Über den Autor: Michael Junge, geb. 1960, Verlagskaufmann, setzt sich seit rund zwanzig Jahren mit dem Werk Jakob Lorbers auseinander und publiziert seit 2004 diesbezügliche Studien.

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© 2020 Michael Junge

Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Printed in Germany

ISBN: 978-3-7519-4293-5

Lektorat: Hanna Rasch, Hückelhoven

Umschlaggestaltung: Kersten Urbanke, Berlin

Geleitwort

Gibt man den Satz „Spricht Gott heute noch?“ in eine bekannte Internet-Suchmaschine ein, so stößt man auf knapp zehn Millionen Treffer. Unter den angezeigten Fundstellen sind Antworten vor allem aus dem freikirchlichen und pfingstlich-charismatischen Spektrum zu finden. Der Grundtenor lautet: ein ganz klares Ja! Dazwischen finden sich vereinzelt auch Hinweise auf Kundgaben, die ihre Empfänger und die Anhänger des meist umfangreichen Schrifttums als neue Offenbarungen betrachten. Sie teilen die feste Überzeugung, dass sich Gott in besonderer Weise einzelnen Menschen, Prophetinnen und Propheten, kundgetan habe.

In unserer Religionskultur gibt es Einzelgänger, Leserkreise, Bewegungen und Strömungen bis hin zu Neureligionen, die sich auf neue göttliche Mitteilungen berufen. Verbunden ist damit die Relativierung der Heiligen Schrift, die Behauptung ihrer Insuffizienz, ihrer Verfälschung oder Vorläufigkeit. Damit einher geht oft die Auswanderung aus der Schrift, aber auch eine Kirchenkritik.

Der Begriff ‚Neuoffenbarung‘ ist erst rund hundert Jahre alt. Geprägt hat ihn Hermann Luger (gest. 1947), evangelischer Pfarrer in Mannheim-Käfertal und überzeugter Anhänger der Schriften des steirischen Musikers Jakob Lorber (1800–1864). Luger verwendete die Bezeichnung erstmals in einem Vortrag am Himmelfahrtstag 1923 bei der ‚Zusammenkunft der Freunde des Neuen Lichts‘ in Bietigheim: „Was ist Neuoffenbarung? Wir verstehen darunter etwas ganz Bestimmtes, nämlich die von dem steirischen Musiker Jakob Lorber (1800–1864) niedergeschriebenen Mitteilungen, die etwa zwanzig große Bände füllen, Mitteilungen, von denen er behauptet hat, daß dieselben ihm durch innere Erleuchtung und Inspiration zugeflossen seien. Es wären noch andere Namen zu nennen, die auch Träger der Neuoffenbarung sind und die auch auf ähnliche Weise wie Lorber Kundgebungen erhielten, wie Gottfried Mayerhofer in Triest, Hanne Ladner in Bietigheim und der noch in Berlin lebende Leopold Engel u. a.“ (Hermann Luger, Bibel und Neuoffenbarung, in: Das Wort 6/1923, 76-83, hier 76).

An den prinzipiell offenen ‚Neuoffenbarungskanon‘ Lorbers knüpften weitere Träger und Trägerinnen des sog. Inneren Wortes an. Dazu zählt auch die aus Greiz in Thüringen stammende Protestantin Anita Wolf (1900–1989). Sie war nach ihrer Flucht Mitglied der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich. Die Botschaften, die sie als „herrlich, geistige Offenbarungen“ empfangen haben will, schrieb sie mit einer Schreibmaschine nieder. Ab 1949 entstand das Hauptwerk „UR-Ewigkeit in Raum und Zeit“. Kurz darauf folgten „Vier Marksteine aus dem Leben Jesu“ und 1951 „Karmatha. Gottes guter Knecht, inkarniert als Jakob Lorber“.

Der Autor Michael Junge gilt als exzellenter Kenner der oftmals voluminösen Neuoffenbarungsschriften in der Traditionslinie Lorbers. Er gibt einen sehr interessanten und zuverlässigen Einblick in das Leben und Werk einer bislang eher unbekannten ‚Neuoffenbarerin‘. Abschließend werden die neuen Offenbarungen aus der Perspektive der Confessio Augustana, der Bekenntnisschrift der Evangelisch-Lutherischen Kirche, überprüft. Die vorliegende Studie liefert damit für die Erforschung des Phänomens ‚Neuoffenbarung‘ im zwanzigsten Jahrhundert wichtige Impulse und Einschätzungen.

Dr. theol. Matthias Pöhlmann

Kirchenrat

Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, München

Vorwort

Anita Wolf wurde am 8. November 1900 in Greiz/Thüringen geboren und starb am 6. August 1989 in Weiz/Steiermark. Ihre Eltern waren evangelisch-lutherisch und achteten in der Erziehung ihrer Tochter besonders auf Gewissenhaftigkeit.

Durch ihre Mutter kam Anita schon früh mit dem Werk des Grazer Musiklehrers und ‚Neuoffenbarers‘ Jakob Lorber (1800–1864) in Berührung, der aus dem katholischen Milieu stammte. Gemeinsam mit ihr besuchte sie auch Lorber-Vorträge in Dresden und Breslau. Schließlich begegnete sie 1921 in Berlin Leopold Engel, dem durch seinen Vater das Werk bekannt war und der das Hauptwerk des Letzteren mit dem elften Band des Großen Evangelium Johannes vollendete.

Das Werk „Karmatha – Die geistige Entwicklung Jakob Lorbers vor seiner Erdenmission“, untertitelt mit „Gottes guter Knecht, inkarniert als Jakob Lorber“, beschreibt dessen himmlische Vorbereitung auf seine Erdenmission in den Häusern der sieben Engelsfürsten. Es entstand 1951 und wurde 1955 gedruckt. Wolf gibt darin u. a. die Bedeutung des Namens des Engelkindes Karmatha mit ‚geprüft und wohlbefunden‘ an (vgl. Karmatha 1955, S. 27).

Seit dem Zeitpunkt ihres intuitiven Schreibens stellt sich die Frage: Ist Wolf Empfängerin einer göttlichen Offenbarung oder eine religiöse Schriftstellerin?

Das erste Werk verfasste sie 1949, das letzte 1985. Außer ihrem Hauptwerk „UR-Ewigkeit in Raum und Zeit“ schrieb sie noch dreißig ‚Lichtwerke‘ (vgl. Brunnader 1990, S. 107). Ihre literarischen Erzeugnisse zählen zu den Originellsten unter den neuzeitlichen ‚Neuoffenbarungen‘ (vgl. Hutten 1997, S. 646).

Mittlerweile liegen einige wissenschaftliche Beiträge über Lorbers Werk vor, die ‚universelle Gottesoffenbarung‘ durch Anita Wolf fand bis heute jedoch kaum Beachtung.

Eine solche ‚universelle Gottesoffenbarung‘ verheißt Aufrichtigkeit. Doch was, wenn diese im Widerspruch zum Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) steht? Bei diesem handelt es sich nicht um etwas lediglich nach Belieben zu Berücksichtigendes, sondern um das reformatorische Grundbekenntnis und so wird insbesondere am Beispiel des Werks „Karmatha“ der Frage nachgegangen, inwieweit Wolf diesem Grundbekenntnis treugeblieben ist.

Düsseldorf, Mai 2020

Michael Junge

Inhalt

I Vita Anita Wolf

Anita Wolf, nach Ihrer Geburtsurkunde und ihrem Staatsangehörigkeitsausweis der Bundesrepublik Deutschland Anna Elisabeth Wolf, wurde am 8. November 1900 in Greiz/Thüringen geboren (vgl. Brunnader 1990, S. 62–63).

Ihr Vater, Oskar Wolf, geboren am 4. Februar 1874, war evangelisch-lutherisch und starb am 8. November 1916 in Greiz. Ebenso war ihre Mutter Ernestine, geborene Helm am 2. Februar 1867, evangelisch-lutherischer Konfession und sie starb am 28. Juli 1941, ebenfalls in Greiz. Das Ehepaar Wolf hatte insgesamt sieben Kinder. Josef und Walter verstarben noch vor Anitas Geburt, Mariele bereits als Kleinkind nach Anitas Geburt. Ihr älterer Bruder Alfred (1898-1976) starb in Hannover, ihre Schwester Else (1899-1973) im Saarland und ihr jüngerer Bruder Ernst (1905-1983), der als Einziger das spätere Werk seiner Schwester annahm, in Greiz. Anita wurde getauft und konfirmiert, doch da diesbezüglich keine Urkunden vorliegen, bleiben die Daten sowie der Tauf- und der Konfirmationsspruch unbekannt.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges verlebte Anita eine angenehme Kindheit. Ihr Vater war Getreidehändler und die Familie gut situiert; die Eltern beschäftigten mehrere Bedienstete. Durch ihre Mutter kam Anita mit dem Lorberwerk in Kontakt und begegnete 1921 in Berlin Leopold Engel (1858-1931), der den elften Band des Großen Evangeliums Johannes durch das ‚innere Wortdiktat’ schrieb und damit Lorbers im Zeitraum zwischen 1891 und 1893 verfasstes Hauptwerk vollendete (vgl. Hutten 1997, S. 624). Nicht selten waren auch Lorberfreunde bei Familie Wolf in Greiz zu Besuch.

Mitte der 1930er Jahre stellten sich bei Anita gesundheitliche Probleme mit der Galle und den Augen ein, weshalb sie am linken Auge operiert werden musste, was eine bleibende Schwächung ihrer Sehkraft zur Folge hatte.

Sie arbeitete als stellvertretende Urkundenbeamtin im Greizer Amtsgericht, bis sie 1942 kriegsverpflichtet wurde und nach Russland kam. In Niederösterreich geriet sie, als sie 1945 von Russland über die Tschechoslowakei flüchtete, in russische Gefangenschaft. Diese verbrachte sie zwar nicht in Sibirien, sondern in der Nähe von Krems in Niederösterreich, war aber auch hier dennoch harter Arbeit bei wenig Essen und großer Kälte im Winter ausgesetzt. Während der winterlichen Gefangenschaft hörte sie laut eigener Aussage um sich herum ein sanftes Säuseln und dann deutlich die Worte: „Ich bin der ewig heilige UR – ich bin der ewig Einzige der Wahrhaftige; sei getrost“ (Brunnader 1990, S. 19).

In der Nacht vor Antritt ihrer Flucht nach Deutschland im Frühjahr 1948 habe sie dann einen Traum gehabt, in dem sie zwei alte Leute, die ebenfalls im Gefangenenlager waren, gesehen, und eine Stimme sagen gehört habe: ‚Wenn du diese beiden alten Menschen mitnimmst, kommst du durch.‘ Auf der Flucht erfuhr sie mehrfach die so versprochene Hilfe und entkam ohne Papiere über Salzburg und München, nachdem sie vergeblich im Saarland versucht hatte, über die Grenze zu kommen, was die Franzosen ihr verwehrten, bis nach Hannover, wo sich ihr Bruder Alfred aufhielt. Die Stadt war, wie viele andere auch, stark zerbombt so dass große Not herrschte und es keine Wohnungen gab. Als ‚Ostflüchtling‘ erhielt Anita einen Raum in einer alten Schule, in dem sie fast bis 1965 lebte. In den zurückliegenden schweren Zeiten in Hunger und Kälte hatte ihr Gesundheitszustand gelitten. Außerdem bekam sie nur eine geringe Rente, weil sie bereits arbeitsunfähig war. Trotz dieser äußeren Not verspürte sie den inneren Drang, Vieles niederschreiben zu müssen, jedoch nicht Kriegserlebnisse, sondern ‚herrlich, geistige Offenbarungen‘. Über den Empfang ihrer Werke sagte sie: „Es kommt eben (intuitiv). Es hat keinen Sinn jemand nachzuahmen – wichtig ist was uns gegeben wird und dass es da ist!“ Sie schrieb direkt per Schreibmaschine und korrigierte anschließend die Orthografie.

1949 begann sie mit ihrem Hauptwerk „UR-Ewigkeit in Raum und Zeit“. Es folgten 1949/50 die „Vier Marksteine aus dem Leben Jesu“ und 1951 „Karmatha. Gottes guter Knecht, inkarniert als Jakob Lorber“. Die beiden letztgenannten erschienen 1955, ebenso wie „Der Patriarch“ kostenpflichtig, im Urgemeinde-Verlag Karl L. Veit in Wiesbaden. Karl Ludwig Veit gründete weiterhin, ebenfalls in Wiesbaden, den Ventla-Verlag für Ufo-Literatur wie auch die Zeitschrift „UFO-Nachrichten“.

Wolf pflegte neben dem Verfassen ihrer literarischen Werke umfangreiche briefliche Korrespondenzen, in denen sie den Adressaten häufig Fragen beantwortete, und hielt Vorträge. Ihre „Vortragsmappe“ entstand zwischen 1952 und 1964 und wurde 1983 gedruckt.

1956 kam der gelernte Schlosser und geistige Wahrheitssucher Josef Brunnader, geboren am 5. Februar 1928 und verstorben am 27. Dezember 2018 in Weiz/Steiermark, mit Schriften der Urgemeinde in Berührung. Im Urgemeinde-Heft 17, dem dritten Band von „Karmatha“, ist zu lesen:

In diesen Schriften der URGEMEINDE GOTTES gibt unser lieber himmlischer VATER, durch Seine Diener und Werkzeuge, SELBST Aufklärung über Seinen LIEBE- UND HEILSPLAN. Alle Menschen mit gutem Willen sind berufen mitzuarbeiten an der Aufrichtung des kommenden FRIEDENSREICHES unter der Herrschaft CHRISTI. Überzeuge Dich selbst von der Tatsache: daß direkte Verbindung besteht zwischen JESUS, dem OBERHAUPTE SEINER GEMEINDE und SEINEN KINDERN DES LICHTES, die der unmittelbaren GOTTESFÜHRUNG unterstehen, durch Sein Beglückendes VATERWORT und BEKANNTGABE SEINES hoheitsvollen Willens, zur Erlösung und Beseligung aller Erdenseelen (Karmatha 1955, S. 224).

So bestand die Urgemeinde als Verbreiter von Schrifttum anstatt als Gemeinschaft der Herausgerufenen. Nachdem er die Schriften Jakob Lorbers gelesen hatte, war Brunnader von diesen so angetan, dass er auch mit Anita Wolf in Briefkontakt trat, woraus sich eine bis zu deren Lebensende bestehende Freundschaft ergab.

Zur anfänglichen Verbreitung des Hauptwerkes war ein Abschreiben mit der Schreibmaschine erforderlich, was Schwestern leisteten. Ein solches Exemplar des Werks erhielt auch Brunnader.

1961 wurde zur Weiterverbreitung des Werkes die Vereinigung Treuhandgruppe e. V. (VTG) in Weiz gegründet. Die Zweigstelle für die BRD besetzten Jürgen und Karin Herrmann in Ditzingen. Laut der Internetseite anita-wolf.de gehört Herrmann neben Manfred Becker zum vertretungsberechtigen Vorstand dieses Anita-Wolf-Freundeskreis e. V. Stuttgart. Nach Gründung des Vereins übergab Wolf diesem ihr gesamtes Werk. So wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass es bis heute stets kostenfrei erhältlich ist.

1965 zog Wolf bei Josef und Eleonore Brunnader in Weiz ein, wurde herzlich in die Familie aufgenommen und verfügte nun über ausreichend freie Zeit zum Verfassen weiterer Schriften.

Im Jahre 1967 erschien das freie geistwissenschaftliche Mitteilungsblatt „UR – Das wahre Ziel“, dessen erster Beitrag unter den Initialen J. B. veröffentlicht wurde. Vermutlich handelt es sich bei dem Autor um Josef Brunnader.

1980 schrieb Wolf unter dem Titel „Ein Jahrgang durch Gottes Wort“ erstmals ein eigenes Buch. Dabei verwendete sie die noch im Gebrauch befindliche alte Ziehbibel (AZB) ihrer verstorbenen Mutter. Für jeden Tag im Jahr findet sich darin ein Bibelvers, ein Abschnitt aus Wolfs Werk, eine Glaubensliedstrophe und abschließend ein eigenes Gebet.

Die damals inzwischen Achtzigjährige empfand somit die Bibel, ihr eigenes Werk und Glaubenslieder als eine Einheit.

Wolfs dankbare Liebe zu ihrer Mutter ging weit über deren Tod im Jahr 1941 hinaus, wie folgende drei ihr gewidmete Gedichte zeigen: ‚Zum Sterbetag‘ (In harter Fremde 1947), ‚Zum 7. Himmelsgeburtstag‘ (Vor Mamas Bild, 1.2.1948), ‚Zum Muttertag 1949‘ (vgl. Gedichte 1984, S. 6–7, 20, 25).

Wolf war in Österreich Mitglied der Evangelischen Kirche A. B. (Augsburgischen Bekenntnisses, lutherisch). Auf eigenen Wunsch lebte sie seit 1975 im neu errichteten Pensionistenheim in Weiz/Steiermark und besuchte dort lediglich am Karfreitag den Gottesdienst in der Heimkapelle. Am 6. August 1989 verstarb Anna-Elisabeth Wolf in der Steiermark, der Heimat Jakob Lorbers.

II Reformations-Grundbekenntnis

Wolf wurde getauft und bekräftigte mit der Konfirmation in der evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen ihren christlichen Glauben. Sie gehörte bis zuletzt in Österreich der evangelischlutherischen Kirche A. B. an. Wie beeinflusste jedoch das intuitive Schreiben ihren Glauben? Hält die verheißene Aufrichtigkeit einer ‚universellen Gottesoffenbarung’ stand oder verleitete diese vielmehr zum taktierenden Handeln und somit zur Beliebigkeit?

Die Zielsetzung des von Kaiser Karl V. 1530 in Augsburg einberufenen Reichstags bestand darin, die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche wiederherzustellen. Damit wurde Philipp Melanchthon (1497–1560), Freund und Mitarbeiter Martin Luthers, von den evangelischen Fürsten und Reichsstädten beauftragt. Somit war das Augsburger Bekenntnis (die Confessio Augustana, im Folgenden abgekürzt CA) ursprünglich ein ökumenisches Bekenntnis, wenn es auch letztlich die Kirchenspaltung nicht verhindern konnte.

Um in der anschließenden Analyse ergründen zu können, ob Wolf im Werk „Karmatha“ der wichtigsten Bekenntnisschrift der lutherischen Kirchen treugeblieben ist, folgt hier zunächst die Abschrift aus dem ersten Teil, Artikel des Glaubens und der Lehre, Artikel 1, Von Gott:

Zuerst wird gemäß dem Beschluß des Konzils von Nicäa (325)1 einmütig gelehrt und festgehalten, daß ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist und doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, jede gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Alle drei sind ein göttliches Wesen, ewig, unteilbar, unbegrenzt, von unermeßlicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Unter dem Wort ‚Person’ wird nicht ein Teil oder eine Eigenschaft von etwas anderem verstanden, sondern etwas, das in sich eigenständig ist, so wie die Kirchenväter diesen Begriff in dieser Sache gebraucht haben.

Deshalb werden alle Ketzereien verworfen, die diesem Artikel widersprechen, wie die Manichäer, die zwei Götter annehmen: einen bösen und einen guten; ebenso die Valentinianer, Arianer, Eunomianer2, Muslime3 und alle, die ähnlich denken. Verworfen werden auch die Samosatener4, die alten und die neuen, die nur eine Person annehmen und über die beiden anderen, nämlich ‚das Wort’ und den Heiligen Geist, die spitzfindige Ansicht vertreten, es seien nicht ‚unterschiedliche Personen’, sondern ‚das Wort’ bedeute so viel wie gesprochenes (urspr.: leiblich) Wort oder Stimme, und der Heilige Geist sei eine erschaffene Regung in den Geschöpfen (CA 1988, S. 23).


1 Dieser Artikel bezieht sich auf das Nicäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis von 381, das heute allgemein als „Nicänum“ bezeichnet und neben dem apostolischen Glaubensbekenntnis im Gottesdienst benutzt wird. Dieses Bekenntnis verbindet die meisten christlichen Kirchen.

2 Die erwähnten häretischen Gruppen aus den ersten Jahrhunderten bestritten die Wesenseinheit Christi mit Gott.

3 Da diese die Trinität leugnen.

4 Nach Paul von Samosata, Bischof von Antiochien 260–268.

III Das Werk „Karmatha“

1. Einleitung

Zunächst muss an dieser Stelle kurz auf die mittlerweile drei Versionen von „Karmatha“ hingewiesen werden. Die Originalfassung bestand aus drei Heften oder dem Sammelband, der im Urgemeinde-Verlag erschien, der sich als Urgemeinde Gottes verstand. Der Nachdruck des Sammelbandes erschien ohne den Hinweis auf die Schriftenreihe seitens der Urgemeinde Gottes und wurde stattdessen ergänzt um sämtliche Werke Anita Wolfs. Die gegenwärtig im Internet erhältliche Version entspricht einer Revision des Werks, ohne dass dort jedoch auf diese Tatsache hingewiesen wird. Dabei wurde die gesperrte Formatierung einzelner Wörter weggelassen sowie einzelne Wörter im Zuge von Korrekturen entfernt und eingefügt. Das Selbstverständnis als Urgemeinde Gottes wandelte sich so zur Institution des Anita-Wolf-Freundeskreis e. V. für die suchenden Lichtfreunde.

Die Bibel ist Grundlage des christlichen Glaubens und wird durch den Heiligen Geist zum Wort und somit zur Offenbarung Gottes. Beim Phänomen der ‚Neuoffenbarung‘ wird davon ausgegangen, dass es neben der Bibel weitere Offenbarungen von gleichem Stellenwert gibt. So hörte Jakob Lorber eine ‚innere Stimme’ und nahm an, dass sich ihm darin Jesus Christus offenbarte. Das darauf basierende Werk nannten seine Freunde ‚Neuoffenbarung‘. Seitdem erklärten wiederholt einzelne Menschen, wie bspw. Leopold Engel, Gottfried Mayerhofer, Max Seltmann und Ida Kling, die ebenfalls zur ‚Neuoffenbarung‘ gezählt werden, an sie sei das ‚Innere Wort’ ergangen. Diese berichten u. a. vom Leben Jesu, der Schöpfung, dem Jenseits und vom Verhältnis Gottes zu seinen Kindern. Auch das Werk Anita Wolfs zählt zur ‚Neuoffenbarung‘. Dessen Besonderheit besteht darin, dass sie die geistige Schöpfung erklärt und alles aus dieser Sichtweise darzustellen weiß. So nennt sie u. a. als menschliche Inkarnationen von Engeln bspw. Mose, Elia und Abraham, aber auch Hus, Luther und Lorber. Mit dem Werk „Karmatha“, in dem sie von der geistigen Schulung in ihrer Vorexistenz in der geistigen Schöpfung berichtet, bestätigt Wolf somit das Werk der ‚Neuoffenbarung‘ Lorbers. Die folgende Analyse wird zeigen, inwieweit es dem Anspruch gerecht wird, gleichwertig neben der Bibel und nicht in Widerspruch zur Confessio Augustana zu stehen.

Wolf berichtet dabei mit einer derartigen Leichtigkeit über Gott, als gebe es für sie weder Gebot oder Katechismus noch Bekenntnisse und Grundsätze. Auf religiös Suchende scheint dies keinesfalls alarmierend zu wirken, sondern sie erkennen hierin vielmehr eine ‚universelle Gottesoffenbarung’. Damit wird jedoch die Ehrfurcht vor dem Wort Gottes gebrochen und in Beliebigkeit verwandelt. Argumentativ wird dies damit begründet, dass es um geistige Weite und nicht um gläubige Enge geht.

So sollten alle Kinder erkennen, daß nicht nur eines erwogen werden darf, um einst den letzten Schleier des Geheimnisses bewußt zu lüften, sondern daß Alles zu bedenken ist, was mit der UR=Gottheit in Berührung steht. Nennet aber Eines, im Universum oder auf der Erde, was nicht mit der Gottheit verwoben ist?! Da ist Keines! Also suchet; bleibt nicht stehen bei der Erkenntnis, die vielen Kindern die letzte zu sein dünkt. Es gibt einen wahrhaftigen Glauben, der aus jeder neuerwachten Erkenntnis die kaum begreifliche ‚Ahnung‘ eines neuen Werdens hervorruft. – Dieser Glaube ist das Leben zum urewigen Sein!

Wer das versteht, ist wahrhaftig zu Besonderem erkoren, das nicht im Voranstehen vor anderen Kindern liegt, sondern allein in der Erkenntnis, die aus allem geborenen Neuen das Ziel des Fortschrittes wahrnimmt, die Entwicklung, Weiterbildung, das Hineinleben selbst in die tiefsten Tiefen der Gottheit!! Gingen die Kinder aus der Tiefe einer urewigen Gottheit hervor, - wo anders auch sollten sie hervorgegangen sein -, so muß es unter den waltenden, unwandelbaren Gesetzen heiliger Schöpfungsliebe, die ‚Barmherzigkeit‘ heißt, ein gleiches ‚Zurück‘ geben, und jegliches Kind muß die Möglichkeit und Fähigkeit erhalten, wieder eins zu werden mit der Tiefe, aus der es einst geboren ward. Es gibt auch kein Ausweichen, kein: ‚Herr, ich wußte das nicht‘! ‚Vater, ich glaubte, das dürfte ich nicht‘! Jedes Kind, das einmal einen Zipfel des heiligen Gott=Geheimnisses zu lüften verstand, trägt unwiderruflich den Drang zum weiteren Erkenntnisleben in seinem geistigen Herzen. Dieser Drang ist ausführbar; ob bis zum Letzten, sei dahingestellt. Aber es gibt in des heiligen Priesters Schöpfungswalten Wege in nicht zählbarer Vielgestaltigkeit, so daß jedem Kinde Möglichkeit und Fähigkeit übertragen wurde. – Der Weg, einmal ernstlich mit festem Willen angefangen, ist in diese Tiefen hinein nicht schwer; aber er verlangt unausgesetzte Opferung des Ego, wie Gott unausgesetzt Sein ‚Ich‘ opfert – an alle Kinder! wenngleich auch auf verschiedenen Wegen zufolge verschiedenster Bedingungen!! Darum ist des Kindes Opferweg ebenso ein schwerer, und muß es sein, sonst wäre der Lohn des Opfers nicht wert, wie das Opfer nicht des Lohnes würdig.

Damit aber auch die letzten Kinder der armen und doch unerhört reich gesegneten Erde auf die größtmögliche Fähigkeit zu diesem Wege aufmerksam gemacht werden können, soll aus der Gruppe der eingangs erwähnten ‚neugeborenen himmlischen Kindlein‘ der Werdegang einer solchen Lichtseele beschrieben werden. Wem der Weg nun eine eigene Richtung anzeigt, der gehe dahin, und sein Werdegang wird sich zur höchsten Freude der Gottheit, nicht allein nur jener des Vaters erfüllen! Denn der Vater ist in der Gottheit, und sie bringt dem Geborenen den Vater als Mittler, als unlösbare Bindung zwischen dem Kindgeschöpf und dem Vater=Schöpfer (Karmatha 1955, S. 6–7).

Anmerkungen

Aus dem ersten Artikel des Apostolikums lassen sich die Vier (Gott, Vater, Allmächtiger, Schöpfer) herauslesen und bei den Gaben des Heiligen Geistes finden sich gemäß Jesaja 11,2 die Sieben (Geist des Herrn, der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis und der Furcht des Herrn). Sowohl im Nicänum als auch im Apostolikum hat der Glaube einen festen und zugleich unergründlichen Inhalt.