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Jürgen Banscherus • Bis Sansibar und weiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Banscherus, geb. 1949, arbeitete nach geistes- und sozial-wissenschaftlichem Studium als Journalist, Lektor und Dozent in der Erwachsenenbildung. Seit mehr als 20 Jahren schreibt er erfolgreich für Kinder und Jugendliche. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und sind in 14 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Ruhrgebiet.

 

Jürgen Banscherus

Bis Sansibar

und weiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch

Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House

 

 

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch August 2008

© 2006 cbj Verlag, München

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-641-01438-4

 

www.cbj-verlag.de

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

 

 

 

Wer zur See fährt, kann nicht lange verzweifelt sein.

 

STEN NADOLNY:

Die Entdeckung der Langsamkeit

Erstes Kapitel

Wenn einer Marius Dick heißt, sollte er einen gut sichtbaren Bauch haben. Oder wenigstens einen knackigen Po in der Hose. Aber ich bin so dünn, dass man auf meinen Rippen Klavier spielen kann. Behauptet meine Oma. Vierzig Kilo verteilt auf einen Meter sechzig. Macht genau 250 Gramm pro Zentimeter.

Meine Mutter heißt Irene Dick. Anders als bei mir passt der Name zu ihr. Und wie! Neunzig Kilo Lebendgewicht verteilt auf einen Meter siebzig. Macht ungefähr 500 Gramm pro Zentimeter. Oder für Matheexperten und sonstige Freaks: 529,4 117647 Gramm und so weiter und so weiter. Klavierspielen ist da nicht. Zumindest nicht auf den Rippen.

Mein Vater hieß Dieter Dick. Aber alle nannten ihn nur DD. Er ist beim Kirschenpflücken vom Baum gestürzt. Von ganz oben aus der Krone mit vollem Karacho durch genau sieben Äste. Ich war im Kindergarten, als der Unfall passierte. Seitdem hängt DDs Bild am Baum hinterm Komposthaufen. Mama sagt, sie hat meinen Vater gewarnt, die Kirschen ohne Leiter zu ernten. Immerhin brachte er damals ein Gewicht von einhundertfünfzig Kilo auf die Waage. Nackt und ohne Schuhe.

Eigentlich erinnere ich mich kaum an ihn. Aber ich weiß, dass ich mich in DD verkriechen konnte wie in einem großen Wackelpudding. Dass er eine Stimme wie ein Lastwagenmotor hatte. Und dass er nach Rasierwasser roch. Hätte sich der Blödmann nicht das Genick gebrochen, hätte er mir bestimmt früh Schwimmen beigebracht. Er spielte in einer Wasserballmannschaft im Tor und war mit seinem Team fünfmal hintereinander aufgestiegen, das letzte Mal kurz vor seinem Tod. DD war fast zwei Meter groß und genauso breit. Kein Wunder, dass die gegnerischen Spieler nicht an ihm vorbeikamen. Schon als Kind habe er quadratisch ausgesehen, behauptet meine Oma.

Anders als mein Vater finde ich Sport langweilig. Und Wasserball sowieso. Stattdessen interessiere ich mich, seit ich denken kann, für Zahlen. Bereits im Kindergarten konnte ich locker bis Tausend addieren und noch vor meinem achten Geburtstag dreistellige Zahlen im Kopf multiplizieren. Zum Beispiel 727 mal 456 (für ganz Eilige – das macht 331512). Die Lehrerinnen in der Grundschule sahen in mir so was wie einen Außerirdischen. Sie haben mich zuerst ins zweite und dann gleich ins vierte Schuljahr gesteckt – allerdings nur in den Stunden, in denen ich Rechnen hatte. In den anderen Fächern bin ich nicht so toll. Seit ich auf dem Gymnasium bin, mache ich in einer Mathe-AG für die Oberstufe mit. Bis auf ein Mädchen aus der 12 rechne ich dort alle an die Wand. Ehrlich und ungelogen.

Neben meiner Leidenschaft für Mathe habe ich noch eine andere. Ich mag alles, was rund ist. Besonders runde Mädchen. Der kleine Psychologe in mir sagt: Ist doch logisch, Mann. Deine Mutter ist kugelrund, dein Vater war kugelrund. Kein Wunder, dass du Bock auf Kurven hast.

Da war zum Beispiel Valery. Die anderen haben sich über sie lustig gemacht. Sie haben einen Wal an die Tafel gezeichnet und »WALery frisst wie noch nie« daneben geschrieben. Obwohl ich nicht wollte, habe ich mitgelacht. Nicht besonders laut, aber immerhin. Hätte ich es nicht getan, hätten sie bestimmt rausbekommen, dass ich auf runde Mädchen stehe. Dann hätte ich mich selbst an der Tafel wiedergefunden. Vielleicht als kleiner Fisch, der einen großen Wal küsst.

Mann, ich war so verknallt in Valery, dass ich kein einziges Mal mit ihr geredet habe. Es ging einfach nicht. Ich hatte Angst, mir versagt die Stimme oder ich mache mir in die Hose oder ich falle vor Aufregung tot um. Darauf konnte ich verzichten, echt. Ein Todesfall in der Familie reicht. Valery hat übrigens nach der Fünften die Schule gewechselt. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Meine Mutter ist nicht nur rund, sie ist auch ein bisschen langsam. Leute, die sie nicht so gut kennen wie ich, sagen, sie ist dumm. Früher bin ich deswegen stinkwütend geworden, inzwischen habe ich mich dran gewöhnt. Denn in Wirklichkeit ist Mama überhaupt nicht dumm. Sie braucht einfach ein bisschen länger, bis sie was kapiert. Bloß mit Zahlen lässt man sie besser in Frieden, mit Zahlen hat sie wirklich ein Problem. Mama leidet nämlich an einer so genannten »Rechenschwäche«, das hat sie sogar schriftlich. Im Lexikon habe ich dafür das Wort »Dyskalkulie« gefunden. Ich finde, »Zahlenblindheit« klingt viel schöner. So nannte man es früher.

Weil meine Mutter nach DDs Tod irgendwann den Überblick über unsere Finanzen verlor, habe ich die Buchführung übernommen. Meine Oma hat zuerst nur den Kopf geschüttelt. So was könne ein Zehnjähriger nicht, hat sie Mama gewarnt, selbst wenn er noch so gut in Mathe sei. Wahrscheinlich brauchte ich kein halbes Jahr, um uns in den Ruin zu treiben. Aber dann hat sie gemerkt, dass ich unser Geld zusammenhalte. Seitdem lässt sie mich in Ruhe – wenigstens was unsere Konten bei der Bank angeht.

Nicht dass jemand denkt, es ginge uns schlecht. Im Gegenteil. Meine Mutter ist nämlich ein Genie. Ohne Scherz. Wahrscheinlich ist sie das langsamste Genie, das je auf diesem Planeten gelebt hat. Aber sie ist eins. Schon als Kind hat sie das Papier, mit dem sie die Geschenke für ihre Freundinnen eingepackt hat, selbst bemalt. Heute entwirft sie Geschenkpapier, und zwar so gut, dass sich Kaufhaus- und Parfümerieketten um sie reißen. Wenn sie in ihrem Zimmer arbeitet, vergisst sie alles um sich herum. Manchmal setze ich mich zu ihr und schaue ihr zu. Sie fängt irgendwo auf dem Blatt Papier mit einem Strich oder einem Punkt an. Und später kommt dann das tollste Muster heraus. Oder auch nur zwei große farbige Flächen. Fragt mich einer nach ihrem Beruf, sage ich: »Geschenkpapier-Designerin.« Das glaubt mir zwar keiner, doch das ist mir egal. Ich weiß, was Mama kann.

Bis vor zwei Jahren hat meine Mutter ihre Entwürfe für ein mickriges Honorar gezeichnet. DD war Vertreter für eine große Papierfabrik und hat Mama die ersten Aufträge vermittelt. Hatte eben Beziehungen, der Mann. Deshalb hat sie sich, nachdem er gestorben war, auch nicht getraut, mehr für ihre Arbeit zu verlangen. »Ich muss den Leuten dankbar sein, dass ich für sie zeichnen darf«, sagte sie jedes Mal, wenn ich sie darauf ansprach. Seitdem ich unsere Finanzen übernommen habe, wird sie anständig bezahlt. Fürs nächste Jahr haben wir uns eine Honorarerhöhung von zehn Prozent vorgenommen. Mal schauen, ob wir das hinkriegen. Die Konkurrenz ist groß.

Obwohl der Unfall schon acht Jahre her ist, will meine Mutter bis heute nicht glauben, dass DD tot ist. Es gibt Wochen, da sitzt sie jeden Tag im Garten vor dem Bild am Kirschbaum und redet mit ihm. Am Ende drückt sie immer einen Kuss auf das Bild. Manchmal bleibt Lippenstift auf dem Plexiglas zurück. Dann sieht das Foto meines Vaters aus, als sei eine blutige Träne draufgefallen.

 

Aber jetzt will ich endlich von Linda erzählen. Denn eigentlich geht es in meiner Geschichte um sie. Natürlich nicht nur – meine Mutter spielt auch eine Rolle. Und ein paar andere Leute.

Linda kam am ersten Schultag nach den Sommerferien in unsere Klasse. Wir hatten den üblichen zum Gähnen langweiligen Gottesdienst in der Aula hinter uns, die Stunde hatte schon begonnen. Unser Klassenlehrer überprüfte gerade, ob auch alle heil zurückgekehrt waren – da öffnete sich die Tür und Linda kam herein.

Sie war genauso klein wie ich. Sie war genauso dünn wie ich. Sie war blond wie ich. Und wie bei mir schien alles an ihr eckig zu sein: die Schultern, die Ellbogen, die Storchenbeine. Trotzdem gefiel mir das Mädchen nicht. Überhaupt nicht. Und das lag nicht daran, dass Linda mindestens zwanzig Kilo Fettgewebe fehlten. Wahrscheinlich war es ihr Gesichtsausdruck. Sie hielt sich für was Besseres, das war ihr deutlich anzusehen.

»Wo sitze ich?«, fragte sie. Ihre Stimme klang nach einer Mischung aus Sandpapier und Sahnepudding.

Unserem Klassenlehrer – er gibt bei uns Deutsch, heißt Helmut Metzger und sieht auch so aus – verschlug es für einen Moment die Sprache. Dann räusperte er sich und tippte demonstrativ auf seine antiquarische Armbanduhr, die er wie immer zu Beginn der Stunde vor sich aufs Pult gelegt hatte. »Du bist zu spät«, sagte er und fügte hinzu: »Vielleicht stellst du dich erst einmal vor.«

»Wieso?«, fragte sie und strich sich ein paar Haare aus der Stirn. »Sie wissen doch, wer ich bin.«

Herrn Metzgers Gesicht verfärbte sich leicht. »Ich schon, aber deine neuen Mitschüler nicht«, knurrte er.

Das Mädchen drehte sich zu uns um, holte tief Luft und legte los – in einem Tempo, bei dem jeder andere aus der Kurve geflogen wäre. »Ich heiße Linda Lebert – mein Vater hat hier eine neue Stelle gefunden – und ich finde es total bescheuert, dass wir von zu Hause wegziehen mussten – und ich bin sitzen geblieben und ein Einzelkind und in der Pubertät, sagt mein Vater – und ich mag diese Stadt nicht und die Schule schon gar nicht – und jetzt wisst ihr Bescheid.«

Wir waren sprachlos. Und Linda stand vor uns an der Tafel und drehte gelangweilt an ihrem Pferdeschwanz. »Wo sitze ich?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Setz dich dorthin«, krächzte unser Klassenlehrer und zeigte auf den Stuhl neben Pia.

Linda setzte sich, warf ihre Tasche vor sich auf den Tisch, würdigte Pia keines Blickes und beschäftigte sich bis zum Ende der Stunde mit ihrem Pferdeschwanz.

Als ich am Mittag nach Hause kam, war meine Oma zu Besuch gekommen. Sie stand in der Küche und kochte Makkaroni mit Pflaumen. Sie ist DDs Mutter und hat sich, so lange ich denken kann, um uns gekümmert. Wäre sie nicht gewesen, wäre nach dem tödlichen Unfall alles drunter und drüber gegangen. Ob Beerdigung, Nachfeier, Grabstein oder die Rente für Mama und mich – meine Großmutter regelte, was geregelt werden musste. Ich freue mich immer, wenn sie uns besucht. Oma kocht gut und reichlich. Vor allem reichlich.

»Wie geht’s Irene?«, wollte sie wissen, nachdem sie mich zur Begrüßung an ihren außerordentlichen Busen gedrückt hatte. Sie spricht nie über ihr Gewicht, aber ich wette, es liegt irgendwo zwischen neunzig und hundert Kilo.

»Prima«, sagte ich und bekam einen schmerzhaften Hieb auf die Finger, weil ich versuchte, eine der knallheißen Nudeln aus dem Topf zu angeln.

»Und warum spricht sie seit einer Stunde mit dem Baum?«, fragte Oma und zeigte aus dem Fenster.

»Lass sie doch«, sagte ich.

Meine Großmutter seufzte. »Sie hat DD sehr geliebt. Dein Vater war ein tüchtiger Mann, Marius.«

»Nur nicht beim Kirschenpflücken.«

Bevor meine Großmutter antworten konnte, kam Mama herein. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und fragte: »Alles in Ordnung?«

»Wir haben eine Neue gekriegt.«

»Wo?«

Ich blieb ruhig. Wie gesagt, meine Mutter ist ein bisschen langsam. »In der Schule«, antwortete ich freundlich.

Während des Essens schwiegen wir. Gutes Essen könne man nur genießen, wenn man sich darauf konzentriert, soll DD gesagt haben. Wenn es einer hat wissen müssen, dann er. Bei einhundertfünfzig Kilo. Nackt. Quadratisch. Und ohne Schuhe.

Hinterher gab es den üblichen Kaffee und meine Mutter fragte: »Wie ist die Neue?«

Ich stellte das Geschirr zusammen und trug es zur Spüle. »Doof«, antwortete ich.

»Aber sie geht doch zum Gymnasium«, sagte meine Mutter.

»Sie ist trotzdem doof. Außerdem ist sie sitzen geblieben.«

Meine Mutter dachte nach. »Wie heißt sie?«, fragte sie schließlich.

»Linda.«

»Schöner Name.« Sie stand auf, trat hinter mich und schlang mir die Arme um den Hals. »DD hat gesagt, ich soll auf dich aufpassen«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Du kommst jetzt in ein Alter, wo es Jungs wie du nicht leicht haben.«

»Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen«, flüsterte ich zurück, damit Oma nichts hörte. Wir mögen sie – aber sie ist viel zu neugierig.

»Ich liebe dich«, flüsterte meine Mutter.

»Ich dich auch, Mama.«

Am Nachmittag verschwand sie in ihrem Arbeitszimmer und ich machte Schularbeiten. Danach telefonierte ich mit dem Papierwaren-Einkäufer einer großen Kaufhauskette. Der Mann heißt Jan Jansen. Er hatte bei meiner Mutter ein neues Weihnachts-Geschenkpapier in Auftrag gegeben, war aber nicht bereit, mehr zu zahlen als sonst. Erst als ich ihm drohte, das Geschäft platzen zu lassen, ging er auf meinen Vorschlag ein.

»Du bist ein verdammt harter Bursche, Marius«, sagte Jansen zum Abschied. »Mit deiner Mutter war es leichter. Viel leichter, wenn du es genau wissen willst. Sei froh, dass ich überhaupt mit dir rede. Hoffentlich erfährt niemand was davon.«

»An mir soll es nicht liegen«, sagte ich nur, wünschte ihm einen schönen Tag und legte auf. Der Jansen hatte Mama jahrelang ausgenutzt. Er hatte ihr nur ein Taschengeld gezahlt, und sie hatte geglaubt, es wäre ein gutes Honorar. Sie hat nun mal keinen Schimmer, was der Unterschied zwischen sechs und sechzig Euro ist.

Ich lief hinüber in ihr Arbeitszimmer. »Alles klar mit dem Papier«, sagte ich. »Morgen schicken sie den Vertrag. Du unterschreibst ihn, dann überweisen sie uns den Vorschuss.«

Meine Mutter schien mich nicht zu hören. Sie saß über ihren Zeichentisch gebeugt und zog scheinbar wahllos gelbe und schwarze Linien über das Papier. Dann verteilte sie einige wenige rote Punkte über das Gewirr. Was gerade noch ein einziges Durcheinander gewesen war, kam plötzlich zur Ruhe.

»Sieht schön aus«, sagte ich.

Sie lächelte nur.

Auf Zehenspitzen verließ ich Mamas Zimmer. Sie war jetzt nicht ansprechbar. Für die nächsten Stunden würde sie ganz zwischen ihren Linien und Farben verschwinden. Bestimmt war sie die einzige Geschenkpapier-Designerin der Welt, die ihre Entwürfe noch mit der Hand zeichnete. Bisher hatte sie abgelehnt, mit dem Computer zu arbeiten – obwohl ihre Auftraggeber darüber murrten. Schließlich mussten sie Mamas Originalentwürfe erst einscannen, bevor sie mit der Massenproduktion des Papiers beginnen konnten.

Als ich am Abend im Bett lag, kam mir die Neue wieder in den Sinn. Blöde Ziege, dachte ich und schlug das Heft mit den englischen Vokabeln auf.