Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2020 Ethik-Institut Vallendar

Lektorat: Kristiana Schwarz

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7519-4156-3

Vorwort und Lesehilfe

Die vorliegende Stellungnahme Ethische Empfehlungen über Beginn und Fortführung einer intensivmedizinischen Behandlung bei nicht ausreichender Behandlungskapazität versteht sich als ethische Orientierungshilfe in Zeiten von durch die Pandemie mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 bedingten möglichen Versorgungsengpässen in Teilbereichen des Gesundheitswesens. Die Autoren wollen mit der nachfolgenden Handreichung insbesondere konfessionellen Trägern von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen und ihren Mitarbeitenden aber auch den Patienten und ihren Angehörigen1 eine Orientierung in ethisch schwierigen Entscheidungssituationen bieten. Ziel ist es, zu ethisch begründeten Empfehlungen im Zuge von Entscheidungsfindungen bei nicht ausreichenden intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten zu gelangen.2 Die vorliegende Stellungnahme gliedert sich in zwei Teile:

Beide Teile folgen einer linearen Darstellung. Inhaltliche Doppelungen sind daher insoweit nicht zu vermeiden, als die Stellungnahme unterschiedlichen Informationsbedürfnissen, d. h. zum einen einer systematischen und rasch abprüfbaren praktischen Handlungsempfehlung (Teil A) und zum anderen einer differenzierten Begründung für ethische Argumente und Kriterien (Teil B) gerecht zu werden sucht. In Teil A wird der jeweiligen Entscheidungssituation zudem dadurch Rechnung getragen, dass die Empfehlungen für Entscheidungen über den Beginn sowie für Entscheidungen über die Fortführung intensivmedizinischer Maßnahmen in der Situation nicht ausreichender Behandlungskapazitäten getrennt aufgeführt werden.

Das Inhaltsverzeichnis führt direkt zu den Situationen, in denen aktuell Entscheidungen getroffen werden müssen.


1 Diese Publikation verwendet zur besseren Lesbarkeit durchgehend die männliche Form.

2 Vgl. dazu exemplarisch die Zusammenstellung operativer Handreichungen von Gesundheitseinrichtungen auf der Homepage der Akademie für Ethik in der Medizin: https://www.aem-online.deindex.php?id=90&tx_ttnews-%5Btt_news%5D=211&cHash =6 2b7b94cd347c31b5eb8d4f4fdde4d2b [zuletzt abgerufen am 05.05.2020].

Inhaltsverzeichnis
Teil A: Zusammenfassung und
Empfehlungen
1 Zusammenfassung
1.1 Einleitung

Die gegenwärtige weltweite pandemische Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 und die hohe Anzahl von Patienten mit schweren Formen der Sars-CoV-2-Infektionserkrankung Covid-19 stellt die Gesundheits- und Sozialeinrichtungen in Deutschland vor große organisatorische und klinische Herausforderungen. Es ist damit zu rechnen, dass die Anzahl der Patienten, die einer Behandlung im Krankenhaus bedürfen, die Kapazität an Krankenhausbetten übersteigen wird. Dieses Problem betrifft insbesondere die Kapazitäten auf den Intensivstationen. Daher ist zu erwarten, dass in den Krankenhäusern ethisch schwierige Entscheidungen über die Auswahl von Patienten getroffen werden müssen, bei denen die Notwendigkeit besteht, eine intensivmedizinische Behandlung zu beginnen und gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum fortzusetzen.

Das Vertrauen von Patienten, ihren Angehörigen sowie dem Klinikpersonal in die behandelnden Institutionen wird in dieser Situation in erheblichem Maße davon abhängen, dass solche Entscheidungen anhand ethisch reflektierter Kriterien getroffen werden, begründet erfolgen und transparent gemacht werden. Es ist davon auszugehen, dass hiervon in entscheidendem Maße das Vertrauen von Patienten und Klinikpersonal in die behandelnden Institutionen bei schwierigen Entscheidungssituationen abhängen wird.

1.2 Entscheidungssituationen

Im Zusammenhang mit einer intensivmedizinischen Behandlung stellen sich komplexe Entscheidungssituationen. Grundsätzlich müssen die beiden Entscheidungen voneinander unterschieden werden,

Beide Fragen stellen sich auch in normativer Hinsicht jeweils unterschiedlich dar. Konkret geht es in beiden Fällen um die Frage, ob quantitativ ausreichende Behandlungskapazitäten zur Verfügung stehen, um alle therapiebedürftigen Patienten zu behandeln, oder ob die Behandlungskapazitäten nicht ausreichen. Entscheidungen über den Beginn einer intensivmedizinischen Behandlung bei nicht ausreichenden Behandlungskapazitäten können zudem in zwei unterschiedlichen Situationen erforderlich werden, zum einen bei der Konkurrenz mehrerer behandlungsbedürftiger Patienten zum gleichen Zeitpunkt und am gleichen Ort um einen Behandlungsplatz und zum anderen bei zum Aufnahmezeitpunkt eines Patienten zwar noch freien, aber absehbar oder unmittelbar bevorstehend nicht mehr ausreichenden Behandlungskapazitäten. Für diese nachstehend aufgeführten fünf Fallkonstellationen ergeben sich folgende Bewertungen:

1.3 Fallkonstellationen

(1) Beginn einer intensivmedizinischen Behandlung bei ausreichenden Behandlungskapazitäten

Der Beginn einer intensivmedizinischen Behandlung steht unter den üblichen Bedingungen für die Legitimierung ärztlichen Handelns, d. h.

(2) Beginn einer intensivmedizinischen Behandlung bei aktuell nicht ausreichenden Behandlungskapazitäten

In der Situation nicht ausreichender Behandlungskapazitäten muss eine Auswahl der behandlungsbedürftigen Patienten erfolgen (Prüfung vor