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Kate Grenville

SARAHS TRAUM

Roman

Aus dem Englischen
von Karina Of

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Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Sarah Thornhill«
bei The Text Publishing Company, Melbourne, Australien.

1. Auflage

Copyright © 2011 by Kate Grenville

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 beim Verlag
C. Bertelsmann, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlag: buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12272-0
V002

www.cbertelsmann.de

Dieser Roman ist Sophia Wiseman, Maryanne Wiseman
und ihrer Mutter »Rugig« gewidmet.

»Ein Berg mag, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet,
unterschiedliche Formen annehmen, doch daraus folgt nicht,
dass er keine oder unendlich viele Formen hat.«

E. H. CARR

ERSTER TEIL

Der Hawkesbury war ein herrlicher Fluss. Breit und ruhig floss er dahin, das grüne Wasser kräuselte sich sanft, die Felswände leuchteten golden in der Sonne, und auf den Ästen der Bäume hockten weiße Vögel, aufgereiht wie Wäschestücke an einer Leine. Es war ein lieblicher, stiller Morgen, die Sumpfeichen raschelten leise im Wind, und das Land spiegelte sich im Wasser.

Man hat uns die »Kolonie Neusüdwales« genannt. Mir hat das nie gefallen. An uns war gar nichts neu. Wir waren einfach nur wir.

Zum Hawkesbury kamen all jene, die verbannt worden waren. Sobald sie begnadigt wurden, machten sie sich auf den Weg hierhin. Fünfzig Meilen von Sydney entfernt und kein Richter oder Polizist weit und breit. Man konnte sich ein Stück Land aussuchen, eine Hütte darauf bauen und brauchte nie mehr zurückzublicken.

Das hörte man sehr oft. Nie mehr zurückgeblickt.

So wurde es eine Gegend ohne Großmütter und Großväter. Ohne Tanten und Onkel. Ohne Vergangenheit.

Pa hatte als Fährmann auf der Themse angefangen. Dann war er verbannt worden – aus welchem Grund, hab ich nie erfahren. Achtzehnhundertsechs, Sträflingstransport auf der Alexander. Obwohl ich ihn als Kind mit Fragen löcherte, hat er mir nie mehr erzählt, wenn er da in seinem Sessel saß, vor sich hin lächelte und mit der Hand über den Samtflor der Armlehne strich.

Thornhills Farm war ein stattliches Anwesen. Hundertzwanzig Hektar fruchtbares Uferland, und man musste den ganzen Fluss bis nach Windsor hochfahren, bevor man ein so prächtiges Haus wie das unsere sah. Anfangs hatte Pa auf der alten Hope Fleisch und Getreide anderer Farmer flussabwärts nach Sydney transportiert. Dann hatte er damit aufgehört, hatte inzwischen seinen eigenen Weizen und Mais, Rinder und Schweine und ließ seine Waren von anderen Männern transportieren.

Im Grunde seines Herzens war er aber immer ein Fährmann geblieben. Unten am Anlegesteg waren ständig ein paar Ruderboote vertäut, und als man die neue Straße nach Norden baute, sah er eine weitere Chance und kam auf die Idee mit dem Stechkahn. Eine Überfahrt über den Fluss einen Shilling pro Person, eine halbe Krone für einen Mann mit Pferd, Sixpence für ein Stück Vieh. Wo Leute unterwegs waren, wurde auch ein Gasthof gebraucht, und so ließ Pa den Gasthof »Zum Fährmann« bauen und stellte George Wheeler als Pächter ein.

Niemals hab ich Pa eine Axt heben oder ein Stück Brennholz tragen sehen, und inzwischen ruderte er auch nicht mehr selbst, sondern ließ das andere machen. Hab genug gearbeitet im Leben, meinte er. Morgens aß er sein Frühstück, dann zündete er sich seine Pfeife an und ging hinaus zu den Männern mit ihren Hacken und Spaten. Jemmy Katter, Bob Dodd, Dickie Parson und drei oder vier andere. Von der Regierung zugeteilt, leisteten sie ihre Zeit ab, wie er selbst es getan hatte. Die meisten von ihnen stammten aus London und hatten noch nie zuvor einen Spaten gesehen.

Pa hatte den Männern aufgetragen, den Boden zwischen den Maisreihen zu hacken und die Schweinepferche auszumisten. Während er seine Pfeife stopfte, sah er ihnen bei der Arbeit zu, deutete hierhin und dorthin und wies sie laut zurecht, wenn er fand, dass sie etwas nicht richtig machten.

Sie mussten ihn mit Sir anreden. Vergaßen sie’s, gab’s eins mit der Peitsche.

Von einem, der es so weit gebracht hatte wie Pa, sagte keiner mehr, dass er verbannt worden oder ein ehemaliger Sträfling sei. Er war jetzt ein sogenannter alter Kolonist. Trotzdem gab’s immer noch viele Leute, die sich niemals mit einem Freigelassenen an einen Tisch setzen oder ihn in ihr Haus einladen würden. Für manche war einer, der verbannt worden war, für alle Zeit mit einem Makel behaftet. Der Mann selbst, seine Kinder und seine Kindeskinder. Aber für andere Leute war Geld ein Mittel, um Dellen und Kratzer aus der Vergangenheit glattzubügeln. Die Oberfläche neu zu lackieren.

Obwohl Pa jetzt Mr Thornhill war, dem Thornhills Landspitze gehörte, hatte er ein paar Angewohnheiten von früher beibehalten. Jeden Nachmittag holte er sich ein Stück Brot und ging auf die Veranda hinaus. Setzte sich auf die harte Bank neben dem Fenster – ein Kissen wollte er nicht –, das Brot und ein Glas mit Wasser verdünntem Rum neben sich auf dem Fensterbrett. Dann hob er sein Fernrohr ans Auge und blickte hinunter zum Fluss, wo man die Boote aus Richtung Sydney um den letzten Felsvorsprung von Thornhills Flussabschnitt kommen sah. Fuhren sie mit der Flut, glitten sie schnell flussauf, setzte aber gerade die Ebbe ein, wurden sie von der Strömung meerwärts getrieben und mussten die Riemen einlegen. Manchmal schwenkte Pa das Fernrohr auch in die andere Richtung, zum Schilfdickicht, wo sich der erste Seitenarm zwischen den Hügeln hindurchschlängelte. Meistens jedoch blickte er über den Fluss hinweg zur Baumreihe an der oberen Kante des Felskamms hinauf. Obwohl dort nichts war als Felsen, Bäume und Himmel, saß er stundenlang da und spähte dorthin, und an der Stelle, wo seine Hand das Fernrohr umklammert hielt, war das Leder bis aufs blanke Messing durchgewetzt.

Ich, Sarah Thornhill, wurde im Jahr achtzehnhundertsechzehn geboren. Den Namen habe ich von meiner Mutter – sie hieß auch Sarah, aber gerufen wurde sie Sal. Weil ich das Nesthäkchen der Familie war, nannte man mich Dolly – Püppchen.

Dolly hat mir nie gefallen – ich wollte kein Püppchen sein.

Meine Schwester Mary war fast drei Jahre älter als ich, was sie mich auch nie vergessen ließ. Sie bekam die Seite vom Bett, die neben dem Kamin war. Drängelte sich, wenn wir die Treppe hochstiegen, immer an mir vorbei. Na ja, lauter lächerliche Sachen, aber wenn man klein ist, wurmen sie einen.

Dann hatte ich noch drei große Brüder.

Johnny war zwei Jahre älter als Mary. Immer mit irgendeiner Idee im Kopf. Einmal hat er eine Menge Zitronen gekriegt und sich ein Gerät gebaut, um an den Saft zu kommen. Hat sich von Ma etwas Zucker erbettelt, unten beim Stechkahn einen Stand aufgebaut und sich mit dem Saft ein paar Shillinge verdient.

Noch mal zwei Jahre älter war Bub. Schon als kleiner Junge war er wie ein erwachsener Mann, ernst und bedächtig. Zog nie ohne seine Hacke los, und wenn er eine Distel sah, blieb er stehen und grub sie aus. Von ihm hatte Johnny die Zitronen bekommen, und Bub hatte dafür auch die Tracht Prügel gekriegt.

Der Älteste von uns war Will. Als ich geboren wurde, war er fünfzehn und arbeitete schon auf den Schiffen wie die anderen Männer. Will war mehr unterwegs als zu Hause. Mit dem Zedernholz die Küste rauf und runter. Zur Robbenjagd nach Neuseeland. Manchmal blieb er so lange weg, ein halbes Jahr oder mehr, dass ich schon dachte, er würde nie mehr wiederkommen.

Captain Thornhill nannten ihn die Leute, obwohl er in Wirklichkeit nur Will Thornhill war, der sich hochgearbeitet hatte. Hat nie sein Patent gekriegt oder so. Konnte nicht lesen und schreiben. Keiner von uns konnte das.

Pa hielt nichts vom Lernen. Konnte seinen Namen schreiben, sagte aber oft, dass Kinder von ein paar Hektar Land und einer Herde Schafe mehr hätten als von jedem Buch. Wenn er was Schriftliches brauchte, beauftragte er den alten Loveday oben an Becketts Reach damit. Loveday war als freier Siedler in die Kolonie gekommen und hätte ein gutes Leben führen können, wenn er nicht in seiner armseligen, klapprigen Hütte sein ganzes Geld versoffen hätte. »Schaut ihn euch an«, sagte Pa oft. »Der alte Loveday ist zwar nicht mit dem Makel behaftet, aber jetzt sagt mir: Wollt ihr lieber so leben wie er oder wie ich?«

Wir sprachen nie darüber, aber Ma war nicht unsere richtige Mutter.

Ich hatte ein paar Erinnerungen, scharfe kleine Bilder, von einer anderen Mutter. Wie mein Bruder Will in der Küchentür steht und ich auf der Tischkante sitze und die Erbsen aus einer Schote herauszupulen versuche, während diese andere Mutter eine Schote nach der anderen ruckzuck mit dem Daumennagel aufritzt und die Erbsen in die blau gestreifte Schüssel mit der grauen, angeschlagenen Stelle am Rand purzeln. Paffte ihre Pfeife, saß da und pulte die Erbsen, ohne dabei hinsehen zu müssen. Das Bild war so scharf, dass es sogar einen Geruch hatte – eine Mischung aus Tabak und Erbsen. Manchmal nahm sie die Pfeife aus dem Mund und sang unmelodisch und mit zittriger Stimme das Lied von den Londoner Kirchenglocken: Oranges and lemons, say the bells of Saint Clement’s. You owe me five farthings, say the bells of Saint Martin’s.

Will, wie er mich unter den Achseln packt, hochhebt und in der Luft herumschwenkt. Wie die Unterseite des Schindeldachs hin- und herschwingt, ich mit der Erbsenschote in meiner Faust, während sich die ganze Küche um mich dreht, und wie ich dann mit offenem Mund wieder auf dem Tisch sitze, lache oder weine, ich weiß nicht, was, und Will, dessen Kopf bis fast an den Deckenbalken reicht, am Herd herumklappert, ruft und scherzt, und meine Mutter dasitzt und die Erbsen alle auf ihre Schürze gekullert sind, ohne dass es sie schert.

Und wie ich dann in einen dunklen Raum gebracht werde, draußen ist Sommer, aber alle Vorhänge sind zugezogen und die Fensterläden geschlossen. Jemand führt mich an der Hand zu dem hohen Bett, in dem meine Mutter liegt. Ich bin völlig verängstigt und verschüchtert, sie ist verschwitzt, ihr Haar strähnig, ihre Wangen eingefallen, und auf der Decke ihre knochige, wächserne Hand.

Ich spüre eine Hand im Rücken, die mich nach vorne schiebt, damit ich das gelbe Gesicht auf dem Kissen küsse. Der Blick meiner Mutter gleitet seitwärts zu mir hoch, sie lächelt, aber ihre Lippen sind weiß und trocken, ihr hageres Gesicht von faltiger Haut bedeckt. Ich schrecke zurück, wie soll ich so was küssen! Ihre Hand kriecht über die Decke auf mich zu, sie berührt mich an der Schulter, am Scheitel, wieder an der Schulter, dann sinkt die Hand nach unten, und ich darf hinausgehen.

Diese erste Mutter schwand wie ein Traum dahin, und dann kam eine andere Person, zu der wir »Ma« sagten.

Pa hatte keine Geschichten zu erzählen, aber Ma hatte genügend für sie beide auf Lager. Drehte Orte und Namen und Daten in ihrer Hand wie Münzen um, zählte und zählte sie aus reinem Vergnügen immer wieder auf. Ihr Daddy war im Zuckerhandel tätig, und sie war in einem Haus in Brixton-Hill aufgewachsen, auf der Nordseite, denn das ist die vornehmere Seite. Ihr Ehemann war irgendwas in der Armee gewesen, sie hieß damals Margaret Grant. Sie waren als freie Siedler zusammen nach Neusüdwales gekommen. Dann war er gestorben.

»Bin hier an den Fluss gekommen, um eurem Pa zu helfen«, erzählte sie. »Eure Mutter war zu krank, konnte nicht mehr für ein Haus voller Kinder sorgen. Irgendwann haben wir dann geheiratet.«

Mir gefiel, wie sie es erzählte, das Damals und Heute miteinander verknüpfte.

Ma hatte immer etwas Getriebenes an sich – ihr Körper schob sich beim Gehen nach vorne wie bei einem fliehenden Huhn. Musste ständig irgendwas in Ordnung bringen. Nie vergaß sie den Makel, der Pa anhaftete. Sie sah es als Aufgabe der Ehefrau, ihn zu verdecken, auch wenn sie ihn nicht auslöschen konnte.

Sie hatte alle möglichen Vorstellungen, wie man sich zu benehmen hatte, damit einem keiner diesen Makel ansah. »Ellbogen vom Tisch, merk dir das, Dolly«, ermahnte sie mich, »und eine wohlerzogene Person lässt stets ein Restchen auf dem Teller liegen.«

Wenn wir rausgingen, lief sie uns immer mit unseren Hauben hinterher. Wollten wir vielleicht rumlaufen wie diese schwarzen Kerle? Jeden Sonntag, ob Sonne oder Regen, mussten wir zur Kirche, und immer dieser Mottenkugelgeruch. Wir haben unterlassen, was wir tun sollten, und getan, was wir lassen sollten. Die Kirche war voll strenger Wörter, aber diese hier waren einfach und klar, zusammengebacken zu etwas Kompaktem, in das nichts eindringen und aus dem nichts herauskonnte.

Pa bemühte sich redlich um gutes Benehmen, vergaß es aber immer wieder. Leckte das Messer ab oder sagte Futter, ein Wort, das Ma für unfein hielt.

»Das heißt Nahrungsmittel, William«, wies sie ihn zurecht. »Oder Esswaren.«

»Bei Gott, Meg«, erwiderte er dann. »Fressalien, genau.«

Er lachte, streckte aber die Hand nach ihr aus und berührte sie besänftigend am Arm.

»Was bin ich doch für ein ungehobelter Bursche«, sagte er. »Kann von Glück sagen, dass sie mich genommen hat, eure Ma.«

Humor war zwar nicht gerade Mas Stärke, aber sie lächelte dann, und dabei erkannte man, was die beiden miteinander verband. Nur sie beide, niemand sonst im Raum.

Ich hatte Pa schon öfters aus dem Schnabel der Teekanne trinken sehen, aber wenn Ma zusah, zwängte er seine Wurstfinger in den lächerlich kleinen Henkel der Teetasse. Bei Tisch hantierte er mit dem Silberbesteck so, wie es Ma gefiel, zerdrückte die Erbsen, schob sie mit dem Messer auf den Gabelrücken und legte die Gabel, wenn er mit dem Essen fertig war, fein säuberlich neben das Messer.

Wenn wir uns wegen irgendetwas an ihn wandten, sagte er immer: »Fragt am besten eure Ma, was sie dazu meint.« Nicht dass er ein Pantoffelheld gewesen wäre, unser Pa. O nein! Aber er hatte das Seinige getan. Hatte uns mit allem versorgt – Haus, Land und Geld. Hatte eine gute Mutter für uns gefunden. Nun konnte er sich zurücklehnen. Er wusste, Ma würde schon darauf achten, dass seine Kinder einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zogen und sie hinter sich ließen, genauso wie er es getan hatte.

Pa genoss sein Geld. »Wenn du mal nichts gehabt hast«, pflegte er zu sagen, »weißt du, dass Haben besser ist als Nichthaben. Das Beste, was du kriegen kannst.« Das Beste bedeutete bei ihm, jeden Tag Fleisch. So viele Kartoffeln, wie du essen kannst, mit frischer, ungesalzener Butter.

Und Orangen. »Hab mit zwölf Jahren zum ersten Mal im Leben eine Orange gesehen«, erzählte er uns immer wieder, »aber nicht zum Essen.« Mary und ich machten uns insgeheim darüber lustig, das war eins der wenigen Dinge, bei denen wir uns mal einig waren. Jedesmal, wenn Anne eine Schale mit Orangen hereinbrachte, drückte Pa seinen großen dicken Daumen in eine Frucht und zog die Schale ab. »Hab mit zwölf Jahren zum ersten Mal im Leben eine Orange gesehen«, sagte er dann wieder. »Aber nicht zum Essen.«

Mary und ich warfen uns verschwörerische Blicke zu, sie sog die Wangen ein, dass ihr Mund wie ein Fischmaul aussah, und ich tat so, als wäre mir der Tee in die falsche Kehle geraten, und ich müsste deshalb husten.

Ma hielt uns dann später eine Standpauke. »Euer Pa hat schwere Zeiten durchgemacht«, sagte sie. »Ihr dummen Dinger habt ja nicht die leiseste Ahnung.«

In der Küche hatten wir Mrs Devlin, und Anne war das Mädchen für alles. Einmal in der Woche kam eine Frau, um die Wäsche zu waschen, ein junger Eingeborener sorgte für unser Brennholz. Trotzdem mussten Mädchen unserer Schicht – begütert, aber nicht von vornehmer Geburt – sämtliche Haushaltsdinge erlernen. Mrs Devlin zeigte uns, wie man Brot backte und in einer Hefeflasche die Gärung in Gang hielt, all diese grundlegenden Dinge, und Ma brachte uns die Feinheiten bei – wie man den Schinken in hauchdünne Scheiben schnitt und bei einem Biskuitteig das Mehl vorsichtig unterhob, damit er schön locker blieb. Mary arbeitete gern in der Küche, aber mir ging Mrs Devlins ständiges Gejammer über Mr Devlins Tod und Mas verständnisvolles »Ach ja, eine arme Witwe hat’s schwer im Leben« auf den Geist. Ich wollte meine Zeit nicht schwitzend am Herd verbringen, um halb eins war dann alles gegessen und von der ganzen Arbeit nichts mehr zu sehen.

Ich lernte, wie man einen Brotlaib formte, eine Rinderbrust einlegte und all diese Sachen, die man als Mädchen können musste. Aber sobald es ging, machte ich mich aus dem Staub. Ich hatte ein geheimes Plätzchen ganz für mich allein, eine Höhle zwischen dem Gestrüpp oben am Hang hinter dem Haus. Man musste steil hinaufklettern, aber es war nicht weit. Nah genug, um gleich wieder da zu sein, wenn Ma mich rief, ohne dass sie meine Abwesenheit bemerkte. Weit genug, um meine eigene Welt zu sein. In unserer Gegend gab es viele Überhänge, unter denen der weiche, gelbe Fels abgebröckelt war, aber meine Höhle war so groß, dass man darin stehen konnte, und voll von honigfarbenem Licht. Der Boden weich mit trockenem Sand, herabgerieselt vom Dach und seit dem Anbeginn der Welt noch nie vom Regen durchnässt.

Dort richtete ich mir mein eigenes Reich ein, wie es Kinder gern tun. Hatte eine angeschlagene Teetasse, einen Milchkrug ohne Henkel und eine Schöpfkelle, weil auf dem Dach der Höhle ein Loch war, ich weiß nicht, ob von Menschen oder der Natur gemacht, das sich bei Regen mit reinem, klarem Wasser füllte. Der Rand der Höhle war auf gleicher Höhe mit den Baumkronen. Man konnte dort sitzen und zusehen, wie die Blätter in der Brise zitterten, und dahinter war der Fluss, ein farbiger Streifen wie ein Muskelstrang. Wenn man in der Höhle saß, hörte man die Geräusche der Wildnis viel schärfer. Die Höhle war wie ein großes, lauschendes Ohr.

Mary wollte nie mit mir dort rauf. Sagte, sie verstehe nicht, wozu man da hochklettern und sich von den Stacheln zerkratzen lassen sollte, bloß um auf dem harten Boden zu sitzen. Mir war das ganz recht. Die Vögel genügten mir als Gesellschaft. Einen davon nannte ich den »Was-Vogel«, weil sein Ruf wie eine Frage klang. »Dit dit dit dit dit, rief er, worauf ich den Mund spitzte und antwortete: »Dit dit dit dit?«

Ich überlegte, wie es wäre, fliegen zu können, und stellte mich manchmal an den Rand des Felsens. Aber so gern ich’s auch ausprobiert hätte und so jung ich auch war, wusste ich doch, dass ich warten müsste, bis ich auf eine andere Art würde fliegen können.

Keiner von uns Thornhills konnte lesen oder schreiben, aber man brauchte kein Buch, um dahinterzukommen, wie man zählte, zumindest mit den Fingern.

Eines Tages, ich war so an die fünf oder sechs, ging ich zu Pa auf die Veranda. Es war ein strahlender Morgen, über den Fluss strich ein leichter Wind, und auf dem Wasser tanzten glitzernde Lichtpunkte.

»Ich habe drei Brüder«, sagte ich. »Siehst du, Pa? Ich kann zählen!«

Sein Gesicht kam mir immer größer vor als das von anderen Menschen. Breites Kinn, große Nase, dicke Backen. Und seine Augen – das eine Auge hatte eine andere Form als das andere, was man aber nur sah, wenn er einen anschaute und man ihm dabei direkt gegenüberstand. Was gerade der Fall war. Diese blauen Augen und sein komisch geformter Mund.

»Nein, Dolly«, sagte er. »Du hast vier Brüder.«

Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, und ich hörte die Flüssigkeit durch seine Kehle rinnen, als wäre da ein Hindernis, um das sie sich einen Weg bahnen musste.

»Nein, Pa, schau, ich hab drei«, sagte ich.

Streckte dabei drei Finger in die Höhe.

»Will, Bub, Johnny«, sagte ich. »Siehst du?«

»Du hast vier Brüder, Dolly«, erwiderte er. »Nur dass Dick für einige Zeit weggegangen ist.«

»Weggegangen?«, fragte ich. »Warum? Und wohin?«

Pas Miene verhärtete sich. Ich wusste, das bedeutete Ärger. Frag lieber nicht weiter!, dachte ich.

»Wann kommt er denn zurück, Pa? Wann kommt Dick wieder zurück?«

Da sprang er auf, das Glas fiel um, und die Bank kippte mit lautem Knall auf die Dielenbretter, dass es nur so staubte. Pa stand vor mir, sein breites Gesicht brüllte etwas zu mir hinunter. Ein schwindlig machendes Klatschen, als er mir mit der flachen Hand seitlich ins Gesicht schlug, in meinem Ohr ein hoher, schriller Ton, als ob etwas in weiter Ferne kreischt.

»Jetzt reicht’s aber!«, schrie er. »Geh mir aus den Augen, verdammt noch mal.«

Er versetzte mir einen so heftigen Stoß, dass ich durch die Tür in die Diele stolperte. Ich schlich ins Schlafzimmer hoch, wo Mary noch tief und fest schlief. Kroch ins Bett, rollte mich ganz klein zusammen und zog die Decke über den Kopf. In der stickigen Dunkelheit knickte ich einen Finger nach dem anderen um. Johnny, Bub, Will. Eins, zwei, drei.

Den restlichen Tag ging ich Pa aus dem Weg, doch nach dem Mittagessen suchte ich Will. Er saß in dem alten blauen Ruderboot, einen Hobel in der Hand, ein Stück Holz auf den Knien, und arbeitete an einem neuen Ruderblatt.

»Pa hat mir erzählt, ich hätte vier Brüder«, sagte ich. »Aber ich hab doch nur drei.«

Ich wollte schon wieder anfangen, mit meinen Fingern abzuzählen, doch Will blickte gar nicht auf, und der Hobel fuhr ohne anzuhalten weiter hin und her. Das Einzige, was ich sehen konnte, waren die flache Krone von Wills altem Palmbasthut und seine Schultern, die sich bei jedem Schub des Hobels bewegten, und die weißen Hobelspäne, die neben seine Füße fielen.

»Tja«, sagte er dann. »Da war auch noch Dick. Zwischen mir und Bub. Das war’s wohl, was Pa gemeint hat.«

»Ist er tot?«, fragte ich. »Ist er gestorben?«

Will hob das Ruderblatt in die Höhe, strich mit dem Finger über die Kante und pustete darauf.

»Nicht tot«, sagte er. »Weggegangen.«

»Weggegangen?«, fragte ich. »Wie meinst du das? Wie weggegangen?«

»Dick war immer ein bisschen eigen«, sagte Will. »Hatte ein paar seltsame Vorstellungen. Wusste nie so recht, wo’s langging.«

»Mochtest du ihn nicht?«, fragte ich.

Jetzt blickte er auf. Seine Augen waren wie die von Pa, eisblau in seinem sonnengebräunten Gesicht.

»Hat nichts mit nicht mögen zu tun«, sagte er. »Dick und ich hatten uns nie viel zu sagen, weiter nichts. Er und Pa, die beiden sind nicht miteinander klargekommen.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich. »Nicht miteinander klargekommen?«

Will setzte den Hobel ab und legte das Ruderblatt beiseite. Dann richtete er sich im Boot auf, sodass es auf dem Wasser hin und her schaukelte.

»Komm mal hier runter«, sagte er.

Er hob mich ins Boot und setzte mich auf den Sitz am Heck, meine Knie fast an seinen. Es war still und heiß, aus den Planken strömte ein schwerer Pechgeruch. Als wären wir beide in einem abgeschlossenen Raum.

»Also, Dolly«, sagte er. »Jetzt hör mir mal zu. Ich hab nie erfahren, was damals passiert oder nicht passiert ist. Einmal hab ich Pa gefragt. Halt deine verdammte Nase da raus, hat er gesagt. Hat mich mit dem Riemen verdroschen. Hat mir dabei fast den Arm gebrochen.«

Das verschlug mir die Sprache.

»Hab nie wieder gefragt«, sagte er. »War’s nicht wert, dafür noch eine Tracht Prügel einzustecken. Ich vermute, dass Pa Krach mit Dick hatte und ihn weggejagt hat. Du weißt ja, wie Pa ist.«

Er legte mir die Hand auf die Schulter.

»Dolly, wir haben einen Bruder«, sagte er. »Soll irgendwo oben am Seitenarm wohnen, hab ich gehört. Aber ich hab ihn aus meinem Gedächtnis gestrichen, und ich kann dir nur raten, Dolly, das Gleiche zu tun. Ganz ehrlich, das rate ich dir.«

»In Ordnung, Will«, sagte ich, weil ich ein bisschen erschrocken war. Noch nie zuvor hatte ich Will so ernst reden gehört.

Aber ich überlegte bereits, wen ich sonst noch fragen könnte.

Iris Herring wohnte ein Stück flussaufwärts am Cat-Eye Creek, vor ihrer Hütte pickten Hühner herum, und ein paar Ziegen beäugten einen mit schief gelegten Köpfen. Ein Kartoffelfeld und ein Blumenbeet mit den gleichen blutroten Geranien, die wir zu Hause hatten. Eine unscheinbare, schon recht alte Frau, unerschütterlich wie ein Fels, immer mit einer abgenutzten Pfeife im Mund. Doch wenn ein Kind unterwegs war oder man sich das Bein aufgerissen hatte und es genäht werden musste, war sie diejenige, an die man sich wandte.

Mrs Herring wusste alles, was am Fluss vor sich ging. Sie erzählte es nicht immer, aber sie wusste Bescheid.

Beim nächsten Mal, als sich Ma mit einem Korb Orangen und einer geräucherten Speckseite von Jemmy Katter zu Mrs Herring rudern ließ, kam ich mit. Setzte mich auf Mrs Herrings Schoß, auf die fleckige Schürze, und lehnte den Kopf an ihren weichen Busen. Die beiden tranken Tee und redeten über kleine Kinder, die lange Ohren machten, dann ging Ma nach draußen, um sich ein paar von Mrs Herrings Frühlingszwiebeln zu holen, und ich nutzte die kurze Gelegenheit.

»Kannten Sie meinen Bruder?«, fragte ich. »Meinen Bruder Dick?«

»Natürlich hab ich den gekannt«, sagte Mrs Herring. »Du liebe Güte, hab euch doch schließlich alle auf die Welt gebracht!«

Dabei streckte sie die Hände vor, braun und mit geschwollenen Gelenken, glänzende Knoten an den Fingerknöcheln, die Haut zerknittert wie Merinokrepp.

»Du warst mir vielleicht ein Früchtchen, Dolly«, sagte sie. »Bist rausgekommen und hast dich umgesehen, als würde dir alles gehören. Und gebrüllt! Meine Güte, hattest du eine kräftige Lunge!«

»Ist er gestorben?«, fragte ich. »Ist Dick gestorben?«

»Natürlich nicht, du Dummerchen«, antwortete sie. »Ist für einige Zeit woandershin, weiter nichts. Und jetzt hopp, runter mit dir, muss die Erdäpfel fürs Abendessen fertig machen.«

Ma kam wieder zurück, wir hörten, wie sie draußen an der Wand die Erde von den Zwiebeln abklopfte. Mrs Herring stupste mich mit dem Finger leicht an die Wange.

»Am besten ist, du blickst nach vorn«, sagte sie. »Ich selber blicke auch nie zurück. Niemals nicht.«

So war das am Hawkesbury. Alles versteckt zwischen diesen unverrückbaren Felswänden und Bergkämmen, die uns in dem engen Tal einschlossen. Hätte sie am liebsten zurückgeschoben, um einen freien Blick auf all die Dinge zu kriegen, die die Leute wussten, aber nicht aussprechen wollten.

Damals waren überall Schwarze. Die Leute redeten über die wilden Schwarzen, die weiter draußen lebten, dort, wo die Weißen bislang noch nicht hingekommen waren. Liefen splitternackt herum und fraßen ihre kleinen Kinder auf, wurde erzählt. Töteten jeden Weißen, den sie sahen, schnitten ihm das Herz aus dem Leib.

Ich glaubte das nicht. Die einzigen Schwarzen, die ich zu Gesicht bekam, hatten Kleider an wie wir, nur dass ihre verschlissener waren, und man hatte noch nie gesehen, dass sie jemanden getötet hätten.

Manchmal kamen sie an unsere Hintertür und warteten dort, ein oder zwei Frauen in zerlumpten Kleidern, neben sich ein paar kleine Kinder mit Rotz an den Lippen. Klopften nicht, baten um nichts, sahen uns nicht an.

»Da seid ihr ja wieder!«, rief Mrs Devlin jedes Mal. »Wollt wieder was abstauben, stimmt’s?«

Man hätte meinen können, sie wären taub. Gaben nie eine Antwort.

Mrs Devlin ging dann zum Vorratsschrank und holte einen Laib Brot heraus, ein Stück Speck, die Hammelkeule vom Vortag, Eier, Orangen. Murrend legte sie die Sachen in die Blechbüchsen der Frauen.

»Wenn’s nach mir ginge oder deiner Ma, würden wir sie wegjagen«, sagte sie. »Aber dein Pa will es so. Hat mir gesagt, wenn sie kommen, Mrs Devlin, geben Sie ihnen was. So, Dolly, jetzt verschwinde aber, sonst stecken sie dich noch mit ihren Läusen an.«

Wenn Ma, Mary und ich von Jemmy nach Windsor raufgerudert wurden, sahen wir an bestimmten Stellen mitten in der Wildnis Rauch aufsteigen. »Das müssen die Schwarzen sein«, sagte Ma dann. Ich suchte die Gegend ab, sah aber nie auch nur eine Menschenseele. Bloß den Rauch, und selbst der war manchmal so schwach, dass man sich nicht sicher sein konnte.

In Windsor waren am Stadtrand immer Gruppen von Schwarzen zu sehen, die unter den Bäumen oder um ein paar glimmende Zweige herumhockten. So dunkel waren sie, und trotzdem musste man zweimal hinsehen.

Ma packte uns an den Händen und zog uns schnell weiter.

Einmal richtete einer dieser Männer sich langsam auf und kam mit ausgestreckter Hand auf uns zu. Aus der Nähe konnte ich erkennen, dass sein Handteller genauso blass war wie meiner, nur von dunklen Linien durchzogen. Sein Haar stand ihm wie Federn vom Kopf ab, sein Gesicht war voller Pockennarben.

Ma hielt mich so fest, dass es wehtat. Sie keuchte, so schnell zerrte sie uns weiter.

»Wer ist das, Ma?«,fragte ich. »Wer war dieser Mann?«

Sie beugte sich zu uns runter.

»Jetzt hört mal gut zu, Mädchen«, sagte sie. »Ich hab nichts gegen die Schwarzen. Sie tun mir leid, wirklich und wahrhaftig. Sie sind nicht viel besser als die Tiere auf dem Feld. Gott in seiner Weisheit hat uns über sie gestellt.«

»Der Mann hat gestunken«, warf Mary ein. »Ich hab ihn gerochen, puh!«

»Da seht ihr, wie unzivilisiert sie sind«, sagte Ma. »Können nichts dafür, die Armen. Wir geben ihnen was, ihr habt sie ja gesehen hinter unserem Haus, wir geben ihnen ständig was. Unsere Christenpflicht, sie anständig zu behandeln. Aber diese Bettelei hier mitten auf der Straße kann ich nicht ausstehen.«

Ich blickte zu der Stelle zurück, wo der Mann mit den anderen saß. Der Rauch von ihrem kleinen Feuer wurde vom Wind hin und her getrieben.

»Wo sind denn ihre Häuser?«, fragte ich. »Warum gehen sie nicht nach Hause?«

»Wenn ich das wüsste«, erwiderte Ma. »Aber ich wünschte, sie würden sich davonmachen und aufhören, ehrbare Leute zu belästigen.«

In unserer Nähe lebten ein paar Schwarze, nur wusste ich lange Zeit nichts davon. Bub und Johnny waren meistens zu zweit unterwegs und mit ihrem Jungenkram beschäftigt, aber manchmal durften wir Mädchen mitgehen. In die Wildnis oben hinter dem Haus oder in einem unserer Boote den Fluss entlang. Pa achtete darauf, dass wir alle mit einem Ruder umgehen konnten. Eines Morgens setzten wir vier es uns in den Kopf, am Flussufer weiter zu gehen, als wir’s je zuvor getan hatten. Ich freute mich auf neue Gegenden und rannte voller Ungeduld voraus.

Anfangs war es ein schöner Sandweg unter den Sumpfeichen entlang. Ab und zu fegte ein Windstoß durch die Zweige und ließ die Blätter rascheln, das Wasser leuchtete in der Sonne. Ein Paar Wallabys hüpften zum Hügelkamm hoch, ein Emu stakste herum. Eine fette Eidechse, die wie eine Schlange durchs Gras glitt, ließ mich zusammenfahren.

Am Ende von Thornhills Land blieb ich stehen, um auf die anderen zu warten. An der Grenze war kein Zaun, sondern nur ein felsiger Berghang, an dessen Fuß ein Haufen Geröll lag. Hier hörte das gute Land auf, dahinter war nichts als dorniges Gestrüpp und Wildnis.

Mary wollte umkehren, doch ich wollte unbedingt sehen, was dahinter kam. Der Pfad ging immer noch weiter, war aber steiniger und nicht mehr so deutlich erkennbar wie zuvor. Ich folgte ihm, und die anderen kamen hinterher.

Bald schon war der Reiz des Neuen verflogen. Die Sonne brannte auf uns herunter, nirgends war Schatten, und wir hatten nicht daran gedacht, Wasser mitzunehmen. Mary bekam eine Blase am Fuß und jammerte, sie wolle zurück. Johnny rief mir zu, ich solle stehen bleiben, aber ich tat so, als hätte ich nichts gehört.

Nach einer Weile machte der Pfad eine Biegung, und ich trat unvermittelt auf eine Lichtung mit einem kleinen Bach und ein paar Schatten spendenden Bäumen hinaus. Und ein paar Rindenhütten, die ein qualmendes Feuer umstanden. Drei alte schwarze Frauen drehten die Köpfe zu mir her. Ein paar Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, am Feuer ein alter Mann mit einer Decke über den Schultern. Alle so mager, dass sich ihre Knochen unter der Haut abzeichneten.

Und schwer auf einen Stock gestützt ein großer, krummer Mann. Auf der einen Seite seines Kopfes war blanke, straff gespannte Haut, wo etwas Schlimmes passiert sein musste und nie verheilt war. Der Stock war im Wesentlichen das, was ihn aufrecht hielt.

Er stand da und beobachtete mich. Ohne auch nur zu blinzeln.

Eins der Kinder hustete unentwegt, das war das einzige Geräusch. Die Frauen blickten wieder weg. Eine von ihnen streckte den Arm aus und bewegte etwas in der Asche. Der Mann rührte sich nicht und wandte den Blick nicht von mir ab.

Die anderen holten mich ein. »Oooh!«, hörte ich Bub ausrufen.

»Komm da weg, Dolly!«, rief Johnny. »Schnell, es ist besser, wir kehren um.«

So forsch ich auch war, etwas an diesem Ort und der mich anstarrende Mann bewirkten, dass ich froh war, gehen zu können.

Wir machten uns auf den Rückweg, Mary rannte trotz ihrer Blase, und keiner von uns drehte sich noch einmal um.

Kaum hatten wir unser Land erreicht, wurden wir alle wieder mutig.

»Wieso bist du so gerannt, Mary?«, fragte Johnny. »Dachtest du, der würde dich fressen? Großer Gott, dieser alte Kerl?«

Bub und ich fielen in sein Lachen ein, aber keiner sah dabei den anderen an.

Ma oder Pa haben wir nie davon erzählt. Haben auch untereinander nie mehr darüber geredet. Sind diesen Pfad aber nie wieder lang gegangen.

Die einzigen Schwarzen, die wir kannten und mit denen wir redeten, waren die beiden Burschen, die in unseren Ställen arbeiteten. Pa lernte erst spät zu reiten – wie mit den Orangen war das eine Sache, mit der er nicht aufgewachsen war. Aber Reiten war etwas, was die Leute der Oberschicht machten, also hatte er sich einen Stall voller Pferde angeschafft, und Jingles und Phillip versorgten sie. Die beiden waren bei uns, seit ich denken konnte, und wohnten in den Ställen zusammen mit dem jungen Schwarzen, der für das Brennholz zuständig war.

Jingles war sehr kräftig und sehr schwarz. Ein dichter Bart mit grauen Strähnen und tief liegende Augen. Ich glaube nicht, dass ich von ihm je mehr als sechs Worte an einem Stück gehört habe, und diese paar waren auch noch genuschelt. Er war durchaus freundlich, aber lächeln hab ich ihn nie gesehen. Hab nie was Jinglehaftes an ihm bemerkt.

Phillip war ein völlig anderer Typ. Jünger als Jingles und bei Weitem nicht so dunkel. Ein Elternteil von ihm musste weiß gewesen sein. Ein hochgewachsener, sehniger Bursche, unglaublich, welche Lasten er mit diesen dünnen Armen tragen konnte. Hob einen Sattel hoch, als wäre es nichts. Ein langes, kluges Gesicht im Schatten seines Hutes, die Haut gelblich, mit schwarzen Sommersprossen so groß wie Viertelpennymünzen.

Er war ein Charmeur, dieser Phillip. Klapperdürr, aber mit einem Lächeln, das Steine erweichen konnte.

Meine Güte, Phillip verstand was vom Umgang mit Pferden. Einmal sah ich ihn mit einem gerade neu erworbenen Pferd. Das verängstigte arme Tier war noch nicht mal an das Halfter gewöhnt, sein großer Augapfel rollte hin und her, und es scheute tänzelnd vor allem zurück. Phillip blieb jedoch ganz geduldig. Führte es auf dem Hof umher und redete stundenlang leise auf es ein. Dann hatte er ihm auf einmal das Halfter übergestreift, und das Pferd trabte ganz ruhig neben ihm her.

Pa ritt ab und zu, aber ihm war dabei nie ganz wohl. Vor seinem großen Vollbluthengst Star hatte er Angst, was man an der Art erkannte, wie er in den Sattel stieg. Phillip musste das Pferd neben dem Holzklotz festhalten, damit Pa aufsitzen konnte. Und wenn er dann oben saß, thronte er da so wacklig wie eine Kirsche auf einer Torte.

Will setzte sich auf kein Pferd, wenn er mit einem Boot fahren konnte, sagte, im Sattel werde er seekrank, aber Bub und Johnny ritten gern. Reiten bedeutete für sie, kommen und gehen zu können, wie es ihnen gefiel. Bub ritt mit seiner Hacke bis zu den äußersten Feldern, Johnny ritt hangaufwärts auf der Straße nach Sydney bis Martins Corner, nahm das Pferd auf dem Hügel immer zu hart ran und kriegte Streit mit Pa, wenn er es schaumbedeckt zurückbrachte.

Ich wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich endlich alt genug wäre, um reiten zu dürfen. Wusste, dass die Welt größer würde, sobald ich Beine unter mir hätte, die länger waren als meine eigenen. Oft ging ich durch die Ställe, redete mit den Pferden, legte, wie Phillip es mir gezeigt hatte, Apfelstücke auf meine flache Hand und fütterte sie damit.

Ma gefiel das nicht. »Das ist kein Ort für euch Mädchen«, meinte sie. »Wenn ich euch mit den Schwarzen im Hof erwische, verpasse ich euch eine Tracht Prügel, die ihr nie vergessen werdet.«

»Wieso denn, Ma?«, fragte ich. »Wieso sollen wir das nicht dürfen?« Statt einer Antwort presste sie nur die Lippen zusammen.

Als Pa der Ansicht war, dass wir jetzt alt genug wären – ich war so an die acht, Mary zehn oder elf –, schaffte er für uns zwei Ponys an. Ich hatte noch nie zuvor einen Damensattel gesehen. Mit so einem komischen gebogenen Horn daran und beiden Steigbügeln auf einer Seite.

»Wofür ist dieses Ding da?«, fragte ich Jingles. »Ich will einen richtigen Sattel!«

»So reitet man als Dame«, erwiderte Phillip. »Da hängst du das Knie ein, verstehst du? Damit die Beine zusammen sind. Ist vornehmer.«

»So ein Schafscheiß aber auch«, sagte ich, ein Spruch, den ich bei Pa aufgeschnappt hatte. Mary sah mich an, als würde gleich ein Blitz vom Himmel fahren und mich erschlagen.

»Entweder ich reite so wie die Jungs«, sagte ich, »oder ich reite überhaupt nicht, zum Donnerwetter!«

Und pflanzte mich auf die Steinplatten im Hof. Mary saß bereits auf Belle, ein Knie an das Horn am Sattel gehängt, aber ich weigerte mich, auf Queenie aufzusitzen, wollte nicht mal in ihre Nähe gehen, sosehr Phillip mir auch gut zuredete und obwohl ich nichts auf der Welt lieber getan hätte als zu reiten.

Schließlich ging Phillip zum Haus rüber. Klopfte an die Hintertür, bis Mrs Devlin den Kopf aus dem Küchenfenster streckte und fragte, was er denn wolle. Einige Zeit später erschien Ma am Fenster und redete mit ihm.

Kurz darauf kam sie mit energischen Schritten auf mich zu.

»Steig auf der Stelle auf, Dolly Thornhill«, sagte sie. »Das ist ja wohl die Höhe, sich hier vor den Schwarzen zum Gespött zu machen!«

Sie packte mich am Handgelenk, aber ich zog mit meinem ganzen Gewicht in die andere Richtung. Phillip und Jingles sahen zu, und Ma bekam ein rotes Gesicht.

»Das soll dein Vater regeln«, sagte sie dann. »Du kommst jetzt mit mir, Schätzchen, oder ist’s dir lieber, ich hole ihn hierher?«

Pa zu verärgern, war eine Sache, ein verärgerter und von seiner Bank weggeholter Pa war eine andere, also ging ich mit ihr. Er lachte laut auf, als er mich sah.

»Du meine Güte, Dolly«, sagte er. »Auf dieser Unterlippe könnte man glatt sitzen!«

Ma wies ihn darauf hin, dass es nicht damenhaft sei, wenn ein Mädchen rittlings auf einem Pferd saß.

»Aber Pa«, protestierte ich, »ich will doch gar keine Dame sein!«

Für eine kleine Göre war ich ganz schön schlau.

»Der alte Loveday ist ein Gentleman«, sagte ich, »aber du fragst uns doch immer, ob wir etwa so sein wollen wie er.«

»Da hast du ganz recht, Dolly«, sagte er. »Hast es klar erkannt. Schau mal, Meg, ist doch eigentlich egal, wie sie reiten. Solange sie auf den besten reinrassigen Pferden sitzen, können sie mit jedem anderen mithalten.«

Ma wusste, wann es angebracht war, zu kämpfen. Schalt mich einen Bauerntrampel, gab mir aber schließlich eine alte Hose von Bub, die ich unter dem Rock tragen konnte.

»Weiß Gott, was es mit dir noch für ein Ende nehmen wird, Dolly, so eigenwillig wie du bist«, sagte sie. »Aber zumindest werde ich dafür sorgen, dass du anständig gekleidet bist.«

An dem Tag, als wir zum ersten Mal mit den Pferden ausritten, begleitete uns Pa. Star rollte mit den Augen und stampfte mit den Hufen. »Ganz ruhig, Star! Brrr! Ruhig!«, rief Pa, worauf das Pferd noch nervöser wurde.

Jingles ritt auf Lightning voran, gefolgt von Mary auf Belle, dann kam ich auf Queenie, dann Pa, und der Letzte war Phillip auf Valiant.

Als wir die Felsen erreichten, an denen Thornhills Land endete, ritt Jingles weiter. Vorsichtig trabten die Pferde den steinigen Pfad entlang. Ich rechnete damit, dass Pa jeden Augenblick rufen würde, wir sollten anhalten, aber er tat es nicht.

»He, Jingles!«, rief ich. »Wo reiten wir denn hin?«

Keine Antwort.

Als wir die Lichtung erreichten, sah es zunächst so aus, als wäre niemand da. Dann kam aus einer der Rindenhütten eine Frau, ihre dünnen Beine und Arme staken wie Stöcke aus dem Kleid hervor. Unser Erscheinen schien sie nicht zu überraschen. Hastig und mit schriller Stimme rief sie etwas in die Hütte, und der krumme Mann kam heraus. Stützte sich auf seinen Stock, blickte zu Boden. Die Frau bückte sich, kroch in die Hütte zurück und beobachtete uns durch die Öffnung.

Pa stieg von Star ab und reichte Jingles die Zügel. Er hatte etwas dabei, das in ein Küchentuch eingewickelt war. Blieb auf der anderen Seite des Lagerfeuers stehen, sodass er und der Mann, durch das Feuer getrennt, einander genau gegenüberstanden.

»Einen schönen guten Tag, mein alter Freund!«, rief Pa.

Seine Stimme war viel zu laut. Ich fragte mich, woher er den Mann kannte.

»Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag«, sagte er. »Und hier ist ein bisschen was zu essen für dich.«

Pa hielt ihm das Bündel hin, aber der Mann nahm keine Notiz davon. Sah so aus, als könnte er den ganzen Tag auf seinen Stock gestützt stehen bleiben, während Pa ihn über das Feuer hinweg ansah und der Rauch in die windstille Luft stieg. Pa legte das Bündel schließlich auf den Boden, wickelte es auf und breitete die Sachen nebeneinander aus. Brot, Mehl, Kartoffeln. Ein Stück Rollentabak. Die Sachen lagen auf dem Boden wie Abfälle.

Pa sah zu Jingles hoch, der auf dem Pferd sitzen geblieben war.

»Ich hab dich schon früher darum gebeten und ich bitte dich jetzt noch mal«, sagte er. »Du sprichst die Sprache von diesem Burschen. Sag ihm, dass ich es gut meine.«

Man hätte meinen können, Jingles sei taub.

Pa wandte sich an Phillip.

»Komm schon, Junge«, forderte Pa. »Sag ihm guten Tag, weiter nichts.«

Phillip hustete und rieb sich am Hals, als juckte ihn da was.

»Zum Donnerwetter noch mal!«, rief Pa. »Was soll man denn noch tun?«

»Tut mir leid, Mr Thornhill«, sagte Phillip. »Bitte höflichst um Entschuldigung.«

Pas Zorn verrauchte so schnell, wie er in ihm aufgestiegen war.

»Macht nichts, Junge«, sagte er. »Ist schon gut. Bring die Mädchen jetzt zurück, und nimm Star gleich mit.«

Oben auf dem Pferd war ich zum ersten Mal größer als mein Pa.

»Nein, Pa!«, rief ich. »Das ist viel zu weit! Komm mit uns!«

»Los, los, Mädchen«, rief Pa. »Reitet schon mal voraus. Ich komme gleich nach.«

Als wir die Lichtung verließen, warf ich einen Blick zurück. Pa stand noch immer am Feuer, der Mann auf der anderen Seite. Dann drehte sich der Mann um, bückte sich, sodass sein magerer Hintern in der traurigen alten Hose zu sehen war, und verzog sich in die Hütte. Das Letzte, was ich sah, war Pa, wie er allein dort stand und der Rauch um ihn und die auf dem Boden liegenden Lebensmittel herumwirbelte.

»Was ist das, Jingles?«, fragte ich. »Was ist das, was er ihnen gegeben hat?«

Jingles drehte sich nicht um und gab auch keine Antwort.

»Bisschen Proviant, Miss«, sagte Phillip hinter mir.

»Ja«, sagte ich. »Aber warum hat er die Sachen mitgebracht?«

Das war die falsche Frage. Man brauchte nicht zu fragen, warum jemand diesen mageren Menschen Brot und Fleisch brachte.

»Wer sind diese Leute?«, fragte ich. »Sind sie mit euch verwandt?«

»Verwandt mit Jingles«, erwiderte Phillip, aber nicht in seiner üblichen munteren Art. »Durch seine Tante oben am Seitenarm.«

»Oh«, sagte ich.

»Dein Pa bringt ihnen regelmäßig Proviant«, sagte er. »Oder schickt uns damit los. Bei jedem Wetter.«

»Einfach nur, um ihnen was zu geben?«, fragte ich.

»Genau«, sagte Phillip. »Einfach nur, um ihnen was zu geben.«

Musste wohl eine dieser Christenpflichten sein, dachte ich. War mir zwar noch nie aufgefallen, dass Pa sich um kirchliche Dinge scherte, aber was hätte es sonst sein sollen?

»Warum haben sie die Sachen dann auf dem Boden liegen lassen?«, fragte ich.

Das war nur der Anfang der Fragen, die mich beschäftigten, aber Phillip tat so, als hätte er mich nicht gehört.

»Arme alte Leute, dein Pa mag sie nicht darben sehen. Hat mir mal erzählt, er weiß, wie es ist, einen leeren Bauch zu haben. Ihr jungen Damen habt bestimmt noch nie gehungert, was? Kriegt heute bestimmt ’ne schöne Hammelkeule, schätze ich mal.«

Womit er natürlich vom Thema ablenkte. Und Mary warf sofort eifrig ein, dass sie Mrs Devlin bei der Zubereitung der Lammkrone helfen würde. Mit Rosmarin und Zwiebeln und neuen Kartoffeln.

Als wir zu Hause waren, setzte ich mich auf den Hackklotz im Hof und wartete auf Pa. Mit schweren Schritten, als wäre er müde, kam er schließlich angestapft. Ohne mich zu bemerken, bückte er sich, um den Dreck von seinen Stiefeln abzukratzen. Seine Miene war so bedrückt, dass ich es für besser hielt, ihn nicht anzusprechen. Er ging zur Hintertür und zog seine Stiefel aus. Wollte gerade auf Strümpfen reingehen, doch da erblickte er mich.

»Du hast aber lange gebraucht, Pa«, sagte ich.

Er tappte über die Steinplatten auf mich zu und ging vor mir in die Hocke.

»Das sind arme Seelen, Dolly«, sagte er. »Arme, hilflose Seelen. Sterben langsam aus wie ihre gesamte Rasse.«

Dieser starre Blick aus seinen blauen Augen.

»Ich möchte ihnen gern was geben, Dolly«, sagte er. »Um ihr Dahinscheiden zu erleichtern. Aber sie wollen’s nicht nehmen. Na ja, sie nehmen es, sobald ich weg bin. Nehmen es und essen es. Andernfalls würden sie schon längst verhungert sein. Aber sie nehmen’s nicht von mir. Nicht aus meiner Hand.«

Sein Gesicht verzog sich auf einmal so seltsam, und ich dachte schon, er müsse lachen, aber er holte nur seufzend Luft.

»Deine Mutter hat sich für sie eingesetzt, Dolly«, fuhr er fort. »Ich musste es ihr versprechen. Deshalb hast du mich dort gesehen. Deshalb stehe ich da und bettle sie an.«

Seine Stimme klang, als schnürte ihm beim Sprechen etwas die Kehle zu. Schlagartig war er ein alter Mann geworden, sein Blick leer und düster.

»Stehe da und bettle sie an«, wiederholte er. »Komme eine Woche später wieder, mache es erneut. Wegen deiner Mutter.«

Nach dem letzten Wort stieg ihm etwas in die Kehle, das ihn nicht mehr weitersprechen ließ, und er brach ab.

»Bei Gott, Dolly«, sagte er mit einer Stimme, die nur noch ein Krächzen war. »Bei Gott, ich wünschte, man könnte die Zeit bis zu jenem Tag zurückdrehen und ihn anders ausgehen lassen.«

Bis zu welchem Tag?, dachte ich. Wie anders ausgehen lassen?

»Ist das Bettelei, Pa?«, fragte ich. »Wenn du ihnen was gibst? Oder Christenpflicht?«

Er räusperte sich heftig, um die Kehle freizubekommen. Machte dann einen so tiefen Atemzug, dass ich die Luft bis nach unten strömen hörte. Er richtete sich auf und berührte mich leicht am Scheitel.

»Tja«, sagte er. »Deine Ma sieht das anders, Dolly.«

Seine Stimme klang wieder normal.

»Wenn man damals noch nicht hier war, weiß man nichts davon«, sagte er. »Deine Ma war damals noch nicht hier, deshalb weiß sie’s auch nicht. Deshalb muss ich mich ihr in dieser einen Sache widersetzen.«

Als er sich aufgerichtet hatte, hob er den Fuß, um die Unterseite des Strumpfes zu betrachten, mit dem er über die Steinplatten gelaufen war.

»Deiner Ma würde das nicht gefallen«, sagte er. »Dass ihr Mädchen dort hingeht. Ich hätt euch nicht mitnehmen sollen. Brauchst ihr nicht zu erzählen, wo ihr heute gewesen seid, Dolly. Ich werde Jingles sagen, er soll in Zukunft den anderen Weg nehmen, wenn ihr mit den Ponys ausreitet.«

Er ging zur Hintertür zurück, zog die Strümpfe aus, legte sie auf seine Stiefel und ging mit seinen großen nackten Füßen ins Haus.

Was er mir da erzählt hatte, war einfach nur vernünftig. Man konnte nicht zusehen, wie Menschen verhungerten.

Aber weshalb hatte sich sein Gesicht so schrecklich verzogen? Als würde ihn ein Tier von innen zerfressen?