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© 2020 Detlef Weigt

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783751929486

Originalausgabe:

Louis Claude de Saint-Martin: Sendschreiben an einen

Freund oder höhere Betrachtungen über die französische Revolution. — Aus dem Französischen übersetzt. —

Varnhagen von Ense: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften, Mannheim: Verlag von Heinrich Hoff, 1838; Band IV, S. 435-546.

Einführung:

Johannes Claassen: Ludwig von Saint-Martin.

Sein Leben und seine theosophischen Werke.

Stuttgart: Steinkopf 1891. S. 145-164.

Einführung von Johannes Claassen

Im Jahr 1784 setzte die Akademie der Wissenschaften in Berlin einen Preis auf die Beantwortung der Frage: Welches ist die beste Weise, sowohl die wilden als die zivilisierten Völker, welche sich dem Irrtum und Aberglauben jeder Art ergaben, zur Vernunft zurückzurufen (Quelle est la meilleure manière de rappeler à la raison les nations, tant sauvages que policées, qui sont livrées à l’erreur et aux superstitions de tout genre?)

Zu Irrtum und Aberglaube rechnete die Berliner Akademie nämlich vor allem das Christentum und jede geschichtliche Gottesoffenbarung. St. Martin erkannte das wohl und sagte auch selbst, dass die Akademie ihm nicht den Preis gewähren würde, beantwortete aber dennoch die Frage, indem er zuerst zeigte, dass sie unlöslich sei durch die Mittel, welche ihr Ausdruck voraussetzte. Er wollte dem verkappten Atheismus öffentlich die Maske abreißen. Freilich hatte er in Berlin keinen Erfolg. Die Akademie warf die Frage überdies noch einmal auf. Der Hauptinhalt seiner Antwort ist folgender.

Nachdem er den Stand der Beraubung und Finsternis gezeichnet, der unsere gegenwärtige Vernunft von den einzigen Wahrheiten, die unser unumgängliches Bedürfnis sind, so entfernt hat, zeigt er, dass ein Gesetz der Beziehungen bestehe zwischen unserem Geiste und der Quelle des Denkens, gleichwie zwischen unserem Leibe und dem Prinzip der elementaren Natur. Er stellt fest, dass dieses Gesetz notwendigerweise wirksam sei, weil es in den Lehren aller Völker überliefert worden; ja dass es die Urwissenschaft und Geheimlehre der ersten Zeitalter der Menschheit gewesen sei und noch heute dieselbe Wirksamkeit auf jeden Menschen äußere. Eben dieses Gesetz der Beziehungen zwischen unserem Daseinsprinzip und uns selbst sei jene allgemeine Vernunft, zu welcher die wilden und zivilisierten Völker zurückzurufen so hoch wünschenswert sein würde. Denn allerdings sei die Erkenntnis dieser heilsamen Verbindung verloren gegangen, daher könne der Mensch auch das Gesetz seines Wesens nicht erfüllen. In uns selbst finden wir aber den Schlüssel dieser Wissenschaft: es sind die Strahlen des göttlichen Lichtes, die allein unser Inneres erleuchten. „Machet kenntlich diesen göttlichen Strahl, diese ursprüngliche Beziehung des Menschen mit Gott, und ihr werdet das Problem gelöst, werdet aus der Menschheit die Irrtümer verbannt haben, welche ihr die Wahrheit verschleiern, werdet die Völker zur Vernunft zurückgeführt haben, die sich dem Aberglauben hingegeben haben.“ Und dann schließt der Verfasser mit folgender hochernsten und schlagenden Anrede an die Berliner Akademie:

„Aber ihr, zur Erleuchtung eurer Mitmenschen erwählte Sterbliche, die ihr alles erwägt, was ihrer Unwissenheit und ihrem Aberglauben abhelfen könnte: ihr seid zu dieser Abhilfe nur insoweit berechtigt, als ihr selbst das Recht erworben haben werdet, an der Quelle zu schöpfen, welche jene Hilfe in sich schließt und mitteilt. Wenn der Mensch sich nur dadurch so vielen Täuschungen in Glaubens- und Wissenslehren hingegeben hat, dass er sich von dieser Urquelle aller Wahrheiten entfernte, so müsst ihr notwendig selbst wieder eintreten in den Genuss dieser Wahrheiten, um die Irrtümer jener darzutun; und wenn der Mensch sich dadurch in den Abgrund des Aberglaubens gestürzt hat, dass er die geistige Grundlage jenes reinen und lebendig machenden Kultus aus dem Gesicht verlor, so müsst ihr selbst die wesenhafte und beweiskräftige Erkenntnis der wahrhaftigen Dinge, auf die alles andere zielt, zuerst wiedererlangen. Ohne das werdet ihr nur einen Irrtum an die Stelle des anderen setzen, einen Aberglauben für den anderen, und ihr werdet die Szenen der Lüge und des Hasses erneuern, welche abwechselnd die Erde verführt und in Blut getaucht haben. Es ist sogar nicht mehr nötig zu prüfen, ob die Völker, die ihr zu erleuchten haben werdet, wild oder zivilisiert sind. Dieselbe Hand, welche das Licht überallhin trägt, teilt es jedem mit nach dem Maße seiner Empfänglichkeit. Fanget damit an, dass dieses Licht kein Hindernis finde in euch einzutreten, und ihr werdet nicht mehr zu fragen haben, auf welche Weise ihr es ausbreiten müsst. Vergesset nie, dass nicht ihr es seid, die da handeln müssen, sondern jene nämliche Ursache, welche euch selbst hervorgebracht und welche sich das Recht vorbehalten hat, all eurer rechtmäßiges Tun zu bestimmen. Eifersüchtig, allein den Geist der Sterblichen zu regieren, weil sie allein fähig ist, ihn zu erleuchten, ist dieses der ewige Bund, den sie mit euch machen will, dass ihr euch also demütiget, Handlanger ihres Ruhmes zu sein, aber niemals an den eurigen denkt. Wenn ihr euch nicht für rein und uneigennützig genug haltet, um diesen heiligen Bund treu zu bewahren, wenn irgendwelche verderbten Wurzeln sich noch mit den Keimen verflochten finden, die auf dieser Erde Frucht bringen sollen, so unternehmet nicht, die Menschen zur Vernunft zurückzuführen: ihr werdet ihre Blindheit und Torheit nur vermehren. Enthaltet euch im Gegenteil, ihnen einen so gefährlichen Dienst zu leisten, sie werden sich genug ohne euch verirren.

Gelehrte aller Grade, die ihr so achtungswürdig seid durch eure Wünsche und Bestrebungen: Hoffet nicht, zu irgendwelcher sicheren Erkenntnis über die verschiedenen Gegenstände, die euch beschäftigen, zu gelangen, wenn ihr euren Gang außerhalb jenes Gesetzes der Beziehungen nehmt, die zwischen eurem Prinzip und euch bestehen, außerhalb jenes Pfades, den die oberste Weisheit euch überall vorzeichnet, um euch die Mittel zu erleichtern, zu ihr selbst zu gelangen. Solange ihr die Natur und den Menschen als isoliert und unabhängig von dem einigen Prinzip betrachtet, das beide belebt, werdet ihr sie nur mehr und mehr verunstalten und diejenigen täuschen, denen ihr sie vorzumalen unternehmet. Darum hat der Baum der Naturwissenschaften so viele gebrechliche und verdorrte Zweige getrieben, welche nacheinander abfielen, ohne zur Reife gelangen zu können, weil die Hand des Menschen, sie berührend, ihren Saft abgebunden hatte. Darum war es so oft das Ende der Geisteswissenschaften im menschlichen Unterrichte, dass sie nur eine Wissenschaft der Materie wurden und uns mit den Tieren verwechselten. Kurz, darum gleichen alle zerstreuten Wissenschaften, ohne ein gemeinsames Band, das sie einige, verschiedenen Anhäufungen stehender Gewässer, die getrennt von dem großen Strome, mehr und mehr zur Versumpfung gelangen; solange sich der Strom nicht mit ihnen vereinigt und sie lebendig macht, wie er ist, indem er sie einzieht in seinen Lauf.“ Endlich: „Wenn der Mensch nicht selbst zu jenem Universalschlüssel gelangt, wird niemand auf Erden ihn in eure Hände legen. Und so glaube ich euch genug geantwortet zu haben, wenn ich euch überzeugt habe, dass der Mensch euch nicht antworten kann.“

Man wird die Kraft und Wahrheit dieser Worte ebenso wenig verkennen als ihre besondere Anwendbarkeit auf jene wie auf unsere Zeit und ihre von hohen wie niederen Stühlen ausgehende Weisheit. Es ist die vielfach „des Tieres aus dem Abgrunde“ in der Scheingestalt der alten Schlange. Nur dass unsere Zeit jene damals noch vermisste Einheit der Wissenschaften in einem „Monismusvon unten her erstrebt und erreicht zu haben wähnt, welche Einheit aber im Grunde nur die des babylonischen Turmes ist, dessen Ende wir kennen. So war denn auch damals das Ende oder die schlagende oder alles zerschlagende Antwort auf jene selbstkluge Frage der Akademie die französische Revolution.

Merkwürdig aber, dass ein Franzose, einer der edelsten seines Volkes freilich, den deutschen Aufklärern das sagen, sie also schlagen musste auf ihre eigene Herausforderung hin!

Ebenso scheinbar vergeblich wie damals die Berliner Preisfrage, beantwortete St. Martin im Jahre 1798 die vom „Institut von Frankreich“ gestellte: Quelles sont les institutions les plus propres à fonder la morale d’un peuple? („Welches sind die geeignetsten Einrichtungen, um die Sittlichkeit eines Volkes zu begründen?“) Auch hierin war die Grundlage der Frage verkehrt, denn die Antwort lag und liegt längst bereit: für den Willen nämlich, der Gottes Willen tun will. Für das bloße Wissen hat die Frage und ihre Antwort so wenig Wert als für die Sache selbst, wenn man sie durch äußere Mittel ohne den Geist des Christentums betreiben wollte.

Aber auch inmitten seiner atheistischen Gegner, in der Hauptstadt seines Landes und während der revolutionären Gewaltherrschaft zögerte St. Martin nicht, Zeugnis abzulegen von der selbsterkannten Wahrheit. Denn wenn man sagen konnte, dass der „unbekannte Philosoph“ die Welt floh, und wenn er es selbst gerne sagte, so hatte es doch nur den Sinn, dass er sich ihr nicht überantwortete und sich von ihr verschlingen ließ. In Wahrheit beobachtete er mit der größten Aufmerksamkeit, was sich in der Welt begab; aber er ging darauf nur ein, soweit er, seinen Grundsätzen getreu, es durfte oder für Pflicht hielt.

Solches war der Fall, als er sich zur „Normalschule“ nach Paris senden ließ und dort dem Direktor, Professor und früheren Justizminister Garat in öffentlicher Versammlung entgegentrat. Seine Antwort auf die sensualistischen Behauptungen desselben stellte folgende drei Wahrheiten ins Licht. Erstens das Vorhandensein eines moralischen Sinnes im Menschen, der höherer Art nicht nur als die Sinnesempfindungen, sondern auch als die Vernunft selbst sei. Garat, der sich auf Baco berufe, der das Wahre und das Gute zugleich als verbunden und verschieden nachgewiesen, habe es doch nur mit einer einzigen Fähigkeit des Menschen zu tun, dem denkenden Verstande nämlich, den er überdies wieder ganz allein von der Tatsache der Sinnesempfindung ableite. Aber selbst dann, wenn dieser Ursprung zugegeben werden dürfte, würde der Verstand immer nur das Vermögen für die Auffassung des Wahren sein und es bedürfte eines anderen zur Erklärung der Idee des Guten. Denn offenbar könne die Idee und die Empfindung des Guten nicht aus der Sinnesempfindung entspringen, welche jenem fremd und oft entgegengesetzt sei. Dieses andere Vermögen der Seele, durch das wir das Gute vom Bösen unterscheiden und das uns antreibt, das eine zu lieben und das andere zu hassen, sei eben der moralische Sinn [Moralsinn, Bewusstsein des Sittlichen, zuhöchst Gewissen], und dieser sei also völlig verschieden vom Verstandessinn, durch den wir das Wahre vom Falschen unterscheiden. Indes sei darum dieser Moralsinn nicht ein einzelnes, abgesondertes Vermögen, wie der schottische Philosoph Hutcheson gemeint; er sei vielmehr der Grund unseres Wesens, zugleich empfindend und denkend, empfindend, aber nicht sinnlich empfindend. Er sei der tiefe Quell, aus dem zugleich unsere Ideen und unsere Empfindungen entspringen, besonders aber letztere, und zwar das religiöse Gefühl ebenso wie das sittliche, das Gefühl für das Göttliche ebenso als das für das Gute. Es sei die Wurzel unseres geistigen Wesens, von welcher der denkende Verstand nur eine Abzweigung sei. Jenes sei mit einem Wort die Seele selbst, von Natur begabt mit einem empfindenden und einem denkenden Vermögen, welches seinen Gegenstand unendlich über oder jenseits der äußeren Natur suche, welches aber allerdings zur Ausübung erst gelange und in bestimmten Empfindungen und Ideen sich offenbare, wenn es von außen her erregt werde. Seine Ansicht fasst sich zusammen in dem Satz: „Der Geist des Menschen ist nicht eine tabula rasa, sondern eine ‚rasierte Tafel‘, worin die Wurzeln noch blieben und nur den geeignete Anreiz erwarten, um ins Wachstum zu treten.“

Der zweite Standpunkt betraf den Ursprung der Sprache. In Bezug hierauf behauptete St. Martin zwar das Vorhandensein des Denkens als eines vom Sprechen verschiedenen Vermögens, das Sprechen selbst aber ebenso als eine ursprüngliche Fähigkeit, die der Mensch nicht nach Belieben „erfunden“ habe. Weder sei die Sprache in der Gesamtheit ihrer Elemente eine Sache bloßer Vereinbarung, die nur durch das Zusammentreffen der günstigsten Zufälle während vieler Jahrhunderte zwischen dem Menschen habe entstehen können, noch sei sie (wie später de Bonald wollte), durch ein Wunder oder eine außerordentliche Gottesoffenbarung zu erklären. Er betrachtet sie vielmehr mit Recht als eine naturwüchsige Fähigkeit des Menschen, oder als einen geistigen Naturvorgang, dessen Geheimnis wir in uns finden, ohne es gelernt zu haben, und dessen uns zu bedienen wir schon durch die Tatsache genötigt wurden, dass wir denkende Wesen sind. (Ähnlich später Wilh. v. Humboldt, der es näher begründete.) In der Tat, jede Gattung der Wesen habe von der Natur eine ihr eigentümliche Sprache empfangen. Da ist die Sprache der empfindenden Wesen, der Tiere nämlich, verschieden nach ihrer Organisation. Da ist die Sprache der materiellen und leblosen Wesen; denn „alles was in denselben Außenseite ist, können wir betrachten als Zeichen und Anzeichen ihrer inneren Eigenschaften“. Sollte das moralische und vernünftige Wesen, der Mensch, der mit dem Moralsinn das Vermögen zu lieben wie zu denken empfing, von jenem Allgemeingesetz die einzige Ausnahme bilden? Nein, auch er ist mit einer Sprache begabt worden, die ihm eigentümlich, ebenso alt als sein eigenes Dasein ist und genau seinem geistigen Wesen entspricht. Diese Sprache ist das Wort [als Gabe und als Aufgabe, oder als Anlage zur Entwicklung und Ausübung uns gegeben]. Denn daraus, führt St. Martin fort, dass das Wort auf Erden zugleich mit der menschlichen Natur erschien, darf man nicht folgern, dass es gleich am ersten Tage bis zur letzten Vollendung gelangt sei. Es hat denselben Fortgang und ist allmählich mit denselben Zeichen ausgestattet worden wie der Gedanke selbst. Nun ist eben dieser anfangs dunkel und unentwickelt und nicht nur mit unseren moralischen Gefühlen, sondern auch mit Sinneseindrücken vermischt wie das Gold im Erdklumpen. Erst nach und nach lösen sich unsere Gefühle von unseren Sinnesempfindungen und unsere Gedanken von unseren Gefühlen. Das ist die Frucht der tätigen Arbeit der Geistseele an sich selber, und diese Arbeit, offenbart durch eine Folge von Operationen, wie Aufmerksamkeit, Vergleichen, Urteilen, Überlegen, Gründesuchen, hat zum Werkzeuge das Wort. Aber zugleich mit dem Werkzeuge ist das Wort in gewissem Sinne auch das Resultat dieser Operationen, weil es ihnen einen immer höheren Grad von Bestimmtheit und Klarheit verleiht. Hieran knüpft er folgende Wahrheit. Anders sei es mit dem Zeichen, deren die Mathematik sich bedient, um fertige, zweifellose Begriffe, die der Mensch nicht erst bildet, auszudrücken; anders mit den anderen Wissenschaften, zumal der moralischen und religiösen, deren einziges Ausdrucksmittel das Wort bzw. die Schrift ist. Wäre ihnen darum die Gewissheit versagt? Nein, sie haben in uns, in den Grundlagen unseres Gewissens, in den höchsten Ideen und Grundsätzen der [erleuchteten] Vernunft ein ebenso unerschütterliches Fundament als jene sog. exakten, und ein noch festeres als die Naturwissenschaften. Sie haben auch ihre eigenartigen Beweise, welche obwohl nicht sichtbar dem Auge, darum nicht weniger unumstößlich im Geiste sind. „Jede Wissenschaft hat ihre eigentümliche Art der Beweisführung.“ Schließlich sagt St. Martin: „Weil wir sehen, dass in der natürlichen wie in der geistigen Ordnung jedes Ding einen Anfang hat, jedes Wesen aus einem Keime hervorging, der nicht das Werk des Menschen ist, sollten die Sprachen von diesem Gesetz ausgenommen sein? Warum sollte das schönste unserer Vorrechte, das des lebendigen und tätigen Wortes, das einzige sein, das die Frucht unserer eigenen Schöpfermacht wäre, während in Bezug auf alle anderen Vorzüge wir einem in uns gelegten Keim unterworfen wären und dessen Befruchtung abwarten müssten?“ —

Die dritte Frage war, ob, wie Garat behauptet, es „unmöglich sei zu wissen oder unnütz zu untersuchen, ob die Materie denke oder nicht denke.“ Dieser Satz sei doppelt zu bestreiten. Wenn es in der Welt eine Frage gebe, die unser Interesse beanspruche, so sei es die zu wissen, ob wir Geist oder Materie sind, ob wir eine Seele haben oder ob unser Dasein in Eigenschaften und Tätigkeiten des Körpers aufgehe; diese Frage sei aber nicht unlösbar. Denn wir sehen klar, dass es zwischen dem Menschen und den bloß materiellen und tierischen Wesen keine Wesensgemeinschaft gibt. Der Mensch ist vervollkommnungs- und kulturfähig; er entwickelt seine Anlagen, weil er fähig ist, sie auf ein Ziel zu richten und zu leiten, d.h. weil er denkt. Das können die niederen Wesen nicht. Wenn andererseits wahr ist, dass die Sprachen das notwendige Werkzeug des Gedankens sind und nur der Mensch damit begabt ist, so muss man daraus schließen, dass er allein unter allen Wesen auf Erden es ist, der da denkt. „Denn die Natur ist zu weise, um einem Wesen ein Geschenk zu machen und ihm doch das einzige Werkzeug zu verweigern, womit er davon Gebrauch machen kann.“ Dass die Tiere sich natürlicher Zeichen zum Ausdruck ihres Innern bedienen, widerspreche dem nicht. Denn diese Zeichen bleiben einförmig und unveränderlich wie die Gattungen, deren Empfindungen und Bedürfnisse sie ausdrücken: eine Bestätigung des Satzes, dass die Tiere nicht denken. So bewies St. Martin die grundtiefe Unvereinbarkeit der Materie und des denkenden Vermögens und damit die Grundverschiedenheit von Geist und Körper, weiterhin von Tier und Mensch.

Diese drei Punkte also, das ursprüngliche Vorhandensein eines moralischen oder Gewissenssinnes, eines denkenden und sprechenden Urvermögens und eben damit die Urverschiedenheit von Materie und Geist, verteidigte St. Martin gegen die Zeitphilosophie, welche moderne Weisheit damals im Namen des republikanischen Staates denen beigebracht werden sollte, welche die Jugend des Landes demnächst unterweisen sollten. Er gab damit dieser Scheinweisheit seines Jahrhunderts den ersten Hauptstoß, der von den wichtigsten Folgen für eine zukünftige Umkehr begleitet war.

Diese Ideen über die Bildung des Wortes und die Natur des Denkens wandte St. Martin nicht bloß auf die sensualistische Philosophie, sondern auf die ganze Wissenschaft seiner Zeit an. In der Schrift Le Crocodile suchte er die Gelehrten wie die gelehrten Gesellschaften des 18. Jahrhunderts als lächerlich hinzustellen, wenn diese in ihrem Hochmut wähnten, die Natur zu begreifen, ohne nötig zu haben, sich über dieselbe zu dem Schöpfer zu erheben; ja, wenn sie sogar luftige Hypothesen aufstellten, um den Ursprung der Welt und die Entstehung der Wesen, der lebendigen wie der leblosen, aus der bloßen Macht der Elemente, aus den Eigenschaften der rohen Materie zu erklären. In einer langen Gleichnisrede lässt der Verfasser dieser seltsamen satirisch-allegorischen Schrift, die teils in Prosa, teils in Versen geschrieben und in vielen Einzelheiten schwer verständlich ist, ersonnene Wesen auftreten, unter deren Namen er wirkliche Personen vordeutet, deren eine seine eigene Ansicht auszusprechen hat. Wir brauchen auf den Inhalt nicht näher einzugehen.

Aber nicht allein die verirrte Wissenschaft griff St. Martin nach seiner tieferen Erkenntnis an; sein Auge war ebenso offen für die Schäden in Staat und Gesellschaft und für die verkehrten Theorien, nach denen die Männer des Tages die öffentlichen Zustände zu bessern suchten. Hatte er doch Montequieus und Rousseaus Werke längst gelesen und studiert. Aber so sehr er letzterem in seiner Kritik der menschlichen Gesellschaft in ihrer Verderbnis zustimmte, so wenig vermochte er die Grundlehren desselben zu teilen: von der guten Natur des Menschen und von der Notwendigkeit der Rückkehr zu derselben, noch der Wiederherstellung eines vermeintlichen, ursprünglichen „Gesellschaftsvertrages“, d.h. der Souveränität des Volkes, wie es ist.

Sendschreiben an einen FreundBlick auf die menschliche Gesellschaft