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Das Buch

Hamburg. Als in einem Schiffscontainer fünf tote Mädchen entdeckt werden, ist der Skandal groß. Denn bei den fünf hat man Plüschtiere mit dem Logo des Hamburger Pharmakonzerns Astrada gefunden. Sind sie Opfer von illegalen Medikamentenversuchen geworden? Doch Astrada und sein charismatischer CEO Erik Freimuth bestreiten jede Art von Beteiligung. Iliana Kornblum ist alarmiert. Als Wissenschaftlerin bei Astrada ist sie mit verantwortlich für den sensationellen Erfolg des Medikaments Bimini. Erstmals ist es mit diesem aus Blutplasma gewonnenen Mittel gelungen, Alzheimer zu heilen. Auch Ilianas eigener Vater ist nach langer Krankheit körperlich und geistig wieder völlig gesund. Als Iliana nun auf einmal damit beauftragt wird, die Weiterentwicklung von Bimini für die Behandlung von Parkinson voranzutreiben, und als plötzlich ihr Chef, der Forschungsleiter von Astrada, spurlos verschwindet, kommt Iliana ein schrecklicher Verdacht. Auf einer Festplatte findet sie schließlich dubiose Versuchsdaten und erschreckende Bilder. Was verbirgt Freimuth vor ihr und der Welt? Und warum mussten dafür fünf Mädchen sterben? Iliana beschließt, heimlich selbst nachzuforschen – und stößt auf auf ein grausiges Geheimnis. Denn für das ultimative Medikament ist Freimuth offenbar bereit, auch Tote in Kauf zu nehmen. Ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Der Autor

Jens Lubbadeh ist freier Journalist und hat bereits für Die Zeit, NZZ, Bild der Wissenschaft, Technology Review, Spiegel Online und viele weitere Print- und Digitalmedien geschrieben. Für seine Arbeit wurde er mit dem Herbert Quandt Medien Preis ausgezeichnet. Mit seinen Wissenschaftsthrillern Unsterblich und Neanderthal hat er Kritiker und Leser gleichermaßen begeistert. Jens Lubbadeh lebt in Berlin.

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Jens Lubbadeh

TRANSFUSION

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2019 by Jens Lubbadeh

Copyright © 2019 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-24014-1
V004

diezukunft.de

1

Die Sonne sandte ihre Strahlen über den Hamburger Hafen, und die Kräne schienen ihre Hälse ins Licht zu recken. Wie eine Parade empfingen sie den Giganten, der langsam an ihnen vorbeizog. Stolz und schwer steuerte die »Adinath«, ein Containerschiffkoloss der India Trade Company, auf ihr Ziel zu: Terminal 13. Dort würde das Schiff seine Fracht entladen. 15.000 Container würden von seinem Rücken gehoben werden, Klötzchen für Klötzchen, wie ein großes Lego-Spiel.

Gregor Baumann dachte, dass er den besten Job der Welt hatte, als er dieses Schauspiel von seinem großen Fenster aus beobachtete. Die Sicht vom Zolltower war unschlagbar und lenkte ihn davon ab, die Röntgenanlage vorzubereiten, die einen der Container der »Adinath« durchleuchten würde, als Stichprobe auf Schmuggelware. Unten sah er schon seine Kollegen von der Zollfahndung. Es war 7.59 Uhr. Sie waren spät dran.

Laut Frachtbrief hatte das Containerschiff einen Mix verschiedener Waren an Bord. Indische Lebensmittel wie Ghee, Chapati, Naan-Brot, aber auch Turnschuhe, Handtaschen und Textilien. Vielleicht würden sie bei der Stichprobe gefälschte Nike-Schuhe oder Kopien von Gucci-Taschen finden. Wenn sie Glück hatten, vielleicht auch Drogen. Wenn Fortuna es ganz besonders gut mit ihnen meinte, ein paar Waffen. Baumann war jede Abwechslung recht.

Exakt fünfzehn Minuten später war einer der 15.000 rostroten 40-Fuß-Container auf einen LKW geladen und stand an der Markierung der Röntgenanlage bereit, um in den großen Röntgentunnel hineingeschoben zu werden.

Tanja Molzow hielt sich ihre Kladde als Sonnenschutz über die Augen, während sie vor der Röntgenanlage auf das Go aus dem Kontrollzentrum warteten. Sie war müde. Ihre neun Monate alte Tochter hielt sie und ihren Mann nachts ordentlich auf Trab.

»Na, schlecht geschlafen?«, sagte ihr Kollege Thomas, der einen schweren Bolzenschneider in den Händen hielt, während er grimassierend ein schreiendes Baby imitierte.

Sie nahm den Blick kurz vom Container und sah ihn demonstrativ gelassen an.

»Fünfmal aufgestanden? Oder sechsmal?«, fragte Thomas.

»Achtmal«, sagte Molzow und seufzte, während sie die Formulare vorbereitete.

»Gut, dass ich keine Kinder habe.«

Er betätigte probehalber den Bolzenschneider. Die Metallklingen erzeugten ein unangenehmes Geräusch beim Zuschnappen.

»Wenn du weiter damit rumspielst, wirst du vielleicht nie welche haben«, sagte sie, und Thomas lachte.

»Finden wir jetzt was oder nicht?«, fragte sie. »Was meinst du?«

Es war das alte Zollbeamten-Spielchen. Vor jeder Stichprobe wetteten sie darauf, auf welche gefälschten Waren sie stoßen würden. Uhren von »Rollex« oder »Bratling«, Turnschuhe von »Adibos« oder »Adilas«, Sonnenbrillen von »Ray Barn«. Die absurdesten Markennamen-Kopien sammelten sie, und wer am Ende des Monats die meisten Treffer gelandet hatte, wurde zum Essen eingeladen.

»Ich glaube, wir werden heute Handtaschen finden«, antwortete Thomas. »Sagt mir mein großer Zeh.«

»Ich glaube, wir werden gar nichts finden«, erwiderte Tanja. »Sagt mir mein kleiner Zeh.«

»Wir sollten den Einsatz erhöhen, Tanja. Wer dieses Mal verliert, verliert auch den jeweiligen Zeh«, sagte Thomas und vollführte erneut eine Schnippbewegung mit dem Bolzenschneider. »Einverstanden?«

Sie haute ihm spielerisch ihre Kladde auf seinen stoppelhaarigen Kopf, und er schrie theatralisch auf.

Sollte die Durchleuchtung auch nur den kleinsten Verdacht auf Schmuggelware ergeben, würden sie den Container aufbrechen. Es war ein bisschen wie Geschenke aufmachen.

»Wir sind so weit«, hörte sie Baumanns Stimme in ihrem Headset.

»Okay, schieben wir den Braten in die Röhre«, sagte Tanja und drehte sich zum Kontrollzentrum um. Durch die Scheibe suchte sie Baumanns Blick und hob den Daumen zur Bestätigung. Er zeigte ihr ebenfalls den Daumen und schnarrte ein »Alles klar« über das Headset in ihr Ohr. Molzow gab dem Fahrer des Lkw ein Zeichen, der nun langsam anfuhr. Als er im Tunnel verschwunden und der Fahrer ausgestiegen war, hörte sie abermals Baumanns Stimme in ihrem Ohr:

»Starte Scan.«

Ein hochfrequentes Surren ertönte, als die Anlage den Container zu durchleuchten begann.

Tanja vernahm leise Schmatzgeräusche über das Headset. Baumann, dachte sie. Schert sich mal wieder einen Dreck um das Mikrofon vor seinem Mund.

Dann ertönte ein Husten. Zu schnell essen ist ungesund, Baumann, dachte sie mit leichter Befriedigung und grinste, aber dann sprachen plötzlich mehrere aufgeregte Stimmen im Headset durcheinander. Sie drehte sich wieder zum Tower und sah durch die Scheibe Baumann mit Kollegen heftig gestikulieren.

Was war los? Hatten sie Waffen gefunden?

»Baumann? Alles klar?«, fragte sie in ihr Mikro. Keine Reaktion.

Sie blickte zu Thomas. Auch er hatte mitbekommen, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick zeigte Genugtuung. »Wette gewonnen. Sorry, Tanja.«

»Scheint was Großes zu sein«, murmelte sie und zeigte auf den Tower. »Ich geh mal hoch.«

Dann hörte sie Baumann schreien: »Ein Krankenwagen! Schnell!«

Im Tower war die Hölle los. Niemand nahm von ihr Notiz. Baumann telefonierte, seine Kollegen standen um seinen riesigen Monitor versammelt und diskutierten erregt. Hatten sie eine Atombombe entdeckt?

Tanja trat näher an den Monitor. Er zeigte die Röntgenaufnahme des Containers. Es sah aus wie eine Strichzeichnung. Sie erkannte die Umrisse des Lasters, die Reifen waren im Licht der Röntgenstrahlen schlichte Kreise. Darüber befand sich der durchleuchtete Container. Er sah aus wie das Foto-Negativ eines platt gedrückten Stilllebens: viele Kisten, wild neben- und übereinandergestapelt, darin die Umrisse der unterschiedlichsten Gegenstände.

Am äußersten rechten Rand, dem hinteren Ende des Containers, erkannte Tanja jedoch Strukturen, Schatten, die überhaupt nicht zu den eckigen Formen des Containers passten. Sie waren gebogen, gerundet, organisch.

Es waren Knochen. Skelette. Sie hockten eng zusammengepfercht auf dem Boden.

Mit dem Bolzenschneider brach Thomas das Siegel des Containers auf. Als er eintrat, wurde er von dem Gestank förmlich erschlagen. Ein warnender Blick von ihm ließ Tanja ihren Ärmel über ihre Nase stülpen, bevor sie ihm folgte. Der Verwesungsgeruch war dennoch so überwältigend, dass sie ihn auf der Zunge schmeckte. Darunter lag auch noch der Gestank von Exkrementen und Urin. Ihr wurde übel.

In all den Jahren beim Zoll hatte Tanja Molzow schon viel gesehen. Blinde Passagiere, in Hohlräumen unter dem Boden zusammengekauert, in Luftschächten oder Abwasserrohren versteckt. Aber bis jetzt waren sie immer im Schiff selbst gewesen. Noch nie hatte sie Menschen in einem Container gefunden. Schon gar nicht tote.

Im Schein ihrer Taschenlampe sah sie in der hintersten Ecke des Containers die kleinen Körper zusammengedrängt an der Wand lehnen. Sie trugen schmutzige Kleidung. Im Lichtkegel erkannte sie lange schwarze Haare und ausgemergelte Gesichter. Die Leichen waren bereits in Verwesung begriffen, aber sie konnte erkennen, dass es Mädchen waren. Sie schätzte sie auf nicht älter als zehn Jahre.

Thomas blickte sie betroffen an. Diese Mädchen hatten keine Chance gehabt. Über 70 Tage dauerte die Fahrt von Mumbai nach Hamburg.

Neben den Mädchen lagen unzählige leere Flaschen und Essensverpackungen herum, und sie konnte längst erloschene Taschenlampen ausmachen. Einige der Mädchen hielten etwas fest umklammert. Tanja Molzow leuchtete gezielter und erkannte schließlich, was es war. Kuscheltiere. Kuscheltiere mit Flügeln.

Was nur hatte diese Kinder dazu bewogen, in einen Container zu flüchten? Wie verzweifelt mussten sie gewesen sein? Was für Ängste mussten sie ausgestanden haben, so lange alleine in diesem dunklen Loch? Sie konnte den Anblick der toten Gesichter nicht länger ertragen und wandte sich ab. Im Augenwinkel sah sie das Blitzlicht der Kamera von Thomas.

Der Notarztwagen kam mit heulenden Sirenen. Die Ärzte betteten die Kinderleichen vorsichtig auf Bahren. Tanja, Thomas, Gregor und die restlichen Zollbeamten standen daneben und beobachteten das unfassbare Schauspiel. Die Helfer bedeckten die Kinder eines nach dem anderen mit weißen Tüchern. Als die Sanitäter die Leichen an ihnen vorbeitrugen, sah Tanja einen der Arme an der Seite herausragen. Etwas ließ sie zusammenzucken: Der Unterarm des Mädchens wies seltsame Verdickungen auf, als würde ein Kabel unter der Haut verlaufen. Die Hand des Kindes hielt noch immer eines der Kuscheltiere fest. Jetzt erkannte sie, was es war. Ein kleiner Engel. Etwas war in ihn hineingestickt. Ein Dreieck mit einem kleineren Dreieck darin, das auf der Spitze stand. Irgendwo hatte sie dieses Zeichen schon einmal gesehen.

2

Dutzende Hände schlugen auf ihr Auto, als sie sich der Einfahrt ihrer Firma näherte. Iliana blickte in viele wütende und empörte Gesichter. Hunderte Protestierende hatten sich vor dem »Dönerturm« versammelt, wie das modisch gestaltete Firmengebäude von Astrada in der Hamburger Hafencity genannt wurde. Selbst durch die geschlossenen Scheiben ihres Wagens hörte Iliana die Rufe der Demonstranten.

»Kinderschänder!«

»Schweinekonzern!«

Viele hielten Plakate hoch, eine Frau sprach in ein Megafon.

»… haben wir wieder ein typisches Beispiel dafür, dass die Pharmaindustrie nur an Profiten interessiert ist. Dafür ist sie bereit, über Leichen zu gehen!«

Auf einigen Plakaten erblickte sie das Logo von Pharmatransparency, des pharmakritischen Lobbyvereins – eine zerbrochene Spritze.

Als die Meldung von den toten Mädchen und den Astrada-Kuscheltieren vor zwei Tagen in den Nachrichten kam, hatte Iliana mit wenig Erfreulichem gerechnet. Aber sie hätte nicht erwartet, dass Pharmatransparency so schnell so viele Leute vor der Firmenzentrale mobilisieren würde. Immerhin hatte Astrada in den letzten Jahren für viele positive Schlagzeilen gesorgt und galt als einer der beliebtesten Konzerne weltweit.

Die Menge machte ihr kaum Platz, Iliana musste im Schritttempo fahren. Als sie sich endlich der Schranke der Einfahrt näherte, kam der Pförtner angelaufen.

Die Worte der Frau mit dem Megafon hallten über den Platz: »Astrada hat versucht, sich mit Bimini ein Saubermann-Image zuzulegen. Wie wir nun wissen, ist Astrada nicht besser als all die anderen Pharmakonzerne, auch wenn sie uns das glauben machen wollen. Astrada nutzt Kinder in Entwicklungs- und Schwellenländern für seine Zwecke aus, und wir fordern …«

Iliana kannte die Stimme, aber sie war zu abgelenkt, um sich darauf zu konzentrieren. Der Pförtner fluchte, als er immer wieder von Protestierenden aufgehalten wurde. Dann war er an ihrem Auto, und Iliana ließ die Scheibe runter. Schlagartig schwappte der Lärm von draußen herein, und sie musste fast schreien, um sich verständlich zu machen.

»Was ist hier los, Herr Eitner?«

Eitner, ein älterer Herr, schrie zurück: »Die sind heute Morgen Punkt acht Uhr angerückt, Frau Kornblum. Wir wussten von nichts. Ich hab schon die Polizei verständigt. Fahren Sie schnell durch, wenn ich die Schranke öffne, damit keiner reinkommt.«

Der »Dönerturm« ähnelte tatsächlich einem Dönerspieß mit seinen unregelmäßig an Breite zunehmenden Etagen. Ganz oben auf dem Dach des Turms glänzte das Astrada-Logo stolz vor dem Himmel, ein silbernes Dreieck mit einem kleineren umgedrehten Dreieck in seinem Bauch. Das neue Firmengebäude war erst vor wenigen Monaten fertiggestellt geworden. Der Konzern hatte Platz gebraucht. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Bimini waren gigantisch.

Sie musste in die Forschungsabteilung, die sich in einem runden silbernen Gebäude nebenan befand, das »Ufo« genannt wurde. Dort waren die Labore und ihr Büro. Iliana war stellvertretende Forschungsleiterin des Pharmakonzerns, der die Krankheit Alzheimer besiegt hatte.

Sie hörte die Megafonstimme weiter plärren: »… fordern wir Astrada-Chef Erik Freimuth hiermit auf, seine Hinhaltestrategie aufzugeben und offenzulegen, was für unethische Kinderstudien Astrada in Indien veranstaltet!«

Jetzt identifizierte sie auch die Stimme. Sie gehörte Andrea Parka, der Leiterin von Pharmatransparency. Mark und Iliana hatten sich oft über sie und ihre einseitige Pharma-Verteufelung aufgeregt. In diesen Tagen war sie – wenig verwunderlich – omnipräsent.

Als Iliana durch die Gänge der Forschungsabteilung lief und ihre Mitarbeiter grüßte, schaute sie in lauter fragende Gesichter. Mark war seit Dienstag nicht mehr in der Firma gewesen. Wahrscheinlich besuchte er Konferenzen und hielt Vorträge wie immer. Ausgerechnet jetzt brach die Hölle über Astrada herein. Seit zwei Tagen berichteten die Medien über kaum etwas anderes als die toten indischen Mädchen in dem Container. Es war die perfekte Story. Tote Kinder aus der Dritten Welt und ein übermächtiger Pharmakonzern. Gut und Böse. Schwarz und Weiß.

»Waren sie Astradas Versuchskaninchen?« So lautete eine der Headlines, über einem riesigen Foto der fünf abgemagerten Mädchen. Natürlich gab es auch einen Zoomausschnitt auf einen der Kuschelengel, so stark vergrößert, dass das Firmenlogo gut zu erkennen war. Es ärgerte Iliana. Die Kuscheltiere waren kein Beweis, Pharmamerchandise kursierte überall. Warum warf die Presse nur derart mit Dreck? Wollten sie Astrada nun zerstören, weil es in den letzten Jahren ausschließlich Gutes über ihre Firma zu berichten gegeben hatte? »Heilmittel gegen Alzheimer gefunden«, »Alzheimer ist besiegt!« – das waren die Headlines der letzten Jahre gewesen, die Krönung von Marks und ihrer Arbeit. Sie beide hatten diese teuflische Krankheit, an der auch Ilianas eigener Vater litt, ein für alle Mal besiegt.

Natürlich hatte Erik Freimuth alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der Konzern führte eine Menge Werbeartikel mit Firmenlogo im Sortiment: Schreibblöcke, Kugelschreiber, Uhren, selbstverständlich auch Kuscheltiere. Gängige Praxis, jeder Pharmakonzern tat das, Kuscheltiere waren bei Ärzten als Geschenke für kleine Patienten beliebt. Und ja, Astrada unterhielt auch eine Niederlassung in Indien. Möglich, dass Kuscheltiere mit Logo dort in Umlauf gekommen waren.

Es war nichts dran an der Sache, da war sich Iliana ganz sicher. Nach Marks Rückkehr würde sie ihm vorschlagen, das Team zu versammeln, um eine kollektive Aussprache über die Ereignisse abzuhalten. Gerade jetzt war Offenheit wichtig, sonst würden sich ganz schnell Verunsicherung und Gerüchte breitmachen.

Nun hoffte sie, sich endlich ihrer Arbeit widmen zu können. Sie hatte viel auf dem Zettel. Es ging um Projekt P und um die Ergebnisse der Mausstudien.

Von ihrem Büro aus konnte sie seitlich den Firmenparkplatz überblicken. Die drei dunklen BMW fielen Iliana sofort auf. Es war früher Nachmittag. Die meisten Mitarbeiter erschienen morgens zur Arbeit.

Die Wagen rollten langsam über den vollen Parkplatz und kamen nebeneinander auf den für Lieferanten reservierten Stellplätzen zum Stehen. Fünf Männer mit Sonnenbrillen stiegen aus. Iliana kannte die meisten Mitarbeiter, diese Männer hatte sie noch nie gesehen. Sie waren in Jeans und Lederjacken gekleidet, ein Outfit, das in einem Pharmakonzern niemand trug. Aber es war vor allem ihr Verhalten, das Ilianas Aufmerksamkeit auf sich zog. Nach dem Aussteigen blickten sie sich um, scannten die Umgebung. Es wirkte wie zweckdienliche Routine, nicht wie neugieriges Umherschauen. Einer der Männer sah dabei zu ihrem Fenster hoch und bemerkte Iliana. Einen Moment lang ruhten seine Sonnenbrillenaugen auf ihr, während sie realisierte, dass es zu spät war, um sich zu verstecken. Schließlich ließ er von ihr ab, und die Männer bewegten sich in Richtung Eingang.

Ihr Blick wanderte zu ihrem Monitor. Es ging um die Maus-Testreihe für Projekt P, ein interner Codename für das Vorhaben, Bimini für die Behandlung von Parkinson zu lizenzieren. Mark und sie hatten schon lange vermutet, dass das Medikament auch bei dieser Krankheit wirken könnte. Die Experimente mit den Mäusen weckten jedenfalls entsprechende Hoffnungen. Alles sah danach aus, dass Astrada womöglich bald den nächsten Hit landen würde.

Die rote LED an ihrem Firmentelefon blinkte. Sie hatte es auf lautlos gestellt, weil sie nicht gestört werden wollte. Im Display sah sie den Namen des Anrufers: Evelyn, Freimuths Assistentin. Ihre Töchter gingen in dieselbe Kita.

»Iliana, die Polizei ist hier!« Evelyn sprach mit abgedämpfter, hektischer Stimme.

»Was?«

»Sie sind bei Freimuth. O Gott, ich bin so aufgeregt.«

Jetzt wurde ihr klar, wer die fünf Männer auf dem Parkplatz gewesen waren.

»Ich muss auflegen«, wisperte Evelyn hektisch. »Sie kommen raus.«

Iliana legte auf. Es war sicher nur eine Routinebefragung. Die Polizei musste jedem Hinweis nachgehen. Es war nichts dran.

Oder?

Sie versuchte sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie hatten Parkinson-Mäuse mit Bimini behandelt. Man konnte in Mäusen Parkinson erzeugen, indem man durch Gift den Teil des Gehirns zerstörte, der auch bei Parkinson-kranken Menschen kaputtging: die Substantia nigra, eine Region von Nervenzellen tief im Mittelhirn. Wenn diese Zellen aus unbekannten Gründen zugrunde gingen, entwickelten Parkinson-Kranke die typischen motorischen Störungen. Sie zitterten und konnten ihre Gliedmaßen kaum noch beherrschen, bis die Krankheit am Ende in vollständige Bewegungsunfähigkeit mündete. Die Mäuse waren Modelltiere für Parkinson und zu Forschungszwecken gezüchtet worden. Auch sie zeigten erhebliche Bewegungsstörungen.

Das Studiendesign war immer das gleiche: Eine Gruppe der Parkinson-Mäuse hatte mehrere Wochen lang Bimini injiziert bekommen, eine Kontrollgruppe hingegen ein Placebo – um auszuschließen, dass die Versuchsbedingungen irgendeinen Einfluss auf das Ergebnis nahmen. Dann mussten die Mäuse täglich Bewegungsübungen absolvieren, und nach Ende der mehrwöchigen Versuchsreihen wurden alle Tiere getötet und ihre Gehirne in feine Scheiben geschnitten – um zu untersuchen, ob Bimini irgendetwas in ihren Gehirnen verändert hatte, wie es das in den Gehirnen von Alzheimer-Kranken tat.

Sie hatten insgesamt eintausend Mäuse untersucht, in einem äußerst akribischen Prozess. Die Ergebnisse waren eindeutig. Die Mäuse, die Bimini bekommen hatten, wiesen starke Verbesserungen in ihrer Motorik auf. Die Gruppe mit dem Scheinmedikament hingegen blieb auf einem gewissen Niveau stehen. Richtig aufregend waren aber die Gehirnschnitte. Bimini hatte in den Gehirnen der Mäuse neue Nervenzellen sprießen lassen. Die Substantia nigra hatte sich teilweise regeneriert. Das war nichts weniger als sensationell. Sie freute sich schon darauf, Mark davon zu berichten, wenn er endlich wieder da war.

Er reiste viel, besuchte assoziierte Labore, sah sich Produktionsstätten überall in Europa an, war auf Konferenzen ein beliebter Keynote-Speaker. Jetzt, da er ein Star war. Manche hielten ihn für einen Nobelpreis-Anwärter.

Sie wusste allerdings nicht, wo er die letzten Tage gewesen war. In all der Zeit, die sie inzwischen zusammenarbeiteten, kannte sie Mark Jacobs als pflichtbewussten Menschen. Mark, der eigentlich Markus hieß, aber schon vor vielen Jahren seinen Namen amerikanisiert hatte.

Die LED ihres Telefons blinkte erneut. Wieder Evelyn. Meine Güte, die war ja wirklich ein Nervenbündel. Sie nahm ab und erwartete, dass sie ihr ausgiebig von der Polizeivisite erzählen würde.

»Freimuth will dich sprechen«, sagte Evelyn.

Iliana stutzte.

»Warum das?«

Normalerweise hatte sie mit dem CEO nicht direkt zu tun. Mark war der Forschungsleiter, sie nur seine Stellvertreterin.

»Er hat gesagt, es sei dringend.«

Freimuths Büro befand sich in der obersten Etage im Tower. Evelyn grüßte sie verkniffen, als Iliana in das Vorzimmer trat. Sie schien immer noch angespannt.

Iliana kannte Freimuth kaum. Sie beneidete Mark keinen Moment darum, dass er sich mit ihm herumplagen musste.

Evelyn gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen, unverzüglich zu ihm reinzugehen.

Das Erste, was sie wahrnahm, war sein Geruch. Iliana war ihm nur wenige Male persönlich begegnet und erinnerte sich nun wieder daran, dass sie seinen Geruch als invasiv empfunden hatte. Er ließ Assoziationen von Schwere aufkommen, aber da war noch etwas Spitzes, etwas Herausforderndes, etwas, das keine Grenzen kannte. Für einen Moment unterdrückte sie den Impuls, den Raum wieder zu verlassen. Gegen Geruch gab es keine Augenlider, keine Ohrstöpsel, er drang in einen ein, man war ihm ausgeliefert.

Erik Freimuth sah jünger aus, als er war, und das wusste er auch. Er hatte volles, kurz geschnittenes braunes Haar, wenig Falten, und die Grübchen in seinen Wangen verliehen ihm etwas Jungenhaftes. Er trug niemals Krawatten, sondern nur weiße T-Shirts unter seidigen, eng geschnittenen Jacketts, die teuer aussahen und es sicherlich auch waren.

Er wirkte auf eine glatte Art und Weise attraktiv. Sie mochte diesen Typ eigentlich nicht, aber da war auch etwas in ihr, das auf ihn reagierte. Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass sie ihn auf gewisse Weise anziehend fand.

Freimuths Büro war minimalistisch eingerichtet, die Wände waren kahl, einige unbequeme Stühle standen um einen kleinen Konferenztisch herum. Alles wirkte groß und leer. Am Kopfende des Büros stand ein dunkler Schreibtisch, darauf nur ein ultradünner Laptop neben einem ultradünnen Smartphone. Kein Stift, kein Papier, nichts.

Freimuth tippte und schien keine Notiz von ihr zu nehmen, als sie eintrat. Zwei Stühle standen vor seinem Schreibtisch. Sie trat langsam darauf zu und kam sich bei jedem Schritt zu laut vor, denn er tippte fast geräuschlos. Sie setzte sich und versuchte, entspannt zu wirken.

»Sie wollten mich sprechen«, ergriff sie schließlich das Wort, als immer noch nichts passierte.

Freimuth tippte noch einen Moment weiter, dann klappte er seinen Laptop mit einer schnellen Bewegung zu.

»Markus Jacobs hat gekündigt.«

In seiner wohlklingenden Stimme schwang ein feiner amerikanischer Akzent mit. Freimuth war Amerikaner, aber er sprach perfektes Deutsch. Iliana vermutete, dass der Akzent reine Attitüde war. Anders als sonst bemerkte sie einen hohen Unterton in seiner Stimme, der einen kleinen Teil von seiner Souveränität zunichte machte. Es entging ihr auch nicht, dass er von Mark als Markus sprach – was sein eigentlicher Name war, aber eigentlich nannte ihn niemand mehr so.

»Ich verstehe nicht?«

Sie hatte erwartet, dass er mit ihr über die Protestaktionen sprechen wollte. Oder über die Parkinson-Studie. Dass er ihr die Kündigung ihres Chefs mitteilen würde, dem Vater des wichtigsten Medikaments von Astrada, damit hatte sie nicht gerechnet.

»Mit sofortiger Wirkung«, sagte Freimuth.

Es traf sie wie ein Schlag. Für Mark gab es keinen ersichtlichen Grund, den Konzern zu verlassen. Vor fünf Jahren hatte Freimuth ihn zu Astrada geholt, ihm viel Geld und die besten Forschungsbedingungen geboten, die man sich nur wünschen konnte. Mark und Freimuth kannten sich aus ihrer Zeit in Kalifornien. Mark hatte in Stanford geforscht, Freimuth im Silicon Valley mit mehreren Firmen Millionen gemacht. Warum sollte er jetzt kündigen? Nach dem riesigen Erfolg mit Bimini? So kurz vor seinem nächsten Triumph?

»Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«

Freimuth ging nicht auf ihre Worte ein.

»Ich vermute, Herr Jacobs hat ein Angebot der Konkurrenz angenommen. Ich bin enttäuscht, nach allem, was ich für ihn getan habe.«

In Ilianas Kopf ratterte es. Wieso hatte Mark ihr nichts gesagt? Wieso hatte er sie nicht in seine Pläne eingeweiht? Sie arbeiteten seit Jahren eng zusammen, unterhielten ein Vertrauensverhältnis. Sie konnte es nicht glauben. Mark hätte ihr doch erzählt, wenn er unzufrieden gewesen wäre und mit dem Gedanken an Kündigung gespielt hätte. Da war ein ungutes Gefühl in ihr, ein Ziehen, nicht verortbar. Etwas stimmte hier nicht.

»Ich kann nur hoffen, dass er keine Daten mitgenommen hat«, sagte Freimuth. »Sollte er seine Verschwiegenheitserklärung missachten, werden wir ihn in Grund und Boden klagen.«

Sie sah gerade einen ganz anderen Freimuth als in dem Tagesthemen-Interview gestern, das er bezüglich der toten Mädchen gegeben hatte. Sein Blick war stechend, sein Mund ein Strich. Er war richtig wütend.

»Worum es jetzt geht, ist Kontinuität, Frau Kornblum. Sie sind die stellvertretende Forschungsleiterin, Sie wissen, dass all das jetzt zur Unzeit kommt.«

»Sie meinen, weil die Polizei gerade hier war?«

Sie biss sich auf die Zunge. Zu spät. Freimuths bedrohlicher Blick bestätigte ihr, dass sie die falsche Frage gestellt hatte.

»Woher wissen Sie davon?«, fragte er.

Sie hatte sich verplappert. Sie wollte Evelyn nicht in Schwierigkeiten bringen.

»Ich habe die Männer auf dem Parkplatz gesehen. Sie wirkten nicht wie Angestellte. In den Medienberichten hieß es, dass die Staatsanwaltschaft bereits ermittele. Ich habe mir meinen Teil gedacht.«

Es klang nicht überzeugend. Freimuth musterte sie mit seinen dunkelbraunen Augen. Sein Gesicht war nicht zu entziffern. Durchschaute er sie? Testete er sie?

Dann sagte er:

»Nein, nicht deswegen kommt es zur Unzeit. Wie ich schon sagte, Astrada hat mit diesen toten Mädchen nichts zu tun. Ich spreche von Projekt P. Dafür benötige ich volle Unterstützung vom Aufsichtsrat. Jacobs’ Ausscheiden darf das auf gar keinen Fall gefährden. Deswegen werden Sie mit sofortiger Wirkung die Forschungsleitung übernehmen.«

Jetzt war sie baff. Was geschah hier gerade?

»Heute ist Donnerstag. Am Dienstag ist die nächste Aufsichtsratssitzung. Jacobs sollte Projekt P dort präsentieren. Und zwar so, dass der Rat dem Projekt grünes Licht gibt. Das werden nun Sie übernehmen.«

Sie schnappte nach Luft.

»Das ist viel zu kurz. Wir haben Unmengen von Daten, die wir noch längst nicht ausgewertet haben.«

»Dann gehen Sie an die Arbeit.«

Er klappte seinen Laptop wieder auf und begann zu tippen.

Sie war völlig verwirrt. Das ging alles zu schnell. Warum hatte Mark bloß gekündigt?

Sie stand auf und ging. Als sie schon an der Tür war, rief Freimuth ihr nach:

»Frau Kornblum, eine Sache noch.«

Sie drehte sich um.

»Ab sofort sind alle Daten zu Bimini Verschlusssache.«

»Warum das?«

»Wie ich erfahren habe, sind mehrere investigative Journalisten auf uns angesetzt worden. Wir haben Protestaktionen vor dem Firmengelände. Wir können nichts riskieren. Keinerlei Daten verlassen mehr dieses Gelände.«

»Für die Präsentation werde ich aber vielleicht alte Daten benötigen.«

»Dann muss ich Sie bitten, am Wochenende in die Firma zu kommen«, sagte Freimuth knapp und blickte wieder auf seinen Laptop.

Als sie sein Büro verlassen hatte, verfolgte sie sein Geruch noch lange. Sie war sich nicht sicher, ob er in ihrer Kleidung oder in ihrem Kopf steckte.