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AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH

AVENGERS: Jeder will die Welt beherrschen

Roman von Dan Abnett – ISBN 978-3-8332-3772-0

Nähere Infos und weitere Bände unter:

www.paninibooks.de

EIN ROMAN AUS DEM MARVEL-UNIVERSUM

EWIGE JUGEND

STEFAN PETRUCHA

Aus dem Englischen
von Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Titel der Amerikanischen Originalausgabe: SPIDER-MAN: FOREVER YOUNG
by Stefan Petrucha, published by Titan Books, UK, October 2018

© 2019 MARVEL

Spider-Man created by Stan Lee and Steve Ditko

Editor: Stuart Moore

Cover art by Ed McGuinness and Teo Gonzales

VP Production & Special Projects: Jeff Youngquist

Assistant Editor: Caitlin O’Connell

Associate Editor: Sarah Brunstad

Director, Licensed Publishing: Sven Larsen

SVP Print, Sales & Marketing: David Gabriel

Editor in Chief: C. B. Cebulski

Chief Creative Officer: Joe Quesada

President, Marvel Entertainment: Dan Buckley

Executive Producer: Alan Fine

Deutsche Ausgabe 2019 by Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87,

70178 Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: marketing@panini.de)

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Timothy Stahl

Lektorat: Peter Bondy

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDMAROM002E

ISBN 978-3-7367-9916-5

Gedruckte Ausgabe: 1. Auflage, Juni 2019, ISBN 978-3-8332-3773-7

Findet uns im Netz:
www.paninibooks.de

PaniniComicsDE

Für Stan Lee, ohne den …

genug gesagt.

TEIL EINS

JUGEND

Schnell wie der Blitz, der in geschwärzter Nacht

Himmel und Erd in einem Wink entfaltet.

Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: Schaut!

schlingt gierig ihn die Finsternis hinab.

So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein.

EIN SOMMERNACHTSTRAUM

von William Shakespeare

1

Kaum hatten sich Peter Parkers Finger von seiner Handfläche gelöst, schnappte er sich das Ende des dicken Fadens, der aus der umgeschnallten Düse an seinem Handgelenk schoss. Der Faden spannte sich, Peter schwang sich daran in einem weiten Bogen durch die Luft, und New York City verschwamm zu einem Schemen.

Mochte der Tod seines Onkels auch der ursprüngliche Auslöser gewesen sein, so gab es doch noch einen weiteren wichtigen Grund, weshalb Peter als Spider-Man gegen das Verbrechen kämpfte: Es gefiel ihm. Sich durch die Luft zu schwingen und in die Tiefe zu tauchen, scheinbar ins Leere zu springen und doch sicheren Halt zu finden, mit einem Satz von einem Fahnenmast zum nächsten Gebäude zu hüpfen, über Wände zu krabbeln und daran emporzuklettern … das war ein gutes Gefühl. So tun zu müssen, als wäre er nichts weiter als ein ganz normaler Durchschnittstyp, gab ihm hingegen das Gefühl, ein Rekordläufer zu sein, den man zwang, Bleischuhe zu tragen. Es war nicht so, dass er sich als Spidey mehr wie er selbst fühlte … aber er hatte das Gefühl, mehr er selbst sein zu dürfen.

Heute Abend jedoch drückten ihn seine Geldsorgen so sehr, dass er diesen wilden Achterbahntaumel einfach nicht genießen konnte. Trotz seines klugen Kopfes, der die Flüssigkeit, aus der das Netz entstand, und die Werfer dazu ersonnen hatte, und trotz der verhältnismäßigen Kraft, Geschwindigkeit und Flexibilität, die ihm in der Highschool durch den Biss einer radioaktiven Spinne zuteilgeworden waren, musste Spider-Man immerzu an all jene Dinge denken, die er nicht tun konnte.

Nicht zu fassen, dass ich meinen Motorroller verkauft habe und mir trotzdem noch nicht mal eine lausige Kinokarte zum halben Preis für die Nachmittagsvorstellung leisten kann! Oder Bücher. Oder etwas zu essen. Von der Miete ganz zu schweigen.

Auf dem Scheitelpunkt der Pendelbewegung, in der er sich befand, ließ er los, hatte für einen kurzen Moment das Gefühl zu fliegen und landete dann flach gegen die weiß getünchte Ziegelwand eines Gebäudes aus der Vorkriegszeit gepresst.

Wenn meine Wohnung kein fließend Wasser hätte, würde ich glatt verdursten.

Auf einem Eckvorsprung hockend zupfte er an einer Falte seiner Maske, die ihn im Nacken zwickte.

Reiß dich zusammen, Parker! Viele Leute haben nicht mal sauberes Wasser.

Er ließ den Blick über die stummen Gebäude schweifen, die Straßen und Bürgersteige, die im Licht der Laternen lagen, aber es tat sich nichts. Für gewöhnlich konnte er darauf bauen, dass ihn das hochtrabende „Ich werde dich vernichten!“ eines Superschurken oder das erschrockene „Mist, da ist Spider-Man!“ eines Straßenräubers ablenkte.

Aber in dieser Stille hatte er nur sich selbst.

Und was jetzt? Soll ich denn wirklich auf ein Verbrechen hoffen, damit ich ein paar Fotos für den Bugle schießen kann? Na ja … also … irgendwie schon.

Er lauschte aufmerksam, vielleicht übertönte der Lärm der Stadt ja einen Hilferuf. Aber selbst der Verkehr floss ungehindert und ruhig dahin. Eine Erkundung der Gegend erbrachte nichts weiter als ein paar verkehrswidrig geparkte Autos. Davon abgesehen war New York City, soweit er das beurteilen konnte, frei von Verbrechen, wohl zum ersten Mal überhaupt.

Als schließlich die Spätvorstellungen zu Ende gingen, füllten sich die Bürgersteige mit Menschen. Es waren teils Gruppen von Freunden, teils Paare.

Zeit, nach Hause zu gehen, bevor Harry von seinem Date mit MJ heimkommt. Möchte ja nicht, dass mein Mitbewohner und seine Freundin sehen, wie ich durch das Fenster in unser Apartment einsteige.

Er wählte den kürzesten Weg und schwang sich an den massigen Lagerhäusern des Textilviertels entlang. Als er eines der besonders alten passierte, spürte er ein leichtes Kribbeln von den Fingerspitzen bis in die Zehen und zurück bis ins Kreuzbein. Der Spinnensinn, der ihn vor drohender Gefahr warnte, schlug normalerweise eher wie eine fünfstimmige Alarmglocke an und ließ ihn mitunter reagieren, bevor er wusste, was eigentlich los war. Aber jetzt hatte er nur das Gefühl, von einem kalten Windhauch gestreift zu werden, der ihm eine Gänsehaut verursachte.

Ist ja peinlich, wie versessen du darauf bist, dass etwas passiert, Parker! Wann wirst du endlich erwachsen?

*

Silvio Manfredi stand allein in dem heruntergekommenen Gebäude und kam zu dem Schluss, dass er das Bedürfnis, erwachsen zu werden, mit seinen neunundachtzig Jahren schon lange hinter sich gelassen hatte. Sein Beiname sagte alles: Silvermane. So nannte man ihn seiner silbrig weißen Haare wegen. Er war der Anführer der Maggia, des größten kriminellen Syndikats der Stadt. Er war der Silberrücken, der Leitwolf und – mittlerweile seit Jahrzehnten – die Zielscheibe für jeden, der scharf auf seine Position war.

In seiner Branche war jedes Anzeichen von Schwäche tödlich. Silvermane durfte sich nicht damit begnügen, an der Spitze zu stehen, er musste dafür sorgen, dass ihn dort auch jeder sah – und dazu trug auch seine Kleidung bei. Der richtige Geschäftsanzug bedeutete Dominanz. Die richtige Waffe bedeutete, dass der Mann, der sie trug, damit umzugehen verstand. Das war der Grund, weshalb er heute – obgleich er seinen alten Homburger-Hut sowie den dunkelgrauen Nadelstreifenanzug und die zweifarbigen Schuhe durchaus vermisste – einen Brioni nach neuester Mode trug und anstatt seiner guten, alten Tommy Gun ein handliches kleines Teil, das vierhundertzwanzig Schuss in der Sekunde ausspucken konnte.

Die Erfahrung hatte ihn auch gelehrt, Gefahren zu wittern. Und als Caesar Cicero, der mopsgesichtige Anwalt, ihm nahegelegt hatte, nicht ohne Rückendeckung in dieses Lagerhaus zu kommen, hatten Silvermanes Nasenflügel gebebt. Ein guter Rat? Ja, sicher, aber das Gerede von Anwälten bedeutete oft vielerlei und war fast nie eindeutig. Cicero, Silvermanes ehrgeiziger Stellvertreter, forschte nach Schwächen, suchte nach Anzeichen, ob der alte Mann so gebrechlich geworden war, dass er, Cicero, sein Glück versuchen konnte.

Aber Silvermane war nicht darauf hereingefallen. Die Winkel und Ecken der Stadt bargen die Leichen von Hunderten Dummköpfen, die wichtige Aufgaben, so wie sein Gegenüber, irgendeinem Lakaien anvertraut hatten. Er musste es ja wissen. Schließlich hatte er die Hälfte dieser Leichen dort versteckt.

Also war Silvio Manfredi – trotz seiner Schmerzen und einer Hüfte, die beim Gehen knackte, sowie einer Herzschwäche, die ihm schneller zum Verhängnis werden konnte als die Kugel eines Killers – alleine gekommen, ohne auch nur einen einzigen Bodyguard.

Wäre es eine Falle gewesen, die man ihm gestellt hatte, dann hätte er auch das gewittert.

Aber während nun die Minuten verstrichen und er allein blieb und die Kälte allmählich in seine Knochen kroch, musste er sich ungeachtet aller Anzeichen von Schwäche eingestehen, dass der Tod eben doch auch der Tod war. Früher oder später würde der Punkt kommen, an dem es womöglich keine so gute Idee mehr war, auf seine alternden Instinkte zu vertrauen. Dreimal hatte er die Adresse vergessen. Und als er sie in dem Notizbuch nachgeschlagen hatte, in dem er jene Art von Informationen festhielt, die nur ein Narr irgendeinem digitalen Dingsbums anvertrauen würde, konnte er seine eigene Schrift kaum entziffern.

Weil er fürchtete, das Zittern könnte zurückgekommen sein, streckte er eine Hand aus. Sie war einigermaßen ruhig, aber die Finger, die einst Knochen hatten brechen können, waren so runzlig, dass sie ihn an die seiner Großmutter erinnerten.

Bei dem Gedanken an die sadistische alte Hexe wurde ihm schlecht. Wäre einer seiner Männer hier gewesen, hätte er ihn zusammengeschlagen, nur um diese Erinnerung aus sich herauszuprügeln. Als seine Mutter, die er wie eine Heilige verehrt hatte, ums Leben gekommen war, weil sie ihn vor einem sizilianischen Mobster beschützt hatte, der auf eine Vendetta aus gewesen war, kam Silvio in die Obhut seiner einzigen noch lebenden Verwandten. Diese Spinatwachtel war nie jung gewesen. Sie war schon verkalkt wie ein Grabstein, als er sie kennengelernt hatte, und mit ihren ersten Worten hatte sie ihn förmlich angespuckt:

„Se non fosse per te, mia figlia sarebbe ancora vivo!“

Wenn du nicht wärst, würde meine Tochter noch leben!

Weil ihre Hand zu arthritisch war, um sie zur Faust zu ballen, hatte sie ihn mit einem Holzlöffel geschlagen.

Doch bei Nacht, wenn sie glaubte, er würde sie nicht hören, hatte sie sich selbst ein Schlaflied gesungen, eine Weise, an die sie sich vage erinnerte, aus dem rauen Landstrich, in dem sie zur Welt gekommen war und wo nur die Schnellen und Starken überlebten und das Überleben an sich mehr galt als alles andere.

Wir sind zum Sterben geboren, sagt man.

Doch ich sag: Darin der Sinn nicht liegen kann.

Und wenn wir die Wahrheit gefunden haben,

werden wir uns am Nektar der Jugend laben.

Als der Holzlöffel zerbrach, stahl sie ihm die paar Münzen, die seine Mutter ihm hinterlassen hatte, und kaufte sich einen neuen, der aus Stahl bestand. Aber auch der war verbogen, nachdem sie ihn ein Jahr lang täglich damit verprügelt hatte.

Und seine Großmutter drohte ihm noch damit und sagte: „Anche sarai la mia motte!“

Du wirst auch mich noch ins Grab bringen!

Als sie dann endlich an einem Herzinfarkt starb, hoffte er inständig, dass es so gewesen war.

Silvermane versuchte gerade, sich an die zweite Strophe des Liedes zu erinnern, als ihn ein Hüsteln herumfahren ließ. Eine Gestalt mit Kapuze stand hinter ihm. Sie musste hereingekommen sein, während er seinen albernen Gedanken nachgehangen hatte – ein Fehler, den er sich nicht noch einmal erlauben durfte. Der andere war bereits bedrohlich nahe.

Silvermane unterdrückte jegliche Anzeichen von Überraschung und knurrte: „Sie haben sich verspätet.“

Die Gestalt reagierte mit einem nicht vollkommen respektlosen Schulterzucken, und eine Wellenbewegung durchlief ihren leuchtend grün-gelben Umhang. Das Kostüm sollte wahrscheinlich von dem Gesicht ablenken, das die übergroße Kapuze nur zu einem Teil verbarg.

Die Stimme war heiser und tief, ihr Alter schwer zu schätzen. „Man munkelte, dass Sie jemanden mitbringen würden. Ich musste mich erst davon überzeugen, dass Sie allein sind.“

Manfredi tat gekränkt. „Sie dachten, ich würde mein Wort brechen?“

Die Verachtung in der Antwort war offenkundig. „Soweit ich Ihre Geschichte kenne, haben Sie auch deshalb so lange überlebt, weil Sie dieses Wort nur dann halten, wenn es Ihnen zum Vorteil gereicht. Sie haben also begriffen, dass dem in diesem Fall so ist, und das freut mich.“

Silvermane zeigte seinem Gegenüber ein kleines Lächeln und trat ein wenig näher. „Ihre Informationen über den Lieferplan des Kingpins waren Gold wert. Sie haben also nichts von der Maggia zu befürchten, äh … wie soll ich Sie eigentlich nennen?“

„Schemer.“

Der Verschwörer? Um nicht laut loszulachen, zuzelte Silvermane an einem winzigen Stück Hühnchen, das seit dem Mittagessen zwischen seinen Zähnen steckte. „Na schön. Von mir aus können Sie sich auch Lady Gaga nennen, mir egal. Nachdem wir uns jetzt also miteinander bekannt gemacht haben – was kann ich für Sie tun, Schemer?“

„Es geht eher darum, was ich für Sie tun kann.“ Die Gestalt reichte ihm eine dicke Akte. „Ich weiß, dass Sie Ausdrucke bevorzugen.“

Die kleine Schrift war schwer zu entziffern, aber was Manfredi in den Überschriften las, ließ ihn sich wieder jung fühlen. „Das ist Fisks komplettes Verteilernetz! Wenn ich dieses Wissen richtig einsetze, könnte ich ihn ein für alle Mal ausschalten.“ Silvermane kniff die Augen zusammen. „Was haben Sie gegen den Kingpin? Hat er Ihre Liebste umgebracht oder etwas ähnlich Frevelhaftes?“

„Das ist meine Sache.“

„Natürlich, gewiss. Es ist nur so, dass …“

Die Erfahrung hatte ihn außerdem gelehrt, niemandem zu vertrauen, solange er dessen Schwächen nicht kannte. Deshalb spielte er den alten Mann, täuschte einen Schwindelanfall vor und stolperte nach vorn – in der Absicht, dem Schemer die Kapuze vom Kopf zu reißen.

„… ich keine Geheimnisse mag!“

Entweder war er langsamer geworden, als er gedacht hatte, oder der Schemer war ungeheuer schnell. Silvermanes Finger griffen ins Leere, der Schemer war ihm bereits ausgewichen. Silvermane spannte sich in Erwartung eines Gegenangriffs. Doch der Schemer war nur rasch auf sichere Distanz gegangen und wartete auf Silvermanes nächsten Zug.

„Das war dumm“, stellte der Schemer fest.

Er hat recht. Ich muss wie ein Idiot ausgesehen haben. Wenn dieser Trottel das in einer Bar erzählt, weiß in einer Stunde die ganze Stadt Bescheid. Und wenn Cicero davon erfährt …

Silvermanes Finger zuckte am Abzug der Waffe in seiner Tasche. Eigentlich wollte er den Schemer am liebsten auf der Stelle umlegen. Auf der anderen Seite wollte er seine Pipeline zum Kingpin nicht verlieren. Was war klüger? Seine Unentschlossenheit machte ihm Angst.

Wie aus heiterem Himmel hatte er auf einmal das Gefühl, ein unsichtbarer Elefant hätte sich auf seinen Brustkorb gesetzt. Silvermane stöhnte, fasste sich an die Brust und fiel auf die Knie.

Erst als der Anführer der Maggia sich vor Schmerz auf den linken Oberarm schlug, war der Schemer überzeugt, dass der Herzanfall echt war, und kam näher. „Brauchen Sie Hilfe? Einen Arzt?“

Aufgebracht über das Mitleid in der Stimme des anderen hob Silvermane seinen tränenden Blick und starrte in den Schatten unter der Kapuze. „Weg da! Was kümmert es Sie, ob ich lebe oder sterbe?“

„Nichts.“ Die Verachtung war wieder da. „Ich möchte nur sicher sein, dass meine Informationen auch Verwendung finden. Wenn nicht durch Sie, dann eben durch Ihren Nachfolger.“

„Nachfolger? Es wird keinen Nachfolger geben. Ich werde sie verwenden. Und jetzt gehen Sie, hauen Sie ab! RAUS!“

*

In dem eleganten Bürogebäude, das über Hell’s Kitchen aufragte, hatten sich im Konferenzraum des Kingpins sowohl getreue Berater als auch gedungene Schläger versammelt. Im Großen und Ganzen wussten die Schläger, dass es nur den Beratern erlaubt war, hier das Wort zu ergreifen, aber der Neue unter ihnen, Tommy Tuttle, ein junger Bursche mit auffallend hohen Wangenknochen, musste das erst noch lernen.

„Und was sehen wir da jetzt, Boss?“

Wilson Fisk alias der Kingpin fühlte sich in seinem Gedankengang unterbrochen. Er drehte sich um und schaute Tommy an. Dabei knarrte sein maßgefertigter Lederstuhl wie der Rumpf eines Segelschoners. In der Hoffnung, dass sein wütender Blick genug sagte, wandte Fisk sich wieder dem Bild zu, das an die Wand projiziert wurde.

„Die feinen Linien sind wunderschön, Wesley, geradezu hypnotisch. Ich verstehe durchaus, warum du so besessen davon bist. Aber wie kann dieses … Artefakt dazu beitragen, meine Organisation wieder an die Spitze zu bringen?“

„Das ist eine Schatzkarte, Mr Fisk, ein Schlüssel zum größten Geheimnis aller Zeiten. Dafür sind im Lauf der Jahrhunderte Menschen gestorben, aber abgesehen von wilden Mutmaßungen weiß niemand mit Bestimmtheit, worin dieses Geheimnis besteht, weil noch niemand es entschlüsseln konnte.“

Die Antwort war offenbar unvollständig. Zweifellos erwartete der Mann mit der Brille, dass sein Arbeitgeber selbst auf den Rest kam. Das mochte Wilson so an Wesley. Unter anderem.

„Und Sie glauben, dass Sie es können?“

„Nicht ich selbst, nein, aber ich habe eine Reihe von Kandidaten gefunden und sie bis auf einen aussortiert. Er sollte leicht … beizubringen sein.“

Fisk knetete sich mit den Fingern flüchtige Muster ins Kinn. „Wo befindet sich das Artefakt jetzt?“

„Die National Science Foundation hat es an verschiedene Universitäten geschickt, in der Hoffnung, dass es einer gelingt, den Code zu knacken. Derzeit wird es in der Empire State University ausgestellt.“

Tommy meldete sich wieder zu Wort. „Da ist es leicht abzugreifen. Was haben die dort schon? Ein paar Profs mit Bärten und Lederflicken an den Ellbogen?“

Obwohl es schon der zweite Verstoß war, hielt Fisk seinen Blick auf die Tafel gerichtet. Die armseligen Versuche des Burschen, sich den Spitznamen Tommy „The Talker“ zu verdienen, halfen ihm nicht weiter. Aber irgendetwas an dem Knaben erinnerte Fisks Frau an ihren gemeinsamen Sohn, und deshalb versuchte er abermals, über die Störung hinwegzusehen.

Zum Glück schritt Wesley ein. „Tatsächlich hat die Fakultät eine Sicherheitsfirma mit der Bewachung der Tafel beauftragt, Sir. Der Name des Unternehmens ist Tech-Vault. Auf den ersten Blick scheint Tech-Vault sauber zu sein, aber in Wirklichkeit gehört die Firma der Maggia. In neunzig Prozent aller Fälle leistet sie für ihre Kunden gute Dienste, allerdings lässt sie ihren Besitzern auch Hinweise zukommen, wenn Dinge von besonderem Wert in die Stadt transportiert werden.“

Fisks Aufmerksamkeit war geweckt. „Und weiter?“

„Soweit ich weiß, hält der Consigliere, Caesar Cicero, die Tafel für zu berühmt, als dass sie auf dem Schwarzmarkt einen hohen Preis erzielen könnte. Ich bezweifle, dass er sie Silvermane gegenüber auch nur erwähnt hat.“

„Aber die Maggia hat keine Ahnung, wie die Gravuren der Tafel zu übersetzen sind – wir dagegen schon.“ Fisks Augen funkelten. „Wesley, Sie haben sich selbst übertroffen. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, die Maggia dumm dastehen zu lassen. Wenn ich Silvermane dieses Artefakt vor der Nase wegschnappe, sende ich damit genau das richtige Signal. Und sollte sich diese Legende um das größte Geheimnis der Welt als wahr erweisen, dann ist das ein schöner Extrabonus, ganz egal, worum es dabei geht.“

„Danke, Sir! Jetzt brauchen wir nur …“

Wesley verstummte. Aller Augen richteten sich auf die Tür.

Erst ärgerte sich der Kingpin nur über diese neuerliche Unterbrechung, aber als er herumfuhr und sah, wer da hereingekommen war, spürte er, wie seine wütende Miene zu der eines verletzlichen Kindes zerschmolz. Die Gegenwart dieser hochgewachsenen, schlanken Frau, das vollkommene Schwarz ihrer Haare, in der Mitte durchbrochen von einer gleichermaßen vollkommen weißen Strähne, war ein völlig angemessener Grund, um seine Mitarbeiter zum Schweigen zu bringen.

„Vanessa, meine Liebe …“

Vanessa erwiderte seinen verliebten Blick mit einer kühleren Version. „Verzeih mir die Störung …“

Der Kingpin besann sich seiner selten genutzten Manieren und erhob sich, wobei sein Bauch den Tisch um einen Zoll nach hinten schob. „Aber nicht doch. Du wirst nie einen Grund haben, mich um Verzeihung zu bitten.“

Sie war im Begriff, ihn zu berühren, tat es aber nicht. „Ich wollte ja warten, aber ich habe das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Ich habe gerade mit einem früheren Mitschüler unseres Sohnes gesprochen. Er hat gesagt, Richard sei niedergeschlagen gewesen, bevor er zu seinem Skiausflug aufgebrochen ist, und jetzt kann ich nicht aufhören, mir Sorgen zu machen.“

Das vertrauliche Thema überraschte niemanden. Wilson und seine Frau verhielten sich oft so, als sprächen sie unter vier Augen miteinander – nicht weil die Welt ihnen egal war, sondern weil sie die Macht hatten, die anderen warten zu lassen.

„Ist denn heutzutage jeder Studienabbrecher bereits ein lizenzierter Therapeut?“ Er schenkte ihr ein bittendes Lächeln. „Dein Herz ist so groß, ich habe dich schon angesichts des Sonnenuntergangs weinen sehen. Richard genießt seine Freizeit, das ist alles – er nutzt sie, um über die Dinge nachzudenken, die alle jungen Männer beschäftigen, bevor für sie das Erwachsenenleben anfängt.“

Da eine umgehende Antwort ausblieb, wurde er stutzig. Sie sah aus, als würde sie in ihrem Inneren mit einer dunklen Wolke ringen, mit einer Angst … oder mit Zweifeln.

„Wilson, gibt es da etwas, das du mir nicht sagst?“

Seine Lider flatterten. „Natürlich nicht. Vanessa. Ich würde dich doch nie belügen.“

Tommy the Talker murmelte etwas, als wollte er zustimmen. Fisk biss die Zähne zusammen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Wesley das Handgelenk des jungen Mannes hart packte.

„Wie kann ich mir dessen sicher sein“, erwiderte Vanessa, „wo du andere doch so geschickt belügst?“

Die Worte trafen ihn. „Was? Weil ich dich liebe. Du und Richard, ihr seid der Mittelpunkt meines Lebens, ihr seid alles, was mich antreibt.“

Die Stirn gerunzelt, als würde sie seine Antwort nicht gänzlich akzeptieren, wandte sie sich zum Gehen. Der Anblick, wie das Kleid in der Drehung ihre Figur umfloss, schmerzte ihn. Als Mädchen hatte sie mit Depressionen zu kämpfen gehabt. Jetzt wirkte sie in ihrer trüben Stimmung wie ein grauer Geist, der sich nach einem kurzen Besuch unter den Lebenden wieder hinter seinen Schleier zurückziehen musste. Wilson konnte ihr die Welt zu Füßen legen – aber vor den Abgründen ihrer eigenen Gefühle konnte er sie nicht beschützen.

*

Es war so still im Raum, dass niemand Tommy Tuttles Flüstern überhören konnte.

„Oh Mann! Diese Frau ist das Einzige auf der Welt, wovor der Kingpin Angst hat.“

Fisk drehte sich wie ein riesiger Globus auf seiner Achse und nagelte den Burschen mit seinem Blick fest. „Ich zeige dir, was Angst ist.“

Er stapfte los. Mühelos stieß er den Konferenztisch beiseite.

Tommy hatte im Fernsehen einmal den Angriff eines Flusspferds gesehen und wusste, wie tödlich diese tonnenschweren Biester sein konnten. Der Kingpin war doppelt so schnell. Dennoch, als ihm der erste Schlag nicht gleich eine gnädige Ohnmacht bescherte, hoffte Tommy, dass die Abreibung schon nicht so schlimm werden würde. Er wusste, dass er eine Lektion verdiente. Er hatte noch nie den Mund halten können.

Erst als der fünfte Hieb seine hohen Wangenknochen allmählich flach klopfte, wurde ihm klar, dass Fisk ihn absichtlich nicht bewusstlos schlug, damit er jede Sekunde des Schmerzes spürte.

„Niemand spricht über meine Frau. Niemand.“

2

Peter war schon spät dran für den wichtigsten Termin des Tages und eilte über die Plaza inmitten der Empire State University. Er konzentrierte sich ganz darauf, nicht zu schnell zu rennen, als ihn ein Klaps auf den Rücken zusammenfahren ließ.

„Du bist Peter Parker, stimmt’s?“

Das Gesicht, in das er blickte, war freundlich, aber fremd. „Äh … ja, wenn du kein Geldeintreiber bist …?“

Der Fremde reichte ihm die Hand. „Randy Robertson. Robbie Robertson ist mein Dad.“

Lächelnd ergriff Peter die ihm dargebotene Hand und versuchte, sich zu erinnern, ob der Lokalredakteur des Daily Bugle je erwähnt hatte, dass sein Sohn auf die ESU ging. „Ach ja!“

„Mein Dad hat gesagt, einer seiner freiberuflichen Fotografen sei hier eine Berühmtheit.“

„Eine Berühmtheit? Wohl kaum. Hey, ich freu mich, dich zu sehen, aber …“ Das „Ich bin spät dran!“ blieb ihm im Hals stecken. Randy wirkte auf dem Campus so neu wie die Sneaker an seinen Füßen. Auf eine Minute mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht an. „Wie geht’s denn so? Kann ich dir helfen, irgendwas zu finden? Café? Klo? Gehört ja zusammen irgendwie.“

Randy zuckte die Schultern. „Nein, ich komm schon klar, wollte nur mal das Gesicht zum Namen sehen. Du bist auch wegen der Demo hier, oder?“ Er wies mit dem Kopf in Richtung einer großen Gruppe von Leuten, die nur ein paar Meter weiter Transparente vorbereitete.

Wow! Wie kann ich die übersehen haben? Das müssen hundert sein.

Der Aktivist Josh Kittling, die wahre Berühmtheit der Universität, stand in der Menge. Sein Blick traf Peter, die sonore Stimme dröhnte aus seinem mageren Körper. „Peter, schnapp dir einen Filzschreiber. Wenn du nicht für uns bist, dann bist du gegen uns!“

Peter hatte das Gefühl, die Hälfte der Menge hielte inne, um ihn anzustarren.

„Äh … für oder gegen was bin ich denn genau?“

„Na, du bist ja voll informiert.“ Kittling zeigte quer über die Plaza auf die Ausstellungshalle. „Das alte Steinding, das da zurzeit zu sehen ist, bringt nicht die Spendengelder ein, die man sich erhofft hat, deshalb will die Verwaltung zehn Millionen in die Renovierung des Gebäudes stecken. Aber wir wollen, dass das Geld für bedarfsorientierte Stipendien bereitgestellt wird.“

Kittling hatte oft recht, aber nicht immer. Aus Angst davor, welcher Teufel hier im Detail stecken mochte, zögerte Peter, seine volle Unterstützung anzubieten. „Ich weiß nicht … vielleicht käme ja nach der Renovierung der alten Bude genug Geld herein, um die Stipendien zu finanzieren. Zwei Fliegen mit einer Klappe, verstehst du?“

„Wir haben die Sache durchgerechnet, mein Freund. Es ist Zeit, zu handeln.“

Mannomann! Ich mag den Typen ja, aber nach unserem letzten Gespräch wär ich um ein Haar auf einem Ponton gelandet, um Jagd auf lecke Öltanker zu machen. Ich bin ja für den Umweltschutz, aber einer muss auch hierbleiben, um Superschurken zu bekämpfen.

„Ich würde gern mehr darüber hören, Josh, aber ich bin spät dran.“

„Schon klar. Ich bin sicher, dein Termin ist wichtiger, als zu verhindern, dass die Unternehmenskultur unsere Ausbildung zunichtemacht.“

Jetzt buhte die Menge Peter aus, bis Randy das Wort ergriff. „Macht mal halblang. Ihr wisst doch gar nicht, was er zu tun hat.“

Kittlings mitleidiges Kopfschütteln machte Peter fast wütend. „Er steht nicht zur Gemeinschaft, mehr muss ich gar nicht wissen.“

Nachdem man ihn jahrelang als Bücherwurm verhöhnt hatte, brannte Peter darauf, allen ganz genau zu verklickern, wofür er als Spider-Man stand. Aber das konnte er nicht. So versuchte er, die Buhrufe in seinem Rücken zu ignorieren, und ging zähneknirschend seiner Wege.

Ihm tat schon der Kiefer weh, so fest biss er die Zähne zusammen, trotzdem klappte ihm die Kinnlade erst runter, als er die Plaza hinter sich gelassen hatte und Gwen Stacy erblickte. Sie stand mit den Schultern an die Fassade der Coffee-Bean-Filiale gelehnt da, ihre Bücher an die Brust gedrückt. Die Art und Weise, wie ihr Gesicht erstrahlte, als sie ihn entdeckte, ließ ihn plötzlich erkennen, wie schön das Wetter war.

„Hey, buh!“, rief sie.

Er trabte zu ihr. Sie hielt ihm einladend die Wange hin, und er platzierte mit Vergnügen das gewünschte Küsschen darauf.

„Hast du die Demo gesehen?“

„Hm“, knurrte er. „Bist du sicher, dass du nicht hierbleiben und mitmachen willst? Bis wir aus Queens zurück sind, haben Josh und die anderen wahrscheinlich ganz Manhattan, die Bronx und Staten Island noch dazu eingenommen.“

„Und dafür soll ich versäumen, wie du alte Songtexte zitierst? Niemals. Außerdem habe ich die Petition bereits unterzeichnet und an den Dekan geschrieben.“

„Es gibt eine Petition? Wir haben einen Dekan?“

Sie schlug ihm auf die Schulter und zog ihn in Richtung U-Bahn. „Und Hörsäle auch. Komm, ich erzähl dir auf dem Weg zu deiner Tante davon.“

Das Rattern der Bahn war zu laut, um sich zu unterhalten, deshalb begnügte Peter sich damit, Gwen zu betrachten. Selbst ohne ihr platinblondes Haar, die Rehaugen und ihre gefällige Figur wäre er hoffnungslos in sie verliebt gewesen. Als Tochter eines Captains der Polizei hatte sie ein starkes moralisches Bewusstsein entwickelt und ein noch stärkeres Rückgrat, wenn es darum ging, für das einzustehen, woran sie glaubte. Die einzige bange Frage, die er sich im Zusammenhang mit Gwen je stellte, war diese: Was um alles in der Welt wollte sie von einem wie ihm?

Natürlich war ihre Beziehung nicht die übliche Geschichte zwischen einem Jungen und einem Mädchen. Es war eher die Geschichte zwischen einem Jungen, einem Mädchen und einer Geheimidentität, in die sich immer wieder Superschurken einmischten. Meteor, Rhino, Molten Man, der Geier, der Grüne Kobold, der Shocker, die Echse und wer weiß, was da noch für komische Namen auf ihn zukommen würden.

Als er in seine erste Vorlesung an der ESU geschlurft und durch irgendeine Spidey-Angelegenheit abgelenkt gewesen war, hatten ihn alle für hochnäsig gehalten. Aber das Mädchen, das sich jetzt an ihn kuschelte, hatte Flash Thompsons Avancen ignoriert und war zuerst auf Peter zugegangen. Warum? Vielleicht hatte sie von ihrem Vater ja auch einen Riecher für Geheimnisse geerbt. Trotzdem, wann immer er sich in einem Notfall „geheimnisvoll“ aus dem Staub machte, tat sie ihn als Feigling ab, wie alle anderen auch.

Auf halber Strecke zu ihrem Ziel hielt die Bahn an, die Türen öffneten sich zischend. In diesem kurzen Moment der Ruhe lehnte Gwen sich zu ihm herüber und flüsterte etwas.

„Was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt, ich bin froh, bei dir zu sein.“

Er zog sie näher zu sich heran. „Ja, ich hab dich schon beim ersten Mal verstanden. Ich wollte nur, dass du es noch mal sagst.“

Als MJ angefangen hatte, Andeutungen zu machen, dass Gwen mehr als nur freundschaftliche Gefühle für ihn hegte, hatte er es einfach nicht kapiert. Sogar als Gwen selbst sagte, sie schwärme für einen „schüchternen braunhaarigen Biker“, hatte er gedacht, sie mache Witze.

Ein Stups gegen die Schulter brachte ihn zurück in die Gegenwart. „Wir sind da, schöner fremder Mann.“

„Was?“

„Ich dachte, du magst alte Songs.“

„Ach so, ja. Stimmt.“

Sie stiegen aus. Es war Mittag, und entsprechend dicht war das Gedränge auf dem erhöht liegenden Bahnsteig von Forest Hills. Peter übte sich in Ritterlichkeit und bahnte seiner Freundin den Weg.

Er war nie perfekt darin gewesen, um ein Mädchen zu werben. Bei ihrem ersten Date hatte er vergessen, dass sie, genau wie er, Naturwissenschaften studierte. Als er allerdings damals zurückgekommen war, nachdem er sich zuvor verdrückt hatte, um gegen Dr. Octopus zu kämpfen, hatte sie ihn nicht Feigling genannt, sondern fest in die Arme geschlossen und ehrlich Angst gehabt, er könnte verletzt worden sein.

Das brachte ihn zum Nachdenken.

Oder vielmehr brachte es ihn dazu, zur Abwechslung einmal mit dem Nachdenken aufzuhören.

Als sie Arm in Arm die von Bäumen gesäumten Straßen seines alten Viertels entlangspazierten, fragte er sich, warum er das alles nicht ihr erzählte. Aber mochten sie sich auch sonst über jedes nur denkbare Thema unterhalten, hielt er sich in diesem Punkt doch zurück und ließ sie nie ganz an sich heran. Dieselbe Distanz, die er zu allen anderen wahren musste, warf nun auch ihren Schatten auf seine Zeit mit Gwen.

Das merkte sie natürlich. Das Offensichtliche zu leugnen, war zu seinem persönlichen Klischee geworden.

„Ein Penny für deine Gedanken?“

„Da wärst du um dein Geld betrogen, Gwen.“

Er hätte sagen können, dass er sich um Tante May sorgte. Das stimmte ja auch. Als Peter zu Hause ausgezogen war, um sich im Village ein Apartment mit Harry zu teilen, war Anna Watson, die Tante von Mary Jane, bei der Frau, die ihm die Mutter ersetzt hatte, eingezogen. Vor ein paar Tagen hatte Mrs Watson ihm zugetragen, dass es Tante May nicht gut gehe, und er hatte bis heute keine Gelegenheit gefunden, sie zu besuchen.

Aber das war nicht alles, woran er dachte. Und Gwen nicht die ganze Wahrheit zu sagen, wäre ihm vorgekommen, als würde er sie kränken.

„Warum suche ich mir immer die schweigsamen Typen aus?“

„Was?“

„Schon gut.“

Als sie auf die Tür des schlichten zweistöckigen Hauses zugingen, öffnete seine angeblich unpässliche Tante, bevor er klingeln konnte.

„Peter!“

Ihr Gesicht strahlte trotz der wohlverdienten Falten, und ihr Lächeln war kraftvoll.

Er küsste sie auf die Wange. „Da hat aber jemand seine Tanzschuhe angezogen. Mrs Watson hat gesagt, es gehe dir nicht so gut.“

„Unsinn, hör nicht auf sie! Ich fühl mich stark wie ein Löwe, vor allem, wenn mich mein Neffe besucht!“ Sie sah von ihm zu Gwen. „Meine Güte, ihr beide seid ja wirklich oft zusammen!“

Gwen umarmte sie beim Eintreten. „Ich hoffe, Sie missbilligen das nicht, Mrs Parker.“

Tante May hob eine Hand an die Lippen. „Missbilligen? Das klingt ja ernster, als ich dachte. Ich kann nur sagen, ihr habt eine alberne, sentimentale alte Frau sehr glücklich gemacht.“

Anna Watson gesellte sich zu ihnen. Sie war seltsam still. Peter stellte seine Geheimnisse für die nächsten paar Stunden hintan. Er trank Tee, aß Plätzchen und genoss das seltene Gefühl, Teil von etwas zu sein, von einer Familie. Und dass Gwen auch dazugehörte, machte das Ganze vollkommen.

Als sie später dann gingen, hakte Gwen sich bei ihm unter. „Die Augen dieser Frau strahlen wie die eines Neugeborenen. Wenn man von so jemandem aufgezogen wird, ist es kein Wunder, dass so etwas Besonderes wie du dabei herauskommt.“

*

Kaum hatte Peters einzige noch lebende Verwandte die Tür geschlossen, eilte Anna Watson zu ihr und stützte sie, damit sie nicht zusammenklappte. Dann führte sie May zur Couch und half ihr, sich hinzulegen.

Als ihre Freundin es schließlich bequem hatte, verdüsterte sich Annas Miene. „May Parker! Warum hast du ihm nichts von deinen Testergebnissen gesagt? Du kannst ihn nicht für immer in Watte packen – er ist erwachsen. Er hat ein Recht, Bescheid zu wissen.“

May winkte mit einer schwachen Geste ab. „Ich weiß, Anna, ich weiß.“ Sie drehte ihr Gesicht in die Nachmittagssonne, die durch das Fenster hereinschien und gelbe Spuren im Weiß ihrer Augen enthüllte. „Aber Peter war immer so bekümmert, schon seit er ein Kind war, und mit seiner Freundin hat er so glücklich ausgesehen. Ich habe es nicht über mich gebracht, ihm das zu verderben.“

„Tss“, machte Anna Watson, aber mehr ließ sie nicht verlauten.