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© 2020 Müller, Philipp

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7519-4560-8

Für Jenny

Inhalt
  1. Wer ist Jude?
  2. Modernität der Tradition: Aktuelle Strömungen
  3. Gegenteilige Formen des Hasses: Antisemitismus und Rassismus
  4. Alter Hass im neuen Gewand: Formen des Antisemitismus
  5. Israel – Ursache der Erneuerung des jüdischen Volkes
Vorwort

„AM YISRAEL CHAI“ bedeutet auf Hebräisch „Das Volk Israel lebt“. Dies ist ein sehr bekannter und häufig benutzter Satz, der verwendet wird, um zu zeigen, dass sich das jüdische Volk trotz aller Schwierigkeiten und Anfeindungen weiterhin auf der Erde befindet und weiterentwickelt.

Doch welche Probleme hat das jüdische Volk heutzutage? Diese Frage werden wir versuchen im Verlaufe des Lesens zu beantworten. Dieses Buch hat also das Ziel, die aktuellen Tendenzen, Strömungen, Schwierigkeiten und insgesamt die Situation, in der sich das jüdische Volk am Anfang des 21. Jahrhunderts befindet, aufzuzeigen, zu analysieren und mögliche Ansätze zu rationalen Lösungen der Probleme zu finden.

Angefangen mit der Frage „Wer ist Jude?“, die schon so lange wie das jüdische Volk selbst existiert, aber nie beantwortet werden kann und zu jeder Epoche eine andere Diskussion ist, werden wir uns politische und religiöse Strömungen, die Situation in Europa, den Umgang mit Antisemitismus und den Einfluss Israels auf den Charakter des jüdischen Volkes ansehen, um einen groben Überblick über die Zusammenhänge und Bedeutung der Themen zu verschaffen. Gerade in unserer Zeit, in der Antisemitismus wieder salonfähig wird, ist es wichtig, auf Basis von Tatsachen über das jüdische Volk informiert zu sein.

1. Wer ist Jude?

„Jude ist derjenige, der den Mut hat, sich als Jude zu bezeichnen.“

-Igor Guberman

DAS JÜDISCHE VOLK gibt es schon seit 4000 Jahren auf der Erde, die jüdische Diaspora seit fast 2000 Jahren. Aber auf die Frage, wer denn eigentlich die Juden sind, beziehungsweise wer Jude ist und wer nicht, können nicht einmal die Juden selbst eine Antwort geben.

Für fast jede andere Nation der Welt ist die Frage nach der Zugehörigkeit zu jener Nation, je nach dem, wie sie gestellt wird, unterschiedlich, aber in allen Fällen relativ leicht zu beantworten. Interessiert einen beispielsweise, wer Deutscher ist, so ist die erste und häufigste Antwort, die man in Deutschland zu hören bekommt, dass jeder Bürger der Bundesrepublik Deutschland ein Deutscher sei. So steht es im Pass und so ist auch die offizielle juristische Definition.

Fragt man nun aber, was mit den deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa ist, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, so kann die Antwort auch anders lauten. Die zweite mögliche Antwort nach der Volksangehörigkeit ist das ethnische Kriterium, das heißt in diesem Fall, dass jeder Mensch, der mit den deutschen Traditionen aufgewachsen ist, dessen Muttersprache Deutsch ist und der in einer Gemeinschaft von Deutschen lebt oder aufwuchs, als Deutscher gilt. Diese Definition überschneidet sich zum Großteil mit der juristischen Definition, allerdings ist sie zu dieser nicht identisch.

Eine dritte mögliche Definition, die man allerdings für Deutsche aufgrund der tragischen Ereignisse der Mitte des 20. Jahrhunderts wenig benutzt, ist die Postulierung einer gemeinsamen Abstammung eines Volkes. Das heißt für unser Beispiel: Jeder, der eine deutsche Abstammung besitzt, wäre nach dieser Definition deutsch. Ich persönlich halte diese Definition für die am wenigsten praktisch nützliche, da ein Kind deutscher Eltern, welches aber nicht in der deutschen Kultur aufwuchs und kein Deutsch spricht, wohl kaum als Angehöriger des deutschen Volkes gelten kann.

Insgesamt haben wir also drei Kriterien definiert, mit denen man bestimmen kann, ob eine Person einem Volk angehört: Die juristische, nach dem Staat, die ethnische, nach der Kultur, und die erbliche, nach der Abstammung. Diese drei Definitionen kann man, je nach Bedarf, auf die große Mehrheit der Völker der Erde anwenden. Was also macht das jüdische Volk so einzigartig, dass selbst qualifizierte Ethnologen, Religionswissenschaftler und Rabbiner keine eindeutige, allgemein anerkannte und akzeptierte Antwort auf die einfach zu scheinende Frage „Wer ist Jude?“ geben können?

Nun könnte den meisten Lesern, die mit dem Thema weniger vertraut sind, an dieser Stelle die Formulierung „jüdisches Volk“ seltsam erscheinen. Die meisten Deutschen kennen das Judentum zwar als Religion, vom Volk dagegen ist eher selten die Rede. Wird beispielsweise in der Öffentlichkeit etwas vom jüdischen Volk gesagt, ist man fast immer über diesen Ausdruck erstaunt. Oft will man sogar nicht wahrhaben, dass das Judentum mehr als nur eine Religion ist. Daher sollten wir, bevor wir auf das Thema der Angehörigkeit zum jüdischen Volk zurückkommen, erst einmal diskutieren, ob die Juden ein Volk sind und warum sie sich selbst als solches bezeichnen.

Um das zu tun, müssen wir zum einen wissen, wie die historische und aktuelle Situation des jüdischen Volkes aussieht und welche charakteristischen Merkmale die Gesamtheit der Juden aufweist und zum anderen, was genau der Begriff Volk eigentlich meint.

Versuchen wir zunächst, die gegenwärtige Situation des jüdischen Volkes historisch zu betrachten.

Man nimmt an, dass die nomadischen Stämme, aus denen später die Juden werden sollten, schon vor etwa 4000 Jahren im Nahen Osten existierten. Laut der Torah sei Abraham (hebräisch: Vater der Völker) der Urvater des jüdischen Volkes, womit sich die Abstammung aller Juden auf Abraham zurückverfolgen lasse. Dies würde eine gemeinsame Abstammung aller Juden, ausgenommen Konvertiten, bedeuten. Darüber, ob das tatsächlich so ist, kann man streiten. Was aber als sicher gilt, ist, dass die Juden der Antike kompakt in der südlichen nahöstlichen Levante als Mehrheit existiert haben, in dem Gebiet, was als Eretz Israel (hebräisch: Land Israel) bezeichnet wird. Nicht nur die biblischen Texte, sondern auch zahlreiche archäologische Funde bestätigen diese Tatsache.

Da sich die Einwohner des historischen Königreiches, welches in der Levante existierte, als „Israel“ bezeichneten, sollten wir an dieser Stelle statt dem Wort „Juden“ den Begriff „Israel“ benutzen. Das Volk Israel bestand ursprünglich aus zwölf Stämmen, einer von ihnen war der Stamm Yehuda, nach dem auch das nach der Teilung des Königreiches existierende Südreich Judäa benannt war. Später leitete sich daraus der Begriff „Juden“ ab. Die heutigen Juden gelten tatsächlich als Nachkommen der Israeliten des Stammes Yehuda, da die anderen Stämme durch die Assyrer deportiert wurden und als verloren gelten.

Nachdem im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung der Großteil der Juden aus Eretz Israel durch die Römer vertrieben wurde, siedelten sie sich in großen Städten in Europa und dem Nahen Osten an und verteilten sich so allmählich in der gesamten Welt. Damit begann die Phase der Diaspora des jüdischen Volkes, die teilweise bis heute anhält. Was jedoch alle Juden in allen verschiedenen Ländern verband und immer noch verbindet, sind die Traditionen und die jüdische Religion, welche deswegen eine zentrale Rolle in der jüdischen Kultur spielt.

Seit dem Beginn der Diaspora sind das jüdische Volk und die Religion sehr eng miteinander verbunden, da die jüdische Religion die Geschichte der Juden erzählt, welche auch die Grundlage für die Kultur und die Traditionen des Judentums schafft. Aufgrund dieser Tatsache sind nur Angehörige des Volkes Anhänger der jüdischen Religion, die eine der wenigen Religionen ist, die nicht missioniert.

Für die Bestimmung der Zugehörigkeit einer Person zum jüdischen Volk muss neben den juristischen, kulturellen und erblichen Aspekten also auch die religiöse Sichtweise herangezogen werden.

Nun zur aktuellen Situation der jüdischen Gemeinschaft.

Im 19. Jahrhundert initiierte Theodor Herzl mit der Idee eines hypothetischen jüdischen Staates an der Stelle des antiken Königreiches die zionistische Bewegung, die sich für die Einrichtung eines solchen Staates einsetzte. Juden aus der ganzen Welt begannen, nach Eretz Israel zu ziehen. Im Jahre 1948 rief David Ben-Gurion den jüdischen Staat Israel aus. Damit war für die dort ansässigen Juden die fast 2000 Jahre anhaltende Existenz in der Diaspora beendet.

Heute leben etwa 6,7 Millionen Juden in Israel und etwa acht Millionen in der Diaspora. Durch das Jahrtausende andauernde Exil haben sich unter den Juden der verschiedenen Erdteile lokale Traditionen ausgebildet. Insgesamt haben sich aber die jüdischen Traditionen und die Religion nicht nennenswert verändert.

Folgendes können wir also über die heutige jüdische Gemeinschaft zusammenfassen: Die heutigen Juden können sich auf einen gemeinsamen historischen Ursprung, also eine gemeinsame Abstammung, zurückberufen. Die Juden hatten in der Antike einen eigenen Staat, und auch in der Gegenwart gibt es einen. Zudem hat die jüdische Gemeinschaft eine eigene Religion und eigene Traditionen, welche bei den in der gesamten Welt verteilten Juden mehr oder weniger dieselben sind. Es gibt zudem ein starkes Zugehörigkeitsgefühl der Juden zu ihrer Gemeinschaft. Die Juden selbst behaupten, sie seien ein Volk.

Was das jüdische Volk allerdings nicht besitzt, ist eine universelle jüdische Sprache. In verschiedenen Erdteilen haben sich mehrere jüdische Sprachen ausgebildet, beispielsweise das Jiddisch in Mittel- und Osteuropa und das Ladino im Süden Europas und in Nordafrika. Was man als eine verbindende Sprache ansehen könnte ist das Hebräisch, allerdings wird dieses aktiv nur in Israel und von Israelis im Ausland gesprochen.

Damit wir nun feststellen können, ob die Juden ein Volk sind, müssen wir wissen, welche Merkmale ein Volk ausmachen.

Es gibt keine eindeutige Definition des Begriffes „Volk“. Das Wort „Volk“ kann als „viele Menschen“ verstanden werden, ähnlich zu dem englischen „people“. Wir benutzen den Begriff Volk aber eher für eine Gruppe von Menschen, die aufgrund von bestimmten Merkmalen zusammengehört. Hier muss man zwischen Staatsvolk, Volk im Sinne von Ethnie und Volk im Sinne von Nation unterscheiden.

Ersteres ist am einfachsten zu definieren: Das Staatsvolk eines bestimmten Staates ist die Gesamtheit seiner Staatsbürger. In Bezug auf die Juden wäre hier also von den Staatsbürgern Israels die Rede. Jedoch lebt die Mehrheit der Juden nicht in Israel und besitzt auch nicht die israelische Staatsbürgerschaft. Die Gesamtheit der Juden als Staatsvolk Israels zu definieren würde daher wenig Sinn ergeben, vor allem da zu letzterem auch die israelischen Araber gehören.

Betrachten wir ein Volk im Sinne von Ethnie, so gibt es wiederum keine genaue Definition. Allgemein gilt als Ethnie eine soziale Gruppe, die zum einen auf dem Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder beruht und zum anderen sich nach außen abgrenzt. Dieses Zugehörigkeitsgefühl basiert meistens auf gemeinsamer Geschichte, Sprache, Abstammung, Tradition, Religion oder Verbindung zu einem bestimmten geographischen Gebiet.

Diese Voraussetzungen werden vom jüdischen Volk zum Großteil erfüllt: Die Juden haben, bis zum Anfang der Phase der Diaspora, eine gemeinsame Geschichte, auf der auch die gemeinsame Religion und die gemeinsamen Traditionen aufbauen. Was man dennoch als problematisch ansehen könnte, ist die Tatsache, dass die Phase der gemeinsamen Geschichte schon vor etwa 2000 Jahren endete. In diesen 2000 Jahren entstanden und gingen Völker unter, die ebenfalls, wenn auch auf eine kürzere, Geschichte zurückblicken konnten. Beispielsweise hat die Geschichte der indischen Juden nach dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung so gut wie gar nichts mit der des osteuropäischen Judentums zu tun. Aber dennoch, und das ist wichtig, verstehen sich Juden in aller Welt als Mitglieder des jüdischen Volkes. Die gemeinsame Herkunft hat also noch immer eine große Bedeutung.

Reden wir über die gemeinsame Herkunft, so impliziert dies eine gemeinsame Abstammung. Die Tatsache, dass sich die Abstammung der heutigen Juden auf das antike Israel zurückverfolgen lässt, ist historisch belegbar. Zweifel allerdings kommen auf, wenn man die Nachkommen von Konvertiten miteinbezieht. In 2000 Jahren im Exil ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich die Nachkommen der Israeliten mit der einheimischen Bevölkerung relativ stark vermischt haben. Die Konvertiten wurden allerdings in die jüdische Gemeinschaft einbezogen und assimilierten sich in ihr. Somit haben vielleicht nicht alle Juden auf der Welt genau dieselbe Abstammung, von einer gemeinsamen historischen Herkunft kann man aber meiner Meinung nach dennoch sprechen.

Eine gemeinsame Sprache haben die Juden, wie schon erwähnt, nicht, aber das Hebräische als Sprache der Religion und der Traditionen schafft trotzdem ein Zugehörigkeitsgefühl, vor allem da es jetzt auch die Amtssprache des Staates Israel ist.

Die Juden hatten über lange Zeit kein eigenes Land, auf dem sie konzentriert zusammenlebten. Aber sie hatten ein solches vor der Vertreibung. In der Religion und in den jüdischen Traditionen spielt Eretz Israel eine zentrale Rolle. Das zeigt, dass sich die Juden schon immer mit einem geographischen Gebiet identifizierten und es als Heimat betrachteten, was nicht zuletzt mit der zionistischen Bewegung deutlich wurde.

Die Zweifel an der Ethnizität der Juden sind somit einzig der Vertreibung letzterer aus Eretz Israel geschuldet. Allerdings sind alle Eigenschaften, von denen die wichtigste das ethnische Zusammengehörigkeitsgefühl ist, die in der Diaspora erhalten werden können, auch erhalten geblieben. Damit kann man die Juden durchaus als Ethnie klassifizieren.

Die dritte Auffassung des Begriffes „Volk“ stellt das Konzept der Nation dar. Dieses ist sehr ähnlich zum Konzept der Ethnie, das heißt auch hier werden bestimmte soziale und kulturelle Bedingungen aufgezählt. Es wird allerdings oft das Vorhandensein eines Territoriums und einer Wirtschaft als zentrales Merkmal vorausgesetzt.

Dazu schreibt Josef Stalin beispielsweise: „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“1

Obwohl demnach die Juden keine Nation wären, da sie weder eine gemeinsame Sprache, noch ein Territorium oder ein gemeinsames Wirtschaftsleben besaßen, scheint hier die sowjetische Führung eine Ausnahme gemacht zu haben, da auch die Nationalität „Jude“ in der sowjetischen Verwaltung existierte.

Nach dieser Definition gäbe es also Identifikationsgruppen von Personen, welche keine Nationen wären. Daher müsste man diese Personen anderen Nationen zuordnen, was wenig sinnvoll ist. Zudem ist mehr als fraglich, ob sich mit der Staatsgründung des jüdischen Staates Israel, mit dem die Juden ein eigenes Territorium und Wirtschaftsleben bekamen, der Charakter der Gesamtheit der Juden so radikal änderte, dass sie von einem Tag auf den anderen zur Nation wurden. Daher ist es meiner Meinung nach sinnvoller, nicht die Existenz des Territoriums einer Nation, sondern, wie schon bei der Ethnie diskutiert, die Verbundenheit einer Nation mit einem Territorium zu betrachten. Und diese ist bei den Juden aufgrund der Rolle von Eretz Israel im jüdischen Glauben viel stärker als bei den meisten anderen Nationen.

Somit kann man die Juden durchaus als Nation betrachten, besonders nach der Staatsgründung Israels 1948 sollte es daran keine Zweifel mehr geben.

Doch das Wichtigste ist, dass die Bezeichnung „Volk“ und was mit ihr verbunden wird vom Menschen konstruiert wurde und nur ein Modell für das soziale Umfeld von Individuen darstellt. Somit sollte es jeder größeren Gruppe von Menschen, die etwas miteinander verbindet und die gewisse Bedingungen erfüllen, freigestellt werden, sich Volk zu nennen, da der Begriff an sich künstlich ist. Wenn sich die Juden also Volk nennen, und begründen können, warum sie das tun, dann sind sie das auch, denn faktisch definiert sich diese Bezeichnung über sich selbst.

Die Juden sind also eine Ethnie und eine Nation, welche die Mehrheit des Staatsvolkes Israels bildet. Somit bleibt kein Zweifel, dass die Bezeichnung „Volk“ für die Gesamtheit der Juden durchaus adäquat ist.

Während es beispielsweise in Russland allgemein bekannt ist, dass die Juden ein Volk sind (es gibt im Russischen sogar zwei verschiedene Wörter, die jeweils die Anhänger der Religion und die Mitglieder des Volkes bezeichnen), findet man in Deutschland selten jemanden, der die jüdische Gemeinschaft für mehr als nur eine religiöse Vereinigung hält. Dies liegt daran, dass sich im

19. Jahrhundert der Antisemitismus ausbildete, der im Gegensatz zum Antijudaismus von einer sogenannten „jüdischen Rasse“ sprach. Diese neue Form des Judenhasses führte letztendlich zur Schoah, und nach 1945 wollte man sich von den pseudowissenschaftlichen Ideen des Antisemitismus distanzieren. Daher hat man bis heute Angst, die Juden als Volk zu bezeichnen, da man befürchtet, dass dies als eine Aussage über die „jüdische Rasse“ aufgefasst werden könnte.

Es ist wichtig zu wissen, dass Volk und Rasse zwei unterschiedliche Begriffe sind. Es stellt kein Problem dar, die Dinge beim Namen zu nennen und die Juden als Volk zu bezeichnen, alles andere würde die Fakten verschleiern.

Interessant ist, dass durch den Versuch, toleranter zu sein, man in diesem Fall den Juden ihre Identifikation als Volk aberkennt, was, wie so oft in solchen Fällen, genau das Gegenteil der Intention ist. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, gesehen zu haben, warum das jüdische Volk tatsächlich existiert und das wir es als solches nicht nur bezeichnen können, sondern auch sollten.

Nun können wir versuchen, Aussagen darüber zu treffen, wer zu diesem Volk gehört. Erinnern wir uns an den Anfang des Kapitels. Dort wurden drei Kriterien bestimmt, mit denen man die Zugehörigkeit eines Individuums zu einem beliebigen Volk überprüfen kann. Diese sind das juristische, das ethnische und das erbliche Kriterium. Wie wir festgestellt haben, kommt beim jüdischen Volk noch ein viertes, das religiöse Kriterium, hinzu.

Beginnen sollten wir mit letzterem, da es enorme Bedeutung hat. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation aus religiöser Sicht definiert sich vor allem über die Zugehörigkeit zur jüdischen Glaubensgemeinschaft. Dazu sehen wir uns an, wie sich diese Gemeinschaft und das Verständnis vom jüdischen Volk religionsgeschichtlich gewandelt hat.

Egal ob man die Erzählungen des Tanach für wahr hält oder nicht, werden wir sie im folgenden Abschnitt als Grundlage zur Argumentation benutzen. Denn wenn man die Gründe für die religiösen Regelungen verstehen möchte, muss man sich in die Situation der religiösen Menschen hineinversetzen, die diese Regelungen aufstellten.

Gehen wir in die Zeit der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob zurück. Hier beginnt die biblische Entstehungsgeschichte des jüdischen Volkes. Besonders interessant ist folgender Abschnitt, als Gott Abraham, der als Erzvater des jüdischen Volkes gilt, befiehlt: „Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen […]. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden.“2

Hieraus könnte man schließen, dass nur die beschnittenen männlichen Nachkommen Abrahams sich jüdisch nennen dürfen. Denn Gott sagt explizit, dass die Beschneidung der Ausdruck des Bundes zwischen Ihm und seinem Volk ist. Dieser Bund machte damals im Prinzip das Volk Israel aus, das jüdische Volk definiert sich darüber. Das wäre also eine Möglichkeit der Zugehörigkeitsdefinition zum jüdischen Volk aus religiöser Perspektive.

Nun stellt sich folgende Frage: Wenn Abrahams Nachkommen das jüdische Volk bilden sollten, wer waren dann deren Ehepartner, mit denen sie diese Nachkommen zeugten?

Nur aus den Nachkommen Isaaks, des zweiten Sohnes Abrahams, sollte das Volk Israel entstehen. Isaak zeugte Jakob (Israel) mit seiner Frau Rebekka, die logischerweise nicht zum Volk Israel gehörte, sondern eine Aramäerin war. Auch Jakobs Frauen Lea und Rahel waren Aramäerinnen. Damit liegt es nahe, eine patrilineare Vererbung der Zugehörigkeit zum Volk Israel zu vermuten. In der Torah bestätigt sich dies auch weiter, auch Josef, Mosche und David heirateten Nichtjuden.

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