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Marita & Jürgen Alberts
Auf ein Mord!

Von den Autoren bisher bei KBV erschienen:

Marita & Jürgen Alberts:

Arsen und Kartöffelchen

Die verliebten Zypressen

Auf ein Mord!

Jürgen Alberts:

Goethe und das Taubstummenorchester

Etwas Besseres als den Tod (Hg.)

Marita und Jürgen Alberts, beide Jahrgang 1946, leben seit Beginn der 70er Jahre in Bremen. Zusammen schreiben sie Kriminalgeschichten und Reiseromane.

MARITA & JÜRGEN

ALBERTS

AUF EIN

MORD!

KRIMINALGESCHICHTEN

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Originalausgabe

Inhalt

Paddy darf nicht sterben

Irland

Skandalbereiniger Inc.

Bremen

Kleinenkamp Blues

Niedersachsen

Black Out

Schönried/Schweiz

R.I.P.

Peru

Der Bernsteinrausch

Wangerooge

Herzversagen

Werbewelt

Seitensprung im Krimihotel

Hillesheim

Die weiße Wand

Saas Fee im Wallis

Wer rückwärts läuft, kommt auch ans Ziel

Niederkrüchten

Paradies zerschellt

Gran Canaria

Deep cash

Finanzwelt

Der Geisterzug

Blankenheim

Grande Dame

Schwäbische Alb

Der immer an dich denken wird

Meran

Lüneburg sackt ab

Lüneburg

Wenn der Fährmann ruft

Osten an der Oste

Sein 51. Fall

Krimimonolog

Belgis und die Ming-Vase

Merligen am Thuner See

Camera obscura

Bremen

Sankt Peter ist nicht heilig

Kerala/Südindien

Nur einfach, bitte!

Krimi für Reisende

Der Stich

Krimi für Saunagänger

Ein letzter Anruf

Krimi in zwei Stimmen

Der große Hens

Ein letzter Monolog

Nachwort

Paddy darf nicht sterben

EIN KRIMI IN DREI STIMMEN AUS IRLAND

George ist unmöglich. Hat in unserer letzten Absteige was vergessen. Mal wieder. Was ist es dieses Mal? Das Plastikhähnchen. Das heißt, wir müssen den ganzen Tag in Galway rumlaufen, um ein Plastikhähnchen zu finden. Welcher Laden hat das noch im Sortiment?

Mit so einem Partner bist du verraten und verkauft. In Mallow hat er einen Lackschuh liegen lassen. Einen Schuh, warum nicht zwei? Was das wieder alles kostet.

Jetzt ist es ein Plastikhähnchen. Wir könnten natürlich auch ein richtiges Hähnchen nehmen, aber das gab immer so eine Sauerei. Außerdem roch es. Ich kann den Geruch von Hähnchen nicht ausstehen. Schließlich bin ich seit Jahren Veganerin.

Eines Tages vergisst George noch, unsere Requisiten einzupacken. Dann wird es endgültig Zeit sich voneinander zu trennen.

28 Jahre das gleiche Stück. Verdammte 28 Jahre. Seit ich 25 bin, hab ich nichts anderes gespielt. Am Anfang war Fred mein Partner, danach Patrick und seit fast 20 Jahren George. Er hatte gerade nichts zu tun. Und irgendwie fand ich ihn komisch. Ist aber lange vorbei. Wenn ich dem abends vor der Show nicht einen Witz erzähle, kommt er gar nicht in Fahrt. Der lacht weniger als unser Prime Minister, und der ist schon eine alte Kommode.

Wenn ich könnte, würde ich George heute noch austauschen. Aber es gibt keinen anderen, der bereit ist, in die Nummer einzusteigen. Hab mich schon umgehört in Kollegenkreisen. Heimlich natürlich. Nichts zu machen. Bei der Gage schon gar nicht. Manchmal haben wir am Abend nicht mehr als 50 Euro. Es gibt Tage, da sind es auch schon mal 100 Euro, aber das kommt in den letzten Jahren immer seltener vor.

Nächste Woche haben wir Jubiläum, genau auf den Tag 20 Jahre. Das feiern wir im Simon Ryan Theatre in Tipperary Town. Wahrscheinlich hat George den Termin längst vergessen. Er ist so was von einem Schussel geworden, kommt von der vielen Sauferei.

Wie kann ein Mensch so viel Glück haben? Meine Kollegen beneiden mich, wirklich. Alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen: George, du hast es drauf. Nicht wegen Rose, nein, weil ich einen prima Job habe. Um Rose beneidet mich keiner. Die hat die Haare auf den Zähnen, die ihr am Kopf fehlen. Kleiner Scherz. 20 Jahre mit dem gleichen Stück unterwegs. Und immer ausreichend Termine gebucht, fürs nächste Jahr haben wir schon 5 Abende im Kasten. Nicht gerade das Abbey Theatre in Dublin, aber ganz renommierte Läden. Was soll ich mehr sagen: Ich bin ein Glückskind.

Als ich Rose kennenlernte und sie mir die Rolle anbot, dachte ich, wie will dieses junge Ding eine alte Schachtel von 90 Jahren spielen. Aber als ich sie dann gesehen hab, Donnerwetter, mit einer Perücke und ein bisschen fettiger Schminke und schon passte es. O.K., so viele Sätze hat sie ja nicht zu sprechen. Und immer in der gleich distanziert ehrwürdigen Haltung. Die Lacher hab ich. Ganz selten mal, dass jemand über einen Satz von Rose lacht. Kommt nur alle Jubeljahre vor.

Deswegen ist Rose natürlich sauer. Was meinen Sie, warum die Veganerin geworden ist? Damit sie dauernd Aufmerksamkeit abzockt. Besonders von mir. Nein, das esse ich nicht, nein, das auch nicht, und so weiter … Jedes Mal, wenn wir auf Tour essen gehen, gibt’s dieses Gezeter.

Was die sich wegen dem Hähnchen angestellt hat. Es musste unbedingt aus Plastik sein. Ich habe versucht ihr klarzumachen, dass ich das Hähnchen nach der Show immer gerne gegessen habe, das wurde uns ja meist vom Veranstalter geschenkt – ein bisschen den Staub abputzen und schon … aber nein, kein richtiges Hähnchen mehr für den guten George. Ob ich nicht von diesen Massentiervernichtungsanlagen gehört hätte, hat Rose mir entgegengeschleudert.

O.K., man kann nicht alles haben: 25 Jahre als freier Schauspieler in Irland zu überleben, das muss mir erst mal einer nachmachen. Dafür muss ich Rose ertragen. Die kann so was von ätzend sein, da könnte sich Salzsäure noch ein Beispiel dran nehmen.

Heute Abend spielen wir auf dem 90. Geburtstag von Mary Mulligan. Der Termin steht schon seit drei Monaten. Ein Plastikhähnchen haben wir auch gekriegt, 4,99 Euro. In so einem China-Laden. Ich habe George gesagt, dass ich ihm das von der Gage abziehen muss. Er hat großspurig abgewinkt.

Wenn er nur nicht dauernd seinen Text vergessen würde. Wie oft hab ich ihm angeboten, kurz vor dem Auftritt noch mal schnell einen Durchlauf zu machen. Nicht mit George. Besonders die Stelle: I’ll kill that cat. Er trinkt aus der Blumenvase und soll sagen: I’ll kill that cat. Was ist daran so schwierig? Und was sagt George: I’ll kill that bird. Oder: I’ll kill that dog. Einmal hat er gesagt: I’ll kill that rose. War natürlich als Spitze gegen mich gemeint. Er fand das witzig. Ich nicht. Das Publikum schon überhaupt nicht.

Man darf ja nichts, aber auch gar nichts an der Nummer ändern. Das kommt nicht gut. Unser Publikum kennt jede Zeile, jede Betonung, jede Geste. Bis ins Kleinste. Was haben wir in den zwanzig Jahren nicht alles versucht, um dem ganzen Abend mehr irischen Touch zu geben. Mal haben wir die Namen irischer Schauspieler oder verstorbener Sportler genommen, oder Schriftsteller: James Joyce, Samuel Beckett, Patrick Kavanagh und Brendan Behan. Dachten, die kennt doch jedes Schulmädchen. Nichts da, immer nur Mister Pommeroy, Admiral van Schneider und und und

Einmal in Wicklow ist George so dämlich über den Tigerkopf gestolpert, dass er mit der Schulter an der Anrichte aufschlug. War natürlich mal wieder sturzbetrunken. Ich hab gedacht, jetzt muss er endlich kapieren, dass er während der Nummer total nüchtern bleiben muss. Was glauben Sie, was in den vielen Flaschen ist? Sherry, Weißwein, Champagner, Port? Ne, da ist nur Wasser drin. Oder mal Tee, aber nie Alkohol. Das kontrolliere ich jedes Mal vor der Show. George würde das natürlich prima finden, wenn da was Hochprozentiges drin wäre. Wenn er mal anfängt zu trinken

Rose möchte in Tipperary feiern. 20 Jahre »Dinner for one« mit Rose Miller und George Benson – ihr Name muss ja immer vorne stehen. Sie führt auch die Verhandlungen mit den Theatern und Privatleuten, wenn wir auf einem Geburtstag auftreten oder bei einer Hochzeit, bei einer Betriebsfeier oder einem Jubiläum. Und immer lässt sie sich runterhandeln, aber ich sage schon lange nichts mehr, das ist ihre Sache. Hauptsache, ich bekomme mein Taschengeld. Damit bin ich immer noch ausgekommen. O.K., die abendlichen Lacher bei unserer Nummer entschädigen mich für vieles.

Manchmal, wenn ich mal eine Textstelle vermasselt habe, dann schäkere ich mit dem Publikum. Wenn ich ihnen zuzwinkere, sind sie gleich auf meiner Seite und denken, ich hätte den Fehler absichtlich eingebaut. Rose könnte das gar nicht, die muss sich stur an ihre Zeilen halten. Und auch wenn sie sagt: »The same procedure as every year« – dann klingt das immer 150% gleich. Genau wie bei Mary Warden, dem Vorbild aus der Glotze.

Ich hab ihr dutzend Mal gesagt, Miss Sophie trinkt doch auch mit, immerhin in kurzer Zeit vier Gläser, also musst du wenigstens ein bisschen lallen, sonst bist du nicht glaubwürdig und einen Lacher kriegst du bestimmt auch. Aber nein, keinen Millimeter weicht sie ab. Ihr ist ja nicht mal aufgefallen, dass Miss Sophies Gäste nur was zu trinken, aber nichts zu essen bekommen.

O.K., sie ist eben der straight man in der Nummer und ich gebe den comedian – klar, dass Rose seit Langem einen Piek auf mich hat.

Manchmal könnte ich sie auf den Mond schießen, wenn sie mal wieder einen Tag der Belehrung durchführt. So nenne ich das. Wenn ihr dieses und jenes an mir nicht passt, wenn ich mal wieder alles falsch gemacht habe, wie die Sache mit dem Plastikhähnchen. Schon gleich im ersten Chinaladen konnten wir das Vieh kaufen. Aber Rose hackte den ganzen Tag darauf rum. Als wenn ich eine Todsünde begangen hätte.

Rose, Rose, wie lange soll ich mir das noch bieten lassen?

Na gut, das 20jährige bringen wir noch hinter uns, dann bringe ich dich um.

Der Auftritt bei Mary Mulligan war die reinste Katastrophe. Schon gleich zu Beginn hat George mich mit Miss Rose angesprochen anstatt mit Miss Sophie. Was die Geburtstagsgäste ziemlich irritiert hat. Das wird George mir büßen müssen.

Er hatte den ganzen Nachmittag beim Greyhound-Rennen verbracht und kam kurz vor dem Auftritt strahlend zurück, mit einer Fahne, die für den Nationalfeiertag gereicht hätte. 85,50 Euro Gewinn hatte er gemacht. Von dem Geld wollte er mir nichts abgeben. So ist George, geizig bis auf den letzten Cent.

Wir kamen an die Stelle, wo Butler James über den Tigerkopf stolpert und das Hähnchen in die Kulisse fliegt. Flog es aber nicht. Sondern haarscharf am Kopf der 90jährigen Jubilarin vorbei und es landete im Kinderwagen ihres Urenkels. Der sofort losbrüllte. Nur die alte Dame schien das nicht zu stören.

Es dauerte eine Weile, bis wir weiterspielen konnten.

Und dann sagt George doch glatt: »I declare this brothel open.« Und rülpst ganz vernehmlich. Die Männer haben gegrölt vor Lachen. Ein Basar ist doch kein Puff, oder? Ich war stocksauer.

Als wir unsere Gage abholten, sagte die älteste Tochter der Jubilarin, immerhin auch schon siebzig, das Geburtstagskind habe vergessen, ihr Hörgerät einzusetzen. Die anderen hätten sich aber prima amüsiert.

Nichts da, George, hab ich gesagt, als wir wieder allein waren. So eine Nummer ziehst du nicht noch mal ab. Nicht mit mir, so wahr ich Rose Miller heiße.

Ich hab einen Plan, um mich an ihm zu rächen: ich werde in alle Flaschen Whiskey einfüllen. Dann wollen wir doch mal sehen, ob der Bühnenprofi George Benson den Auftritt übersteht. Und einen kleinen theatralischen Höhepunkt hab ich mir auch noch ausgedacht. Zu unserem Jubiläum.

Jedem, der es hören wollte oder auch nicht, hat George einen Spruch erzählt, den er in der Herrentoilette eines Pubs in Tipperary gelesen haben will: »Flush fully, it’s a long way to the kitchen!«

Der Announcer-Man klopft aufs Mikro und kündigt den Höhepunkt des Abends an: »Rose Miller und George Benson feiern heute Abend im Simon Ryan Theatre ihr 20jähriges Bühnenjubiläum und Sie dürfen dabei sein. Give them a warm hand, please

Musik erklingt. Butler James stellt die abwesend-anwesenden Gäste vor, Miss Sophie schreitet die Treppe hinunter, setzt sich auf ihren erhöhten Stuhl, bestellt die Mulligatawny Soup und ordert den Sherry.

Rose beobachtet ihren Partner, verfolgt genau jede Bewegung. Er serviert die Suppe und den Sherry, vergisst auch nicht, wie schon so manches Mal, dass Mister Pommeroy immer gerne nachgeschenkt haben will.

Dann prostet er Miss Sophie zu. Viermal. Ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Einmal leckt er sich über die Lippen.

»The same procedure as every year, James!«, sagt Miss Sophie und lässt den Fisch auftragen.

»White wine with the fish!« – Jede Zeile, jede Betonung, jede Geste stimmt.

Stolpern, Fisch auftragen, Weißwein einschenken.

George setzt das erste Glas an und sagt: »Das ist kein Weißwein, Miss Rose, das ist Paddy Whiskey, das schmecke ich sofort.«

Er starrt seine Partnerin an, offensichtlich begeistert über dieses Geschenk zum Jubiläum.

Dann wendet er den Kopf zum Publikum, das entgegen allen Erwartungen in Beifall ausbricht und eine Lachsalve folgen lässt.

Wenn George als Admiral von Schneider die Hacken zusammenschlagen muss, tut er immer so, als habe er sich wehgetan. Genau wie Freddie Frinton. Diesmal nicht. Dieses Mal macht er es formvollendet. Der Whiskey beginnt zu wirken.

Das Hähnchen wird aufgetragen, dazu champagne.

»Heute schmeckt alles nach Paddy – sheers«, ruft George ins Publikum. Der Saal in Tipperary ist zwar nur halb gefüllt, was der Manager am Beginn des Abends außerordentlich bedauerte, aber der aufbrausende Beifall lässt die beiden Schauspieler das längst vergessen.

George erinnert jede Zeile. »I’ll kill that cat!« – »I declare this bazar open!« – »You are the nicest woman …«

»Some fru-it?« Nun merkt auch das Publikum, dass George erheblich einen in der Krone hat. Sein Stolpern wird gefährlicher – die Portweinflasche mit dem hochprozentigen Inhalt gerät außer Kontrolle – Miss Sophies Kleid bekommt einige Spritzer ab – in die Gläser der abwesenden Gäste gelangen kaum noch ein paar Tropfen …

Plötzlich zieht Rose Miller eine Pistole hervor und zielt auf George.

Ein Aufschrei geht durch den Theatersaal.

George deklamiert spontan einen Zweizeiler.

»In South and North, in East and West
Paddy Whiskey is the best!«

Dann kracht ein Schuss.

Der Vorhang fällt.

Das Publikum tobte. Noch nie hat es einen solch langen Applaus gegeben. Ich musste immer wieder raus und mich verbeugen. Der Manager kam, nahm meine beiden Arme und riss sie in die Höhe, als hätte ich gerade eine Goldmedaille errungen.

Irgendwann kam auch George raus. Auf allen vieren. Die Zuschauer spendierten eine standing ovation.

George schaffte es auf die Knie. Er hielt sich die rechte Schulter. Dort hatte mein Plastikgeschoss ihn erwischt. Hätte ins Auge gehen können, das gebe ich zu. Ist aber noch mal gut gegangen.

Der Manager vom Simon Ryan Theatre fragte, ob wir am nächsten Wochenende nicht zweimal auftreten könnten. Die Karten würden bestimmt schnell ausverkauft sein. Wir hatten keine Termine in unserem Kalender stehen und sagten zu.

George hat bis heute nicht begriffen, wieso in den Flaschen Paddy Whiskey war. Ihm hat es Spaß gemacht und er fragte nur, was dieser Quatsch mit der Pistole sollte. Immerhin hat es ihn um die Schlusspointe gebracht. »I’ll do my very best!« fällt jetzt aus. Für immer. Der letzte Lacher gehört mir. Und das ist auch gut so. Was wäre aus George Benson geworden, wenn er mich nicht getroffen hätte?

Am nächsten Wochenende saßen Vertreter von Cork Distillers im Publikum. Sie hatten sofort von unserem Auftritt erfahren. Nicht nur die Zeitungen waren voll davon, wir waren auf jedem Kanal zu sehen. Wir mussten erzählen, wie wir auf den Einfall gekommen sind. Rose tat so, als habe sie das alles eingefädelt. Aber gespielt hab doch ich, oder? O.K., sie will immer die Nase vorne haben. Meinetwegen. Hauptsache, sie quatscht mir nicht in meine Rolle rein. Und gibt mir genügend Handgeld fürs Greyhound-Rennen.

Die Produzenten von Paddy Whiskey kamen nach der Show in die Garderobe und sagten, wenn wir weiterhin ihr Getränk in der Nummer anpreisen würden, besonders gefallen hat ihnen natürlich mein kleiner Zweizeiler, dann würden sie den Abend sponsern. Pro Auftritt 1500 Euro. Als erstes würden sie uns auf eine Tournee durch Irland schicken. 20 Städte, nur die großen Häuser. Da konnten wir natürlich nicht nein sagen. Per Handschlag wurde das gleich abgemacht. Dieses Mal hab ich die Verhandlungen geführt. Rose blieb die Spucke weg, wie ich noch ein paar Zusatzpunkte rausgeschlagen habe. Zum Beispiel zwei Roadies, die für uns die Kulissen auf- und abbauen werden.

Rose hat nie erfahren, dass ich gleich beim ersten Ansetzen des Glases von Mister Pommeroy geschmeckt habe, dass Paddy drin ist. Ab da hab ich mir nur noch die Lippen benetzt mit dem wunderbaren Gesöff. Kam ja nur eine in Frage, die das Wasser in Whiskey verwandelt hatte: Rose. Und der Grund war auch leicht zu erraten. Sie wollte mich demütigen. Aber den Spaß hab ich ihr verdorben. Als dann das Publikum so irrsinnig auf die Nummer einstieg, hab ich dem Affen Zucker gegeben und bin getorkelt bis zum letzten Applaus. Wer das als Schauspieler nicht kann, hat auf der Bühne nichts zu suchen.

Als sie plötzlich die Pistole rausholte und auf mich zielte, ist mir schon ein bisschen schummrig geworden. Immerhin hatte Rose ja auch ein paar Whiskeys getrunken, anstelle des üblichen Wassers. Aber ich dachte, wenn sie mich umnietet, dann war’s das eben. Bis dahin hatte ich nur Glück in meinem Leben. Auf offener Bühne niedergeschossen zu werden, ist was für den Nachruhm. Ich möchte doch nicht so vergessen werden wie Lauri Wylie, der in den 20er Jahren »Dinner for one« geschrieben hat.

Nun touren wir für Paddy Whiskey und haben jeden Abend die Bude voll. Das Stück heißt jetzt aber anders: »Dinner for Paddy!« Und Tantiemen für die neue Fassung krieg ich auch noch obendrauf.

Skandalbereiniger Inc.

EIN KRIMI IN DREI STIMMEN AUS BREMEN

- Bist du nur so verstockt oder willst du nicht antworten?

- Was soll ich sagen?

- Verdammt, ich will wissen, wie das passieren konnte!

- Ganz normal.

- Was heißt ganz normal?

- Wie immer.

- Du hast unser Gewerbe ruiniert. Kapierst du das nicht?

- Wieso das denn, Chef?

- Pack endlich aus, wie so was passieren konnte.

- Es war business as usual.

- Lass diesen Quatsch. Du hast es vermasselt.

- Was soll ich vermasselt haben?

- Ich glaub dir kein Wort, Joe.

- Dann kann ich ja verschwinden.

- Wenn du abhaust, häng ich dich hin. Das kostet mich nicht mehr als ein Minütchen, Joe.

Es gibt Tage, an denen es regnet und stürmt, und dennoch sind einige Menschen fröhlich. So ging es Herbert Brandner, als er an diesem Montag die Redaktion des »Tagesanzeigers« betrat. Draußen ein Unwetter, drinnen großer Beifall in der Konferenz. Seine Geschichte war im Satz. Morgen würde die erste Folge erscheinen. Die Kollegen trommelten auf den Tisch. »Brandner, ich hab ja immer große Stücke auf Sie gehalten«, sülzte der Lokalchef, »aber damit haben Sie Ihr Meisterstück abgeliefert. Chapeau, dreifach, wenn Sie wollen.« Brandner liebte solche Sätze. Er war geradezu süchtig nach ihnen. Endlich kapierte man in der oberen Etage, was er zu leisten imstande war. Das Fass, das er angebohrt hatte, beinhaltete flüssiges Gold. Diese Story würde die Hansestadt erschüttern. Nein, vielleicht nicht erschüttern, aber sie würde viele andere Storys nach sich ziehen.

- Chef, was wollen Sie von mir? Ich hab mich an die Regeln gehalten. Dieser Theo hat Scheiße gebaut.

- Theo ist tot.

- Pech gehabt. Kann jedem mal passieren. Wenn auch nur ein Mal, insgesamt.

- Du erschießt einen meiner fähigsten Lockvögel und hast nicht mehr zu sagen als: Pech gehabt.

- Ich kenn ihn doch gar nicht. Oder besser: ich hab ihn nie gekannt.

- Das wär ja auch noch schöner.

- Sehen Sie, da liegt ein Fehler in der Planung, Chef. Wenn ich Theo gekannt hätte, dann würde er jetzt noch leben. Logisch, oder?

- Bisher hat das immer geklappt.

- Aber nun isses schief gegangen, Chef.

- Hör auf mit dem Mist, Joe. Ich will genau wissen, was abgelaufen ist. Schritt für Schritt.

- Damit kann ich dienen, Chef. Meinen Sie, ich hätte mir nicht schon hundert Mal überlegt, wie das vor sich gegangen ist. Aber eins kann ich Ihnen versichern: Es war wie immer. Same procedure as every time.

Brandner spendierte Champagner. Die Witwe Cliquot, er hatte sich von seinem Weinhändler im Fedelhören ein paar Flaschen besorgt. Das war ihm die Sache wert. Er hatte seinen Kollegen nicht verraten, wie er an die brisanten Informationen gekommen war. Hatte ja jetzt auch nichts mehr zu bedeuten. Es gab eben Menschen, die timing besaßen und andere, die immer nur mit dem Finger in der Luft bohrten. Im richtigen Moment – 20 Uhr 47 – am richtigen Ort – Herrentoilette des Sechs-Tage-Rennens – den richtigen Mann – Staatsrat Dr. Lohmeyer – die richtige Frage – war Ihr Senator tatsächlich letzte Woche mit dem Klinikchef auf den Bahamas? Und da Lohmeyer erheblich einen getankt hatte, Windstärke zehn bis elf mindestens, sagte der doch tatsächlich: Das kann ich bezeugen. Und knöpfte seinen Hosenstall zu. Brandner ließ nicht locker und fand heraus, dass Gesundheitssenator Pachulke seinem Duzfreund Fritz Furler den Posten als Chef des neuen Klinikums nur besorgt hatte, weil der im Gegenzug die Familie des Senators seit Jahren kostenlos in seiner Villa Urlaub machen ließ. »Das wird ihn den Kopf kosten«, sagte der Lokalchef. »Ganz bestimmt, der wird seinen Hut nehmen. Oder ich verspeise ihn ohne Senf und Ketchup.« Es war in der Hansestadt bekannt, dass der Gesundheitssenator Henning Pachulke nie ohne seinen Tirolerhut ausging.

- Und dann hast du geschossen?

- Ich bin der Vollstrecker, Chef. Dreizehn Berufsjahre. Immer alle Aufträge zur Zufriedenheit erfüllt. Wenn Sie etwas Gegenteiliges wissen, dann sagen Sie es mir.

- Du warst immer Spitze, Joe.

- Eben.

- Nur diesmal hast du versagt. Begreifst du das denn nicht?

- Dieser Theo hat versagt, Chef. Wie oft soll ich das denn noch wiederholen?

- Aber du hättest doch vermuten …

- Wenn ich anfange zu vermuten, dann mache ich Fehler, Chef.

- Du hättest Theo nicht erschießen dürfen. Der hat genauso lange für mich gearbeitet. Wenn nicht länger …

- Woher soll ich das wissen?

- Wir können unseren Laden jetzt zumachen. Aus, finito. Ende. Niemand wird sich mehr unserer Dienste versichern wollen. Nicht nach dieser Panne.

- Chef, das tut mir nicht mal leid. Ich habe noch andere Auftraggeber, die sind nicht so pingelig. Ich hab meinen Job gemacht …

- Du hast den falschen Mann erwischt, Joe.

- Wenn dieser Theo, oder wie er sich nennt, sich nicht mal einen einfachen Satz merken kann. A bloody amateur. Scheißlockvogel, würde ich sagen. Und: Pech gehabt. Aber ich will mich ja nicht wiederholen.

Brandner verspürte wenig Lust, ans Telefon zu gehen. Jedoch die Sekretärin des Chefs machte es dringend. Sie sagte. »Es gibt einen Informanten, der hat erfahren, dass Sie gegen den Gesundheitssenator recherchieren. Er hat ausdrücklich gesagt: Da könnte ich noch ein Scheit aufs Feuer legen.« Leicht betüdelt griff Brandner nach dem Hörer: »Sagen Sie mir Ihren Namen!« Der Anrufer antwortete, er heiße Theodor Breidenbach, und er habe jahrelang als persönlicher Referent für Henning gearbeitet. »Für den gegenwärtigen Gesundheitssenator Pachulke?«, vergewisserte sich Brandner. Für eben den, bekam er zu hören. »Und was wollen Sie jetzt von mir?« Der Journalist war ungehalten. Mitten in der schönsten Feier rief irgend so ein Denunziant an. »Kommen Sie kurz nach Mitternacht an die Schlachte, dort, wo die große Uhr steht. Da übergebe ich Ihnen die Akte. 33 Fälle von illegaler Vorteilsnahme.« Breidenbach räusperte sich. Er habe gegen diesen Pachulke seit dem ersten Tag Material gesammelt. Der sei so korrupt wie ein ganzes Heer von Militärhuren. Diese Formulierung hatte Brandner gefallen. »Und was wollen Sie dafür?«, fragte der Journalist, der es gewohnt war, Geld gegen Informationen zu tauschen. Er solle erst lesen, dann würde man sich schon über den Preis einigen können. Kurz nach Mitternacht, an der Schlachte, große Uhr.

- Also: Er sagt die Parole und du schießt.

- So haben wir es immer gehalten. Ein wasserdichtes System, Chef. Haben Sie selbst erfunden. Wenn ich jetzt mal kurz daran erinnern darf.

- Das tut hier nichts zur Sache.

- Doch, doch. Das tut es. Ich durfte niemals wissen, wie der Lockvogel aussieht, damit ich mich auch niemals verplappern kann. Absolut genial, Ihr System! Keiner kennt niemanden und niemand weiß nichts. Selbst wenn sie einen durch die Mangel drehen. Absolut genial, wirklich.

- Und Theo konnte sich nicht an die Parole erinnern, Joe?

- Woher sollte ich wissen, wer von den beiden Theo war?

- Noch mal: Theo hat die Parole also nicht gekannt?

- Keine Ahnung, wer da geschlampt hat. Aber wenn Sie mich fragen, das ist eben das Risiko Ihres wasserdichten Systems. Fehler stellen sich nicht bei der Geburt ein, es sei denn, es seien Geburtsfehler …

- Hör mit dem Quatsch auf, Joe. Ich will wissen, wie das abgelaufen ist.

- Ich stehe – wie mit Ihnen persönlich abgesprochen – im kleinen Tunnel und warte darauf, dass die Männer auftauchen. Die große Uhr fest im Blick. Kurz nach Mitternacht …

- Wann genau?

- Null Uhr vier tauchen die beiden Herren auf.

- Und dann?

- Jetzt lassen Sie mich doch ausreden. Ich sehe die beiden. Hab sie genau im Visier. Sie verlangsamen ihre Schritte. Bleiben direkt unter der Uhr stehen. Prima Büchsenlicht.

- Ja und?

- Dann rufe ich die Parole, wie wir das vereinbart hatten: Zwanzig Zwerge zeigen Handstand.

- Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Joe.

- Ich warte. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Nichts geschieht. Dann wiederhole ich die Parole. Zwanzig Zwerge zeigen Handstand. Der kleine Tunnel hallt ganz schön. Ein prima Ort für so ein Manöver. War ja auch nicht das erste Mal, dass wir dort aktiv geworden sind.

- Lenk nicht ab, Joe.

- Und da höre ich deutlich, wie einer der beiden ruft: Zehn im Wandschrank, zehn am Sandstrand. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich drückte ab.

- Aber es war der falsche Mann, Joe.

- Das weiß ich inzwischen auch. Wie hätte ich das in dem Moment wissen können, Chef?

»Zungenbrecher rettete Journalist das Leben« – Gestern Nacht geschah an der Schlachte ein rätselhaftes Verbrechen. Herbert Brandner, ein Mitarbeiter unserer Redaktion, wurde Zeuge, wie ein Mann liquidiert worden ist. Man hatte Brandner mit dem Hinweis auf eine brisante Information an die Schlachte gelockt. Es sollte um weiteres Material im Fall des Gesundheitssenators Henning Pachulke gehen. Brandner traf den Informanten kurz nach Mitternacht an der großen Uhr. Plötzlich rief ihnen jemand entgegen: »Zwanzig Zwerge zeigen Handstand.« Brandner verstand nicht, was das zu bedeuten hatte, aber als der Mann, der im Halbschatten der Fußgängerunterführung stand, diesen Satz wiederholte, vollendete Brandner den Zungenbrecher, den er seit seiner Schulzeit kannte: Zwanzig Zwerge zeigen Handstand, zehn im Wandschrank, zehn am Sandstrand. Brandners Deutschlehrer war ein verhinderter Schauspieler gewesen, der seinen Unterricht stets mit Zungenbrechern eröffnete. Alle seine Schülerinnen und Schüler waren geübt darin, Zungenbrecher fehlerfrei zu artikulieren.

Nachdem Brandner den Zungenbrecher aufgesagt hatte, fiel ein Schuss und tötete den Informanten. Brandner rief umgehend die Polizei an. Die Identität des Toten konnte bis zum Redaktionsschluss nicht geklärt werden. Die Fingerkuppen aller zehn Finger waren glatt gefeilt. Die Polizei geht davon aus, dass der tödliche Schuss dem Journalisten galt. Auf dem nebenstehenden Foto zeigen wir die Leiche. Wer sachdienstliche Hinweise machen kann, informiert die nächstgelegene Polizeidienststelle.

- Woher wussten Sie denn, wer Ihr Opfer war?

- Welches Opfer?

- Na, der Mann, den Sie erschießen sollten.

- Ich sollte niemand erschießen, Herr Vorsitzender.

- Und dennoch haben wir eine Leiche, die auf Ihr Konto geht.

- Das behauptet der Herr Staatsanwalt.

- Und der Zeuge Herr Brandner.

- Weil Sie ihn dahin gebracht haben. Bisher hat er mich nicht eindeutig identifizieren können.

- Das ist nur eine Frage der Zeit.

- Das nennt man Zeugenbeeinflussung, Herr Vorsitzender. Da kenne ich mich aus.

- Richtig. Ihr Vorstrafenregister ist ja wirklich beeindruckend. Bei der Menge der anhängigen Verfahren müssten Sie ohne Probleme mindestens das erste juristische Staatsexamen machen können.

- Nun übertreiben Sie aber. Ich weiß, was ich zu sagen habe.

- Und was nicht, Angeklagter!

- Lassen wir es dabei. Sie werden mir nicht nachweisen können, dass ich diesen Mann umgebracht habe. Es gibt nicht einen stichhaltigen Beweis dafür.

- Warten Sie es ab, Angeklagter!

- Da bin ich aber sehr gespannt, Herr Vorsitzender. Und was die vielen Verfahren angeht, bisher ist kein rechtskräftiges Urteil gegen mich ausgesprochen worden.

- Dann werden Sie heute eine Überraschung erleben. Das kann ich Ihnen versprechen.

Die »Skandalbereiniger Inc.« musste nach diesem Vorfall ihre Arbeit einstellen. Seit Jahren war sie in einschlägigen Kreisen bekannt. Weit über die kleine Hansestadt hinaus. Wenn irgendwo ein Skandal drohte, ganz gleich, ob es sich um einen Politiker, Manager, Betriebsrat oder Schlagerstar handelte, wandten sich die Betroffenen an diese diskrete Einrichtung, die sofortige Abhilfe versprach. Oft wurden die unliebsamen Journalisten, aggressiven Parteifeinde, missgünstigen Vorstandskollegen oder widerlichen Paparazzi lautlos aus dem Weg geräumt, oder, was der gängigere Weg war, mit Geld zugeschissen. (Wie es Mario Adorf in der Fernsehserie »Kir Royal« formuliert hatte.) Die »Skandalbereiniger Inc.« verfügte über ein simples Geschäftsprinzip: Wir sorgen dafür, dass Ihre Weste auf immer weiß bleibt! In mehr als hundert Fällen war es der verschwiegenen Unternehmung gelungen, dass Skandale unter Wasser gehalten werden konnten. Deswegen nannte sich der nie in der Öffentlichkeit in Erscheinung getretene Chef William Iceberg. Seinen richtigen Namen haben auch mehrere Sonderkommissionen nicht in Erfahrung bringen können.

- Und Sie kennen sich mit Zungenbrechern aus?

- Selbstverständlich, Herr Vorsitzender.

- Haben Sie Germanistik studiert? Oder waren Sie mal als Schauspieler engagiert?

- Ich habe nicht nur Germanistik studiert, sondern auch Philosophie, Theologie, Geschichte, Politik, Staatsrecht.

- Ach, das hätte ich nun nicht gedacht.

- Ich war auch im Seminar bei Walter Jens.

- Und warum lese ich davon kaum etwas in Ihren Akten?

- Ich bin nicht für Ihre Buchführung zuständig, Herr Vorsitzender.

- Schade, ich könnte so einen guten Mann gebrauchen. Also, Sie kannten auch diesen Zungenbrecher …

- Den kennt doch jedes Kind.

- Ich kannte ihn nicht.

- Ach, da muss ich Sie wohl überschätzt haben, Herr Vorsitzender.

- Wie ging dieser Zungenbrecher noch mal?

- Zwanzig Zwerge zeigen Handstand …

- Und weiter?

- Zehn im Wandschrank, zehn am Sandstrand.

- Gut, dass Sie ihn so klar in Erinnerung haben. Ich hätte die Parole niemals vollenden können.

- Na, diesen Satz kennt doch jeder.

- Und auch unser Zeuge, Herbert Brandner. Der hat nämlich ausgesagt, dass er auf diese Weise an der Schlachte angesprochen wurde. Wenige Minuten nach Mitternacht aus dem Halbdunkel des Tunnels von einem Mann, dessen Stimme er hier im Gerichtssaal sofort wiedererkannt hat …

Der Angeklagte Hermann Josef Skalen wurde aufgrund von eindeutigen Indizien zu acht Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Herbert Brandner bekam für seine Reportage über die Machenschaften des Henning Pachulke den Henri-Nannen-Preis für couragierten Journalismus. Ein halbes Jahr später musste Brandner in eine Spezialklinik eingeliefert werden. Noch immer dröhnte der Schuss, der ihm gegolten hatte, in seinen Ohren. Tinnitus aureum. Knalltrauma.

Kleinenkamp Blues

EIN KRIMI IN ZWEI STIMMEN AUS DER PROVINZ

Hier ist es so idyllisch, hier müsste mal ein Mord geschehen!«

Mitten hinein in die Kaffeerunde unterm Kirschbaum fiel dieser Satz. Der Gast aus Berlin machte dabei ein Geräusch, als wäre eine von den dicken süßen Kirschen in sein Likörglas geplumpst. Da keiner am Tisch eine Reaktion zeigte, hob er sein Glas, um einen Toast auszusprechen. »Auf das Landleben! Wenn es denn ein Leben ist.«

Was hat den Gastgeber bloß bewogen, diesem bleichen Hauptstädter für einen Monat seine Wohnung anzubieten?, dachte Herbert, der Dienstälteste im Dorf.

»Ein Freund und Kollege von mir will mal richtig abschalten, um in Ruhe seinen Roman zu beenden. Ist ein witziger Typ, wird euch gefallen«. So war er ihnen angepriesen worden.

Was soll an dem denn witzig sein?, dachte Elisabeth, die mit ihren 75 Jahren noch immer das Tanzbein schwang. Sie mochte den freundlichen Bremer, der alle paar Wochen für wenige Tage hier im Dorf wohnte, aber diesen Protz aus der Großstadt hätte er nicht mitbringen müssen.

»Ich arbeite an einem Dorfroman, 1000 Seiten Minimum, die ganze Welt auf einem Quadratkilometer, wird ein Bestseller werden, davon könnt ihr ausgehen!«

Aber lesen werd ich den nicht, dachte Isolde, die gerne in Klassikern schmökerte und auch einen guten Krimi nicht verschmähte.

»Wie viele Seiten haben Sie denn schon geschrieben?«, wollte Egon wissen, der für türkische Metzger Schafe züchtete.

In diesem Augenblick verstummte der Schriftsteller und sah seinen Kollegen an, der für ihn antwortete: »Hanno hat eine kleine Schreibblockade, aber hier auf dem Lande, in dieser guten Luft und mit euch als nette Nachbarn, wird es nur ein paar Tage dauern – dann legt er los.«

Dieser Hanno hat mir gleich gefallen. Endlich mal ein richtiger Kerl. Von wegen die Männer sind Jäger. Nur weil sie ab und zu mit einem Gewehr in den Wald rennen. Unsere Männer hier sind nicht mal Sammler. Kein Mumm in den Knochen und schon gar nichts Brauchbares zwischen den Lenden. Egon zum Beispiel. Ein Schlappschwanz in der ersten Bedeutung des Wortes. Und Herbert, der von seiner wilden Jugend schwärmt, damals will er jedem weiblichen Wesen den Rock ausgezogen haben. Aber heute? Fehlanzeige, Nullsummenspiel.

Hanno ist da ein anderes Kaliber. 40 Jahre und gut gebaut, was sag ich, gut bestückt und auch willig, sich auf ein schnelles Abenteuer einzulassen.

Ich hab mir den beim Kaffeetrinken genau angesehen. Gleich Augenkontakt zu ihm aufgenommen. Augenkontakt ist wichtig. Wer darauf nicht reagiert, ist bei mir unten durch. Ich schaue meine Opfer immer ganz direkt, angeregt erotisch an. Hier in Kleinenkamp reagiert da keiner mehr. Was soll ich auch von denen noch erwarten?

Aber bei Hanno hat’s gleich gefunkt. Was sag ich, es hat gezündelt. Ich hab mit mir gewettet. Sobald sein Freund abgezogen ist, krieg ich den Schriftsteller zu spüren. Hab die Wette gewonnen.

Wie er von Berlin schwärmte. Hab mich richtig geschämt, dass ich in Kleinenkamp versauere. Was der alles von der Welt gesehen hat. Ich war gerade einmal in Kopenhagen und Basel. Welche tollen Projekte er schon gemacht hat. Ich kann auf vierzehn Paar Wollsocken und sechs Pullover zurückschauen. Die meisten liegen im Schrank meines Mannes. Sind nicht seine Farben, sagt er immer.

Mein Mann, auch so eine Kleinenkämper Flasche. Ist Lastwagenfahrer. Zwischen Bensersiel und Überlingen. Sechs Tage die Woche unterwegs, dann kommt er zum Ausschlafen und Wäschewechseln nach Hause. Ich hab sturmfreie Bude. Was Hanno erfreut registrierte.

Gleich nach unserer ersten heftigen Nacht hat er mir gestanden, dass er ausschließlich mit verheirateten Frauen könne. Die anderen würden zu sehr klammern. Weil er doch so ein berühmter Mann sei.

Hanno Sonneborn, ich hab den Namen gegoogelt. Und siehe da, der Mann ist wirklich eine Größe. Auch wenn sein letzter Roman schon mehr als ein halbes Dutzend Jahre zurückliegt.

Schade, dass es so mit ihm enden musste. Verdient hat er das bestimmt nicht. So wie der gevögelt hat.

Hanno hatte sich in der Wohnung seines Freundes den Platz ausgesucht, von dem er weit übers Land schauen konnte. Am Horizont eine kleine Allee mit hochgewachsenen Eichen, zwei Bauernkaten inmitten eines großen Feldes, zu denen wiesengesäumte Wege führten. Der blaue, wolkenlose Himmel machte die Idylle vollkommen.

Wo, wenn nicht hier, würde er seinen Dorfroman schreiben können. Das erste Personal hatte er auch schon. Dieser Herbert war eine Marke, dem würde er eine Rolle als Geheimdienstler im Ruhestand auf den Leib schreiben, der sich in dieses Dorf zurückgezogen hatte, um seinen neidischen Kollegen zu entgehen. Ein Mann mit vielen Gesichtern.

Dieser Schafzüchter Egon würde auch auftauchen. Als Gegenspieler des englischen Geheimdienstlers, der alle Leichen in seinem Keller mit Namen nennen kann.

Dazwischen die schöne Ilsebill. Die Frau aller Männerträume, deren erotische Fähigkeiten …

Ein seltsamer Geruch stieg Hanno in die Nase. Waren das die Ausdünstungen der letzten Alkoholschlacht?

Er schnüffelte. Unangenehm, durchaus unangenehm.

Gerade in seinen schönsten Planungen. Ilsebill, eine Frau, die wusste, wo es lang ging. Die nicht lange fackelte. Die jeden dieser Dörfler schon ausprobiert hatte. Verheiratet mit einem Mann, der nur am Wochenende kam. Die gerne strickte und keine Gerichtsshow oder Daily Soap ausließ.

Hanno stand von seinem Schreibtisch auf.

Öffnete das Fenster.

Der Geruch wurde zum Gestank.

Gülle, verdammt!

Dann sah er auch schon den Trecker. In hohem Bogen flog die Scheiße auf das abgeerntete Feld.

Direkt vor seinem Fenster, mitten hinein in die schöne Aussicht.

Die Glasscheibe erzitterte, als Hanno Sonneborn das Fenster zuknallte.

Den Tag kann ich vergessen.

Er schaltete den Computer aus, schnappte sich den Autoschlüssel.

Weg hier, nur weg!

So ein Gestank kann die besten Einfälle ruinieren.

Er würde sich in der nahen Kleinstadt Bassum in ein Café setzen und von Ilsebill träumen. So würde sie in seinem Roman heißen, in Wirklichkeit hieß sie Sibille. Mit zwei i, wie sie betonte.

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