Baptismus-Dokumentation Band 7
Schriftenreihe
herausgegeben vom Oncken-Archiv
des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.

Redaktionelle Bearbeitung:

Reinhard Assmann, Ines Pieper

Foto Titelseite:

Schrift- und Lektoratsleiter Günter Lorenz und Geschäftsführer Wilfried Weist
in der Evangelischen Buchhandlung Berlin, Seelower Straße im Juni 1987

© Oncken-Archiv des BEFG, Elstal 2017

Johann-Gerhard-Oncken-Str. 5, 14641 Wustermark

Tel. 033234 74-280, onckenarchiv@baptisten.de

2. korrigierte Auflage 2020

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7448-1197-2

Inhalt

  1. Überblick zur Schrifttumsarbeit des BEFG-DDR
  2. Dokumentation
  3. Bibliografie
  4. Übersichten

Geleitwort

Wer sich mit der Geschichte einer Verlagsbuchhandlung befasst, hat damit zu rechnen, dass in der Regel nicht mehr alle Unterlagen aufzufinden sind. So ging es mir vor fast 40 Jahren, als ich mich mit dem Thema „150 Jahre Oncken Verlag“ befasste. Die hier veröffentlichte Dokumentation betrifft nun aber eine vergleichsweise junge Einrichtung, die Evangelische Versand- und Verlagsbuchhandlung Otto Ekelmann Berlin, gegründet 1946. Wer daraus den Schluss zieht, deren Entwicklung und Produktion darzustellen sei wesentlich leichter, der irrt sich. Denn dieses baptistische Unternehmen hatte seinen Sitz in der DDR. Die Hürden, Schrifttum welcher Art auch immer überhaupt herstellen und verbreiten zu können, waren immens. Auch wenn offiziell immer wieder betont wurde: „In der DDR gibt es keine Zensur“ – das Wort war ein Tabu. Aber wohl jeder wusste: Das Gegenteil war der Fall. (Wir im Westen bekamen es zum Beispiel mit, als das gemeinsame Buch der GEMEINDELIEDER erscheinen sollte.) Nach der politischen Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde es nun aber glücklicherweise möglich, „hinter die Kulissen zu schauen“.

Es ist das große Verdienst der beiden Autoren dieses Bandes, nun die Ekelmannsche Verlagsgeschichte detailliert darstellen zu können – mit Hintergrundinformationen verschiedener Art, wertvollen Erinnerungen von Zeitzeugen, der Wiedergabe diverser staatlicher „Gut“-achten und nicht zuletzt einer akribischen bibliografischen Dokumentation der zensierten und lizenzierten Veröffentlichungen. Ein „Findbuch“ gewissermaßen, um einen Begriff aus dem Archivwesen zu gebrauchen, aber vor allem auch eine Fundgrube, z. B. für zeitgeschichtliche Forschungen oder in Sachen Frömmigkeitsgeschichte und so weiter. Es gibt viel zu entdecken: Was wurde veröffentlicht? Wer waren die Verfasser? Wie viele Auflagen? (Und welche „Auflagen“ waren im Blick auf die Druckgenehmigung zu erfüllen, welche konnten geschickt umgangen werden?)

Diese Dokumentation hat den Gesamtbestand der Ekelmannschen Produktion im Blick. Mit Freude und Dankbarkeit erinnere ich mich daran, dass – und wie – es nach der Wende gelungen ist, die Archivbestände „Ekelmann“ in das Oncken-Archiv Elstal des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zu überführen. Inzwischen konnten sie noch um etliche Titel oder Auflagen vervollständigt werden, dank des Spürsinns von Reinhard Assmann und Wilfried Weist.

Günter Balders

Zu den Autoren

Wilfried Weist wurde am 01.10.1938 in Kiel geboren. Nach dem Abitur folgte die Ausbildung zum Verlagsbuchhändler in der Buchhandlung C.L. Ungelenk in Dresden und der Evangelischen Verlagsanstalt in Berlin. Nach einer Qualifizierung zum Buchhersteller war er bis 1965 in der Herstellungsabteilung der Evangelischen Verlagsanstalt tätig. Ab 01.07.1965 arbeitete er als Geschäftsführer der Evangelischen Versandbuchhandlung O. Ekelmann Nachf. Berlin, Seelower Straße. Nach der Übernahme der Buchhandlung durch den Oncken Verlag Kassel am 01.01.1991 fungierte er als Leiter der Filiale Berlin – bis zum 31.08.1996. Heute lebt er im Ruhestand in Berlin.

Wilfried Weist ist verheiratet, er hat zwei Söhne. Neben seiner Mitarbeit in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (EFG) Berlin-Prenzlauer Berg engagierte er sich viele Jahre in der Evangelischen Allianz und in ökumenischen Gremien, wie z. B. im Facharbeitskreis Verlage/Buchhandel beim Bund Evangelischer Kirchen in der DDR, im Bibelkomitee der DDR u. a.

Reinhard Assmann wurde am 01.09.1952 in Greifswald geboren. Nach dem Abitur wurde seine Zulassung zum Mathematikstudium an der TU Dresden wegen Verweigerung des aktiven Wehrdienstes zurückgenommen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Elektromechaniker und später zum Erzieher. 1977–1981 studierte er Theologie am Theologischen Seminar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR (BEFG-DDR) in Buckow. Es folgten Gemeindedienste als Pastor in den EFG Bitterfeld (1981–1992), Berlin-Lichtenberg (1992– 2001) und Berlin-Prenzlauer Berg (2003–2012). 2002–2003 war er als Referent für Freikirchenforschung für den Verein „Evangelisch-Freikirchliche Zeitgeschichte e.V.“ tätig. Er lebt heute im Ruhestand in Berlin.

Reinhard Assmann ist verheiratet, er hat fünf Kinder. U. a. engagiert er sich im Historischen Beirat des BEFG und im Beirat des Vereins für Freikirchenforschung. 2004 veröffentlichte er einen Leitfaden zur Geschichte des BEFG-DDR. Er ist Mitherausgeber der vorliegenden Schriftenreihe.

Vorwort der Herausgeberin

Am Anfang stand ein Wunsch Rolf Dammanns, ehemaliger Generalsekretär des BEFG-DDR, im Jahr 1995. Tonbandmitschnitte einer Festveranstaltung zum 25jährigen Bestehen der Schrifttumsarbeit des Bundes in der DDR waren gefunden worden. 1971 hatte sie unter dem Leitwort: „…dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde“ (2. Thess. 3, 1) in Berlin stattgefunden. Der Wunsch also war, dass diese Beiträge transkribiert und als kleine Broschüre veröffentlicht werden sollten – als Geschenk zum 30. Dienstjubiläum von Wilfried Weist, Geschäftsführer und späterer Filialleiter der Evangelischen Versandbuchhandlung O. Ekelmann (Nachf.) Berlin (EVB), und von Günter Lorenz, seit 30 Jahren Lektoratsleiter der gleichnamigen Verlagsbuchhandlung.

Doch auch in der neuen Bundesrepublik ging es mit dem Büchermachen nicht wunschgemäß schnell. Erst 2003 konnten die Bänder verschriftet werden. Und die Herausforderung stand im Raum, mit diesen Dokumenten eine Archiv-Schriftenreihe zu beginnen. Wiederum vergingen Jahre, bis endlich 2011 die Edition „Baptismus-Dokumentation“ in der vorliegenden Form starten konnte. Der Band über die Schrifttumsarbeit war von Anfang an konzipiert, erfuhr aber immer neue Ergänzungen und Erweiterungen, bis er nun als Band 7 fertiggestellt werden konnte.

Neben der Dokumentation der Jubiläumsveranstaltung 1971 enthält er weitere Veröffentlichungen zur EVB und Schrifttumsarbeit in der DDR. Nach dem Auffinden der staatlichen Gutachten zur Druckgenehmigung lag es nahe, eine Auswahl dieser Texte in den Band aufzunehmen, die die kirchenpolitische Situation in der DDR unnachahmlich widerspiegeln. Eine vollständige Bibliografie aller EVB-Veröffentlichungen sowie weiterer BEFG-Publikationen macht diesen Band zu einem wichtigen Nachschlagewerk für den BEFG-DDR.

Schließlich bieten die Autoren im ersten einführenden Teil einen Überblick über die Geschichte und Arbeitsweise der EVB, der verlegerischen Arbeit sowie der Herausgabe der Monatszeitschrift des Bundes. Ergänzend werden weitere Bereiche der Schrifttumsarbeit dargestellt – bis hin zur Praxis der staatlichen Zensur.

Zu danken ist sowohl Wilfried Weist als auch Reinhard Assmann. Beide haben mit oft zeitraubenden Recherchen die bibliografischen Daten zusammengetragen, die Gutachten gesichtet und transkribiert und Hintergründe erforscht. Leider sind gerade die frühen Unterlagen der EVB nicht mehr vorhanden.

Aus heutiger Sicht mag es erstaunen, dass in der DDR in solcher Breite und Vielfalt christliches Schrifttum möglich war. Der BEFG hatte neben den evangelischen Landeskirchen, der Katholischen Kirche und den weiteren Freikirchen und den ihnen verbundenen Verlagen ja nur ein vergleichsweise knappes Druck-Kontingent. Gleichzeitig sollte aber nicht vergessen werden, welches mühevolle Ringen um Genehmigungen zu fast jedem Titel im Hintergrund stand. Dies dokumentieren die Gutachten.

1977 überraschte die DDR-Leser ein kleiner Fabelband von Gerhard Branstner: „Der Esel als Amtmann“, der die Zensurpraxis im Land hintergründig karikierte. Gleich auf dem Deckblatt grüßte der langohrige Amts-Esel als Zensor, den wir hier mit freundlicher Genehmigung des Grafikers Hans Ticha illustrieren.1

Trotz Zensur, Papiermangel und Auslieferungsproblemen, trotz politischen Drucks und der „Schere im Kopf“ – die Schrifttumsarbeit des BEFG in der DDR war ein Segen für die Gemeinden und darüber hinaus. Sie trug dazu bei, „…dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde.“

Ines Pieper


1 Gerhard Branster: Der Esel als Amtmann oder Das Tier ist auch nur ein Mensch. Fabeln, Buchverlag Der Morgen Berlin 1977, Zeichnungen von Hans Ticha; vgl. auch zu 1.7.

1. Überblick zur Schrifttumsarbeit des BEFG-DDR

1.1 Einleitung

Die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich sehr bald auch auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt bemerkbar. Für viele Kirchen, insbesondere für die Freikirchen bedeutete es, dass Druckerzeugnisse aus dem Westen nur noch unter schwierigen Umständen bzw. gar nicht mehr in den Osten versandt werden konnten. Schon bald musste in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. in der späteren DDR über neue eigene Strukturen nachgedacht und verhandelt werden. Die Leitung des BEFG tat sich anfangs noch schwer, einem eigenen Verlag und eigener Zeitschrift im Osten zuzustimmen und untersagte z. B. 1947 die Lieferung der neuen Ost-Zeitschrift „Wort und Werk“ in die Westzonen.2 Immer wieder gab es Verhandlungen, die Zeitschrift des Bundes „Die Gemeinde“, die Kinderzeitschrift „Der Morgenstern“, die „Junge Mannschaft“ für die Jugend und die Zeitschrift „Wort und Tat“ für die Prediger offiziell einführen zu können. Man nahm dafür sogar in Kauf, auf politische Äußerungen zu verzichten.3 Und man erhöhte den Bezugspreis in der Westzone für „Die Gemeinde“, um damit die Lieferung in die Ostzone zu unterstützen; wegen der Währungsunion war die Zeitschrift hier nicht mehr bezahlbar.4

In den ersten Jahren des neugegründeten Predigerseminars in Buckow bis zum Mauerbau (1959–61) brachten die Studenten am Wochenende per S-Bahn aus Westberlin gespendete Bücher für das Seminar nach Buckow.5 Aber die Zonengrenze entwickelte sich bald und immer stärker zu einem unüberwindbaren Hindernis – einerseits für Reisende von Ost nach West und andererseits für Literatur von West nach Ost. Der offizielle Buchtransfer in die DDR blieb ein ebenso wichtiges Verhandlungsthema mit den staatlichen Behörden6 wie der illegale „Bücherschmuggel“7 ein Untersuchungsvorgang für die Staatssicherheit. Immerhin gelang es hin und wieder, wichtige theologische Fachliteratur aus dem Westen für die Studenten des Theologischen Seminars und für dessen Bibliothek offiziell einzuführen.

Und dennoch: Dem Aufbau einer eigenen Verlagsarbeit im BEFG-Ost kam eine immer größere Bedeutung zu. Die folgenden Ausführungen sollen dafür einen Überblick bieten.8

1.2 Eigene Publikationen und Vertrieb

Schon in den ersten Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gab es intensive Überlegungen und Bemühungen, für die Gemeinden des BEFG in der SBZ ein eigenes Nachrichtenblatt herauszugeben und – sofern überhaupt vorhanden oder erreichbar – eine Versorgung mit christlicher Literatur aufzubauen. Diese Bemühungen sind untrennbar mit dem Namen Otto Ekelmann9 verbunden.

Bereits im September 1945 erwirkte er die Genehmigung für ein Mitteilungsblatt an die Gemeinden, im Februar 1947 die Lizenz für die Zeitschrift „Wort und Werk“. Seit Dezember 1945 baute er einen Buchvertrieb auf, zunächst in der eigenen Wohnung, ab Anfang 1947 mit eigener Lizenz als „Evangelische Versandbuchhandlung“, ab den 50er Jahren dann als „Evangelische Versand- und Verlagsbuchhandlung Otto Ekelmann Berlin N 113, Seelower Str. 22 (2)“. 1950/51 begann die verlegerische Arbeit, allerdings, wie auch die anderen Freikirchen, nicht mit eigener Lizenz, sondern in Verbindung mit dem Union Verlag Berlin. Nach Übernahme durch den BEFG 1965 fungierte die Vertriebs- und Verlagsarbeit unter dem Namen „Evangelische Versandbuchhandlung O. Ekelmann Nachf. Berlin“.

Von 1945 bis 1965 trug Otto Ekelmann, obwohl er im Auftrag und mit Förderung des Bundes und der Gemeinden tätig war, persönlich das Risiko für diese Arbeit. Jahre später schilderte er die Anfänge und den segensreichen Fortgang dieses Werkes. Zum 25-jährigen Bestehen der Schrifttumsarbeit des BEFG in der DDR, das im Februar 1971 in Berlin begangen wurde, verlas Walter Schäfer, Vorsitzender der Schrifttumsarbeit in der Bundesleitung, der Festgemeinde den Bericht Otto Ekelmanns. Dieser war erkrankt und hatte den Bericht über die Anfänge seinem langjährigen brüderlichen Freund diktiert. Otto Ekelmann beschreibt darin anschaulich die Schwierigkeiten, in den Jahren nach dem Krieg die Genehmigung für erste Veröffentlichungen zu erhalten. Sein Bericht wird neben weiteren Zeugnissen aus der Anfangszeit in diesem Band erstmals dokumentiert.10

Die folgende Darstellung umfasst den Zeitraum von der Übernahme der Buchhandlung durch den BEFG am 1. Juli 1965 bis zur Umwandlung in eine Filiale des Verlages J. G. Oncken Nachf. Kassel ab 1. Januar 1991. Sie will und kann keine exakte historische Beschreibung dieses Zeitraums sein, zumal eine solche einer Geschichtsschreibung des BEFG in der DDR und seiner Werke vorbehalten bleibt. Die Darstellung beruht außer auf wenigen im Literaturverzeichnis genannten Quellen hauptsächlich auf den erhaltenen persönlichen Aufzeichnungen sowie den Erinnerungen des Autors und trägt damit zumindest in Teilen einen subjektiven Charakter. Auf den Gedanken, eine Betriebschronik zu führen, auf die man jetzt zurückgreifen könnte, ist seinerzeit bei der Bewältigung der Tagesaufgaben niemand gekommen.

Nach vorausgegangenen Verhandlungen in der Bundesleitung fand am 1. Juli 1965 die offizielle Übergabe der Buchhandlung durch den Vorgänger Otto Ekelmann an den BEFG statt. Zuvor war vom Rat des Stadtbezirks Berlin-Prenzlauer Berg die Handelsgenehmigung auf den Namen des Bundes für den „Handel mit Büchern und christlicher Kleinkunst“ erteilt worden. Gerade der nachträglich eingetragene Zusatz „christliche Kleinkunst“ war für die folgenden Jahre und Jahrzehnte nicht unwesentlich, ließ sich doch unter dieser Rubrik der nicht geringe Umsatz an z. B. Postkarten, christlichem Kunstgewerbe, Wandsprüchen usw. unterbringen. Es war schon eine ungewöhnliche Tatsache, dass eine Kirche bzw. Religionsgemeinschaft die Genehmigung für einen gewerblichen Betrieb erhielt. In der Regel erloschen die Gewerbegenehmigungen für private Betriebe in der DDR, wie es auch die bis dahin bestehende Buchhandlung Otto Ekelmann war, mit dem Tod oder Ausscheiden des Inhabers.

In einer schlichten Feierstunde am 1. Juli 1965 in den Räumen Seelower Straße 2 gab es genügend Anlass zum Dank, dass die bisherige segensreiche Tätigkeit nicht aufhören musste, sondern nun unter dem Dach des Bundes weitergeführt wurde. Zum kleinen Kreis der an diesem Tag Anwesenden gehörten Otto und Gertrud Ekelmann, die bisherigen und weiter tätigen Mitarbeiterinnen Frieda Schneider und Irmgard Heyn, Präsident Herbert Weist, Generalsekretär Rolf Dammann sowie die neu berufenen Mitarbeiter Günter Lorenz (Verlagsarbeit) und Wilfried Weist (Geschäftsführer).

Otto Ekelmann in der Versandbuchhandlung Seelower Straße 1965

Es muss an dieser Stelle noch einmal auf die enorme Leistung des bisherigen Inhabers Otto Ekelmann hingewiesen werden, der die Arbeit nach Kriegsende unter schwierigsten Umständen begonnen und ausgebaut hatte. Neben seiner Tätigkeit als Gemeindepastor und langjähriger Leiter der großen Vereinigung Berlin-Brandenburg-Mecklenburg fand er noch, unterstützt von seiner ersten und nach deren Tod dann zweiten Frau, Zeit und Kraft, eine Institution zu schaffen, die nicht nur für unseren Bund Bedeutung hatte, sondern auch in weiten kirchlichen Kreisen der SBZ und späteren DDR bekannt und geachtet war. So gehört es auch zu den Besonderheiten jener Jahre, dass Otto Ekelmann als Nichtbuchhändler und „Quereinsteiger“ Mitglied des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig werden konnte, einer zwar nicht allzu mächtigen, aber für die Kulturpolitik in der DDR doch bedeutenden Institution.

Dies alles und noch viel mehr war ein solides Fundament, auf dem die neu berufenen Mitarbeiter aufbauen konnten. Hier gab es allerdings viel zu tun. So klein der Betrieb auch war, hatte er doch mehrere Arbeitszweige, die zwar eng miteinander verknüpft waren und doch ihren jeweils spezifischen Zweck erfüllten:

1. die Sortiments- und Versandbuchhandlung

2. die verlegerische Arbeit in Zusammenarbeit mit dem VOB Union Verlag Berlin

3. die Monatszeitschrift „Wort und Werk“

4. der freikirchliche Abreißkalender „Tägliches Brot“ in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin.

1.2.1 Die Sortiments- und Verlagsbuchhandlung (EVB)

Ev. Buchhandlung Seelower Straße 1965

Für den Zeitpunkt der Übernahme der Buchhandlung 1965 war bewusst darauf hingewirkt worden, den Warenbestand relativ niedrig zu halten. So galt es, zunächst wieder ein ansprechendes Angebot aufzubauen. Abgesehen vom finanziellen Aufwand, bei dem der Bund mit einem Darlehen half, kam die Schwierigkeit, dass attraktive Titel bei den Verlagen kaum lieferbar waren und dass sämtliche säkularen Verlage (die meisten volkseigen bzw. zu den Parteien gehörig, nur wenige noch privat) über den Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) ausliefern mussten. Der LKG legte die Kürzungsquote fest, bei der kirchliche und Privatbuchhandlungen immer an letzter Stelle rangierten. Auch bei den kirchlichen Verlagen gab es feste Lieferquoten, die jedoch aufgrund beharrlicher Bemühungen im Laufe der Jahre ständig ausgebaut werden konnten. Die wichtigsten Geschäftspartner waren sowie verschiedene Postkartenverlage (s. u.).

Über die zum gegenseitigen Vorteil ständig weiter ausgebaute verlegerische Zusammenarbeit mit der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) wird unter 1.3.4 berichtet.

Bei der Übernahme gab es keine Kundenkartei. Hier gelang es, in relativ kurzer Zeit eine Kartei von ca. 4.000 Kunden anzulegen, um diesem Kreis die leider nur spärlichen Werbematerialien zukommen lassen zu können und die Kontakte zu pflegen.

Als Arbeitsmittel waren ein Handwagen zum Pakettransport vorhanden sowie eine uralte Schreibmaschine. Neuanschaffungen jeglicher Art waren Betrieben, wie dem unseren, fast unmöglich, da sämtliche Wirtschaftsgüter, sofern überhaupt vorhanden, für den Bevölkerungsbedarf bereitgestellt werden mussten. Für Betriebe war nur ein geringes Kontingent verfügbar, und dies auch nur über die staatlichen Versorgungskontore. Es bedeutete für Privatbetriebe immer schon einen besonderen Glücksfall, in den langfristigen Bilanzierungen dieser Einrichtungen überhaupt eine Position zu erhalten. Das betraf sämtliche Wirtschaftsgüter, von Packpapier und Wellpappe über Büromaschinen und Büromöbel bis hin zu Fahrzeugen. Auch die vorhandene Ladeneinrichtung war, zusammengestellt aus Altmöbeln und unterschiedlichen Regalen, nicht sonderlich attraktiv. Bevor jedoch auf diesem Gebiet an eine Erneuerung gedacht werden konnte, wurde mittels Farbe für ein einheitliches und freundlicheres Aussehen gesorgt.

Mit dem anfangs sehr geringen Personalstand mussten die gesetzlich vorgeschriebenen Ladenöffnungszeiten (einschließlich sonnabends) eingehalten und zugleich alle Hintergrundarbeiten (Versand usw.) abgesichert werden. Die „Frühschicht“ hatte außerdem im Winterhalbjahr die eisernen Öfen zu heizen und für Brennmaterial-Nachschub für den ganzen Tag zu sorgen. Bestimmte Arbeiten (Buchhaltung, Schreibarbeiten für Manuskripte usw.), die vom Vorgänger außer Haus gegeben wurden, sollten nun auch unter einem Dach vereint werden, so dass zum November 1965 eine Sekretärin für die Verlagsarbeit und zum Dezember 1965 eine Buchhalterin eingestellt wurden. In der Zwischenzeit konnten die buchhalterischen Arbeiten freundlicherweise in der BEFG-Bundesgeschäftsstelle in der Gubener Straße ausgeführt werden.

Ein freundschaftliches Geschenk des Oncken Verlages Kassel wurde zu einer frühzeitigen entscheidenden Hilfe für die EVB: eine mechanische Büroschreibmaschine sowie eine Cellatron-Rechenmaschine (beide im Binnenhandel nicht erhältliche DDR-Erzeugnisse über GENEX11). Hinsichtlich des Arbeitsmaterials (Schreibmaschinen-, Durchschlag- und Packpapier sowie andere Materialien für den Versand usw.) war äußerste Sparsamkeit angesagt. Additionsrollen für die Rechenmaschine wurden nach dem Durchlauf gewendet um auch noch die Rückseite zu nutzen. Für den Paketversand gab es damals noch keine Klebebänder. Verpackungsfaden war kontingentiert. Kirchliche Frauengruppen aus Berliner Gemeinden halfen, in dem sie die Bindfäden von Westpaketen sammelten, entknoteten und der Buchhandlung zur Verfügung stellten.

Glücklicherweise bekam die Bundesgeschäftsstelle in dieser Zeit ein zweites Auto, so dass das erste Bundesfahrzeug, ein alter „Wartburg“, an die Buchhandlung verkauft werden konnte. Dies war ein großer Fortschritt für den Transport der Sendungen zur Post, aber auch für das Heranschaffen von Handelsware und Arbeitsmaterialien. Außerdem war die Buchhandlung nun mobil, um mit einer Buchauswahl bei vielen Gelegenheiten präsent zu sein (Bundes- und Vereinigungskonferenzen, Jugendtage, Brüder-Rüsttage in Leipzig, die Herbstkonferenzen der Brüder-Gemeinden in Berlin-Weißensee, aber auch örtliche Veranstaltungen wie Kinder- und Stadtbezirksfeste im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg).

Geschäftsführer Wilfried Weist 1975

Eine zwar langsame, aber stetige Umsatzsteigerung war zu verzeichnen. Die ständige Erschließung neuer Lieferquellen führte dann in den 1970er Jahren dazu, dass der Umsatz die Millionengrenze überschritt.

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass neben dem Buchverkauf der Umsatz christlicher Spruch- und Bildpostkarten bis 1989 eine wesentliche Position darstellte. Mangels vielfach ungenügender Telefonverbindungen und begünstigt durch niedrige Portogebühren waren die Karten ein beliebtes und vielfach begehrtes Kommunikationsmittel. Wichtige Hersteller und Lieferanten christlicher Karten in der DDR waren:

Allerdings war das Papierkontingent dieser Verlage ebenfalls planmäßig niedrig, so dass die zugeteilten Lieferungen oft nicht ausreichten.

In der staatlichen Druckgenehmigungspraxis gab es die gesetzliche Lücke, dass diese Verordnungen nur den Druck auf Papier betrafen, nicht jedoch auf Textilien.

Die Firma Dürninger in Herrnhut (Einrichtung der Herrnhuter Brüdergemeine) nutzte diesen Tatbestand, um Vliesstoff mit christlichen Texten und Symbolen zu bedrucken, so z. B. die in den Gemeinden sehr beliebten Jahreslosungskalender. Die Produktion erfolgte im Siebdruckverfahren. In diesem Zusammenhang seien auch die auf gleiche Weise entstandenen legendären Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ erwähnt.

In manchen Bezirken der DDR gelang es, von den Behörden punktuelle Genehmigungen für (einmalige) Sonderproduktionen zu erhalten. Besonders engagiert war hier Diakon Fritz Hoffmann vom Evangelischen Jungmännerwerk Magdeburg. Das führte sogar zu eigenen christlichen Schallplattenproduktionen beim VEB Deutsche Schallplatten.

Durch den Inhaberwechsel der Buchhandlung war eine Veränderung der Besteuerung des Betriebs notwendig – von einem zuvor rein privaten Inhaber zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dieser Sonderfall war im Arbeitsalltag der Finanzbehörden der DDR fast nicht mehr bekannt, so dass er anfangs einfach ignoriert wurde. Für das zweite Halbjahr 1965 erfolgte die Besteuerung nach wie vor nach den Richtlinien für die private Wirtschaft, die äußerst rigide waren. So wurde der Buchhandlung nach der ersten Betriebsprüfung eine drastische Steuernachzahlung auferlegt. Der sofort eingelegte Einspruch bewirkte zunächst keine positive Änderung. Dank der Sachkenntnis des Generalsekretärs des BEFG, Rolf Dammann, der vor seiner Pastorentätigkeit Finanzbeamter war, kamen Verhandlungen zustande, die bis in die höchste Instanz, in das Ministerium für Finanzen der DDR, führten. Von diesen Gesprächen gab es nie einen schriftlichen Bescheid. Es existiert nur eine Aktennotiz, dass die Buchhandlung ab sofort nach dem Körperschaftssteuergesetz zu behandeln sei, das einen wesentlich günstigeren Tarif als die Verordnungen für die Privatwirtschaft vorgab.12 Auch in den Folgejahren mussten die oftmals unwissenden Prüfer des Finanzamts auf diese Grundsatzentscheidung hingewiesen werden. Grund für diese Unkenntnis war, dass es nur noch wenige Wirtschaftsbetriebe in der DDR gab, die einer Körperschaft des öffentlichen Rechts gehörten. Mit vorhandenen Beispielen, wie z. B. den Wirtschaftsbetrieben der Brüder-Unität Herrnhut u. a. wurde das Recht auf Steuergleichheit angemahnt. Nachdem diese wesentliche Hürde genommen war, konnte unser Beispiel auch für andere Betriebe hilfreich sein, so z. B. für die Evangelische Buchhandlung Reichenbach, die ebenfalls in dieser Zeit als Buchhandlung der EmK aus einer Privatbuchhandlung hervorgegangen war.

Neben dem Ladengeschäft in der Seelower Straße, das in dem damals bevölkerungsreichsten Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg lag, wurde die Versandarbeit besonders gepflegt. Viele der Kunden aus der gesamten DDR lebten in Orten und Gebieten, in denen es keine konfessionellen Buchhandlungen gab. Obwohl es sehr arbeitsintensiv und letztlich auch oft unwirtschaftlich war, gingen monatlich große Mengen von Kleinstsendungen ins Land. Hier hatte der missionarische Gedanke Vorrang.

In den meisten Gemeinden gab es einen Büchertisch. Die Lieferkontingente reichten oft nicht aus, um alle Bestellwünsche zu erfüllen. Unter vielen Rechnungen stand damals der Stempel: „Nur gekürzt lieferbar“. Die Mithilfe der Büchertischverwalter bei der Verbreitung und Verteilung von Bibeln und christlicher Literatur in jenen Jahren kann nicht hoch genug geschätzt werden, die Büchertische waren die „Außenstellen“ der Buchhandlung. An verschiedenen Orten (Schwerin, Gera, Schmiedeberg u. a.) wurden Wochenendrüstzeiten für Büchertischmitarbeiter durchgeführt, um die Kontakte zu festigen, fachliche Fragen zu klären, aber auch Begegnungen mit christlichen Autoren zu ermöglichen.

Es wurden jedoch nicht nur die Büchertische der Gemeinden des BEFG betreut, sondern auch der Landeskirchen, Landeskirchlichen Gemeinschaften und kirchlichen Werke.

Sehr sensibel musste mit dem Umsatz für die Gemeindebüchertische umgegangen werden. Diese erhielten als Aufwandsentschädigung einen Rabatt von 5% auf die Rechnungssumme. Um jegliche Steuergefahr für die Büchertische bzw. für die Gemeinden abzuwenden, hat die Buchhandlung immer den Bruttoumsatz von 100% versteuert. Dies wurde in allen Einzelfällen in der Buchhaltung festgehalten und fand bei den Steuerprüfern auch stets besondere Beachtung.

Die eigenen Verlagserzeugnisse (s. 1.2.2) wurden im Großhandelsrahmen auch an andere kirchliche Buchhandlungen weitergegeben. Da die Handelsgenehmigung der EVB einen Großhandel nicht unmittelbar mit einschloss, wurde sicherheitshalber bei der Versteuerung dieses nicht unerheblichen Umsatzanteils nicht der günstigere Großhandelsumsatzsteuersatz angewandt, sondern der Steuersatz für den Einzelhandel. Dies bedeutete zwar eine finanzielle Einbuße für den Betrieb, aber auch die Möglichkeit, in all den Jahren auf diesem Sektor ohne jegliche Beanstandung arbeiten zu können.

Die sich ständig erweiternde Arbeit machte manche strukturellen Maßnahmen erforderlich. So wurde der Personalstand bis zu zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt (einschließlich Teilbeschäftigungen). Die staatlich vorgeschriebenen Lohntarife für Betriebe dieser Art waren so niedrig, dass man nachträglich nur mit Hochachtung an alle denken kann, die unter diesen Umständen treu ihren Dienst taten.

Mitarbeiterinnen der EVB mit Günter Lorenz auf Exkursion in Güstrow 1983

Im Laufe der Jahre gelang es der Geschäftsleitung, mehreren jungen Leuten eine Ausbildung zum Facharbeiter zu ermöglichen, obwohl dieses Vorrecht in der Regel nur den staatlichen Volksbuchhandlungen vorbehalten war.

Bereits Anfang der 1970er Jahre erfolgte eine Modernisierung der Ladenräume, der Einbau eines zweiten Schaufensters, die Erneuerung der Heizung usw. Dies geschah mit großer Unterstützung des Kirchlichen Bauamtes (Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg). Im Jahr 1977 wurde im Stadtbezirk Berlin-Prenzlauer Berg das Gebiet um den Arnimplatz zum zentralen Rekonstruktionsgebiet erklärt. Sämtliche in diesem Gebiet liegenden Wohnhäuser, z. T. vom Ende des 19. Jh., wurden grundlegend modernisiert. Die Wohnungsmieter wurden in andere freistehende Wohnungen bzw. in sogenannte „Mieterhotels“ vorübergehend umquartiert. Auch alle Gewerbebetriebe und Geschäfte, darunter die Evangelische Buchhandlung, waren betroffen. Die Räumung und sämtliche Umzüge wurden durch die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) organisiert und finanziert. Die Evangelische Buchhandlung erhielt für ihren umfangreichen Warenbestand sowie für die Ladeneinrichtung insgesamt vier Ausweichquartiere. Dies bedeutete die Schließung für mehrere Monate. Glücklicherweise konnte die Buchhandlung mit der wichtigsten Büro- und Versandausstattung in Räume in der Großen Hamburger Straße (Stadtbezirk Mitte) ausweichen, die seinerzeit von der EFG Berlin-Friedrichshain für eine Stationsarbeit genutzt wurden, zu diesem Zeitpunkt aber weitgehend leer standen. So brauchten bestehende Geschäfts- und Lieferverträge nicht gekündigt zu werden, und es konnte eine „Notversorgung“ der Büchertische erfolgen. Da es sich offiziell um eine komplette zeitweilige Schließung handelte, wurden sämtliche Lohn- und Lohnnebenkosten für diesen Zeitraum von der für die Rekonstruktion zuständigen staatlichen Stelle übernommen.

Umbauarbeiten Seelower Straße 1978

Für die letzte Phase stand ein Ausweichquartier (Ladengeschäft) in der Bornholmer Straße zur Verfügung, von dem aus auch wieder ein offizieller Verkauf erfolgen konnte. Die ständigen Umzüge mit z. T. auch schweren körperlichen Arbeiten haben von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen großen und bewundernswerten Einsatz abverlangt. In der Zwischenzeit wurden die Häuser Seelower Straße 22 und 23 (in Nr. 22 begann die Schrifttumsarbeit) am 9. November 1978 in einer spektakulären Aktion gesprengt, um Baufreiheit für eine der damals modernsten und größten Kaufhallen der DDR zu schaffen. In diesem Zusammenhang kam es bei zuständigen staatlichen Stellen zum Unmut darüber, dass sich dort gegenüber weiterhin – in exponierter Lage – eine kirchliche Buchhandlung befinden sollte. So wurde kurzerhand beschlossen, den Mietvertrag für die Evangelische Buchhandlung nicht zu verlängern und der Firma in einer sehr abgelegenen Lage eine neue Bleibe zuzuweisen. Diese bedrückende Aussicht war für die Leitung und die Belegschaft eine große äußere und innere Belastung.

Als schließlich das entscheidende, mit Spannung erwartete Abschlussgespräch mit den Verantwortlichen des Umbauprojekts, das sowohl im In- als auch im Ausland als Vorzeigeobjekt behandelt wurde, anstand, gab es ein Gespräch unter vier Augen zwischen dem zuständigen staatlichen Leiter und dem Geschäftsführer der Buchhandlung. Überraschend erklärte der staatliche Funktionär, dass er in einer christlichen Familie groß geworden sei und diese Zeit bei aller unterschiedlichen Entwicklung für ihn wichtig bleibe. Er sicherte der Buchhandlung trotz des zu erwartenden Widerstandes vonseiten parteilicher Organisationen die Weiterführung des Mietvertrages und weitgehende Unterstützung zu. Ein „heimlicher Jünger Jesu“ – auch im real existierenden Sozialismus!

Evangelische Buchhandlung Seelower Straße 1979

Es gab ein unerwartetes Entgegenkommen bei der weiteren Entwicklung der Raumausstattung und der Rücktransporte. Als wir dann den Wunsch äußerten, eine Leuchtreklame „Evangelische Buchhandlung“ zu installieren, wurde dies zunächst mit dem Hinweis verwehrt, nirgendwo gebe es in der Hauptstadt der DDR eine Leuchtreklame mit einem „religiösen Inhalt“. Die Sache wurde so hoch angebunden, dass sich das Büro des Stadtarchitekten der Hauptstadt, Roland Korn, ihrer annahm und eines Tages grünes Licht (d. h. den grünen Genehmigungsstempel) gab.

Der Kundenandrang bei der Wiedereröffnung am 25. Mai 1978 war so groß, dass der Einlass zeitweise gesteuert werden musste. Mühe und Beharrlichkeit hatten sich gelohnt. Aber entscheidend war Gottes gnädige Führung, die in dieser schwierigen Phase wieder einmal mehr erfahren wurde.

Die ständigen Umsatzsteigerungen führten dazu, dass nicht nur relativ schnell das Darlehen des Bundes zurückgezahlt werden konnte, sondern dass ab 1974 bis noch ins Jahr 1990 jährlich regelmäßig Gewinnabführungen an den Bund in fünfstelliger Höhe erfolgen konnten. Trotz der in der DDR niedrigen Ladenpreise und dementsprechend geringen Handelsspanne konnte die Buchhandlung die kirchliche Arbeit des BEFG damit unmittelbar finanziell unterstützen.

Die Evangelische Buchhandlung in der Seelower Straße wurde zu einer bekannten Institution in der Hauptstadt der DDR und im weiteren Umland. In ihrer Arbeitsaufgabe war sie einzigartig in den Baptistenbünden im gesamten Ostblock, was von zahlreichen Einzelbesuchern und Gruppen aus dem westlichen und östlichen Ausland immer wieder bestätigt wurde.

Die Öffentlichkeit nahm in vielerlei Hinsicht von dieser Arbeit Kenntnis. Das Fernsehen der DDR drehte in den 1980er Jahren für einige kirchliche Sendungen in der Buchhandlung. Anfang 1983 kam ein ZDF-Team mit dem späteren Moskau-Korrespondenten Joachim Holtz in die Seelower Straße, um dort Szenen für die Sendung „Kennzeichen D“ aufzunehmen. Die am 17. Februar 1983 vom ZDF ausgestrahlte Sendung, die in der DDR eine hohe Einschaltquote hatte, war für unsere Arbeit eine erstklassige kostenlose Werbung.

Die Ereignisse im Herbst 1989 prägten entscheidend Situation und Arbeit der EVB.13 Noch nach der Herbstprognose sollte das Jahr 1989 das umsatzstärkste Jahr in der gesamten Betriebsgeschichte werden. Dann führte jedoch ein gegenüber den Vorjahren bedeutend niedrigeres Weihnachtsgeschäft zu einem hohen Warenbestand, der den Start in das neue Geschäftsjahr 1990 sehr erschwerte. Mit der Leipziger Frühjahrsmesse 1990 gab es erste, z. T. erhebliche Bezugsmöglichkeiten für Bücher aus westdeutschen Verlagen. Das Angebot wurde reichhaltiger und manch langgehegter Wunsch konnte, z. T. 1:1 in Mark der DDR, erfüllt werden. Diese erfreuliche Tatsache schloss aber ein, dass Bücher aus den DDR-Verlagen, auch aus dem konfessionellen Bereich einschließlich der bundeseigenen Verlagsarbeit des BEFG, nur noch in geringem Maße gefragt wurden. Langfristig abgeschlossene Liefer- und Herstellungsverträge konnten nur zu einem Teil gekündigt werden. Der durch die Währungsumstellung am 1. Juli 1990 halbierte Kontenbestand war schnell aufgebraucht. Gemeindebüchertische sandten ihre Lagerbestände zurück und erwarteten Gutschriften.

Diese negative Entwicklung wurde auch im jahrzehntelang bewährten Großhandel mit ca. 50 anderen kirchlichen Buchhandlungen sichtbar.

Genau am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungs- und Wirtschaftsunion, befand sich die Buchhandlung 25 Jahre im Besitz des Bundes. Statt einer vorgesehenen Feierstunde musste für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Urlaubssperre verhängt werden, da in kürzester Zeit eine Inventur aller Bestände erfolgen musste, ebenso die Erstellung einer Schlussbilanz in Mark der DDR und einer Eröffnungsbilanz in DM. Sämtliche Warenbestände und Arbeitsmittel waren umzubewerten und neu auszuzeichnen. Neben der physischen Belastung und der noch großen Unkenntnis der neuen Gesetze gab es viel Verunsicherung in der gesamten Wirtschaft, so auch in der Buchhandelsbranche. Westdeutsche Großbuchhandlungen eröffneten Filialen in DDR-Städten und eine bis dahin nur aus den Westmedien bekannte Konkurrenz machte sich unmittelbar bemerkbar. Christliche Verlage der Bundesrepublik waren daran nicht unbeteiligt. Pfarrämter und Kirchengemeinden wurden mit Lockangeboten überschüttet, unter denen sich teilweise in der BRD nicht mehr absetzbare Bestände, wenn auch mit bunten Einbänden und auf besserem Papier, befanden. Unter all dem litt der bodenständige Buchhandel im Osten sehr.

Andererseits gab es große Bemühungen, um die ausufernde Situation zu begrenzen. Die evangelischen Buchhandlungen in der DDR hatten als Dachverband den „Facharbeitskreis Verlage/Buchhandel im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR“ (FAK). Die Buchhandlung des Bundes gehörte nicht nur dazu, sondern war im Vorstand dieses Verbands durch den Leiter der BEFG-Buchhandlung, Wilfried Weist, vertreten, der zugleich die Freikirchen vertrat. Bereits im Frühjahr 1990 gab es enge Kontakte zwischen dem FAK und der Vereinigung Evangelischer Buchhändler in der Bundesrepublik (VEB).

Geschäftsführer Wilfried Weist 1990
vor der VEB Hauptversammlung in Rotenburg/Fulda

Beide Seiten mühten sich sehr, die noch unsichere Zukunft gemeinsam so gut wie möglich zu gestalten und Härten und Ungerechtigkeiten zu vermeiden. Nicht wenige westdeutsche Verleger und Buchhändler haben in dieser Phase in großer Solidarität persönliche und wirtschaftliche Hilfe geleistet. Auch daran soll an dieser Stelle dankbar gedacht werden.

Das zweite Halbjahr 1990 war geprägt von vielen Aktivitäten, in der neuen Wirtschaftsordnung Fuß zu fassen. Weiterbildungsangebote westdeutscher Verleger und Buchgroßhändler sowie des Börsenvereins wurden genutzt. Für die Sortimentsgestaltung galt es, aus dem unüberschaubaren Angebot das inhaltlich Wichtige und wirtschaftlich Machbare herauszufinden. Völlig neu für den ehemaligen DDR-Buchhandel war das Schulbuchgeschäft, äußerst arbeitsaufwendig aber in entsprechender Menge lukrativ. Auch hier lagen wieder die westdeutschen Firmen mit ihrem Know-how und ihre neuen ostdeutschen Ableger vorn.

Dank der in all den Jahren guten ökumenischen Kontakte erhielt die Buchhandlung einige größere Aufträge, z. B. den Aufbau der Bibliothek des Diakonischen Werkes in Berlin und des Berliner Sprachen-Konvikts. Auch von städtischen Bibliotheken kamen umfangreiche Bestellungen, die uns über das manchmal magere Ladengeschäft hinweghalfen.

Bisher wesentliche Umsatzpositionen wie die der Gemeindebüchertische, Absatz der eigenen Verlagsobjekte sowie von Losungen und Abreißkalendern schrumpften.

In dieser Situation gab es schon im ersten Halbjahr 1990 Überlegungen, ob bei einer zu erwartenden deutschen Wiedervereinigung die seinerzeit politisch bedingte Trennung der Verlags- und Buchhandelsarbeit der beiden deutschen Bünde beendet werden solle und auf eine Kooperation bzw. eine Vereinigung der EVB mit dem Oncken Verlag zuzugehen sei.

Die Gespräche zwischen beiden Firmen, vor allem aber in den Bundesleitungen, führten schließlich dazu, dass die EVB Berlin am 1. Januar 1991 Filiale der Firma Oncken Kassel wurde. Die Belieferung, auch der ostdeutschen Büchertische, wurde fortan wegen der vorhandenen besseren Logistik von Kassel aus übernommen.

Die über den Postzeitungsvertrieb (PZV) vertriebene Monatszeitschrift des BEFG-DDR „Wort und Werk“ wurde eingestellt (s. 1.2.3) und das eigene Verlagsprogramm beendet. Die hier noch vorhandenen hohen Lagerbestände – bedingt durch den mangelnden Absatz – sowie die angefallenen Kosten für Halbfertigprodukte (Satzkosten) belasteten den Haushalt sehr.

Die Arbeit konzentrierte sich intensiv auf das Ladengeschäft. Aufgrund der plötzlich weggefallenen Arbeitsgebiete musste die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter drastisch reduziert werden, was bei den Betroffenen schmerzhafte Auswirkungen hatte.

Die Firma Oncken Kassel setzte große Bemühungen daran, die Arbeit in Berlin zu erhalten. Nicht mehr genutzte Geschäftsflächen wurden aufgegeben, der verbleibende Teil modernisiert und neu ausgestattet. Der Geschäftsführer von Oncken Kassel, Hermann Jörgensen, kam mindestens einmal monatlich nach Berlin. In gemeinsamen Gesprächen wurde versucht, die Situation zu stabilisieren und die Arbeit unter den völlig neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen sicherzustellen.14

Dies geschah mit wechselndem Erfolg und unter der Hinnahme nicht unerheblicher Verluste.

Die weitere Entwicklung der Buchhandlungsarbeit als Filiale des Oncken Verlags Kassel ist nicht Teil dieser Darstellung. Das Arbeitsverhältnis mit dem langjährigen Geschäftsführer (bis 1990) und späterem Filialleiter Wilfried Weist endete am 31. August 1996.

Später zog sich Oncken Kassel aus der Arbeit zurück, so dass vom 1. Oktober 1998 bis zur endgültigen Schließung der Buchhandlung am 8. Februar 2008 der Buchhändler Uwe Cochanski eigenverantwortlich tätig war.

Über 60 Jahre war der Standort Berlin, Seelower Straße eine wichtige Institution innerhalb des BEFG in der DDR. Bei allen geschäftlichen Aktivitäten stand die missionarische Arbeit mit dem christlichen Buch stets im Vordergrund. Gottes Güte hat den Weg durch Höhen und Tiefen begleitet.

Der alten biblischen Erkenntnis: „Alles hat seine Zeit“ kann und muss dankbar hinzugefügt werden: „… aber die Zeit war nicht verloren“.15

Evangelische Buchhandlung 80er Jahre

1.2.2 Die verlegerische Arbeit

Neben der Versandbuchhandlung und dem späteren Ladengeschäft sowie der Herausgabe der Zeitschrift „Wort und Werk“ spielten ab 1950 verlegerische Aktivitäten eine zunehmende Rolle. Anfangs erwirkte Otto Ekelmann für einzelne Kleinschriften jeweils eine Druckgenehmigung. Da die Versandbuchhandlung keine eigene Verlagslizenz erhielt, musste er sich ab 1951 der Lizenz eines „zugelassenen“ Verlages bedienen.

Um einige Zusammenhänge deutlicher zu machen, sei hier etwas ausführlicher – wenn auch nur auszugsweise – aus einer von Gunda Beuthien (geb. Zern) vorgelegten Arbeit zum Union Verlag zitiert: 16