Cover

Corinna Kastner wurde 1965 in Hameln geboren. Sie arbeitet am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover und fühlt sich an der Ostsee am wohlsten. Besonders das Fischland inspiriert sie sowohl schriftstellerisch als auch fotografisch. Seit 2005 veröffentlicht sie schauplatzorientierte Spannungsromane und seit 2012 ihre Küsten Krimis »Fischland-Mord«, »Fischland-Rache«, »Fischland-Feuer«, »Fischland-Verrat«, »Bodden-Tod«, »Fischland-Angst«, »Bodden-Nebel« und »Fischland-Lügen«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. In diesem Roman tauchen viele Namen auf, die so oder ähnlich auf dem Fischland gebräuchlich sind. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2021 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Corinna Kastner

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Dr. Marion Heister

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-775-0

Küsten Krimi

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Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH, Autoren- und Verlagsagentur. www.ava-international.de

Für Jörg

Karte

1

Sommer 1931

Vorsichtig schob Lilli den schweren roten Samtvorhang in der Mitte ein kleines Stück auseinander und lugte durch den Spalt. Rechts auf der kleinen Bühne spielte Alfred an seinem Klavier »Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n«. Ihr Blick glitt von Alfred weiter in den gut besuchten Zuschauerraum. An den Tischen saßen zumeist plaudernde Paare, die Damen in langen, eng anliegenden und ärmellosen Abendkleidern von schlichter Eleganz. Einige trugen dazu weiße Handschuhe bis über die Ellbogen. Auch wenn das ausgesprochen vornehm aussah, beneidete Lilli sie an diesem warmen Sommerabend nicht darum, ganz zu schweigen von jener Dame, über deren Schultern eine mondäne dunkelblaue Jacke mit voluminösem Pelzkragen hing.

Obwohl sie selbst in einem schulterfreien schwarzen Phantasiekleid mit flatternden grünen und orangefarbenen Volants steckte und ihre Arme gänzlich unbedeckt waren, brach Lilli der Schweiß aus. Hervorgerufen von dem Anblick des Pelzkragens oder von der Nervosität vor ihrem Auftritt. Oder von dem heißen Atem, den sie plötzlich in ihrem Nacken spürte.

»Ist er da?«, flüsterte Leo hinter ihr und legte seinen Arm um ihre Taille.

»Der Ministerpräsident?«, gab Lilli zurück, wenngleich ihr klar war, dass der Leo gerade weniger interessierte. Der Ministerpräsident des Freistaates Mecklenburg-Schwerin war, sofern er es einrichten konnte, an jedem Abend da, an dem sie auftrat. Meistens konnte er es leider einrichten.

»Lilli, mein Herz, du weißt, wen ich meine.« Leo sprach noch leiser, seine Lippen so dicht an ihrem Ohr, dass die Berührung sie kitzelte.

Sie hatte den Herren an den Tischen bisher weniger Beachtung geschenkt, trotzdem war ihr natürlich der Mann in der hintersten Ecke des Saales aufgefallen, kaum dass sie durch den Vorhang gespäht hatte. Nun richtete sie bewusst ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Im Gegensatz zu den anderen, die in schwarzem Frack mit Weste und Fliege neben ihren Damen saßen, trug dieser Mann zu seinem weißen Hemd eine schwarze Krawatte, darüber ein schwarzes Jackett und dazu eine graue Nadelstreifenhose. Er sah perfekt darin aus, wie er überhaupt mit seinen dunklen Haaren, dem hageren Gesicht und der markanten Nase äußerst anziehend wirkte. Der Blick aus seinen grünen Augen dagegen war Lilli unheimlich, wann immer sie ihm begegnete – forschend, als würde er in sie hineinsehen. Ihr sechster Sinn sagte ihr, dass der Mann auf irgendeine Weise gefährlich war.

Zur Sekunde stand sie viel zu weit entfernt, um sagen zu können, ob seine Augen auch jetzt die Umgebung so intensiv taxierten. Genau in dem Moment jedoch spürte er offenbar, dass er beobachtet wurde. Er wandte sich zur Bühne, schaute sie direkt an.

Erschrocken ließ sie den Samtvorhang zufallen, drehte sich zu Leo um und trat ihm dabei auf den linken Fuß.

»Au, verflucht! Du ruinierst mir meine besten Schuhe, Lilli!« Er zwinkerte ihr zu. »Also, was ist? Ist er da?«

Sie schluckte trocken und nickte.

Lässig steckte Leo seine Rechte in die Hosentasche. Seine Worte klangen dagegen eher angespannt als lässig. »Ich wüsste allmählich wirklich gern, wer er ist.«

Der Unbekannte war alles in allem nicht annähernd so häufig bei ihren Vorstellungen gewesen wie der Ministerpräsident, aber eben doch auffallend oft. Jedes Mal war er anschließend so schnell wieder verschwunden, dass keine Chance bestanden hatte, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Bis jetzt, wo er, einige Zeit nach Lilli und Leo, im Fischländer Strand-Hotel abgestiegen war.

»Wolltest du nicht seinen Namen herausfinden?«

»Bin dabei«, sagte Leo. »Der kleine Page wird für mich – oder besser für ein großzügiges Trinkgeld – einen Blick ins Reservierungsbuch werfen. Etwas sagt mir allerdings, dass, was immer da steht, ein Nom de Plume ist.«

»Weshalb sollte er sich einen falschen Namen zulegen?«

Leo runzelte die Stirn. »Na, was glaubst du wohl? Die Konkurrenz schläft nicht.«

»Sprich doch mal mit dem Empfangschef«, schlug Lilli vor, »vielleicht weiß der mehr.«

»Zwecklos. Der Mann ist die Diskretion in Person, sagt der Page. Kein Klatsch, kein Tratsch, kein Nichts. Zu wie eine Auster. Es könnte –«

»Noch drei Minuten«, wurde er vom vorübereilenden Conférencier Fritz unterbrochen.

Es gelang Leo, ihn gerade noch so am Ärmel zu packen. »Wieso drei Minuten? Lilli ist erst als Zweite dran. Was ist mit den Fliegenden Holländern?«

Ein irritierter Ausdruck machte sich auf Fritz’ Gesicht breit. »Hat euch das niemand gesagt? Piet ist heute Nachmittag an unserem schönen Ostseestrand auf eine scharfkantige Muschel getreten. Seine Fußsohle sieht übel aus, er kann nicht auf die Bühne. Lilli muss als Erste raus und fünfzehn Minuten länger Programm machen.«

»Fünfzehn Minuten?«, wiederholte Leo und wandte sich an Lilli. »Kriegst du das hin?«

Schon längst hatte Lilli im Kopf überschlagen, wie sie ihren Auftritt umgestalten würde. Fünfzehn Minuten waren gar nichts, sie hätte den ganzen Abend füllen können. Aber sie tat, was Leo von ihr erwartete.

»Ich weiß nicht …«, sagte sie zögernd.

Fritz rollte mit den Augen. »Wir wissen alle, dass du das hinkriegst, nicht wahr, Kleines? Wir haben dich bei den Proben gesehen.« Er kniff ihr in die Wange und grinste. »Die Direktion lässt ausrichten, dass die Gage entsprechend höher ausfällt.«

»Wie viel höher?«, erkundigte sich Leo angelegentlich.

»Hoch genug, Herr Radtke, hoch genug.« Aus seiner Tasche zog Fritz einen Scheck und wedelte damit vor Leos Augen herum.

Leo erwischte den Scheck, warf einen Blick darauf und gab scheinbar widerwillig sein Einverständnis. »Falls Lilli morgen noch mal einspringen muss, erwarten wir ein paar Mark mehr.«

»Wir werden sehen.« Fritz schaute auf seine silberne Taschenuhr, richtete sich kerzengerade auf, schlug mit Grandezza den Vorhang zur Seite und betrat die Bühne, wo Alfreds Klaviertöne gerade verklangen.

»Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, und herzlich willkommen zum Varieté im Strand-Hotel. Einige von Ihnen, insbesondere unsere geschätzten Stammgäste, wissen, dass wir in der Urlaubssaison keine Kosten und Mühen scheuen, Sie dreimal die Woche mit einem atemberaubenden und natürlich jeden Abend anderen Programm zu unterhalten. Unsere Künstler kommen aus aller Herren Länder und sind auf internationalen Bühnen zu Hause.«

Hinter dem Vorhang kicherte Lilli leise. Nicht mal Piet von den Fliegenden Holländern kam tatsächlich aus den Niederlanden. Aber Klappern gehörte zum Handwerk, das Publikum wollte betrogen werden. Es wollte … Wie hieß dieses englische Wort, das Leo ständig benutzte? Show. Es wollte Show und Illusion. Und die bekam es. Wenn Lilli sich mit einem auskannte, dann mit Illusion. In mehrfacher Hinsicht. In vielfacher Hinsicht gar. Sie seufzte.

Dann hörte sie, wie Fritz zum Schluss seiner Begrüßungsrede kam. Gleich würde er sie ankündigen. Lilli schaltete alles andere aus. Ihre Sorgen. Den Ministerpräsidenten. Den geheimnisvollen Unbekannten ganz hinten im Publikum. Alles unwichtig, nur noch ihr Auftritt zählte.

»Verehrte Damen und Herren, lassen Sie sich verzaubern von der faszinierendsten und wunderschönsten Taschenspielerin Italiens. Begrüßen Sie mit mir und mit einem warmen Applaus – Lilli Collina!«

2

Paul lehnte in der weit offen stehenden Terrassentür und starrte abwesend hinaus in den Garten. Als über ihm eine Möwe kreischte, schrak er zusammen und hätte beinah das Telefon fallen lassen, das er noch immer in der Hand hielt. Seit mindestens einer Viertelstunde stand er hier und dachte über das Gespräch nach und über die möglichen Konsequenzen der eigentlich guten Nachricht. Gut? Hervorragend wäre passender ausgedrückt. Dennoch bereitete ihm die Neuigkeit Bauchschmerzen.

Er trat hinaus auf die Terrasse und legte das Handy auf den Tisch neben die Vase, die Kassandra mit einem Strauß aus lila Duftnesseln, gelben Sonnenaugen und Schafgarbe gefüllt hatte. Auf dem Rasen angekommen, legte er den Kopf in den Nacken, richtete seinen Blick in den fast wolkenlosen Himmel und schloss die Augen. Er spürte den leichten Wind auf seiner Haut, hörte in der Ferne ganz leise die See rauschen und versuchte, an gar nichts zu denken. Was ihm nicht gelang. Er wusste nicht, was er tun sollte, und konnte niemanden um Rat fragen. Unwillig über diesen letzten Gedanken öffnete er die Augen wieder. Sein Blick fiel auf eine zarte Kartoffelrosenblüte in der Hecke, die den Garten umschloss. Natürlich gab es Menschen, die er um Rat fragen konnte, Kassandra an allererster Stelle. Nur die Entscheidung musste er am Ende ganz allein fällen.

Er wollte schon ins Haus zurückgehen, hielt aber nach zwei Schritten inne. Kassandra stand in der Terrassentür. Ihren Ausdruck konnte er nicht erkennen, ihr Gesicht lag im Schatten. Erst als er näher kam und direkt vor ihr stehen blieb, sah er die Besorgnis in ihrem Gesicht.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, wollte sie wissen.

Sie kannte ihn zu gut. »Warum sollte es das nicht sein?«, fragte er dennoch.

Kassandras Lächeln fiel tiefgründig aus. »Sag du’s mir.«

Mit dem Zeigefinger strich Paul über Kassandras Wange. Er wusste, dass sie diese Berührung liebte und sie wie er auch als intimer empfand als jede andere Geste außerhalb des Schlafzimmers. Sein Finger malte die Konturen ihrer Halsbeuge nach und verfing sich in der zarten silbernen Kette mit dem hellblau schimmernden Muschelanhänger, den er ihr vor Jahren geschenkt hatte. Dass sie ihn trug, bedeutete ihm viel. Noch vor einem Jahr hätte er nicht sein letztes Hemd darauf verwettet. Noch vor einem Jahr hatte er befürchtet, sie zu verlieren. Ein Blick in ihre Augen sagte ihm, dass es dafür keinen Grund mehr gab.

Er holte tief Luft. »Meine Agentur hat angerufen.«

»Ja und?«, fragte Kassandra ratlos. »Du hast in den letzten Jahren mit allen deinen Romanen auf den Bestsellerlisten gestanden. Die werden doch keine Schwierigkeiten haben, dein nächstes Projekt zu verkaufen. Jeder Verlag, der was von dir ablehnt, wäre hochgradig dämlich.«

Trotz allem musste Paul grinsen. »Das ist schön formuliert, Kassandra, Liebes.« Dann wurde er ernst. »Nein, es ging nicht um das neue Projekt, es ging um ›Tiefes Meer‹.« Diesen Roman hatte er abgegeben, kurz nachdem sie letztes Jahr den Fall um den dubiosen Verkauf des Norderfelds und den damit verbundenen Mord gelöst hatten – und ihre eigenen sehr persönlichen Probleme. Nach einigen Thrillern war er mit »Tiefes Meer« zurückgekehrt zu seinen poetischen Geschichten um die Menschen und die See, mit denen er seine ersten Erfolge gefeiert hatte. Der Roman hatte monatelang auf Platz eins diverser Bestsellerlisten gestanden. Und jetzt das. »Es soll mit dem Deutschen Lit-Preis ausgezeichnet werden.«

Kassandras Augen weiteten sich, sie begann zu strahlen. »Paul! Das ist großartig! Und so verdient! ›Tiefes Meer‹ ist das Beste, was du je geschrieben hast!« Sie fiel ihm um den Hals.

Falls das stimmte, verdankte er es kurioserweise der schwierigen Situation, in der er sich beim Schreiben befunden hatte. In diesem Roman um einen Seemann, der sich hin- und hergerissen fühlte zwischen der Liebe zur See und der Liebe zu einer Frau, die er fürchtete zu verlieren, steckte viel von ihm selbst. Viel von seinen Gefühlen, von seinem Glück, vor allem aber von seinen Zweifeln, seiner Angst, seinem Zorn. Viel mehr als sogar Kassandra ahnte. Hoffte er jedenfalls.

Das Problem allerdings war anders gelagert. Er spürte, wie Kassandra es langsam begriff, als sie sich von ihm löste.

»Der Lit-Preis ist einer der wichtigsten nationalen Literaturpreise, manche sagen sogar: der wichtigste«, stellte sie fest und biss sich nachdenklich auf die Lippe. »Das wird also einigen Wirbel hervorrufen, und entsprechend wird Deutschland erfahren, wer Alexander Hardenberg ist.«

Paul nickte. Bei seinem allerersten Projekt war der Verlag der Meinung gewesen, dass Paul Freese als Autorenname nicht zog und dass außerdem sein Äußeres nicht ansprechend genug sei, um das Buch zu vermarkten. Das Pseudonym Alexander Hardenberg war aus der Taufe gehoben worden, zusammengesetzt aus dem Vornamen seines Großvaters und dem Nachnamen seiner Großmutter. Als Autorenfoto hatte er ein Bild seines Vaters Joachim ausgewählt, der ein attraktiver Mann gewesen war, und das alles hatte man mit einer fiktiven Biografie ausgestattet. Paul ging nie mit einem Roman auf Lesereise, was ihm nicht schwerfiel, denn er konnte nicht sonderlich gut vorlesen. Kassandra war da zwar anderer Meinung, aber er ließ sich nicht von seiner abbringen und diskutierte mit den Lesern lieber im Netz. Er gab nie Fernseh-, sondern nur Radiointerviews, was ihm ebenso recht war. Und so wusste außerhalb des Fischlandes kaum jemand von der wahren Identität Alexander Hardenbergs.

»Was willst du tun?«, fragte Kassandra.

»Ich weiß es nicht. Wenn ich den Preis annehme, kann ich einen Auftritt in der Öffentlichkeit nicht vermeiden.«

»Befürchtest du, dass deine Leser das Pseudonym und die falsche Bio als Betrug betrachten könnten?«

»Nein.« Falls es Leute gab, denen der Name auf seinen Büchern wichtiger war als das, was drinstand, konnte er es nicht ändern. Es ging ihm um etwas anderes. »Ich habe nichts gegen den Hype um meine Romane, im Gegenteil, es ist phantastisch, dass die Leser sie lieben. Ich denke eher daran, dass …« Er zögerte.

Wie so oft, verstand Kassandra ihn auch diesmal, ohne dass er es aussprechen musste. »Du willst keinen Rummel um dich, und dem könnte weder das Fischland noch könntest du ihm entgehen, wenn alle wissen, wer du bist und wo sie dich finden.«

»Hm«, machte er zustimmend. »Der Gedanke ist wohl sehr vermessen und arrogant, was?«

Kassandra lachte. »Du hast womöglich den einen oder anderen kleinen Fehler, aber Arroganz gehört nicht dazu.«

»Ich hab Fehler?«, fragte er gespielt empört. »Welche?«

»Lass mich nachdenken …« Sie machte ein grüblerisches Gesicht und seufzte. »Mir fällt keiner ein.« Plötzlich griente sie. »Das heißt, doch, du hast schon viel zu lange keinen Fischsalat mehr gezaubert. Wie wär’s mit heute Abend? Ich meine, solange du noch in Wustrow dafür einkaufen kannst, ohne von Fans über den Haufen gerannt zu werden.«

Paul zog eine Grimasse, lächelte dann jedoch. Kassandra hatte recht, es half, die Sache mit Humor zu nehmen. »Alles, was ich dafür brauche, habe ich zu Hause, abgesehen vom Fisch. Ich frage Bruno nach seinem Fang.«

»Dann frag ihn gleich, ob er auch Lust auf den Salat hat, vielleicht kann er dir beim Essen raten, was du tun sollst. Schließlich war er es, der dich überhaupt dazu gebracht hat, aus deinen ersten Fischländer Anekdoten ein Buchmanuskript zu machen.«

»Guter Plan.«

Auf dem Weg zur Seebrücke, wo er Bruno bei dem heutigen Angelwetter garantiert antreffen würde, machte Paul an seinem Lieblingsplatz halt – den Booten, die unterhalb der Dünen am Strand lagen. Er setzte sich auf eines davon und schaute über die See.

Geschichten erzählen war seit Langem seine Leidenschaft, und wie viele Schriftsteller schätzte er das zuweilen einsame Leben am Schreibtisch. Trotzdem machte ihm auch die Kommunikation mit den Lesern Spaß, wenn sie sich ergab. Das war meist dann der Fall, wenn ein neuer Roman erschienen war, und spielte sich online in Leserunden oder über seine Website ab. Was bedeutete, er konnte diese Kommunikation selbst steuern und –

»Hallo, Herr Freese!« Vorn am Wasser stand Siegfried Streblow und winkte ihm zu. Der Direktor vom Grandhotel Dünentraum genoss die Mittagspause in der Sonne.

Paul winkte zurück, Streblow lief weiter, und dabei blieb es. Von niemandem wurde Paul weiter beachtet. War das, was er befürchtete, übertrieben? Schriftsteller waren keine Filmstars, man konnte nicht davon ausgehen, dass an jeder Ecke Paparazzi lauerten und Leser alle zwei Minuten um Autogramme baten. Andererseits hatte er von schlechten Erfahrungen einiger Kollegen gehört, die beklagt hatten, dass sogar ihre Lebenspartner schon in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Ausnahmefälle, sicher.

Paul streifte seine Schuhe ab und schlenderte weiter Richtung Seebrücke. Er liebte es, wenn das Wasser in sanften Wellen seine Füße umspielte, liebte es, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und entweder ganz im Hier und Jetzt zu bleiben oder in seine Gedankenwelt abzutauchen, an einer Geschichte zu feilen oder an einer bestimmten Szene, einem Dialog oder einem inneren Monolog. Er konnte dabei allein sein oder mit Kassandra zusammen, sie wusste immer, wann er nicht reden wollte, und störte ihn nie.

Die Schuhe noch in der Hand, betrat er die Brücke und lief vorbei am rot-weiß geringelten Mast des Leuchtfeuers bis nach vorn, wo Bruno wie erwartet mit seiner Angel stand.

»Tag, Bruno«, sagte Paul. »Kassandra wünscht sich für heute Abend Fischsalat, und frischeren Fisch als von dir bekomme ich nirgends.« Er deutete auf den weißen Plasteeimer neben Bruno. »Der ist ja schon gut gefüllt. Hättest du eine milde Gabe für mich? Selbstverständlich bist du zum Salat eingeladen.«

Bruno wandte sich ihm zu, seine Hand fuhr über sein widerspenstiges graues Haar, sein Blick war amüsiert und prüfend zugleich. »So viele Worte für ein bisschen Fisch? Was hast du wirklich auf dem Herzen, Paul?«

Himmel, war er tatsächlich so durchschaubar? Oder nur für Kassandra und Bruno, der ihn immerhin bereits sein ganzes Leben lang kannte? Früher war Bruno der beste Freund seines Vaters gewesen, von dem er ihn sozusagen geerbt hatte.

»Darüber würde ich gern heute Abend mit dir reden. Beim Fischsalat.«

»So ernst?«

»Ja und nein. Eigentlich nicht. Aber irgendwie schon.«

Bruno hob die Brauen. »Da hat der Meister der Worte sich ja bemerkenswert klar ausgedrückt.«

»Und du hast das Grundthema schon erfasst. Darum geht’s nämlich. Wie Kassandra festgestellt hat, bist genau genommen du schuld an der Misere, daher erwarte ich einen angemessenen Ratschlag von dir«, sagte Paul schmunzelnd.

»Du verstehst es, einen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten«, fand Bruno. »Bedien dich am Dorsch, wir sehen uns heute Abend.«

Mit genügend Fisch ausgestattet trat Paul den Rückzug an, nicht ohne Brunos Blick noch eine ganze Weile auf sich zu spüren.

»Das ist keine einfache Entscheidung«, sagte Bruno einige Stunden später. Mit der Gabel pikte er die letzten beiden Stückchen Kartoffel und Dorsch und eine halbe Cocktailtomate auf, verspeiste den Bissen genüsslich und legte die Gabel zur Seite. »Andererseits bin ich mir nicht so sicher, ob es überhaupt einen Unterschied macht, welche du triffst.« Er griff nach der Flasche Rostocker, nahm einen Schluck, ließ Paul aber nicht aus den Augen.

»Wie meinst du das?« Paul konnte weder Brunos Worte noch seinen Blick richtig deuten. »Wenn Alexander Hardenberg den Lit-Preis ablehnt, ändert sich am jetzigen Zustand rein gar nichts.«

»Nein? Stell dir vor, du hörst von einem Kollegen, er würde so einen hochrangigen Preis ablehnen. Was würdest du denken?«

Paul hob die Schultern. »Dass er seine Gründe dafür haben wird.«

»Du würdest dich nicht fragen, welche Gründe das sein könnten?«

»Im ersten Moment schon. Aber es geht mich nichts an, genauso wenig wie den Rest der Welt. Soll er machen, was er will.«

Bruno lachte. »Das ist typisch für dich. Wenn es deine Romane oder Kriminalfälle im wahren Leben betrifft, bist du ungewöhnlich wissbegierig. Ansonsten mischst du dich nicht ins Leben anderer ein.«

Wieder hob Paul die Schultern. »Was ist falsch daran?«

»Nichts«, sagte Bruno. »Bloß kannst du nicht davon ausgehen, dass alle so ticken.« Er schaute zu Kassandra, die sich bisher nicht an der Diskussion beteiligt hatte. »Ich seh dir an, dass du meine Meinung teilst, Lütting.«

»Ja«, sagte sie. »Allerdings muss ich gestehen, dass ich selbst eben erst darauf gekommen bin.«

Allmählich begriff auch Paul, worauf Bruno hinauswollte. »Ihr meint, man wird vermuten, dass der unsichtbare Alexander Hardenberg den Preis ablehnt, weil er was zu verbergen hat, das an die Öffentlichkeit gezerrt würde, wenn er unversehens im Rampenlicht stünde.« Paul ließ sich auf seinem Stuhl zurückfallen und betrachtete die spärlichen Reste des Abendessens. In der Schüssel war noch ein Löffel Salat, im Brotkorb lagen zwei letzte Scheiben Baguette, von der Knoblauchbutter war nichts mehr übrig.

Wenn Bruno und Kassandra recht hatten, musste er seine Entscheidung sehr schnell fällen, heute noch. Er dachte nach, wägte das Für und Wider ab und versuchte, alles Bedenkenswerte zu analysieren. Erst als Bruno wieder einen Schluck Rostocker nahm, tauchte er aus der Versenkung auf.

»Alexander Hardenberg hat nichts zu verbergen außer Paul Freese, und ich möchte, dass das so bleibt.« In Kassandras und Brunos Gesichtern erkannte er gleichzeitig Zustimmung und Zweifel, ob es dazu nicht längst zu spät war. »Bisher ist das alles noch inoffiziell. Niemand weiß von der Auszeichnung außer der Lit-Preis-Jury, dem Verlag und meiner Agentur. Ich werde den Preis ablehnen, die Jury wird ihn an jemand anderen verleihen, und das war’s.« Er erhob sich, um seine Agentur anzurufen.

3

Kassandras Pension war jetzt, Anfang September, voll ausgebucht. Das bedeutete frühes Aufstehen, damit das Frühstück für alle Gäste nach Wunsch serviert werden konnte. Leider gehörte das Aufstehen nicht zu Kassandras Leidenschaften. Es spielte kaum eine Rolle, ob sie früh oder spät ins Bett ging, sie war morgens immer müde. Die Augen noch halb geschlossen, verließ sie das Haus, überquerte kurz darauf den Platz mit der Alten Eiche und betrat die Bäckerei, um die vorbestellten Frühstücksbrötchen und Hörnchen abzuholen.

»Guten Morgen«, sagte sie und musste ein Gähnen unterdrücken.

»Morgen, Kassandra.« Nina Kraeft hatte die Schrippen schon in die Tüten gepackt und auf den Tresen gelegt, achtete aber gar nicht auf das Geld, das Kassandra ihr hinlegte. Stattdessen wedelte sie mit der Ostsee-Zeitung vor ihrer Nase herum. »Na, das sind ja mal Nachrichten! Was hat Paul denn gegen diesen Literaturpreis?«

Kassandras Müdigkeit war mit einem Schlag wie weggeblasen. »Was?«

Sie riss Nina fast die Zeitung aus der Hand. Die Schlagzeile stand prominent ganz oben auf der ersten Seite des Kulturteils: »Alexander Hardenberg lehnt Lit-Preis ab«. Der Artikel wurde von zwei Fotos flankiert, eines zeigte Pauls Vater, das andere das Cover von »Tiefes Meer«. Der Kulturredakteur der OZ, ein Mann namens Volker Noack, fragte sich an erster Stelle etwas allgemein gehalten, was Künstler veranlassen könnte, einen Preis zurückzuweisen. An zweiter Stelle fragte er konkreter, weshalb gerade Bestsellerautor Hardenberg das tat. Hielt Hardenberg sein Werk für nicht würdig genug? War es bei genauerer Betrachtung trotz des immensen Verkaufserfolgs nicht tatsächlich stilistisch niveaulos und inhaltlich vernachlässigbar? An dieser Stelle verschluckte sich Kassandra und bekam einen heftigen Hustenanfall. Nina eilte mit einem Glas Wasser herbei, das zwar gegen den Husten, nicht aber gegen die ungeheure Empörung half, die Kassandra erfasste.

»Nicht aufregen«, sagte Nina.

Entrüstet blitzte Kassandra sie an. »Wie bitte? Hast du den Artikel nicht gelesen? Dieser … Journalist behauptet, dass Pauls Roman grottenschlecht ist! Da soll ich mich nicht aufregen?«

»Na ja«, begann Nina, doch weiter kam sie nicht.

Die nächste Kundin betrat den Laden und vergaß prompt, was sie kaufen wollte, als sie Kassandra sah.

»Frau Voß, was ist denn bei Ihnen los? Weshalb will Herr Freese diesen Preis nicht annehmen?«

»Das würde mich auch interessieren«, ertönte es hinter ihr. »Es ist doch hoffentlich alles in Ordnung bei Ihnen?«

Von der Frau fiel ihr nicht mal der Name ein, Werner Joerk dagegen war ein Bekannter von Bruno, aber momentan war sie nicht in der Stimmung, jemandem Rede und Antwort zu stehen. Kurzerhand schnappte sie sich Brötchentüte und OZ.

»Bitte entschuldigen Sie mich.« Damit drängte sie sich an den beiden vorbei.

Draußen ließ sich Kassandra auf die Rundbank um die Alte Eiche fallen. Sie hatte keinen Blick für die Umgebung, nicht mal für das ehemalige Gebäude der Feuerwehr mit dem himmelwärts ragenden Turm aus rotem Backstein, den sie sonst immer bewunderte. Stattdessen las sie den Artikel weiter. Ihr Puls normalisierte sich langsam, weil Kulturredakteur Noack seine aufgeworfenen Fragen selbst verneinte. Er war sogar der Ansicht, dass »Tiefes Meer« »Hardenbergs schon von jeher unleugbares Talent und seine große Erzählkunst nur folgerichtig auf ein noch höheres Level hebt«.

Immerhin.

Schwerfällig erhob sich Kassandra und griff zum Handy. Um diese Zeit war Paul für gewöhnlich auf dem Hohen Ufer laufen und hatte die Zeitung noch nicht gesehen. Besser, sie bereitete ihn vor. Doch er meldete sich nicht. Sie versuchte es noch mal, als sie vor der grün-weißen Tür ihres Kapitänshauses angelangt war. Diesmal erreichte sie ihn.

»Ich weiß es schon«, sagte er ohne jede Vorrede. »Mach dich ans Frühstück für deine Gäste, ich geh unter die Dusche, nachher sehen wir uns bei mir.« Er legte auf.

Besorgt musterte Kassandra das Telefon. Paul war ungewöhnlich kurz angebunden gewesen, selbst wenn man die Umstände berücksichtigte. Ihr Blick glitt hinüber zum Nachbarhaus, in dem ihr Onkel wohnte. Dummerweise war Heinz diese Woche nicht da, sonst hätte sie ihn gebeten, für sie einzuspringen und sich um die Pension zu kümmern. Wie die Dinge lagen, musste sie ihre Arbeit selbst erledigen und sich gedulden, bis sie von Angesicht zu Angesicht mit Paul reden konnte.

Kaum hatte sie in der Küche die Kaffeemaschine eingeschaltet, dudelte ihr Handy. Sicher, dass es Paul war, nahm sie das Gespräch an, ohne vorher aufs Display zu sehen.

»Meine Güte, Kassandra, ist das wahr, das ist ja kaum zu glauben, was geht denn da vor, wieso will Paul den Lit-Preis nicht, das ist doch eine echt geniale Auszeichnung, und ›Tiefes Meer‹ ist ein echt genialer Roman, das passt doch super zusammen, ich verstehe gar nicht, was er dagegen einzuwenden hat, du vielleicht, Kassandra, sag doch endlich mal was!«

Kassandra verdrehte die Augen und verzichtete darauf, ihre Freundin Violetta darauf hinzuweisen, dass ihr deren Redefluss wie üblich gar keine Chance ließ, etwas zu sagen. »Paul schätzt seine Anonymität und die Ruhe auf dem Fischland, und er wollte genau das vermeiden, was jetzt eingetreten ist: jede Menge Staub aufzuwirbeln.«

»Wenn er einfach ›Danke für die Ehre‹ gesagt hätte, wär bestimmt nicht so viel Staub aufgewirbelt worden wie durch die Ablehnung, das hätte ihm doch klar sein müssen.«

»Es war nicht vorgesehen, dass die Öffentlichkeit überhaupt ein Sterbenswörtchen erfährt, weder von der geplanten Preisverleihung noch von Pauls Zurückweisung. Ich hab keine Ahnung, woher die OZ das weiß. Irgendwer muss geplaudert haben.«

»Und wer?«

»Keine Ahnung«, wiederholte Kassandra gereizt. »Jemand von der Jury, vom Verlag, von der Agentur. Ist sowieso egal, das Kind ist ja schon in den Brunnen gefallen.«

Ungewöhnlicherweise schwieg Violetta für eine Sekunde. »Also«, sagte sie dann gedehnt, »egal fände ich das an Pauls Stelle nicht, im Gegenteil, ich würde Wert darauf legen zu erfahren, wen ich zur Verantwortung ziehen müsste, und dem Herrn Noack würd ich auch gleich was husten, wo der so darauf bedacht war, seine Quelle nicht zu verraten.«

Da war was dran, jedenfalls am ersten Teil. »Der macht nur seinen Job, das hätte jeder Journalist veröffentlicht. Bloß dass er zuerst so tut, als würde er ›Tiefes Meer‹ verdammen, verzeihe ich ihm nicht. Meist prägt sich ein Verriss, auch wenn er wieder zurückgenommen wird, nämlich stärker ein als ein Lob.«

»Glaub ich, was sagt denn Paul überhaupt dazu?«

»Weiß ich noch nicht.« Um einen weiteren Redestrom Violettas zu verhindern, sprach sie gleich weiter. »Tut mir leid, ich muss mich um das Frühstück kümmern, ich melde mich bei dir.«

Zu ihrer Arbeit kam sie allerdings wieder nicht, denn das Telefon klingelte erneut, nachdem sie gerade Wasser für die Eier aufgesetzt hatte. Diesmal sah sie vorsichtshalber nach, wer dran war, meldete sich dann aber sofort. »Heinz, lass mich raten, weshalb du anrufst. Du liest anscheinend sogar im Urlaub an der Spree die OZ

Heinz’ typisch meckerndes Lachen fiel eine Nummer leiser aus als sonst. »Nicht nötig, es steht auch in der Märkischen Allgemeinen – und in der B.Z. und in der Süddeutschen Zeitung, soweit ich das kontrollieren konnte. Vermutlich ist Alexander Hardenberg heute in sämtlichen Feuilletons das Thema.« Er hielt kurz inne, bevor er wie jeder fragte: »Was ist da los?«

Sie legte das Telefon auf den Tisch, schaltete auf Lautsprecher und erzählte ihm alles von A bis Z, während sie die Frühstücksvorbereitungen traf.

»Violetta hat recht«, konstatierte Heinz. »Paul muss in Erfahrung bringen, wo die undichte Stelle war. Da hat nicht jemand mal aus Versehen gequatscht, vielmehr gezielt, sonst wäre die Geschichte nicht zur selben Zeit so breit gestreut erschienen. Und jetzt halte ich dich nicht länger auf. Grüß Paul und sag ihm, er soll die Ohren steif halten.«

Nachdem sie aufgelegt hatte, wartete sie fast darauf, dass das Telefon erneut anschlug. Ihr Vater hatte sich noch nicht gemeldet. Aber es blieb stumm. Wahrscheinlich hatte Harald in der Firma so viel zu tun, dass er noch nicht dazu gekommen war, einen Blick in die Zeitung zu werfen.

Als Kassandra endlich loskonnte, verzichtete sie auf den direkten Weg über die Strandstraße, weil sie fürchtete, dauernd angesprochen zu werden. Paul kannte unglaublich viele Leute und war entsprechend selbst bekannt wie ein bunter Hund. Beides war ihm schon häufig zugutegekommen, nicht bloß persönlich, sondern auch bei der Aufklärung von Verbrechen. Nur sehr, sehr selten hatte es Nachteile – heute war so ein Tag.

Paul hatte das Telefon am Ohr, als Kassandra eintrat. Sie konnte dem, was er sagte, nicht entnehmen, mit wem er redete. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, schaltete er das Handy auf stumm und warf es aufs Sofa. Er sah erschöpft aus. Mit ein paar Schritten war sie bei ihm. Sie berührte sanft das Grübchen an seinem Kinn und lehnte sich an ihn, seine Arme umschlossen sie. Kassandra spürte, wie sein Brustkorb sich hob und senkte, als wäre er gerade eben erst vom Laufen gekommen.

»Hätte ich diesen verfluchten Preis bloß angenommen«, murmelte er in ihr Haar.

»Das hat Violetta auch gesagt, aber es konnte doch keiner wissen, dass so was passiert. Sie und Heinz meinen, du sollst rausfinden, wer das verbreitet hat.« Sie löste sich von Paul und sah, dass das Graublau seiner Augen dunkler war als gewöhnlich.

»Das meint dein Vater auch, den hatte ich eben am Telefon.«

Also hatte Harald gleich bei Paul angerufen. »Was sagt er sonst noch?«

»Er hat mir ein, zwei Rechtsanwälte empfohlen. Ich hoffe, die werde ich nicht brauchen.« Er holte tief Luft. »Schon vor all den guten Ratschlägen habe ich versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, bisher vergeblich. Es will niemand gewesen sein, und niemand will etwas wissen. Mein Tipp wäre die Jury. Mag sein, da war jemand angep–… verärgert, dass ein Autor es wagt, die Auszeichnung abzulehnen. Dabei habe ich meiner Agentur die Gründe dargelegt und gebeten, das auch so weiterzuleiten, was sie bestimmt getan hat.« Er seufzte. »Und vielleicht irre ich mich ja mit der Jury.«

Kassandra nickte, dabei fiel ihr Blick auf die OZ auf Pauls Schreibtisch. »Wir könnten das Pferd von hinten aufzäumen. Dieser Noack hat seine Quelle nicht erwähnt, aber wenn man ihn direkt fragte, wenn Alexander Hardenberg ihn direkt fragt, ist er eventuell freigiebiger mit seinen Informationen. Und wenn nicht er, dann möglicherweise einer der anderen Journalisten eines anderen Blattes. Die verdanken dir immerhin indirekt ihre Schlagzeile.«

Paul überlegte, dann nickte er, holte sein Telefon vom Sofa, rief bei der OZ an und wurde prompt durchgestellt.

»Herr Hardenberg«, meldete sich der Kulturredakteur. »Das ist eine Überraschung. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich glaube nicht, dass Ihre Überraschung ansatzweise so groß ist, wie meine heute früh bei der Zeitungslektüre war.«

Kassandra, die das Gespräch über Lautsprecher mithörte, zuckte zusammen. Paul gab sich keine Mühe, die Ironie aus seinen Worten zu verbannen, aber ob er da die richtige Taktik anwendete? Normalerweise war Paul um Längen diplomatischer. Doch diese ganze verfahrene Situation war eben nicht normal.

»Sie waren überrascht?«, fragte Noack ebenso ironisch. »Nicht Ihr Ernst. Sie sind Bestsellerautor mit einer Auflage in Millionenhöhe, Ihre Romane werden in neunzehn Sprachen übersetzt. Sie können doch nicht erwarten, dass es ohne Reaktion und ohne Folgen bleibt, wenn Sie den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands zurückweisen.«

»Wenn ich ihn öffentlich abgelehnt hätte, sicher nicht. Tatsache ist allerdings, dass ich das vorgestern Abend getan habe. Bevor das Ergebnis der Jury offiziell verkündet wird.« Pauls Tonfall war jetzt vollkommen ruhig und frei von jedem Sarkasmus. »Damit komme ich zu Ihrer Frage, was Sie für mich tun können: Ich wüsste gern, wer Ihr Informant ist.«

Am anderen Ende blieb es für kurze Zeit still. »Darf ich eine Gegenfrage stellen? Die Nachricht ist in zig anderen Medien erschienen. Weshalb rufen Sie gerade mich an?«

»Weil ich es in der OZ zuerst gelesen habe. Als Rüganer hänge ich an meiner Heimatzeitung.«

Das zumindest stand in der falschen Biografie: Alexander Hardenberg führte mit Frau, Kindern und Hund ein zurückgezogenes Leben auf der Insel Rügen.

»Ist das so? Gestatten Sie mir, Zweifel anzumelden. Alexander Hardenberg dürfte ein wohlklingendes Pseudonym und der ganze Rest ebenfalls erfunden sein. Wären Sie echt, hätte man Sie längst schon irgendwie irgendwo irgendwann leibhaftig statt nur auf einem Foto gesichtet. Andererseits – dass Sie ausgerechnet mich anrufen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass doch nicht alles gefakt ist.« Noack lachte, aber nicht unfreundlich.

»Vielleicht will ich ja diesen Eindruck erwecken, obwohl ich in Wirklichkeit aus Zwickau komme«, schlug Paul in sächsischem Dialekt vor.

Noack lachte wieder. »Möglich. Man sagt ja, es zieht besonders viele Sachsen an die Küste. Aber Ihr mecklenburgischer Zungenschlag klingt echter als das Sächsisch, und ich weiß, wovon ich rede, meine Frau ist Leipzigerin.«

Paul ließ das unkommentiert, sodass Noack sich bemüßigt fühlte, wieder das Wort zu ergreifen. »Hören Sie, Herr Hardenberg, es ist Ihr gutes Recht, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Niemanden geht es etwas an, wer Sie sind, und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Sie aus diesem Grund auf den Lit-Preis verzichtet haben. Ich verstehe das, aber ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen. Der Hinweis kam von einem Kollegen aus Magdeburg, der ihn wiederum von einer Kollegin aus Köln hatte. Woher sie ihre Informationen bezog, weiß ich nicht.«

Kassandra sah Paul an, dass er Noack glaubte. »Wie kommt es«, fragte er trotzdem, »dass Sie sich alle untereinander austauschen? Ich dachte immer, jede Zeitung will ihre Story zuerst draußen haben.«

»Journalisten sind nicht ganz so ausschließlich auf Wettbewerb fixiert, wie es angenommen wird. Lohnt auch kaum noch, wenn Sie mich fragen. Abgesehen vom allgemeinen Zeitungssterben gehören immer mehr Zeitungen immer weniger Verlagsgruppen. Falls Sie mal wieder einen Thriller schreiben, siedeln Sie ihn doch im Medienbereich an. Wenn Sie dazu Informationen brauchen, bin ich selbst gern Ihre Quelle.«

»Durchaus eine Überlegung wert. Gegebenenfalls komme ich auf Ihr Angebot zurück.«

»Tun Sie das. Und wie gesagt, tut mir leid, dass ich Ihnen heute nicht helfen konnte.«

»Trotzdem danke. Wiederhören, Herr Noack.« Paul beendete das Gespräch und sah Kassandra an. »Leider eine Sackgasse.«

»Sieht ganz so aus. Was mich aber ohnehin mehr umtreibt, ist, dass Noack nicht der Einzige sein wird, der sich jetzt über Alexander Hardenbergs Identität Gedanken macht.«

»Die ja letztlich kein Staatsgeheimnis ist. Es wird nicht mehr lange dauern, bis mein eigener Name in den Medien auftaucht.« Paul schüttelte den Kopf, sein Ausdruck für Kassandra undefinierbar, sein Ton dagegen wieder voller Ironie – voller Selbstironie. »Ich hätte den Preis einfach annehmen sollen.«

4

Genau das dachte Paul zwei Tage später erneut, als er von einem Anruf seines Hamburger Verlages geweckt wurde.

»Herr Freese, Sie sollten sich ansehen, was in den Hamburger Nachrichten steht«, sagte die Verlagsleiterin Marie Terheyden gehetzt. »Ich habe Ihnen eben den Scan eines Artikels von Roland Bonnet gemailt. Bonnet schreibt seit Jahren regelmäßig für das Blatt, kein schlechter Journalist, soweit ich das beurteilen kann. Wir sollten das folglich ernst nehmen insofern, als viele das ernst nehmen. Lassen Sie uns noch mal telefonieren, wenn Sie’s gelesen haben.«

Paul schwang die Beine aus dem Bett.

»Was ist los?«, fragte Kassandra von der anderen Seite aus verschlafen. Es war so früh am Morgen, dass selbst ihr Wecker noch nicht angeschlagen hatte.

Schon von der Treppe hinunter zu seinem Schreibtisch rief Paul: »Schätze, ein Journalist hat aufgedeckt, wer hinter Alexander Hardenberg steckt.« Er kehrte mit seinem Laptop zu Kassandra zurück.

Marie Terheyden hatte Bonnets Artikel kommentarlos angehängt. »Der Fall Alexander Hardenberg« lautete die schlichte Schlagzeile. Bonnet hatte Pauls wahren Namen, seine Herkunft und ein etwas älteres Porträtfoto ausgegraben, das von der Website der Gemeindevertretung stammte. Einzelheiten darüber, wie er auf Pauls Identität gestoßen war, verriet er nicht, ließ aber durchscheinen, dass seine Quelle ein oder mehrere Einheimische gewesen waren:

Die Wustrower berichten mir, dass Paul Freese seit Jahren gute Arbeit in der Gemeindevertretung leistet und auch als Archivar des Fischlandes besonders geschätzt wird. Offenbar weiß niemand so viel über den Landstrich wie er, und viel Wissen kann niemals schaden, erst recht nicht für einen Schriftsteller, der sich hin und wieder auch der Historie widmet.

Bis hierhin war der Artikel neutral bis positiv gehalten. Das alles, fuhr Bonnet jedoch fort, klinge beinah zu perfekt.

Hat Paul Freese also etwas zu verbergen und sich deshalb dereinst für ein Pseudonym entschieden? Aber nein, wäre das der Fall, hätte es weit mehr Mühe und mehr Zeit gekostet, es zu lüften. Vergessen wir die Person, einerlei, welchen Namen sie trägt. Widmen wir uns dem Schaffen und fragen wir erneut nach dem Grund, warum der Schriftsteller den Lit-Preis für seinen letzten Roman abgelehnt hat. Ist sein falscher Name nicht das einzig Falsche an dieser Geschichte? »Tiefes Meer« sollte einer präzisen Überprüfung unterzogen werden, um sicherzustellen, dass es sich um ein originäres Werk und nicht um ein Plagiat handelt. Derweil bleibt die Hoffnung, dass sich Alexander Hardenberg oder besser: Paul Freese selbst zu Wort melden und eine Erklärung abgeben wird. Der Autor dieser Zeilen zumindest ist jederzeit bereit zu einem Interview.

»Dreckskerl!«, zischte Kassandra. »Der kann doch nach dem Geschreibsel nicht ernsthaft damit rechnen, dass du einem Interview mit ihm zustimmst!«

Paul verspürte Zorn wie sie, bemühte sich aber, das Ganze sachlich zu betrachten und eine Lösung zu finden, wie man mit Bonnet und seinem Artikel umgehen könnte. Totschweigen war keine Option. »Womöglich sollte ich ihn überraschen und ihm geben, was er will.«

»Keinesfalls! Wenn der was will, soll er sich an den Verlag oder an deine Agentur wenden.«

Langsam nickte Paul. Trotzdem musste etwas geschehen. Den Plagiatsvorwurf durfte er nicht im Raum stehen lassen. Er klappte das Laptop zu und griff wieder zum Handy, um Marie Terheyden zurückzurufen. Sie verabredeten eine Telefonkonferenz später am Vormittag, an der auch sein Agent Helge Körber teilnehmen würde.

Bis dahin durchforstete Paul die Onlineausgaben diverser Zeitungen, in denen er zunächst nichts fand. Das sprach dafür, dass Bonnet allein recherchiert und seine Ergebnisse nicht weitergegeben hatte. Allerdings griffen nach und nach die sozialen Netzwerke sowie Internetforen und schließlich auch Literaturwebsites Bonnets Artikel auf. Die Mehrzahl der Posts, Kommentare und Tweets sowie der Mails, die Paul über seine Autorenhomepage erreichten, äußerten Empörung, aber es gab genügend, die Bonnets Meinung teilten. Dabei hatte der Tsunami der Aufmerksamkeit gerade erst begonnen.

In der Telefonkonferenz formulierte Paul mit Marie Terheyden und Helge Körber einen Pressetext, der die ursprünglichen Gründe des Pseudonyms sowie Pauls späteren Wunsch nach Anonymität in durchaus ernst zu nehmendem Ton, aber doch gespickt mit einer Prise Humor erklärte. Gegen den Plagiatsvorwurf verwahrte sich Paul entschieden und lud in der Mitteilung dazu ein, »Tiefes Meer« auf Herz und Nieren zu überprüfen, wie Bonnet es empfohlen habe.

Der Text wurde noch in derselben Stunde breitflächig verschickt und online gestellt, trotzdem fürchtete Paul, dass das nicht allzu viel nützte, und er behielt recht. Weitere Posts, Tweets, Kommentare und Mails wurden geschrieben. Auch Interviewanfragen häuften sich, und zwischen diversen Anrufen von besorgten Freunden und Bekannten nicht nur vom Fischland überlegte Paul ernsthaft, einzelne Interviews zu geben. Doch als sich gegen Abend vor seinem Haus eine ganze Meute von Journalisten einfand, sodass es Kassandra mulmig wurde, entschied er sich anders.

»Ich geh da jetzt raus.«

»Was?« Kassandra klang entsetzt.

Beruhigend legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Ich will vermeiden, dass die da draußen ihr Lager aufschlagen, deshalb muss ich ihnen klarmachen, dass die Pressemitteilung alles ist, was sie bekommen, egal, wie lange sie ausharren.« Er warf einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster. Sein Grundstück lag zurückgesetzt von der Straße, es gab keinen Zaun, bloß einen ungepflasterten Weg zu dem kleinen Vorplatz vor seiner hellblauen Tür. Dort und auf dem Weg zählte er fünfundzwanzig, dreißig Leute. Was da über ihn hinwegrollte, machte ihn fassungslos. Natürlich war von Anfang an mit Wirbel zu rechnen gewesen, deswegen hatte er ja überhaupt den Lit-Preis abgelehnt, aber das hier war völlig unverhältnismäßig und sicher hauptsächlich Bonnets Artikel geschuldet.

Paul stählte sich, trat nach draußen und wartete, bis er die volle Aufmerksamkeit hatte. Nebenbei sah er, wie sich ganz hinten eine Gestalt näherte und abrupt stehen blieb. Bruno. Paul musste fast grinsen, als er die Fassungslosigkeit auf Brunos Gesicht sah, die seine eigene spiegelte. Dann wandte er sich wieder der Meute zu. Die Ruhe, die eingekehrt war, weil alle Wartenden erst mal verdauen mussten, dass Paul da stand, währte nur kurze Zeit, dann brach ein Sturm los. Gleichzeitig wurden Paul mehrere Fragen entgegengeworfen und Kameras gehoben, und wäre es schon dunkel gewesen, wäre er von Blitzlichtern geblendet worden.

Da Paul keine Anstalten machte, in dem Chaos zu antworten, wurde es erneut still. Beinah wirkte die Szene theatralisch, und tief im Innern fragte er sich, ob ihm das gefiel. Dann sah er Bruno den Kopf schütteln, als hätte er Pauls Gedanken gelesen. Bruno hatte recht. Es gefiel ihm nicht.

»Es tut mir leid, dass Sie alle umsonst gekommen sind«, begann er. »Ich –«

»Sind Sie nicht Paul Freese?«, unterbrach ihn eine Frau mit rot gefärbten Haaren aggressiv.

»Doch. Aber alles, was ich zu sagen habe, steht in der Pressemitteilung, die Ihnen sicher allen auf die eine oder andere Weise zugegangen ist. Falls nicht, können Sie sie online nachlesen. Es –«

»Herr Freese, was ist Ihr nächstes Projekt?«, wurde er ein zweites Mal unterbrochen, diesmal von einem bebrillten älteren Mann.

Diese Frage verblüffte Paul, der davon ausgegangen war, dass das Interesse allein »Tiefes Meer« und dem Lit-Preis galt. Selbst wenn er eine Antwort hätte geben wollen, was nicht der Fall war, weil er niemals über Unveröffentlichtes sprach, wäre er nicht dazu gekommen.

»Und können wir davon ausgehen, dass da auch nicht alles mit rechten Dingen zugeht?«, mischte sich ein weit jüngerer Mann mit Pferdeschwanz und Vollbart ein.

Paul hob die Brauen und lächelte. »Netter Versuch, aber es wird Ihnen nicht gelingen, mich zu provozieren.« Er nahm wieder die gesamte Menge ins Visier. »Ich kann verstehen, dass Sie mich im journalistischen Sommerloch interessant finden, aber ich versichere Ihnen, ich bin’s nicht. Wenn Sie sich mit ›Tiefes Meer‹ beschäftigen wollen, tun Sie das jederzeit gern, und falls einige von Ihnen mir unbedingt ein Plagiat nachweisen wollen, hat das immerhin das Gute, dass Sie sich dafür mit anderen Romanen werden beschäftigen müssen. Ich empfehle Lesen uneingeschränkt.« Damit erntete er ein paar Lacher. »Es wäre allerdings schön, wenn Sie das bei sich zu Hause, in Ihrer Redaktion, in einer Bibliothek oder in einem Café tun könnten – mein Grundstück ist dazu ungeeignet.« Er lächelte noch einmal, tippte sich an eine imaginäre Mütze, drehte sich um und schloss hinter sich die Tür, gegen die er sich fallen ließ.

Draußen wurde es wieder lauter, er konnte einige Worte und hier und da eine weitere Frage ausmachen, aber er hörte nicht hin. Stattdessen nahm er Kassandra in die Arme und spürte ihre Erleichterung darüber, dass der Auftritt vorbei war.

»Meinst du, das hat geholfen?«, fragte sie.

»Ich hoffe, dass sich der Pulk zumindest so weit auflöst, dass Bruno eine Chance hat durchzukommen. Ich könnte es ihm aber nicht verübeln, wenn er aufgibt.«

Wieder schien Bruno zu wissen, was in Paul vorging, denn das Handy klingelte, auf dem Display Brunos Konterfei.

»Ich versuch’s morgen wieder, Paul«, sagte er. »Es ziehen zwar schon ein paar ab, aber für meinen Geschmack noch nicht genug.«

Paul verzichtete darauf, das zu überprüfen. Er hatte genug Aufregung für diesen Tag gehabt und beabsichtigte, den Rest des Abends friedlich mit Kassandra und einem guten Essen zu verbringen. Gemeinsam bereiteten sie Pasta mit Krabben und einer köstlichen Sahnesoße zu, deren Rezept Kassandra von Violetta bekommen hatte, und saßen bald gemütlich mit ihren Tellern auf der Terrasse. Von vor dem Haus drang nur leises Gemurmel zu ihnen, was dafür sprach, dass kaum noch jemand vergeblich auf Pauls Erscheinen spekulierte. Der Himmel über ihnen färbte sich langsam rosa, dann lila, dann, als die Sonne ganz untergegangen war, dunkelblau. Paul zündete eine Kerze an, holte eine Decke, die er um sie beide legte, und sie saßen lange schweigend da und lauschten dem leisen Rauschen der Wellen in der Ferne.

Erst als sie zu Bett gingen, riskierte Paul noch einmal einen Blick aus dem Fenster. Niemand mehr da, alle hatten aufgegeben.

Zumindest vor der Tür.

5

»Dein Vater war ein dreckiges Stasischwein und seine Mutter eine kriminelle Hure. Wie wär’s, wenn ich das mit ein paar aussagekräftigen Beweisstücken an die Presse gebe?«

Die Buchstaben der Mail verschwammen vor Kassandras Augen. »Oh Gott, Paul, das ist …« Ihr fehlten die Worte.

»Das ist lächerlich«, sagte Paul.

»Das nennst du lächerlich? Das ist die mit Abstand widerlichste von allen gemeinen Mails, die in deinem Postfach gelandet sind.«

Dabei hatte vor einer Stunde noch alles danach ausgesehen, dass dieser Tag erfreulicher werden würde als der vorhergehende. Das Wetter war umgeschlagen, es regnete. Bestimmt einer der Gründe, weshalb heute vor dem Haus bloß noch sechs, sieben Gestalten standen statt wie gestern ein ganzer Pulk. Trotzdem hatte sich Kassandra von der anderen Seite genähert und sich durch eine kleine Lücke in der Hecke in den Garten gezwängt. Durch die Terrassentür hatte sie erkennen können, dass Paul mit Bruno in der Sitzecke plauderte, er einen Kaffee, Bruno einen Tee vor sich. Sie hatte gegen die Scheibe geklopft und, nachdem Paul sie eingelassen hatte, gleich gefragt:

»Warst du schon im Netz? Was sagt die Welt?«

»Wie so häufig ist sich die nicht einig«, hatte er geantwortet, »und kann sich nicht entscheiden zwischen Shitstorm und Lobeshymnen – immerhin mit einer Tendenz zu Lobeshymnen. Dazwischen gibt’s nicht viel.«