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Inhaltsverzeichnis
 
AYURVEDA – LEBEN IM EINKLANG MIT DER NATUR
 
GRUNDPRINZIPIEN DES AYURVEDA
DAS GEIST-KÖRPER-MODELL DES AYURVEDA: DIE DOSHAS ALS BIOPROGRAMME
DOSHAS, ELEMENTE UND DIE FÜNF SINNE
DIE LEBENSFLAMME AGNI
DIE ANTI-AGING-SUBSTANZ OJAS
GESUNDHEIT IST BALANCE
 
DIE AYURVEDISCHEN KONSTITUTIONSTYPEN
CHARAKTERISTIKA VON VATA, PITTA UND KAPHA
DER KOMBINIERTE TYP
WER PASST ZU WEM? DIE DOSHAS IN LIEBE UND PARTNERSCHAFT
 
ERNÄHRUNG IM AYURVEDA – ESSEN IM EINKLANG MIT DER NATUR
ALLGEMEINE ERNÄHRUNGSREGELN DES AYURVEDA
NAHRUNG FÜR KÖRPER UND GEIST
SPEZIELLE ERNÄHRUNGSEMPFEHLUNGEN NACH TYP UND DOSHA
GESUND ESSEN IN JEDER JAHRESZEIT
MENÜS FÜR DIE VIER JAHRESZEITEN
 
HEILPFLANZEN UND GEWÜRZE DES AYURVEDA
RASAYANAS
TRADITIONELLE AYURVEDISCHE HEILPFLANZEN
AYURVEDISCHE GEWÜRZE
STÄRKUNGSMITTEL UND VAJIKARANA
 
OGA, PRANAYAMA UND EDITATION
YOGA FÜR JEDEN
YOGA-ASANAS
DER »SONNENGRUSS« – SURYA NAMASKAR
DIE 12 POSITIONEN DES SONNENGRUSSES
PRANAYAMA – BEWUSSTES ATMEN
MEDITATION – DER WEG ZUM EIGENEN SELBST
 
YOTISH, DIE VEDISCHE ASTROLOGIE
BASISWISSEN: DER ASZENDENT, DIE HÄUSER, DIE PLANETEN
 
DIE HEILKRAFT EDLER STEINE
EDELSTEINE, AURA UND PLANETEN
 
DIE DOSHAS UND DIE BIORHYTHMEN DES LEBENS
DIE TAGESRHYTHMEN
DIE DOSHAS IM JAHRESZYKLUS
GUT DURCH DIE JAHRESZEITEN KOMMEN
LEBENSPHASEN UND DOSHAS
 
STHAPATYA-VEDA – VEDISCHE BAUKUNST UND BAUBIOLOGIE
ANORDNUNG IM RAUM
DIE GESETZE GESUNDEN WOHNENS
DIE EIGENE WOHNSITUATION OPTIMIEREN
ARCHITEKTUR ALS ABBILD DES UNIVERSUMS
 
ANTI-AGING MIT AYURVEDA – DAS SIEBEN-PUNKTE-PROGRAMM
1. LEBEN MIT DEN RHYTHMEN DER NATUR
2. VITALSTOFFREICHE ERNÄHRUNG
3. REINIGUNG MACHT FIT – PANCHA KARMA
4. EIN ABHYANGA ZU HAUSE
5. RASAYANAS – DIE AYURVEDISCHEN VERJÜNGUNGSELIXIERE
6. BEWEGUNG UND LEICHTER SPORT
7. ENTSPANNUNG UND MEDITATION
ALTERN IST AUCH EINE FRAGE DES BEWUSSTSEINS
 
REGISTER
DANKSAGUNG
Copyright

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AYURVEDA – LEBEN IM EINKLANG MIT DER NATUR
»Ayurveda ist das, was sich mit dem gaten und schlechten, dem glücklichen und unglücklichen Leben befasst, mit dem, was Leben unterstützt und was es hemmt, mit der Natur des Lebens selbst und auch seiner Lebensspannen.«
(Charaka, Sutrasthana, 1.41)
Ayurveda ist die Wissenschaft vom Leben. Wenn Sie sich mit Ayurveda befassen, dann studieren Sie das Leben selbst. Und Leben an sich ist einfach. Es ist unsere eigene Natur. Die Gesetze, die es regieren, sind uns zutiefst vertraut, denn wir selbst sind Leben. Die Bausteine, die unseren Körper formen, und die Prinzipien, die unser Fühlen, Denken und Handeln leiten, die innere Ordnung der Natur, alles ist Teil eines großen Ganzen und die Grundlage aller Teile, Ausdruck einer geheimnisvollen inneren Einheit, die Mensch, Natur und Kosmos verbindet. Diese Ordnung und ihre lebendige Dynamik wird vom Ayurveda in ganzheitlichen Begriffen auf der Grundlage einfach verständlicher und elementarer Naturgesetze beschrieben. Ayurveda ist seinem Wesen nach einfach, und die Erfahrung zeigt: Wer sich auch nur ein wenig mit diesem Urwissen der Menschheit befasst, gewinnt mehr Gesundheit, mehr Wissen, mehr Weisheit, größere Erfüllung, beständigeres Glück und geistiges Wachstum.

VEDA UND DIE SCHAU DER RISHIS

Seinem Selbstverständnis und seiner Natur nach ist Ayurveda nicht indisch, noch gehört er einer bestimmten Zeitepoche oder Kultur an. Zwar lassen sich historisch und geographisch betrachtet seine Wurzeln bis in die Zeit der vedischen Kulturepoche des alten Indien vor mehr als 7.000 Jahren zurückverfolgen. Die alten ayurvedischen Texte sagen aber: Ayurveda ist universell, ein zeitloses und immer gegenwärtiges Wissen, das überall Gültigkeit besitzt und erfolgreich zum Wohle des Menschen und der ihn umgebenden Natur angewendet werden kann.
»Ayurvedo maharshibhih prakashito« – »Ayurveda wurde von den Maharishis ans Licht gebracht.« So erzählt die Charaka Samhita, das 3.000 Jahre alte Standardwerk der ayurvedischen Medizin, auf das sich bis heute die ayurvedischen Ärzte Indiens, die Vaidyas, beziehen und das sie Vers für Vers auswendig lernen. Denn der Veda, wie sein medizinischer Aspekt, der Ayurveda, ist an der Grundlage der Schöpfung. Dies ist die Erkenntnis der Rishis und Maharishis, der Seher und großen Weisen der vedischen Hochkultur, die in der Stille ihrer Meditationen den Veda im eigenen Bewusstsein geschaut hatten. »Veda« heißt Wissen. Gemeint ist reines und vollständiges Wissen der Naturgesetze, die Mensch, Natur und Kosmos regieren. Veda ist die stille Intelligenz der Natur, das Ordnungsprinzip, das dem gesamten Universum zugrunde liegt. Es ist reines Bewusstsein, das an der Basis der Schöpfung wirkt und sich dem Menschen mitteilt, wenn er nach innen schaut, zur Ruhe kommt, die unbewegte Stille in seinem Bewusstsein erfährt und hier die göttliche Seinsebene berührt. Wenn er der Stimme seines Herzens folgt, ist dies die Quelle seines Handelns.

AYUS – ZWEI DIMENSIONEN DES LEBENS

Das Wort ayus ist die indogermanische Wurzel unseres deutschen Wortes »ewig« und bedeutet so viel wie »lange Zeit«, »langes Leben« oder in seiner ursprünglichsten Bedeutung »Zeitspanne«. Eine Definition von Ayurveda ist daher auch »Wissenschaft von den Zeitspannen«: der individuellen, begrenzten, vergänglichen Zeit, die ein menschlicher Körper lebt. Und der unbegrenzten Dimension, dem zeitlosen Sein, dem Ewigen im Menschen, das den körperlichen Tod überdauert. Der Atma, die Seele, die Ursache des individuellen Lebens, nimmt selbst nicht Teil an Geburt und Tod, ist nach ayurvedischer Auffassung transzendent, unbegrenzt, zeitlos, ewig – ayus.

REICHWEITE VON AYURVEDA

Ayus bedeutet Zeitspanne oder langes Leben. Veda ist reines, vollständiges Wissen. Ayurveda ist das Wissen oder die Wissenschaft vom Leben in seiner ganzen Reichweite: vom zeitlich begrenzten individuellen Leben bis zum unbegrenzten, kosmischen und zeitlosen Sein, das dem eigenen Selbst zugrunde liegt.

AYURVEDISCHE BEHANDLUNG FÜHRT NACH INNEN

Alle ayurvedischen Lebensregeln und Behandlungsmethoden zielen immer auch darauf ab, dem Menschen den Zugang zum innersten Selbst, dem Ort vollkommener Gesundheit, der Quelle von Erneuerung, Ordnung und Intelligenz, zu erschließen. Eine Definition von vollkommener Gesundheit lautet daher Swasthya, was so viel bedeutet wie »im Selbst gegründet sein«. Denn dieses Selbst ist Veda, der Bauplan, die Matrix für den Körper. Oder umgekehrt: Der menschliche Körper ist Ausdruck des Veda und der vedischen Literatur, die vedisches Wissen in strenger Systematik und Ordnung mit den Mitteln der Sprache, ihres Klanges und ihrer Rhythmik ausdrückt. Ob Yoga, Meditation, Atemübungen, die Anwendung von Heilkräutern und Rasayanas (Verjüngungsmittel), Musik und Klangtherapien, duftende Aromen oder wohltuende Massagen: Ayurvedische Anwendungen stellen, wenn sie in richtiger Weise durchgeführt werden, immer die Ordnung, den Veda im Menschen wieder her und sie erzeugen Wohlbefinden. Denn der Weg zur Gesundheit führt über wachsende Harmonie, zunehmende Freude und inneren Frieden.

DIE VIER ZIELE DES AYURVEDA

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse formuliert der Ayurveda vier grundlegende Lebensziele:
Dharma – die Erfüllung der eigenen Bestimmung und Berufung
Kama – Freude, Glück und innere Erfüllung
Artha – materielle Sicherheit und Wohlstand
Moksha – spirituelle Befreiung und geistige Weiterentwicklung
Die ayurvedische Lehre befasst sich somit mit der ganzen Reichweite des Lebens und weist einen Weg zur weltlichen, gesundheitlichen und spirituellen Erfüllung.
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DER BEGINN EINER NEUEN ZEIT

Indiens traditionelle Naturheilkunde wurde in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend erneuert. Großes Verdienst hieran gebührt dem vedischen Gelehrten Maharishi Mahesh Yogi, unter dessen Führung und Initiative zu Beginn der 1980er Jahre namhafte und maßgebliche indische Experten sowie westliche Ayurveda-Ärzte und Wissenschaftler zusammenkamen, um den Ayurveda in seiner Ganzheit wieder zu beleben, zu reformieren und in einer zeitgemäßen Sprache zu formulieren. Im Laufe dieses Prozesses, der die universellen Grundlagen und Ansätze des Ayurveda wie die Teile eines Puzzles neu zusammenfügte, wurden auch Erkenntnisse der modernen Medizin und anderer Wissenschaften in die alte Weisheitslehre integriert. Auf diese Weise verband sich die zeitlose Wahrheit der indischen Heilkunde mit moderner Wissenschaft. Die auf den klassischen Texten beruhende Neuformulierung, an der sich auch der Inhalt dieses Buches orientiert, wird Maharishi Ayurveda genannt. Er hat sich in nur wenigen Jahren weltweit als Ganzheitsmedizin etabliert und wurde vom All India Ayurveda Congress, dem größten Ärzteverband der Welt und bedeutendsten Ayurveda-Verband Indiens, als »die höchst effektive und wieder vollständige Verkörperung der traditionellen ayurvedischen Medizin« bezeichnet.
Im Maharishi Ayurveda wurden zahlreiche Behandlungsarten neu belebt und wieder optimiert, sodass heute ein ganzes Arsenal ayurvedischer Therapien verfügbar ist:
• Bewusstsein: Vedische Meditationstechniken (Transzendentale Meditation, TM-Sidhi-Techniken).
• Ansprechen der Sinne: Aromatherapie, Farbtherapie, Musiktherapie (Gandharva-Veda).
• Vedische Klangtherapien: Vedic Vibration Therapy, Hören und Rezitation vedischer Texte und Urklänge, Belebung der 40 Aspekte des Veda und der vedischen Literatur in der eigenen Physiologie.
• Verhalten und Beachtung von Biorhythmen: Dinacharya, Ritucharya (richtiges Verhalten zu den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten).
• Ernährung: Ausgewogene, typgerechte, vollwertige Ernährung, Kunst der Zubereitung und des Würzens.
• Heilkräuter und Rasayanas: Traditionelle ayurvedische pflanzliche und mineralische Präparate zur Behandlung von Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit.
• Körperübungen: Individuelle Fitness-Programme, typgerechter Sport, Yoga-Asanas.
• Atemtherapie: Verschiedene Formen von Pranayama, vedischer Atemtechniken.
• Intellekt: Einsicht in die mentalen Ursachen von Krankheiten, von Pragya aparadh.
• Sprache: Balance durch Muttersprache und Rezitation.
• Ayur vedische Pulsdiagnose: Das Fühlen des Pulses für die Diagnose hat gleichzeitig einen harmonisierenden Effekt auf die Doshas.
• Reinigung: Verschiedene Reinigungstherapien, allen voran Pancha Karma.
• Vedische Vorhersagekunst: Maharishi Jyotish, die vedische Astrologie, zeigt zeitbedingte Möglichkeiten, aber auch Grenzen an.
• Vedische Baukunst und Landwirtschaft: Aktuell werden auch gesundes Bauen und Städteplanung nach kosmischen Gesichtspunkten und die vedisch-organische Landwirtschaft aktiviert und eingesetzt, um die Wohnqualität zu optimieren, gesunde Nahrungsmittel zu erzeugen und auch im Ökosystem Gleichgewicht zu erzielen.

MIT DEN AUGEN BEGREIFEN UND DEM HERZEN VERSTEHEN

»Wie die Hitze dem Feuer und das Flüssigsein dem Wasser, sa ist auch der Ayurveda jedem Menschen im Innern zutiefst vertraut.«
(Charaka Samhita)
 
Da das ayurvedische Wissen in jedem Menschen angelegt ist, kann es berührt, geweckt oder besser noch: erinnert werden. Vor allem Bilder sind hier ein für viele Menschen meditativer Zugang, Wissen ganzheitlich zu erfahren, ja zu erleben. Die Bilder und Texte dieses Buches sollen mit dem inneren Veda des Lesers – dem in ihm vorhandenen Urwissen – in Resonanz treten, ihn berühren und vertieftes Verständnis ermöglichen. Ayurveda, das zeitlose Wissen vom Leben im Einklang mit der Natur, kann uns im wahrsten Sinn des Wortes zu uns selbst zurückkehren lassen, indem wir uns wieder als Ganzheit begreifen und als Teil der Schöpfung und der kosmischen Harmonie.
Möge dieses Buch schon beim Durchblättern der Seiten im Leser ein Gefühl von Gesundheit, Harmonie und innerer Balance anklingen lassen und das Wissen des Ayurveda für ihn erfahrbar machen!

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GRUNDPRINZIPIEN DES AYURVEDA
»Gute Gesundheit ist die beste Quelle für tugendhaftes Handeln, den Erwerb von Wohlstand, die Erfüllung von Wünschen und spirituelle Befreiung. Krankheiten zerstören dagegen die Gesundheit, das Wohlergehen und das Leben selbst.«
(Charaka, Sutrasthana, 1.15-17)

DAS GEIST-KÖRPER-MODELL DES AYURVEDA: DIE DOSHAS ALS BIOPROGRAMME

Ayurveda besitzt ein geniales wie faszinierendes Betrachtungsmodell von Mensch, Natur und Kosmos. Es ist das System der so genannten Doshas. Diese heißen Vata, Pitta und Kapha. Die drei Doshas stellen die wichtigsten Prinzipien der ayurvedischen Lehre dar. Sie sind die ewigen Grundmuster der Natur, die Bioprogramme, die unser Leben bestimmen. Sie liegen den Rhythmen und Zyklen der Natur zugrunde und beeinflussen Tages- und Jahreszeiten. Doch die Doshas steuern nicht nur die äußerlich wahrnehmbare Welt, sondern auch die Natur unseres Geist-Körper-Systems. Diese drei klar differenzierbaren Kräfte wirken in jedem lebenden Organismus. Sie sind die grundlegenden Regulationssysteme und Schwingungsmuster, die für sämtliche Abläufe und Funktionen im Körper verantwortlich sind.

DREIKLANG DER PERSÖNLICHKEIT

Wir können die Doshas mit den drei Grundtönen eines musikalischen Akkords vergleichen: Sind die Saiten eines Instruments gut gestimmt, dann entsteht ein harmonischer Dreiklang. Analog verhält es sich mit gut gestimmten Doshas. Wir fühlen uns wohl, sind leistungsfähig, entfalten unsere Fähigkeiten, strahlen Zuversicht und Lebensfreude aus und meistern die Aufgaben des täglichen Lebens. Sind diese Bioenergien dagegen aus dem Lot geraten, dann entsteht Missklang. Wir sind im wahrsten Sinn des Wortes »verstimmt«, verspüren Unwohlsein, entwickeln körperliche und geistige Symptome, fühlen uns verspannt oder werden gar krank und ernten Misserfolg. Das Ziel jeder ayurvedischen Therapie ist, die Balance der Doshas zu erhalten oder wieder herzustellen. Das System der Doshas ist mit etwas Übung leicht zu verstehen und nutzbringend anzuwenden. Jedes Dosha zeichnet sich durch bestimmte Eigenschaften aus, so genannte Gunas, und es leitet sich von je zwei der fünf bekannten Bausteine des Lebens, den Elementen, ab, die es ebenfalls charakterisieren und seine Eigenschaften und Funktionsweise verständlich machen.
DIE BILDUNG VON OJAS ODER AMA AUS NAHRUNG MIT EINFLUSSFAKTOREN
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Die drei Doshas sind grundlegende Bioprogramme. Sie bestimmen die aktuelle Situation von Geist und Körper, deren augenblickliche Funktionsweise, Gesundheit und Kranksein. Andererseits kennzeichnen die Doshas auch die Wesenszüge, Talente, die gesamte Konstitution des Menschen, seine geistigen und körperlichen Anlagen, Fähigkeiten, seinen Körperbau und sein Verhalten.
DIE FUNKTION DER TRI-DOSHAS IN KÖRPER UND GEIST
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DAS GRUNDLEGENDE SCHWINGUNGSMUSTER VON VATA: BEWEGUNG UND KOMMUNIKATION

Das Dosha Vata steht für Bewegung, Veränderung, Lebendigkeit in Geist und Körper und Kommunikation. Vata ist die vibrierende Wachheit in unserem Geist-Körper-System.

LUFT UND RAUM BILDEN VATA

Die Elemente, die Vata bestimmen, sind Luft und Raum, also die leichten, formlosen, durchdringenden, flexiblen und immateriellen Eigenschaften der manifesten Welt. Der Begriff Vata leitet sich von der Sanskrit-Wurzel va ab, die für »sich bewegen« steht. Alle Arten von Bewegung, geistiger wie körperlicher Aktivität sind darin eingeschlossen: Denken, Sprechen, Herzschlag, Atemrhythmus, Blutkreislauf, Darmperistaltik, Stofftransport in den Zellen und Geweben, das Vibrieren der Atome in den Zellen, die Informationsübertragung in den Sinnesorganen und Nervenzellen oder spontane Reflexe, die durch Sinnesreize ausgelöst werden.
Aus den materielosen Elementen Luft und Raum leiten sich auch die Gunas, die Eigenschaften des Vata-Prinzips ab: »leicht«, »beweglich«, »schnell«, »kalt«, »trocken«, »rau« und »subtil«. Das bedeutet: Nimmt Vata zu, dann vermehren sich Erscheinungen der beiden Elemente und der Gunas. Es ist so, als würde der Wind durch den Körper oder im Bewusstsein wehen und das System erregen oder auch austrocknen. Solche Erscheinungen sind zum Beispiel leichter Körperbau durch Gewichtabnahme, innere Unruhe, schnelle und aufgeregte Gedanken, leichtes Frieren, trockene und raue Haut, allgemeine Empfindlichkeit, Steifigkeit, Winde im Darm, trockener Stuhl mit Verstopfung und vieles mehr.
Bei normaler Funktion von Vata dagegen unterstützen die Eigenschaften dieses Doshas ein reibungsloses Funktionieren unseres Geist-Körper-Systems.

VATA MACHT KLAR UND WACH

Die Grundschwingung von Vata bewirkt Wachheit, Klarheit und Kreativität. Menschen mit gut ausgeprägtem Vata sind oft an ihrer lebhaften, flexiblen und wachen Wesensart zu erkennen. Sie sind einfallsreich, können gut kommunizieren und verfügen über eine feine und hohe Wahrnehmungsfähigkeit. Zugleich brauchen Vata-betonte Menschen viel Anregung und neue Impulse; sie fangen gern Neues an, müssen aber auch Acht geben, dass sie sich nicht verzetteln.

SCHRITTMACHER DER BIOLOGISCHEN AKTIVITÄT

Vata ist das Dosha, das die anderen Doshas anführt. Es ist das Bioprogramm, das zuallererst Veränderungen im Organismus herbeiführt und auch die beiden anderen Doshas mitbewegt. Vata kann daher auch als »Schrittmacher der biologischen Aktivität« bezeichnet werden. Im negativen Sinn ist Vata dadurch aber oft die erste Ursache eines Ungleichgewichts auch von Pitta und schließlich von Kapha.

DAS GRUNDLEGENDE SCHWINGUNGSMUSTER VON PITTA: WÄRME, ENERGIE UND TRANSFORMATION

Das Dosha Pitta charakterisiert den Stoffwechsel, die Verbrennungsvorgänge und den Wärmehaushalt im Organismus. Pitta stellt das Energieprinzip in Geist und Körper dar.

FEUER BESTIMMT PITTA

Pitta ist das aus den Elementen Feuer und geringer auch von Wasser abgeleitete Dosha. Als »thermisches Prinzip« liefert es die Energie, die verwandelt. Die Bezeichnung Pitta steht in enger Beziehung zu dem Sanskrit-Begriff tapas, der »Hitze« bedeutet. Feuer und Hitze bewirken Umwandlungsprozesse. Als Prinzip der Transformation steuert das Pitta-Dosha den Stoffwechsel; es ist zuständig für die Nahrungsumwandlung und -verbrennung. Pitta regelt aber nicht nur körperliche Verdauungsprozesse, sondern ermöglicht auch die Verarbeitung von Eindrücken und Emotionen auf geistiger Ebene.
Die Gunas von Pitta sind: »warm«, »scharf«, »leicht ölig«, »flüssig«, »scharfer Geschmack«. Es sind die Eigenschaften, die wir unmittelbar erleben, wenn Pitta zunimmt: Hitze, Brennen, heftiges Wesen, scharfe Sprache usw.
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FRISCHES QUELLWASSER IN EINER SCHALE AUS STEIN. FEST UND FLÜSSIG, ERDE UND WASSER, URELEMENTE, DIE KAPHA FORMEN

PITTA VERLEIHT SCHARFSINN UND FÜHRUNGSQUALITÄTEN

Diese Bioenergie schenkt Dynamik, Energie und Ausstrahlung. Menschen mit einem guten und ausgewogenen Pitta verfügen über einen ausgeprägten Willen und eine starke Führungspersönlichkeit. Sie sind meist scharfsinnig, selbstsicher und unternehmungslustig. Neben der Wärme, die sie in ihre Umgebung und auf ihre Mitmenschen ausstrahlen, sind sie oft auch an ihrem Humor und ihrer Begeisterungsfähigkeit zu erkennen. Pitta-dominierte Menschen sind häufig sehr tapfer und tatkräftig, neigen aber auch zu hitzigen Gefühlen wie Ungeduld oder Zorn.

DAS GRUNDLEGENDE SCHWINGUNGSMUSTER VON KAPHA: STABILITÄT, AUSDAUER UND STRUKTUR

Das Dosha Kapha bildet die materielle Grundlage unseres Seins: Körperbau, Flüssigkeiten, alle materiellen Bausteine, die den Körper bilden.

ERDE UND WASSER GEBEN KAPHA DIE FORM

Dieses Dosha leitet sich von den schweren, substanziellen Elementen Erde und Wasser ab. Der Begriff Kapha beinhaltet die Silbe ka – eine der vielen Bezeichnungen im Sanskrit für »Wasser«. Das Element Wasser steht für Fruchtbarkeit, das Element Erde für Stabilität. Kapha ist nicht nur für den Flüssigkeitshaushalt verantwortlich, sondern verleiht dem Körper Stärke, Stabilität und Widerstandsfähigkeit. Als strukturgebendes Prinzip bestimmt es seine Form, nährt ihn und sorgt für Festigkeit und Zusammenhalt.
Die Kapha-Gunas sind »kalt«, »schwer«, »ölig«, »süß«, »beständig«, »weich«, »langsam«. Kapha schenkt Ausdauer und Beständigkeit, gibt Kraft und Körperfülle. Kapha-Menschen schreiten würdevoll und langsam durchs Leben, haben weiche Körperformen und eine sanfte Stimme. Säuglinge und Kleinkinder, die in der Regel aufgrund ihrer Lebensphase Kapha-geprägt sind, empfinden wir als »süß«.

KAPHA SCHENKT SUBSTANZ UND FESTIGKEIT

Auch auf geistiger Ebene verleiht Kapha Ausdauer und Stabilität. Menschen mit stark ausgeprägtem Kapha verfügen meist über ein gutes Langzeitgedächtnis, treffen Entscheidungen mit Bedacht und sind nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Die positiven Charakterzüge dieses Doshas äußern sich auch darin, dass Kapha-Menschen mitfühlend, liebevoll und nicht nachtragend sind. Ihr Wesen ist eher ruhig und bodenständig, deshalb sind sie oft auf kreative Impulse ihrer Umwelt angewiesen, um in Bewegung zu kommen. Bei zu viel Kapha verwandeln sich die Gunas von Kapha in negative Eigenschaften: Schwerfälligkeit, Schwermut, Übergewicht, Langsamkeit, Schleimansammlung, Erkältungskrankheiten usw.
MERKMALE UND EIGENSCHAFTEN DER DOSHAS
Vata: leicht, trocken, kalt, rau, beweglich, klar, fein
Pitta: warm, scharf, flüssig, etwas ölig, schneidend
Kapha: ölig, kühl, schwer, süß, weich, beständig, langsam

DOSHAS, ELEMENTE UND DIE FÜNF SINNE

Jedes Dosha hat einen besonderen Bezug zu den fünf Sinnesorganen, wiederum abgeleitet von den fünf Grundelementen des Lebens.
Die bevorzugten Sinne von Vata sind das Tasten, also die Wahrnehmung über die Haut, und das Hören. Vata-Personen besitzen viel Feingefühl in den Händen, sie spüren die Aura eines Menschen auf subtile Weise, wenn er in ihre Nähe tritt. Darüber hinaus erleben sie die Welt bevorzugt mit dem Ohr: Sie genießen das Rauschen des Meeres, erfreuen sich am Gesang der Vögel oder sind sehr musisch veranlagt. Bei zu stark angeregtem Vata werden genau diese Sinnesorgane, die Haut und das Gehör, oft als Erstes belastet; dies äußert sich zum Beispiel in trockener, rissiger, sensibler Haut oder Ohrgeräuschen und Lärmempfindlichkeit.
Pitta hingegen erlebt die Welt mit dem Auge, hat den scharfen Blick für die Dinge, ist vorwiegend optisch veranlagt und liebt die bunte Welt der Farben. Das Element Feuer ist diesem Sinnesorgan zugeordnet. Wird Pitta überhitzt, dann treten bevorzugt Sehstörungen, Augenentzündungen oder Lichtempfindlichkeit auf.
Kapha schließlich liebt die Gaumenfreuden und hat einen »Riecher« für die Gewinn bringenden Dinge dieser Welt. Die Elemente Erde (Riechen) und Wasser (Schmecken) dominieren seine Sinneswelt. Nimmt Kapha überhand, dann zeigen sich Störungen oft zuerst an diesen Organen: belegte Zunge, Geschmacksverlust oder verstopfte Nase und Geruchsbeeinträchtigung.
DIE FÜNF ELEMENTE IN UNSERER SINNESWAHRNEHMUNG
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DIE LEBENSFLAMME AGNI

Das Leuchten des Menschen als Ausdruck vollkommener Gesundheit bei Harmonie der Doshas entspricht Agni und Ojas – zwei weitere wichtige Begriffe des ayurvedischen Geist-Körper-Modells.
Allgemein versteht man unter Agni die Lebensflamme, die lichtvolle Aura und Ausstrahlung eines Menschen, das vitale Feuer, das Licht des Lebens, das erlischt, wenn wir sterben, und das uns Gesundheit verleiht, Immunität, geistige Klarheit, Verdauungskraft, inneres Glück, Dynamik und Energie, wenn es gesund ist und normal funktioniert. Im engeren Sinn lässt sich Agni auch mit »Verdauungsfeuer« übersetzen. Es ist hier das Feuer der Transformation, das alle Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge steuert und sämtliche Umwandlungsprozesse im Körper gewährleistet. Während Pitta die energetische Kraft des Feuers symbolisiert, steht Agni für das biologische Feuer selbst. Agni verwandelt die Nahrung in körpereigene Energie- und Strukturbausteine und integriert die Doshas, die wir auch von außen mit jeder Mahlzeit zu uns nehmen und aus der wir Zellengewebe und Organe aufbauen. Voraussetzung für die vollständige Verwertung unserer Nahrung ist also ein gut funktionierendes Verdauungssystem auf der Grundlage eines gesunden Agni.
Ist Agni gestört oder geschwächt, dann hat das nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf unser körperliches Wohlbefinden, sondern auf unsere gesamte Ausstrahlung, Kraft und Vitalität. Viele gesundheitliche Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen hängen direkt mit unserem Stoffwechsel zusammen.
Deshalb kommt der Verdauungskraft im Ayurveda eine besondere Bedeutung zu. Eine gestörte Verdauung gilt als wesentlicher Faktor für die Entstehung von Krankheiten, während eine gute Verdauung die Basis für Gesundheit ist. Neben individuellen Empfehlungen für jeden Konstitutionstyp, die geeignet sind, die Doshas zum Ausgleich zu bringen, legt der Ayurveda daher Wert darauf, ein zu schwaches oder gestörtes Agni zu stärken und wieder in die Balance zu bringen. Diese Empfehlungen und Ansätze sowie Tipps, wie man sein Agni verbessern kann, werden ausführlich im Kapitel »Ernährung im Ayurveda« behandelt.

DIE ANTI-AGING-SUBSTANZ OJAS

Als Resultat einer gesunden Verdauung, die die aufgenommene Nahrung effizient verwertet und jeder Zelle alle notwendigen Nährstoffe zuführt, entsteht Ojas, die »Lebensessenz« oder Vitalenergie. Ojas ist das subtile Endprodukt der Verdauung. Es ist essenziell für den Aufbau gesunder Körpergewebe, der so genannten Dhatus, und bewirkt Wohlbefinden, eine positive Ausstrahlung und Glücksgefühle.
Ojas entsteht jedoch nicht nur bei der Verdauung. Bei allen positiven geistigen Ereignissen und Glückserfahrungen wird Ojas gebildet – es ist sprichwörtlich die Substanz, die uns im Innersten zusammenhält. Eine integre Lebensweise, ein faszinierendes Naturerlebnis, tiefe Zufriedenheit bei der Arbeit, eine beglückende Begegnung, köstliches gesundes Essen oder tief greifende Entspannung in der Meditation – alles, was unser Herz vor Freude leicht macht oder unsere Seele wie ein tiefer innerer Frieden durchströmt, sind Faktoren, die zur Bildung von Ojas führen. Diese sehr feine Glücks- und Intelligenzsubstanz im Organismus verbindet Körper und Geist und sorgt für innere Ausgewogenheit. Laut Maharishi Ayurveda kann Ojas als das stoffliche Äquivalent im Körper für Glückseligkeit betrachtet werden. Ojas hält uns geistig und körperlich jung, denn es versetzt unsere Zellen in die Lage, »sich glücklich zu fühlen« – weshalb es auch als das beste Anti-Aging-Mittel angesehen werden kann, das der Körper sogar selbst erzeugt. Gutes Ojas zu haben hält die Einflüsse der Zeit von uns fern und beschenkt uns mit den Kräften der Jugend, Gesundheit und Lebensfreude.
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OJAS – DAS LICHT AN DER SCHWELLE

Wie die Doshas entsteht Ojas an der Grenze des Körperlichen. Ojas ist wie die Lampe an der Tür, an der Schwelle vom Körper zum Bewusstsein, die in beide Lebensräume leuchtet. Es ist die Bewusstseinssubstanz, die alle sieben Körpergewebe durchdringt und zugleich aus der Umwandlung der Gewebe selbst entsteht. In einem ewigen Kreislauf erzeugt Bewusstsein Ojas, und Ojas erzeugt wiederum Bewusstsein. Wenn wir unser Leben bewusst und im Einklang mit unserer inneren Natur und der äußeren Umgebung leben, dann werden sich unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit verstärken, und zugleich steigt unser Bewusstsein für die individuell für uns richtige Lebensweise und den für uns stimmigen Platz in der Welt.

AMA – DAS NEGATIVE PENDANT ZU OJAS

Unzureichendes und gestörtes Agni erzeugt statt Ojas Ama. Wörtlich übersetzt bedeutet Ama »unreif« oder »unverdaut«. Im Ayurveda werden damit alle Arten von Stoffwechselschlacken bezeichnet, die aus unvollständig umgewandelter Nahrung entstehen und die Doshas nachhaltig stören können. Deshalb sollte vorhandenes Ama auch möglichst wieder abgebaut werden, zum Beispiel durch eine Entschlackungskur.

DIE WECHSELBEZIEHUNG VON DOSHAS, AGNI UND OJAS

In der Balance der Doshas ist Agni perfekt und Ojas wird optimal gebildet. Die drei Doshas, Agni und Ojas stehen in einer Wechselbeziehung zueinander, das heißt, sie bedingen sich gegenseitig. Wenn Agni gestört ist, dann sind auch die Doshas nicht mehr in Harmonie. Als Folge des unzureichenden Verdauungsfeuers entsteht Ama, sodass auch Ojas beeinträchtigt wird. Ein schwaches Agni erzeugt schlechte Doshas, ein gesundes Agni hingegen gute Doshas. Sind die Doshas harmonisch, dann sind auch Agni und Ojas perfekt. Auf der Harmonie dieser fünf ayurvedischen Prinzipien – der drei Doshas, Agni und Ojas – basieren Glück und Gesundheit, Ausstrahlung, Selbsterkenntnis und Erfolg im Leben.
WECHSELSEITIGE ABHÄNGIGKEIT VON DOSHAS, AGNI UND OJAS
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GESUNDHEIT IST BALANCE

Nicht nur die drei Doshas müssen in einem harmonischen Verhältnis sein, um unsere Gesundheit zu erhalten. Alle Faktoren des Bioregulationssystems beeinflussen sich gegenseitig: Agni, Ojas, Vata, Pitta, Kapha, die Elemente und Gunas sowie Bewusstsein, das allem zugrunde liegt. Alles, was wir denken, fühlen, tun oder lassen, hat daher Einfluss auf alle ayurvedischen Prinzipien. Auch der Austausch mit unserer Umgebung. Denn als energetische Grundprinzipien erklären die Dosha-Bioenergien die Wechselbeziehung des Menschen mit seiner Umwelt. Was immer wir in unseren Körper und unser Bewusstsein aufnehmen, zu dem werden wir. Was immer wir also essen, welche Bausteine (Elemente) und Eigenschaften (Gunas) wir in uns aufnehmen, welche Luft wir atmen, in welchem Klima wir wohnen, mit welchen Menschen wir verkehren oder welche Filme wir uns anschauen, beeinflusst unser Gesamtbefinden und verändert laufend die Zusammensetzung der fünf Elemente, von Agni und Ojas, der Doshas und des Bewusstseins. Krankheit entsteht, wenn unsere Bioprogramme in ihrem harmonischen Zusammenklang gestört werden, weil wir sie einseitig »nähren«. Das geschieht, wenn der Mensch anhaltend gegen seine eigene Natur handelt. Gesundheit entsteht, wenn wir Rahmenbedingungen schaffen, die es den Selbstheilungskräften unserer Natur erlauben, die Balance der Bioenergien wieder herzustellen. Dies bedingt auch und vor allem, dass wir eine Wahl treffen. Denn: Was immer wir in uns aufnehmen, geistig wie körperlich, zu dem werden wir.

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