Impressum:

Originalausgabe: „Spirituality – what it is“

Delhi, 1959, „no rights reserved“ (entsprechend CCO)

Übersetzung aus dem Englischem, Satz und Gestaltung:

Mitglieder von Unity of Man (Deutschland und Österreich)

herausgegeben von:

Unity of Man - Die Einheit des Menschen - Sant Kirpal Singh e.V.,

Postfach 10 18 03, D-75118 Pforzheim

(c) 2020, Unity of Man - 2. überarbeitete Auflage, Juni 2020

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-7519 7410 3

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Blickt man in der Geschichte der Menschheit zurück, findet man Persönlichkeiten, deren Leben so beeindruckt und inspiriert, dass wir sie uns zum Vorbild nehmen. Darunter sind auch Menschen, die ein bewusstes, spirituelles Leben verwirklichten. Sie zeigten auf praktische Weise, wie man mit der Quelle von allem, was existiert, in Verbindung kommt und wieder mit ihr eins wird.

Dieses Ziel stellen uns auch die Religionen vor Augen und tatsächlich findet man am Beginn der religiösen Traditionen solche herausragenden Persönlichkeiten. Doch war es ihre Absicht, Religionen zu gründen, wie wir sie heute vorfinden? Es ging ihnen vielmehr darum, die spirituellen Möglichkeiten zu erschließen, die in jedem Menschen angelegt sind. Das war auch Kirpal Singhs Anliegen (1894-1974).

Keine Religion ist höher als der Dienst am Menschen. Rosenkranz, Altar und Gewänder haben keinen Wert. Mein Geliebter ist in allen Herzen, und kein Herz ist ohne Ihn.

Wirklich gesegnet ist das Herz, in dem Er sich offenbart.

Sei sicher, dass Gott in allen Herzen wohnt. Und daher muss jedes Herz geachtet werden.

Sheik Saadi14

Geboren wurde Kirpal Singh am 6. Februar in Sayyad Kasran im heutigen Pakistan in einer Sikh-Familie. Von Kindheit an fiel er durch eine besondere Reife auf. Umgeben von der bunten Vielfalt der Religionen, Yogis, Sadhus und Mahatmas, suchte er sehr früh eine unabhängige, direkte Verbindung zu Gott durch Gebet und Meditation. Im Jahr 1924 begegnete er seinem Lehrer Baba Sawan Singh.

Sein Leben als Familienvater mit drei Kindern und einem verantwortungsvollen Posten als Beamter im Dienst der indischen Regierung zeigte, dass Spiritualität nichts mit Weltflucht zu tun hat. Während all dieser Jahre kümmerte er sich neben all seinen Verpflichtungen zudem um alte und kranke Menschen. Als er im Jahr 1947 in den Ruhestand ging, vollzog sich gerade die Teilung Indiens, die über eine Million Opfer aufgrund von Religionszugehörigkeiten forderte.

Die höheren Werte des Lebens und ein Bewusstsein der Einheit zu vermitteln, war ihm eine Herzensangelegenheit. Aktiv setzte er sich für Frieden und Verständigung unter den Religionen ein. In Büchern, Vorträgen und persönlichen Gesprächen brachte er den Menschen diese zentralen Themen nahe. Sein Motto war „Be good – do good – be one“ „Seid gut – Tut Gutes – Seid eins“.

Auf drei Weltreisen besuchte er viele Städte der westlichen Welt und traf mit religiösen Oberhäuptern, Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammen.

1963, 2. Weltreise, Europa

Im Jahr 1957 wurde er zum Präsidenten der Weltgemeinschaft der Religionen gewählt und hatte dieses Amt 14 Jahre inne. In Anerkennung seiner Bemühungen wurde ihm als erstem Nicht-Christ das Großkreuz von Jerusalem des Souveränen Malteserordens verliehen.

1974 berief Kirpal Singh die Weltkonferenz zur Einheit des Menschen ein, die vom 3. bis 6. Februar in Delhi stattfand. Unter den Teilnehmern waren führende Persönlichkeiten Indiens wie die damalige Ministerpräsidentin Indira Gandhi mit Kabinettsmitgliedern, hochrangige Vertreter aus Religion und dem öffentlichen Leben, Delegierte aus mehr als 25 Nationen und viele Menschen, denen einfach das Thema am Herzen lag.

Es war eine Konferenz auf der Ebene des Menschen im besten Sinne des Wortes, denn im Mittelpunkt stand das gemeinsame innere Band, das uns alle verbindet.

Aus ihm erwachsen Werte wie Gewaltlosigkeit, gegenseitiger Respekt, universale Liebe und Mitgefühl. Diese Konferenz war die Geburtsstunde von Unity of Man, einer Bewegung für alle, die sich für Einheit einsetzen und entsprechend leben wollen.

Bereits Ende der 1960er Jahre entwickelte Kirpal Singh ein Konzept für Zentren, die der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienen – sozial, intellektuell und spirituell. Dieses Konzept wird seit 1981 in Kirpal Sagar in Nordindien umgesetzt.

Kirpal Sagar, Teilansicht (https://kirpal-sagar.org)

Vorwort des Autors

Gott ist in der Seele,

und die Seele ist in Gott,

wie das Meer im Fisch

und der Fisch im Meer.

Hl. Katharina von Siena1

Der Begriff Spiritualität ist nicht einfach zu definieren. Die Reichweite und der Umfang dieses Themas sind in all seinen Aspekten so groß und breitgefächert, dass man es selbst mit noch so vielen Worten kaum ausdrücken kann. Es mag genügen zu sagen, dass sich die Spiritualität mit den unveränderlichen und ewigen Tatsachen des Lebens befasst, den wirkenden Prinzipien, welche die ganze Schöpfung beleben.

Seit das Bewusstsein im Menschen erwachte, war die Suche nach dem Geist und den Gesetzen der Spiritualität immer in seinem Herzen. Obwohl dieses Thema schon uralt ist, ist es immer frisch und wird es auch bleiben. Der Geist oder die Seele ist die belebende Flamme im Menschen. In ihrem Licht und Leben existiert und lebt er. Es ist daher kein Wunder, dass in allen Teilen der Erde und in jedem Zeitalter die Vorreiter des spirituellen Denkens – die Weisen und Seher, die Heiligen und Sadhs2 – versucht haben, das Rätsel des Lebens zu lösen.

Das Thema Spiritualität befasst sich ausschließlich mit den Fragestellungen, die mit dem Bewusstsein oder der Seele in Verbindung stehen: mit dem Ursprung der Seele oder ihrer Quelle, mit dem, was sie ist, wo sie ihren Sitz im Körper hat und mit ihrer Beziehung zum Körper. Sie befasst sich damit, wie die Seele in der physischen Welt wirkt, ob es möglich ist, sie nach Belieben vom Körper und seinen unterstützenden Werkzeugen, dem Gemüt und den Sinnen, zu trennen. Und wenn ja, welche Vorgänge damit verbunden sind. Sie beschäftigt sich mit der spirituellen Reise durch verschiedene geistige Ebenen und der Fähigkeit der Seele, sie zu durchqueren. Es geht darum, was das endgültige Ziel ist, zu dem diese Reise führt, sowie um andere verwandte Themen wie das Wohl des Geistes, wie man ihn nährt und womit. Denn von seiner Gesundheit hängt die des Gemüts und des Körpers ab. Das sind einige der wichtigsten Fragen, die in den Bereich unserer Nachforschungen fallen.

Spiritualität ist mehr eine praktische Wissenschaft als eine theoretische Erörterung. Die vielfältigen Texte der verschiedenen Weltreligionen vermitteln uns den theoretischen Aspekt, können uns aber keine anschauliche Erfahrung der Wirklichkeit im Labor des menschlichen Körpers geben. Schriften wie die Veden und die Upanishaden3 der Hindus, die Awesta4 der Zoroastrier, die Tripataka5 der Buddhisten, die Evangelien der Christen, der Koran der Muslime, der Adi Granth6 der Sikhs, die Triratans7 der Jains und andere kanonische Literatur sowie außerkanonische Werke samt ihren Kommentaren, die älteren und die modernen (die Mahabhasyas, die Angas und Upangas usw.) – sie alle mögen den Weg weisen, haben aber keine Kraft, uns auch dorthin zu bringen. Ihr Hauptverdienst liegt in der vorbereitenden Arbeit, die sie leisten, um im Suchenden das Interesse für Para Vidya oder das Wissen vom Jenseits zu wecken. Die transzendente Erfahrung selbst kann jedoch nur von einem lebenden Meister, einem Murshid-i-Kamil8, erlangt werden, der sich in den praktischen Aspekten der Spiritualität auskennt und kompetent ist. Leben und Licht können allein vom Lebensimpuls eines Meisterheiligen kommen. Sein gnadenvoller Blick ist mehr als genug, um ein höheres Leben im Schüler zu erwecken.

Die bedeutendsten Lehrer der Menschheit wenden je nach den individuellen Bedürfnissen des Schülers alle der drei Methoden an:

  1. Anva oder grobstofflich: Die spirituellen Anweisungen werden mündlich weitergegeben.
  2. Shakta oder feinstofflich: Dem Schüler wird spirituelles Bewusstsein vermittelt, ohne dass er den äußeren Sadhan9 oder Disziplin durchlaufen muss.
  3. Shambava oder transzendent: Der Schüler wird durch unendliche Barmherzigkeit auf die höchste Stufe der Verwirklichung erhoben, ohne dass er irgendetwas tun muss.

Als unfehlbarer Führer auf dem inneren spirituellen Weg erscheint der Meister in seiner strahlenden Form, Guru Dev10, und begleitet den Geist, wenn er das Körperbewusstsein überschreitet, sei es während des Lebens oder zur Zeit des Todes. Als echter Meister der Wahrheit, Satguru11, erfüllt er den göttlichen Plan. Es kann nicht überbetont werden, wie notwendig eine solche Meisterseele ist, die gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen wirken kann – als Guru12, Gurudev und Satguru.

Kurz gesagt befasst sich Spiritualität einzig und allein mit Selbsterkenntnis und Gott-Verwirklichung. Sie hat deshalb nichts mit institutionalisierten Religionen oder institutionalisierter Frömmigkeit, mit einem äußeren Zur-Schau-Stellen der Religion zu tun, so wie wir es heutzutage großteils praktizieren.

Spiritualität sollte auch von engstirnigem Dogmatismus unterschieden werden. Während die meisten der großen Weltreligionen dazu neigen, in ihrer Sichtweise mit der Zeit immer engstirniger zu werden, bleibt Spiritualität immer universell, indem sie Menschen aller Weltanschauungen dazu aufruft, an diesem studium generale oder der universalen Mysterienschule13 teilzunehmen und es zu praktizieren. Im Gegensatz zu verschlossenen oder dogmatisch festgelegten Religionen ist Spiritualität ein offenes Buch Gottes mit einem lebendigen Hauch, den der Meister ihr verleiht, und sie so von Zeit zu Zeit dem Verständnis der Epoche angepasst darstellt. In diesem wissenschaftlichen Zeitalter wird sie dementsprechend präsentiert, mit sonst aus der Mathematik bekannter Genauigkeit und Ergebnissen, die überprüfbar sind.

Der Begriff Spiritualität ist nicht zu verwechseln mit:

  1. Spiritismus oder dem Glauben an die Existenz von Geistern außerhalb der (gewöhnlich sichtbaren) Materie. Wenn sie keinen Körper mehr haben, suchen sie die unteren Regionen als Geister heim oder halten sich als Engel auf den niedrigeren Ebenen der Astralregionen auf.
  2. Spiritualismus oder dem Glauben an das Weiterleben der menschlichen Persönlichkeit und an die Möglichkeit der Kommunikation zwischen den Lebenden und denjenigen, die „hinübergegangen“ sind und sich dann als Klopf- oder Schreibgeister etc. betätigen.
  3. Mesmerismus oder der Erzeugung eines Trancezustandes durch bewusst angewandten „tierischen Magnetismus“. Dabei unterwirft der Anwender die Willenskraft des Patienten.
  4. Hypnose, die eine Art Tiefschlaf erzeugt, in dem das (Wach-) Bewusstsein ausgeschaltet und der Hypnotisierte für die Eingebungen des Hypnotiseurs anfällig gemacht wird.

Spiritualität dagegen ist die Wissenschaft, bei der das höhere Bewusstsein im Menschen auf der Ebene der Seele entwickelt wird. Sie bewirkt, dass man sich vom bloßen Körperbewusstsein zum kosmischen Bewusstsein und weiter zum Überbewusstsein erhebt, damit man das Wirken des göttlichen Plans verstehen kann.

Mit diesen wenigen Worten möchte ich den Sucher nach der Wahrheit bitten, die folgenden Seiten sorgfältig zu lesen und in sich aufzunehmen, um die wahre Bedeutung dieses wichtigsten und doch sehr vernachlässigten Themas - Spiritualität - zu verstehen.

Kirpal Singh

I. Spiritualität

Der Mensch ist älter als alle Philosophien und Religionen. Sie waren ursprünglich dazu gedacht und deshalb später ausgeformt und weiterentwickelt worden, um sein moralisches und spirituelles Wohl zu sichern, damit er am Ende Erlösung oder Freiheit von der Knechtschaft des Gemüts und der Materie erlangen kann. Doch trotz Wohlstand, ethischen Prinzipien und enormer Gelehrsamkeit, Wissen und Weisheit die er erworben hat, ist der Mensch im Allgemeinen nicht wirklich mit seinem Leben zufrieden, weil er nicht in der Lage ist, die grundlegende Wahrheit der Liebe, den Kern aller Religionen, zu erkennen.

Gott schuf den Menschen und der Mensch schuf die Religionen. Eigentlich sind die Religionen für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für die Religion. Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam, Sikhismus und andere - sie alle entstanden im Laufe der Zeit, entsprechend dem, was die damaligen Bedingungen erforderten, um diesem primären menschlichen Bedürfnis zu dienen. Wenn wir in die Vergangenheit zurückreisen, finden wir keine Spur von den Sikhs vor fünfhundert, von den Muslimen vor vierzehnhundert, von den Christen vor zweitausend und von den Buddhisten und Jains vor fünf- oder sechstausend Jahren. Vor dem Aufkommen der arischen Stämme erschienen viele Völker und verschwanden auch wieder von der Bühne des Lebens. Aber der Mensch ist stets Mensch geblieben, der Herr der Schöpfung, in allen Zeiten und Ländern. Ob im Osten oder im Westen, immer und überall ist er in seiner wesentlichen Natur derselbe: ein beseelter Körper oder eine verkörperte Seele, unabhängig von sozialem Stand, Glauben oder Rasse. Das innere Selbst in ihm ist von der gleichen Essenz wie Gott.

Das Bewusstsein im Menschen

ist von derselben Essenz

wie der alles durchdringende Geist.

Gond Kabir

Alle Kreaturen sind Geschöpfe

von ein und derselben Jauhar (Essenz).

Sheikh Saadi14

Jedes Land, jede Epoche hatte seine Weisen und Seher. Abwandlung und Verfall sind natürliche Merkmale der Zeit. Und immer wieder erscheinen Propheten, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Alle Religionen verdanken ihre Geburt den Lehren dieser Meisterseelen. Das Ziel der verschiedenen religiösen Gemeinschaften war immer das Gleiche: Einen Weg zurück zu Gott zu zeigen, das fehlende Bindeglied zwischen Ihm und dem Menschen zu finden. Sie sind somit ein Mittel zum Zweck, aber nicht das Ziel an sich. In der Praxis stellen wir jedoch fest, dass keine von ihnen uns in hohem Maß zufriedenstellen kann. Die Schuld liegt nicht bei den Religionen, sondern bei denen, die sie den Menschen vermitteln.

II. Wahre Religion ist universale Liebe und Erinnerung an Gott

Was ist wahre Religion? Das ist die natürlichste Frage des Menschen und jeder wird in der einen oder anderen Phase des Lebens damit konfrontiert. Uns stehen hunderttausende von Schriften und Abhandlungen zur Verfügung, die sich mit den wesentlichen Problemen des Daseins befassen. Sie sind sich jedoch in der Beantwortung dieser rätselhaften Frage nicht einig. Wir müssen daher unsere Nachforschung und unsere Suche nach einer richtigen Lösung fortsetzen, die nur eine sein kann. Aber bevor wir mit dieser Aufgabe beginnen, müssen wir zuerst den Zweck der Religion oder des Dharma15 kennen. Das Ziel, das uns alle Religionen nennen, ist ein und dasselbe: göttliche Schönheit und den mit Glückseligkeit erfüllten Anblick des Herrn zu erfahren. So wie viele Bogenschützen haben alle Religionen dasselbe Ziel im Auge.

Wenn wir wirklich ernsthaft behaupten, dass wir Gott lieben, müssen wir auch Seine Schöpfung lieben - denn der Schöpfer und Seine Schöpfung sind eins. Wir können nicht das eine lieben und das andere hassen.

Alle Heiligen und Weisen handeln nach diesem Grundsatz und lieben die Menschheit als solche – es spielt dabei keine Rolle, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. Sie machen keinen Unterschied zwischen einem Theisten, Atheisten oder Agnostiker16. Sie glauben an die eine große Familie Gottes. Sie lieben alle, trotz der scheinbaren Unterschiede in den unwesentlichen Dingen des Lebens.

Aber wie sieht es wirklich in der Welt aus? Nachdem wir die grundlegende Wahrheit der Liebe vergessen haben, die an der Basis aller Religionen wirkt, sind wir vom Rettungsanker abgeschnitten und treiben steuerlos im Meer des Lebens umher. Jeder versucht, sich an einem Strohhalm festzuklammern, um sich selbst zu retten. Die natürliche Folge davon ist, dass wir nach einem kurzen Kampf gegen Sturm und Regen in das große Vergessen versinken. Wir lösen das Rätsel des Lebens nicht - woher wir kommen und wo wir gebunden sind, das Warum und Wofür des menschlichen Lebens.

Die Liebe ist daher die einzige wahre Religion. Der heilige Paulus wandte sich an die Galater mit den Worten: Dient einander in Liebe (Gal. 5,13). Leigh Hunt17 erklärte: Wer seinen Mitmenschen dient, liebt Gott und ist der wahre Liebende Gottes. Und ähnlich sagt Samuel Taylor Coleridge18 in seinem bekannten Gedicht vom alten Seemann:

Der betet am besten, der am besten liebt,

all die großen und die kleinen Dinge.

Denn der liebe Gott, der uns liebt,

erschuf und liebt sie alle.

Johannes schreibt in seinem Brief: Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe (1 Johannes 4,8). Christus, der große Apostel des Friedens, zeigte mit seinen denkwürdigen Worten mit Nachdruck ein Hauptprinzip des Lebens auf: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Matthäus 19,19). Und nochmals betonte er ausdrücklich: Liebe, und alle Dinge werden dir hinzugegeben. (Matthäus 6,33)

Sheikh Saadi, ein muslimischer Heiliger, lehrte dasselbe: Wie die Glieder eines Körpers so sind die Kinder Gottes miteinander verbunden. Sie sind aus der gleichen Essenz entstanden. Sollte einer von ihnen unter Fieber leiden, werden auch die anderen unruhig.

Sheikh Farid19 und andere Heilige wiederholten ebenfalls diese Wahrheit in der gleichen Weise:

Wenn du deinen Geliebten, Gott, finden willst,

so verletze die Gefühle von niemandem.

Shalok Farid

Guru Gobind Singh20, der zehnte Guru der Sikhs, sagte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, Gott offenbart sich demjenigen, der liebt. Gott ist Liebe, unsere Seele ist von der gleichen Essenz wie Gott. Somit ist auch sie Liebe, und der Weg zurück zu Gott ist ebenso die Liebe.

Und wiederum heißt es:

Der Schöpfer und Seine Schöpfung sind eins.

Verletze Seine Schöpfung nicht, o Nandlal,

und ziehe dir nicht den Zorn Gottes zu.

Bhai Nand Lal21

Alle heiligen und gottesfürchtigen Ergebenen haben nur eine Religion – die der Hingabe an Gott und der Liebe zu Seiner Schöpfung. Ein Mensch ist nicht besser als ein Schaf oder eine Ziege, wenn er nicht von Gefühlen der Liebe und Zuneigung für seine Mitmenschen angetrieben wird, ihre Freuden und Leiden teilt und ihnen in ihren Mühen und Sorgen beisteht. Wenn wir statt mit menschlichem Mitgefühl mit Bosheit, Hass, Eifersucht, Neid und Feindschaft erfüllt und mit Ärger, Gier und Selbstliebe belastet sind, sowie von Stolz und Vorurteilen beherrscht werden, können wir weder ein reines Herz haben, das das Licht Gottes in uns reflektieren kann, noch wahre Glückseligkeit erlangen.

Der Mensch, so wie er mit dem Geist Gottes beschenkt ist, ist das Höchste und die Krone der Schöpfung. Je mehr man seine Mitmenschen liebt, desto näher kommt man dem Schöpfer. Die ganze Schöpfung ist Seine Offenbarung und Sein Geist wohnt allen Formen und Mustern inne. Alle Farben haben ihren Farbton von Ihm. Sein Geist, der alles durchdringt, wirkt überall, und es gibt keinen Ort ohne Ihn.

Jeder spiegelt das Licht wider,

das aus der Quelle des Selbst kommt.

0, keiner ist gut oder schlecht.

Parbhati Kabir

Der Teil ist im Ganzen und das Ganze im Teil.

Wo ist dann der Unterschied,

wenn beide das Eine wiederspiegeln?

Kabir22

Unterschiede in den Formen, der Lebensweise, der Kleidung und den äußeren Gebräuchen sind auf die naturgegebenen Bedingungen zurückzuführen. Das innere Wirken der Seele können sie nicht beeinträchtigen. Wie nichts lösen sie sich in Luft auf, wenn man sich über das Körperbewusstsein erhebt und in den göttlichen Bereich am Sitz der Seele eintritt.

Christus lehrte immer:

Liebe Gott, deinen Herrn,

mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele,

mit deinem ganzen Gemüt und Verstand.

Matthäus 22,37

Liebe deinen Nächsten

wie dich selbst.

Liebt eure Feinde, segnet jene die euch fluchen.

Tut wohl denen die euch hassen und bittet für

die, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass

ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel…

Liebe Gott, deinen Herrn,

mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele,

mit deinem ganzen Gemüt und Verstand.

Matthäus 5,44-47

Seid also vollkommen, wie euer himmlischer

Vater vollkommen ist!

Matthäus 5,48

Dies ist wirklich wahre Religion, wahre Hingabe und wahre Meditation. Das menschliche Herz ist der Sitz Gottes. Es wurde dem Menschen zu treuen Händen gegeben. Deshalb muss es sauber und rein gehalten werden, denn nur dann kann es Sein Licht widerspiegeln und das Leben wirklich gesegnet machen. Der Körper ist der Tempel Gottes. Die von Menschen gebauten Gotteshäuser halten wir äußerst sauber und ordentlich, aber dem heiligen Tempel Gottes, der wir wirklich sind, schenken wir kaum Beachtung.

Es gibt nur ein schöpferisches Prinzip für die ganze Schöpfung. Alle sind aus dem Licht Gottes geboren, das in allen leuchtet; und daher kann keines seiner Geschöpfe als „böse“ bezeichnet werden.

Thomas von Kempen23 schreibt in seiner „Nachfolge Christi“:

Von einem Wort gehen alle Dinge aus

und sie alle berichten von Ihm.

Die Hindus nennen dieses schöpferische Prinzip Naad, die Muslime Kalma und die Sikhs Naam.

Die Wahrheit ist eine und nur eine,

obwohl sie die Weisen unterschiedlich beschreiben,

heißt es in dem denkwürdigen Upanishaden-Text.

Sheikh Saadi sagte:

Keine Religion ist höher

als der Dienst am Menschen.

Rosenkranz, Altar und Gewänder

haben keinen Wert.

Mein Geliebter ist in allen Herzen,

und kein Herz ist ohne Ihn.

Wirklich gesegnet ist das Herz,

in dem Er sich offenbart.

Sei sicher, dass Gott in allen Herzen wohnt.

Und daher muss jedes Herz geachtet werden.

Nicht mehr als ein Gebäude aus Stein

ist die Kaaba24 von Khalil25 ,

doch die Kaaba des menschlichen Herzens

ist der Sitz Gottes.

Von allen Pilgerfahrten

ist die zum menschlichen Herzen die wahre.

Sie hat mehr Wert

als zahllose Reisen nach Mekka26.

Das ist es, was Maulana Rumi27, der große Heilige, rät:

0 Mensch,

umkreise die geheime Kaaba des Herzens,