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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

DIE AUTORIN
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Nina Schindler, geboren 1946, arbeitete nach ihrem Studium als Lehrerin an einer Gesamtschule. Schon während dieser Zeit beschäftigte sie sich intensiv mit Jugendliteratur, zunächst als Rezensentin für Fachzeitschriften und den Rundfunk, später als Jurorin, Referentin bei Tagungen und Seminaren und im Rahmen eines Lehrauftrages an der Universität Bremen.
Anfang der Neunzigerjahre kehrte Nina Schindler dem Schuldienst den Rücken und begann, selbst zu schreiben. Inzwischen hat sie zahlreiche Bücher für Leser aller Altersgruppen veröffentlicht. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen.
Nina Schindler ist Mutter von fünf Kindern und lebt mit ihrer Familie in Bremen.
 
Von Nina Schindler ist bei cbt erschienen:
 
Karlas Jacke (30214)
Liebeswahn oder Ein höchst seltsames Wochenende
(30259)
Nur mit Lust & Liebe (30024)
 
Weitere Titel sind im C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag und bei OMNIBUS erschienen.

cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass viele Frauen kurz vor ihrem dreißigsten, vierzigsten oder fünfzigsten Geburtstag in eine tiefe Krise geraten und sich fragen, ob das bisher schon alles gewesen ist oder ob ihnen womöglich etwas durch die Lappen gegangen sein könnte. Sie machen sozusagen Inventur und listen die Minusse auf und konzentrieren sich auf das, was sie unbedingt noch erledigen oder erleben wollen.
Mir ging es ähnlich – aber in meinem Fall war es ein paar Monate vor meinem siebzehnten Geburtstag, als ich mir plötzlich die berühmte Frage stellte, ob mir womöglich noch eine ganz wichtige Erfahrung fehlte.
Und da fehlte wirklich noch was.
Ich wollte das mit dem Sex hinter mich bringen.
Hm. Das klingt zu negativ.
Ich war neugierig auf Sex und wollte endlich wissen, was es damit auf sich hat.
Ich war nämlich noch Jungfrau, aber das hatte bei mir bis dahin weder Minderwertigkeitsgefühle noch Angst wegen verpasster Gelegenheiten ausgelöst. Mir war das ganze Gesumse um Sex nicht so schrecklich wichtig.
Meine Freundin Zoe fand meine Einstellung allerdings unmöglich. Zoe ist ein Jahr älter als ich, aber mindestens tausend Jahre erfahrener. Ich glaube, sie weiß über Sex alles, was man nur wissen kann.
Jedenfalls tut sie so.
Das war mir bisher ziemlich egal gewesen, denn ich fand zwar spannend, was sie mir ab und zu erzählte, aber es hatte mit mir, meinen Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten wenig bis gar nichts zu tun. Das war eben Zoe, und ich war Johanna, und ich las tonnenweise Bücher und schrieb hin und wieder ein Gedicht und fand Jungs im Prinzip ganz nett, manchmal nervig und ab und zu bemitleidenswert. Aber sie waren kein Grund, um sich ein Bein auszureißen, um rauszukriegen, wie sie glasige Blicke bekamen, rumstöhnten oder auf Tuchfühlung gingen.
Nicht dass ich etwas gegen Tuchfühlung hätte.
Das kann manchmal sehr nett sein und ich hatte in den letzten Sommerferien und auf dem Weihnachtsball vom Reitverein meine ersten Erfahrungen gesammelt.
Küssen finde ich ganz gut, wenn es nicht zu glibberig oder kratzig wird. Aber mehr hatte ich bisher nie gewollt und mich vor verschwitzten Händen und Körpern immer rechtzeitig in Sicherheit gebracht.
Außerdem müffeln viele Jungs. Ich weiß nicht, ob sie anders oder mehr schwitzen als unsereiner oder ob sie sich seltener waschen, aber es steigen oft die irritierendsten Gerüche von ihren Körpern auf.
Ich bin nämlich ein Nasenmensch, und bevor ich die Pickel meines Gegenübers zähle oder die Plomben in seinen Zähnen, schließe ich erst mal ganz kurz die Augen und rieche seinen Duft – oder eben leider etwas Schärferes.
Mir ist aber aufgefallen, dass die Jungs um mich herum in letzter Zeit öfter Deos benutzen. Offensichtlich hat die Werbung ihr Ziel erreicht: Viele Männer wollen nicht mehr nach Schweiß oder sich selber stinken.
Das finde ich gut.
Aber das allein hätte nie den Entschluss in mir wachsen lassen, endlich mal die Sache mit dem Sex auszuprobieren.
Zoe redete zwar schon seit Monaten auf mich ein, ich sollte mir endlich mal einen Kerl angeln, weil mir etwas sehr Wesentliches entgehen würde.
Aber da hatte ich immer nur gegrinst und gemeint, ihr Himmelreich müsste ja nicht meines sein. Mir reichte es, wenn die Heldinnen in meinen Büchern seufzten und stöhnten und die Augen verdrehten. Das musste ich nicht auch noch selber tun.
Doch dann passierten ein paar sehr einschneidende Dinge und ich kam ins Grübeln.
Erstens kam Moritz in unsere Klasse und zweitens kriegte ich einen gewaltigen Schock.
Eigentlich waren es zwei Schocks.
Den ersten bekam ich, als ich Papas Pornos entdeckte. Den zweiten, als ich Mamas Pornos entdeckte.
Dass viele Männer Pornos lasen, war mir bereits bekannt, dass aber mein Vater auch so ein Mann war, war mir neu.
Und dass sogar Frauen diese… äh… stimulierenden Texte lasen, warf mich total um.
(Zoe wusste das selbstverständlich alles längst und lachte sich über mein erschüttertes Seelchen kaputt.)
Natürlich hatte ich nicht nach dem Pornokram gesucht, der fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände. Das heißt, Papas Hefte fielen mir zufällig in die Hände, weil ich meine Meistererzählungen von Somerset Maugham suchte und ich mich daran erinnerte, dass er sie sich mal als Bettlektüre ausgeliehen hatte. (Bettlektüre – ha!)
Da ich das Buch nirgendwo sonst finden konnte, hab ich zuallerletzt auch in seinem Nachtschränkchen nachgeschaut, und da sind mir diese bunten Hefte entgegengefallen – buchstäblich! Es lagen nämlich mehrere aufeinander und gerieten ins Rutschen, ich griff automatisch danach und starrte entgeistert auf eine vollbusige Dame, die dem Betrachter ihr Unterleibsinnenleben darbot.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder kotzen sollte.
Papa!
Ein vernünftiger, erwachsener Mann!
Und schaut sich solchen Schweinkram an!
Ich blätterte in dem obersten Heft und fiel von einem Entsetzen ins andere. Gleichzeitig wurde mir aber auch irgendwie seltsam kribbelig zumute, obwohl dieses Zeug wirklich total unter dem untersten Niveau war.
Ein bisschen kann ich das schon beurteilen.
Schließlich hatte ich schon äußerst gewagte Liebesszenen gelesen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, aber da waren nie Fotos dabei gewesen! Die Bilder dazu hat man sich selbst im Kopf gemacht – oder auch nicht, je nachdem. Man konnte ja auch schnell weiterblättern und überlegen, ob man das sooo genau erzählt bekommen wollte …
Ich saß auf dem Teppich vor Papas Nachtschränkchen und war zwischen Ekel und Kribbelei hin- und hergerissen.
Den Maugham hatte ich allerdings nicht gefunden.
Ich schob die Hefte wieder zurück, knallte die Nachtschränkchentür zu und überlegte.
Vielleicht hatte Mama sich das Buch von Papa genommen?
Ihre Nachttischplatte war ebenfalls leer, bis auf die Lampe und den Wecker. Ich zog die oberste Schublade auf und, bitte schön, da lagen stapelweise Bücher.
Ich suchte nach dem weißen Einband der Meistererzählungen, aber obenauf lag etwas Schwarz-grau-Weißes: Die sexuellen Fantasien der Frauen.
Schluck.
Dann kamen – aha! – Die sexuellen Fantasien der Männer. Darunter lag ein Buch mit einem violettem Umschlag: Josefine Mutzenbacher. Die Lebensgeschichte einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst erzählt.
Na, super.
Der zweite Bücherstapel bestand aus Lady Chatterley von einem gewissen Herrn Lawrence und einem dünnen Band: Barbara. Ich klappte das Buch auf – und natürlich fielen gleich irgendwelche Leute heftig übereinander her.
Ich war platt.
Mama!
Dass eine erwachsene Frau solches Zeug las!
Hm.
Aber warum eigentlich nicht? Schließlich hatten ja nicht nur Männer sexuelle Fantasien und Bedürfnisse – oder?
Alle – außer mir. Ich hatte keine.
Ab und zu mal ein bisschen Knutschen, mehr brauchte ich nicht. Zumindest dachte ich das damals noch.
 
Abends rief Mama mich runter, damit ich den Tisch deckte. Mir war in ihrer Gegenwart irgendwie seltsam zumute, jetzt, wo ich den Inhalt ihres Nachtschränkchens kannte. Aber sie benahm sich exakt wie immer.
»Steh nicht so rum und glotz in die Gegend«, sagte sie und grinste. »Los, schneid Brot und stell den Quark auf den Tisch.«
Ich starrte sie immer noch an. Sex und Quark mit Schnittlauch? Wie passte das zusammen? Sexuelle Fantasien mit Vollkornschnittchen?
Ich raffte es nicht.
Als wir schließlich alle um den Tisch saßen, erzählte Jörg stundenlang von seinem Fußballspiel und Dirk regte sich über irgendwelche neuen Abi-Verfügungen auf. Die beiden wollen nämlich demnächst das Abitur bestehen – die Reifeprüfung! Die Zwillinge und reif – das ist der Witz des Jahrhunderts!
Mama stöhnte was von einer schrecklichen Frau, die ihr heute den letzten Nerv geraubt hatte, während in meinem Kopf immer noch die Buchtitel rumschwirrten. Eine Sozialpädagogin und aufgeilende Literatur – das war doch das Letzte!
Oder?
Papa wagte ich kaum anzuschauen.
Konnte ich ihn nach der Entdeckung dieser Hefte eigentlich noch mögen? Da saß er, mit seinen Geheimratsecken (einer seiner Lieblingssprüche geht so: »Es fällt kein Haar vom Kopf, das sich nicht vorher amüsiert hat!« – den fand ich bis jetzt immer ganz nett, aber plötzlich erschien mir alles in einem neuen Licht – wie amüsiert, bitte schön?) und seinem Rettungsring um die Taille und schmierte sich ein Wurstbrot, während ich mir vorstellte, wie er diese Hefte las.
»Alice, pople nicht die Fettstücke aus der Salami«, sagte Mama zu meiner kleinen Schwester, und die zog einen Flunsch.
Alice ist zwar schon zwölf, aber sie benimmt sich oft, als wäre sie erst fünf.
Ich sah abwechselnd Papa und Mama an und fühlte mich mies.
Da saßen sie und aßen und ich stellte sie mir derweil im Bett vor – total verrückt!
Dirk erzählte einen Computerwitz und Papa musste laut lachen. Während er sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel wischte, fiel sein Blick auf mich.
»Ist was, Johanna? Du starrst vor dich hin, als würdest du furchtbar wichtige Gedanken wälzen«, sagte Papa und grinste.
Papas liebes Grinsen! Davon fühlte ich mich sonst immer wie gestreichelt!
Ich gab mir einen Ruck.
Zum Teufel mit dem ganzen Sex – ich wollte gar nichts über das Liebesleben meiner Eltern wissen, ich wollte, dass alles wieder so war wie vor meiner Entdeckung. Außerdem ging mich das Sexualleben meiner Erzeuger überhaupt nichts an und sollte mich auch gar nicht interessieren.
»Dir ist schon wieder ein Haar ausgefallen«, sagte ich und grinste zurück.
 
Aber wie dirigiert man seine Gedanken?
 
»So ein Quatsch«, sagte Zoe, nachdem ich ihr von meiner überraschenden Entdeckung und meinen Überlegungen dazu erzählt hatte.
Wir saßen im Café Bauer auf unserem Lieblingssofa mit dem grünen Samtbezug und schlürften heiße Schokolade, denn es war März und immer noch schweinekalt.
»Du bist einfach total verklemmt oder noch in einem vorpubertären Stadium oder was weiß ich. Es ist doch total normal, wenn man solche Sachen liest! Ich hab dir ja neulich mal Emmanuelle leihen wollen, aber du findest so was ja iiih, pfui, bäh, bäh.«
»Gar nicht wahr«, widersprach ich aufgebracht. Dass Zoe mich bei dieser Thematik oft so von oben runter abkanzelte, ging mir ganz schön auf den Wecker. »Ich weiß bloß nicht, warum sich alle Welt permanent aufgeilen will. Sogar meine alten Eltern.«
Das war doch der Punkt an dem Ganzen.
»Na, sei doch froh! Dann sind sie wenigstens noch nicht völlig vergreist und haben noch Spaß am Leben. Sieh es doch mal von einer anderen Seite: Solange die Leute Spaß an Sex haben, sind sie nicht pausenlos mit der Herumerzieherei ihrer Kinder beschäftigt. Außerdem sind Leute nach gutem Sex immer entspannt und freundlich und regen sich nicht so schnell auf.«
Ich glotzte Zoe an. Ich war sprachlos. Was sollte das denn?
»Hä?«, krächzte ich schließlich.
Sie grinste und schüttelte den Kopf.
»So ein Orgasmus macht high, verstehst du? Du siehst die Welt mit ganz anderen Augen, bist nicht mehr so verkrampft und verknotet, sondern relaxed und zufrieden. Ich versuch seit Monaten, dir das zu erklären, aber du hörst ja nie zu. Sex tut gut!«
Jetzt schüttelte ich den Kopf. »Du spinnst ja. Sex ohne Liebe ist doof. Ich warte erst mal, bis ich verliebt bin, so richtig bis über beide Ohren, und dann überlege ich mir das mit dem Sex noch mal. Aber einfach so, quasi als Hausaufgabe vom Sexualkundeunterricht oder als Entspannungsübung mit einem Kerl in die Koje fallen? Nee, danke!«
Zoe lachte. Dann beugte sie sich vor und streichelte mir über die Hand. »Ist schon okay. Ich versuch ja gar nicht, dich zu irgendwas zu überreden. Ich will nur nicht, dass du so eine verkniffene Tussi wirst, die über etwas die Nase rümpft und urteilt, obwohl sie keine Ahnung hat, wovon sie spricht.«
»Wohingegen du ja wohl reichlich Ahnung hast, was?« Ich grinste. »Wie viel Kerben hast du denn schon in deinen Vibrator geschnitzt?«
Sie warf den Kopf in den Nacken und prustete los. An den Nachbartischen sorgte das für Unruhe, ein paar Leute schauten irritiert zu uns rüber.
»Willst du wirklich wissen, wie viele Lover ich schon hatte?«
Sie hatte leise gesprochen, aber es glotzten immer noch ein paar Leute her. Mir war das peinlich. Ich sah runter auf die Marmortischplatte.
»Nee. Jedenfalls jetzt nicht. Du bist eben ganz anders als ich, du interessierst dich für Jungs. Ich hab Brüder, ich hab von Jungs die Nase gestrichen voll, die meisten sind nur blöd und stressig und manchmal regelrecht unangenehm.«
Zoe zuckte die Achseln. »Tja, Einzelkind sein ist manchmal auch von Vorteil. Man hat keine älteren Brüder, die einem den Spaß verderben können.«
Sie rührte gedankenverloren in ihrer Tasse und lächelte.
Irgendwie war es ein wissendes, überlegenes Lächeln. Und ich war plötzlich neidisch. Wenn das mit dem Sex so toll war, dann wollte ich das jetzt auch kennen lernen.
Jawohl!
Und ich hatte auch schon so eine Ahnung, mit wem es klappen könnte.
Mit Moritz.
 
Moritz war erst vor drei Wochen neu in unsere Klasse gekommen und irgendwie hatte es bei mir gefunkt. Nicht dass der Blitz eingeschlagen wäre – nee, so nicht. Es knisterte nur zwischen uns und das fand ich ganz angenehm aufregend.
Nach dem Schock mit dem überraschenden Fund in den Nachttischen meiner Eltern und noch unter dem Eindruck der Unterhaltung mit Zoe sah ich mir ihn am nächsten Morgen während der Deutschstunde genauer an. Wir sitzen in einem großen U und ich sitze am einen und er am anderen Ende. Er las sich den Text auf dem Arbeitsblatt durch. Den hätte ich eigentlich auch lesen sollen, aber stattdessen linste ich andauernd zu ihm rüber.
Eigentlich sah er ziemlich gut aus.
Er war etwas größer als ich, weder dick noch rappeldürr, hatte blaue Augen, kurze braune Haare und wenig Pickel. Er roch ganz passabel, nach Seife und Haargel. Im Unterricht war er nicht doof, sondern hatte sich gleich als Biound Chemie-Ass erwiesen.
Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, mir vorzustellen, wie er aussah, wenn er lachte. In dem Augenblick kratzte er sich am Kopf, seufzte leise und sah hoch.
Mir direkt in die Augen!
Mich durchzuckte ein eisiger Schreck, aber dann grinste ich, während mir das Herz bis zum Hals schlug.
Mist! Erwischt!
Er grinste zurück.
Dann sah ich als Erste wieder runter und tat so, als würde ich lesen.
Den Rest der Stunde konzentrierte ich mich auf die Beantwortung der Fragen und in der Pause zischte ich raus auf den Flur und in die Toilette.
Was dachte er jetzt wohl?
Dass ich hinter ihm her wäre?
Ich ließ mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen und beruhigte mich langsam wieder. Du meine Güte, man kann doch mal einen Typen angucken! Das ist schließlich nicht verboten!
Gleichzeitig mit dem Klingeln flitzte ich wieder auf meinen Platz.
Geschichte.
Schlafstunde. Zum einhundertsiebenundfünfzigsten Mal die Weimarer Republik. Laaaaangweilig!
Ich war kurz vor dem Eindösen, da stupste Nachbarin Dörte mich an und gab mir grinsend einen zusammengefalteten Zettel.
Ich nahm ihn – scheinbar gelangweilt – und faltete ihn so auf, dass sie nicht sehen konnte, was draufstand.
Mein Herz klopfte schon wieder im Siebenachteltakt. Der Wisch war eindeutig von Moritz.
 
Gehst du auch zum Samba-Karneval?
Wenn ja, wollen wir am Samstag zusammen hin?
M.
 
Samba-Karneval?
Bremen ist, was das allgemeine deutsche Faschingstreiben angeht, ein total unnärrischer Randbezirk. Wenn in Mainz, Köln und München alle durchdrehen und sich auf Partys und Umzügen rumtreiben, ist hier tote Hose. Weil das irgendwann irgendwelchen Leuten auffiel, gibt es seit ein paar Jahren immer den Samba-Karneval. Da kommen aus ganz Deutschland knallbunt kostümierte Samba-Truppen angereist und ziehen trommelnd und singend und hüpfend durch das Ostertorviertel. Am Straßenrand stehen die total aufgedrehten Bremer Faschingsignoranten und hopsen auf der Stelle, klatschen und singen und saufen. Ein Wahnsinnsfest. Ich hab mal als kleines Kind beim Zuschauen einen Schuh verloren und daraufhin so einen Stress mit meinen Eltern gekriegt, dass mir die Lust an dem Samba-Getrommel für Jahre völlig abhanden kam.
Letztes Jahr hatte Zoe mir dann ein paar Samba-Schritte beigebracht und mich zum Umzug geschleppt. Wir hatten auch einen ganz guten Platz ergattert und es war echt ganz witzig. Für dieses Jahr hatten wir noch keine Pläne gemacht. Es war ja erst in fünf Tagen so weit.
Hm. Samba mit Moritz? Öh, warum nicht?
Ich sah zu ihm rüber und nickte.
Er lächelte und verdrehte die Augen – wahrscheinlich sollte das bedeuten, dass er sich über mein Ja freute. Ich tippte mir kurz an die Stirn und versuchte, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Aber irgendwie klappte das nicht.
Samba. Mit Moritz.
Uiuiui.
Als Johanna mir von der Verabredung mit Moritz erzählte, strahlte ihr aus allen Knopflöchern das schlechte Gewissen, weil sie was ohne mich unternehmen wollte. Ich lachte sie aus.
»Du Dussel! Ist doch Klasse! Wenn der Typ was taugt, dann kannst du ihn ja am Abend zu der Party von Bobby mitbringen. Ich geh da auch hin und dann sehen wir uns eben da.«
»Und du bist ehrlich nicht sauer, Zoe?«
»Quatsch. Wir sind doch keine siamesischen Zwillinge.« Ich knuffte sie liebevoll in den Oberarm.
Sie seufzte erleichtert und fragte: »Mit wem gehst du denn zu Bobby? Mit Knut?«
Ich zuckte die Achseln. »Weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich, aber momentan geht er mir ein bisschen auf den Zeiger, weil er sich so besitzergreifend aufführt. Das kann ich nicht ausstehen.«
Auf dem Nachhauseweg grinste ich in mich rein.
Johanna hatte ein Date!
Endlich!
Ich war schon seit ein paar Monaten der Meinung, dass sie endlich mal was für ihre Hormone tun sollte. So ein Single-Dasein ist doch auf Dauer ziemlich öde.
Moritz und ich hatten uns an einem klassischen Bremer
Treffpunkt verabredet: am Roland auf dem Marktplatz. Ich hatte nicht gewollt, dass er mich zu Hause abholte, weil mir das bloß saublöde Fragen von meinen Geschwistern und Eltern eingebracht hätte, und natürlich wollte ich auch nicht zu ihm gehen. Wär ja noch schöner!
In der Straßenbahn überlegte ich fieberhaft, was ich machen sollte, wenn er noch nicht da war. Schließlich konnte ich mich doch nicht neben das Denkmal stellen und Ausschau halten: wie bestellt und nicht abgeholt!
Andererseits wollte ich ihn auch nicht warten lassen. Solche Tricks finde ich bescheuert.
Ich sah auf die Uhr: zwanzig nach eins. Um halb zwei wollten wir uns treffen, damit wir noch einen guten Platz am Straßenrand ergatterten. Ich lief erst mal am Roland vorbei zu Karstadt und äugte zurück. Da stand niemand, schon gar kein Moritz.
Ich ging in die Bücherabteilung, weil da manchmal billige Taschenbücher angeboten werden, aber es gab nichts, was mich angelacht hätte. Fast zufällig schaute ich auf meine Uhr und mein Herz machte einen kleinen Hopser: eine Minute vor halb!
Ich lief zurück zum Roland. Nein, ich rannte nicht, aber ich ging... sehr schnell.
Da stand er.
Moritz.
»Hallo«, sagte ich.
»Hallo«, sagte er und grinste.
Ich sah an ihm vorbei auf das Rathaus und wusste nicht, was ich hier eigentlich wollte. Viel lieber hätte ich mich jetzt daheim mit einem Schmöker in meinen Sessel gekuschelt. Ich kannte den Kerl doch eigentlich gar nicht!
»Na, dann wollen wir mal«, sagte Moritz und wandte sich zum Gehen.
Schlauerweise hatte ich die Hände in die Jackentaschen gesteckt, damit er nicht auf blöde Gedanken kam und vielleicht nach meiner Hand griff.
Wir latschten vom Marktplatz zum Ostertorsteinweg, wo sich schon viele Zuschauer aufgestellt hatten. Auf der Höhe vom Ulrichsplatz fanden wir eine Lücke, und während ich den Platzhalter machte, holte Moritz uns was zu trinken.
Glühwein, igitt!
Ich trinke keinen Alkohol, außer mal ein Glas Sekt zu einer ganz besonderen Gelegenheit.
Aber ich hatte ihm das nicht gesagt und jetzt wollte ich nicht meckern.