Währung nicht leichtfertig verplempern.
Es war nicht immer so. Unlängst noch sah es so aus, als sei ihm ein glückliches Leben beschieden. Vor fünf Jahren, als sich die ganze Familie für ein Foto anlässlich der Hochzeit seiner Schwester aufstellte, hatte ihm sein Vater den Arm um den Nacken geschlungen und ihn mit der Hand an der Schulter gepackt. Es war ein fester Griff, der für manche schmerzhaft gewesen wäre, aber nicht für den Cellisten. Die Finger auf seiner Haut verrieten ihm, dass er geliebt wurde, immer geliebt worden war und dass die Erde ein Ort war, an dem das Gute stets einen Weg finden würde. Obwohl er sich damals über all das im Klaren war, würde er nahezu alles dafür hergeben, wenn er die Zeit zurückdrehen und in diesem Augenblick anhalten könnte, und sei es auch nur, damit er sich jetzt deutlicher daran erinnern konnte. Zu gern würde er die Hand seines Vaters wieder auf seiner Schulter spüren.
Heute ist kein Tag für das Adagio, das weiß er. Seit einer halben Stunde erst sitzt er am Fenster, aber es geht ihm bereits ein bisschen besser. Draußen steht eine Menschenschlange nach Brot an. Es ist über eine Woche her, seit es auf dem Markt Brot zu kaufen gab, und er überlegt, ob er sich zu ihnen gesellen soll. Viele seiner Freunde und Nachbarn sind in der Schlange. Er entscheidet sich vorerst dagegen. Er muss noch eine Weile üben.
 

Sie fauchte talwärts, spaltete mühelos Luft und Himmel. Ihr Ziel, durch Zeit und Geschwindigkeit näher gebracht, breitete sich aus. Einen Moment vor dem Aufschlag war zum letzten Mal alles so wie zuvor. Dann explodierte die sichtbare Welt.
Als die Mörser die Philharmonie von Sarajevo zerstörten, kam es dem Cellisten so vor, als wäre er selbst in dem Gebäude, als würden die Ziegel und das Glas, die einst das Skelett des Bauwerks bildeten, zu Projektilen, die auf ihn einprasselten und ihn bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten. Er war der erste Cellist des Philharmonischen Orchesters von Sarajevo. Damit kannte er sich aus. Er ließ den Geist der Musik Wirklichkeit werden. Wenn er in seinem Frack auf die Bühne trat, wurde er in ein Instrument der Befreiung verwandelt. Er schenkte den Menschen, die zuhörten, das, was er am meisten liebte. Er war so verlässlich wie der feste Griff seines Vaters.
Jetzt kümmert es ihn nicht, ob ihn jemand spielen hört oder nicht. Sein Frack hängt unberührt im Schrank. Die Geschütze auf den Bergen rings um Sarajevo haben ihn ebenso verheert wie die Philharmonie, wie das Haus seiner Familie in der Nacht, als sein Vater und seine Mutter schliefen, so wie sie letztlich alles verheeren werden.
Die Geographie der Belagerung ist einfach. Sarajevo ist ein langer, flacher Landstreifen, auf allen Seiten von Bergen umgeben. Die Männer auf den Bergen beherrschen die Anhöhe und Grbavica, eine Halbinsel im Tal, mitten in der Stadt. Sie feuern Kugeln, Mörsergranaten, Panzer- und Artilleriegeschosse in die übrige Stadt, die mit einem Panzer und kleinen Handfeuerwaffen verteidigt wird. Die Stadt wird zerstört.
Der Cellist weiß nicht, was gleich geschehen wird. Zunächst wird er den Einschlag gar nicht wahrnehmen. Lange wird er am Fenster stehen und hinausstarren. Inmitten des Gemetzels und Durcheinanders bemerkt er dann die Handtasche einer Frau, blutgetränkt und mit Glassplittern übersät. Er weiß nicht, wem sie gehört. Dann senkt er den Blick und sieht, dass er seinen Bogen fallen gelassen hat, und irgendwie kommt es ihm so vor, als bestünde ein Zusammenhang zwischen den beiden Gegenständen. Er ist sich nicht darüber im Klaren, worin der Zusammenhang besteht, aber das Gefühl, dass es einen gibt, zwingt ihn dazu, sich auszuziehen, zum Kleiderschrank zu gehen und die Plastikhülle der Reinigung von seinem Frack zu schälen.
Er wird die ganze Nacht und den nächsten Tag über am Fenster stehen. Dann, um vier Uhr nachmittags, vierundzwanzig Stunden nachdem die Mörsergranate auf seine Freunde und Nachbarn gefallen ist, während sie nach Brot anstanden, wird er sich bücken und den Bogen aufheben. Er wird sein Cello und den Hocker die schmale Treppe zur Straße hinuntertragen. Der Krieg rundum wird weitergehen, während er in dem kleinen Krater sitzt, den die Mörsergranate beim Aufschlag gerissen hat. Er wird Albinonis Adagio spielen. Zweiundzwanzig Tage lang, Tag für Tag, einen für jeden Getöteten. Er wird es zumindest versuchen. Er ist sich nicht sicher, ob er überleben wird. Er ist sich nicht sicher, ob er genügend Adagios übrig hat.
Von alldem weiß der Cellist jetzt noch nichts, während er in der Sonne am Fenster sitzt und spielt. Er hat noch nichts bemerkt. Aber sie ist bereits unterwegs. Sie faucht talwärts, spaltet mühelos Luft und Himmel. Ihr Ziel, durch Zeit und Geschwindigkeit näher gebracht, breitet sich aus. Einen Moment vor dem Einschlag ist zum letzten Mal alles so wie zuvor. Dann explodiert die sichtbare Welt.

Eins

Strijela
Strijela zwinkert. Sie wartet schon lange. Durch das Zielfernrohr ihres Gewehrs sieht sie drei Soldaten neben einer niedrigen Mauer stehen. Einer schaut auf die Stadt hinab, als erinnere er sich an etwas. Einer streckt ein Feuerzeug aus, an dem sich ein anderer eine Zigarette anzündet. Offensichtlich haben sie keine Ahnung, dass sie sie im Visier hat. Vielleicht, denkt sie, glauben sie, dass sie zu weit von der Front entfernt sind. Sie irren sich. Vielleicht meinen sie, niemand könnte eine Kugel zwischen den Gebäuden hindurchschießen, die sie von ihr trennen. Sie irren sich wieder. Sie kann jeden von ihnen töten, vielleicht sogar zwei, wann immer sie sich dazu entscheidet. Und bald wird sie sich entscheiden.
Sie ist inmitten der Trümmer eines ausgebrannten Bürohochhauses versteckt, ein paar Meter hinter einem Fenster mit Blick auf die Berge im Süden der Stadt. Für jeden Ausguck wäre es schwer, wenn nicht unmöglich, eine zierliche junge Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren zu entdecken, die sich in den rauchenden Überresten des Alltagslebens verbirgt. Den Bauch an den Boden gedrückt, liegt sie da, die Beine teilweise mit einer alten Zeitung bedeckt. Ihre Augen, groß, blau und strahlend, sind das einzige Lebenszeichen.
Strijela glaubt, dass sie anders ist als die Heckenschützen auf den Bergen. Sie schießt nur auf Soldaten. Die anderen schießen auf unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder. Wenn sie jemanden töten, wollen sie eine Wirkung erzielen, die weit über das Auslöschen eines Menschen hinausgeht. Sie wollen die Stadt morden. Mit jedem Toten bricht ein Stück von dem Sarajevo aus Strijelas Jugend weg, ebenso wie mit jedem von Mörsergranaten zertrümmerten Haus. Diejenigen, die übrig bleiben, haben nicht nur einen Mitbürger verloren, sondern auch die Erinnerung daran, wie das Leben war, bevor die Männer auf den Bergen auf einen schossen, während man die Straße überqueren wollte.
Vor zehn Jahren, als Strijela achtzehn war, hatte sie sich das Auto ihres Vaters geliehen und war aufs Land gefahren, um Freunde zu besuchen. Es war ein strahlend schöner Tag, und der Wagen kam ihr wie lebendig vor, als wären ihre durch ihn umgesetzten Bewegungen eine Art Bestimmung, als geschähe alles genau so, wie es sein sollte. Als sie um eine Kurve bog, kam im Radio eines ihrer Lieblingsstücke, und der Sonnenschein, der zwischen den Bäumen einfiel wie durch Spitzengardinen, erinnerte sie an ihre Großmutter, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Nicht ihrer Großmutter wegen, die damals noch unter den Lebenden weilte, sondern weil sie eine unbändige Lebenslust empfand, eine Freude, die umso stärker war, als sie wusste, dass eines Tages alles zu Ende gehen würde. Es war überwältigend, und es erschreckte sie so, dass sie am Straßenrand anhielt. Hinterher kam sie sich ein bisschen töricht vor und sprach nie darüber.
Jetzt jedoch weiß sie, dass sie nicht töricht war. Ihr wird klar, dass sie ohne einen bestimmten Grund auf den Kern dessen gestoßen ist, was das menschliche Wesen ausmacht. Es ist eine seltene Gabe, zu begreifen, dass das Leben wunderbar ist und dass es nicht ewig währt.
Wenn Strijela also den Abzug durchdrückt und dem Leben eines der Soldaten in ihrem Visier ein Ende setzt, tut sie das nicht, weil sie ihn töten will – obwohl sie das auch nicht bestreiten kann -, sondern weil die Soldaten sie und fast alle anderen in der Stadt um diese Gabe gebracht haben. Die Tatsache, dass das Leben enden wird, ist so selbstverständlich geworden, dass sie jede Bedeutung verloren hat. Aber schlimmer noch ist für Strijela die Erkenntnis, dass das, was sie weiß, und das, was sie glaubt, nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Denn obwohl sie weiß, dass ihre Tränen an diesem Tag nicht der lächerlichen Sentimentalität eines jungen Mädchens entsprangen, glaubt sie es nicht recht.
Die Soldaten, die Strijela beobachtet, haben guten Grund, sich sicher zu fühlen. Bei fast jedem anderen Schützen wären sie es auch. Sie sind einen knappen Kilometer entfernt, und das Gewehr, das sie und nahezu alle Verteidiger benutzen, hat eine zuverlässige Reichweite von achthundert Metern. Darüber hinaus ist die Chance, ein Ziel zu treffen, nur gering. Bei Strijela ist das nicht der Fall. Sie kann mit einer Kugel Sachen machen, die andere nicht fertigbringen.
Für die meisten Menschen kommt es bei Fernschüssen auf Beobachtungsgabe und mathematische Fähigkeiten an. Man ermittle Windgeschwindigkeit und -richtung sowie die Entfernung zum Ziel. Die geschätzten Maße fließen in Gleichungen ein, bei denen die Fluggeschwindigkeit der Kugel, der Zeitfaktor, die Vergrößerungsstärke des Zielfernrohrs berücksichtigt werden. Auch ein Ball wird nicht direkt auf ein Ziel geworfen, er wird in einem Bogen geworfen, der so berechnet ist, dass er sich mit dem Ziel schneidet. Strijela nimmt keine Einschätzungen vor, sie berechnet keine Formeln. Sie jagt die Kugel einfach dorthin, wo sie hin muss. Sie kann nicht verstehen, warum andere Scharfschützen damit Schwierigkeiten haben.
Von der Bergfestung Vraca aus, oberhalb des besetzten Wohngebiets Grbavica gelegen, meinen ihre Feinde die Stadt ungestraft beschießen zu können. Im Zweiten Weltkrieg war Vraca ein Ort, an dem die Nazis jene, die Widerstand leisteten, folterten und ermordeten. Die Namen der Toten sind in die Stufen gemeißelt, aber seinerzeit benutzten nur wenige Kämpfer ihren richtigen Namen. Sie nahmen einen neuen Namen an, einen Namen, der mehr über sie aussagte als jede von Trunkenbolden in einer Bar erzählte Geschichte, einen Namen, der eine Botschaft übermittelte, die sich trotz aller Versuche der Regierung nicht zu Propagandazwecken missbrauchen ließ. Es heißt, sie hätten diesen anderen Namen angenommen, damit ihre Angehörigen nicht in Gefahr gerieten, damit sie ein Doppelleben führen konnten. Doch Strijela glaubt, dass dieser andere Namen ihnen ermöglichte, Abstand zu halten zu dem, was sie tun mussten, und die Persönlichkeit, die kämpfte und tötete, eines Tages wieder abzulegen. Seit sie gelernt hat, jemanden zu hassen, weil er sie hasste, und ihn dann für das zu hassen, was er ihr antat, ist in ihr das Verlangen gewachsen, den Teil ihrer Persönlichkeit, der sich zur Wehr setzen will, der es genießt, sich zur Wehr zu setzen, von dem Teil zu trennen, der von Anfang an gar nicht kämpfen wollte. Wenn sie ihren richtigen Namen gebrauchte, wäre sie wie die Männer, die sie tötet. Es wäre ein schlimmerer Tod als das Ende ihres Lebens.
Seit sie zum ersten Mal ein Gewehr ergriffen hat, nennt sie sich Strijela – Pfeil. Manche sprechen sie weiterhin mit ihrem früheren Namen an. Sie beachtet sie nicht. Wenn sie nachhaken, erklärt sie ihnen, dass sie jetzt Strijela heißt. Keiner widerspricht. Keiner stellt das, was sie tun muss, in Frage. Jeder macht irgendetwas, um am Leben zu bleiben. Aber falls sie bedrängt werden sollte, würde sie antworten: »Ich bin Strijela, weil ich sie hasse. Die Frau, die ihr gekannt habt, hat niemanden gehasst.«
Strijela hat ihre heutigen Ziele auf Vraca ausgewählt, weil sie nicht möchte, dass sich die Männer sicher fühlen. Sie muss einen äußerst schwierigen Schuss abgeben. Obwohl sie sich im neunten Stock dieses verwüsteten Hauses verbirgt, muss sie zur Festung hin bergauf schießen und die Kugel zwischen einer Reihe von Gebäuden hindurchjagen, die zwischen ihr und dem Ziel stehen. Die Soldaten müssen an Ort und Stelle bleiben, in einem Umkreis von rund drei Metern, und der Qualm aus brennenden Gebäuden verdeckt ihr ab und zu die Sicht. Sobald sie einen Schuss abgibt, wird jeder Heckenschütze auf dem Berg im Süden Ausschau nach ihr halten. Sie werden rasch herausfinden, wo sie ist. Dann werden sie das Gebäude mit Granaten beschießen, notfalls bis auf die Grundmauern. Und dieses Haus ist vor allem deshalb ausgebrannt, weil es ein leichtes Ziel darstellt. Die Chancen, den Folgen ihrer eigenen Kugeln zu entrinnen, sind gering. Aber das ist keine ungewöhnliche Herausforderung. Sie hat schon unter verzwickteren Bedingungen geschossen und mit schnelleren Vergeltungsschlägen rechnen müssen.
Strijela weiß genau, wie lange es dauern wird, bis man sie ausfindig macht. Sie weiß genau, wohin die Heckenschützen schauen und wo die Mörsergranaten einschlagen werden. Wenn der Beschuss aufhört, wird sie weg sein, auch wenn keiner begreifen wird, wie, nicht einmal die Leute auf ihrer Seite, die Verteidiger der Stadt. Wenn sie es ihnen erklärte, würden sie es nicht verstehen. Sie würden nicht glauben, dass sie weiß, was eine Waffe macht, weil sie selbst eine Waffe ist. Dieses besondere Talent erkennen nur wenige an. Wenn sie die Wahl hätte, würde sie es auch nicht glauben. Aber sie weiß, dass es nicht von ihr abhängt. Man sucht sich nicht aus, was man glaubt. Der Glaube sucht einen aus.
Einer der drei Soldaten entfernt sich von den beiden anderen. Strijela strafft sich, wartet ab, ob die beiden salutieren. Wenn ja, wird sie schießen. Einen Moment lang ist sie unsicher, kann ihre Gesten nicht deuten. Dann tritt der Soldat aus dem schmalen Korridor, durch den die Kugel fliegen kann. In einem scheinbar bedeutungslosen Augenblick hat er sein Leben gerettet. Das Leben besteht fast gänzlich aus solchen Aktionen, wie Strijela weiß.
Sie beobachtet sie noch eine Weile, wartet auf einen Fingerzeig, der ihr vorgibt, wem die erste Kugel gelten soll. Sie will zweimal schießen, alle beide töten, aber sie ist nicht ganz sicher, ob sich die Gelegenheit dazu ergibt, und wenn sie einen Soldaten auswählen muss, will sie die richtige Wahl treffen, falls es eine richtige Wahl gibt. Letzten Endes glaubt sie nicht, dass es eine Rolle spielt. Vielleicht wird einer von ihnen am Leben bleiben, aber er wird nie erfahren, wie knapp er davongekommen ist. Er wird nie erfahren, dass in ihrem Visier nur der Bruchteil eines Millimeters hin oder her darüber entscheidet, ob er in zehn Minuten noch die Sonne auf dem Gesicht spürt oder ungläubig auf seine Brust hinunterblickt, spürt, wie alles, was er war und hätte werden können, aus ihm herausströmt, und dann, in den letzten Momenten, mehr Schmerz erfährt, als er für möglich gehalten hat.
Einer der Soldaten sagt etwas und lacht. Der andere fällt ein, aber Strijela hat den Eindruck, dass er nicht so schallend lacht, seinem Gefährten vielleicht nur einen Gefallen tun will. Soll sie auf den Anstifter oder auf den Mitläufer schießen? Sie ist sich nicht sicher. In den nächsten paar Minuten beobachtet sie die Männer beim Rauchen und Reden. Ihre Hände fuchteln in der Luft herum, als setzten sie harte Striche, halten manchmal inne, wenn der andere spricht, wie gezückte Messer vor dem Zustoßen. Beide sind jung, jünger als sie, und in einer anderen Umgebung, einer anderen Zeit könnte sie sich fast vorstellen, dass sie über die jüngsten Fußballergebnisse sprechen. Vielleicht tun sie es, denkt sie. Es wäre möglich, sogar wahrscheinlich, dass sie das Ganze als eine Art Spiel betrachten. Kleine Jungs, die Bomben statt Bälle werfen.
Dann wenden beide den Kopf, als würden sie von jemandem gerufen, den Strijela nicht sehen kann, und sie weiß, dass der Zeitpunkt zum Schießen gekommen ist. Nichts hat ihr die Entscheidung abgenommen, auf wen sie als Erstes zielen soll, also sucht sie sich einen aus. Sie kann nicht sagen, ob es einen Grund dafür gibt, ob es daran liegt, dass der eine Schuss einfacher ist, ob sie der eine an jemanden erinnert, den sie einst kannte und mochte oder nicht mochte, oder ob ihr einer gefährlicher vorkommt als der andere. Sie weiß lediglich, dass sie ausatmet und den Finger, der bislang am Abzug lag, durchdrückt, worauf eine Kugel fast so schnell wie der Schall aus dem Lauf schießt, im nächsten Moment Stoff, Haut, Fleisch, Knochen und Organe zerfetzt und binnen kurzer Zeit ein Lebewesen in einen Leichnam verwandelt.
Während sich Strijela auf den zweiten Schuss vorbereitet, wird ihr von einer Sekunde zur anderen klar, dass etwas schiefgegangen ist. Die Männer auf den Bergen wissen, wo sie ist. Sie lässt den Schuss sein und rollt sich zur Seite, ist sich jetzt bewusst, dass man sie im Blick hat, dass ein Heckenschütze die ganze Zeit hinter ihr her war und sie sich in dem Augenblick, als sie schoss, verraten hat. Sie haben ihr eine Falle gestellt, und sie ist hineingetappt. Eine Kugel prallt dort, wo sie eben noch lag, auf den Boden. Als sie zum ausgebrannten Treppenhaus huscht, das sie neun Stockwerke tiefer und aus dem Gebäude führen wird, hört sie einen Gewehrschuss, nicht aber den Einschlag der Kugel. Das heißt entweder, dass der Heckenschütze danebengeschossen hat, oder, dass sie getroffen wurde. Sie spürt keinen Schmerz, hat aber oft gehört, dass man ihn zunächst nicht wahrnimmt. Sie muss nicht nachsehen, ob sie getroffen ist. Wenn eine Kugel sie erwischt hat, wird sie es früh genug merken.
Als Strijela ins Treppenhaus tritt, fliegt eine Mörsergranate durchs Dach und explodiert. Sie ist zwei Absätze tiefer, als eine weitere einschlägt und den neunten Stock zum Einsturz bringt. Im sechsten Stock angekommen, überdenkt sie die Lage, biegt in einen schmalen, dunklen Korridor ab und läuft, so schnell sie kann, vor der Mörsergranate davon, die, wie sie weiß, jeden Moment im Treppenhaus hochgehen wird. Sie kommt weit genug, um den Stahl-, Holz- und Betonsplittern zu entgehen, die durch die Explosion in alle Richtungen geschleudert werden, eine Vielzahl von Kugeln, um ihr die eine heimzuzahlen. Doch dann, als das letzte Schrapnell am Boden aufprallt, macht sie kehrt und rennt zum Treppenhaus zurück. Sie weiß zwar nicht, was davon übrig ist, aber sie hat keine Wahl. Es gibt keinen anderen Ausweg aus dem Gebäude, und wenn sie bleibt, wird man es ihr mit Zins und Zinseszins heimzahlen. Der sechste Stock ist in den fünften gestürzt, und als sie auf den Treppenabsatz hinunterspringt, fragt sie sich, ob er sie trägt. Er hält, und von dort aus muss sie nur dicht an der Innenwand bleiben, wo die Treppe ans Mauerwerk stößt, wo die Last der schichtweise herabgestürzten oberen Stufen weniger schwer wiegt.
Strijela hört eine weitere Mörsergranate einschlagen, als sie das Erdgeschoss erreicht, und obwohl die Haustür, die auf die Straße führt, nur ein paar Schritte entfernt ist, läuft sie in den Keller weiter, wo sie sich durch einen schummrigen Korridor vorantastet, bis sie auf eine Tür stößt. Sie drückt sie auf. Durch den jähen Wechsel von der Dunkelheit ins Licht wird sie einen Moment lang geblendet, doch ohne Zögern tritt sie auf eine niedrige Treppe an der Nordseite des Gebäudes, wo sie vor den Männern auf dem Berg im Süden zunächst geschützt ist. Bevor sich ihre Augen wieder an die Umgebung gewöhnt haben, stellt sie fest, dass der Widerhall der Granaten ihr Gehör in Mitleidenschaft gezogen hat; es erinnert sie an einen Tag im Schwimmbad, als sie und eine Freundin sich unter Wasser abwechselnd ihre Namen zugerufen und darüber gelacht haben, wie sie klangen, völlig unverständlich, fremd und verzerrt. Als sie sich ostwärts wendet, weg von dem Gebäude, nimmt sie einen Schmerz in der Seite wahr und blickt hinab, rechnet fast damit, ihre Eingeweide zwischen den gesplitterten Rippen hervorquellen zu sehen. Bei einer kurzen Untersuchung findet sie nur einen leichten Riss, eine Kleinigkeit, die sie sich irgendwann während ihrer Flucht zugezogen hat.
Als sie zum Hauptquartier ihrer Einheit in der Innenstadt geht, bemerkt sie, dass der Himmel dunkel wird. Ein paar Regentropfen fallen ihr auf die Stirn, lassen sie ihre eigene Hitze spüren, während sie verdampfen. Als sie ihre Seite abtastet, hat sie kein frisches Blut mehr an der Hand, und Strijela fragt sich, was es zu bedeuten hat, dass sie mit einer unbedeutenden Verletzung davongekommen und trotzdem nicht erleichtert ist.

Kenan
Ein weiterer Tag ist angebrochen. Licht sickert in die Wohnung und fällt auf Kenan Šimunović, der in der Küche nach der Plastikflasche greift, die den letzten Viertelliter Wasser für seine Familie enthält. Seine Bewegungen sind langsam und steif. Er kommt sich wie ein alter Mann vor, obwohl er kürzlich erst seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert hat. Seiner Frau Amila, die im Wohnzimmer schläft, weil es dort sicherer ist als in ihrem Schlafzimmer, das an der Straße liegt, geht es genauso. Sie ist noch keine siebenunddreißig, aber ihre Haare sind grau, und die Haut ist erschlafft, wie bei einer verblühten Frau, die sie nie war. Die mittleren Lebensjahre sind ihnen irgendwie verlorengegangen.
Wenigstens merkt man bei ihren Kindern vorerst noch nichts. Wie alle Kinder begehren sie gegen die Grenzen auf, die man ihnen setzt, möchten erwachsen sein und wünschen sich, dass alles anders ist. Sie wissen, was vor sich geht, aber sie verstehen es nicht. Vielleicht, vermutet Kenan, werden sie deswegen nicht alt.
Die Familie ist seit fast einem Monat ohne Strom und fließendes Wasser. Ohne Strom ist das Leben nur schwieriger, ohne Wasser hingegen unmöglich. Deshalb trägt Kenan alle vier Tage ein Sammelsurium von Plastikbehältern zusammen und begibt sich den Hang hinab, durch die Altstadt, über den Fluss Miljacka und in die Berge nach Stari Grad, zur Brauerei. Ab und zu kann man auch näher gelegene Wasserstellen finden, und er hält stets Ausschau danach, aber man kann sich nicht darauf verlassen, und sie sind nicht sicher. Er möchte nicht die Männer auf den Bergen überleben, nur um durch einen Krankheitserreger im Wasser zu sterben, eine Gefahr, die er in einer Stadt, die keine funktionierende Kanalisation mehr hat, durchaus für möglich hält. Das Wasser der Brauerei kommt aus einer tiefen unterirdischen Quelle, und seiner Ansicht nach ist das den weiteren Weg und das Risiko wert.
So leise wie möglich nimmt Kenan die letzte Wasserflasche und geht den Flur entlang zum Badezimmer. Er dreht den Lichtschalter um, ein Reflex aus früherer Zeit. Die Glühbirne an der Decke leuchtet auf. Kenan reißt ein Streichholz an und hält die Flamme an den Kerzenstummel, der am Rand des Waschbeckens unter dem Spiegel steht. Er drückt den Stöpsel in den Abfluss und kippt den Rest Wasser ins Becken. Er benetzt sich das Gesicht mit Wasser und schüttelt sich, weil es so kalt ist. Er knetet ein kleines Stück Seife zu Schaum, den er auf Wangen, Hals, Kinn und Oberlippe aufträgt. Er setzt die Rasierklinge an, zieht sie mit regelmäßigem Scharren über die Haut und betrachtet mit schmalen Augen sein Werk. Als er fertig ist, wäscht er sich noch einmal das Gesicht und trocknet sich mit einem kratzigen Handtuch ab. Er bläst die Kerze aus und ist überrascht, als das Licht nicht erlischt. Erst da fällt ihm auf, dass es wieder Strom gibt, und er lächelt beinahe über seine Begriffsstutzigkeit, bevor ihm klar wird, was das bedeutet. Er hat sich an eine Welt gewöhnt, in der man sich bei Kerzenschein mit Seife und kaltem Wasser rasiert. Es ist normal geworden.
Dennoch, es gibt Strom, und weil das nicht normal ist, stürmt er aus dem Badezimmer, um seine Frau und die Kinder zu wecken. Er stellt sich ein auf dem Herd zubereitetes Frühstück vor, Fernsehen neben einem warmen Radiator, Lachen und lärmende Aufregung. Doch als er das Bad verlässt, hört er ein verräterisches Schnappen, und als er zurückblickt, ist das Licht aus. Er probiert die Flurlampe, und seine Vermutung bestätigt sich. Er kehrt in die Küche zurück. Es gibt keinen Grund mehr, seine Familie zu wecken.
Er setzt sich an den Tisch und überprüft sämtliche Plastikbehälter, die er mitnehmen will. Er sucht nach Sprüngen, die sie womöglich bekommen haben, seit sie zum letzten Mal geleert wurden, überzeugt sich davon, dass jede Kappe richtig sitzt. Er hat zwei Reserveflaschen, die als Ersatz dienen, falls er Fehler findet. Die Entscheidung darüber, wie viel Wasser man tragen kann, ist in dieser Stadt zu einer Art Kunst geworden. Trägt man zu wenig, muss man öfter losziehen. Jedes Mal setzt man sich der Gefahr auf den Straßen aus und riskiert eine Verletzung oder den Tod. Aber wenn man zu viel trägt, kann man nicht mehr rennen, sich ducken, in Deckung hechten, all das, was nötig ist, wenn man der Gefahr entrinnen will. Kenan entscheidet sich für acht Behältnisse. Sechs stammen aus diesem Haushalt und fassen rund vierundzwanzig Liter Wasser. Zwei weitere von Frau Ristovski werden hinzukommen, einer älteren Nachbarin aus dem Erdgeschoss.
Während er nachprüft, ob seine sechs Flaschen in Ordnung sind, hört er, wie seine Frau aus dem Bett steigt. Sie beugt sich durch die Küchentür und reibt sich den Schlaf aus den Augen.
»Letzte Nacht war es ruhig«, sagt er. »Heute wird es draußen nicht allzu schlimm sein.«
Sie nickt. Beide wissen, dass eine ruhige Nacht keineswegs auf einen ruhigen Tag hindeutet, aber Kenan ist froh, dass es keiner ausspricht.
Seine Frau geht durch die Küche und bleibt vor ihm stehen. Sie legt die Hand auf seinen Kopf, zupft ihn leicht am Ohr und lässt sie dann auf seine Schulter sinken. »Sei vorsichtig.«
Kenan lächelt. Es sind nicht so sehr die Worte, die er tröstlich findet, sondern dass sie sie noch immer ausspricht. Sie weiß genauso gut wie er, dass es so etwas wie Vorsicht nicht gibt, dass die Männer auf den Bergen jeden töten können, überall und zu jeder Zeit, und dass Glück, Schicksal oder was immer auch darüber entscheidet, wer am Leben bleibt und wer nicht, in der Vergangenheit keineswegs diejenigen begünstigt haben, die sich auf eine Art und Weise verhalten, welche man als vorsichtig bezeichnen könnte. Möglicherweise werden diejenigen bestraft, die leichtsinnig sind, aber allem Anschein nach kann es auch jeden anderen treffen. Dennoch gab es eine Zeit, da man einigermaßen auf sein Wohlergehen achten konnte, und er ist dankbar dafür, dass sie um seines Seelenheils willen bereit ist, die Erinnerung daran heraufzubeschwören.
Er sieht, wie sie auf die Flaschen blickt und sie durchzählt. »Frau Ristovski?«
»Ja.«
Sie runzelt die Stirn, streicht sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann wird ihre Miene sanfter, und sie tritt zurück und schaut ihn an. »Du brauchst bald einen neuen Mantel.«
»Ich suche mir einen, wenn ich draußen bin«, sagt er. »Soll ich dir ein Paar Schuhe besorgen?«
Sie lächelt. Kenan grinst zurück. Er ist froh, dass sie noch immer lächeln kann. »Nein«, sagt sie, »aber ich nehme gern eine Mütze, wenn du Zeit dazu hast.«
»Natürlich«, sagt er und steht auf. »Ich nehme an, du möchtest Nerz.«
Sie haben jetzt die Kinder aufgeweckt, deshalb gibt sie ihm einen raschen Kuss auf die Wange, ehe sie sich um sie kümmert. »Du solltest gehen, bevor du sie siehst und eine Stunde mit deinen Witzen verlierst.«
Als sich die Tür zu seiner Wohnung hinter ihm schließt, drückt er sich mit dem Rücken dagegen und lässt sich zu Boden sinken. Seine Beine sind schwer, die Hände kalt. Er will nicht losziehen. Er möchte wieder hineingehen, ins Bett kriechen und schlafen, bis der Krieg vorüber ist. Er möchte mit seiner jüngsten Tochter auf einen Jahrmarkt gehen. Er möchte aufbleiben, ungeduldig darauf warten, dass seine älteste Tochter vom Kinobesuch mit einem Jungen zurückkehrt, den er eigentlich nicht mag. Er möchte, dass sein Sohn, das mittlere Kind, an etwas anderes denkt als daran, wie lange es noch dauert, bis er zum Militär gehen und kämpfen kann.
Gedämpfte Laute dringen aus der Wohnung, und er macht sich Sorgen, dass jemand an die Tür kommen und ihn sehen könnte. Sie dürfen ihn so nicht sehen. Sie dürfen nicht erfahren, wie ängstlich er ist, wie nutzlos er ist, wie ohnmächtig er geworden ist. Wenn er heute nicht nach Hause zurückkehrt, sollen sie ihren Vater nicht so in Erinnerung behalten: vor der Tür sitzend und zitternd wie ein nasser, verschreckter Hund.
Er zieht sich hoch und ergreift die Wasserbehälter. Er hat sie mit einem Stück Seil am Henkel zusammengebunden, wodurch sie zwar sperrig, aber leer halbwegs mühelos zu tragen sind. Wenn sie voll sind, wird es schwerer sein, aber das kommt später, damit braucht er sich jetzt nicht zu befassen. Kenan weiß, dass er zusehends schwächer wird, wie fast alle in dieser Stadt, und er fragt sich, ob irgendwann der Tag kommen wird, da er nicht mehr genügend Wasser für seine Familie tragen kann. Was dann? Muss er seinen Sohn mitnehmen, so wie viele andere? Er will das nicht. Wenn er getötet werden sollte, möchte er nicht, dass es irgendjemand aus seiner Familie miterlebt, ebenso wenig, wie er im letzten Moment ihre Gesichter sehen will, wenn er sterben sollte. Und sollten sowohl er als auch sein Sohn getötet werden, wird seine Frau niemals darüber hinwegkommen. Wenn nur sein Sohn stirbt, nein, sobald er daran denkt, würde er sich am liebsten wieder zu Boden sinken lassen.
Er steigt die Treppe ins Erdgeschoss hinab und klopft an die Tür von Frau Ristovskis Wohnung. Als er von drinnen kein Geräusch hört, klopft er noch mal, lauter und kräftiger. Er hört ein Schlurfen und wartet, dass die Tür geöffnet wird.
Frau Ristovski hat fast ihr ganzes Leben in diesem Haus gewohnt, jedenfalls sagt sie das. Wenn man bedenkt, dass sie weit über siebzig ist und dieses Haus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde, kann das seiner Ansicht nach nicht stimmen, aber Kenan hat keine Lust, darüber zu streiten. Frau Ristovski glaubt, was sie glaubt, und weder die Wahrheit noch Fakten können sie umstimmen.
Als Kenan und seine Frau in dieses Haus zogen, war ihre älteste Tochter gerade geboren. Frau Ristovski beschwerte sich ständig über das Geschrei des Kindes, und als frischgebackene Eltern hörten sie sich ihre Klagen an und befolgten den Rat eines älteren und erfahreneren Menschen. Nach einer Weile jedoch wurde ihnen klar, dass es nicht das Geschrei war, das sie störte. Kenan argwöhnte sogar, dass sie es genoss, endlich einen Blitzableiter für ihre unterschwellige Unzufriedenheit zu haben. Obwohl er sich über ihr ständiges Einmischen ärgerte, hatte Kenan Frau Ristovski gewähren lassen, oftmals trotz der Einwände seiner Frau. Ihre Biestigkeit hatte etwas an sich, das er bewunderte, auch wenn es ihm nicht gefiel.
Nach Kriegsausbruch hatte Frau Ristovski an ihre Tür geklopft und sich, als Kenan sie öffnete, an ihm vorbeigedrängt. Seine Frau war unterwegs, aber Frau Ristovski nahm es offenbar nicht zur Kenntnis. Sie setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, während er Kaffee kochte. Er brachte den Kaffee auf einem Silbertablett und stellte ihn auf dem niedrigen Tisch vor ihr ab, aber sie rührte ihn nicht an.
»Haben Sie Weinbrand?«, fragte sie und rückte das Tablett zurecht.
»Natürlich«, sagte er. Er goss ihnen beiden einen großzügigen Schuss ein.
Frau Ristovski kippte ihr Glas in einem Zug hinunter. Kenan sah, wie ihr faltiger Hals rot anlief, dann wieder verblasste.
»Tja«, sagte sie. »Das wird mein Ende sein.«
»Was denn?«, fragte er und dachte, sie meinte den Weinbrand.
»Dieser Krieg.« Sie schaute ihm in die Augen. Er versuchte nach besten Kräften, nicht auf das große Mal an der einen Wange zu stieren, sich nicht zu fragen, ob es größer wurde. Sie schüttelte den Kopf. »Sie haben noch keinen Krieg durchgemacht. Sie haben keine Ahnung, wie das ist.«
»Er wird nicht lange dauern«, sagte er. »Europa wird etwas unternehmen, damit er sich nicht ausweitet.«
Sie schnaubte. »Das spielt für mich keine Rolle. Ich bin zu alt für die Sachen, die man machen muss, um im Krieg zu überleben.«
Kenan war sich nicht sicher, was sie meinte. Er wusste, dass sie kurz vor dem letzten Krieg geheiratet hatte und ihr Mann in den ersten Tagen nach dem Einfall der Deutschen umgekommen war. »Vielleicht wird es nicht so schlimm«, sagte er und bedauerte es augenblicklich, weil er wusste, dass es nicht stimmte.
»Sie haben keine Ahnung«, wiederholte sie.
»Nun ja«, sagte er. »Ich werde Ihnen helfen. Alle in diesem Haus werden einander helfen. Sie werden schon sehen.«
Frau Ristovski ergriff ihre Kaffeetasse und trank einen Schluck. Sie schaute Kenan nicht an, nahm sein Lächeln nicht zur Kenntnis. »Wir werden ja sehen«, sagte sie.
Ein paar Wochen später, nachdem die Männer auf den Bergen die Stadt von der Wasserversorgung abgeschnitten hatten, tauchte sie vor seiner Tür auf, als er gerade zu seinem ersten Gang zur Brauerei aufbrechen wollte. Sie hatte zwei Plastikflaschen dabei, die sie ihm in die Hände drückte. »Versprochen ist versprochen«, sagte sie. Dann drehte sie sich um, ging wieder in ihre Wohnung und ließ Kenan verdutzt unter der Tür stehen. Aber er wusste, dass er sie nicht zurückweisen konnte. Kein anständiger Mensch würde das tun.
Frau Ristovskis Wohnungstür wird einen Spalt geöffnet, gerade so breit, dass sie herausschauen kann. »Was gibt’s? Es ist früh.«
»Ich hole Wasser.« Er will sich nicht auf ihre Mätzchen einlassen. Es ist allgemein bekannt, dass sie mit der Sonne aufsteht. Wahrscheinlich ist sie schon seit ein, zwei Stunden wach, und soweit sich Kenan entsinnen kann, hat sie in den letzten Monaten mindestens fünf-, sechsmal noch früher an seine Tür geklopft.
Die Tür wird geschlossen. »Frau Ristovski? Ich gehe mindestens zwei Tage lang nicht mehr.«
Er hört sie drinnen herumhantieren, Flüche vor sich hin murmeln, dann wird die Tür wieder geöffnet, diesmal weiter. Sie streckt ihm zwei Wasserflaschen entgegen, schüttelt sie, als er sie ihr nicht schnell genug abnimmt.
Kenan nimmt die Flaschen und betrachtet sie. Es sind die üblichen Limonadenflaschen, jeweils zwei Liter. Sie haben keinen Henkel. Seit Monaten bittet er sie darum, sich welche mit Henkeln zu besorgen, damit er sie mit seinen eigenen Behältern zusammenbinden kann. Er hat ihr sogar zwei von seinen angeboten, seine Reserveflaschen. »Sie haben keinen Henkel.«
»Die hier fassen so viel Wasser, wie ich brauche. Wenn ich andere nehme, kriege ich vielleicht nicht genug.«
»Die anderen sind größer.« Er hält sie ihr hin, aber sie nimmt sie nicht.
»Sie sind doch kein Messbecher«, sagt sie und schließt die Tür.
Kenan steht im Flur und horcht auf das Geräusch der Tür, das oben im Treppenhaus widerhallt. Am liebsten würde er die Flaschen vor ihrer Tür stehen, sie im Stich lassen. Sie würde sicherlich nicht sterben, wenn sie ein paar Tage ohne Wasser wäre. Vielleicht lernt sie etwas daraus. Ein angenehmer, aber sinnloser Gedanke. Sosehr er es auch bedauern mag, aber sie hat recht, er hat ihr ein Versprechen gegeben. Er betrachtet die Plastikflaschen in seiner Hand, schüttelt den Kopf, stößt die Haustür auf und tritt hinaus auf die Straße.

Dragan
Man kann nicht mehr sagen, welche Version der Lüge die Wahrheit ist. Jetzt, nach allem, was geschehen ist, weiß Dragan Isović, dass es das Sarajevo, an das er sich erinnert, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, auf die er stolz und in der er glücklich war, wahrscheinlich nie gegeben hat. Wenn er sich umsieht, kann er kaum noch sehen, was einst war oder vielleicht war, und mehr und mehr kommt es ihm so vor, als wäre hier niemals irgendetwas anderes gewesen als die Männer auf den Bergen mit ihren Gewehren und Geschützen. Irgendwie kommt ihm das auch nicht richtig vor, doch es gibt nur diese beiden Möglichkeiten.
Oslobođenje