Klostersturm im

Erzbistum Paderborn

Dritter Band

Dieser Dokumentationsband enthält Texte von

M. Sigram Bauer OSB (†), Alban Buckel OSB (†), Peter Bürger,

Georg D. Heidingsfelder (†), Manfred Hörhammer OFMcap (†),

Dominicus M. Meier OSB, Anno Schütte OSB u. a.

Ein besonderer Dank des Herausgebers geht an:

Bodo Bischof (Hamburg), Angelika Rode,

Prof. Irmgard Antonia Rode

Umschlagmotiv (Bearbeitung):

Der Mescheder Benediktinerkonvent

von Königsmünster im Mai 1930

© 2020

GESTAPO-KLOSTERSTURM IM HOCHSAUERLAND

Texte zur Auflösung der missionsbenediktinischen

Niederlassungen in Meschede und Olpe

(Klostersturm im Erzbistum Paderborn. Dritter Band)

edition leutekirche sauerland 21

Herausgeber, Redaktion, Satz & Gestaltung: Peter Bürger

Herstellung & Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7519-6293-3

Inhalt

Reihe

Klostersturm im

Erzbistum Paderborn

Erster Band

Norbert Hannappel

DER GESTAPO-ANGRIFF AUF DAS PALLOTTINERKLOSTER IN OLPE

19. Juni 1941: Menschen im Widerstand –

Zeitzeugenberichte und Dokumente

ISBN 978-3-7460-3040-1

Zweiter Band

Clementine Tillmann,

Johannes Kistenich-Zerfaß, Michael Overmann

GESTAPO-KLOSTERSTURM IN GERMETE

UND SENNELAGER 1939/1940

Texte zur Auflösung des Mutterhauses der Schwestern von Germete

und des Hauses Heilandsfriede der Salvatorianer

ISBN 978-3-7494-5307-8

Dritter Band

M. Sigram Bauer, Alban Buckel,

Dominicus M. Meier u.a.:

GESTAPO-KLOSTERSTURM IM HOCHSAUERLAND

Texte zur Auflösung der missionsbenediktinischen

Niederlassungen in Meschede und Olpe

ISBN: 978-3-7504-3666-4

Vierter Band

(in Vorbereitung)

GESTAPO-KLOSTERSTURM IN DORTMUND, BOCHUM UND HAMM

Die Auflösung von Niederlassungen der Hiltruper Schwestern,

Franziskaner, Redemptoristen und Herz-Jesu-Missionare im Juli 1941

I.

Einleitung

Die Auflösung der missionsbenediktinischen Niederlassungen

in Meschede und Olpe (Dorf)

Ein Lesebericht von

Peter Bürger

„Er ist König, weil er uns alle zu Königen gemacht hat.“

MARTIN LUTHERS Bekenntnis zum Königtum Jesu

„Herr, dir ist nichts verborgen. Du schaust mein Wesen ganz.

Das Gestern, Heut und Morgen wird hell in deinem Glanz.

Du kennst mich bis zum Grund; ob ich mag ruhn, ob gehen,

ob sitzen oder stehen, es ist dir alles kund.“

MARIA LUISE THURMAIR (1971), nach Psalm 139

Eine Welle von Kloster-Raubzügen im Jahr 1941, die die Gestapo durchführte, betraf vor allem das Rheinland und Westfalen: „Als Begründung wurde diesmal kein bestimmter Nutzungszweck angeführt, sondern den Klosterbewohnern wurde ‚volks- und staatsfeindliches Verhalten‘ vorgeworfen. Konkrete Anhaltspunkte dazu gab es in den seltensten Fällen, zu Anklagen oder Gerichtsverfahren gegen Ordensangehörige kam es im Zusammenhang mit den Beschlagnahmen kaum. Der Vorwurf der Volks- und Staatsfeindlichkeit wurde lediglich pauschal erhoben und bezog sich auf die allgemeine Lebensweise der Ordensleute. Sie mussten ihre Häuser […] verlassen und wurden meistens auch aus ihren Städten oder Provinzen ausgewiesen. Die Klöster gingen in die Hand des Staates über und wurden von den verschiedensten Behörden genutzt.“1 Im Paderborner Diözesangebiet wurde diese ‚zweite Phase‘ der Attacken auf Stützpunkte der Orden am 19. März 1941 eröffnet mit der Aufhebung des Klosters Königsmünster in Meschede. Der vorliegende dritte Band unserer Reihe über den „Klostersturm im Erzbistum Paderborn“ erhellt die Repressionen des nationalsozialistischen Staates gegen die Mönche und Nonnen der beiden missionsbenediktinischen Niederlassungen im – damaligen – Kreis Meschede. Die Sammlung ist dokumentarisch angelegt, indem sie bereits vorliegende Darstellungen (vornehmlich aus Perspektive der betroffenen Orden), persönliche Zeugnisse und historische Quellentexte zusammenführt. Auf diese Weise gewinnen wir bereits einen Überblick zu den Ereignissen im Hochsauerland, der später herangezogen werden kann für eine vergleichende Gesamtschau zu den Klosterattacken im Bistum und auch als ‚nützliche Dienstleistung‘ für gründliche geschichtswissenschaftliche Forschungen gelten mag.

1.

VORAB:

KIRCHENGESCHICHTSSCHREIBUNG

ALS THEOLOGIE?

Mit Blick auf die förmliche Pulverisierung des überkommenen Kirchentums, deren Tempo selbst langjährige ‚Kurskritiker‘ wie den Herausgeber dieser Reihe überrascht, erscheint es sinnvoll, vorab kurze Überlegungen zur Kirchengeschichtsschreibung an den Anfang der Einleitung zu stellen:

Dass unter Umständen Kleriker, Bischöfe, Kardinäle oder gar Päpste gleich scharenweise in die Hölle einmarschieren können, diesen von Dante Alighieri (1265-1321) her vertrauten Gedanken finden wir im Verlauf der Geschichte sogar in der Sakralkunst drastisch dargestellt. Hier wurde verstanden, dass Christenmenschen Gott anbeten, nicht aber die Kirche (als sei diese ein unantastbares Heiligtum). Dem steht jedoch entgegen eine lange Tradition der kirchlichen und speziell klerikalen ‚Selbstanbetung‘. Diese Linie eskalierte, als sich in der Neuzeit ein kritisches historisches Bewusstsein und immer feinere Methoden der Geschichtswissenschaften herausbildeten. Das „Haus voll Glorie“ schien bedroht durch das Licht, welches u.a. auf sehr hässliche, beunruhigende Befunde fiel. Zur Abwehr wurde die Kirche im 19. Jahrhundert zu einer unfehlbaren Festung – bzw. zum Kriegsschiff – ausgebaut. Fortan sah man sie nicht als eine ‚Gemeinschaft von Sündern und Heiligen‘, sondern als eine ‚vollkommene Gesellschaft‘ (societas perfecta) und als ‚Gottesbeweis‘ in Gestalt einer Institution. Die Kirche war in dieser Sichtweise nicht mehr eine mögliche Geburtshelferin beim Eintritt in das von Jesus aufgedeckte und vermittelte ‚Reich des rein geschenkten Lebens‘, sondern selber das ‚Reich Gottes‘. Die Aufgabe der Kirchengeschichtsschreibung lag darin, dies zu erweisen. Ein Großteil der historischen Arbeiten aus dem kirchlichen Selbstlobkollektiv bis in die Gegenwart hinein ist deshalb nicht nur wissenschaftlich wertlos und unwahrhaftig, sondern auch ein mächtiger Bremsklotz, der im Raum der Kirche Lernprozesse unmöglich macht.

Doch man kann nicht vorgeben, an Gott zu glauben, und gleichzeitig systematisch daran arbeiten, das Geschichtsgedächtnis zu frisieren. Alle Getauften wurden beschämt, als die Zeitgenossen sahen, wie die Kirchenhierarchie während der beiden letzten Pontifikate bei abgründigen Erkenntnissen zur Biographie angeblich heiligmäßiger Päpste etc. ihre bestellten Experten ausschickte, um irgendwo in einem versteckten Winkel den so sehr gesuchten Persilschein für die verehrten Größen doch noch zu finden. Man beschränkte sich hierbei ja nicht etwa darauf, das offenkundige Versagen von Kirchenakteuren im Zusammenhang mit zeitbedingten und persönlichen Begrenztheiten besser zu verstehen.2 Vielmehr lautete die Strategie: Wenn eine unserer Gallionsfiguren wegen geschichtlichen Versagens angeklagt wird, dann sprechen wir den Kritisierten einfach heilig und machen ihn durch den Heiligenschein zu etwas Unangreifbarem. (Es handelt sich fast immer um Männer.)

Bedeutet Katholizismus heute immer noch: „Das Dogma besiegt die Geschichte“? Wäre es nicht notwendig, eine fromme Perspektive für den Umgang mit der Geschichte überhaupt zu entwickeln? Die Kirche darf schon deshalb kein Selbstlobkollektiv sein, weil ein solches immer der Lüge erliegt (und sich auch zu schnell in das Licht der wenigen Trefflichen stellt). Dass die Kirche etwa alle ihre Archive öffnet, ist die purste Selbstverständlichkeit und bedarf, wenn es geschieht, keines Beifalls. Schon Papst Leo XIII. (geb. 1810, gest. 1903) zitierte mit Überzeugung die Forderung Ciceros: „Erste Norm des Geschichtsschreibers ist es, die Wahrheit zu sagen, sodann nichts Wahres zu verschweigen.“ Johannes XXIII. hat die Geschichte eine große Lehrmeisterin genannt. Das kann sie natürlich nur sein, wenn wir – soweit es Menschen möglich ist – Zutreffendes über sie in Erfahrung bringen. Wenn gelehrte Kirchenfeinde – einen halbwegs soliden Umgang mit Quellen vorausgesetzt – uns bei dieser Aufgabe viel Arbeit abnehmen, kann unsere Antwort darauf doch nur Dankbarkeit sein.

Aufgabe der Kirchenhistoriker auf theologischen Lehrstühlen ist es also nicht, die Geschichte irgendwie zu theologisieren und schon gar nicht, bestellte Auftragswissenschaft zu betreiben (das Leitwort einer seriösen Kirchengeschichtswissenschaft lautet „Soli Deo Gloria“3, sie ist nicht „Defensor Ecclesiae“4). Wenn unsere Geschwister in diesem Fach ihren Blickwinkel und ihren Forschungsgegenstand mit Verantwortung wählen, bienenfleißig arbeiten und aufrichtig um Unbestechlichkeit bemüht sind, dann haben sie schon einen Großteil ihres Christenwerks getan. Ihr Glaubenszeugnis besteht vor allem darin, noch kritischer und unbestechlicher zu sein als die Kollegen und Kolleginnen aus der säkularen Abteilung.

„Wahrhaftigkeit“ ist, wie Hans Küng nach dem Konzil mit einem seiner Bücher zu zeigen suchte, eine Frage der Frömmigkeit und der Zukunft der Kirche. Wer das Eigene, sei es weltlich oder kirchlich, beschönigen oder vertuschen muss, der ist noch fern vom Glauben, der gibt ein Zeugnis der Angst. Die Zunft der Kirchenhistoriker soll selbstredend aufzeigen, wo in der Geschichte gelungene Modelle des Christseins anzutreffen sind und unter welchen Bedingungen die Kirche in Krisenzeiten dem Evangelium treu zu bleiben vermag.5 Das Schöne soll sichtbar werden … Nicht minder bedeutsam ist es, das Hässliche auf dem Feld der Kollaboration mit den ‚Mächten dieser Welt‘ und kirchliche Strukturen der Entfremdung vom Evangelium aufzudecken.

Eine solchermaßen gewendete Kirchengeschichtsschreibung wird vieles, was einstmals in einen Nebel frommer Legenden und ‚übernatürlicher Deutungen‘ gestellt wurde, heute nüchtern betrachten. Die zahlreichen ‚Berufungen‘ in früherer Zeit lassen sich z.B. auch soziologisch oder sozialpsychologisch betrachten, so auch bei dem in diesem Band behandelten Orden: „Die meisten Aspiranten für St. Ottilien stammten aus ‚großen Familien mit bescheidenem Einkommen‘, in denen ‚bäuerlich-handwerkliche Ideale und Tugenden‘ und ein ‚konservativer Wertekanon‘ gelebt wurde. Die Gründe für den Beitritt in den Orden waren eng verknüpft mit der Hoffnung auf sozialen Aufstieg und erweiterte Bildung, mit der Befreiung von sozialen Zwängen und der Möglichkeit einer Perspektiverweiterung im wörtlichen Sinne – Abenteuerlust und Exotismus, angeheizt durch kolonialen Diskurs und visuelle Kultur, spielten hier eine mindestens ebenso zentrale Rolle wie persönliche Frömmigkeit. Tatsächlich gelang es vielen der entsandten Brüder und Pater, durch die Missionsarbeit ihren Status zu verbessern.“6

Wie andere ab dem späten 19. Jahrhundert stark gewordene Missionsorden waren auch die Missionsbenediktiner Teil des imperialistischen Komplexes im Deutschen Kaiserreich.7 Der berüchtigte „Nick-Neger“8 zur Einsammlung von Geldern für die Bekehrung der ‚Heiden‘ war zweifellos Ausdruck eines unreflektierten Rassismus. P. Cyrillus Wehrmeister OSB veröffentlichte 1906 im Missionsverlag St. Ottilien seinen Bericht über eine „Reise durch Deutsch-Ostafrika vor und bei dem Aufstande 1905“ mit erschreckenden An-Sichten eines Mitbruders „zur Charakterisierung der Neger“: „Hat einer einen Fehler begangen und hat man ihn nicht auf der Tat ertappt, so leugnet er beharrlich und selbst wenn er überführt ist, leugnet er noch. Aufs Wort glauben darf man dem Neger nie ohne Weiteres. […] Ferner sind die Neger unzuverlässig; man darf nicht zu viel Vertrauen auf sie setzen […]. In Gefahren kann man sich auf sie gar nicht verlassen, sie suchen immer sofort ihr Heil in der Flucht. […] Dankbarkeit darf man bei den Negern im allgemeinen nicht erwarten; was sie Gutes bekommen, das nehmen sie hin, als müsse es sein und vergessen es schnell […].“9 Welcher Mensch braucht Missionare, die so über ihn denken?

Die Schatten seien benannt, auch um dem Missverständnis vorzubeugen, unserer dokumentarische Reihe zur Ordensgeschichte diene dazu, weiteres Material für die üblichen Heldenüberlieferungen eines selbstverliebten Kirchentums bereitzustellen. Die Lernprozesse gestalteten sich bitter: „Völlig indiskutabel war seit dem Naziterror […] der Gedanke geworden, als Benediktinermissionare Träger einer den anderen Völkern überlegenen deutschen Kultur zu sein.“10 In einem Missionsprospekt der 1950er stellt z.B. die Abtei Münsterschwarzach dann klar: „Wenn man anfängt, zuerst Deutscher und dann Christ zu sein, ist man mit seinem Christsein bald am Ende.“11

Am 19.-21. Juni 1941 stellen sich hunderte Bewohner der Kreisstadt Olpe gegen das
Gestapo-Kommando im Pallottinerkloster (Stadtarchiv Olpe). – Unten: Die Wehrmacht
besetzt Ende 1939 das Mutterhaus der Schwestern von Germete (Herz-Jesu-Institut Germete).


1 HUTH 2005*.

2 Erstaunlicher Weise verlegt sich die apologetische Kirchengeschichtsschreibung immer dann gerne auf das „Historisieren“ (d.i. ‚wertfrei‘ aus zeitgeschichtlichen Kontexten heraus darstellen), wenn es entlastend wirkt. Sofern hierbei jedoch dunkle Gegensätze zum maßgeblichen Bezugspunkt Jesus von Nazareth verschleiert werden, ist dem Kirchenhistoriker leider die Orientierung abhandengekommen.

3 Allein Gott die Herrlichkeit (Ehre).

4 Verteidigerin der Kirche.

5 Vgl. auch meine Darlegung zu Lernprozessen in der Kirche im Zusammenhang mit dem Weg Oscar Romeros: BÜRGER 2020.

6 LÄMMERT 2018*. – Zusätzlich müssten z.B. auch unbewusste oder bewusste Gründe für das Ergreifen eines zölibatären Berufes sowie die Forschungen Eugen Drewermanns zum ‚Kleriker-Psychogramm‘ heute immer mit bedacht werden.

7 Eine frühe kritische Studie aus ‚real-sozialistischer‘ Perspektive hat ein aus dem Sauerland stammender ehemaliger Pallottiner verfasst: MOHR 1965. Vgl. jetzt: GAST/LEUGERS/LEUGERS-SCHERZBERG 2013 (Missionsschulen); RATSCHILLER/WETJEN 2018 (‚Perspektiven auf eine neue Missionsgeschichte ‘). Ein neueres Werk speziell zu den Missionsbenediktinern: EGGER 2016.

8 HERINGLEHNER 2012*.

9 WEHRMEISTER 1906*, S. 151-153.

10 DÜRING 1997b, S. 252.

11 Zit. DÜRING 1997b, S. 252 (Anm. 923). – Bildnis: Garnisonspfarrer (wikimedia.org)

2.

EIN ÜBERBLICK ZUM

„KLOSTERSTURM IM ERZBISTUM PADERBORN12

Wahrhaft „deutsch“ hatte sich – wie schon während der Massenschlachten 1914-1918 – die deutsche ‚katholische‘ Kirche auch in ihren Aufrufen zur Beteiligung der Getauften am Hitlerkrieg zeigen wollen. Die Rechnung, dies könne ihr selber Schonung einbringen, ging freilich nur sehr bedingt auf.13 Der NS-Staat nutzte vielmehr die in seinen Augen günstige Gelegenheit, lange geplante Attacken gegen die Orden (→V.1; V.3) endlich umzusetzen. Viele Bischöfe zeigten sich davon erstaunlich wenig berührt, denn ihr Stuhl wankte ja noch nicht.

Im Archiv des Erzbistums Paderborn, Bestand IV, Akte Nr. 8 b, befinden sich „Kirchenamtliche Mitteilungen“ des Generalvikariates an die „Hochwürdigsten Herren Dechanten“ vom 29.10.1941, die „auf der nächsten Dekanatskonferenz“ bekannt gegeben werden sollen.14 Darin heißt es unter Punkt 6: „Außer den schon früher polizeilich geschlossenen Klöstern Heilandsfriede und Herz-Jesu-Institut in Germete sind in diesem Jahre folgende Klöster unserer Erzdiözese staatspolizeilich geschlossen und sichergestellt worden: Am 19.3. das Priorat Königsmünster in Meschede und am 9.4. das dem Priorat gehörige Haus in Paderborn, das zur Wohnung der in Paderborn studierenden Fratres diente; am 19.6. das Kloster, Noviziat und Exerzitienhaus der Pallottiner in [der Kreisstadt] Olpe15; am 26.6. das Kloster der Missionsbenediktinerinnen in Olpe [Dorf], Kreis Meschede; am 21.7. das Redemptoristenkloster und das Franziskanerkloster16 in Bochum; am 31.7. das Kloster der Herz-Jesu-Missionare in Bad Hamm. In Olpe, Hamm und Bochum wurden die zu den Klöstern gehörenden öffentlichen Kirchen gleichfalls geschlossen, die Christ-König-Kirche der Franziskaner allerdings später für den Gottesdienst wieder freigegeben. – Außerdem wurden folgende Gebäude sichergestellt: am 11.7. das der Kirchengemeinde gehörige Schwestern- und Gemeindehaus in Dortmund-Berghofen wegen unbefugter Ausübung der Heilpraxis durch die Schwestern. – Eine Schwester wurde dieserhalb am 11.8. vom Amtsgericht in Dortmund zu 300 RM Geldstrafe verurteilt, die mitangeklagte Oberin dagegen freigesprochen. – Am 30.7. das große Pfarrheim in Delbrück, weil darin ein Weihespiel: Waldmaiandacht aufgeführt worden war, das nicht rein religiös gewesen sei.“

Ersichtlich ist aus dieser Aufzählung, dass der im März 1941 einsetzende neue Gestapo-Raubzug im Bistum hinsichtlich der öffentlich wahrnehmbaren Aktionen in Hamm nur einen Tag nach der ‚geheimen Weisung des Führers‘ vom 30. Juli 1941 zum ‚Stopp‘ des Klostersturms endet.17 Bezogen auf das kriegs- bzw. protestbedingte Umlenken der NS-Akteure darf nicht nur – oder vorrangig – auf die Münsterische Galen-Predigt vom 13. Juli 1941 verwiesen werden, denn spektakulärer ‚Laien‘-Widerstand (wie schon ab 19. Juni 1941 auch vor dem Pallottinerkloster der sauerländischen Kreisstadt Olpe18) wurde im Machtapparat ganz oben wahrgenommen!

Das Vorgehen des NS-Staates gegen die Orden sowie Schließung bzw. Raub von Klostereinrichtungen sind kein prominentes Thema der ‚amtlichen‘ Kirchengeschichtsschreibung im Bistum. Im 1993 vorgelegten Sammelband „Das Erzbistum Paderborn in der Zeit des Nationalsozialismus“19 fehlt ein entsprechender Beitrag. Der verdiente Herausgeber Ulrich Wagener betont im Vorwort auch, dass die Publikation für die Jahre 1933-1945 „keineswegs ein Gesamtbild des kirchlichen Lebens […] bietet“, und hat im Begleitheft zu einer zehn Jahre früher präsentierten Ausstellung nebst zwei Dokumenten immerhin folgenden kurzen Passus unter der Überschrift „Der Kampf gegen die Kloster“ vorgelegt: „Das Wirken und der Einfluß der katholischen Orden und Genossenschaften waren dem NS-Regime von Anfang an verhaßt. Um das Ansehen der Orden zu schmälern, richtete sich ein erster Angriff schon 1935/36 in den Devisenprozessen gegen einzelne Ordensobere; fast gleichzeitig startete Goebbels die propagandistisch hochgetrimmten Sittlichkeitsprozesse. Beide Maßnahmen erreichten bei der kath. Bevölkerung kaum die beabsichtigte Wirkung. – Der eigentliche Sturmlauf gegen Bestand und Tätigkeit der Klöster begann in den ersten Kriegsjahren. Die Kriegsereignisse boten willkommenen Vorwand, eine Reihe von Klöstern zu beschlagnahmen und die Ordensleute zu vertreiben (vgl. die Beschlagnahme von ‚Haus Heilandsfrieden‘ in Sennelager und die Verhaftung und KZ-Einweisung von P. Reinhold Unterberg SDS, die in Wahrheit wegen der überaus erfolgreichen Exerzitientätigkeit in ‚Haus Heilandsfrieden‘ erfolgten). – Die Maßnahmen gegen die Klöster erweckten im kath. Volk eine große Verbitterung und riefen schließlich [!] den nachdrücklichen Protest der Bischöfe heraus.“20 – Falls „nachdrücklich“ öffentlich bedeutet, fehlte Paderborn.

Die – nach den Schauprozessen wegen ‚Devisenvergehen‘ – zu einer zweiten Stufe gehörenden ‚Sittlichkeitsprozesse‘ gegen Ordensangehörige ab Mitte der 1930er Jahre wird eine zukünftige Kirchengeschichtsschreibung hoffentlich anders darstellen als die alte ‚apologetische Schule‘21. Einerseits muss jenen homosexuellen Ordensmitgliedern, die sich nach heutigen strafrechtlichen – und überzeugenden ethischen – Maßstäben nichts zuschulden kommen ließen und dennoch jegliche Solidarität der kirchlichen Gemeinschaft verloren, Gerechtigkeit widerfahren. Andererseits sind in kirchenhistorischen Darstellungen ohne Verschleierung jene Fälle darzustellen, in denen Ordensangehörige gegen anvertraute Zöglinge brutale physische, oft gleichzeitig sexualisierte Gewalt ausübten, im Einzelfall auch mit Todesfolge.22 Es verwundet die Opfer – und die Kirche – noch einmal mehr, wenn die zahlreichen Gerichtsverfahren der 1930er Jahre pauschal – ohne gründliche Aktenprüfung – unter die Überschrift einer kirchenfeindlichen Kampagne gestellt werden. Dazu sollte sich kein Historiker, keine Historikerin hergeben.

Zumindest erwähnt seien schon hier die Schließung der von Orden geleiteten Schulen (oder Kindergärten) sowie Maßnahmen gegen theologische Bildungseinrichtungen. Beides gehört doch mittelbar auch zum Komplex des ‚Klostersturms‘. In vielen Fällen sind schwerwiegende Beeinträchtigungen des Klosterlebens durch Zweckentfremdung von Bauten zugunsten des Kriegsapparates später (ab 1945) wohl gar nicht als Verfolgungsakte erinnert worden. Dies dürfte zumindest dort der Fall sein, wo Ordensleute entsprechende Einschränkungen – etwa nach dem ‚Reichsleistungsgesetz‘ vom 1.9.1939 – freudig hinnahmen, weil sie auf dem Irrweg ‚deutscher Kirchlichkeit‘ einen ‚Dienst am Vaterland‘ leisten wollten. Eliseus Füller OFM proklamierte als Provinzoberer der Saxonia bereits im September 1939 für seinen von einem heiligen Pazifisten gegründeten Orden: „In der Stunde, da alle Kräfte für das Vaterland eingesetzt sind, wollen auch die westfälischen Franziskaner genau wie im Weltkriege 1914-1918 restlos [sic!] ihre Kraft dem Vaterland zur Verfügung stellen.“23 Aus einem Schreiben Füllers an das Militär geht hervor, dass sich dies „auch auf die Bereitstellung von Klöstern als Lazarette“ bezog; die – z.T. mietzahlende – Wehrmacht galt im Vergleich zu anderen Eindringlingen wie der Gestapo nicht nur als ‚geringeres Übel‘ oder Schutzmöglichkeit, sondern sie war ausdrücklich willkommen.

Verglichen mit allein 18 Klosterschließungen der Gestapo im Bistum Köln24 von April bis Juli 1941 wirkt der oben zitierte einschlägige Kanon zu acht NS-Klosterattacken in der Diözese Paderborn ab 1939 noch überschaubar; dieser berücksichtigt Einrichtungen: der Schwestern von Germete25 (26. November 1939) und der Salvatorianer in Sennelager26 (9.1.1940) – sodann im Rahmen einer verschärften zweiten Phase: der Benediktiner in Meschede (19.3.1941 und 9.4.1941), der Pallottiner in der Kreisstadt Olpe27 (19.6.1941), der Missionsbenediktinerinnen im Dorf Olpe nahe Meschede (26.6.1941), der Redemptoristen und Franziskaner OFM in Bochum (21.7.1941) und der Herz-Jesu-Missionare in Hamm (31.7.1941).

Die wohl kaum vollständigen Anmerkungen zu einigen weiteren Gemeinschaften, die im ‚Ordens-Kapitel‘ des jüngsten Bandes der Bistumsgeschichte zu finden sind, vermitteln zumindest eine Ahnung davon, dass der nationalsozialistische Kampf gegen die Orden in der Diözese eine Vielzahl von Maßnahmen umfasste und mit den acht oben genannten Klosterschließungen nur ein Ausschnitt ansichtig wird. Diese Mitteilungen seien an dieser Stelle angeführt: In der NS-Zeit dienten Teile des Warburger Dominikanerklosters „von 1940 bis 1945 als Lazarett, in dem auch Patres als Sanitäter arbeiteten“28. – Die seit 1927 in der ehemaligen Abtei Hardehausen niedergelassenen Zisterzienser zählten 1930 in ihrer Konvent 7 Priester, 2 Chornovizen, 9 Brüder, einen Brüdernovizen und 2 Brüderkandidaten. Sie führten eine Erziehungsanstalt (Heim) für „lernbehinderte“ Auszubildende; ein ehemaliges Konventsmitglied war zur NS-Zeit wegen „sexueller Vergehen an Minderjährigen“ angeklagt.29 Die Bistumsgeschichte teilt mit: „Trotz Ankauf von Teilen der alten Klostergebäude und der Erweiterung der Landwirtschaft verließen die Mönche am 1. Oktober 1938 ihre Abtei in Hardehausen, da ihnen die Nationalsozialisten die Fortsetzung ihrer erfolgreichen Jugendarbeit verboten hatten.“30 – Das Kloster der Herz-Jesu-Missionare mit Studienhaus in Oeventrop wurde von 1939 bis 1945 „aufgehoben und als Reservelazarett und Pflegestätte für lungenkranke Soldaten beschlagnahmt“31. – Das Gymnasium der Steyler Missionare in Bad Driburg wurde „1940 staatlicherseits bis 1945 geschlossen“32. – Die Spiritaner (Congregatio Sancti Spiritus, C.S.S.p.) hatten 1929 ihr Missionskonvikt nach Menden verlegt: „Im Jahr 1935 arbeiteten dort bereits 11 Patres; neben dem Superior und dem Direktor waren 3 als Lehrer und 2 als Assistenten im Gymnasium tätig, einer als Volksmissionar. Als 1939 die ordensfeindliche NS-Regierung die Schließung der Missionsschule anordnete, wurde in den Räumen ein Lazarett eingerichtet.“33 – Im Jahr 1935 zählte das Missionskolleg der Salesianer in Paderborn 35 Studenten: „In der Nazizeit wurden ab 1940 die Kleriker nach und nach zum Kriegsdienst eingezogen; das Haus diente als Lazarett.“34 – Seit 1904 betrieben die Barmherzigen Brüder von Maria Hilf (aus Trier) in Dortmund das seinerzeit größte Männerkrankenhaus in Deutschland – mit rund 850 Betten. „Bereits 1937, als 60 Brüder dort arbeiteten, beschlagnahmte[n] der NS-Staat das Haus und wies[en] die Brüder aus. Das Krankenhaus wurde an die Stadt verkauft.“35Barmherzige Brüder (aus Montabaur) arbeiteten in Gelsenkirchen in einem Altenheim und in der ambulanten Krankenpflege: „… im Zuge der Sittlichkeitsprozesse mußte das Haus am 1. August 1939 geschlossen werden.“36 – In einer neu errichteten Arbeiterkolonie als Unterkunft für eine Zielgruppe von obdachlosen Arbeitssuchenden (‚Wanderarmen‘) in Welda bei Warburg arbeiteten seit 1926 Waldbreitbacher Franziskanerbrüder. Gegen fast 300 Angehörige dieser durch die ‚Sittlichkeitsprozesse‘ der NS-Zeit ins Licht der Öffentlichkeit gerückten Kongregation wurden Ermittlungsverfahren durchgeführt (u.a. wegen § 175; aber auch wegen „Unzucht mit Zöglingen“ und anderen Gewaltverbrechen); in über 50 Fällen erfolgten Verurteilungen. Die Paderborner Bistumsgeschichte vermerkt für die 1933 vom Verein für Arbeiterkolonien (Münster) erworbene, aber weiterhin von den Waldbreitbacher Franziskanern geleitete Einrichtung in Welda nur knapp: „Eher unerwartet erfolgte dann aber am 11. Mai 1934 [sic] der Abzug der Brüder und die Übernahme der Verwaltung durch weltliches Personal. Am 1. Juli 1937 bestätigte der Ortspfarrer von Welda dem Paderborner Generalvikar, dass nun alle Brüder abgezogen seien und die dortige Kapelle durch ihn persönlich entsakralisiert worden sei.“37

Die in der Ausbildung ärmerer Mädchen tätigen Augustiner-Chorfrauen unterhielten in Paderborn ein großes Kloster: „Während der NS-Zeit wurde das Haus besetzt und diente dem BDM als Ausbildungsstätte. Im Jahre 1941 wurde die Schule von der NSDAP [sic] beschlagnahmt und die Schwestern mußten den Haushalt und die Reinigungsarbeiten für die Schülerinnen übernehmen.“38 – Die seit 1930 autonomen Augustiner-Chorfrauen in Hagen unterhielten eine höhere Mädchenschule: „Während der Herrschaft der Nationalsozialisten erfolgte 1940 eine Teilschließung der Schule; ab da wurde nur noch in 2 Klassen unterrichtet.“39 – Die Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau auf der Brede bei Brakel waren mit ihren Filialen während der NS-Zeit von Repressionen und Schließungen betroffen; dies geht aus dem ihnen gewidmeten Abschnitt40 jedoch nicht hervor. – Die durch Pauline von Mallinckrodt gegründeten Schwestern der christlichen Liebe zählten allein im Bistum 20 Niederlassungen: „Der Nationalsozialismus brachte einschneidende Veränderungen. Die Schulen wurden aufgehoben und andere Erziehungsaufgaben den Schwestern größtenteils entzogen. Viele Schwestern halfen dafür in der Seelsorge und dem Religionsunterricht, in der ambulanten Krankenpflege und der Pflege von Verwundeten in den Lazaretten.“41 – Den Benediktinerinnenabteien in Herstelle und Varensell war während der NS-Zeit die Aufnahme von Novizinnen verboten.42 – Die Hiltruper (Missions-)Schwestern verzeichneten im Anschluss an eine längere Zeit steter Erweiterungen im NS-Staat einen Rückgang ihres Einsatzes im Bistum: „In Dortmund-Berghofen wurden z.B. im Juni 1941 die Oberin und eine Mitschwester ‚wegen unberechtigter Ausübung der Heilpraxis‘ verhaftet und zu 2 bzw. 10 Wochen Gefängnis verurteilt. Was jedoch die gesamte caritative Arbeit zum Erliegen brachte war der Tatbestand, dass die beiden anderen Schwestern Berghofen verlassen und ins Mutterhaus nach Hiltrup zurückkehren mußten, nachdem das Schwesternhaus, der Kindergarten, die Hauskapelle und die Krankenstube von der Regierung beschlagnahmt worden waren, obwohl diese Immobilien Eigentum der Pfarrei Dortmund-Berghofen waren.“43 (s.o.) – Die von Klara Fey 1844 in Aachen gegründeten Schwestern vom Armen Kinde Jesu hatten eine Niederlassung an den Externsteinen bei Horn, wo sie ein Kindererholungsheim in Trägerschaft von Ruhrgebietskommunen leiteten: „1934 wurde das Kinderheim von der NS-Regierung aufgehoben.“ – In Dortmund arbeiteten seit 1930 fünf Marienschwestern aus Breslau. „Da in der NS-Zeit den Schwestern die gut florierende Stellenvermittlung [am Mädchenschutz-Pensionat] verboten wurde und die Vermieterin die Wohnungen kündigte, mußten die Schwestern im Mai 1938 Dortmund für immer verlassen.“44 – Die Armen Clarissen in Paderborn mußten während des Zweiten Weltkrieges – statt Paramentenherstellung – „für die Wehrmacht Heimarbeit leisten. Das Kloster hat die NS-Regierung danach nicht beschlagnahmt, weil seine karge Einrichtung für andere Zwecke nicht brauchbar war.“45 – Die Vinzentinerinnen aus Hildesheim führten ab 1929 in Borgentreich das Johannesstift nebst Kindergarten und Handarbeitsschule. „Sie mußten 1939 auf Befehl der NS-Regierung ihre Arbeiten aufgeben“46. – In Belecke verließen 16 von über 40 Schwestern der „Dienerinnen vom göttlichen Priesterkönig“ (eine ‚Gesellschaft des apostolischen Lebens‘?) 1940, ein Jahr vor der staatlichen Schließung des dortigen Studienheimes Collegium Clementinum, ihren Wirkungsort.47 Der kirchenrechtliche Status dieser weltlichen bzw. freien Schwesterngemeinschaft war, da es noch keine Säkularinstitute gab, wie im Fall der schon 1939 durch die Gestapo liquidierten Schwesterngemeinschaft von Germete noch ungesichert.

In der Ära von Lorenz Jaeger (Bischofsweihe am 19.10.1941) entsteht durch nichtöffentliche Eingaben an staatliche Stellen, die die Belange von Ordensniederlassungen betreffen, ein reichhaltiges Schrifttum. Am 30. März 1944 bittet der Erzbischof in einem Schreiben an Reichsmarschall Hermann Göring z.B. darum, ein zum Paderborner Mutterhaus der Vinzentinerinnen gehörendes Gut nicht zugunsten der Wehrmacht zu enteignen. Der Schriftsatz von 1944 (!) trägt die Unterschrift: „Heil Hitler! Jaeger. Erzbischof von Paderborn.“48

Aufsehenerregende Unruhen in der Bevölkerung hatte es 1939/40 sowohl in Germete und als auch in Sennelager – ähnlich wie zuvor 1938 in Österreich – noch nicht gegeben.49 Am mutigsten werden später – in einigen Fällen mit harten Straffolgen – hunderte ‚Laien‘ in der Kreisstadt Olpe ihre Solidarität mit den Ordensleuten unter Beweis stellen – und zwar ohne Anleitung oder sogar unter Missfallen ihrer weltgeistlichen Obrigkeit.50

Sofern es nicht die obersten Kleriker-Ränge betraf, gab es die standhafte, widerstehende und verfolgte Kirche auch im Erzbistum Paderborn. Am 20. Februar 1941 nahm die Staatspolizei Bielefeld – neben dem aus Meschede stammenden Pfarrer und Arbeitervereinspräses Friedrich Grüne (1867-1944) – den Bad Driburger Ordensgeistlichen Franz Riepe SVD (1885-1942) fest. Im Tagesrapport an das Reichsicherheitshauptamt (SS) teilt diese Gestapo-Stelle mit: „[…] Pater Riepe hielt gelegentlich der Konferenzen des Dekanates Brakel jeweils einen religiösen Vortrag. Er gehört der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare an und wohnt im Missionshaus St. Xaver in Bad Driburg. In seinen Vorträgen hat er sich wiederholt in staatsabträglicher Weise geäußert. So hat er sich in gehässiger Weise über die unbegründete Schließung vieler Ordenshäuser ausgelassen. In einem anderen Vortrag hat er von ‚Verbannungen, ewigem Kerker und blutigem Martyrium, das uns jetzt unmittelbar bevorstehe‘ gesprochen. Weiter soll er erklärt haben, daß die Priester sich jetzt, wo das verdiente Strafgericht über Deutschland hereinbreche, als ganze Priester zu zeigen hätten. In der Dekanatskonferenz am 12.2.1941 verlas er ein in Abschrift gefertigtes Hirtenschreiben der holländischen Bischöfe, das in allen Kirchen Hollands am 26.1.1941 verlesen worden sein soll. Nach dem Verlesen gab er das Hirtenschreiben an den ebenfalls festgenommenen Pfarrer Grüne weiter, bei dem es anläßlich der Durchsuchung seiner Wohnung sichergestellt wurde. Dieses holländische Hirtenschreiben enthält u.a. die Weisung an alle Geistlichen, den Katholiken die heiligen Sakramente zu verweigern, die der holländischen nat.-soz. Bewegung angehören oder diese unterstützen.“51 (Der genannte Pfarrer Friedrich Grüne musste seine Pfarrstelle verlassen und wurde mit einem Aufenthaltsverbot für Rheinland, Westfalen und Lippe belegt. Auch Friedrich Grüne verstarb laut Hehl in NS-Haft, was die kirchliche Nachwelt – und seine Heimatstadt Meschede – aber offenbar nicht weiter interessiert hat.52)

Hier war ein Ordensmann so ‚gehässig‘, den Klosterraubzug der NS-Bande zu kritisieren und vor Priestern des Bistums Paderborn über Bischöfe in Europa zu berichten, die Nationalsozialisten als ‚Feinde Christi‘ exkommunizierten. Im Verhör bekannte Pater Riepe sogar, das holländische Bischofswort sei ihm direkt „aus dem Herzen gesprochen“53. Was das deutsche „Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ fortlässt, ist der Hinweis im amtlichen Rapport, dass ein Gestapo-Spitzel (V-Mann) die zur Verhaftung führenden Informationen geliefert hatte.54 Ulrich Wagener identifiziert unter den Teilnehmern der genannten Priesterkonferenz diesen Denunzianten, einen ‚aus Süddeutschland stammenden Hausgeistlichen der Hinnenburg in Brakel‘.55 Am 13. August 1942 war auch Pater Franz Riepe SVD tot, ermordet durch Konzentrationslager-Torturen in Dachau.


12 Diesen Abschnitt übernehme ich mit unwesentlichen Änderungen meiner Einleitung zu: TILL-MANN/KISTENICH-ZERFAß/OVERMANN 2019.

13 DÜRING 1997a, S. 211 zitiert hierzu aus dem Brief Kardinal Bertrams an Papst Pius XII. vom 17. Januar 1940: „Beim Beginn des jetzt herrschenden großen Krieges hatten wir leise gehofft, man werde wenigstens die Zeit dieses Krieges in Rücksicht auf die schwere Belastung des Volksempfindens nicht zu scharfen Maßnahmen gegen alle kirchlichen Interessen benutzen. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Man hat gerade diese Zeit, in der die Volksstimmung mehr als sonst zu schweigender Geduld genötigt ist, benutzt, um die lange gehegten Absichten zu vollendeten Tatsachen zu führen. Die treibende Kraft ist überall die Leitung der Partei, gegen die die staatlichen Organe sich nicht durchsetzen können, auch wenn sie es wollten.“ (Der verblendete Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz setzt auch hier an die Stelle klarer Analyse die populäre bzw. naive Parole ‚Der Führer will das nicht‘, so als seien NS-Staat und NSDAP zwei getrennte Paar Schuhe.)

14 Texterfassung des Dokumentes durch Wolfgang Stüken (Paderborn), von ihm am 12. Juli 2017 mitgeteilt an den Verfasser; der entscheidende Passus auch in: STÜKEN 1999, S. 134.

15 [Dazu unser erster Band zum Klostersturm im Bistum Paderborn: HANNAPPEL 2017.]

16 [Einen guten Überblick zu den Folgen der „‚Aktion ‚Klostersturm‘ 1941“ für die Sächsische Franziskanerprovinz bietet: LINDEMANN 2002, S. 481-488.]

17 Vgl. zu Bormanns verschärfendem Rundschreiben vom 13.1.1941 (keineswegs als ‚Startschuss‘ gesichert) und Hitlers ,Stopp-Erlass‘ vom 30.7.1941: MERTENS 2006, S. 280-285.

18 Vgl. die Quellendokumentation zu den staatlichen bzw. parteiamtlichen Akteuren in: HANNAP-PEL 2017. – Galens Protest wurde erst im August 1941 ganz oben ein Hauptthema; die Bevölkerungsproteste von unten führten im Juli 1941 zum ‚Stopp‘ für den Raubzug (MERTENS 2006, S. 109 [Fußnote 125], 282-283, 392). In Bielefeld maßen die NS-‚Religionskrieger‘ den kursierenden ‚Galen-Predigten‘ für einen späteren Zeitabschnitt die größte Bedeutung für das Schüren von Unmut zu. Wenige Wochen nach Abschluss des Gestapo-Klosterraubzuges vermerkte die Hauptaußenstelle Bielefeld des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS: „Im gesamten Bereich der Außenstelle sind immer noch die Klosterauflösungen der Anlaß wüstester Angriffe der Katholiken gegen die Partei- und staatlichen Organe. Diese Angriffe haben zur Zeit einen Grad erreicht, der kaum noch zu überbieten ist. Die Heftigkeit ist in der Hauptsache auf die offene Kampfstellung des Bischofs von Münster zurückzuführen, dessen Predigten hier von Mund zu Mund weitererzählt werden“ (zit. STÜKEN 1999, S. 134).

19 WAGENER 1993.

20 WAGENER/CHRONZ 1983, S. 34; Dokumente EBD., S. 35-36.

21 Zur ‚apologetischen Schule‘ zählt zweifellos: HOCKERTS 1971* (heute auch als Internet-Ressource abrufbar). Vgl. dagegen schon: STÜKEN 1999, S. 106-109.

22 Für das Gebiet des Bistums Paderborn ist hier etwa an abgründige Verhältnisse in dem von Vinzentinerinnen geleitete Johannesstift in Marsberg zu denken (hierzu forscht derzeit Wolfgang Stüken). Doch anders als in Irland gibt es hierzulande erst sehr wenige Einblicke in den traurigen Sektor. Noch sehr einsam steht somit da folgende Arbeit – mit erschütternden Dokumentationen: SCHNITZLER 2015.

23 Zit. LINDEMANN 2002, S. 465; vgl. Hinweise auf eine stramm nationale und militarisierte Mentalität von Mitgliedern der Franziskanerprovinz im Abschnitt „Kriegseinsatz von Ordensangehörigen“: EBD., S. 465-476.

24 MERTENS 2019.

25 Gesamtdarstellung im 2. Band unserer Reihe: TILLMANN/KISTENICH-ZERFAß/OVERMANN 2019.

26 Gesamtdarstellung im 2. Band unserer Reihe: TILLMANN/KISTENICH-ZERFAß/OVERMANN 2019.

27 Dazu der 1. Band unserer Reihe: HANNAPPEL 2017.

28 BRANDT/HENGST 2014, S. 235.

29 Vgl. vage MÖHRING 1998, S. 419-449, hier S. 441.

30 BRANDT/HENGST 2014, S. 236 (eine kritische Arbeit zum NS-Kapitel der Abtei steht aus).

31 BRANDT/HENGST 2014, S. 240 (vgl. zur Schließung der Ordensschule auch: Gerd KESSLER, Stationen des „Alten Klosters“ – Eine Hochschule in Oeventrop. In: Sauerland Nr. 1/2009, S. 2527). Der Orden hat, wie schon angeführt, außerdem am 31.7.1941 durch eine Gestapo-Aktion seine Niederlassung in Hamm verloren.

32 BRANDT/HENGST 2014, S. 242.

33 BRANDT/HENGST 2014, S. 246.

34 BRANDT/HENGST 2014, S. 248.

35 BRANDT/HENGST 2014, S. 256. – Der nachfolgende Abschnitt aus einer Dortmunder Dokumentation nennt noch den durch Presseartikel illustrierten Zusammenhang mit den ‚Sittlichkeitsprozessen‘, ist aber auch apologetisch gehalten und nicht weiterführend: KATHOLISCHES CENTRUM 1995, S. 74-79. – Sachgerecht dagegen zum Kontext der Ereignisse um das Dortmunder Brüderkrankenhaus: STÜKEN 1999, S. 109.

36 BRANDT/HENGST 2014, S. 257.

37 BRANDT/HENGST 2014, S. 258 (mit Literaturverweis auf HOCKERTS 1971*); im Jahr 1937 war die Waldbreitbacher Kongregation auf Antrag des Bischofs von Trier aufgelöst worden.

38 BRANDT/HENGST 2014, S. 265.

39 BRANDT/HENGST 2014, S. 266.

40 BRANDT/HENGST 2014, S. 267-268. – Schon am 11.1.1937 erhielt die sauerländische Mundartlyrikerin Christine Koch, geb. Wüllner, einen Brief ihrer Schwester Sr. Maria Mechthildis aus Neviges, der auf eine verfolgte Arme Schulschwester hinweist: „Schw. Larissa, unsere liebe Gefangene aus Berlin, die auf ein Gnadengesuch hin endlich freigesprochen ist, will sich bei der Gnadenmutter körperlich und geistig etwas erholen.“ Am 13.2.1940 schreibt Sr. Maria Mechthildis dem Bruder ins Herhagener Elternhaus Wüllner, dass nun für den Orden „unsere schöne Töchterschule in Meschede auch flöten sei“. (Zitate nach KOCH-DOKUMENTATION 2019, S. 164) Vgl. zu den Devisenprozessen gegen die Armen Schulschwestern: WAGENER 1990, S. 155.

41 BRANDT/HENGST 2014, S. 269.

42 BRANDT/HENGST 2014, S. 279.

43 BRANDT/HENGST 2014, S. 280. – Vgl. dazu auch das Kapitel „‚Klostersturm‘ in Berghofen“ in: KATHOLISCHES CENTRUM 1995, S. 68-69.

44 BRANDT/HENGST 2014, S. 286.

45 BRANDT/HENGST 2014, S. 286.

46 BRANDT/HENGST 2014, S. 287.

47 BRANDT/HENGST 2014, S. 297. Ebd., S. 202 schreiben die Autoren, der Paderborner Realschematismus verzeichne 1931 sechs ‚Weltliche Schwestergemeinschaften‘, wobei jedoch nur „solche mit wenigstens 2 Niederlassungen im Bistum berücksichtigt“ worden seien.

48 Diese Unterschrift ist abgebildet in: STÜKEN 1999, S. 171.

49 Vgl. MERTENS 2006, S. 282-283; TILLMANN/KISTENICH-ZERFAß/OVERMANN 2019.

50 HANNAPPEL 2017 (vgl. darin auch die staatlichen Dokumente zur Strafverfolgung von ‚Laien‘ aus der Kreisstadt Olpe).

51 Zit. WEISBRICH 2010, S. 875.

52 HEHL 1998, S. 1164.

53 WEISBRICH 2010, S. 875.

54 Einleitend heißt es nämlich im Bericht zu den beiden Verhaftungen vom 20.2.1941: „Wie hier durch einen zuverlässigen V.-Mann bekannt geworden war, und durch die bisherigen Vernehmungen teilweise auch bestätigt wurde, haben Pfarrer Grüne und der Ordenspriester Riepe auf den monatlich stattfindenden Pfarrkonferenzen des Dekanats Brakel sich des öfteren in staatsabträglicher Weise geäußert.“ (zit. WAGENER/CHRONZ 1983, S. 53.)

55 WAGENER 1990, S. 161.

3.

KÖNIGSMÜNSTER:

DIE MESCHEDER BENEDIKTINER

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