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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Vorwort
Das Buch »Der Struwwelpeter« hat uns alle in unserer Kindheit in irgendeiner Form begleitet. Es ist das meistverbreitete Kinderbuch in Deutschland, und es gibt wenige Menschen, die heute Eltern sind, die es nicht als Kind angeschaut und gelesen haben. Aber es ist auch das am meisten umstrittene Kinderbuch, das auf den ersten Blick mit unseren heutigen Erziehungsidealen und dem modernen Menschenbild überhaupt nichts mehr zu tun hat.
Wir wollen mit unserem Buch den »Struwwelpeter« nicht rehabilitieren! Wir ließen uns von den Geschichten im »Struwwelpeter« inspirieren und haben darüber nachgedacht, was diese Geschichten Eltern heute noch sagen können. Assoziativ, subjektiv und in der Logik der Kinder.
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Denn wenn man den »Struwwelpeter« heute als Vater oder Mutter liest, dann stellt man mit Erstaunen fest, dass viele Erziehungssituationen und viele Probleme, die Eltern heute im Alltag mit ihren Kindern haben, gar nicht so neu, ja geradezu zeitlos sind. Obwohl sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und Rahmenbedingungen inzwischen stark verändert haben, schildern die einzelnen Geschichten aus dem »Struwwelpeter« Bewandtnisse, die sich aus der ganz natürlichen Entwicklung eines Kindes ergeben:
• Kinder suchen ihre eigenen Ausdrucksformen.
• Kinder sind neugierig und eigensinnig.
• Kinder können aggressiv sein.
• Kinder hänseln und ärgern andere Kinder.
• Kinder können bei Tisch nicht stillsitzen.
• Kinder verlieren sich in Träumen
• Kinder können Gefahren noch nicht richtig einschätzen.
Bilder, die prägen
Der »Struwwelpeter« ist nun fast 165 Jahre alt. Es ist ein Buch, das ein Vater für seinen Sohn schrieb. Dieser Vater hieß Dr. Heinrich Hoffmann. Sein Buch machte Furore, wurde vielfach verlegt, raubkopiert und übersetzt. Einer der begeisterten Übersetzer war beispielsweise Mark Twain. Der »Struwwelpeter« war damals das, was man heute populär nennt. Das Buch war ein Bestseller, und jeder, der es sich leisten konnte, hatte es im Bücherschrank stehen.
Als wir hingegen vor einigen Monaten mit unserem »Struwwelpeter für Eltern« begannen, zeigten sich Kollegen und Freunde eher irritiert. »Was? Ihr schreibt über dieses blöde Buch?« Ein Großteil fand die Bilder abschreckend und die Geschichten bedrohlich. »Solch ein Buch kann man Kindern von heute doch nicht mehr zumuten!« Wieder und wieder hörten wir, das Buch sei völlig überholt und insbesondere die Bilder von abgeschnittenen Kinderdaumen und verbrennenden oder sich zu Tode hungernden Kindern seien blutrünstig und grausam.
Dabei war Heinrich Hoffmann mit seinen Illustrationen zu seiner Zeit unter pädagogischen und psychologischen Aspekten innovativ: Der »Struwwelpeter« war eines der ersten Kinderbücher mit Bildern. Als Arzt hatte Heinrich Hoffmann beobachtet, dass Kinder sehr viel mehr über Bilder lernen als über das gesprochene Wort. »Das Kind lernt einfach nur durch das Auge, und nur das, was es sieht, begreift es.« Seine Illustrationen sollten aufklären, verhüten und zur Vorsicht erziehen. Dass man heute dafür ein anderes Bildmaterial verwenden würde, steht außer Frage. Kinder über innere Bilder oder mit Illustrationen erzieherisch und fürsorglich zu beeinflussen, wird in der Lernforschung hingegen immer aktueller.
 
 
Wie Sie den »Struwwelpeter für Eltern« am besten lesen
Am liebsten wäre es uns, Sie würden immer wieder in diesem Buch blättern und jeweils das herauslesen, was Ihnen als Eltern gerade hilfreich erscheint und Sie zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Die Kapitel orientieren sich an den einzelnen Geschichten im »Struwwelpeter«-Original. Uns kommt es vor allem darauf an, Ihre Neugierde und Ihre Entdeckungsfreude zu wecken, damit Sie – wie wir – vielleicht neue Aspekte in alten Zusammenhängen entdecken.
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Wir haben uns bei jeder Geschichte die folgenden Fragen gestellt:
• Welche Grundgedanken zum Thema Kinder und Erziehung sind in der Geschichte zu finden?
• Wie lassen sich diese Kernpunkte auf den modernen Erziehungsalltag übertragen?
• Zu welchem erzieherischen Handeln könnte die jeweilige Geschichte Eltern von heute motivieren?
Immer wieder erinnerten wir uns beim Schreiben an die pädagogische Arbeit mit Kindern und an Familienerlebnisse in unserem Umfeld. In unserer beruflichen Praxis im therapeutischen, beraterischen und pädagogischen Kontext, aber auch in der eigenen Familie haben wir erfahren, dass erzieherische Interaktionen nicht einfach, geradlinig und vorhersehbar verlaufen. Aber wir haben auch gesehen, wie dabei Neugier und das Zutrauen sowohl in die eigenen Fähigkeiten als auch in die der anderen unterstützend wirken. Gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen in die Veränderungsmöglichkeiten von Menschen und Situationen sind nicht nur bei der Kindererziehung hilfreich – sondern auch für den Umgang mit sich selbst.
Die »Struwwelpeter«-Geschichten erzählen Ihnen etwas über Kinder, aber sie erzählen Ihnen auch etwas über Sie selbst. Weil auch Sie vielleicht einmal ein kleiner Struwwelpeter oder eine kleine Struwwelpetra waren – und das Kind in Ihnen es vielleicht immer noch ist.
 
Christine Weiner
Karl L. Holtz
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»Struwwelpeter«-Kinder damals und heute
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Wenn die Kinder artig sind,
Kommt zu ihnen das Christkind;
 
Wenn sie ihre Suppe essen Und das Brot auch nicht vergessen, Wenn sie, ohne Lärm zu machen, Still sind bei den Siebensachen,
Beim Spazierngehn auf den Gassen Von Mama sich führen lassen, Bringt es ihnen Gut’s genug Und ein schönes Bilderbuch.

Kinderwelten zwischen Ideal und Wirklichkeit

Ist sie nicht schön, diese Illustration vom Christkind und der verschneiten Stadt? Da sehnt man sich richtig nach Weihnachten und Heiligabend, und es wird einem warm ums Herz. Und welcher Vater oder welche Mutter hätte es nicht gerne, dass das Kind seine Suppe brav und klaglos isst? Ein Kind, das sich still mit seinen Siebensachen beschäftigt und sich noch über Kleinigkeiten wie ein Bilderbuch freuen kann. Kein Gameboy-Gequake aus dem Kinderzimmer, keine Error-Signale aus dem Computer, keine dröhnende Musik aus irgendeinem Player. Kein Kind, das lauthals ein eigenes Fernsehgerät fürs Kinderzimmer einfordert, sondern ein artiges Kind, das heitervergnügt mit Legosteinen spielt oder selbstvergessen seine Puppe im Arm wiegt.
Die Bilder zu diesen ersten Versen zeigen das damalige Leben in all seiner Übersichtlichkeit: adrett gekleidete Kinder, die sich von Mama an der Hand führen lassen und selbstgenügsam mit einfachem Spielzeug spielen, das die Fantasie anregt.
Wenn man heute als Erwachsener manchmal zurückblickt, dann kommt einem bereits die eigene Kindheit viel beschaulicher vor als die der eigenen Kinder. »Das hätte ich mir als Kind nicht erlauben können!« oder »Ich wäre als Kind froh gewesen, wenn ich überhaupt ein Zimmer für mich gehabt hätte!« sind Sätze, die fallen, wenn man damals und heute vergleicht.
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In den Erinnerungen vieler Menschen »war die Welt noch in Ordnung«, »die Kinder hatten noch Respekt« und die Rollen von Eltern und Kindern waren klar verteilt. Und wenn man als Kind einmal über die Stränge schlug, dann haben die Erinnerungen daran oft den Charme von Lausbubenstreichen wie im Heinz-Rühmann-Klassiker »Die Feuerzangenbowle«. Solche verklärenden Rückblicke werden nicht nur heute angestellt. Auch unsere Eltern und vielleicht auch deren Eltern empfanden die eigene Kindheit eher als »golden«, trotz Armut, trotz Krieg.
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Das Ideal der Kindererziehung, das sich rückblickend oft einstellt, eignet sich aber selten für brenzlige Erziehungsmomente in der Realität. Aussagen wie »Ich könnte dir mal erzählen, wie das bei mir war« sind ein wunderbarer Anfang, wenn Sie Ihrem Kind Geschichten aus der eigenen Familie überliefern wollen oder um Ihr Kind mit Ihren persönlichen Kindheitserfahrungen zu ermuntern und zu ermutigen. Wenn die Stimmung zwischen Ihnen und Ihrem Kind hingegen gerade getrübt ist oder wenn Sie Ihr Kind zu einem bestimmten Verhalten motivieren möchten, dann sind solche Vergleiche fehl am Platz. Denn Idealisierungen verstellen den Blick auf das, was wirklich erforderlich ist. Und die Wirklichkeit kommt an das Ideal nie heran.

Kind sein heute

Wenn wir uns umblicken, dann sind nur wenige Familien zu finden, in denen es wirklich »ideal« läuft. Das ist auch kein Wunder, denn das Ideal an sich gibt es ja nicht. Es ist nirgendwo definiert, sondern immer ein Blick aus dem Auge des Betrachters. Sie können wissen, was Ihr Ideal einer Familie ist, aber Ihre Vorstellung kann schon auf Ihren Nachbarn nicht mehr passen. Worin wir uns aber sicher alle einig sind, ist, dass sich heute für Eltern im Leben mit ihren Kindern mehr und mehr Hürden auftun und dass auch die Kinder von heute gezwungen sind, schon früh einige Hürden zu nehmen.
Tatsache ist auch, dass die Armut in viele Familien zurückgekehrt ist. Aufgrund dieser neuen Armut erleben Kinder auch häufiger Gewalt. Die Eltern befinden sich in einer verzweifelten Lage, und es mangelt an Lösungen dafür. Das führt oft dazu, dass die Eltern ihre Kinder anschreien, sie schlagen oder die Kinder sich selbst überlassen. Die Kinder finden sich in Situationen wieder, in denen sie keine oder nur geringe Entwicklungsanregungen erfahren. Das Verhalten, das ihnen vorgelebt wird, ist nicht angemessen, und ein anderes Verhalten kennen sie nicht.
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Kinder lernen über Bilder. Auch über »lebendige Bilder«. Das heißt: Das, was Sie Ihrem Kind vorleben, übernimmt das Kind in sein eigenes Handlungs- und Verhaltensrepertoire.

Kinder suchen ihren Platz in dieser Welt

Immer mehr Kindern mangelt es daher an einem umfassenden Handlungsrepertoire. Sie wissen nicht, wie sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Manchmal wissen sie nicht einmal, welche Bedürfnisse sie haben, und nehmen dann die Anregungen der Werbung als Bedürfnis auf.
Oft genug werden Kinder als zappelig und vorlaut empfunden. Nichts ist ihnen recht, sie fordern, klagen ein und gehen ihren Eltern auf die Nerven. Dabei könnte man fast vergessen, dass sich Kinder nicht aus Jux und Tollerei so nervtötend verhalten. Viel eher scheint es, dass sie manchmal nicht anders können. Als hätten sie kein anderes Verhaltensmuster zur Verfügung, als laut und penetrant zu sein, um ihre Hilflosigkeit zum Ausdruck zu bringen.
Kinder leben heute nicht mehr »hübsch und bescheiden«, denn unsere Lebenswelt ist grell, gefährlich, ungnädig und selbstbezogen. Für ein Kind ist es nicht leicht, seinen Platz in diesem Getümmel zu finden. Und hat es ihn gefunden, so ist es mit der Anstrengung noch nicht vorbei, denn dann muss es sich darum bemühen, dass es seinen Platz in der Gesellschaft auch behält. Deshalb probieren sich Kinder aus. Sie testen die Möglichkeiten, die wirken, und die, die keinen Erfolg erzielen.
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Wenn Kinder einen Misserfolg erleben, dann denken sie nicht nur: »Ich muss mich noch mehr anstrengen, um ans Ziel zu kommen«, sondern auch: »Ich bekomme nicht das, was ich will, darum muss ich mich noch deutlicher bemerkbar machen.«
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Eltern sein heute

Die eigenen Bedürfnisse so durchzusetzen, dass andere sie verstehen und sich dennoch respektiert fühlen, wird Kindern immer seltener vorgelebt. Wurde früher dieser Part noch von der Schule, den Pfadfindern oder der Kirche mitübernommen, so fühlen sich heute viele Eltern in unserer komplexen Welt in Erziehungssituationen oftmals überfordert und allein gelassen.
Zweifellos möchte die Mehrzahl der Eltern positiv auf ihre Kinder einwirken. Sie möchten ihnen wichtige Werte vermitteln, den Kindern Respekt vor anderen beibringen, ihren Glauben an sich selbst stärken, ihnen zeigen, wie man mit Fehlern und Schwächen umgeht und selbstsicher den eigenen Lebensweg beschreitet. Diese wenigen Zeilen lesen sich schnell, die einzelnen Wünsche erinnern an die Perlen einer Kette. In Wirklichkeit sind diese Fähigkeiten und Eigenschaften jedoch von ganz elementarer Bedeutung für die Persönlichkeit eines jeden Menschen.
Doch niemand ist perfekt. Und auch Eltern werden diesen Anforderungen im eigenen Leben nicht immer gerecht. Zu Fehlern stehen, aus Misserfolgen lernen – wann haben Sie das letzte Mal dieses Verhalten gezeigt? Und: Wann haben Sie das letzte Mal freundlich und aufbauend mit sich selbst gesprochen? Wie zeigen Sie sich und anderen, dass Sie stolz auf eine Leistung sind? Woran kann Ihr Kind bei Ihnen erkennen, dass Ihnen andere Menschen wichtig sind und Sie diesen Menschen Respekt entgegenbringen?
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Kinder lernen von den Erwachsenen, von den Eltern. Wenn es für Sie wichtig ist, dass Ihr Kind bestimmte Werte verinnerlicht, dann ist es an der Zeit, wieder einmal darüber nachzudenken, welche Werte Ihr Leben momentan bestimmen. Was wir als wert-voll für unser Dasein erachten, wandelt sich beständig. Noch vor Kurzem war vielleicht der Wert »Freiheit« für Sie ganz wichtig, und nun, da Sie eine Familie haben, ist es eher »Verbundenheit« oder »Treue«.
Fragen Sie sich also einmal, welche Werte Ihnen wirklich wichtig sind. Schreiben Sie das am besten nieder.

Eine Aufgabe mit vielen Herausforderungen

Eltern zu sein bedeutet nicht nur, Verantwortung für einen Menschen zu übernehmen, sondern verstärkt gleichzeitig die Verantwortung für das eigene Tun und Leben. Eltern zu sein gibt Ihnen die Chance, jeden Tag etwas zu lernen, zu gewinnen und zu erfahren. Nicht nur Ihr Kind wächst, sondern Sie wachsen mit, denn Sie werden sich immer wieder neu entdecken: Auf einmal sind Sie stark und setzen sich für Ihr Kind ein. Auf einmal sind Sie schwach, weil Ihr Kind krank ist. Auf einmal müssen Sie weinen, weil Sie in einer Situation mit Ihrem Kind Hilflosigkeit empfinden. Auf einmal sind Sie stolz, weil Ihr Kind gewinnt. Auf einmal sind Sie traurig, weil Ihr Kind verloren hat.
Eltern sein ist eine Aufgabe mit großen Herausforderungen, und wenn aus einem Paar Eltern werden, stellen sich ihnen viele grundsätzliche Fragen:
• Wie macht man das eigentlich, erziehen?
• Wie lebt man seinen Kindern angemessenes Verhalten vor?
• Wie und wann zieht man als Eltern Grenzen?
• Wie sorgt man dafür, dass ein Kind selbstbewusst wird, aber nicht egozentrisch?
Kaum eine andere Lebenssituation fordert uns in diesem Maß heraus. Die heile Dorfgemeinschaft von früher ist vergangen und war so oder so nie wirklich da. Zur Zeit des »Struwwelpeters« schien man zu wissen, wie man erzieht, welche Normen und Werte vermittelt werden sollten, wie eine erziehungstüchtige Familie auszusehen hatte. Das Leben heute ist aber sehr viel komplexer und damit auch komplizierter. Außerdem ist es kein Bilderbuch.

Lebensvielfalt mit Vor- und Nachteilen

Ein achtjähriges Kind bekommt heute pro Jahr, meist durch das Fernsehen, mehr bedeutsame Informationen und Lebensentwürfe vermittelt als bürgerliche Kinder der Hoffmann’schen Zeit in ihrem ganzen Leben. Das kann einerseits eine Bereicherung sein, aber es verunsichert auch – Eltern und Kinder. Hinzu kommen die zahlreichen Bücher über Erziehung, Kindheit, Elternschaft, die Ausdruck dieses vielfältigen Lebens und der unterschiedlichen Vorhergehensweisen sind.
Doch das Vielfältige ist nicht nur »viel«, sondern auch »vielfarbig«. Wie der »Struwwelpeter« – und nicht nur im Sinne der Illustrationen. Mit offenem Geist und offenem Blick können Eltern von heute zahlreiche Gelegenheiten entdecken, diese Vielfarbigkeit wahrzunehmen und als Möglichkeiten zu akzeptieren. Denn ob wir die Vielfalt unseres heutigen Lebens gut finden oder nicht, berührt die Vielfalt wenig. Es geht also nicht um ein »Ja« oder »Nein«, sondern um das »Wie«. Wie können Sie die Vielfalt des Lebens genießen und sie nicht als Druck empfinden? Wie können Sie Ihrem Kind beibringen, mit der Vielfalt – gemäß seinen Ressourcen – umzugehen?
 
 
Familie P. hat festgestellt, dass sich die Familie als Ganzes kaum noch trifft. Herr P. pendelt und kommt abends spät nach Hause. Frau P. hat einen Halbtagsjob angenommen, der den Tag beschneidet. Die fünfjährige Lina ist mit Kindergarten und Reitunterricht »ausgelastet«. Der achtjährige Josua ist immer häufiger bei seinem Freund zu finden, weil der schon einen Computer besitzt. So hatten sich Herr und Frau P. Familie nicht gedacht. Von dem Ideal, das ihnen einst vorschwebte, ist nicht mehr viel übrig geblieben.
An einem Abend beschließen beide, diesem Verlust nachzuspüren und zu überlegen, was sie tun können, damit sie sich ihrem Ideal wieder ein wenig annähern können. Sie vereinbaren, zukünftig wenigstens das Frühstück gemeinsam einzunehmen. Erst das Paar für sich, etwas später dann zusammen mit den Kindern. Dies ist ein Anfang, das wissen sie, und sie machen sich weitere Notizen, was die Familie wieder stärken könnte. Am darauffolgenden Sonntag besprechen die beiden ihre Überlegungen mit den Kindern. Und siehe da, auch diese haben Vorschläge und Wünsche. »Es wird!«, sagt Frau P. zu ihrem Mann und kann richtiggehend spüren, wie sie wieder zufriedener wird.
Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und nicht verändern. Aber Sie als Familie können versuchen, sich Ihr Ideal von Familienleben auszumalen, und dann zu schauen, was Sie davon verwirklichen wollen oder können. Der »Struwwelpeter« ist dabei ein guter Begleiter, denn nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Es gibt Hintergründe, die sich zeigen, wenn wir nachfragen und zuhören. Und es gibt Ideen und Chancen, die sich dabei auftun. Nichts muss so bleiben, wie es ist, wenn wir offen sind, über den Tellerrand eines Suppenkaspars hinauszusehen. Und auch der Struwwelpeter ist dann mehr als ein ungepflegter Junge mit zotteligem Haar.
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Der Struwwelpeter
Oder: Von der Auffälligkeit des Verhaltens
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Sieh einmal, hier steht er – Pfui! Der Struwwelpeter! An den Händen beiden Ließ er sich nicht schneiden
Seine Nägel fast ein Jahr. Kämmen ließ er nicht sein Haar. »Pfui!« ruft da ein jeder: »Garst’ger Struwwelpeter!«

Worum es in dieser Geschichte geht

Ein Junge hat sich schon lange nicht mehr die Haare und die Fingernägel schneiden lassen und unterscheidet sich durch sein ungepflegtes Aussehen von einem »braven Kind«. Deshalb trägt er den Spitznamen Struwwelpeter und wird als abschreckendes Beispiel eines »garstigen Kindes« vorgeführt.

Was diese Geschichte Eltern heute sagen kann

Warum kleine Kinder sich nicht gern die Haare schneiden lassen.
Wie Eltern ihrem Kind auf dem Weg zum eigenen Ich eine gute Begleitung sind.
Warum Spitznamen Kinder in eine Schublade stecken.
Warum sich hinter auffälligem Verhalten immer Ursachen verbergen.
Warum für Heranwachsende Haartracht und Frisur Ausdruck ihrer Persönlichkeit sind.

Ein kleiner Junge wird vorgeführt

»Sieh einmal, hier steht er …« Wohl selten kommt in einer Zeile so viel moralisch erhobener Zeigefinger zum Ausdruck. Vielleicht hören Sie beim Lesen auch gleich eine Stimme in warnender, diskriminierender, selbstgefälliger Tonlage. An den Struwwelpeter, diesen als garstig bezeichneten Jungen, erinnern sich die meisten Erwachsenen, wenn man sie nach dem gleichnamigen Buch fragt. Denn oft genug wurde sein Verhalten und sein Aussehen dafür benutzt, Kinder zum Friseur oder ins Bad zu schicken: »Wie siehst du denn aus?Wie der Struwwelpeter!«
Aber wie sieht der Struwwelpeter denn eigentlich aus?
Wenn man die Illustration einmal genau betrachtet, dann macht dieser Junge alles andere als einen »garstigen«, also aufmüpfigen oder bedrohlichen Eindruck. Er sieht eher traurig aus. Oder erschrocken, weil auf einmal alle mit dem Finger auf ihn zeigen.Weil er vorgeführt und an den Pranger gestellt wird. Und warum machen die anderen das? Weil er mit seinem Verhalten auffällt.

Die Schublade »verhaltensauffällig«