cover

 

Buch

Der sechste Kriegswinter ist kalt auf Gut Georgenhof weit in Ostpreußen. Die Front wird nach Westen zurückgedrängt, die Rote Armee schiebt einen gewaltigen Treck Fliehender vor sich her. Doch Katharina von Globig, die schöne Herrin auf dem Georgenhof, läßt die Realität nicht an sich heran.

Sie zieht sich in ihr Refugium aus Büchern, Musik und Nichtstun zurück. Das Alltagsgeschäft überläßt sie dem »Tantchen«, einer energischen Verwandten, und den Ostarbeitern Wladimir, Vera und Sonja. Um den zwölfjährigen Sohn Peter kümmert sich Studienrat Dr. Wagner, der die Stunden mit dem ernsthaften Jungen genauso schätzt wie die dicken Wurstbrote und die verträumte Mutter. Daß etwas in der Luft liegt, ist für alle Hausbewohner spürbar. Panzerkolonnen fahren vorüber, ab und zu fällt der Strom aus, Fremde bitten auf dem Weg nach Westen um Einlaß, um sich kurz zu wärmen, und erzählen Erschreckendes. Doch die Bewohner des Georgenhofs verschließen noch immer die Augen vor der heraufziehenden Katastrophe.

Wohl niemand ist berufener als Walter Kempowski, der »Chronist des Jahrhunderts« (Die Zeit), das Drama der Flucht aus Ostpreußen in einem großen Roman darzustellen. Auf bemerkenswert unideologische Weise setzt er sich ohne Schuldzuweisung und moralische Wertung mit diesem schwierigen Kapitel deutscher Vergangenheit auseinander.

 

Autor

Walter Kempowski, 1929 in Rostock geboren, wurde 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er acht Jahre in Bautzen verbüßte. Mit seiner mehrbändigen Deutschen Chronik, zu der Romane wie »Tadellöser & Wolff« (1971), »Aus großer Zeit« (1978) und »Herzlich willkommen« (1984) gehören, wurde Kempowski zum Bestsellerautor und Chronisten des deutschen Bürgertums. Seine monumentalen Echolot- Collagen etablierten ihn als einen der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller. Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007.

 

Walter Kempowski

Alles umsonst

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

 

 

 

 

1. Auflage

Genehmigte Taschenbuchausgabe Juni 2008,

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2006 by Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: bürosüd nach einem Entwurf von Uwe C. Beyer
Umschlagmotive: © Arnim Schindler

ISBN 978-3-641-01350-9
V003

 

www.btb-verlag.de

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

 

 

 

 

 

Für Jörg

 

 

 

 

 

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben;

es ist doch unser Tun umsonst

auch in dem besten Leben.

MARTIN LUTHER (1524)

Der Georgenhof

Unweit von Mitkau, einer kleinen Stadt in Ostpreußen, lag das Gut Georgenhof mit seinen alten Eichen jetzt im Winter wie eine schwarze Hallig in einem weißen Meer.

Das Gut war nur klein, die Ländereien waren bis auf einen Rest verkauft worden, und das Gutshaus war alles andere als ein Schloß. Ein zweistöckiges Haus mit halbrundem Giebel in der Mitte, den ein ramponierter blecherner Morgenstern krönte. Hinter einer alten Mauer aus Feldsteinen lag das Haus, das früher einmal gelb gestrichen war. Nun war es gänzlich von Efeu bewachsen, im Sommer hausten darin Stare. Jetzt, im Winter 1945, klapperte es mit seinen Dachziegeln: Ein eisiger Wind fegte kleinkörnigen Schnee von weither über die Äcker gegen den Gutshof.

«Gelegentlich müssen Sie den Efeu abmachen, der frißt Ihnen den ganzen Putz kaputt», war schon gesagt worden.

An der brüchigen Feldsteinmauer lehnten ausrangierte rostige Ackergeräte, und in den großen schwarzen Eichen baumelten Sensen und Rechen. Das Hoftor war vor längerer Zeit von einem Erntewagen angefahren worden, es hing seither schief in den Angeln.

Der Wirtschaftshof mit seinen Stallungen, Scheunen und dem Kütnerhaus lag etwas seitab. Die Fremden, die auf der Chaussee vorbeifuhren, sahen nur das Gutshaus. Wer mag dort wohnen? dachten sie, und ein bißchen Sehnsucht kam auf: Warum hielt man nicht einfach mal an und sagte guten Tag? Und: warum wohnte man selbst nicht in einem solchen Haus, das sicher voller Geschichten steckte? Das Schicksal ist doch ungerecht, dachten die Leute.

«Durchgang verboten» stand an der großen Scheune: ein Durchgang zum Park hin war nicht gestattet. Hinter dem Haus sollte Ruhe herrschen, der kleine Park dort, der Wald dahinter: Irgendwo muß man auch einmal zu sich kommen.

 

«4,5 km» stand auf dem weiß gekalkten Kilometerstein an der Chaussee, die am Haus vorbei nach Mitkau führte und in der entgegengesetzten Richtung nach Elbing.

 

Dem Gut gegenüber, jenseits der Chaussee, war in den dreißiger Jahren eine Siedlung gebaut worden, mit Häusern eines wie das andere, sauber ausgerichtet, jedes mit Stall, Zaun und einem kleinen Garten. Die Menschen, die hier wohnten, hießen Schmidt, Meyer, Schröder oder Hirscheidt, das waren sogenannte kleine Leute.

 

Die Leute, denen der Georgenhof gehörte, hießen von Globig. Katharina und Eberhard von Globig, wilhelminischer Beamtenadel von 1905. Das Gut war von dem alten Herrn von Globig vor dem Ersten Weltkrieg mit gutem Geld gekauft und in Zeiten der Prosperität um Wiesen und Wald vermehrt worden. Der junge Herr von Globig hatte dann alle Ländereien, Wiesen, Äcker und Weiden bis auf einen kleinen Rest verkauft und das Geld in englischen Stahlaktien angelegt, außerdem hatte von Globig eine rumänische Reismehlfabrik damit finanziert, was den Eheleuten nicht gerade ein üppiges Leben ermöglichte, aber immerhin. Ein Wanderer-Wagen wurde angeschafft, ein Auto, das sonst niemand im Regierungsbezirk hatte, und damit fuhren sie vor allem in den Süden.

Eberhard von Globig war jetzt im Krieg «Sonderführer» der Deutschen Wehrmacht, die Uniform stand ihm gut, im Sommer gar der weiße Rock? Wenn auch die schmaleren Schulterstücke ihn kenntlich machten als Wirtschaftsoffizier, der mit Waffen nichts zu schaffen hatte.

Seine Frau wurde als verträumte Schönheit gerühmt, schwarzhaarig mit blauen Augen. Nicht zuletzt ihretwegen stellten sich im Sommer auf Georgenhof gelegentlich Freunde und Nachbarn ein, die sich zu ihr in den Garten setzten und sie unverwandt anschauten; Lothar Sarkander, der Bürgermeister von Mitkau – steifes Bein und Schmisse an der Wange –,Onkel Josef mit den Seinen aus Albertsdorf oder Studienrat Dr. Wagner, ein Hagestolz mit Spitzbart und goldener Brille. Wegen seines Spitzbartes sah er so aus, als ob man ihn kennt. Selbst Fremde grüßten ihn auf der Straße. An der Klosterschule von Mitkau unterrichtete er Knaben der oberen Jahrgänge in Deutsch und Geschichte, Latein im Nebenfach.

 

In den Sommerferien kam gelegentlich die Kusine Ernestine aus Berlin, mit den Kindern Elisabeth und Anita, die immer so gern ritten und sich bei den schweren Sommergewittern ins Haus verkrochen und dort die saure Milch aufaßen, die auf dem Fensterbrett in der Küche stand, mit Fliegen obendrauf. Die Heuwagen, wenn die so angeschwankt kamen ... Und Blaubeeren suchen im Wald.

Jetzt im Krieg kamen sie vorwiegend zum Hamstern. Mit leeren Taschen kamen sie, und mit vollen fuhren sie davon.

 

Die beiden Globigs hatten einen Sohn, dem sie den Namen Peter gegeben hatten: schmaler Kopf, gekräuseltes blondes Haar. Er war zwölf Jahre alt: still wie die Mutter und ernst wie der Vater.

 

Krauses Haar – krauser Sinn, sagten die Leute, wenn sie ihn sahen, aber daß es blond war, das Haar, machte alles wett. Seine kleine Schwester Elfie war vor Jahren an Scharlach gestorben, das Zimmer stand noch immer leer, das ließ man unangetastet, mit der Puppenstube, die nun schon Staub angesetzt hatte, und dem Kaspertheater. Alle ihre Sachen hingen noch in dem mit aufgemalten Blumen verzierten Kleiderschrank.

 

Jago, der Hund, und Zippus, der Kater. Pferde, Kühe, Schweine und eine große Hühnerschar mit Richard, dem Hahn.

Sogar ein Pfau war vorhanden, der hielt sich immer etwas abseits.

 

Katharina, die schwarze Schönheit, ganz in Schwarz, strich dem Jungen übers Haar, und Peter hatte es gern, wenn ihm die stille Mutter übers Haar strich, aber seit kurzem wehrte er sich denn doch dagegen mit einem energischen Kopfruck. Lange blieb Katharina nie bei dem Jungen stehen, sie ließ ihm seine Ruhe, sie selbst wollte ja auch ihre Ruhe haben.

 

Zur Familie gehörte noch das «Tantchen», ein ältliches Fräulein, sehnig, mit Warze am Kinn. Sommers lief sie in einem labberigen Waschkleid durch das Haus, stets auf Trab! Jetzt trug sie wegen der Kälte eine Männerhose unterm Rock und zwei Strickjacken. Seit Eberhard als Sonderführer «im Felde stand», wie es ausgedrückt wurde, obwohl er doch nur in der Etappe zu tun hatte, sorgte sie für Ordnung auf Georgenhof. Ohne sie wäre es nicht gegangen. «Es ist alles nicht so einfach ... », sagte sie, und damit meisterte sie den Tag.

«Die Küchentür muß zugehalten werden!» rief sie durchs Haus, das habe sie auch schon tausendmal gesagt. «Das zieht doch durch alle Zimmer!» Dagegen könne man nicht «anheizen». Über die Kälte klagte sie, warum war sie bloß in Ostpreußen gelandet? Weshalb um Himmels willen war sie nicht nach Würzburg gegangen, damals, als sie noch die Wahl hatte?

Im Ärmel steckte ein Taschentuch, das sie immer und immer an die rote Nase führte. Es war alles nicht so einfach.

 

Mit Kriegsausbruch versiegte der Fluß des Geldes: englische Stahlaktien? Reismehlfabrik in Rumänien? Da war es gut, daß Eberhard den Posten in der Wehrmacht bekommen hatte. Ohne das Gehalt, das er bezog, wäre es nicht gegangen. Die paar Morgen Land, die noch übrig waren, drei Kühe, drei Schweine und Geflügel schafften ein gutes Zubrot, aber man mußte dafür sorgen! Von nichts kam nichts!

Wladimir, ein nachdenklicher Pole, und zwei muntere Ukrainerinnen hielten den Betrieb in Gang. Die korpulente Vera und Sonja, ein blondes Mädchen mit Kranz um den Kopf. Um die Eichen kreisten Krähen, und in den Vogelhäuschen, die jetzt im Winter ziemlich regelmäßig beschickt wurden, holten sich «Piepmätze» ihr Teil. «Piepmätze», das war ein Ausdruck, den Elfie gebraucht hatte, nun schon zwei Jahre tot.

 

Die Eheleute hatten sich, als das Geld noch reichlicher floß, im ersten Stock eine gemütliche Wohnung eingerichtet, drei Zimmer, Bad und kleine Küche. Ein Wohnzimmer mit Blick auf den Park, warm und gemütlich, hier konnte Katharina Briefe schreiben oder Bücher lesen. Und wenn Eberhard kam, war man ungestört. Da konnte man «die Tür hinter sich zumachen», wie das genannt wurde. Da brauchte man nicht immerfort mit dem Tantchen zusammenzusitzen, unten in der Halle, die sich in alles einmischte und alles besser wußte. Die dauernd aufstand, um noch was zu holen, und sitzenblieb, wenn es störte.

Jetzt im Januar 1945 stand in der Halle noch der Weihnachtsbaum. Peter hatte ein Mikroskop geschenkt bekommen, von seiner Patentante in Berlin. Er saß in der schummrigen Halle, an einem Tisch unweit des rieselnden Tannenbaums. Durch den Tubus sah er sich alles mögliche ganz genau an, Salzkristalle und Fliegenbeine, ein Stück Faden und die Spitze einer Stecknadel. Neben sich hatte er ein Notizbuch gelegt, und darin notierte er seine Beobachtungen: «Donnerstag, den 8. Januar 1945: Stecknadel. Vorne schartig.»

Seine Füße hatte er in eine Decke gehüllt, da es zog. In der Halle zog es immer, weil der Kamin mit seinen brennenden Scheiten Luft ansog und weil «stets und ständig» die Küchentür offenstand, wie das Tantchen es ausdrückte. Es waren die Ukrainerinnen, die das Schließen der Türen nie lernten. Eberhard hatte die beiden im Osten besorgt. Ob sie nach Deutschland wollten, groß und mächtig, hatte er sie in ihrem Dorf gefragt. Berlin, mit Kinos und U-Bahn? Und dann waren sie in Georgenhof gelandet.

 

Peter stellte den Tubus des Instruments rauf und runter, und zwischendurch schob er sich auch mal eine Pfeffernuß in den Mund.

«Na», sagte das Tantchen, wenn sie durch die Halle eilte, «forschst du tüchtig?» Eigentlich hätte ja der Schnee vom Eingang weggefegt werden sollen ... Aber ehe man jemanden um so etwas bittet, tut man es lieber selbst. Außerdem: der Junge war ja beschäftigt, wer weiß, vielleicht würde die Leidenschaft, die er für dieses Gerät hatte, später Früchte tragen? Die Universität in Königsberg war nicht weit? Wenn der Junge untätig herumgelungert hätte, wäre das etwas anderes gewesen.

«Laß ihn in Ruhe», hatte Katharina gesagt, als das Tantchen ihn einen Stubenhocker genannt hatte.

 

Als Peter sich nicht mehr mit dem Mikroskop beschäftigen wollte, stellte er sich ans Fenster und guckte sich die Vögel an, die ratlos herumschwirrten, weil die Vogelhäuschen mal wieder nicht beschickt worden waren, und dann sah er mit dem Fernglas seines Vaters in die Weite, was er eigentlich nicht sollte. Dieses Glas sei kein Spielzeug, wurde gesagt. Immer und immer werde mit fettigen Fingern auf die Linsen gefaßt, vom Verstellen des Glases ganz zu schweigen. «Da hat wieder einer mein Glas angefaßt», sagte von Globig, wenn er mal – selten genug – nach Georgenhof kam.

 

Peter sah nach Mitkau hinüber, wo neben dem Kirchturm der Schornstein der Ziegelei auszumachen war. Die Schule war wegen der Kälte geschlossen. «Kälteferien», dieser Ausdruck war neu. Die Jugend durfte zu Hause bleiben, aber die Hitlerjugend sorgte dafür, daß sie nicht unbeschäftigt blieb. Auch Peter hatte man an einem klaren Frosttag herausholen wollen aus der Stube, zum Schneeschippen an der großen Mitkauer Kreuzung. Aber da war es eben wieder einmal die Erkältung gewesen, unter der Peter litt, die machte es ihm unmöglich, an dieser Aktion teilzunehmen. «Er hat wieder seinen Katarrh», war gesagt worden.

Husten und Schnupfen hinderten ihn allerdings nicht daran, mit dem Schlitten den kleinen Abhang hinter dem Haus hinunterzufahren, immer wieder. Vor dem Haus schien die Sonne, da wäre es schöner gewesen, aber das hatte man ihm verboten, weil gelegentlich ein Auto vorüberflitzte.

Dann beschäftigte er sich wieder mit dem Mikroskop. Der Hund Jago hielt sich an ihn und legte die Schnauze auf seinen rechten Fuß, und der Kater barg sich in dessen Fell.

Das sei ein Bild für die Götter, wurde gesagt: wie die Katze da auf dem Rücken des großen Hundes liegt?

 

«Was haben Sie für einen netten Sohn», sagten die Besucher aus Mitkau, die sich gern in Georgenhof sehen ließen, obwohl das ein Fußmarsch von anderthalb Stunden war, «so ein hübscher Junge!» Mit leeren Taschen kamen auch sie, und mit vollen gingen sie wieder davon.

Der «Hagestolz», Studienrat Dr. Wagner, guckte öfter mal ein. Der kümmerte sich um den Jungen, jetzt, wo der Schulbetrieb eingestellt worden war.

Wenn Jugend durch den Kreuzgang der Mitkauer Klosterschule an ihm vorübertobte, hielt er den «Blondschopf» gerne an und sagte: «Na, mein Junge? Hat dein Vater mal wieder geschrieben?» Und jetzt, in den Kälteferien, «kümmerte» er sich um ihn.

 

Im schönen, warmen Sommer war er mit seinen Quartanern schon mal durch die gelben Getreidemeere gewandert, an das stille, von Weiden umstandene Flüßchen Helge, das in großen Links- und Rechtsschwüngen durch das Land floß. Dort hatten sie sich die Hosen und Hemden vom Leibe gerissen und waren hineingestürzt in das dunkle Wasser. Manches Mal hatte es sich ergeben, daß die kreischende Jugend durch den Wald lief und in Georgenhof landete, wo sie Himbeerwasser vorgesetzt bekam und auf den Rasen im Park gelagert ihre Stullen essen konnte: muntere Sommervögel!

Der Studienrat zog dann seine silberne Querflöte aus der Tasche und blies Volkslieder, vom Haus aus hörte Katharina ihm zu.

Jetzt, im kalten Winter des sechsten Kriegsjahres, kam Studienrat Dr. Wagner öfter mal vorbei, zu Fuß, trotz Eis und Schnee, und auch er pflegte mit einer leeren Tasche zu kommen und mit einer gefüllten wieder davonzuwandern. Äpfel nahm er mit, oder Kartoffeln. Auch mal eine Steckrübe. Die er übrigens bezahlte, denn das Tantchen pflegte zu sagen: «Die wächst auch nicht für Gotteslohn.» Für eine Steckrübe berechnete sie zehn Pfennig.

Mit Katharina saß er gern ein wenig zusammen, wenn sie sich denn sehen ließ. Gern hätte er ihre Hand gefaßt, aber es gab keinen rechten Anlaß dazu. Das Tantchen pflegte Schubladen aufzuziehen, wenn er kam, und mit Aplomb wieder zuzustoßen. Daß es immer was zu tun gibt, sollte das bedeuten, in einem so großen Haushalt, auch wenn es so aussieht, als ob man müßig in den Tag hineinlebt.

 

Wagner kümmerte sich ein wenig um den Jungen, wie er es ausdrückte. Ging also mit ihm auf seine Stube und brachte ihm Dinge bei, von denen in der Schule nie die Rede gewesen war.

 

Fernglas und Mikroskop? Im Physiksaal der Klosterschule stand ein kleines Teleskop, man könnte es nach Georgenhof schaffen und dort mit dem Jungen die Sterne begucken? Niemand würde den Verlust bemerken, und man trüge es ja auch wieder zurück, wenn alles vorüber ist?

 

Ganz uneigennützig kümmerte sich Dr. Wagner um den Jungen. Er verlangte jedenfalls keine fünfzig Pfennig für die Unterrichtsstunde. Er begnügte sich mit ein paar Kartoffeln oder einem halben Kopf Kohl.