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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

DIE AUTORIN
Foto: © Werner Wille
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Waldtraut Lewin, geboren 1937, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und arbeitete als Opernübersetzerin, Dramaturgin und Regisseurin zunächst am Landestheater Halle und dann am Volkstheater Rostock. Seit 1978 lebt sie als freischaffende Autorin von Romanen, Hörspielen und Drehbüchern, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. In den letzten Jahren hat sie sich aufs Schreiben für Jugendliche spezialisiert.
 
Lieferbare Titel von Waldtraut Lewin bei cbj:
Goethe (12796)

Vorspruch
Auf der Iberischen Halbinsel gibt es Mitte des 15. Jahrhunderts vier Mächte, die um die Vorherrschaft ringen: Portugal im Nordwesten, das maurisch-arabische Königreich im Süden sowie Kastilien und Aragon-Leon im Zentrum.
Im Jahre 1469 heiratet die blutjunge Prinzessin Isabella von Kastilien den König Ferdinand von Aragon, statt sich für die Werbungen des englischen oder des französischen Königshauses zu entscheiden. Mit dieser Ehe verschmelzen zwei konkurrierende Staaten und das Königreich Spanien entsteht. Das neue Reich geht sofort daran, die Mauren erbittert zu bekämpfen. Nach langwierigem und zähem Ringen – im Namen des rechten Glaubens – tragen die Spanier schließlich den Sieg über die »Ungläubigen« davon. Am 2. Januar 1492 kapituliert der arabische König Boabdil el Chico. Die Muslime werden von europäischem Boden vertrieben. Die Christenheit jubelt Ferdinand und Isabella zu, der Papst verleiht ihnen den Titel »Reyes Catolicos«, allerchristlichste Könige. Auf dem Weg zur Weltmacht – was vor allem die Beherrschung der Seewege und des Handels bedeutet – gibt es jetzt nur noch einen Konkurrenten: Portugal.
Alle äußeren Feinde Spaniens sind vernichtet. Aber damit ist Isabella noch nicht zufrieden. Sie richtet ihren Blick jetzt auf die »Ungläubigen« im eigenen Land. Mithilfe der Inquisition beginnt die Königin mit »ethnischen Säuberungen« in ihren Provinzen – sie wird die Juden vertreiben.

Die Brücke bei Pinos Puente
Der Vorfrühling 1492 ist nasskalt und neblig hier in Andalusien. Die Wege sind voller Schlamm.
Das Maultier ertastet sich vorsichtig seinen Weg durch knietiefen Dreck. Die langen Beine des Reiters baumeln rechts und links zu seinen Flanken herunter wie zwei Pendel oder wie die Ruder an einem Boot.
Andalusien – das war einmal ein blühendes Land. Jetzt, nach sechs Jahren Krieg, ist die einst so üppige Tiefebene des Guadalquivir eine Wüstenei. Die Mandelbäume und Olivenhaine sind abgeholzt, die Brunnen wurden zugeschüttet, die weit verzweigten Bewässerungssysteme zerstört, die Herden wurden fortgetrieben. Schlamm, Dreck, verbrannte Erde haben die Spanier zurückgelassen.
Das war ein strategisches Element dieses Krieges gegen die Mauren – die Mauren, jene arabischen Muslime, die seit Jahrhunderten im Süden der Halbinsel ihr von Wissenschaften, Künsten, Reichtum und Prosperität überquellendes Reich errichtet hatten. Nun sind sie besiegt, diese »Ungläubigen«, von Spaniens Boden vertrieben...
Der Reiter guckt grimmig zwischen den wedelnden Ohren seines Reittiers nach vorn, ins neblige Nichts. Aus der Traum vom Miteinander der Religionen, den frühere Generationen noch hegten. Und ebenfalls aus sein Traum, übers grüne Meer der Dunkelheit zu segeln.
Wie er so dahinzieht durch das verwüstete Gebiet, ein Mann, viel zu groß und zu schlaksig für das kleine Muli, das Barett tief in die Stirn gezogen, den Kopf gesenkt, die Hände in den Lederhandschuhen lässig am Zügel, zwei schwere Satteltaschen, gefüllt mit Büchern und Landkarten, auf der Kruppe des Tiers festgezurrt (seine ganze Habe!), da gleicht er wahrhaftig einem Ritter von der traurigen Gestalt, wie ihn Cervantes zweihundert Jahre später in der Figur des Don Quichote verewigen wird. Ein komischer Kauz, ein Verlorener, ein Schwärmer.
Aber lassen wir uns nicht täuschen! Wenn wir näher hinsehen, werden wir bemerken: Dieser Mann in der Mitte seines Lebens, weißhaarig schon trotz seiner vierzig Jahre, mit den seltsam verschleierten und gleichzeitig forschenden Augen von der unbestimmten Farbe des Meeres, er ist in diesem Augenblick alles andere als melancholisch und resigniert.
Er kocht vor Zorn und gekränktem Stolz.
So dicht schien er am Ziel, so nah daran, seine Vision zu verwirklichen! Dass seine eigenen Forderungen ihm die Absage eingetragen haben, das will er nicht begreifen, auch wenn seine Freunde es ihm immer wieder händeringend klar zu machen versuchten. Denn allen anderen erschien maßlos, was für Bedingungen er den Majestäten diktieren wollte – nur für ihn waren diese Dinge eine Selbstverständlichkeit...
Aber vielleicht ist dieser sein Auszug auch eine Flucht? Musste er nicht fürchten, dass man hinter seine Maske blicken könnte? Denn in diesem Spanien des Jahres 1492 ist die Gefahr für ihn größer denn je. Nun, wo das junge Großreich seinen äußeren Feind bezwungen hat, wendet es sich mit aller Schärfe gegen jene, die der Vorstellung von »reinblütigen Christen« nicht entsprechen. Der Mann weiß sehr genau: Wenn man seinen Stammbaum durchforsten würde, wenn man nach den sieben christlichen Generationen suchen würde, die einem die »limpieza de sangre«, die »Reinheit des Bluts« genannte Bescheinigung eintragen, würde man sehr bald entdecken, dass es bei ihm da gewisse Schwierigkeiten gibt.
Und seine Vertrauten am Hof waren noch dazu ein Umgang, der ihn verdächtig machte...
Der Mann zieht seinen Mantel fester um die Schultern. Arrogantes, hochnäsiges Pack! Geizig durch und durch, ohne Fantasie, ohne Vorstellungskraft und Visionen!
Dieser König – ein dümmlicher Schürzenjäger, der es ihm auf ewig übel nehmen wird, dass er ihm eine Geliebte ausgespannt hat! Diese Königin – eine kluge Frau zweifellos, aber borniert und gefangen in ihrem eifernden Glauben und ohne die Fähigkeit, einmal den Blick nach vorn zu schicken, und ihren frömmelnden Beratern allzu ergeben! Und am schlimmsten natürlich sein Erzfeind, der Chef einer neu gegründeten kirchlichen Behörde, die sich Inquisition nennt und nach Ketzern jagt.
Weg, nichts als weg! Zuerst nach Cordoba, zu seinem Bruder. Und dann an einen anderen Königshof, wo man vorurteilsfreier ist und vielleicht endlich ein offenes Ohr haben wird für ihn, wo man die unglaublichen Angebote, die er zu unterbreiten hat, endlich verstehen wird.
Als er Santa Fè, die riesige Zeltstadt vor den Toren des eroberten Granada, endlich verlassen hatte, wieder um eine Illusion ärmer, hätte er am liebsten auf den Boden gespuckt vor Zorn und Abscheu. Nein, sie verdienten ihn nicht.
Vier Meilen von Santa Fè entfernt liegt ein verlassener Weiler namens Pinos Puente. Dort führt eine alte römische Wasserleitung, nun als steinerne Brücke genutzt, in dreifachem Bogen über eine Schlucht.
Der Nebel umwallt ihn. Und gerade als er auf diese Brücke reitet, hört er hinter sich jagenden Hufschlag. Ein Pferd nähert sich in vollem Galopp.
Einen Augenblick überkommt ihn rasende Angst. Die Inquisition! Nun, da er im Zorn vom Hof geschieden ist, hat bestimmt die Königin ihre schützende Hand von ihm abgezogen, hat ihn dem furchtbaren Thomas de Torquemada zum Fraß vorgeworfen! Schließlich fand die Kommission von Salamanca, dass seine Ideen in bedenklicher Nähe zur Ketzerei standen. Keine Chance zu entfliehen, mit einem trostlos dahintrottenden Maultier. Aber eigentlich – warum sollten sie ihn hetzen? Sie finden ihn doch überall.
Er wendet. Was bleibt ihm übrig.
Aus den Nebelschwaden taucht der Reiter auf. Er trägt die schwarze Uniform und die hohen Reitstiefel eines Alguacil, eines königlichen Amtsdieners.
»Señor Cristóbal Colón?«
»Der bin ich.«
Der Mann springt aus dem Sattel, keuchend vom schnellen Ritt. »Doña Isabel, von Gottes Gnaden Königin von Kastilien, befiehlt Euch hiermit durch mich, unverzüglich umzukehren und vor Ihrer Majestät zu erscheinen!«
Sie holt mich zurück?
Also nicht die Inquisition, denkt er, und in ihm steigt ein wildes Gefühl des Triumphes auf. Gott ist gerecht! -
 
Am 17. August unterschreiben die Majestäten Isabella und Ferdinand von Kastilien einen Vertrag mit Christoph Columbus, der als »Capitulaciones« in die Geschichte eingeht. Das Wort heißt zwar korrekt übersetzt »Vergleich« – aber wenn wir es genau nehmen und als »Kapitulation« bezeichnen, liegen wir gar nicht so falsch. Kapituliert haben die Majestäten vor den Forderungen des Seefahrers.
Ein neues Kapitel der Weltgeschichte wird aufgeschlagen.

Viele Türen und kein Schlüssel
Wer ist dieser Mann, den wir unter so vielen Namen kennen? Der im Italienischen Cristoforo Colombo genannt wird, im Portugiesischen Cristovao Colom, im Spanischen Cristobal Colón und im Lateinischen Christophorus Columbus – also wer ist Christoph Columbus, wie er gemeinhin bei uns heißt?
Jeder kennt den Entdecker Amerikas aus dem Schulbuch. Und es ist noch nicht so lange her, dass die Welt das fünfhundertjährige Jubiläum dieses Ereignisses feierte – und meinte, längst auch das letzte Detail über den Mann herausgefunden zu haben, der dies leistete.
Das Gegenteil ist der Fall. Wir wissen über die Person dieses Mannes überhaupt nichts. Es gibt nicht einmal ein verbürgtes Porträt von ihm. Alles, was da so durch die Vielzahl der biografischen Beschreibungen seines Lebens geistert, ist erst viel später »nachempfunden« worden.
Wohl kaum eine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte hat sich derartig über ihr eigenes Leben ausgeschwiegen wie dieser rätselhafte Entdecker. Und durch die wenigen Äußerungen, die es von ihm gibt, hat er die Verwirrung nur noch verstärkt. Man ist geradezu versucht anzunehmen, dass er, der Admiral Columbus, uns absichtlich in die Irre führen will. -
Weit klaffen die Meinungen über Herkunft und Charakter, über Beweggründe und Ziele dieses Mannes auseinander, dessen hartnäckiger und besessener Wille Europa das Tor zur Neuen Welt aufgetan hat. Ich als Autorin, die immer von diesem Mann fasziniert war, fühle mich herausgefordert, die Facetten dieser schillernden Persönlichkeit aufzufinden und zu deuten, und ich will versuchen, »meinen« Columbus zu entwerfen. Es ergibt sich ein schlüssiges Bild – bei allen Unwägbarkeiten dieser rätselhaften Gestalt.
Hier also meine Spurensuche.
Es gibt ein Computerspiel namens »Myst«, das mich immer sehr fasziniert hat. Es ist eine ästhetisch reizvolle und anregende Reise auf der Suche nach einem Weg zu einem bestimmten Ziel. Immer wieder gerät man an geheimnisvolle Pforten, die man auf irgendeine Weise zu öffnen versuchen muss.
Manchmal führt der Pfad weiter, aber oft sind es auch Irrwege oder Sackgassen, und man muss umkehren und eine andere Straße, einen anderen Ansatz versuchen. Und immer ist dann noch die Frage, ob man auch den richtigen Schlüssel zur Pforte besitzt.
In dieser Weise wollen wir in diesem Buch versuchen, den Schlüssel für diesen rätselhaften Mann zu finden, die richtige Tür, durch die wir gehen können, um den Columbus vorzustellen, dessen Leben, Taten und Charaktereigenschaften ein Ganzes bilden. Ungereimtheiten und Fragen werden bis zum Schluss bleiben – sowohl bei ihm als auch bei der Frau, die die große Liebe seines Lebens war.
Das Spiel beginnt: Wer war dieser Mann wirklich? Wo stammt er her? Was werden wir entdecken?
 
Bis vor wenigen Jahren war sich die Forschung einig darin, dass Columbus aus Genua in Norditalien stammt, und jeder ist dieser »Erkenntnis« gern gefolgt. In seinem Testament schreibt der Admiral nämlich, er sei »genuesischer Herkunft«. Wenn er es denn selbst sagt! Die Genueser durchstöbern also ihre Archive, und siehe da, sogar ein Geburtshaus kann man vorweisen! Cristoforo soll der fünfte Sohn eines Wollkämmers gewesen sein, also eines kleinen Handwerkers, 1451 geboren und bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr in der Werkstatt seines Vaters beschäftigt. Und dann ging er zur See... Das galt als erwiesen. Sofort errichtet man ihm ein Denkmal und ist stolz. Der »große Sohn der Stadt«!
Dem widerspricht jedoch dies und jenes.
Zum Beispiel die wenigen Selbstzeugnisse dieses Mannes. Da gibt es einen Brief, in dem er von sich behauptet: »Von klein auf segelte ich über die Meere...« Also mit zwanzig ist bestimmt nicht »von klein auf«, denke ich.
In einem anderen Brief aus dem Jahre 1502 schreibt er, er segele seit 40 Jahren. Was bei einem angenommenen Geburtsdatum von 1451 also bedeutet, dass er mit elf Jahren zur See gegangen sein muss. Das hört sich schon realistischer an als die Annahme, dass dieser perfekte, mit allen Wassern gewaschene Seemann, dieser erfahrene Navigator und Kenner des Ozeans sozusagen als Quereinsteiger »über den zweiten Bildungsweg« Kapitän geworden sein könnte.
Und da gibt es noch ein paar andere kluge Leute, die etwas herausgefunden haben. Der fünfte Sohn des genuesischen Wollkämmers wäre seinem Stand entsprechend ungebildet gewesen: Schulen für Kinder von Handwerkern gab es nicht – also müsste Columbus angeblich Lesen und Schreiben erst in seiner »Zweitkarriere« gelernt haben. Das erregte schon immer Kopfschütteln unter den Experten.
Ein Spezialist für alte Handschriften an der Universität von Barcelona, der Provinzhauptstadt von Katalonien, hat nun neuerdings die Handschrift von Columbus analysiert – eine Handschrift, die ganz unverwechselbar ist und die auch ich inzwischen wiedererkennen würde unter vielen anderen: die weit geschwungenen Bögen, die klare Abgrenzung der Wörter gegeneinander, präzise und filigran, die arroganten, sorgsam platzierten Großbuchstaben – eine imponierende Schrift.
Der Experte hat sie mit anderen Schriftproben aus der Zeit verglichen – und er hat den Stil genau unter die Lupe genommen.
Für ihn ist eindeutig klar: Columbus schreibt so wortreich und ausdrucksstark, so flüssig und variabel, wie das nur jemand kann, der von Kindheit an mit der Kunst des Schreibens vertraut war. Und wenn er in Eile war, formte er das »h« wie eine Acht. Das ist typisch für den Schreibstil in Katalonien zu der Zeit.
Nun war der Ehrgeiz der Katalanen geweckt. Ein Columbusdenkmal hatten sie ja schon immer – der Seefahrer steht auf hoher Säule am Hafen Barcelonas und schaut gebieterisch übers Meer. Ein zweiter Gelehrter der Stadt, Professor für forensische Linguistik, kommt neuerdings ins Spiel. (Forensische Linguistik bedeutet gerichtsmedizinisch auswertbare Sprachkunde.) Angenommen, jemand schreibt in einer ihm von Haus aus fremden Sprache: Anhand einer Computeranalyse, bei der nach immer wiederkehrenden Wörtern, Redewendungen oder kleinen Fehlern innerhalb eines Textes gesucht wird, kann man inzwischen ziemlich genau feststellen, woher er tatsächlich stammt, welche Muttersprache der Schreiber spricht.
Und siehe da: Alles weist darauf hin, dass Columbus aus Katalonien kommt, aus einem Ort in der Nähe von Barcelona – zumal da ihn auch nie jemand ein einziges Wort Italienisch hat sprechen hören!
Und damit versagt der Schlüssel in der Pforte zu Genua. Wir können die schöne norditalienische Hafenstadt bei unserer Suche nach der Herkunft unseres Helden guten Gewissens außen vor lassen. Die Tür Genua bleibt zu.
Katalonien. Das sieht also zunächst einmal gut aus. Und unser Pfad führt uns zu einer Pforte, wo man Herzklopfen bekommen kann, so dicht dran könnten wir jetzt vielleicht sein: In einem kleinen katalanischen Dorf namens Tarroja, in der Nähe von Barcelona, erzählt man sich seit Generationen, dass hier und nur hier die Wiege des Seefahrers gestanden hat! Es gab einen Pfarrer in dem Ort und der machte dem Vernehmen nach eine sensationelle Entdeckung in seinen Kirchenbüchern. Er lud zunächst einen einzelnen Historiker ein, der seinen Fund in Augenschein nahm. Der schien fasziniert, wollte aber zunächst nichts verraten. Es hätte ja auch ein Irrtum sein können. Fachkollegen sollten ran. Die gesamte Elite der Zunft soll mit ihm nach Tarroja reisen.
Aber dies ereignete sich im Jahr 1936. Und bevor die aufs Äußerste gespannten Wissenschaftler den geheimnisvollen Fund in Augenschein nehmen konnten, brach der Spanische Bürgerkrieg aus. Die Kirche wurde in Brand gesteckt. Der Pfarrer kam in den Flammen um – und das gesamte Archiv mit ihm.
Also die nächste Tür, die wir nicht öffnen können.
Ersparen wir uns die Umwege über Griechenland, Korsika, über das Baskenland oder gar Armenien – überall dort glaubt irgendwer, untrügliche Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass Columbus bei ihnen heimisch war. Diese Türen werden sich nicht öffnen lassen, führen uns nicht zu ihm. Diese Pfade brauchen wir nicht zu beschreiten.
Der nächste Weg führt uns übers Meer. Wir landen auf Mallorca.
Dort ist eine hochinteressante Entdeckung gemacht worden, von einem Heimatforscher – ein fachlich kaum ausgebildeter Mann, einer von jenen, über die »studierte« Wissenschaftler so gern die Nase rümpfen und die manchmal, gerade weil sie andere Methoden anwenden als die herkömmlichen, mehr herauskriegen als sie, die »Experten«.
Ein inzwischen nicht mehr existierender Ort auf der Mittelmeerinsel hieß nämlich: Genoba – was die spanische Variante des italienischen Genua ist.
Zunächst zucken wir mit den Achseln und sagen: gut und schön, ein Zufall. Was soll das bedeuten? Wenn wir uns aber klar machen, dass auf Mallorca Katalanisch gesprochen wird, dann sieht das im Licht der sprachwissenschaftlichen Forschungen aus Barcelona schon ganz anders aus!
Die mallorquinische Spürnase – er kannte übrigens die Arbeiten der Sprachwissenschaftler nicht! – weist außerdem darauf hin, dass Columbus sich selbst meistens als »El Almirant« bezeichnet, das ist die katalanische Variante von »Admiral«. Und er hat entdeckt, dass auf von dem Seefahrer gezeichneten Karten bekannte Inseln mit ihren katalanischen Namen eingetragen sind.
Jetzt also wird es spannend. Dass Columbus als Meister der Verschleierung sich in seinem Testament als von genuesischer Herkunft bezeichnet – ich würde sagen, das sieht ihm ähnlich. Natürlich hat er damit gerechnet, dass alle auf die Stadt in Italien tippen.
Dreht sich der Schlüssel im Schloss? Werden wir fündig? Zumindest könnten wir hier ein wenig verweilen und versuchen, ob wir mithilfe anderer »Werkzeuge« ganz aufschließen können. Denn ein Geburtsort und eine Sprachzuweisung machen ja noch nicht die ganze Herkunft des Mannes aus.
Bleibt die Frage: Warum schweigt er selbst so hartnäckig – oder führt uns, falls er etwas sagt, an der Nase herum?
Dafür gibt es verschiedene mögliche Gründe.
Aber setzen wir unsere Suche ein bisschen später weiter fort.
Vielleicht finden wir ja ein Werkzeug zum Knacken der Tür in unserer nächsten Szene.

Eine reine Geldfrage
Was hat Isabel – oder, wie wir sagen, Isabella, Königin von Kastilien – bewogen, unseren Mann so eilig zurückholen zu lassen?
Die viel beschäftigte Königin, Siegerin über die Mauren und Regentin beider durch Heirat vereinten Länder Kastilien und Aragon (ihr Gemahl spielt eigentlich nur die zweite Geige), hat in Privataudienz einen Minister empfangen, und nach diesem Gespräch unter vier Augen hat sich das Blatt für Columbus gewendet.
Der Minister heißt Luis Santangel und ist von Haus aus ein superreicher Bankier und einer der mächtigsten Männer am Hof. Wir können seinen Arbeitsbereich heute am ehesten mit dem eines Chefs der Finanzen beschreiben. Seine Titel klingen auf Spanisch sehr hoheitsvoll: Santangel ist Escarbano de racion (in etwa: Kanzler) und Contado mayor (Generalzahlmeister). Aber das hindert Isabella nicht daran, diesen Herren, der dringend um ein Gespräch ersucht hat, erst ein bisschen zappeln zu lassen. Sie kann ihn nämlich nicht leiden und dafür gibt es mehr als eine Ursache. Zum einen, weil er ein Günstling ihres Gemahls ist, also zu dem Teil des Hofes gehört, den sie mit »angeheiratet« hat und dem sie aus unterschiedlichen Gründen misstraut. Und zum anderen seine Herkunft... Aber diese Königin kann sich zwar Gefühle leisten, aber sie ist viel zu sehr gewiefte Politikerin, um sich von ihnen steuern zu lassen.
Ungeduldig geht Santangel also im Vorzimmer auf und ab, eine große, schwarz gewandete, schwarzlockige, schwarzbärtige Gestalt, sein Rücken ist leicht gebeugt, und seine Hände, an denen große Ringe blitzen, hält er hinterm Rücken verschränkt. Das goldene Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt, ist mit Edelsteinen besetzt.
Er hat sich mit seinen Freunden beraten, und alle sind sich einig: Man darf diesen Colón nicht wegschicken! Aber dann erfuhr er zu seinem Entsetzen: Der Mann war inzwischen schon aufgebrochen! Gefahr im Verzug! Schnell zur Königin! Und nun geht er schon fast eine Stunde hier im Vorraum auf und ab.
Dieses Santa Fé, diese Befestigung vor den Toren Granadas, von wo aus die Königin die Stadt belagert hat – wie er diese Ansammlung von Zelten und Zweighütten hasst, wie er dieses Heerlager, umgeben von Palisaden und Gräben, ohne Hygiene, ohne Komfort verabscheut! Ohne weiteres hätten die Majestäten nach dem Sieg über die Mauren am 2. Januar in Granada ein Quartier nehmen können. Aber statt nach dem triumphalen Einzug in die Stadt nun dort zu bleiben und es sich im Alhambrapalast, im Luxus der vertriebenen muslimischen Herrscher, wohl sein zu lassen, war Isabella hierher zurückgekehrt – (Ferdinand, ihr Gemahl, war inzwischen ohnehin wieder auf der Jagd). Sie vertrat den Standpunkt, dass es Gott nicht wohlgefällig sei, wenn sie diesen Ort verlassen würde, bevor nicht der Letzte der Ritter, Kämpfer und Soldaten von hier heimwärts gekehrt sei in sein Heimatland, denn viele hatten geholfen, die »Heiden« mit zu bekämpfen. Eine Frau mit eisernem Pflichtbewusstsein.
Und so geht nun Santangel in diesem aus rohen Brettern errichteten Raum hin und her, statt Türen gibt es nur Vorhänge, das Kohlebecken schwelt, statt zu wärmen, und die Feldstühle sind unbequem.
Endlich. Ein Schreiber schlägt den schweren Wollvorhang zurück. »Ihre Majestät lässt bitten.«
Santangel strafft sich.
Isabella von Kastilien sitzt hinter ihrem Schreibtisch und unterzeichnet Dokumente, die ihr ein zweiter Schreiber vorlegt. Santangel geht auf die Knie und wartet, dass sie ihm das Zeichen gibt, sich zu erheben, und er weiß schon, dass sie ihn wieder eine Weile da unten lassen wird.
In dem trüben Licht, das sich durch die geraffte Zeltplane am Fenster seinen Weg bahnt, sieht ihr Gesicht unter dem weißen Schleiertuch, das sie wie immer trägt, noch kalkiger und ungesünder aus: aufgedunsene Wangen, ein Doppelkinn, der stets missmutig verzogene Mund. Isabella weiß: Sie ist so reizlos, dass es die Mühe nicht wert ist, sich hinter Schminkkünsten zu verstecken. Sie ist ja auch nicht wegen ihrer Schönheit zur mächtigsten Frau der iberischen Halbinsel geworden …
Endlich: eine knappe Bewegung der molligen königlichen Hand. Man darf sich erheben und näher treten. Die blaugrauen Augen – ebenfalls ungeschminkt, klein, fast wimpernlos – mustern ihr Gegenüber mit dem üblichen Ausdruck von Missmut. Und dann die Stimme, unerwartet klangvoll und klar: »Es muss eine sehr dringliche Angelegenheit sein, Contado mayor, wenn Ihr so auf einem Gespräch besteht.«
»Doña Isabel – Cristobal Colón ist abgereist.«
»Nun«, sagt die Majestät gelassen, »das wundert mich nicht. Wir waren ja nun wirklich dabei, seine Angelegenheit wohlwollend zu prüfen. Und da kommt er mit den Forderungen eines Wahnwitzigen daher und macht alles kaputt. Der Seefahrer ist ein Narr, und es gibt Leute, die das schon immer gesagt haben.«
Ja, Euer Gemahl, denkt Santangel, und aus verschiedenen Gründen. Und Großinquisitor Torquemada – aber der wird noch etwas ganz anderes über den Fremden gesagt haben!
»Und die Ausschüsse von Philosophen und Geistlichen waren immer voller Misstrauen und voller Einwände.«
Santangel weiß, dass man bei dieser Frau ohne Umschweife zur Sache kommen muss. Brimborium imponiert ihr nicht. Wie auch immer sie ausschaut und wie auch immer sie sich gibt – Isabella ist eine kühle Rechnerin.
»Majestät!«, beginnt er. »Der Vorschlag des Colón, nämlich den Osten zu entdecken, indem er nach Westen segelt, würde der Krone, wenn er denn erfolgreich ist, mit einem Schlag aus all den Geldverlegenheiten helfen, in die dieser heilige Krieg gegen die Mauren das Land gestürzt hat. Und ich und mein Haus wären bereit, zu investieren.«
Die Königin schweigt einen Augenblick. Dann sagt sie: »Nehmt Platz, Contado mayor. Haltet Vortrag.«
Santangel atmet tief durch. Er weiß, er wird gewinnen. Er beginnt. »Wenn Colón erfolgreich ist, wenn er als Erster nach Indien gelangt, hat Spanien endlich den Konkurrenten Portugal vom Hals. Goldströme werden alsbald die leeren Kassen des Landes füllen. Und all die jungen Hidalgos, die armen adligen Herren, die nach dem Sieg über die Mauren keine Chance mehr haben, ihren Wunsch nach weiterem, neuem Ruhm zu befriedigen...«
Isabella macht eine ungeduldige Handbewegung. »Das alles weiß ich wohl. Deshalb war ich ja auch geneigt, dem Abenteuer zuzustimmen. Aber Ihr selbst habt dem Hof ja eine Kalkulation vorgelegt, nicht wahr?« Sie blättert pro forma in den Papieren auf ihrem Schreibtisch. (Er weiß, dass sie alle Zahlen im Kopf hat.) »Drei Schiffe. Zwei Millionen Maravedi. Woher nehmen, Don Luis?«
»Gerade das will ich Eurer Majestät ja darlegen. Die Krone selbst wird keinen Real investieren müssen.«
Isabella zieht die dünnen Augenbrauen in die Höhe.
»Im Hafen zu Palos sind die Brüder Pinzón zu einer hohen Geldstrafe wegen Schmuggels verurteilt worden, habe ich gehört. Die beiden Kapitäne haben zwei Karavellen. Man könnte diese beiden Schiffe anstelle der Buße einziehen und verlangen, dass sie von den Brüdern segelklar gemacht werden. Den Betrag für das dritte Fahrzeug inklusive aller übrigen Kosten könnte die Familie Santangel der Krone zu einem Zinssatz von vierzehn Prozent auf zwei Jahre vorschießen.«
Die Königin lehnt sich zurück. Ihr Blick ist nachdenklich, ohne Sympathie auf den Finanzminister gerichtet.
»Eure Familie tut gut daran, sich in diesen Zeiten das Wohlwollen der Krone zu bewahren«, sagt sie trocken. »Also über den Zinssatz solltet Ihr noch einmal nachdenken.«
Santangel verbeugt sich leicht auf seinem Stuhl. Er weiß, dass harte Zeiten kommen werden für ihn, für die Seinen und für alle wie ihn. Erst voriges Jahr ist er von Torquemada vorgeladen worden, bezichtigt heimlicher Ketzerei, und nur die Intervention Ferdinands hat ihm aus der Klemme geholfen. Aber ohne die Santangels wäre der König schon lange pleite... Und diese Frau wird gnadenlos aus denen, die sie als »Feinde des Glaubens« bezeichnet, auch noch den letzten Maravedi herausholen. Er hat da etwas munkeln hören von einer neuen Verordnung – man muss sich absichern. Andere Länder hinter dem Meer – vielleicht eine Rettung!
Isabella legt die Fingerspitzen gegeneinander. »Blieben da noch die hochmütigen Forderungen, mit denen sich Euer Mann schließlich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen hat«, bemerkt sie. »Er ist größenwahnsinnig! Erhebung in den erblichen Adelsstand, Admiralstitel, Statthalterfunktion in allen von ihm entdeckten Ländern, ein Zehntel von allen Einnahmen – kein Mann von gesundem Verstand kann so etwas verlangen!«
Der Minister lächelt. »Größenwahnsinnig ist er vielleicht. Aber ohne einen gewissen Wahnsinn ist kein Wagnis möglich, findet Ihr nicht auch? Und Doña Isabel – was gibt es zu verlieren? Kommt Colón nicht zurück oder ist er erfolglos, ist mein Kapital verloren. Mehr nicht. Und seine Titel und Ansprüche liegen mit ihm gemeinsam auf dem Grund des Meeres. Aber hat er tatsächlich Recht mit dem, was er vorhat – dann sollte man ihm auch seine Forderungen erfüllen, denke ich. In Gottes Namen.«
»In Gottes Namen?«, wiederholt Isabella, und die Winkel ihres Schmollmunds verziehen sich ironisch nach unten. »Ich hoffe, wir sprechen vom gleichen Gott. Stimmt es, Santangel, dass dieser Mann, der aus dem Nichts zu uns kam – dass er ebenfalls anders ist?«
»Er ist der Schützling Eures einstigen Beichtvaters Fray Juan Pérez«, erwidert der Minister steif, und sein üppiger Bart verbirgt das Zucken seines Wangenmuskels. »Ich verstehe Euch nicht.«
»Auch unter den Benediktinermönchen soll es Beschnittene geben, ehemalige Juden«, sagt die Herrin Kastiliens beiläufig. »Ihr versteht Euch doch untereinander, Ihr anderen, nicht wahr? Ihr Fremden.«
»Ich bin nicht fremd. Ich bin ein guter Christ und Eurer Majestät ergebener Diener.«
»Zumindest Letzteres glaube ich wohl. Ihr könnt gehen, Contado mayor. Und lasst diesen Colón zurückrufen. Die Bedingungen sollen akzeptiert werden.«
Unter Verbeugungen verlässt Santangel rückwärts den Audienzraum. Wie ich sie hasse, denkt er. Der reichste, der mächtigste Mann im Staate zu sein, nach den Majestäten – und trotzdem jeden Tag in Furcht und Zittern leben …
Luis Santangel nämlich ist ein Converso. Er ist ein zum Christentum übergetretener Jude. Im Spanien Isabellas und Ferdinands, im Spanien des Torquemada, nennt man die Conversos auch Marranen. Das heißt zu Deutsch Schweine. Und bei ein paar Beschimpfungen bleibt es nicht.

Weitere Bausteine zum Puzzle Columbus
So ausgerüstet haben wir vielleicht den nächsten Schlüssel in der Hand, eine Tür zu den geheimnisvollen Lebensumständen unseres Seefahrers zu öffnen. Verschleiert er seine Herkunft, weil er – vielleicht – zu den anderen gehört?
Wir befinden uns also im Augenblick auf Mallorca und haben einen heutzutage nicht mehr existenten Ort namens Genoba entdeckt.
Mallorca? Was soll denn nun im 15. Jahrhundert auf Mallorca los gewesen sein?, wird vielleicht manch einer fragen. Aber da belehrt uns selbst der oberflächlichste Reiseführer in seinem historischen Teil eines Besseren.
Zu einer Zeit, als das Mittelmeer noch das Zentrum der europäischen Seefahrt und des Handels war, hatte die Insel einen hohen Stellenwert. Ihr Hafen war ein wichtiger Umschlagplatz für die Güter der Anrainer, von Spanien bis Ägypten und umgekehrt. Handel und Schiffbau florierten und vor allem war die Insel ein Zentrum der Kartenzeichner-Kunst.
Unter Karten, vor allem unter Seekarten, müssen wir uns damals etwas anderes vorstellen als heute. Die Welt war zum großen Teil unentdeckt und natürlich auch unvermessen, und die wunderschön fantasievoll verzierten Kartenblätter haben häufig eher einen künstlerischen Wert, als dass sie sich durch Exaktheit auszeichnen. Sie wiesen weder ein Netz aus Längen- und Breitengraden auf noch hatten sie irgendwelche Maßstabangaben.
Da man hauptsächlich in Küstennähe schipperte, erfüllten diese so genannten Portolanen einen ganz anderen Zweck: Sie verzeichneten die wichtigsten Städte und Häfen einer Region und die Landmarken der Gegend, wie Berge, Riffe oder Klippen, nach denen man sich orientieren konnte.
Im 15. Jahrhundert war das Mittelmeer zunehmend zur Konfliktzone geworden. Die christlichen Seefahrer sahen sich auf der einen Seite mit den kriegerischen Arabern und Mauren Nordafrikas konfrontiert, im Osten bedrängte sie das osmanische Reich. Und von den allgegenwärtigen Piraten einmal ganz zu schweigen. Es wurde eng auf dem Wasser, die Handelsmöglichkeiten schrumpften – man musste aber expandieren! Doch dazu benötigte man exaktere Karten. Karten, beziehungsweise eine Karte wird in unserer abenteuerlichen Entdeckergeschichte noch eine große Rolle spielen.
Im frühen Mittelalter hatte Mallorca mal diese, mal jene Herrschaftsform ertragen. Je nachdem, wer die Insel gerade mal erobert hatte. Was aber konstant blieb, das war die Tatsache, dass der Handel des Hafens Palma, das Be- und Entladen der Schiffe und der Transfer der Waren, weitgehend in jüdischer Hand war. Das hängt einfach damit zusammen, dass die Juden Europas, früh in die Position der »Geldwechsler« gedrängt (für Christen galt das als eine unehrenhafte Beschäftigung) und von ihrer Religion her seit eh und je ein Volk, in dem Bildung – Lesen, Schreiben, Rechnen – einen Vorrang hatte, einfach eher in der Lage waren, logistische und intellektuelle Prozesse durchzuführen. Jemand, der die Dreisatzrechnung seit der frühen Kindheit draufhat, mehrere Sprachen in Wort und Schrift beherrscht und vorausschauend planen kann, ist nun mal einem Menschen überlegen, der im Zahlenraum von Eins bis Zehn an den Fingern rechnet und allerhöchstens mit den Händen »fremd spricht«.
Ihre Fähigkeit, die Welt mit dem Stift in der Hand darzustellen, machte sie außerdem zu den genauesten und deshalb gesuchtesten Portolanenzeichnern. Mallorca war eine Hochburg der Kartengestaltung. Die jüdische Gemeinde auf der Insel floriert.
Und dann kommt die Pest. 1391 erreicht der »Schwarze Tod«, der überall in Europa wütete, auch Mallorca. Niemand hat damals auch nur die geringste Ahnung von den Funktionsmechanismen einer Infektionskrankheit. Die Pest wird als »Geißel Gottes«, als Strafe für die Sünden des Menschengeschlechts gesehen. Und irgendwer muss schuld sein. Gern sucht man sich immer einen Sündenbock unter denen, die anders sind als man selbst – vor allem wenn sie auch noch Reichtum und Wissen besitzen.
Am 2. August 1391 wird das Ghetto von Palma überfallen, unzählige Juden werden bestialisch zu Tode gemartert.
Die Überlebenden sind vorsichtig. Viele treten formell zum Christentum über, bewahren aber in der Stille der Familie ihren alten Glauben mit seinen Bräuchen und Riten. Und das geht für lange Zeit gut. Die »Conversos« werden ja auch gebraucht, mit ihrem Wissen und auch als unentbehrliche »Bankiers« der Kaufleute wie der Könige.
1450 dann wird die Insel wieder einmal spanisch. -
Nun gut, können wir fragen, aber was hat das mit unserem Seefahrer zu tun? Falls er wirklich auf Mallorca geboren ist – warum sollte er ausgerechnet Nachfahre von Juden sein?
Es gibt da ein paar spannende Details. Zum einen ist sein Bruder Bartolomeo einer der gefragtesten Kartenzeichner seiner Zeit. Eine Weile arbeitet Cristobal auch in dessen Werkstatt in Cordoba mit, um Geld zu verdienen. Sie beide kommen aus Genoba, also von Mallorca, und so liegt zumindest nahe, dass sie Abkömmlinge von so genannten »Neuchristen« sind.
Na schön, könnte man sagen. Aber ist das hinreichender Beweis für irgendetwas? Wohl kaum. Aber dabei bleibt es ja nicht.
Wieder einmal werden die Schriftdeuter zurate gezogen.
In den späteren Briefen des Columbus an seinen Sohn Diego befinden sich geheimnisvolle Zeichen in der linken oberen Ecke des Blattes, eine Art Schnörkel, um deren Deutung man lange Zeit verlegen war, bis sich ein paar Leute damit befassten, die des Hebräischen mächtig waren. Zunächst einmal fiel auf, dass der Schriftzug nicht von links nach rechts ausgeführt ist, sondern umgekehrt (im Hebräischen schreibt man von rechts nach links). Die Forscher entzifferten diesen Schnörkel schließlich als die beiden hebräischen Buchstaben Beth und Hei, was die Abkürzung der jüdischen Segnung »Baruch Haschem« (Gelobt sei der Name des Ewigen!) ist.
Columbus hat also im vertraulichen familiären Schriftverkehr sich einer jüdischen Segensformel bedient – und das stimmt denn doch nachdenklich.
Ein noch größeres Rätsel gibt die Unterschrift unseres Seefahrers auf. Columbus hat sich eine außerordentlich pompöse Art des Signierens angewöhnt, nachdem er ein erfolgreicher Entdecker geworden war. Ebenfalls an Diego unterschreibt er so:
003
 
Über diese Zeilen haben sich unzählige Leute den Kopf zerbrochen. Die letzte Zeile ist noch am einfachsten zu deuten. Der Doppelpunkt vor »Xpo« heißt auf Spanisch »colón«, also könnte der Schreiber so seinen Familiennamen abgekürzt haben. »Xpo« ist die gängige Abkürzung für Cristo und das Wort FERENS ist Lateinisch und heißt »tragend«. Also eine andere Gestalt des Vornamens Christophorus, welcher der Legende nach den Erlöser als Kind durch ein reißendes Wasser getragen hat – so wie Columbus, als Entdecker und Missionar, »das Wort Gottes zu den Heiden« über den Ozean gebracht hat.
Aber das Dreieck darüber? Dem Geist der Zeit entsprechend, muss es sich um eine religiöse Verschlüsselung handeln. Neben vielen christlichen Deutungen gibt es auch eine jüdische. Wenn man in die Buchstaben hebräische Wörter sozusagen hineinkomponiert, ergeben sie, oben beginnend und von rechts nach links gelesen: Shaday – Shaday – Adonai -Shaday – Yehova – Moleh – Chesed. (Herr, Herr Gott Herr, der Ewige spendet Erbarmen!)
In Briefen an Diego übrigens, die offiziellen Charakter trugen und »vorgezeigt« werden sollten, fehlen sowohl das verschnörkelte Zeichen als auch diese Form der Unterschrift. Dann signiert er einfach nur mit El Almirant (also in der katalanischen Form): Der Admiral.
Was hilft uns solche spitzfindige Interpretation nun bei unserer Spurensuche? Warum diese »Spielerei«?
Unter den zum Christentum übergetretenen Juden gab es solche und solche. Einige, für die der andere Glaube nur ein Lippenbekenntnis war und immer bleiben sollte. Weil sie, einfach um zu überleben, die Taufe empfangen hatten. Andere hingegen waren echte Neuchristen und ihr Glaubenseifer war stark. Aber deswegen waren sie nicht bereit, ihre Wurzeln zu verleugnen, so gefährlich das damals auch war. Den Sabbat zu heiligen, die Söhne insgeheim beschneiden zu lassen, die alten Gebete nicht zu vergessen, bedeutete für diese Menschen nicht, ihr Christentum zu verraten.
Wenn Columbus also aus einer Familie von Marranen stammte, die den christlichen Glauben aus ehrlicher Überzeugung ausübte, so könnten diese Geheimzeichen als Erinnerung gemeint sein: Vergiss nicht, woher du stammst, vergiss unsere Traditionen nicht. Ein Forscher sagt das so: »Wenn Columbus ein Bekehrter war, dann zeigte er der Welt mit ihren mörderischen Königen, Inquisitoren und Autodafés (Ketzerverbrennungen) – schützend vorgehalten – das Zeichen des Kreuzes, aber sich selbst und seinem Sohn sagt er in der Sprache der Väter: ›Gelobt sei der Ewige!‹ An dieser Familientradition war den Marranen sehr gelegen, und sie waren bestrebt, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.«
Haben wir vielleicht unseren Schlüssel gefunden? Öffnet sich die Tür zum Geheimnis Columbus? Vieles spricht dafür. Ziehen wir noch in Erwägung, dass sich der belesene Seefahrer hervorragend auskannte in den Schriften des Alten Testaments, jenem Teil der Bibel, auf dem das Judentum basiert, und Teile dieser Überlieferung sozusagen für den »Hausgebrauch« abschrieb. Bedenken wir, dass der Familienname (in wörtlicher Übersetzung »Taube«) gern konvertierenden Familien verliehen wurde – die Taube als Symbol des Heiligen Geistes! Und dass der Vorname Cristoforo, »der Träger Christi«, ein äußerst beliebter Taufname bei Neubekehrten war!
Falls unsere Indizien stimmen, hatte Columbus in der Tat allen Grund, seine Herkunft vor den Mächtigen der Welt zu verschweigen. Wie schnell ein Marrane in den langen Verhören der Inquisition in eine Falle tappte, das hatte er täglich vor Augen. So etwas zu riskieren, wäre lebensgefährlich gewesen.
Sind wir schon am Ziel angekommen? Verbirgt sich hinter den zwielichtigen Halbwahrheiten also der Sohn einer mallorquinischen Marranenfamilie, einer Familie von Kartenzeichnern in einem Ort namens Genoba? Das würde erklären, warum dieser Mensch bereits von früher Jugend an einen hohen Bildungsstandard hatte. In jüdischen und neuchristlichen Familien standen – im Gegensatz zum in Europa Üblichen – Lesen, Schreiben und Auswendiglernen hoch im Kurs.
Und dann reißt der Junge aus und geht zur See...
Ich bin gern bereit, mir diese Variante zu Eigen zu machen.
Nicht verschwiegen werden darf aber, dass unser Spiel noch zwei andere Pfade bereithält, die alles wieder in ein völlig anderes Licht rücken. In einem Brief an König Ferdinand schreibt Columbus nämlich: »Ich bin nicht der erste Admiral in meiner Familie.« Auf einmal schlagen wir einen Haken und sind wieder in Barcelona. Da gab es eine Familie von wohlhabenden Bankiers namens Colom, und während einer Bürgerrevolte gegen den damaligen König, Ferdinands Vater, war dieser Mann, der Admiral, der Anführer. Also hätte Columbus allen Grund, diese Herkunft nicht an die große Glocke zu hängen.
Und dann der zweite Pfad, die Seeschlacht zwischen Portugiesen und Piraten! Dass Columbus daran teilgenommen hat, gilt als sicher. Aber auf welcher Seite? Der Kommandant der Seeräuber war Admiral Guillem de Casanova Colom. Columbus als Spross einer Piratenfamilie?