Illustrationen und Cover-Design
von Lutz J. Koch

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2020 Annegret Achner
2. Auflage
Fotos Lutz J. Koch
Umschlag:
Kachelbild an einer Hauswand in Conil / Spanien

Herstellung:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 9783752694208

Inhaltsverzeichnis

Auf zum Strand - Vamos a la playa!

»Papa, wer wohnt da?«, fragt Niklas. Sie gehen auf dem Weg zum Strand an einer Parkanlage vorbei, die durch Zäune und Alarmanlagen geschützt wird.

»Gehört der Garten zum Campingplatz?«

Die Familie bleibt stehen und alle fünf spähen durch den Zaun aus stabilem, grünem Maschendraht. Die Sicht ins Innere des Parks wird durch akkurat beschnittene Büsche und bunte Blütenstauden behindert, aber man kann eine ausgedehnte Rasenfläche erkennen, kurzgestutzt und dicht. Die Sprinkler-Anlage dreht sich und bespritzt Wiese und Stauden mit einem kräftigen Wasserstrahl.

»Guckt euch mal den Rasen an!«, sagt Mama. »Höchstens acht Millimeter hoch. Da könnte man prima drauf Tennis spielen.« Mama ist begeisterte Tennisspielerin. »Wimbledons Greenkeeper würde grün vor Neid, wenn er das sehen würde«, sagt sie.

»Grüner als der Rasen?«, lacht Papa.

»Was ist ein grüner Kiepa, Mama?«, fragt die dreijährige Frida.

»In England passt ein Greenkeeper auf, dass der Tennisrasen immer schön grün, dicht und kurgeschoren bleibt, Schätzchen«, sagt Papa. »Deshalb würde Mama gern nach England auswandern.« »Was für eine Blütenpracht!« Mama lässt sich nicht beirren. »Oleander, Clematis, Geranien, Bougainvillea, Rosenbeete. Wer pflegt das alles? Die Eigentümer müssen steinreich sein. Die beschäftigen sicher mehrere Gärtner. Einer allein könnte das gar nicht schaffen.«

»Da hinten unter den Bäumen steht ein Haus. Die Tür ist offen. Ob da eine Hexe drin wohnt?« Niklas ist ein paar Schritte vorgelaufen, liegt auf dem Bauch, um besser durch eine Lücke im Gebüsch sehen zu können. »Und schaut mal, ein roter R4. Direkt vor der Tür.«

»Ein Peugeot«, sagt Bastian, der mittlerweile ebenfalls auf dem Bauch liegt.

»Ein Renault«, beharrt Niklas. Er ist der ungeschlagene Experte, wenn es um Automarken geht. Da gibt sich sogar der große Bruder geschlagen.

»Ok, wenn du meinst. Dann eben ein Renault, aber der passt doch gar nicht hierher. Ein R4, das ist doch voll das Hippie-Auto. Ein schwarzer SUV wäre schon besser, ein BMW- oder Mercedes-Geländewagen.«

»Der R4 gehört vielleicht dem Gärtner«, sagt Papa, der mittlerweile auch in die Knie gegangen ist und mit zusamengekniffenen Augen in das fremde Grundstück schaut. Eine Hexe steuert ihn sicher nicht, Hexen reiten auf Besen – wie unsere Oma.«

»Thomas«, sagt Mama. »Erzähle den Kindern nicht solchen Unsinn.«

»Ich glaube, das Schloss steht weiter hinten im Garten.« Niklas lässt nicht locker. »Das war bei Dornröschen auch so. Von außen konnte man nichts erkennen. Wegen den Dornen.«

»Der«, sagt Mama, die Lehrerin. »Wegen der Dornen oder der Dornenhecke.«

»Und ihr wollt rein und Dornröschen wach küssen?« Papa ignoriert Mamas grammatikalischen Einwand. »Das geht erst nach 100 Jahren, wenn die Dornen sich in Rosen verwandelt haben.«

»Der Gärtner ist doch wach«, beharrt Niklas.

»Der fährt Auto!«

»Ich hab eine Idee«, sagt Bastian. »Gibt es ein Lokal am Strand? Dann können wir den Wirt fragen. Der weiß sicher Bescheid.«

»Die Tante am Campingplatz auch«, piepst zu aller Überraschung die dreijährige Frida. »Die hat mir Bonbons geschenkt. Und gracias kann ich auch schon sagen.« Alle lachen.

»Das ist eine gute Idee, mein kluges Mädchen«, sagt Papa und hebt sie auf die Schultern. »Vamos a la playa. Auf zum Strand! Es wird heiß.«

Der schmale, sandige Weg windet sich einen knappen Kilometer an dem mysteriösen Gundstück entlang. Er wird auf der linken Seite durch den Zaun begrenzt, auf der rechten durch einen kleinen Fluss, der jetzt im Frühsommer kaum mehr Wasser führt und Richtung Meer vor sich hindümpelt. Trotzdem scheint der Boden noch immer feucht zu sein. Schilf wächst an den Rändern, Bienen summen um die blühenden gelben und lilafarbenen Mittagsblumen. Mama zückt den Fotoapparat, kniet vor jeder Pflanze. Zumindest kommt es den Kindern so vor.

»Wann sind wir endlich da?«, quengelt Niklas, der eine Schaufel und einen Eimer schleppt.

»Mir ist heiß.«