Cover

Elizabeth Fremantle

DAS SPIEL DER
KÖNIGIN

Roman

Aus dem Englischen
von Sabine Herting

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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»Queen’s Gambit« im Verlag Michael Joseph,
published by the Penguin Group, London.


Copyright © 2013 by Elizabeth Fremantle

Copright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014
beim C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: bürosüd

Covermotiv: Richard Jenkins Photography

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12384-0
V003

www.cbertelsmann.de

Für Alice und Raffi

Prolog

Charterhouse, London,
Februar 1543

Der Notar riecht nach Staub und Tinte. Wie kommt es wohl, überlegt Latymer, dass, wenn ein Sinn nachlässt, ein anderer schärfer wird. Alles steigt ihm in die Nase, der Biergeruch im Atem des Mannes, der Hefeduft des Brots, das unten in der Küche gebacken wird, der Geruch des feuchten Fells von Rig, des Spaniels, der sich am Kamin behaglich zusammengerollt hat. Aber sehen kann er kaum etwas, das Zimmer erscheint ihm verschwommen, und der Mann, der sich mit einem verzerrten Lächeln über sein Bett beugt, ist nur eine schemenhafte, dunkle Gestalt.

»Hier unterschreiben, my Lord«, sagt er in einem Ton, als redete er mit einem Kind oder einem Idioten.

Veilchenduft weht an sein Bett. Es ist Katherine, seine liebe, liebe Kit.

»Lass mich dir helfen, John«, sagt sie, als sie ihn aufsetzt und ihm ein Kissen in den Rücken stopft.

Ohne jede Anstrengung zieht sie ihn nach vorn. Er muss in diesen letzten Monaten stark abgenommen haben. Kein Wunder mit dieser Geschwulst in den Eingeweiden, die hart und rund ist wie eine spanische Pampelmuse. Die Bewegung löst eine Welle qualvollen Schmerzes aus, sie steigt in ihm auf und durchdringt seinen ganzen Körper, sodass ihm ein unmenschliches Stöhnen entfährt.

»Mein Liebster.« Katherine streicht ihm über die Stirn.

Ihre Berührung kühlt. Der Schmerz bohrt sich tiefer in ihn hinein. Er hört an dem Klirren, dass sie die Tinktur vorbereitet. Der Löffel blitzt auf, als das Licht sich in ihm bricht. Kühles Metall berührt seine Lippen, und etwas tröpfelt in seinen Mund. Der lehmige Geruch weckt in ihm die ferne Erinnerung an Ritte durch den Wald – und Trauer: Die Zeiten des Reitens sind für ihn vorbei. Er fürchtet, sein Schlund sei zu eng, um schlucken zu können, und der Schmerz könnte wieder heftiger werden. Er ist zwar etwas abgeklungen, aber noch ist er da, ebenso wie der Notar, der peinlich berührt unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Latymer fragt sich, warum der Mann so wenig an derartige Situationen gewöhnt ist, wo er doch mit Testamenten seinen Lebensunterhalt verdient. Katherine streicht ihm über die Kehle, und die Tinktur rinnt hinunter. Bald wird sie ihre Wirkung tun. Seine Gemahlin hat eine Gabe für Arzneien. Er hat gegrübelt, welchen Trunk sie zusammenbrauen könnte, um ihn von diesem seinen nutzlosen Kadaver zu befreien. Sie wüsste genau, welche Kräuter geeignet wären. Schließlich könnte jede Pflanze, die sie verwendet, um seine Schmerzen zu lindern, bei entsprechender Dosierung einen Menschen umbringen – ein bisschen mehr hiervon oder davon, und schon wäre es geschehen.

Doch wie kann er sie darum bitten?

Er bekommt eine Feder zwischen die Finger gedrückt, und seine Hand wird zu den Papieren geführt, damit er sein Zeichen daraufsetzt. Sein Gekritzel wird Katherine zu einer Frau mit beträchtlichem Vermögen machen. Er hofft, es möge nicht dazu führen, dass ihr die Mitgiftjäger die Tür einrennen. Noch ist sie jung genug, gerade mal über dreißig, und ihr Charisma, das ihn – den damals schon älteren Witwer – sich so hoffnungslos in sie verlieben ließ, umstrahlt sie noch immer wie ein Heiligenschein. Sie hatte nie die gewöhnliche Schönheit der Frauen anderer Männer. Nein, ihr Reiz ist vielschichtig und erblüht mit zunehmendem Alter immer mehr. Doch Katherine ist zu gescheit, um auf einen redegewandten Schwerenöter hereinzufallen, der nach dem Vermögen einer Witwe schielt. Er verdankt ihr unglaublich viel. Wenn er daran denkt, wie sehr sie seinetwegen gelitten hat, möchte er weinen, aber nicht einmal mehr dazu ist sein Körper in der Lage.

Snape Castle, seinen Landsitz in Yorkshire, hat er ihr nicht überschrieben, sie würde ihn nicht haben wollen. Sie sei froh, hat sie viele Male betont, wenn sie das Schloss niemals wieder betreten müsse. Der junge John wird Snape erben. Latymers Sohn ist nicht ganz der Mann geworden, den er sich erhofft hatte, und oft hat er überlegt, was für ein Kind er mit Katherine wohl gehabt hätte. Doch dieser Gedanke wird stets von der Erinnerung an den toten Säugling überschattet, dieses verfluchte Kind, das gezeugt wurde, als die katholischen Rebellen Snape plünderten. Er kann es nicht ertragen, sich auch nur vorzustellen, wie dieses Baby entstanden ist und dass der Vater ausgerechnet Murgatroyd war, den er als Jungen oft zur Hasenjagd mitgenommen hat. Ein netter Bursche damals, der noch nichts von dem Rohling an sich hatte, der er einmal werden sollte. Latymer verflucht den Tag, an dem er seine Frau mit seinen Kindern allein ließ, um bei Hofe vom König die Begnadigung zu erbitten; er verflucht die Schwäche, die ihn überhaupt erst dazu verleitete, sich auf die Rebellen einzulassen. Sechs Jahre sind seither vergangen, doch die Ereignisse dieser Zeit sind in seine Familiengeschichte eingemeißelt wie Worte auf einem Grabstein.

Katherine streicht die Bettdecke glatt und summt eine Melodie; eine, die er nicht erkennt oder an die er sich nicht erinnert. Liebe wogt in ihm auf. Seine Vermählung mit ihr war eine Liebesheirat, für ihn jedenfalls. Doch er hatte versäumt, etwas zu tun, das Männer tun müssen: Er hatte sie nicht beschützt. Katherine hatte nie darüber gesprochen. Er hätte gewollt, dass sie geschrien und ihn ihren Zorn hätte spüren lassen – dass sie ihn gehasst und angeklagt hätte. Doch sie war ruhig und beherrscht geblieben, als ob nichts geschehen wäre. Und ihr Bauch wölbte sich und verhöhnte ihn. Erst als das Kind zur Welt kam und innerhalb einer Stunde starb, sah er die verwischten Tränen auf ihrem Gesicht. Und doch wurde nie ein Wort darüber verloren.

Seine Strafe ist das Geschwür, das ihn nun langsam auffrisst; und alle Buße, die er tun kann, ist, sie reich zu machen. Wie kann er sie um noch etwas bitten? Wenn sie auch nur einen Augenblick in seinen zerstörten Körper schlüpfen könnte, würde sie sein Begehr fraglos erhören. Es wäre ein Gnadenakt, und sicher ist nichts Sündhaftes daran.

Nachdem sie den Notar zur Tür hinausbegleitet hat, schwebt sie zurück, um sich zu ihm zu setzen. Sie nimmt ihre Haube ab, legt sie an das Fußende des Betts, reibt sich mit den Fingerspitzen die Schläfen und schüttelt ihre tizianroten Haare. Ihr Duft nach getrockneten Blumen dringt zu ihm, und er sehnt sich danach, sein Gesicht in ihnen zu vergraben, wie er es einst gern getan hat. Sie nimmt ein Buch und beginnt leise zu lesen, das Latein kommt ihr leicht über die Lippen. Erasmus. Sein Latein ist zu eingerostet, als dass er den Sinn erfassen könnte; er müsste sich an dieses Buch erinnern, aber er kann es nicht. Sie ist seit jeher gebildeter als er, auch wenn sie es verhehlt; nie hat sie sich in den Vordergrund gedrängt.

Ein zögerliches Klopfen an der Tür unterbricht sie. Es ist Meg, an der Hand jenes einfältige Kammermädchen, dessen Name ihm entfallen ist. Arme kleine Meg, seit Murgatroyd und seine Leute hier waren, ist sie schreckhaft wie ein Fohlen, sodass er sich manchmal gefragt hat, was womöglich auch ihr angetan wurde. Mit wildem Schwanzwedeln springt der kleine Spaniel auf und windet sich um die Beine des Mädchens.

»Vater«, flüstert Meg und gibt ihm einen Frühlingswiesenkuss auf die Stirn. »Wie geht es dir?«

Er hebt die Hand, ein großes totes Stück Treibholz, und legt sie angestrengt lächelnd auf ihre weiche, junge Haut.

Sie schaut zu Katherine. »Mutter, Huicke ist da.«

»Dot«, wendet sich Katherine an das Kammermädchen, »führst du den Doktor bitte herein?«

»Ja, my Lady.« Sie dreht sich mit raschelnden Röcken um und geht zur Tür.

»Und, Dot …«, setzt Katherine hinzu.

Das Kammermädchen bleibt an der Schwelle stehen.

»… bitte einen der Burschen, noch mehr Holz für das Feuer zu bringen. Wir sind schon beim letzten Scheit.«

Dot knickst und nickt.

»Heute hat Meg Geburtstag, John«, sagt Katherine. »Sie ist jetzt siebzehn.«

Er fühlt sich wie ausgegrenzt, denn er will sie klar sehen und den Ausdruck ihrer haselnussbraunen Augen deuten können, doch die Einzelheiten verschwimmen vor ihm. »Meine kleine Margaret Neville, eine Frau … siebzehn.«

Seine Stimme ist ein Krächzen. »Irgendjemand wird sich mit dir vermählen wollen. Ein feiner junger Herr.« Es trifft ihn wie eine Ohrfeige – er wird den Mann seiner Tochter nie kennenlernen.

Meg wischt sich die Augen.

Huicke huscht in das Gemach. Er ist in dieser Woche jeden Tag hier gewesen. Es wundert Latymer, dass der König einen seiner Leibärzte schickt, um ihn, einen beinahe in Ungnade gefallenen Lord aus dem Norden, zu umsorgen. Katherine deutet es als Zeichen, dass er tatsächlich begnadigt worden ist. Aber es ergibt keinen Sinn, und er kennt den König gut genug, um zu vermuten, dass diese Geste einem anderweitigen Zweck dient, auch wenn er nicht mit Bestimmtheit sagen kann, welcher das sein könnte.

Der Arzt nähert sich als schmaler schwarzer Schatten seinem Bett. Meg verabschiedet sich mit einem weiteren Kuss. Huicke schlägt die Bettdecke zurück, worauf ein fauliger Gestank entweicht; dann tastet er mit Schmetterlingsfingern das Geschwür ab. Latymer hasst diese Hände in Glacéhandschuhen. Er hat nie erlebt, dass Huicke die Handschuhe einmal abgestreift hätte. Sie sind fein und ledrig wie menschliche Haut, und darüber trägt er einen Ring mit einem Granat von der Größe eines Augapfels. Latymer verabscheut den Mann über die Maßen wegen dieser Handschuhe, wegen der Tücke, mit der sie vorgeben, Hände zu sein, und weil er sich ihretwegen unsauber fühlt.

Stechende Schmerzen hacken auf ihn ein, sein Atem wird schnell und flach. Huicke schnuppert an einer Phiole, die mit irgendetwas gefüllt ist – vermutlich mit seinem Urin –, und hält sie gegen das Licht, während er leise mit Katherine spricht.

In der Nähe dieses jungen Arztes erstrahlt sie. Er ist zu exzentrisch und weibisch, um eine tatsächliche Bedrohung darzustellen, doch Latymer hasst ihn auch wegen seiner Jugend und seiner Zukunft, nicht nur wegen seiner behandschuhten Hände. Er muss recht brillant sein, wenn er in seinem Alter bereits dem König dienen darf. Huickes Zukunft scheint wie ein Festmahl vor ihm angerichtet zu sein, während seine eigene bereits verzehrt ist. Latymer dämmert ein, das Geflüster säuselt über ihn hinweg.

»Ich habe ihm etwas Neues gegen die Schmerzen gegeben«, sagt sie. »Silberweidenrinde und Herzgespannkraut.«

»Ihr habt medizinisches Gespür«, erwidert Huicke. »Mir wäre nie der Gedanke gekommen, beides zusammen zu verabreichen.«

»Kräuter interessieren mich. Ich habe meinen eigenen kleinen Kräutergarten …« Sie zögert ein wenig. »Ich mag es, die Dinge wachsen zu sehen, und ich besitze Bankes’ Buch.«

»Bankes’s Herbal, das ist das beste von allen. Jedenfalls meiner Meinung nach, doch die akademische Welt schätzt es gering.«

»Vermutlich hält man es für ein Buch für Frauen.«

»Ja, tatsächlich«, sagt er. »Und genau deshalb befürworte ich es. Meiner Meinung nach wissen Frauen mehr über die Heilkunst als alle Gelehrten von Oxford und Cambridge zusammen, auch wenn ich diese Ansicht im Allgemeinen für mich behalte.«

Latymer durchzuckt ein Schmerz wie ein Blitz, er ist noch stechender als der letzte, er scheint ihn zu zerreißen. Er hört einen Schrei, erkennt kaum, dass es sein eigener ist. Sein Schuldgefühl bringt ihn um. Der Krampf weicht schließlich einem dumpfen Schmerz. Huicke ist gegangen, und er vermutet, dass er eingeschlafen sein muss. Plötzlich überfällt ihn ein überwältigendes Gefühl der Eile. Er muss seine Bitte vorbringen, ehe ihn die Fähigkeit zu sprechen verlässt, doch in welche Worte soll er sie fassen?

Überrascht von seiner eigenen Kraft greift er nach Katherines Handgelenk und röchelt: »Gib mir mehr von der Tinktur.«

»Das kann ich nicht, John«, antwortet sie. »Ich habe dir bereits so viel gegeben, wie möglich ist. Mehr wäre …« Ihre Worte versiegen.

Er umklammert sie noch fester und keucht: »Genau das will ich, Kit.«

Sie schaut ihm ins Gesicht und schweigt.

Er glaubt, ihre Gedanken wie ein Uhrwerk arbeiten zu sehen; sie wird überlegen – so vermutet er –, wo in der Bibel eine Rechtfertigung für so eine Tat zu finden sei; wie sie ihre Seele damit versöhnen könne; dass sie das an den Galgen bringen könne; dass sie aber, wenn er ein vom Hund aufgestöberter Fasan wäre, kein Problem hätte, ihm gnadenhalber den Hals umzudrehen.

»Was du von mir verlangst, wird uns beide in ewige Verdammnis stürzen«, flüstert sie.

»Ich weiß.«