Cover

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© 2011 by C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: R·M·E Roland Eschlbeck

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-06346-7
V002


www.cbertelsmann.de

Warum denn bloß noch ein Buch zu diesem Thema?

Vor der Geburt meines Sohnes habe ich über meine bevorstehende Mutterschaft ungefähr so viel nachgedacht wie über Fahrstühle oder Spannbettlaken. Nicht, weil mir das Thema egal gewesen wäre, sondern vielmehr, weil es meine Vorstellungskraft überstiegen hat. Ich konnte mir ja nicht einmal vorstellen, dass das in meinem Bauch wirklich ein Kind war. Dass sich mit der Geburt meines Sohnes so ziemlich alles ändern sollte, hat mir also ein Holzhammer erklärt: Ich war plötzlich nicht mehr selbstständig und (finanziell) unabhängig, sondern musste mein Leben einem Vier-Kilo-Pflegefall und der gut bezahlten Berufstätigkeit meines Mannes unterordnen. Ich war Hausfrau und Mutter, fand diese Berufsbezeichnung ungefähr so attraktiv wie einen Blazer mit Schulterpolstern und fühlte mich auch so: scheiße hässlich, mit nichts kompatibel, aber schwer erpicht darauf, die starke Frau zu repräsentieren. Denn als Mutter verspürte ich einen extremen Druck, perfekt sein zu müssen, natürlich immer unter dem strengen Blick von Freunden, Bekannten und sogar Fremden, die ungefragt, unangebracht und unverschämt Tipps, Befehle und Rügen austeilten.

Hatte ich mich zuvor relativ entspannt darauf verlassen, dass schon alles irgendwie hinhauen würde, kochten meine Gefühle über, ich war alles, was die Klaviatur der Emotionen hergab:

Ich war unsterblich verliebt. Ich war wütend. Ich hatte eigentlich immer Angst um meinen Sohn. Ich war stolz. Ich war alles andere auch. War ich normal? Die Bücher, die ich über Mutterschaft fand, zeichneten nämlich ein anderes, jeweils sehr einseitiges Bild. Die einen feierten die Mutterschaft als esoterischen Glücksdrogenrausch, andere fanden sie so schlimm, dass sie ihre Kinder am liebsten am Laternenpfahl einer Autobahnraststätte angebunden hätten, und wieder andere beschrieben die Zeit mit ihren Kindern als eine selbstironische Spaßrakete.

Ich vermisste das große Ganze. Denn genauso, wie mein Sohn mein allergrößtes Glück ist, ist er eben unter anderem auch noch die schlimmste Nervensäge, der coolste Clown und der übelste Jammerlappen.

Ich vermisste noch etwas: die Wertefreiheit. Frauen, die in Büchern ehrlich beschrieben, dass sie ihre Kinder oder die überzogenen Ansprüche an Mutterschaft scheiße finden, wurden sofort als Rabenmütter beschimpft oder nannten sich angriffslustig gleich selbst so. Es wurden sofort Fronten aufgebaut, und in den meisten Büchern waren die erhobenen Zeigefinger so groß, dass ich überlegte, meinen Sonnenschirm abzuschaffen.

Dabei wollte ich eigentlich nur wissen: Bin ich normal, wenn ich plötzlich so extrem fühle wie eine Vierzehnjährige auf Klassenfahrt? Geht es anderen auch so? Und wenn ja, was machen sie in diesen Situationen?

Weil ich dieses Buch nirgends finden konnte, habe ich es selbst geschrieben. Der Mann hielt dieses Projekt für eine Schnapsidee beziehungsweise für meine Version eines Töpferkurses in der Toskana. Das hat er nun davon, denn er kommt natürlich ständig vor und dabei auch nicht immer gut weg.

In jedem Kapitel berichte ich in einer emotionalen Momentaufnahme aus meinen ersten zwei Jahren als Mutter. Am Ende eines jeden Textes habe ich festgehalten, was mir in der betreffenden Situation geholfen hat beziehungsweise hilft oder was ich heute anders machen würde. Wichtig ist mir: Dabei handelt es sich nicht um Anweisungen, der Zeigefinger muss in diesem Buch nämlich draußen bleiben.

Ich kann schließlich schlecht einer Mutter erklären, wie sie mit sich und ihrem Kind glücklich wird, wo ich doch selbst ständig an dieser Aufgabe scheitere. Lieber berichte ich davon, wie ich mich beim Scheitern fühle. Und bei allem anderen auch.

Schon bevor das Buch fertig war, habe ich selbst es als Nachschlagewerk benutzt. Als ich zum Beispiel völlig frustriert war und mir nicht mehr vorstellen konnte, dass mein Sohn jemals etwas anderes gemacht hat, als mich anzubrüllen und zu hauen, konnte ich dort nachlesen, dass ich tatsächlich ziemlich häufig so glücklich bin, als hätte jemand Glitzerhonig in meine Synapsen geschüttet.

Ich würde mich unbändig freuen, wenn dieses Buch auch für andere LeserInnen hilfreich ist und sie bei der Lektüre so etwas sagen wie:

»O ja, das kenn ich! Ich wünsche Klugscheißern auch mindestens Haarausfall!«

»Anschreien hilft? Das probiere ich gleich mal aus« (Witz).

»Herrje, macht die sich einen Stress. Zum Glück war das bei mir nicht so.«

»Halleluja! Ich bin nicht die Einzige, die sich so fühlt!«

Von anderen Müttern zu hören, dass es ihnen ähnlich geht, hat mir in den letzten zwei Jahren besser geholfen als jeder Ratgeber, besonders, wenn es um »mutteruntypische« Reaktionen wie Wut aufs Kind, Eifersucht auf den Ehemann oder Sehnsucht nach dem alten Leben ging. Ehrliche Gespräche haben diese Gefühle zwar nicht ausmerzen können, aber zu wissen, dass ich nicht allein bin, hat es mir einfacher gemacht, mit ihnen umzugehen. So war ich zwar noch wütend, hatte aber zumindest keine Schuldgefühle mehr, weil ich als Mutter nicht rund um die Uhr glücklich, geduldig und liebevoll war.

Wie toll wäre es, wenn Mutterschaft wieder normal wäre? Es nervt, dass alles, was mit ihr zu tun hat, emotional und moralisch so extrem aufgeladen ist. Jeder Hans und Franz weiß es besser als die Mutter, und statt einfach mal die Klappe zu halten, posaunen alle ihre Meinung ungefragt heraus, nie ohne vor Spätfolgen durch mütterliche (Fehl-) Entscheidungen zu warnen.

Ich versuche, mich so wenig wie möglich davon stressen zu lassen, indem ich mich gar nicht erst bemühe, alles richtig zu machen. Denn selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge, werde ich es nicht schaffen, meinen Sohn groß zu kriegen, ohne dass er irgendeinen Schaden davonträgt. Sogar mein krampfhafter Versuch, immer die perfekte Mutter zu sein, würde schließlich nicht spurlos an ihm vorübergehen. Da setze ich lieber gleich voraus, dass ich Fehler machen werde, ich bin ja schließlich keine Maschine, sondern eine ganz normale Mutter. Manchmal bin ich stinksauer, manchmal bin ich gelangweilt, meistens habe ich eine Riesenmütze Spaß, und immer liebe ich mein Kind so sehr, dass dieses Empfinden alles übersteigt, was ich jemals gefühlt habe. Und obwohl mein Sohn schon vor seinem zweiten Geburtstag Nutella gegessen und ferngeguckt hat, ich ihm bereits ein Gelenk ausgehakt und ihn sehr laut angebrüllt habe, würde ich behaupten, dass ich eine gute Mutter bin. Weil ich eben auf der anderen Seite, wie fast jede Mutter, alles dafür gebe, dass er ein glücklicher, fröhlicher, gesunder Mensch ist. Nur wie ich das mache, ist ganz allein mein Ding. Ich wünsche mir und allen anderen Frauen, dass wir selbstbewusst so leben können, wie wir wollen, ohne dass es von anderen Müttern, Menschen und Zeigefingern kommentiert oder verurteilt wird.

Zum Schluss noch eine Nachricht für alle mehrfachen und alleinerziehenden Mütter: Während ich mich frage, wie ihr das alles schafft, fragt ihr euch wahrscheinlich, ob ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe, und das völlig zu Recht. Ich bin mir des hohen Niveaus, auf dem ich zwischendurch jammere, sehr wohl bewusst und ziehe täglich meinen Hut vor euch, die viele Kinder und Beruf vereinbart bekommen (müssen), und das ganz schön oft auch ohne Partner. Ihr dürft nach Herzenslust Dinge sagen wie: »Pah, was weiß die denn schon!«, oder: »So viel Zeit für gestörte Gedanken hätte ich auch gerne mal.«

Dass es purer Luxus ist, sich die Zeit nehmen und ein Buch schreiben zu können, weiß ich. Und für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar. Aber ich bin auch stolz, dass ich es gemacht habe. In einer Zeit, in der ich dachte, es ginge wegen meines Kindes beruflich nicht weiter, habe ich damit einen meiner größten Träume in die Tat umgesetzt. Und es erfüllt mich mit purem, strahlendem, hüpfendem Glück, dass ich das auch meinem Mann und meinem Sohn zu verdanken habe.

DER ANFANG. Die erste Zeit mit Kind.

Mein Bauch gehört mir. Und der Rest auch.

Die Frustration, öffentliches Eigentum zu sein.

Erst habe ich mich gefreut, als ich nicht mehr nur fett, sondern endlich auch schwanger aussah. Ich war mir sicher, dass mir die Menschen nun mit mehr Respekt entgegentreten würden. Die Zeiten, in denen mir Jugendliche laut TITTEN! entgegenbrüllten, sollten vorbei sein, schließlich konnten jetzt alle sehen, dass sie aus einem wichtigen, besonderen Grund so gigantisch waren. Pustekuchen. Denn während mein Bauch immer weiterwuchs, schrumpfte meine Privatsphäre auf ein nie erlebtes Minimum. Ich wurde hemmungslos begrapscht. Entfernte Bekannte, die ich – mit Absicht – noch nie berührt habe, patschten mir mit beiden Händen auf den Bauch, und sogar Fremde hatten die beliebte Frage »Wann ist es denn so weit?« erst halb gestellt, dafür aber bereits den Kopf meines Kindes ertastet. Ich habe mich gefühlt wie ein Buddha, der im Eingang eines chinesischen Restaurants steht und von allen am Bauch gerubbelt wird, weil das angeblich Glück bringt.

In der Sauna war es noch schlimmer. Dort, wo sonst eher verstohlen geguckt wird, wurde mein riesiger Bauch hemmungslos angeglotzt. Unter der Dusche regnete es »schlaue« Tipps (»Nicht vorher fragen, was es wird!«, »Kind lieber auf die XY-Schule, da sind nicht so viele Ausländer!«) und verstörte Komplimente wie »So schöne Brüste werden Sie nie wieder haben«. Die Frau hatte zwar Recht, aber das hätte ich auch gehabt, wenn ich ihr gesagt hätte, dass sie aussieht wie Homer Simpson.

Für mich war die Tatsache, dass in meinem Bauch ein Kind wächst, so intim, dass ich diese Information am liebsten nur mit meinem Mann und den engsten Vertrauten geteilt hätte, aber leider war mein monströser Bauch so unauffällig wie ein Blaulicht auf dem Kopf. Um möglichst viele unerwünschte Reaktionen abzuwehren, ging ich dazu über, Blickkontakte zu vermeiden und sehr böse zu gucken. Das half auch später, als das Kind da war, ganz gut, hat aber nicht gerade zu einer fröhlichen Stimmung beigetragen. Grundsätzlich nervt es wie die Sau, dass alle meinen, sich einmischen zu können. Eine Schwangerschaft und ein Kind scheinen die Legitimation zum Mitreden zu sein. Es wird nach Herzenslust gewarnt, ins Gewissen geredet und besser gewusst, schließlich hat jeder schon mal ein Kind bekommen oder kennt jemanden, der eins hat. Angenommen, ich würde auf offener Straße Jugendlichen sagen, Handys seien völliger Quatsch, weil ich in ihrem Alter auch keins hatte, oder meinem Friseur zwischen die Beine greifen, weil es nicht gesund ist, wenn seine enge Hose im Schritt kneift. Oder ich würde dem Briefträger zeigen, wie er die Briefe einstecken muss, weil ich das auch schon mal gemacht habe. Dann wäre ich zu Recht der größte Freak der Stadt. Aber wenn Fremde mich warnen, dass ich mein zahnendes Kind bloß nicht verwöhnen soll, oder Tischnachbarn mit hochgezogenen Augenbrauen mein Essen kontrollieren (»Bläht das nicht? Sie stillen doch sicher noch!«), dann soll ich mich lächelnd für die praktische Lebenshilfe bedanken? Na eben.

Das mache ich bei öffentlichen Übergriffen:

• Mit der Zeit habe ich gelernt, die schlimmsten Klugscheißer auf den ersten Blick zu erkennen. Sehe ich welche, vermeide ich Blickkontakte und gucke sehr grimmig.

• Wenn jemand meinen schwangeren Bauch ohne mein Einverständnis anfassen wollte, bin ich einen Schritt zurückgegangen. Das ist eine deutliche Botschaft.

• Wenn mein Kind angefasst werden soll und ich das nicht möchte, sage ich das meistens auch. Manchmal bin ich dafür zu feige, dann versuche ich mich so wenig wie möglich über meine eigene Feigheit aufzuregen.

• Ich nehme mir vor, mich bei Fremden für nichts zu rechtfertigen. Stattdessen werde ich immer besser darin, schlaue Tipps ins eine Ohr hinein- und auf direktem Weg aus dem anderen wieder herauszulassen. Und manchmal, wenn ich einen richtig guten Tag habe, sage ich etwas Schlagfertiges.

O nein! Ich fühle nichts.

Der Druck, glücklich sein zu müssen.

Die Mütter, die ihr Kind von Anfang an bedingungslos geliebt haben, waren mir suspekt. Überall habe ich gelesen, dass es für sie der schönste Moment im Leben war, als ihr Kind das erste Mal in ihren Armen lag. Ich kann mich an diesen Moment kaum noch erinnern. Zwölf Stunden Wehen, dann lag das Kind falsch und wollte auch nach mehreren Stunden trotz PDA und Wehentropf nicht den natürlichen Weg nach draußen nehmen. Das Kind, das auf meinem Bauch liegen sollte, während ich Tränen der Rührung und des Überglücks verdrückte, wurde also per Kaiserschnitt aus mir herausgeholt und kurz an mein Gesicht gehalten. »Es hat Haare«, sagte ich noch, dann waren Mann und Kind auch schon weg. Ich war allein mit vielen Menschen in grüner Kleidung und dachte immer wieder verwirrt: »Jetzt habe ich ein Kind.« Das war alles.

Die Tage danach waren zwar schön, aber das, was ich fühlen wollte, wenn mein Kind in meinem Arm lag, war nicht da. Ich war verstört. Vor mir lag ein fremdes Wesen, das ich auf Knopfdruck lieb haben sollte, weil Mütter das eben so machen. Aber ich wünsche mir doch auch nicht zehn Monate einen Freund und liebe den Typen, der an der Tür klingelt, gleich wie wahnsinnig, obwohl er mich nur anschreit. Ich habe meinen Sohn die ersten Wochen, eigentlich sogar Monate, nicht verstanden und kam mit meiner neuen Rolle als Hausfrau und Mutter überhaupt nicht zurecht. Ich fühlte mich schrecklich. Scheinbar alle machten mit ihrem normalen Leben weiter, insbesondere mein Mann, der wieder arbeiten ging, während ich Leibeigene eines Neugeborenen geworden war, das mich für meinen aufopfernden Einsatz nicht lobte, sondern hauptsächlich anschrie. Ich schob mein Kind Runde um Runde durch den Park, und wenn ich das Gebrüll nicht mehr aushalten konnte, steckte ich mir Kopfhörer in die Ohren, hörte laut Musik und weinte. Weil ich dachte, dass mein Leben vorbei ist. Weil ich dachte, etwas stimmt mit mir nicht. Ich musste ihn doch lieben, so richtig, so, dass ich dafür sterben würde. So, wie ich es überall gelesen und gehört hatte. Stattdessen wusste ich nur selten, was er gerade wollte, und er dachte garantiert die ganze Zeit genervt: »Warum macht die hysterische Frau eigentlich immer alles falsch?« Obwohl ich noch nie so eng mit jemandem zusammen war, habe ich mich noch nie so einsam gefühlt. Und ich habe auch noch nie so viel Fernsehen geguckt. Ohne diese Berieselung kam ich mir allein mit dem Kind in der Wohnung vor wie unter einer Käseglocke, der Fernseher war meine Verbindung zur Außenwelt, zum normalen Leben.

Mein großes Glück war eine Freundin, die nur zwei Wochen vor mir ein Kind bekommen hatte. Wir trafen uns oft, vor allem wenn es einer von uns schlecht ging. Wir tranken Hektoliter koffeinfreien Milchkaffee, während wir unsere Kinder durch die Gegend schoben und uns ehrlich und schonungslos austauschten über alles, was für uns neu und wichtig war. Für ihre Offenheit, ihre Unterstützung und unsere hysterischen Lachanfälle werde ich ihr auf ewig dankbar sein.

Mein allergrößtes Glück war mein Mann. Er hat sich mein Gejammer, meine Angst und meinen Frust immer angehört, auch wenn vor lauter Geheule nichts zu verstehen war, und er hat mich in den unmöglichsten Situationen zum Lachen gebracht. Das Lachen und die Ehrlichkeit, mit der der Mann, meine Freundinnen und ich miteinander umgegangen sind, haben mich von dem Druck, dem Bild der beseelten Mutter entsprechen zu müssen, befreit. Ich habe mich entspannt – und siehe da: Es war zwar keine Liebe auf den ersten Blick, aber dafür war es die ganz große!

Was ich tat, als ich nichts fühlte:

• Ich habe Fernsehen geguckt. Den größten Scheiß. Viel. Auch beim Stillen.

• Ich habe meine Freundin angerufen. Wir haben uns immer alles ehrlich gesagt und nicht über die andere geurteilt, sondern uns gelobt und Mut gemacht.

• Ich habe meinem Mann immer ehrlich gesagt, wie es mir ging. Und wenn das bedeutete, dass er sich nach zehn Stunden Arbeit noch zwei Stunden mein Geheule anhören musste, dann war das eben so. Da mussten wir schließlich zusammen durch.

• Ich habe auch allen anderen ehrlich gesagt, wie es mir geht. Und siehe da: Andere Müttern fühlten sich plötzlich auch so. Was für eine Erleichterung!

Ich bin die, die alles wieder gut macht!

Die Freude darüber, die Mutter zu sein.

Ich hatte extreme Startschwierigkeiten. Mich in meine neue Rolle als Hausfrau und Mutter einzufinden, hat nie richtig geklappt (Hausfrau) beziehungsweise ziemlich lange gedauert (Mutter).

Als Mutter gefühlt habe ich mich zu Anfang gar nicht, ich wusste ja auch nicht, wie das geht. Liebe ich meinen Sohn anders als die anderen Menschen in seinem Umfeld? Ist ihm egal, wer sich um ihn kümmert? Die Antwort hat mir mein Sohn selbst gegeben. Als er ein paar Monate alt war, haben wir mit Freunden ein Wochenende in den Niederlanden verbracht. Spätabends wachte er auf und wühlte in seinem Reisebett herum. Er meckerte und konnte nicht wieder einschlafen. Wir haben uns immer wieder über das Bett gebeugt und versucht, ihn zu beruhigen. Er meckerte und wühlte weiter. Nach einiger Zeit nahm ich ihn auf den Arm, was eine der besten Entscheidungen meines Lebens war: Mein kleiner Sohn seufzte so erleichtert, wie es nur ging, kuschelte sich an mich und schlief auf der Stelle tief und fest ein. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, dass nur ich seine Mama bin, dass er sich nur bei mir so sicher fühlt und dass dies das größte Geschenk ist, das mir das Leben machen konnte. Mir liefen Tränen aus den Augen, und ich schluchzte glücklich: »Ich bin seine Mama.« Der Mann hat sich hinter meinem Rücken bestimmt den Finger in den Hals gesteckt, ließ sich aber mir gegenüber nicht anmerken, dass er diese Gefühlsduselei völlig übertrieben fand. Ich war so glücklich und wollte am liebsten im Stehen schlafen, weil dieser Moment nie mehr aufhören sollte. Tat er natürlich doch, weil irgendwann meine Arme schwer und meine Augen müde wurden. Aber eines blieb: Ab dieser Nacht hatte ich keine Angst mehr vor der Verantwortung für sein kleines Menschenleben, sondern ich war überglücklich und dankbar dafür, dass ich seine Mutter war. Ich bin stolz, wenn er inmitten von anderen Menschen auf mich zeigt und »Mama« sagt, als wollte er klarstellen: »Keine Chance, Leute, die ist schon weg.« Und ich bin stolz, wenn der Tagesvater mich anruft, weil es dem Sohn nicht gut geht und ich kommen muss (auch wenn es nervt). Und ich bin stolz, wenn er mit einem anderen Kind streitet und zu mir guckt, damit ich ihm das Spielzeug zurückhole (auch wenn ich es nicht mache). Ich bin die, die seine kleine Welt wieder in Ordnung bringen kann und alles wieder gut macht.

Natürlich glaube ich nicht, dass nur eine Mutter das kann und muss, denn an den Mann hat unser Sohn zu Recht die gleichen Erwartungen. Und andere können das ebenfalls erledigen. Sollten sie auch, schließlich brauchen wir Mütter mal eine Pause.

Was mache ich mit dieser Freude:

• Ich freue mich. Manchmal grinse ich debil, und manchmal weine ich. Parallel brennen sich die »Ich bin die Mama«-Ereignisse für immer in mein Hirn.

• In Situationen, in denen er mich sehr nervt, rufe ich mir seinen Seufzer zurück ins Gedächtnis. Dann ist er nicht mehr so sehr der Quälgeist, sondern eher das Menschlein, das ohne mich ziemlich aufgeschmissen ist.

»Ich bin Hausfrau und Mutter.« – »Ach so.«

Die Betroffenheit, zu den langweiligsten Menschen der Welt zu gehören.

Ich war mal cool. Als ich weder Mann noch Kind hatte, haben meine beste Freundin und ich so viel gefeiert, dass wir mindestens einen Arbeitsplatz in der »Becks«-Brauerei gesichert haben. Andere fanden uns ausgeflippt und witzig und haben unsere Gesellschaft gesucht. Jetzt habe ich ein Kind und fühle mich in die Schublade der langweiligsten Menschen der Welt gedrückt.

Als ich in Elternzeit war, wurde mir bei der Frage »Und? Was machst du so?« heiß und kalt. »Hausfrau und Mutter« wäre die korrekte Antwort gewesen, aber da hätte ich auch gleich sagen können, ich presse Blumen und lerne Zugstrecken auswendig. »Ich leite ein erfolgreiches Familienunternehmen«, soll zwar in der Werbung pfiffig und selbstbewusst rüberkommen, schreit aber in der Realität aus jedem Buchstaben »ICH HABE KOMPLEXE, WEIL ICH MIT DEM KIND ZU HAUSE BIN«. Das war die peinlichste Antwort von allen, fand ich. Aber meine Antwort war eigentlich noch viel peinlicher, ich sagte nämlich: »Ich bin ›nur‹ Mutter« (wobei ich die Gänsefüßchen tatsächlich mit den Fingern in die Luft malte). Und bevor mein Gegenüber Angst bekam, dass ich jetzt von Windelgrößen und Beikost anfange, habe ich das Kinderthema übersprungen und gleich die hippe Mutter raushängen lassen, die noch voll drin ist im Leben und Bescheid weiß über alles, was so passiert. Das wusste ich aber auch nur, weil mein Sohn beim Stillen so lange gebraucht hat, dass ich mir in der Zeit aus dem Internet alle Infos geholt hatte, die für ein cooles Gespräch nötig waren.

Natürlich habe ich nicht nur deswegen Nachrichten geguckt, Magazine und Blogs gelesen. Ich interessiere mich nämlich wirklich für Dinge, die nicht mit meinem Kind zu tun haben. Aber trotzdem waren diese Gespräche meistens ziemlich krampfig, weil ich genau jenes Thema umsegelt habe, das mich emotional und zeitlich am meisten beschäftigte – meinen Sohn. Irgendwann hat mich das genervt. Denn ich wollte erzählen, wie verliebt ich in ihn bin, wie sehr die Mutterschaft an die Substanz geht, und ich wollte, verdammt noch mal, das Video von ihm zeigen, wie er mit seiner kleinen Ukulele auf dem Balkon steht und pöbelt. Weil es so niedlich ist, dass ich vor Verzückung hüpfen muss. Außerdem langweile ich mir bei den Geschichten von Meetings und Greetings auch gern mal die Beine ab. Es ist ja nicht so, dass es spannender wäre zu hören, wie der Senior Account Head of Großraumbüro zwei Tage Aufschub für die Überweisung der Produktionskosten herausgehandelt hat. Mit meinen besten Freunden haben wir deshalb vereinbart, dass wir uns sofort sagen, wenn uns das Gespräch über ein Thema zu viel wird. So können sie rufen: Laaangweilig!, wenn ich dabei bin, alle Worte aufzuzählen, die mein Sohn schon sprechen kann, und ich bitte um Gnade, wenn sie seit zwanzig Minuten diskutieren, wie der Glow bei einem Produkt gesetzt ist, das allerhöchstens 1,3 Sekunden im Bild ist. Jedes Gesprächsthema wird gleich behandelt. Das kriege ich bei Leuten, die ich nicht so gut kenne, noch nicht so ganz hin. Noch immer betone ich als Erstes, wie wichtig mir mein Job und die Dinge sind, die ich für mich mache, dass ich eben nicht »nur« Mutter bin. Aber inzwischen zwinge ich ihnen zumindest ein paar Fotos von meinem Superjunior auf.

Wie halte ich Smalltalk:

• Ich versuche, das Thema Kind und Mutterschaft als ein Gesprächsthema von vielen zu betrachten.

• Mit engen Freunden habe ich die Vereinbarung, dass wir uns Bescheid sagen, wenn einer zu viel über eine Sache redet. Das gilt aber für ALLE Themen. Dieses Prinzip versuche ich, auch bei anderen anzuwenden.

• Ich wähle aus, was ich erzähle. Den Muttermund lasse ich bei den meisten Menschen genauso geschlossen wie die vollgekackte Windel. Alle anderen Themen bewerte ich auf meiner eigenen Langweiligkeitsskala und erzähle nur das, was ich selbst auch spannend finde.

• Treffe ich eine Vollzeitmutter, erzähle ich ihr von meiner romantischen Vorstellung, wie ich den Sohn Vollzeit betreue, dass ich dazu nicht die Geduld habe, aber trotzdem toll finde, wenn Mütter sich dafür entscheiden.

Geht nicht, ich stille noch!

Die Einsamkeit einer stillenden Mutter.

Meine Stillbeziehung ging nach sechs Monaten wegen unüberbrückbarer Differenzen in die Brüche. Als nach der Geburt die Milch einschoss und meine Brüste so groß wurden wie die von Domenica, wäre für mich eigentlich folgende Reaktion logisch gewesen: »Ich lasse das mit dem Stillen, wenn diese Monster nur wieder kleiner werden und sich nicht mehr anfühlen wie mit Sirup gefüllte Luftballons kurz vorm Platzen.«

Aber ich habe das Thema Stillen nicht eine Sekunde in Frage gestellt, weil für die ganze Welt klar war: Neugeborene werden mindestens ein halbes Jahr gestillt. Alle haben das gemacht. Alle fanden es das Beste fürs Kind.

Dabei hat es anfangs überhaupt nicht geklappt. Mein Sohn wollte einfach nicht. Der Höhepunkt dieser krampfhaften Versuche, ihn an die Brust zu kriegen, spielte sich noch im Krankenhaus ab. Eine Stillberaterin mit sehr haarigen Armen wollte mein Kind ums Verrecken dazu bringen, aus meiner Brust zu trinken. Dabei achtete sie weder darauf, dass es ausflippte und wie am Spieß brüllte, sie es ständig auf meine Kaiserschnittnarbe drückte und ich nur noch dasaß und versuchte, nicht vor Schmerzen und Verzweiflung zu heulen. Ich habe mich so unmündig und fremdbestimmt gefühlt. Schließlich hatte gerade eine wildfremde Frau meine Brüste gepackt und versucht, sie meinem schreienden Baby in den Mund zu stopfen. Niemanden interessierte, ob ich oder mein Kind das überhaupt wollten. Ich wurde nicht einmal gefragt. Zum Glück ging mein Mann dazwischen und brach den Versuch ab. Mir wurde gesagt, dass ich Milch abpumpen und das Kind damit füttern soll, bis es mit dem Stillen klappt. Und das war dann auch schon der nächste erniedrigende Moment. In einem für alle frei zugänglichen Zimmer standen die Milchpumpen wie Melkmaschinen und saugten in rhythmischen Intervallen Nahrung für das Kind aus mir heraus. Gut daran war, dass der Mann so das Füttern übernehmen konnte. Schlecht war, dass ich mich wie eine Kuh beim Melken fühlte, nur mit dem Unterschied, dass ich schon mal eine Intim- und Privatsphäre hatte. Als wir wieder zu Hause waren, klappte es zwar mit dem Stillen, aber richtig glücklich hat mich das nicht gemacht. Mein Sohn trank alle drei Stunden für mindestens eine Dreiviertelstunde. Zwischendurch habe ich am Tag eine Mahlzeit abgepumpt, damit mein Mann eine Nachtmahlzeit füttern konnte. Das bedeutet, ich habe jeden Tag um die sieben Stunden gestillt und abgepumpt. Und weil ich leider nicht zu den selbstbewusstesten aller Mütter gehöre, habe ich nur im äußersten Notfall meine nackten, monströsen Brüste der Öffentlichkeit präsentiert, auch weil der gesamte Stillprozess ja immer eine ganze Stunde dauerte und mein Sohn immer genau in dem Moment, in dem meine nackten Brüste rausguckten, wie am Spieß zu schreien begann. Ich verbrachte also das erste halbe Jahr mit Kind überwiegend im Dunstkreis unserer Wohnung, damit ich schnell zum Stillen nach Hause konnte.

Deshalb: Nein, ich fand es nicht praktisch, seine Mahlzeiten immer dabeizuhaben. Zumal ich sie nicht wie ein Fläschchen einfach ins Regal zurückstellen konnte, wenn er mal eine verschlafen hatte. Stattdessen wurden meine Brüste noch größer und sahen aus wie Blumenkohl, weil sich die Milch staute und sich schmerzhafte Knubbel bildeten. A propos wehgetan: Dass die Nippel andauernd wund waren und ich dann mit Kohlblättern oder Kühlstreifen auf den Brüsten auf dem Sofa beziehungsweise im Bett lag, hat auch nicht unbedingt dazu geführt, dass ich mich zum nächsten Wet-T-Shirt-Contest anmelden wollte. Und wo wir gerade dabei sind, dieses Gefühl, wenn der Milcheinschuss in den Brüsten sticht wie tausend Stecknadeln, gehört jetzt auch nicht zu den Dingen, an die ich mit einem schwelgerisch-sehnsüchtigen »Hach!« zurückdenke. Genauso wenig wie an die Brustentzündung, während der ich nur eine Seite gestillt und die andere Seite parallel abgepumpt und dann gefüttert habe – und das mit Fieber und Schüttelfrost. Verlockend praktisch klingt für mich da eher folgender Gedanke: Ich mache eine Flasche und gebe sie dem Kind.

Trotzdem habe ich meinen Sohn ein halbes Jahr lang gestillt, weil es eben so empfohlen wird und weil es alle so gemacht haben. Ich hatte jedoch nicht das Gefühl, das Stillen habe unsere Beziehung intensiviert, und, von wegen Immunschutz, erkältet hat er sich trotzdem. Keine Frage, in manchen Regionen der Welt ist es unerlässlich, dass die Frauen stillen, und auch in unseren Breitengraden finde ich toll, wenn Frauen selbstbewusst und selbstbestimmt ihre Kinder überall stillen und das gern tun. Jetzt fehlt nur noch, dass alle auch die Frauen toll finden, die ihre Kinder, aus welchen Gründen auch immer, nicht stillen. Ich war auf jeden Fall sehr froh, als das Kapitel zu Ende war und mein Kind sich so freute, endlich etwas »Ordentliches« zu kriegen. Meine Brüste gehörten wieder mir, und zwar nicht diese drallen, schmerzenden Monsterteile, sondern die von vorher. Na ja, fast.

Nie wieder Stillterror:

• Ich würde beim nächsten Kind nicht noch einmal so lange stillen, wenn es sich wieder so anfühlen würde wie bei meinem Sohn.

• Ich würde die Kommentare von aggressiven Stillmüttern selbstbewusster zurückweisen und unsensible Stillberaterinnen schneller aus dem Zimmer werfen.

• Ich würde keine Stillklamotten mehr kaufen. Die sehen nämlich, selbst wenn sie modisch sind, meistens furchtbar aus. Zwei normale Tops oder Unterhemden übereinander haben mir völlig gereicht: Eins nach oben und eins nach unten ziehen und schon hängt zumindest der Bauch nicht mehr raus. Und es steht auch nichts Pfiffiges wie »Still good« oder »Milchbar« drauf.