Ausgehend vom Text des Neuen Testamentes der Bibel und den Schriften des Flavius Josephus wird hier auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse zur Mission des Jesus von Nazareth auf den historischen Spuren des Jesusjüngers Johannes und seiner Apostelkollegen dem nachgegangen, was sie tatsächlich taten, in wessen Auftrag und mit welcher Zielstellung.

Erst aus der Summe der Ergebnisse wird deutlich, wie das Christentum entstand, welche zentrale Bedeutung gerade Johannes für dessen Herausbildung zukommt, und dass diese Religion ihre Entstehung den politischen Zwängen ihrer Zeit verdankt.

Das Spannungsfeld der gegenläufigen Interessen und politischen Ziele der Akteure des 1. Jahrhunderts und der gnadenlose Machtkampf innerhalb des Führungszirkels der Urchristen, bilden dabei den Hintergrund für die überlieferten Ereignisse. Es wird deutlich, dass schon die Herausbildung der christlichen Religion von Anfang an mit Reformen, Reformation, Gegenreformation und verbissenem Fanatismus verbunden war.

Der Kampf um politische Positionen und um theologische Standpunkte scheint vordergründig entscheidend. Tatsächlich waren aber am Ende ganz andere Gründe maßgebend.

Angesichts der Faktenlage erhebt sich die Frage, ob die Geschichte der Entstehung des Christentums nicht neu geschrieben werden müsste.

Zitate: Bibeltextfassung Lutherbibel 2009

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© 2017 Hans-Georg Weiske

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-7386-9013-2

Inhaltsverzeichnis

Die in diesem Buch gezogenen Schlussfolgerungen

basieren auf der Auswertung anerkannter,

öffentlich zugängiger und allgemein verbreiteter

geisteswissenschaftlicher Darstellungen und Erkenntnisse.

Die Diffamierung oder Diskriminierung gegenteiliger

Auffassungen oder Überzeugungen sind weder beabsichtigt,

noch wissentlich erfolgt.

Die Daten und Fakten aus der im Anhang

aufgeführten Literatur und einschlägiger Artikel

aus Internetenzyklopädien wurden inhaltlich entsprechend

dem Ziel dieser Arbeit ausgewertet.

Die logische Nachvollziehbarkeit der Ereignisse

erforderte deshalb oft neue Deutungen,

die nicht immer dem entsprechen,

worüber die Autoren der jeweiligen Basisschriften

zu informieren beabsichtigten.

Der Inhalt dieses Buches soll auch keineswegs

eine abschließende Behandlung

der Thematik darstellen, sondern den Interessierten, die noch suchend

unterwegs sind, auf der Basis neuer Erkenntnisse eine Richtung für weitere

Forschungen aufzeigen.

Hier wird nur versucht, eine zurzeit immer noch mit

Denkverboten belegte Hypothese

Erstmals ohne Angst zu Ende zu denken.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen,

und die Wahrheit

wird euch frei machen.

Johannes 8,32

Einführung in die Problematik

Das Abendland betrachtet unter anderem den christlichen Glauben als eine der wichtigsten Grundlagen und Wurzeln seiner Kultur. Die Texte der Bibel werden dazu als das Fundament betrachtet, auf dem das Gebäude dieses Glaubens felsenfest verankert ist. Betrachtet man aber diese Texte genau, dann möchte man sie doch gern noch einmal von anderer Seite bestätigt haben, weil allerhand Zweifelhaftes darin zu stehen scheint. Dazu braucht es dann Überlieferungen aus anderen Quellen und historische Überlieferungen, die es aber anscheinend nicht gibt. Man wüsste gern Näheres über die Personen, die uns vor allem in den Texten des Neuen Testamentes vorgestellt werden, denn dass sie immer und überall nur als die Verkünder des Christentums aufgetreten sind und auch stets so streng die ihnen zugeschriebenen Rollen ausfüllten, ist kaum anzunehmen. Die neuesten Erkenntnisse zur historischen Figur des Jesus von Nazareth in Verbindung mit der Analyse der Texte der Bibel und den historischen Berichten lassen vermuten: Es hat ihn zwar gegeben, aber er war ein ganz anderer, als es uns immer eingeredet wird. Dagegen hat es aber seinen Verräter, den Judas Iskariot wahrscheinlich nie gegeben. Der Mensch, der aber im entscheidenden Moment vorübergehend als dieser Judas Iskariot auftrat, war andererseits für uns von ausschlaggebender Bedeutung.

Dieser Judas hat sich damals auch keineswegs umgebracht. Erst spät, in hohem Alter, ist er nach einem langen bewegten Leben, und im Bewusstsein, etwas wirklich Bleibendes geschaffen zu haben, im Kreise seiner ihn anbetenden Anhänger friedlich entschlafen, und auch wir verehren ihn weiterhin, allerdings unter einem anderen Namen. Er hat darüber hinaus entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der christlichen Religion genommen. Nachdem die theologische Basis des Christentums mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag des Jahres 30 verkündet war, formte dieser Judas sie später für uns aus. Damit scheint alles auf den Kopf gestellt, was wir an Vorstellungen über die Entstehung des Christentums verinnerlicht haben. Der Judas, dessen tatsächlicher Identität hier mit nachgegangen wird, war zwar Gottes Geschöpf, wie wir alle, aber durchaus nicht von einem Schicksal dafür vorbestimmt, was er in seinem Leben alles anrichtete. Zielstrebiger und beharrlicher als dieser Mensch war selten einer, trotz aller Rückschläge, die er in seinem Leben erlitt. So viel Nachhaltigkeit, wie der, an dessen Karrierebeginn der Verrat Jesu steht, haben nur wenige Menschen mit ihrem Wirken erreicht. Diese Tat: Den Messias verraten zu haben, ist in unseren Augen darunter die allerschlimmste, obwohl an dieser Geschichte gar nichts stimmt.

Die vom Judasverrat ausgelöste Kreuzigung Christi ist aber trotzdem für das Christentum genau so ein Nullpunkt, wie ihn die Zeitenwende für die Kalenderrechnung darstellt. Alles, was uns die Evangelien erzählen, führt auf diesen Punkt zu, aus dem wiederum alles hervorgeht: Auferstehung, Himmelfahrt, Ausgießung des Heiligen Geistes, Gründung der Urchristengemeinde und Mission. Alles, was vor der Kreuzigung stattfindet ist im Bezug auf Jesus noch Geschichte. Das, was danach von ihm berichtet wird, gehört zur Religion, die sich anschließend diese Geschichte einverleibt.

Meine Untersuchungen setzten genau dort an. Sie befassten sich mit diesen historischen Begebenheiten des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung und mit einem Teil der Hintergründe, die dann bis zum Ende des 2. Jahrhunderts auf die weitere Herausbildung der christlichen Religion Einfluss nahmen. Es wird dabei den politischen und religiösen Motivationen und, soweit möglich, auch den Schicksalen der in diese Sache verwickelten wichtigsten Personen und deren bisher kaum bekannten historischen Identität nachgegangen. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen sind nicht immer sehr erwünscht. Auch hier ist das so.

Es besteht aber nicht die Absicht, mit diesem Buch den christlichen Glauben anzugreifen. Auch wenn es dabei ab und zu hart auf hart zugehen sollte, es läuft nicht auf religiöse Umsturzabsichten hinaus. Die gerade wieder einmal angeschobene Welle eines neuen Atheismus soll uns dabei nicht interessieren. Dazu werden Sie hier auch nichts finden.

Gott ist nicht Gegenstand der Ermittlungen. Hier wird nicht versucht Gott nachzuspüren, sondern den historischen Nachweis dessen zu führen, was tatsächlich geschah, und das anhand derer, die am Anfang, an der Schwelle der Tür stehen, durch welche die Menschheit in den christlichen Glauben eintritt.

Betrachten wir es so: Wenn ein Uhrmacher eine Uhr öffnet, dann geschieht das keineswegs in der Absicht, dem Geheimnis der Zeit auf die Spur zu kommen. Er kann nur dem Geheimnis eines Mechanismus nachspüren, der für uns die Zeit einteilt. Genau so wird hier dem nachgegangen, was uns von unseren Vorfahren geistig konstruiert und überliefert wurde, um dem Christenglauben eine Basis zu geben.

Auch wenn dabei das, was wir normalerweise glauben, sehr auf die Probe gestellt wird; wer wirklich Christ ist, den wird das nicht ernsthaft erschüttern. Glauben ist eine Sache des Charakters. In wie weit unser Glauben dann noch an Mythen, zeremoniellen Abläufen, Traditionen oder Dogmen festgemacht ist, ohne die es nun einmal im menschlichen Zusammenleben und auch in der Religion nicht geht, bleibt uns selbst überlassen. Um beim Vergleich mit der Uhr zu bleiben: Wir glauben doch auch nicht, dass die Zeit stillsteht, nur weil sich herausstellt, dass unsere Uhr stehengeblieben oder kaputt ist.

Um diese Zeit in der das Christentum entstand, aus sich selbst heraus erklären zu können, ist es erforderlich, sich in diese Zeit, vor allem in die Handelnden und deren Motivationen hinein zu versetzen, in deren Gegenwart von damals. Vieles wird uns dann bekannt vorkommen, weil sich menschliche Grundverhaltensweisen, wie die Geschichte beweist, seit Jahrtausenden kaum wesentlich verändert haben. Dazu muss man allerdings in einem Maße umdenken, wie wir es uns gerade in Glaubensdingen verbieten, denn die von mir untersuchten Vorgänge sind später so stark mit religiösen Vorstellungen überfrachtet worden, dass man nur schwer zu ihrem rationalen Kern vordringen kann. Vor allem macht es sich erforderlich, die Mission des Jesus von Nazareth näher zu betrachten und genauer zu prüfen, welche sie wirklich war. Der historische Jesus von Nazareth, so werden wir feststellen, hatte mit dem, was derzeit in unseren Kirchen gepredigt wird, absolut nichts zu tun. Um der Hauptfrage, wer denn Jesus von Nazareth war beantworten zu können, und welche Mission er verfolgte, muss man das religiöse und politische Umfeld, in dem er seiner Mission nachging rekonstruieren, der Funktion der Leute seiner Umgebung und auch seiner Kontrahenten nachgehen.

In den Evangelien stehen ihre Namen, aber sonst wissen wir nicht viel von ihnen. Wir sind gewöhnt, in ihnen böswillige Vertreter feindlicher Gruppierungen zu sehen, oder sie als Statisten, Stichwortgeber, oder Fragesteller zu betrachten, die Jesus Gelegenheit geben, uns etwas mitzuteilen. Nur ein paar Jünger treten stärker in den Vordergrund. Angefangen bei Petrus, der ganz vordergründig agiert, Jesus einerseits zum Messias erklärt und dann sogar verleugnet, hinterlässt nur noch Judas einen stärkeren Eindruck, weil er so infam den Sohn Gottes für die berühmten 30 Silberlinge verrät. Das Brüderpaar Johannes und Jakobus, die „Donnersöhne“ sind nicht sehr sympathisch. Sie drängen sich Jesus erst förmlich auf und beanspruchen dann auch noch die besten Plätze an seiner Seite im Himmel. Johannes verlangt, einen fremden Wanderprediger zu bestrafen, weil der nach seiner Meinung Jesu ins Handwerk pfuscht. Die Donnersöhne wollen sogar Feuer legen, als der Gruppe Jesu in Samarien das Nachtlager verweigert wird. Thomas glaubt nicht an Jesu Auferstehung, bevor er sich nicht handgreiflich davon überzeugt hat. Selbst sie respektieren Jesus nicht rückhaltlos. Der Rest sind nur Mitläufer. Von den Frauen, die mit Jesu mitziehen, tritt nur Maria aus Magdala stärker in Erscheinung. Die Muttergottes verschwindet nach den einleitenden Geburtsgeschichten fast aus unserer Sicht. Jesu Familie spielt eine eigenartige und befremdliche Rolle. Es sind alles sehr menschliche Verhaltensweisen, die uns von ihnen übermittelt werden, aber diese Personen sind für uns inzwischen durch ihren direkten Kontakt zum Sohn Gottes geheiligt.

Wer versucht, das Neue Testament unserer Bibel daraufhin zu prüfen, was es uns Authentisches über das Leben in der damaligen Zeit, über Jesus und dessen Tätigkeit vermittelt, muss deshalb ausblenden und überblättern, was ihm unter dem Begriff des christlichen Glaubens beigebracht wurde. Was dann von den Evangelien und der Apostelgeschichte des Lukas an Faktenmaterial übrig bleibt, entspricht seltsamerweise ungefähr einer Parallele zu dem, was uns von Che Guevara als „Bolivianisches Tagebuch“ vorliegt.

Es gibt allerdings gravierende Unterschiede. Che Guevara hat sein Tagebuch selbst geschrieben. Die Basisvorlage zu den Evangelien schrieb nicht Jesus, sondern einer seiner engsten Vertrauten. Beide, Che Guevara und auch Jesus, hatten sich einer Idee verschrieben, deren idealistischen Basisentwürfe sich stark ähnelten. Beide wurden für ihre Idee getötet, als sie an deren Umsetzung gingen.

Was bei Jesus aber ganz entscheidend anders ist, sein Berichterstatter und Verräter hat später diese Mission weitergeführt, obwohl er es ursprünglich nicht wollte. Im übertragenen Sinne war der Judas nicht nur der Verräter, sondern ein Erbe und Nachfolger Jesu. Er ist sogar der Vollender dieser Mission im Sinne des Jehoshua bar Joseph aus Nazareth in zweierlei Hinsicht. Das bedeutet in seinem Fall etwas anderes als wir uns bisher vorstellen. Jesus hatte eine ganz irdische Mission, die mit dem Christentum absolut nichts zu tun hatte. Die versucht dieser Nachfolger aus den Zwängen der Situation heraus, in die er dabei gerät, praktisch bis zum Ende zu führen, was allerdings misslingt. Erst dann widmet er sich der Vollendung der Botschaft in dem Sinne, wie sie uns als die des Jesus von Nazareth heute verkündet wird. Da vollendet er aber für Jesus etwas, woran Jesus nie dachte, wir ihm aber unterstellen, weil es uns in den paulinischen Apostelbriefen so vermittelt wird. Das klingt absolut widersinnig. Im Laufe der Textrecherchen musste ich aber feststellen, dass es leider so war und sich auch nicht einfacher darstellen lässt.

Der wichtigste Teil der Bibel ist für uns Christen das Neue Testament. Es enthält die Evangelien und zugehörige Texte, aus denen sich die Basis des christlichen Glaubens herleiten lässt. Jeder, der sich auf der Grundlage dieser Unterlagen dem christlichen Glaubens zu nähern versucht, glaubt, dass es sich dabei um Schriften handelt, die sich gegenseitig bestätigen und ergänzen. Bei näherer Betrachtung entdeckt man aber, dass sie sich ab und zu widersprechen und das in ihnen enthaltene Gedankengut sich nur unzureichend miteinander in Einklang bringen lässt.

Betrachtet man diese Texte auf der Basis ihrer Entstehungszeit und unter dem Aspekt, welchen Zwecken sie ihre Entstehung verdanken, ist erstaunlich, was aus ihnen dann plötzlich an politischen und privaten Interessen zum Vorschein kommt, und was im Hintergrund alles abläuft, während für uns im Vordergrund das Christentum inszeniert wird. In den Evangelien herrscht deshalb eine starke Diskrepanz zwischen den nebeneinander eingearbeiteten Ideen und auch die für ihre Erstellung verwendete Konzeption wurde mehrfach zu ändern versucht. Spätere Korrekturversuche haben das glücklicherweise nicht alles zu verwischen vermocht. Das geschah aber keineswegs in Ehrfurcht vor den überlieferten Basistexten. Im Gegenteil. Man hat diese Basistexte sogar sehr stark verändert, ergänzt und umformuliert, sich aber dabei schon sehr früh auf die Anpassung des theologischen Inhaltes an die Interessen der Kirche konzentriert. Der historische Gehalt dieser Texte wurde dabei glücklicherweise nur selten angetastet, so dass sich noch heute viel Wissenswertes aus den Widersprüchen zwischen der Verkündigung und dem tatsächlichen Geschehen rekonstruieren lässt, wovon wir sonst nichts erfahren würden. Es ist im Neuen Testament über die handelnden Personen alles miteinander verbunden, hängt aber insgesamt in der Luft. Es wird erst durch den Glauben zu einer stabilen Sache.

Ich werde hier versuchen, das historisch und auch personell auf eine festere Basis zu stellen. Das Neue Testament entstand stufenweise, aber keineswegs in der Reihenfolge, in der uns diese Schriftenfolge jetzt angeboten wird. Seine Herausbildung beginnt angeblich mit den paulinischen Apostelbriefen. Man ordnet ihre Erstentstehung mehr als 20 Jahre nach den Ereignissen des Jahres 30 ein, dem Zeitpunkt, zu dem Jesus nach unserer Auffassung gekreuzigt wurde. Sie lehren bereits den Auferstandenen, der mit seinem Opfertod die Menschheit erlöst hat und einmal wiederkommen wird, um im Auftrag Gottes das Weltgericht zu halten. Diese Briefe setzen aber die Kenntnis des Inhalts der Evangelien voraus, weil sie sonst unverständlich wären. Dem steht aber entgegen, dass die Evangelien, welche im Kanon des Neuen Testamentes am Anfang einsortiert wurden, frühestens ab dem Jahr 70 geschrieben worden sein können. Dazu ist Paulus noch ein Seiteneinsteiger, der historisch nirgendwo nachgewiesen scheint. Seine Briefe können nur nach den Evangelien geschrieben sein, weil sie theologisch auf die Evangelien aufbauen. Andererseits ist ihr historischer Gehalt aber älter als die Evangelien. Man muss deshalb annehmen, dass es schon vor den Evangelien vereinzelt Texte gegeben haben muss, die Gebrauchsanweisungen ähnelten, wie diese Glaubensrichtung gelebt werden soll, welche erst später unter dem Namen des Apostels Paulus theologisch entsprechend aufgerüstet wurden.

Was aber ganz sicher ist, die Entstehung der jüdischen Sekte der Urchristen und ihrer Heidenfraktion, ihre Ausbreitung und Mission sind historisch unbestreitbare Tatsachen. Den Impuls dazu lieferte im Jahre 30 die Hinrichtung des essenischen Verschwörers und Nasiräers Jehoshua bar Joseph aus Bethsaida durch den römischen Präfekten Pontius Pilatus, seine anschließen verkündete Auferstehung und Himmelfahrt als Jesus Christus, worauf er uns dann in der Lehre zum Heiland, Soter und Pantokrator entwickelt wird, welcher dereinst kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten.

Die daraus zumindest nach dem Jahre 70 über die Evangelien entwickelte Form des Christentums ist aus politischer Sicht eine gute Religion, denn sie stützt von Anfang an ganz vordergründig die pax romana, die Idee des römischen Friedens, wie sie von Augustus als Reichsidee geprägt und seitdem administrativ durchgesetzt ist. Darüberhinaus lehrt sie die Unterordnung der Niederen unter die Herrschenden und verweist die Ahndung aller ungesühnten irdischen Ungerechtigkeiten ins Jenseits. Einem solchen Religionsentwurf ist vorbestimmt, irgendwann von Herrschenden für ihre Zwecke gefördert und auch benutzt zu werden.

Dass es in der Zeit zwischen der Entstehung der jüdischen Sekte der Christen und der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 keine Erstellung theologischer Schriften zum Christentum gibt, erklärt sich aus zwei einfachen Gründen. Zum einen erwarteten die Christen in allernächster Zukunft die Rückkehr ihres zum Himmel aufgefahrenen Messias und dessen Weltgericht im Namen Gottes. Zum anderen ist das Christentum von Anfang an eine Volksreligion der unteren und benachteiligten Bevölkerungsschichten, deren Interessen mehr praktisch ausgerichtet sind. Ihnen ist die Verheißung der Zukunft im Paradies wichtiger als die Vollständigkeit der Lehre. Eine gehobenere Bevölkerungsschicht, wie beispielsweise die Schriftgelehrten und Priester des Judentums, die sich rein philosophisch mit Glaubensfragen auseinandersetzen könnte, gibt es bei den Christen anfangs noch nicht. Außerdem haben sich Juden und Christen noch nicht getrennt. Die Tora benutzen sie gemeinsam.

Die Katastrophe des Jahres 70, welche viele als das beginnende Gottesgericht im Sinne der Verheißungen Jesu ansahen, endete mit der Vernichtung Jerusalems. Die Zentrale der Urchristen Jerusalems zieht noch rechtzeitig in die Diaspora, aber damit auch in die Bedeutungslosigkeit, denn das bis zum Ende noch erwartete Eingreifen Gottes fiel aus. Der dringend erwartete Menschensohn, der himmlische Messias war nicht gekommen. Hier setzen nun logischerweise die klärenden Aktivitäten ein, die zur erwähnten Erstellung und Vervollständigung des christlichen Schrifttums führten.

Dieses Christentum war im ersten Jahrhundert noch eine mehrfach gestaffelte Sekte innerhalb der jüdischen Religion. Christen im heutigen Sinn gab es im Heiligen Land nicht. Christen waren nur zweitrangige Mitglieder dieser Sekte in der Diaspora, welche das Mosaische Gesetz nur teilweise befolgten und zu welcher auch Heiden Zugang hatten. Die Ebioniten, welche wir als Keimzelle des Urchristentums ansehen waren eine streng an die jüdische Religion gekoppelte rein jüdische Sekte im Rahmen der Täufer. Das Christentum erlangt erst im Jahre 100 unbeabsichtigt seine Selbstständigkeit, als man die Christen als nicht mehr tolerierbare Ketzer aus den jüdischen Synagogen austrieb. Wir Heutigen haben nun die Bibel. Sie enthält das Alte Testament, die heilige Schrift der Juden, und das Neue Testament, die heilige Schrift der Christen. Die Unterweisung im christlichen Glauben erfolgt für uns normalerweise durch erfahrenes und ausgebildetes Personal, dem man gesagt hat, was wichtig ist. Wichtig ist die Vermittlung des Glaubens. Wie das zu handhaben ist, steht in den Apostelbriefen des Paulus. Der Rest ist Illustration. Auf diesen Paulus, den Heidenapostel geht ganz eindeutig die Etablierung des Christentums als Religion zurück. Er war der erfolgreichste Missionar des Urchristentums. Die ihm zugeschriebenen Apostelbriefe prägen die Anschauungen der Christen mehr als die Evangelien. Er ist der große Organisator. Seine Anschauungen und Hinweise, seine Theologie prägen unseren Glauben. Unser Christusbild, und damit auch unser Christentum, sind unbestreitbar paulinisch. Es hat diesen Paulus zwar gegeben, aber wie man noch sehen wird, war er nicht der, den uns das Neue Testament vorführt und das, was man ihm im Nachhinein unterstellt hat, lag himmelweit von dem entfernt, was er tatsächlich in ganz konkretem Auftrag zu erledigen hatte und tatsächlich tat. Um auf die tatsächlichen historischen Vorgänge der damaligen Zeit, den Menschen Jesus und die Personen seines Umfeldes zurückschließen zu können, muss man sich deshalb von dem frei machen, was uns vor allem im Namen des Paulus hinterher darüber gestülpt wurde. Das wird das Schwerste sein, weil unser christliches Denken weniger von Jesus, sondern mehr davon geprägt ist, wie ihn uns die paulinischen Briefe vermitteln.

Das Ausblenden der Sicht des Paulus mag unverständlich erscheinen. Vielleicht lässt es sich an einem Beispiel verdeutlichen. In der Apostelgeschichte steht, dass Paulus auf seiner Reise nach Rom Schiffbruch erlitt. Auf Malta können wir uns heute noch zeigen lassen, wo das passierte. Wer da steht, den weht als Christen ganz automatisch der Atem der Geschichte an. Er glaubt zu etwas Zugang zu haben, was authentisch ist. Es ist das Erlebnis, das persönlich in Augenschein zu nehmen, anzufassen, was mit Ereignissen der Vergangenheit in Verbindung zu bringen ist. In Wirklichkeit findet das nur in unserer Einbildung statt und gründet auf dem Glauben an die Wahrheit der aufgeschnappten, eingetrichterten oder angelernten Information. Wir rennen da blind mit der Herde. Nur weil wir glauben, was man uns sagt, fühlen wir das. Nun wurde aber im Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung nachgewiesen: Paulus, bzw., der Berichterstatter von dieser Reise, strandete an einer ganz anderen Insel, der griechischen Insel Cephallenia (Kefallenia). Die liegt zwischen Zakynthos und Korfu. Das entspricht der tatsächlichen Route antiker Küstenschifffahrt von Palästina über Griechenland nach Rom, weil dort die Seehandelswege verliefen. Es ist inzwischen zweifelsfrei erwiesen: Paulus war nie auf Malta! Das wertet hinterher allerhand um. Am Ende fühlt man sich auch noch um etwas betrogen, nur weil uns jemand den Vorhang der Verblendung wegzieht. In diese Art Fallen laufen wir auch heute noch fast täglich, ohne es zu merken.

Die paulinische Theologie hat uns mit der Erlösungslehre vom kommenden Christus den christlichen Glauben so stark überformt, dass alles, was nicht mit ihr in Verbindung zu bringen ist, aus unserem Gesichtskreis verschwindet. Was allerdings unbestritten ist, diese paulinische Lehre von Jesus Christus hat uns Christen tatsächlich Gott gebracht, einen Gott der uns nicht mehr als der eifersüchtige, ständig zu beschwichtigende und gnadenlos fordernde Rächergott des Alten Testamentes entgegentritt und über die Vermittlung durch Jesus deshalb menschlich näher ist. Indem uns so die Theologie des jüdischen Glaubens an einen allmächtigen Gott mit Jesus Christus ergänzt wurde, legte man die Basis für eine neue Religion.

Flavius Josephus, der jüdische Historiker dieser Zeit, zeichnet uns von den Evangelien abweichend als Augenzeuge allerdings ein ganz anderes Bild der damaligen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Zuständen im Heiligen Land, als er die konkreten Ereignisse der Jahre 66-74 beschreibt, und was diese Zeit tatsächlich prägte. Seine „Geschichte des Judäischen Krieges“ behandelt das. Von einem dämpfenden Einfluss irgendwelcher Vermittler aus dem Kreis der damals schon weit verbreiteten pazifistischen Religion der Christen auf die Kriegsereignisse steht da gar nichts. Es ist, als habe es die das ganze Land übergreifende pazifistische Religionsgemeinschaft der Christen in Palästina nie gegeben, weil sie in seinen Berichten von den Ereignissen nie aufzutauchen scheint. Stattdessen durchzieht die Beschreibung eines unversöhnlich verhärteten Fanatismus, mit dem der Kampf des Judentums gegen den römischen Herrschaftsanspruch geführt wurde, seine Darstellung der Ereignisse dieser Jahre von Anfang bis Ende.

Er übermittelt uns aber auch, wie einige der wichtigsten Jünger Jesu und auch noch weitere Personen der Apostelgeschichte dahinein verstrickt waren, und auch, was das in seinen Augen für Menschen waren. Ausgehend vom Bericht des Josephus ist es deshalb auch kein Wunder, dass die abendländische Geschichtsschreibung im Interesse unserer christlichen Traditionen seine Mitteilungen bisher im Zusammenhang mit den Texten des Neuen Testamentes nie ernst nahm, oder überhaupt ernsthaft zu interpretieren versuchte, was ich hier aber in Angriff nehme.

Flavius Josephus, das Problem der Identität von Essenern und Christen, der Judäische Krieg und Johannes

Was uns das Neue Testament der Bibel textlich vermittelt, liest sich zwar wie ein Bericht, aber es ist historisch nur sehr unscharf an bestimmte historische Ereignisse angebunden, die sich bei näherer Untersuchung oft als nicht belegbar erweisen, oder sogar gegenseitig ausschließen. Um zu ermitteln, was sich historisch nachweisbar in der Zeit und dem betreffenden Gebiet tatsächlich ereignete, und unter welchen politischen Bedingungen welche Interessengruppen diese Zeit dominierten, muss man ziemlich weit ausholen, um zu neuen und vor allem tragfähigen Erkenntnissen zu gelangen.

Beginnen wir mit dem, der es uns übermittelte. Es ist der uns als einer der wichtigsten jüdischen Historiker des hellenischen Judentums für das 1. Jahrhundert bekannte Flavius Josephus. Er lebte von 37/38 bis nach 100 unserer Zeitrechnung und war der Sohn einer angesehenen priesterlich-königlichen Familie aus Jerusalem. Studiert hat er die drei theologischen Grundrichtungen des Judentums: Die der Sadduzäer, der Pharisäer und der Essener. In seinen Anschauungen schließt er sich schon früh den Pharisäern an.

Josephus ist in der Zeit des judäischen Krieges der Römer (66–70) kurzzeitig der offizielle Militärkommandant der Juden in Galiläa. Die Truppen des von Nero mit der Niederschlagung dieses Aufstandes gegen Rom beauftragten Feldherrn und späteren Kaisers Vespasian nehmen Josephus im Jahre 67 gefangen, nachdem er vergeblich auf genauere Instruktionen aus Jerusalem gewartet hat, ob er infolge der sich abzeichnenden Gesamtniederlage in Galiläa weiterkämpfen oder in Verhandlungen mit den Römern eintreten soll. Josephus, dessen Schicksal normalerweise der sofortige Tod, bzw. die Aufsparung für einen der Triumphzüge in Rom gewesen wäre, in dessen Verlauf man ihn hingerichtet hätte, entkommt seinem Schicksal durch einen genialen Trick. Er verblüfft den Oberkommandierenden der Römer, Vespasian, indem er ihm dessen spätere Ernennung zum Kaiser prophezeit. Das hat ihm vermutlich auch nach eigenen Angaben das Leben gerettet und ihm auch seine Gefangenschaft sehr erleichtert.

Bei der Belagerung Jerusalems, als bereits Vespasians Sohn Titus die Führung der militärischen Aktionen der Römer übernommen hatte, versuchte Josephus sogar auf der Seite der Römer offen zwischen den feindlichen Parteien zu vermitteln, um die Zerstörung Jerusalems zu verhindern. Er wird aber von der jüdischen Seite als Abtrünniger beschimpft. Dabei gerät er sogar in Lebensgefahr, als er vor der Stadtmauer Jerusalems zur Einstellung der Feindseligkeiten aufruft. Sein Ziel, Jerusalem und den Herodianischen Tempel vor der Vernichtung zu retten, schlägt damit fehl. Die Römer erobern unter Titus auch Jerusalem.

Anschließend kommt Josephus als Gefangener des inzwischen zum Kaiser aufgestiegenen Vespasian nach Rom. Dort wird er frei gelassen und erhält das römische Bürgerrecht unter dem Namen Titus Flavius Josephus. Der Kaiser gibt ihm eine Villa und setzt ihm auch eine Pension aus. Josephus widmet sich von da an literarischen Arbeiten. Es steht zweifelsfrei fest, dass Josephus eine enge persönliche Beziehung zur Familie der Flavier hatte. Er war ihr Historiker. Seine Schriften beweisen es. Von diesen Schriften ist „Die Geschichte des Judäischen Krieges“ die wichtigste, weil sie ein weitgehend authentisches Bild der damaligen militärischen Vorgänge liefert. Josephus schreibt diesen Bericht in den Jahren 75–79 nieder.

Diese Schrift über den Krieg in der syrischen Provinz Roms, den Judäischen Krieg, ist mit Cäsars „Der Gallische Krieg“ vergleichbar. Bei solchen unmittelbar nach den Ereignissen abgefassten, und als Rechtfertigungsschriften angelegten Berichten, erfährt man aus der Art der versuchten Verschleierung unliebsamer Vorkommnisse und Pannen oft noch allerhand von dem was zwar passiert ist, aber besser nicht bekannt wird. Die Nähe der Augenzeugen verbietet noch die allzu gefällige oder unterschlagende legendäre Bearbeitung der Tatsachen für die Nachwelt. Dieser judäische Krieg war die Niederschlagung eines religiös motivierten Volksaufstandes in der damaligen syrischen Provinz des Römischen Reiches. Er diente der Sicherung der Weltmacht Rom. Dem Anspruch Roms, den Gewaltfrieden der pax romana mit allen Mitteln zu sichern, sind die religiösen und nationalistischen Ziele der Aufständischen und auch des dort wohnenden Volkes und seiner Repräsentanten völlig untergeordnet. Das eigentliche Ziel war für Rom ein strategisches. Das Reich der Parther, welches sich östlich dieser Provinz befindet, war stets auf dem Sprung, diesen östlichen Küstenstrich des damals von den Römern beherrschten Mittelmeeres wieder zurückzuerobern. Dem war mit allen Mitteln vorzubeugen, was uns Josephus verschweigt, was aber letztlich die Ursache für die Gnadenlosigkeit ist, mit der dieser Krieg seitens der Römer gegen die Aufständischen geführt wurde.

Im Judäischen Krieg steckt gleich zu Anfang ein Beschreibung, der man bisher zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat, weil sie nur wie eine einleitende folkloristische Umrahmung für den Kriegsbericht erscheint. Im 8. Kapitel, des zweiten Buches dieser Schrift, gibt uns Josephus eine Übersicht über die in diesem Gebiet, welches wir auch als Heiliges Land kennen, verbreiteten wichtigsten Varianten des jüdischen Glaubens.

Er stellt uns drei philosophische Schulen vor. Es sind die Pharisäer, die Sadduzäer und die Essener. Vom Christentum berichtet er seltsamerweise nichts.

Während er sich über die Pharisäer und Sadduzäer nur sehr vage äußert, macht er das bei den Essenern besonders ausführlich, was sich sogar bis auf spezifische Besonderheiten der individuellen Lebensführung und Tageseinteilung erstreckt. Ich bringe jetzt seinen Text, kürze aber den der Essener auf den Hauptinhalt:

Es gibt bei den Judäern drei Arten von philosophischen Schulen; die einen bilden die Pharisäer, die andere die Sadduzäer; die dritte, die nach besonders strengen Regeln lebt, die sogenannten Essener. Diese sind ebenfalls Judäer, aber untereinander noch mehr als die anderen durch Liebe verbunden ... Reichtum verachten sie, und bewundernswert ist bei ihnen die Gemeinschaft der Güter, so dass man niemand unter ihnen findet, der mehr besitzt als die anderen. Es besteht die Vorschrift, dass jeder, der der Sekte beitreten will, sein Vermögen der Gesamtheit abtreten muss … alle verfügen wie Brüder über das aus dem Besitz der einzelnen Sektenmitglieder gebildete Gesamtvermögen. Die Verwalter des gemeinsamen Vermögens werden durch Stimmenmehrheit gewählt und jeder ohne Unterschied muss zu Dienstleistungen für die Gesamtheit bereit sein.Sie haben keine eigene Stadt, sondern in jeder wohnen viele von ihnen. Sektenangehörigen, die von anderen Orten kommen, steht alles, was sie bei ihren Genossen finden, wie ihr eigener Besitz zur Verfügung … Untereinander kaufen und verkaufen sie nichts, sondern jeder gibt von seinem Eigentum dem anderen, was dieser nötig hat, und empfängt umgekehrt von ihm, was er selbst brauchen kann.

Josephus beschreibt nun das gemeinsame Gebet und die gemeinschaftliche Einnahme der Mahlzeiten. Er verweist auf die Ernsthaftigkeit der Essener, die er aus deren ziemlich spartanischer und vor allem nüchterner Lebensweise heraus erklärt:

Nichts tun die Essener ohne ausdrücklichen Befehl ihrer Vorsteher, und nur in zwei Dingen besitzen sie völlige Freiheit: in Hilfeleistung und Barmherzigkeit … Unterstützungsbedürftigen beizuspringen und Notleidenden Nahrung zu reichen … Zorn äußern die Essener nur, wo er berechtigt ist … Treu und Glauben halten sie hoch; den Frieden pflegen sie angelegentlich. Das gegebene Wort gilt bei ihnen mehr als ein Eid; ja sie unterlassen das Schwören, weil sie das für schlimmer als Meineid halten … Mit Vorliebe widmen sie sich dem Studium der Schriften der Alten … Wer schwerer Sünden überführt wird, den schließen sie aus der Sekte aus … Sehr gewissenhaft und gerecht verfahren sie bei gerichtlichen Entscheidungen … Nächst dem Gott zollen sie die größte Verehrung dem Namen des Gesetzgebers (Mose); wer ihn lästert, wird mit dem Tode bestraft. Dem Alter und der Mehrheit Gehorsam zu erweisen, halten sie für ehrenvoll ... Am Sabbat vermeiden sie es, zu arbeiten … Dabei lässt das schrecklichste Unglück sie kalt; denn Schmerzen überwinden sie mit Seelenstärke, und einen ruhmvollen Tod ziehen sie dem längsten Leben vor … Sie hegen den festen Glauben, dass der Körper zwar verwese und vergänglich sei, die Seele dagegen ewig fortlebe.

Josephus sieht die Besonderheit dieser jüdischen Glaubensrichtung darin, dass ungesühnte Verbrechen, die jemand zu Lebzeiten beging, im Jenseits bestraft werden.

Nach der Erwähnung, dass es weitere Spielarten des Essenerglaubens gibt, wendet sich Josephus nun den Pharisäern zu:

Was die beiden zuerst genannten Schulen betrifft, so ist die der Pharisäer die älteste unter den dreien. Sie gelten für besonders kundige Erklärer des Gesetzes, machen alles von Gott und dem Schicksal abhängig und lehren, dass Recht- und Unrechttun zwar größtenteils den Menschen freistehe, das aber bei jeder Handlung auch das Schicksal mitwirke. Die Seelen sind nach ihrer Ansicht alle unsterblich, aber die der Guten gehen nach dem Tode in einen anderen Leib über, während die der Bösen ewiger Strafe anheimfallen.

Das ist eine sehr dürftige Auskunft. Noch weniger verrät uns Josephus von der letzten Gruppe, den Sadduzäern:

Die Sadduzäer hingegen, die zweite der Sekten, leugnen das Schicksal völlig und behaupten, der Gott habe mit dem Tun und Lassen der Menschen gar nichts zu schaffen; vielmehr seien gute wie böse Handlungen ganz dem freien Willen anheim gestellt, und nach eigenem Gutdünken trete jeder auf die eine oder andere Seite. Weiterhin leugnen sie die Fortdauer der Seele sowie Strafen und Belohnungen in der Unterwelt …

Das ist es, was uns Josephus zur Religionssituation seiner Zeit von den Judäern berichtet. Dass sich aber auch Schwarmgeister und religiöse Führer im Lande erhoben, erwähnt er nebenbei. Josephus grenzt solche Bewegungen aber strikt von dem ab, was er gerade beschrieben hat.

Wer die Apostelgeschichte des Lukas kennt, findet dort fast alles über die Bräuche der Christen überliefert, was uns Josephus von den Essenern berichtet. Man muss also annehmen, dass Josephus hier die Christen als rein jüdische Sekte beschreibt, die sich Essener nennen, obwohl die Essener bereits vor der Zeitenwende unter Herodes dem Großen eine große Rolle spielten. Es muss aber einen direkten Zusammenhang zwischen Essenern und zumindest dem jüdischen Urchristentum geben, der bisher nur noch nicht untersucht wurde.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass weder in den Evangelien, noch in der Apostelgeschichte die Essener überhaupt erwähnt werden, während Josephus weder die Christen, noch die mit ihnen geistig verwandten Täufer, geschweige denn die damals noch dazugezählten Mitglieder der namenlosen jüdischen Sekte der Anhänger des Weges kennt, die wir heute als Urchristen bezeichnen, die Essener aber so beschreibt wie uns die Apostelgeschichte die Kennzeichen der jüdischen Urchristenbewegung darstellt. Es bleibt nur noch die Annahme, dass es sich bei den Essenern und Urchristen um Spielarten der gleichen Gruppierung gehandelt haben muss.

Die Apostelgeschichte wird auch ungefähr zur gleichen Zeit niedergeschrieben, wie die „Geschichte des Judäischen Krieges“. Diese Schriften wären demnach nur eine rückschauende gegenseitige Beglaubigung nicht beweisbarer Behauptungen, denn es handelt sich beide Male um eine nachträgliche Beschreibung eines Zustandes vor den Ereignissen des Jahres 70.

Aus den inzwischen sehr gut rekonstruierten Riten und Vorschriften der Essener ist der Bericht des Josephus allerdings als zutreffend beglaubigt. Das bedeutet aber nicht, dass der Autor der Apostelgeschichte essenisches Traditionsgut auf die Christen projiziert. Man muss hier auch die in den paulinischen Apostelbriefen enthaltenen ethischen Vorgaben für das Zusammenleben der Christen berücksichtigen.

Was in diesen Briefen steht, und was sie zu vermitteln versuchen, ist ebenfalls die Ethik der von Josephus beschriebenen Essener als Verhaltenskodex. Es muss deshalb angenommen werden, um die Zeit der Endsechziger stellt sich die Organisationsform der Christen tatsächlich so dar, wie sie Josephus als die der angeblich über das ganze Land verteilt siedelnden Anhänger der Essener beschreibt.

Josephus erwähnt zwar die Sekte, bzw. Glaubensrichtung des Christentums tatsächlich einmal in seinem Werk Jüdische Altertümer, aber nur in seinem umstrittenen testimonium flavianum, welcher Text allerdings als nachträglich eingefügte Fälschung gilt.

Wir finden aber im ganzen Neuen Testament der Bibel, und auch in der Apostelgeschichte des Lukas, wo sie unbedingt erwähnt werden müssten, wiederum von den Essenern, obwohl sie nachweislich existierten, und in den Evangelien ihre Gegenspieler, die Pharisäer und auch die Sadduzäer ständig als Verfolger Jesu verleumdet werden, nichts, außer einer vagen Andeutung, im Markus-Evangelium im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Passamahles, und im Zusammenhang mit der unentgeltlichen Requirierung des Reitesels durch die Jünger für den Einzug Jesu nach Jerusalem, wo die Begründung bei Markus, Matthäus und auch Lukas lautet: Der Herr bedarf seiner. Aber nur bei Markus steht noch: … und er sendet es (das Reittier) bald wieder her. Das weist direkt auf den essenischen Brauch der gemeinschaftlichen Nutzung des verfügbaren Gesamteigentums.

Weil aber die Christenmission ihren Ausgangspunkt in den Synagogen der Juden und auch in denen der Diasporajuden nahm, ist erklärlich, dass Josephus das alles noch auf die Essener als jüdische Sekte reduziert. Die um das Jahr 100 datierte Austreibung der Christen aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ist noch nicht erfolgt, als er das alles niederschreibt.

Dazu kommt, dass lt. der Apostelgeschichte die Bezeichnung Christen erstmalig nicht vor dem Jahre 35, und dann auch nur in Antiochia erwähnt wird. Dort ist es die separate Kennzeichnung der Sektenmitglieder in der Diaspora, die aus dem Heidentum übernommen wurden und dem Mosaischen Gesetz nicht vollständig unterworfen waren. Die Beschneidung, welche die Grundlage für den Beitritt zur jüdischen Religion bildete, war für sie nicht bindend. Sie waren sozusagen Urchristen zweiter Klasse, die der Jerusalemer Zentrale gegenüber tributpflichtig waren, was anschließend im Ergebnis des Apostelkonzils zu Jerusalem ausdrücklich so festgelegt wurde.

Dass die Essener zur Zeit des Josephus mit dem urchristlichen Zweig der jüdischen Religion in Palästina verbunden waren, und deshalb nicht unterschieden wurden, liegt nahe. Dass die Essener nach dem Tod Herodes des Großen bereits einmal den Aufstand gegen Rom probten, der von den Römern unter Varus blutig niedergeschlagen wurde, weist bei ihnen aber auf einen partikularistischen Hintergrund und eine militärisch organisierte Hierarchie.

Plinius der Ältere, der zur gleichen Zeit wie Josephus über die Essener berichtet, hält sie beispielsweise für einen reinen Mönchsorden, der ohne Geld und Frauen in der Wüste am Toten Meer (dem Meer von Arab) siedelt, sich aber großem Zulaufes erfreut: Täglich erneuert sich die Menge der Hinzukommenden, da reichlich zuströmen, wenn Leben und Schicksalsschwankungen ermatten.

Hier ist Plinius Gerüchten aufgesessen, die auch unser Bild von den Essenern noch vernebeln. Sein Text widerspricht jedenfalls dem des in Palästina aufgewachsenen Josephus, der sie als zahlreich und über das ganze Land verteilt wohnende Bevölkerungsteile beschreibt.

Der eventuelle Einwand, dass Josephus nichts Spezielles über das Familienleben der Essener berichtet, rührt wohl daher, dass es sich nicht von dem der anderen jüdischen Glaubensrichtungen unterschied. Nach dem Bericht des Josephus lebten die Essener wohl eher in Familien- oder Glaubensverbänden, wie auch heute noch einige christliche Sekten.

Der von Plinius übermittelte Bericht vom ständigen Zustrom neuer Mitglieder zu den Essenern in ihre Wüstensiedlung, ohne dass sie im Laufe der Zeit mehr geworden wären, deutet eher auf die Zentrale einer Sekte hin, die eine entsprechende Menge Personal zur Bewältigung der Organisation und auch Verbindungsleute für ihren Nachrichtendienst benötigte. Die von ihm in diesem Zusammenhang auch erwähnte und als uneinnehmbar angesehene Festung Masada, welche im Zeitraum des Aufstandes der Jahre 66-74 tatsächlich von essenischen Sikariern besetzt war, macht das nur noch wahrscheinlicher.

Die den Essenern immer wieder nachgesagte Ehelosigkeit deutet auch weniger auf Enthaltsamkeit hin, sondern mehr auf Militanz. Soldaten waren bekanntlich nicht verheiratet und auch Rom rekrutierte nur Ledige für den Kriegsdienst der Legionäre. Ob Jesus, den man ursprünglich mit zu den Essenern zählen muss, nun verheiratet oder unverheiratet war, ist wohl sehr nebensächlich. Er musste deshalb noch lange nicht unbeweibt gewesen sein. Was für den direkten Einzelkämpfer galt, musste nicht zwangsläufig auch für den Anführer gelten. Auch seine Jünger, die späteren Apostel, waren bekanntlich verheiratet.

Das uns von Plinius den Essenern unterstellte Mönchtum hat uns Vieles von der damaligen Realität verblendet. Eine militärische Befreiungsbewegung benötigte auch keine Sklaven. Es ist auch überliefert, dass die Essener in jeder Ordensstadt einen Pfleger für fremde Ordensbrüder installierten, und Essener zwar ohne Verpflegung, aber bewaffnet auf Reisen gingen, was ebenfalls auf Militanz hinweist. Theodor Kappstein, der sich ebenfalls eingehender mit ihnen befasste, bezeichnet uns deshalb die Essener sogar als Wanderorden.

Essener und Pharisäer standen sich feindlich gegenüber. Das war bekannt. Auch die Sadduzäer standen den Essenern feindlich gegenüber. Nicht erst die Evangelien beweisen es uns, wo man Jesus aufgrund seiner Mission ständig angreift.

Dass die im syrischen Raum ansässigen Judenchristen mit den über das Land verteilten Essenern identisch gewesen sein müssten, drängt sich immer stärker auf. Die Berichte der damaligen Zeit über die politischen Ereignisse im judäischen Raum stellen die den Essenern zuzuordnenden Sikarier und Zeloten durchgängig für das gesamte 1. Jahrhundert in den Mittelpunkt.

Das tut auch Josephus. Dass er die politischen und religiösen Bewegungen nur unklar trennt, ist ihm kaum vorzuwerfen. Auch wir können das Panorama geschichtlicher Vorgänge unserer Zeit erst im Nachhinein ordnen. Die Essener, die im Jahre 74 mit dem Fall ihrer letzten Festung Masada aus unserer historischen Wahrnehmung verschwanden, gewannen auch für uns erst durch ihre später aufgefundenen Schriften und ihre darin enthaltenen politischen Zielstellungen wieder historisches Profil.

Setzt man die Texte über die Sikarier und Zeloten, die Essener und die Urchristen der Apostelgeschichte und des Josephus an den sich inhaltlich überlappenden Stellen zusammen, dann stellt man fest, dass sie sich nicht nur stark ähneln, sondern auch ergänzen. Es gab nur deshalb nie eine Wechselwirkung zwischen den Essenern und den Urchristen, weil sie miteinander identisch waren.

Auch Ranke-Heinemann definiert Christentum und Qumran noch als zwei Bewegungen innerhalb des Judentums, die sich in manchen Punkten nur sehr ähnlich gewesen wären:

Beide betrachten sich als das wahre Israel. Beide sehen sich in der Endzeit und erwarten das unmittelbare Ende der Welt. Beide verehren ihre jeweiligen Meister als Offenbarer göttlicher Geheimnisse. Beide sind davon überzeugt, dass sie in biblischen Schriften vorausgesagt sind, und sehen sich als die Erfüllung dieser biblischen Verheißungen. Bei beiden spielt ein Kultmahl eine große Rolle.

In 2000 Jahren Christentum haben die Christen sich daran gewöhnt, das Alte Testament als Verheißung auf Jesus und die christliche Kirche zu verstehen. Nun stellt sich heraus, dass Qumran oft haargenau dieselben Worte des Alten Testamentes für sich beansprucht, als Verheißung auf Qumran und den Lehrer der Gerechtigkeit. Beide, Qumran und die Christen, beziehen das Wort des Propheten Jeremia (Jeremia 31,31) vom Neuen Bund auf sich. In der Damaskusschrift (20,12) nennt Qumran sich die Gemeinde des Neuen Bundes. Und die Sektenregel (1QS 4,22) schreibt: Gott hat die Frommen zu einem ewigen Bund erwählt. Im Neuen Testament versteht sich auch die christliche Gemeinde als der Neue Bund, und demgemäß lässt sie Jesus beim Abendmahl sagen (Mt. 26,28): Dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Auch der 2. Korintherbrief spricht vom Neuen Bund (2. Kor. 3,6): Gott hat uns tüchtig gemacht zu Dienern des Neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Im Hebräerbrief wird von Christus gesagt (Hebr. 9,15): Deshalb ist er der Mittler des neuen Bundes.

Auch in den Einzelheiten der Lehre herrscht auffallende Übereinstimmung: … Als Jesus - wie Qumran – Ehebruch und Ehescheidung verwirft, sehen seine Jünger damit ihre polygamen Interessen angetastet und meinen entsetzt: Wenn man sich nicht mehr scheiden lassen darf, dann sei es besser, gar nicht zu heiraten, da man sonst seine sexuelle Freiheit und die Möglichkeit, seine Frau wieder loszuwerden, verliert (Mt. 19,9 f.).

Nun zu den angeblichen Unterscheidungsmerkmalen zwischen Christentum und der Qumransekte, womit Ranke-Heinemann ihre Trennung begründet. Sie führt dazu aus: In zwei Punkten vor allem unterscheidet sich die Qumrangruppe vom ursprünglichen Christentum: Erstens in der Militarisierung und zweitens in der Frauenfeindlichkeit. Das Ungewöhnlichste ist für sie die zölibatäre Lebensweise der der Sekte angehörenden Männer in Qumran. Dass diese Begründung nicht stichhaltig ist, darauf habe ich gerade hingewiesen. Dass sie auch selbst noch zweifelt, beweist ihr Hinweis auf die Untersuchungen des Qumrankenners Shermayahu Talmon von der Hebräischen Universität Jerusalem, der zu der Erkenntnis kam:

Die in Qumran ansässigen männlichen Mitglieder lebten in einer Form von vorchristlicher asketischer Mönchskommune. Aber sie verpflichteten sich anscheinend nicht zu einem lebenslänglichen Zölibat und verstanden ihr frugales Leben als nur eine situationsbedingte Notwendigkeit, nicht als ein Glaubensprinzip …