Planet der Raumpiraten

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2019.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Planet der Raumpiraten

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

Sign up for Alfred Bekker's Mailing List

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Alfred Bekker

About the Author

About the Publisher

image
image
image

Planet der Raumpiraten

image

von Alfred Bekker

––––––––

image

RAUMPIRATEN HABEN EIN irdisches Raumschiff gekapert. An Bord des in Not geratenen Schiffs befinden sich der Sohn und die Ex-Geliebte von Martin Takener, dem Commander der NOVA GALACTICA. Takener folgt den Raumpiraten zu deren Heimatwelt und stößt auf ein kosmisches Geheimnis...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ COVER ALLAN J. STARK

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Raumjäger 002 flog mit Höchstgeschwindigkeit im Sternenstrom. Martin Takener steuerte das zylinderförmige, etwa drei Meter lange und mit sechs Auslegern ausgestattete Beiboot der NOVA GALACTICA. Das Gesicht des Terraners wirkte angespannt. Vor seinem inneren Auge blitzte noch einmal die Explosion der Raumjacht MARADASH auf, die man durch Beschuss schwer beschädigt im freien Raum treibend gefunden hatte, nachdem zuvor ein Notruf von ihr ausgegangen war.

Martin Takener war diesem Notruf zusammen mit seinem Freund Don Ryder sofort gefolgt. Schließlich hatten sich an Bord der MARADASH sein Sohn Rhonn und dessen Mutter, Takeners ehemalige Geliebte Loana Romanow befunden.

Doch von ihnen gab es bis jetzt ebenso wenig eine Spur, wie von den etwa fünfzig anderen Personen, die sich an Bord der MARADASH befunden hatten.

Alles deutete auf das Eingreifen der vor kurzem aufgetauchten Corsairs hin – so waren die Fremden auf Grund ihres Verhaltens zunächst genannt worden. Schließlich waren sie in mancher Hinsicht den gleichnamigen Freibeutern des späten 17. Jahrhunderts ähnlich, die seinerzeit Handelsschiffe in der Karibik gekapert hatten.

Mittels einer Sonde, die Takener einem anderen Flottenverband der Corsairs hinterhergejagt hatte, auf den er gestoßen war, waren inzwischen die Koordinaten des Heimatsystems dieser Raumpiraten bekannt.

Und genau dorthin war Martin Takener jetzt aufgebrochen. Nur mit einem einzigen Raumjäger und begleitet von Don Ryder.

Ryder war zunächst äußerst skeptisch gewesen, was dieses Unternehmen betraf. Er hielt es trotz der waffentechnischen Unterlegenheit der Corsairs nach wie vor für ein Himmelfahrtskommando, nur mit einem einzigen Raumjäger in die Höhle des Löwen zu fliegen.

Andererseits verstand er Takener nur allzu gut. Schließlich befand sich höchstwahrscheinlich sein Sohn in der Gewalt der Corsairs. Der Commander setzte alles auf eine Karte, um sie zu befreien oder zumindest ihr Schicksal aufzuklären.

Das würde ihm niemand nehmen.

„Die Fernortung meldet einen gemischten Verband von zylinder- und kegelförmigen Schiffen, keine zehn Lichtjahre von uns entfernt“, stellte Ryder fest.

„Ja, ich habe es gesehen“, bestätigte Takener.

„Höchstwahrscheinlich Corsairs ...“, vermutete Ryder.

„Über fünfhundert Einheiten!“, sagte Takener erstaunt. „Aber fällt dir auch auf, dass der Anteil der Zylinderschiffe viel größer ist als bei den Corsair-Verbänden, auf die wir bis jetzt gestoßen sind?“

Ryder stimmte dem zu. „Da braucht man noch nicht einmal die Berechnungen eines Kristallsensors, um das zu erkennen!“

Nach allem, was bisher über die Corsairs bekannt war, stellten die Zylinderschiffe höchstwahrscheinlich Wohneinheiten dar, während es sich bei den sehr viel kleineren Kegelraumern um Kampfeinheiten handelte.

„Ihr Kurs ist parallel zu unserem“, stellte Takener fest. „Wenn du mich fragst, das sieht mehr nach einem Umzugskonvoi aus  – nicht nach einer Corsair-Flotte, die von einer Kaperfahrt zurückkehrt!“

Ryder riet zur Vorsicht. „Ich schlage vor, wir halten gebührenden Abstand, Martin.“

Takener hob die Schultern. „Bei vollem Tarnschutz dürfte uns eigentlich nichts passieren können.“

„Man sollte das Schicksal aber auch nicht unnötig herausfordern. Wir werden den Corsairs schon nahe genug kommen, wenn wir in ihr Heimatsystem eindringen!“

„Sag bloß, du hältst mich für leichtsinnig, Don!“

Ryder seufzte hörbar. „Muss ich dir darauf wirklich eine Antwort geben?“

image
image
image

2

image

Je näher Takener und Ryder mit Raumjäger 002 den Zielkoordinaten kamen, desto öfter tauchten weitere Corsair-Verbände auf den Anzeigen der Fernortung auf. Ganze Flotten bewegten sich auf das Heimatsystem dieses Volks zu, und die zylinderförmigen Wohnschiffe stellten dabei einen Anteil zwischen fünfzig und sechzig Prozent dar.

Offenbar wurden Martin Takener und Don Ryder Zeuge einer gewaltigen Rückkehrwelle. Vermutlich waren die Corsairs – wie viele andere galaktische Völker auch – vor der Strahlung in den Bereich des galaktischen Halo geflohen und kehrten nun, da diese Gefahr gebannt war, zurück zu ihrer angestammten Heimat.

„Es müssen Milliarden sein, die da unterwegs sind!“, stieß Ryder hervor.

Martin Takener nickte. „Und wenn sie sich hier wieder festsetzen, werden wir in Zukunft mit Sicherheit noch einigen Ärger mit ihnen bekommen“, vermutete er nicht ohne Anlass. Schließlich hatte das bisherige Verhalten der Corsairs nicht unbedingt vertrauenerweckend gewirkt.

Man konnte nur von Glück sagen, dass sie waffentechnisch den Terranern bislang leicht unterlegen waren.

Aber auch das konnte sich unter Umständen schneller ändern, als es den Terranern lieb sein mochte. Die Corsairs wären schließlich nicht die erste galaktische Spezies gewesen, die überlegene Technik von anderen Zivilisationen adaptiert hatte.

image
image
image

3

image

Ein gelber Stern von der 1,2-fachen Größe und Leuchtkraft Sols tauchte vor ihnen auf.

„Da wäre es also – das Ziel unserer Reise!“, meinte Takener, nachdem sich Raumjäger 002 bis auf ein halbes Lichtjahr den Zielkoordinaten genähert hatte.

Die Ortungssysteme des Raumjäger arbeiteten auf Hochtouren.

„Fünfzehn Planeten, davon ähnelt Nummer vier der Erde“, stellte Ryder mit Blick auf die Anzeigen fest. „Das muss die Heimatwelt der Corsairs sein.“

„Einstweilen können wir sie ja Tortuga nennen“, meinte Takener. „Du weißt doch, nach dem alten Piratenhafen in der Karibik!“

„Schön, dass du deinen Sinn für Humor trotz allem nicht verloren hast!“

„Galgenhumor. Sonst nichts. Der Gedanke daran, dass Rhonn etwas zugestoßen sein könnte ...“ Martin Takener sprach nicht weiter, sondern schüttelte nur stumm den Kopf. Don Ryder verstand sehr gut, was jetzt in seinem langjährigen Freund und Weggefährten vor sich ging.

Ich werde aufpassen müssen, dass ihm bei dieser Mission nicht die Gäule durchgehen!, ging es ihm durch den Kopf.

Tausende von Raumschiffen sammelten sich einerseits im Orbit von „Tortuga“ und andererseits an der Peripherie des Systems, einige Lichtminuten jenseits der Umlaufbahn von Planet XV, einem pockennarbigen Eisklumpen von doppelter Erdgröße, der von zwei bläulich leuchtenden Monden umkreist wurde und daher gut zu erkennen war. Er schien auch den eintreffenden Corsair-Flotten als Orientierungspunkt zu dienen.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Rückkehrer-Schiffe jeweils am Rand des Systems und im planetaren Orbit der erdähnlichen Nummer III eine Wartezeit überbrücken mussten, ehe es ihnen gestattet wurde, auf der Planetenoberfläche zu landen.

„Gehen wir näher heran und warten ab, wie gut unser Tarnschutz ist“, meinte Takener.

„Sei trotzdem vorsichtig, Martin!“, forderte Ryder. „Wenn wir entdeckt werden, hilft das deinem Sohn am allerwenigsten!“

„Du kennst mich doch!“

„Eben!“

Der Tarnschutz bedeutete nämlich keineswegs, dass der Raumjäger 002 unsichtbar war. Es wurden zwar sämtliche Abstrahlungen, Emissionen und physikalischen Parameter unterdrückt, die eine Fernortung ermöglichten, aber für optische Ortungssysteme blieb das zylinderförmige Kleinraumschiff weiterhin sichtbar.

Ohne Risiko war der Weg durch die Corsair-Armada daher keineswegs.

Andererseits war die Wahrscheinlichkeit, dass ein derart kleines Objekt tatsächlich von den Corsair-Einheiten aus gesehen wurde, verschwindend gering.

Martin Takener steuerte den Raumjäger mutig durch die Ansammlung der Kegel- und Zylinderraumer hindurch, die sich am Rand des Tortuga-Systems gebildet hatte und zu der aus den Tiefen des Alls immer weitere Einheiten stießen. Manchmal in kleineren Verbänden, hin und wieder aber in gewaltigen Flotten, die jeweils Hunderte oder gar Tausende von Einheiten zählten. Sie tauchten aus dem Hyperraum ins normale Einsteinuniversum, steuerten im Unterlichtflug die Umlaufbahn von Planet XV an und sammelten sich anschließend zu kugelförmigen, schwarmartigen Formationen. Eine kleinere Anzahl von Schiffen brach von dort aus in mehreren Strömen Richtung Planet III auf.

Das Ganze wirkte außerordentlich gut koordiniert.

Takener suchte mit Hilfe der Ortung nach einer kleinen Kaperflotte oder einzelnen Schiffen mit Gefechtsspuren, die möglicherweise für den Angriff auf die MARADASH verantwortlich waren. Aber es war in dieser unüberschaubaren Armada einfach unmöglich.

Die Verantwortlichen für das Schicksal der MARADASH würde er so nicht finden, das wurde ihm schnell klar.

Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der Verzweiflung in im breit.

Auf jedem dieser unzähligen Schiffe könnten Loana und mein Sohn jetzt sein!, ging es ihm durch den Kopf. Und natürlich auf dem Heimatplaneten der Corsairs selbst!

Mochten die Chancen etwas zu finden auch schlecht stehen – die Suche wurde fortgesetzt.

Takener und Ryder und drangen schließlich in den inneren Bereich des Systems vor.

Hier schaltete Takener auf RMD-Impulsantrieb um und drosselte langsam die Geschwindigkeit.

In dem Gebiet, das Takener und Ryder nun durchflogen, war die Schiffsdichte sehr viel kleiner als am Rand. Abseits der der offenbar genau festgelegten Flugrouten zwischen den Flotten im Randbereich und dem Orbit von Planet IV waren so gut wie keine Schiffe unterwegs. Und selbst auf den vorgeschrieben Flugrouten herrschte nur mäßiger Verkehr. Verbände von maximal 20 bis 30 Raumern lösten sich in regelmäßigen Abständen aus der gewaltigen Armada am Systemrand und machten sich auf den Weg zur Heimatwelt der Corsairs, in deren Orbit sie abermals zu warten hatten. Das geschah mit der Präzision eines Uhrwerks.

Takener verlangsamte weiter den Flug, je näher er der Umlaufbahn von Planet IV kam und ging schließlich auf unter ein Drittel der Lichtgeschwindigkeit.

Die Ortungsinstrumente liefen noch immer auf Hochtouren. Sie sollten insbesondere nach statistischen Gesichtspunkten aus der Masse der Corsair-Raumschiffe Verbände herausfiltern, die jener kleinen Flotte ähnelten, die den unter der Führung des Industriellen Sillaw neu errichtetem Staat auf dem Planeten Paradise stehenden Raumer TREASURE überfallen hatten. Die NOVA GALACTICA war der TREASURE zu Hilfe geeilt, und die Angreifer hatten in die Flucht geschlagen werden können. Bei dieser Gelegenheit hatte Takener die Ausschleusung jener Sonde befohlen, die den Corsairs bis in ihr Heimatsystem gefolgt war und dessen Koordinaten übermittelt hatte.

Aber auch diese Suche blieb erfolglos.

Je weiter sich Raumjäger 002 der Umlaufbahn Tortugas näherte, desto mehr Ortungsdaten trafen über den Planeten selbst ein.

„Offenbar gibt es auf Tortuga eine Vielzahl von Siedlungen jeder Größe“, stellte Ryder fest, der die Ortungsergebnisse auf seinen Anzeigen ebenfalls ablesen konnte. „Vom Dorf bis zur Großstadt ...“

„Ja, aber nur ein Teil dieser Städte und Dörfer ist auch tatsächlich besiedelt“, erwiderte Takener. „Mehr als die Hälfte stand offenbar für einige Zeit leer.“

„Wieder ein Beleg dafür, dass wir Zeuge einer gigantischen Rückführung sind!“, schloss Ryder.

„Nichts dagegen, dass die Corsairs ihre alte Heimat wieder in Besitz nehmen, aber warum mussten sie ausgerechnet die MARADASH überfallen?“, fragte Takener. „Ein harmloses Raumschiff, ohne militärischen Auftrag oder wertvolle Fracht.“

„Das werden wir sicher noch herausbekommen, Martin!“

„Ja, das werden wir!“, kündigte Takener an.

Aus seinem Mund klingt das fast wie Drohung!, überlegte Ryder, der die finsterere Entschlossenheit Martin Takeners spürte.

Inzwischen hatte Takener die Geschwindigkeit von Raumjäger 002 bis auf ein Drittel der Lichtgeschwindigkeit gedrosselt und bremste das zylinderförmige Beiboot der NOVA GALACTICA weiter ab.

In einem eleganten Flugmanöver kurvte Takeners Raumjäger zwischen den unzähligen Corsair-Raumschiffen herum, die im Orbit von Tortuga darauf warteten, endlich auf dem Planeten landen zu dürfen.

Takener umrundete Tortuga einmal. Die ganze Zeit über sammelten die Ortungssysteme Daten über einzelne Schiffe und glichen sie ab.

Das Ergebnis blieb negativ.

Selbst wenn eine genaue ID-Kennung eines jener Schiffe vorläge, die die MARADASH oder die TREASURE überfallen haben, wäre es wohl vollkommen aussichtslos, sie in diesem unübersichtlichen Gewirr aus Corsair-Raumern zu finden!, erkannte Takener schließlich. Eine verzweifelte Hoffnung ließ ihn diese Suche aber dennoch fortsetzen. Jede noch so gering erscheinende Chance musste genutzt werden, mochten die Ergebnisse zunächst auch deprimierend sein.

„Ich möchte auf Tortuga landen“, eröffnete Takener schließlich. „Hier im Orbit werden wir nichts über den Angriff auf die MARADASH herausbekommen.“

Takener hatte von Anfang an daran gedacht, sich aber gescheut, sie Ryder gegenüber offen zu benennen, da er dessen Reaktion vorausgesehen hatte.

„Schon dieser Flug ins Orbit ist der reinste Wahnsinn, Martin!“, gab Ryder zu bedenken.

„Bis jetzt funktioniert unsere Tarnung doch vorzüglich. Und die Raumkontrolle der Corsairs – so sie überhaupt schon wieder installiert ist – hat offensichtlich anderes zu tun, als auf die optischen Sensoren auf ein vergleichsweise winziges und kaum auszumachendes Objekt wie Raumjäger 002 hin zu fokussieren ...“

„Auf der Oberfläche wird das anders aussehen!“, war Ryder überzeugt. „Aber so, wie ich dich kenne, werde ich dich wohl kaum von diesem verrücken Plan abbringen können.“

„Don, versteh mich doch!“

„Natürlich verstehe ich dich. Aber das muss ja noch lange nicht bedeuten, dass ich dein Vorhaben auch nur ansatzweise für vernünftig halten muss!“

„Don ...“

„Wenn ich dich begleite, kann ich dich wenigstens im Auge behalten. Das ist das einzig Gute an der Sache!“

„Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lässt, Don!“

Don Ryder seufzte.

„Ich hätte bei der Flotte bleiben sollen. Das war ein vergleichsweise beschaulicher Job!“

„Das meinst du doch nicht ernst!“

„Natürlich nicht.“

„Also ab nach Tortuga!“

„Sieh wenigstens zu, dass wir Objekten, die uns optisch erfassen könnten, so gut es geht, aus dem Weg gehen und kein unnötiges Risiko fahren!“

„Don ...“

„Noch was: Wenn ich mich schon einverstanden erkläre, dich auf diesem Himmelfahrtskommando zu begleiten, dann hör dir jetzt meinen Vorschlag an!“

Takener lächelte mild. „Okay, schieß los!“

„Wir bleiben noch etwas im Orbit und lassen die Planetenoberfläche noch einmal gründlich durch die Ortungssysteme abtasten, bevor wir einen Landeplatz aussuchen!“

„Wie du meinst.“

Ein gewaltiger Kegelraumer erschien plötzlich unmittelbar vor der 002. Die Grundfläche durchmaß annähernd 200 Meter. Im Vergleich zu dem Beiboot der NOVA GALACTICA handelte es sich um einen wahren Koloss. Urplötzlich hatte sich der Kegelraumer in Bewegung gesetzt und drohte nun den Raumjäger zu rammen. Ein Umschalten auf Hyperraumflug hätte es dem Beiboot zwar erlaubt, durch die feste Materie des Corsair-Raumers hindurchzufliegen. Aber der Brennkreis hätte aller Wahrscheinlichkeit nach für Aufsehen gesorgt, und sie wären entdeckt worden.

Im letzten Moment schaffte Takener eine Kurskorrektur und beschleunigte kurzzeitig wieder auf halbe Lichtgeschwindigkeit, so dass Raumjäger 002 knapp an der Außenwand des Kegelraumers vorbeischnellte.

„Hoffen wir, dass da nicht gerade jemand aus dem Fenster geschaut hat!“, meinte Ryder aufatmend, nachdem die Gefahr vorbei war.

„Das ist eben die Kehrseite der Tatsache, dass offenbar niemand uns bemerkt!“, erwiderte Takener. „Es weicht uns leider auch niemand aus. Warum auch? Auf den Ortungsanzeigen der Corsair-Schiffe existieren wir nicht.“

Takener steuerte den Raumjäger jetzt in einen Sektor, in dem die Raumschiffsdichte etwas geringer war. Doch auch hier musste man höllisch aufpassen, wenn sich Teile dieser Riesenflotte plötzlich in Bewegung setzten, weil sie offenbar endlich eine Landeerlaubnis bekommen hatten.

„Ich werde versuchen, Terra und Paradise per Überlicht-Richtfunk zu erreichen“, kündigte Don Ryder an. „Wir mir scheint, könnten wir Unterstützung nämlich gut gebrauchen – wie auch immer sich die Dinge hier entwickeln mögen.“

Takener war damit einverstanden.

Aber Ryders Versuche blieben erfolglos. „Sämtliche Hyperfunkfrequenzen scheinen gestört zu sein“, stellte er ratlos fest. „Dasselbe gilt für das normale Funkband.“

„Wodurch?“, fragte Takener.

Ryder zuckte die Achseln. „Irgendein Störimpuls der Corsairs, würde ich sagen. Er überlagert jedes Hyperfunksignal, das ich abzusenden versuche! Ich fürchte, weitere Versuche haben nicht viel Sinn.“

Dieses Phänomen war bereits seit dem Überfall auf die TREASURE bekannt, wo die Corsairs Störfelder mit dieser Wirkung benutzt hatten, um die Kommunikation des Gegners lahmzulegen. Wenn man versuchte, fremde Schiffe zu kapern, war das sicherlich eine sinnvolle Taktik. Weshalb jedoch auch hier, im Heimatsystem der Corsairs, jeder Funkkontakt unterbunden wurde, war Takener in Rätsel.

„Ich habe inzwischen ein Gebiet ausgeguckt, in dem wir landen können“, eröffnete Takener. „Es ist ziemlich dünn besiedelt, so dass wir dort wohl unbehelligt landen können.“

„Wir sollen mit der Landung warten, bis es im Zielgebiet Nacht ist“, schlug Ryder vor.

„Daran habe ich auch schon gedacht. Ich gehe jetzt etwas hinunter, so dass wir die obersten Schichten der Tortuga-Atmosphäre durchfliegen. Von dort aus können wir erstens die Oberfläche besser beobachten und zweitens ist die Raumschiffsdichte geringer.“

„Einverstanden, Martin.“

Takener bremste die Fluggeschwindigkeit des Raumjäger weiter ab und ließ das Beiboot in die Atmosphäre Tortugas eindringen, die im Wesentlichen den Verhältnissen auf der Erde entsprach. Mit 1,02 g war jedoch die Schwerkraft auf der Oberfläche der Corsair-Heimatwelt geringfügig höher als auf Terra. Ein Unterschied, der jedoch für einen einigermaßen gut trainierten Menschen kaum spürbar war.

Schnell sank Raumjäger 002 tiefer in die Atmosphäre von Tortuga ein, blieb aber an der Grenze zur Troposphäre. Die optischen Ortungssysteme erfassten immer mehr Einzelheiten der Oberfläche. Große Städte, dazwischen weite grüne Waldflächen und Meere. Hin und wieder auch grasbewachsene Ebenen und Hügellandschaften, die nur hin und wieder kleineren Siedlungen unterbrochen wurden. Dicht bebaute Gebiete wechselten mit Gebieten dünnerer Besiedlung ab.

Die größeren Städte wirkten wie Bienenstöcke, so rege war der Flugverkehr. Flugkörper jeder Größe schwirrten um sie herum. Ein steter Strom von bis zu 400 m langen zylinderförmigen Wohnschiffen flog auf diese Städte zu und landete auf den dafür vorgesehenen Landefeldern der Raumhäfen. Von dort aus wurden die Insassen mit einer Unzahl von kleineren und größeren Atmosphärengleitern weitertransportiert und zu den umliegenden Wohngebieten oder auch weiter entfernt liegenden Siedlungen transportiert.

„Eigenartig – ein so koordiniertes Vorgehen hätte ich diesen Freibeutern des Alls nach unserer ersten Begegnung mit ihnen gar nicht zugetraut!“, meinte Martin Takener.

„Sie zu unterschätzen könnte der größte Fehler sein“, gab Don Ryder zu bedenken.

Über bewaldetem, nur spärlich besiedeltem Gebiet senkte Takener noch einmal die Flughöhe.

Schwärme von fledermausartigen Flugsäugetieren waren über diesen Wäldern in der Nahvergrößerung zu sehen. Es mussten Millionen sein, die manchmal urplötzlich aus den Baumwipfeln heraus aufstiegen, um dann plötzlich wieder abzusinken und im dichten Grün der Baumkronen zu verschwinden. Den Messungen der Sensoren nach hatten die Tiere eine Flügelspannweite von bis zu zwei Metern.

Während Takener weiter die Steuerung des Raumjäger übernahm und hin und wieder Kolonnen von Corsair-Raumern ausweichen musste, die zur Landung ansetzten, überwachte Ryder nach wie vor die Ortungsanzeigen und verfolgte in einer Sichtsphäre die optischen Eindrücke von der Oberfläche.

Plötzlich stutzte Ryder.

„Martin, ich glaube, ich habe da etwas entdeckt!“

Inmitten des Waldgebietes gab es eine freie Fläche, auf der sich ein Objekt von imposanter Größe befand.

Es ragte deutlich über die Baumkronen hinaus. Den Sensoren nach hatte es eine Höhe von gut 260 Metern. Golden schimmerte es im Licht der bereits tiefstehenden Sonne Tortugas. Ryder schaltete die Nahvergrößerung ein, die letzte Zweifel beseitigte.

„Ein Goldener!“, entfuhr es ihm.

Die gigantische goldene Statue hatte die Gestalt eines gesichtslosen Corsair.

Der Oberkörper war extrem breit und muskulös, was sicher eine Folge der gegenüber dem Erdniveau leicht erhöhten Normschwerkraft war. Die Beine waren kurz und stämmig, die Arme dafür extrem lang und ebenfalls äußerst kräftig.

„Gibt es irgendwelche Energiesignaturen, die im Inneren dieses Goldenen angemessen werden können?“, fragte Takener.

„Negativ“, gab Ryder nach einem Blick auf die Anzeigen Auskunft. „Energetisch gesehen ist diese Statue vollkommen tot.“

Überall im Universum waren Martin Takener und seine Mitstreiter auf die geheimnisvollen Goldenen Götter gestoßen, jene gewaltigen Statuen, die die Körperformen ganz unterschiedlicher Sternenvölker nachbildeten. Aber stets waren diese Stauen gesichtslos gewesen. Hatte man zunächst lange Zeit angenommen, das es sich um Hinterlassenschaften der Nugrou-Spezies handelte, war inzwischen klar, dass es sich in Wahrheit wohl um Hinterlassenschaften der Nerudalben handelte, jener geheimnisvollen, geradezu sagenhaften Spezies, der die Nugrou einen Großteil ihrer technischen Errungenschaften verdankten.

Allen Goldenen war gemeinsam, dass sie kein Gesicht besaßen. Der Grund dafür lag bislang im Dunkeln.

Die Statue stand auf einem ebenfalls goldenen quaderförmigen Sockel.

In den Wäldern Tortugas mochte sie wie ein gewaltiges Monument erscheinen, aber verglichen mit den Goldenen, die man anderswo gefunden hatte, handelte es sich eher um ein  kleines Exemplar.

Um die Statue herum befand sich ein Quadratkilometer großer, freier Platz. Im angrenzenden Wald standen flache Gebäude, die dem verwendeten Baumaterial und der architektonischen Gestaltung nach von den Corsairs errichtet worden waren. Möglicherweise war die Statue für die Bevölkerung Tortugas im Laufe von Zeitaltern zu einer Kultstätte geworden, wie es auch auf anderen Welten geschehen war. Die Ortungsanzeigen sprachen dafür, dass sich derzeit keinerlei Corsairs in den um die Staue gruppierten Gebäuden befanden. Aber was diesen Punkt anging, musste vor einer Landung natürlich Gewissheit herrschen.

„Mit Vielem hätte ich hier gerechnet“, bekannte Takener. „Nur nicht damit!“

„Wir sollten warten, bis in dem Gebiet um den Goldenen Nacht herrscht, so dass wir im Schutz der Dunkelheit landen können“, schlug Ryder vor.

Takener überlegte kurz. „Ich bin eigentlich nicht hier, um kosmische Rätsel zu lösen oder aufzuklären, welche Verbindungen es möglicherweise zwischen Corsairs, Nugrou und Nerudalben gab“, meinte er.

„Aber mit der Suche nach Loana und Rhonn können wir ebenso dort anfangen wie an jedem anderen Punkt des Planeten“, stellte Ryder klar. „Schließlich haben wir keinerlei Anhaltspunkte, was ihren Verbleib angeht.“

Es mag eine bittere Erkenntnis sein, aber Don hat recht!, durchzuckte es Martin Takeners Gedanken schlaglichtartig.

„In Ordnung, wir machen es so, wie du vorgeschlagen hast“, entschied der ehemalige Commander.

Don Ryder nickte zufrieden. „Wir werden nicht mehr lange warten müssen, Martin. Im Gebiet um den Goldenen herum setzt bereits die Dämmerung ein.“

image
image
image

4

image

Im Schutz der Dunkelheit setzte Takener mit der Raumjäger 002 zum Landeanflug an.

Die größeren Städte auf der Nachtseite des Planeten waren als ausgedehnte Lichtermeere zu sehen. In den ausgedehnten Waldgebieten jedoch herrschte tiefste Dunkelheit. Die beiden Monde Tortugas standen als leuchtende Scheiben am Himmel und bildeten hier die einzigen Lichtquellen.

Takener ließ den Raumjäger zunächst ziemlich steil absinken und flog dann im Tiefflug über die ausgedehnten Waldgebiete um den Goldenen herum. Er steuerte das Beiboot der NOVA GALACTICA einen Bogen um die Anlage. Die Ortung lief derweil auf Hochtouren.

„Die Gebäude scheinen tatsächlich verlassen zu sein“, stellte Don Ryder fest. „Zumindest gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich derzeit auch nur einziger Corsair dort aufhält.“

„Vielleicht handelt es sich um Ruinen“, vermutete Takener.

Aber Ryder war anderer Ansicht. „Dann hätte sich der Dschungel dieses Areal samt den Gebäuden schon zurückerobert, und sie wären vollkommen überwuchert. Nein, für mich sieht das immer mehr nach einer periodisch genutzten Kultstätte aus, die nur zu hohen Festtagen herausgeputzt wird. So ähnlich wie die Tempel des antiken Olympia auf der Erde.“

Takener ließ sich die Anordnung der Gebäude in einer schematischen Darstellung anzeigen. Die Hauptgebäude bildeten ein exaktes Hexagon. Kleine Nebengebäude waren in Form eines Rechtecks jeweils um die Hauptgebäude herum gruppiert worden.

Takener flog noch eine zweite, tiefere Runde, um wirklich sicherzugehen, dass sich kein Corsair in der Nähe befand.

„Ich schlage vor, wir fliegen mit eingeschaltetem Hyperraumantrieb einfach in die Statue hinein“, schlug Ryder vor.

„Erinnere dich an das, was damals auf Soradan geschah, als die dortige Statue einfach zerschmolz und wir in eine ziemlich prekäre Situation gerieten.“

„Und was wäre die Alternative?“

„Jedenfalls ist diese Statue definitiv zu klein, um ein Titansender zu sein, wie etwa der Goldene von Andaban. Ich schlage vor, wir landen auf dem Vorplatz und versuchen, dem goldenen Corsair in Nugrou-Sprache Befehle zu geben. Er müsste eigentlich darauf programmiert sein.“

„Bis jetzt gibt es allerdings nach wie vor nicht die geringste energetische Aktivität in dem Bauwerk“, gab Ryder zu bedenken. „Aber ein Versuch könnte natürlich nicht schaden.“

Takener landete Raumjäger 002 auf dem Vorplatz der Statue.

Martin Takener konfigurierte das äußere Prallfeld des Raumjäger so, dass es als akustischer Verstärker nutzbar wurde. Seine in Nugrou-Sprache gesprochenen Worte wurden vom Bordkristallsensor in entsprechende Schwingungen des Prallfeldes übertragen, das dadurch einen Außenlautsprecher mit enormer Wirkungskraft bildete.

Takener stellte die Lautstärke auf die höchste Stufe.

„Ich erteile hiermit die Anweisung, sich für die Entgegennahme von Befehlen bereit zu halten“, sagte Takener in der Sprache der lange Zeit nur als legendäre Alienwandler bekannten Nugrou.

Zunächst geschah nichts.

„Energetische Aktivitätsanzeige weiterhin negativ“,  berichtete Ryder.

Takener versuchte es noch einmal und forderte den Goldenen ultimativ auf, sich für den Empfang von Befehlen bereit zu machen.

Wieder geschah zunächst nichts.

„Noch immer keine energetische Aktivitäten messbar“, meldete Ryder. „Aber jetzt bildet sich ein Prallfeld!“

„Dann tut sich da also was!“

„Hoffentlich das Richtige!“

„Jedenfalls ist dieser Goldene nicht so tot, wie es die Messdaten vermuten ließen.“

Die Statuen der Alienwandler stellten immer auch gigantische Verteidigungsanlagen dar, aus deren Armen, Händen oder sonstigen Gliedmaßen Strahlenschüsse abgefeuert werden konnten.

Einer der Monde strahlte recht hell und ließ die Außenhaut des goldenen Corsair schimmern. Die Statue begann sich zu bewegen. Der Corsair breitete die Arme auseinander und senkte den Kopf, so als würde er den vergleichsweise winzigen Raumjäger mit seinem völlig konturlosen Gesicht anstarren.

„Das Prallfeld umschließt jetzt den gesamten Corsair!“, stellte Takener fest.

„Sieht ganz so aus, als würde er sich zum Kampf bereitmachen.“

Sekunden vergingen.

Takener stierte angespannt auf seine Anzeigen, dann schüttelte er den Kopf.

„Nein, vielleicht will er auch kommunizieren – und zwar auf dieselbe Art und Weise, in der wir ihn angesprochen haben.“

„Mit einem umfunktionierten Prallfeld als Lautsprecher?“

„Exakt, Don.“

„Was mich wundert ist die Tatsache, dass die Statue selbst noch immer energetisch tot ist.“

„Das bedeutet, die Energie des Prallfeldes muss einen anderen Ursprung haben!“, schloss Takener. Die Schlussfolgerung lag auf der Hand. Der Goldene musste von einem verborgenen Ort aus mit Energie gespeist und vielleicht sogar ferngesteuert werden.

Mit dröhnender, im wahrsten Sinne des Wortes ohrenbetäubender Lautstärke wandte sich der Goldene in Nugrou-Sprache an die Besatzung von Raumjäger 002.

„Dies ist eine Warnung! Jeder, dessen Autorisierung sich als falsch herausstellt, muss mit der vollständigen Vernichtung rechnen!“

Anschließend folgten Zahlenangaben im mathematischen System der Nugrou.

„Das sind Raumkoordinaten!“, stellte Ryder fest. „Der angegebene Zielpunkt liegt etwa dreitausend Meter unter Oberfläche dieses Planeten!“

„Dann sollen wir uns das mal aus der Nähe ansehen!“, kündigte Takener an.

Er schaltete das Hyperraumfeld ein, das Raumjäger 002 in ein eigenes Mini-Kontinuum versetzte. Auf diese Weise war das Beiboot der NOVA GALACTICA in der Lage, auch feste Materie zu durchdringen. Den normalerweise beim Hyperraumflug sichtbaren Brennkreis schaltete Takener aus Gründen der besseren Tarnung aus. Was immer sich auch im Zielpunkt dieser Reise ins Innere von Tortuga befinden mochte, der Hyperraum-Brennkreis wäre optisch sichtbar gewesen, sobald der Raumjäger dort eindrang. Takener verzichtete daher auf jeglichen Antrieb. Er ließ den Raumjäger stattdessen einfach von der planetaren Gravitationskraft in die Tiefe ziehen. Das Beiboot versank förmlich im Vorplatz der Statue und tauchte in die obersten Schichten der Erdkruste von Tortuga ein.

Die 1,02 g des Planeten sorgten dafür, dass das Beiboot zunächst nur langsam an Fahrt gewann, dann aber immer mehr beschleunigte. Da die feste Materie der Planetenkruste durch Einsatz des Hyperraum-Feldes keinerlei Hindernis bedeutete, befand sich Raumjäger 002 in einer Art freiem Fall auf das Gravitationszentrum Tortugas.