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Loren Coleman

Blindpartie

Impressum

Ulisses Spiele
Legenden-Band 33

Titelbild: Catalyst Game Labs
Übersetzung: Reinhold H. Mai
Redaktion: Michael Mingers
Korrektorat: Peter Dachgruber

©2019 The Topps Company, Inc. All rights reserved.
Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Ulisses Spiele GmbH, Waldems, unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: US42136
E-Book-ISBN: 9783963312038

KARTE DER NACHFOLGERSTAATEN

1 • Jadefalken/Stahlvipern, 2 • Wölfe, 3 • Geisterbären, 4 • Nebelparder/Novakatzen, 5 Draconis-Kombinat, 8 Außenweltallianz, 7 • Freie Republik Rasalhaag, 8 • Vereinigtes Commonwealth, 9 Chaos-Marken, 10 Lyranische Allianz, 11Liga Freier Welten, 12 Konföderation Capella, 13 • St. lves-Pakt

Karte erstellt durch COMSTAR nach Informationen des COMSTAR-EXPLORERDIENSTES und des STERNENBUNDARCHIVS, Terra

© 3058 COMSTAR-KARTENDIENST

Dankesworte

Für meine wundervolle Gattin,

Heather Joy Coleman.

Für ihren Glauben.

Der Autor möchte an dieser Stelle die Namen folgender Personen bekannt geben, deren Verschwörung dieses Buch möglich gemacht hat.

Jim LeMonds dafür, dass er alles ins Rutschen gebracht hat. Meine Eltern, für ihre Unterstützung. Alle in der Orlando Gaming Group, die mich mit ›diesen Spielen‹ bekanntgemacht haben, unter besonderer Erwähnung von Ray Sainze. Eine Menge Leute im hinteren Reaktorraum der U.S.S. Theodore Roosevelt CVN-71, die wiederholt dem Lärm meines Typenraddruckers ausgesetzt wurden und mich trotzdem am Leben gelassen haben.

Jonathan Bond, für seine Hilfe bei der ersten Kontaktaufnahme mit Leuten in diesem Geschäft. Der Eugene Professional Writer‘s Workshop, der mich hart zurechtgestutzt hat, insbesondere Dean Wesley Smith und Kristine Kathryn Rusch, die sich meiner erbarmt und mir viel beigebracht haben. Christopher Kubasik und Doug Tabb, die mir die ersten Möglichkeiten eröffnet haben, und Greg Gordon für seine Tips, wie man Romane schreibt, die Spielwelten als Hintergrund haben.

Die wunderbaren Leute bei FASA, die all das möglich gemacht haben. Bryan Nystul, ein sehr geduldiger Mann, und Sam Lewis, der mich übers Telefon mit Bryan bekanntgemacht hat. Donna Ippolito, die mit mir ein Risiko eingegangen ist und mir danach geholfen hat, diesen Roman zu verbessern.

Meine Frau, Heather Joy, die an mich geglaubt hat, und meine Söhne, Talon LaRon und Conner Rhys, die Zeit an ihrem liebsten lebenden Klettergerüst aufgegeben haben.

Buch 1

Jede Art der Kriegsführung beruht auf Täuschung.

- Sun Tzu, Die Kunst der Kriegsführung

Die tatsächlichen Ereignisse eines Krieges

sind zweitrangig. Wie diese Ereignisse

wahrgenommen werden ist es, was die Zeit und Mühe

eines Herrschers vorrangig in Anspruch nimmt.

- Sun-Tzu Liao, Tagebucheintrag

5. August 3051, Outreach

PROLOG

Blakes-Wort-Lagerhalle, Harrisburg

Gibson, Prinzipalität Gibson, Liga Freier Welten

15. Oktober 3057

Präzentorin Demona Aziz trat in die Tür des schwach erleuchteten Zimmers. Das Büro lag in der Ecke einer riesigen Lagerhalle, einer von mehreren, die Blakes Wort auf Gibson unterhielt. Während der Rest der Halle bis fast an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit mit Kisten, Fässern und Paletten vollgestellt war und die engen Gänge nach Staub und den Dieselabgasen der Gabelstapler rochen, war das Büro makellos sauber. Die schmucklosen Wände waren weißgetüncht, und die spärliche Einrichtung bestand aus mehreren metallenen Klappstühlen, einem Schreibtisch mit einer kleinen Lampe, die als einzige Lichtquelle diente, und einem Rauschgenerator als Abhörschutz für Gespräche.

Das Bürofenster, aus dem man auf einen fast bis zur Decke reichenden Kistenstapel blickte, klapperte, als der gesamte Hallenboden unter regelmäßigen Erschütterungen vibrierte. Alle Anwesenden erkannten die monströsen Schritte des zehn Meter hohen BattleMechs, der durch Harrisburgs Lagerstadt patrouillierte. Bei ihrer Ankunft hatte Demona die riesige Kampfmaschine erkannt: einer der neuen Grand Crusader. Sein wuchtiger Rumpf erinnerte sie an einen gedrungenen, muskelbepackten Ringer. Die Verbindung aus tödlicher Zielbestimmung und modernster Technologie erinnerte sie an Worte des Seligen Blake, der seine Anhänger gelehrt hatte: »Jene, die um die Erhaltung von Wissen und Technologie kämpfen, sind die größten aller Kreuzritter.«

Jerome Blake, Seliger Gründer des ComStar-Ordens, der halbreligiösen Organisation, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, Wissen und Technologie über die Apokalypse des ›Dunklen Zeitalters‹ zu retten, wie Blake es prophezeit hatte. Fast dreihundert Jahre hatten sich seine Mitglieder in Geduld gefasst und die Hyperpulsgeneratoren - die einzige Möglichkeit rapider Kommunikation zwischen den Sternen - für die Großen Häuser der Inneren Sphäre gewartet.

Wie der Selige Blake es vorhergesagt hatte, waren die gewaltigen Raumbereiche, der von den Söhnen und Töchtern Terras kolonisierten Welten in diesen Jahrhunderten der Kriegsführung in Chaos und Verzweiflung versunken, in eine lange, dunkle Nacht, aus der ComStar ihnen den Weg zurück ins Licht der Zivilisation weisen würde. In jüngster Zeit hatte der Orden versucht, die Zeit abzukürzen, indem er gezielt Chaos gesät hatte, um den Anbruch der Neuen Ordnung zu fördern. Blakes Wille geschehe - ComStar würde die Innere Sphäre vor sich selbst retten.

Aber dann hatte ComStar vor sechs Jahren diese heilige Pflicht aufgegeben, als die Verräter Anastasius Focht und Sharilar Mori Prima Waterly ermordet und selbst die Führung ComStars an sich gerissen hatten. Schamlos hatten sie ihre Absicht verkündet, den Seligen Orden in eine weltliche Organisation umzuwandeln, die freimütig all die technischen Geheimnisse weitergab, die ComStar über Jahrhunderte eifersüchtig gehütet hatte. Und noch erschreckender war, dass so viele Mitglieder des Ordens bereit gewesen waren, ihnen in dieser Häresie zu folgen.

Aber nicht alle. Demona Aziz trat in den Raum und überließ es jemand anders, die Tür hinter ihr zu schließen. Manipulative kleine Gesten wie diese waren Teil ihres Wesens. In diesem Fall war es ein subtiler Hinweis auf ihre Machtposition. Ein halbes Dutzend Mitglieder der Toyama-Fraktion von Blakes Wort standen oder saßen im Innern des Büros. Die meisten hüllten sich zum Schutz vor der Kälte der Lagerhalle enger in ihre weißen Roben. Demona ließ die goldbestickte Kapuze über die aufbauschenden Schultern ihrer formellen Robe sinken und ignorierte den kalten Luftzug.

Ihr Zorn würde sie wärmen.

Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob sich im selben Augenblick, als die Tür hinter ihr leise ins Schloss fiel. Er faltete die Kapuze nach hinten und legte kantige Züge frei, die im schwachen Licht des Büros bedrohlich wirkten. Mit einem Schritt zur Seite deutete er auf seinen Sessel. »Präzentorin«, nickte er respektvoll.

Demona schüttelte den Kopf. Ein paar wilde Strähnen ihres dunklen Haars peitschten der Bewegung folgend durch die Luft. »Ich bleibe stehen, Cameron.«

Sie war drei Wochen von Atreus, der Zentralwelt der Liga Freier Welten, hierher unterwegs gewesen. Eingezwängt in der Enge eines Landungsschiffs, von einem Sprungschiff zum anderen wechselnd, um die Lichtjahre zu überwinden. Nach dieser langen Periode ohne Kontakt mit dem Rest der Inneren Sphäre fühlte Demona sich einer lebensnotwendigen Substanz, einer Droge beraubt, die sie jetzt erst wieder empfing. Sie würde Demipräzentor Cameron St. Jamais gestatten, seinen Platz zu behalten, und ihm so das Gefühl gesteigerter Wichtigkeit geben. Gut. Er war ein mächtiger Mann, und Demona brauchte Anhänger seines Kalibers. Aus denselben Gründen nahm sie seine theatralischen Anwandlungen hin - diese versteckten Treffpunkte, die schummrige Beleuchtung, den Rauschgenerator. Sie hätte sogar darauf wetten mögen, dass er um des dramatischen Effekts willen absichtlich den Thermostat der Lagerhalle heruntergedreht hatte.

Aber auch Demona Aziz verstand die Notwendigkeit der Geheimhaltung, möglicherweise sogar besser als irgendein anderes Mitglied der Toyama. Sie hatte das Meiste zu gewinnen, und daher auch das Meiste zu verlieren.

Als die Verräter Focht und Mori die Zügel ComStars an sich gerissen hatten, war es Demona Aziz, Präzentorin Atreus und Mitglied des Ersten Bereichs des Ordens gewesen, die sich als erste gegen sie gestellt hatte. Sie erinnerte sich heute noch der Wut und des Gefühls des Verrats, als die beiden Ketzer ihre Reformen vorgestellt hatten. ComStar hatte fast dreihundert Jahre bestanden und die Kommunikationswege zwischen den tausenderlei Systemen der fünf Großen Häuser aufrechterhalten, die das sternenübersäte Weltenmeer der Inneren Sphäre wie einen gewaltigen interstellaren Kuchen unter sich aufteilten. Mitanhören zu müssen, wie Focht und Mori über eine Reform präsidierten, die ehernen Grundsätze verwarfen, auf deren Fundament ComStar ruhte ...

Aziz war nach Atreus geflohen, um sich dort der Unterstützung von Generalhauptmann Thomas Marik, des Herrschers der Liga Freier Welten, zu versichern. Sie war es gewesen, die den Rechtschaffenen den Weg in eine neue Heimat gezeigt hatte. Sie, die als erste den Widerstand gegen den ›reformierten‹ ComStar organisiert hatte. Sie, die Blakes Wort gegründet hatte, eine zutiefst den Gründungsprinzipen ComStars verpflichtete Organisation, wie sie vor so langer Zeit vom Seligen Jerome Blake niedergelegt worden waren.

Und sie war es gewesen, die wiederum verraten und bei der Wahl der Führung übergangen worden war, als Thomas Marik und hochrangige Mitglieder der neuen Organisation Präzentor Blane als Sprecher für Blakes Wort unterstützt hatten. Demona wusste, mit welcher politischen Münze Blane sich diesen Posten erkauft hatte. War es etwa nicht Blane gewesen, der als erster vorgeschlagen hatte, Thomas Marik zu ihrem neuen Oberhaupt, zum Exilprimus, zu bestimmen? Währenddessen hatte sich Demona mit der Führung der Toyama begnügen müssen, einer bloßen Minderheitsfraktion innerhalb der von ihr selbst erschaffenen Organisation.

Über fünf Jahre hatte sie jetzt daran gearbeitet, ihre Vorrangstellung zurückzuerlangen, sicher in der Überzeugung ihres göttlichen Rechts, Blakes Wort zu seinem Schicksal zu führen. Die Toyama gehörte immer noch zu den kleineren Fraktionen, aber sie besaß inzwischen ein politisches Gewicht, das nur noch von ›Blanes Wahren Gläubigen‹ übertroffen wurde. Und die Toyama umfasste mächtige Männer und Frauen, die zu mehr als nur Gerede und Verhandlungen in der Lage waren. Sie konnten Dinge bewegen.

Demipräzentor Cameron St. Jones war einer von ihnen. Er führte die ultraradikale ›Bewegung des 6. Juni‹ an, eine Splittergruppe innerhalb der Toyama, die ihren Namen dem Tag entlehnte, an dem die Verräter Focht und Mori Prima Myndo Waterly ermordet hatten. Der 6. Juni forderte die Ermordung aller Hausfürsten der Inneren Sphäre. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass dies den erforschten Weltraum und seine Bewohner in das Chaos stürzen würde, aus dem Blakes Wort den Weg zurück zur Ordnung wies. Noch waren St. Jamais‘ Methoden nicht erprobt worden, aber seine Überzeugung verlieh ihm und damit Demona eine machtvolle Stimme. Wenn Streicheleinheiten für sein Ego und eine gewisse Toleranz für seine Theatralik der Preis dafür waren, dann war Demona durchaus bereit, ihn zu zahlen. Ja, sie kannte den Wert der Geheimhaltung, und den Wert und die Funktionsweise der Loyalität begriff sie noch besser.

Letzteres verstand auch St. Jamais, und er blieb stehen, während Demona sich nacheinander zu jedem einzelnen der versammelten Toyama-Mitglieder umdrehte. »Es gibt keinen leichten Weg, den Schlag zu lindern, der uns zugefügt wurde«, sprach sie mit leiser Stimme, die jedoch das Zittern der Wut nicht verbergen konnte. »Blane« - sie sprach den Namen wie den schlimmsten Fluch aus - »hat in seiner unendlichen Weisheit entschieden, die Toyama nicht an der Rückeroberung Terras teilnehmen zu lassen.«

Alle sechs Toyama-Mitglieder stießen wütende Proteste aus. Diejenigen unter ihnen, die bisher gesessen hatten, sprangen nun auf. Nur Demona und St. Jamais blieben ruhig. Sie hatte ihre Wut bereits auf dem Systemflug nach Gibson in der Abgeschiedenheit der Landungsschiffskabine ausgelebt, und St. Jamais gestattete sich grundsätzlich keine Gefühlsausbrüche.

Terra, der Geburtsort der Menschheit, befand sich seit fast dreihundert Jahren unter der direkten Kontrolle ComStars. Sie den Ketzern zu entreißen, würde den Glauben an Blakes Wort auf die Probe stellen. Unser göttliches Recht. Die Vorbereitungen für Operation Odysseus liefen seit zwei Jahren, und die Toyama hatte in einigen Punkten entscheidende Hilfe geleistet. Tatsächlich stammte die entscheidende Idee des gesamten Plans - die Infiltration Terras durch ein unter falscher Flagge segelndes BlakeGuards-Mechregiment - von Demona Aziz.

Demona sah zu St. Jamais hinüber, der ihrem Blick mit stählerner Härte begegnete. Vor seiner dunklen Haut schien das Weiß seiner Augen im Licht der Schreibtischlampe fast gespenstisch zu leuchten. Sie konnte das zum Sprung geduckte Raubtier in seinem Innern wahrnehmen, das nur darauf wartete, ein Opfer zu finden. Ich werde dir geben, wonach du suchst, versprach sie ihm in Gedanken.

Auf ihr Nicken schlug St. Jamais mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte, dass es laut knallte. Sein kurzer Befehl: »Genug!« ließ das Stimmengewirr verstummen, mit einem letzten »Das kann er nicht machen« als Coda.

»Er hat es getan«, stellte Demona fest und drehte sich noch einmal langsam herum, damit alle im Raum die ruhige, aber beherrschende Miene sahen, die sie aufgesetzt hatte. »Indem er uns nicht erlaubt, in der Schlacht um Terra mitzukämpfen, beraubt er uns der Anerkennung, die wir verdienen.«

Zu Demonas Linken erhob sich eine leise Stimme, die sie als die von Demipräzentorin Jill Adams erkannte. »Vielleicht werden sie ohne uns versagen. Das könnten wir als Beweis für Blanes Unfähigkeit anführen.«

Demona schüttelte entschieden den Kopf. »Ich habe Präzentor Blane großzügigerweise zwei Kompanien überschwerer BattleMechs der Toyama als Ersatz für Maschinen leichterer Ausführung oder fragwürdiger Zuverlässigkeit zur Verfügung gestellt. Außerdem habe ich ihm unsere letzten Geheimdienstberichte über die ComStar-Kräfte auf Terra zugestellt.«

Demipräzentor St. Jamais beugte sich vor, die Hände auf den Schreibtisch gestützt. »Warum?«

Es war keine Herausforderung, nur eine simple Nachfrage. Demona fühlte sich in der Wahl ihrer Stellvertreter für die bevorstehende Mission bestätigt. »Blakes Wort muss Erfolg haben, mit oder ohne uns. Es muss der ganzen Inneren Sphäre beweisen, dass wir ein Machtfaktor sind. Ich werde seine Stärke nicht untergraben, nur um unsere interne Stellung zu festigen.«

»Dann müssen wir unsere Stärke auf andere Weise vergrößern«, erklärte St. Jamais gelassen. »Um der Unterstützung, die Blane nach der Einnahme Terras genießen wird, ein Gegengewicht entgegensetzen zu können.«

»Das und noch mehr«, stimmte Demona zu. »Nach Terras Rückeroberung plant Blane eine aggressive diplomatische Offensive mit dem Ziel, Beziehungen zu den unabhängigen Welten der Umgebung aufzubauen. Allermindestens hofft er, mit ihrer Hilfe eine Pufferzone aufzubauen. Außerdem wird ihm dies den Ruf eines Friedensstifters eintragen, eine mächtige symbolische Geste, die ihn nichts kostet und ihm viel einbringt. Ich halte seine Erfolgschance für hoch, und nehme an, dass er diese zusätzliche Machtbasis dazu benutzen will, sich zum Primus auszurufen.«

Während unter den anderen erneut ein erregter Tumult ausbrach, nahm St. Jamais die Nachricht ruhig auf. Hätte Demona ihn nicht beobachtet, hätte sie verpasst, wie sich seine Augen ein wenig verengten und sein Blick sich ein paar Sekunden verschleierte, bevor er wieder zu ihr herübersah. Ja, Cameron, dachte sie. Auch in deinen Gedanken ist das Primat nie weit entfernt, nicht wahr? Du bist noch jung, aber du lernst schnell. Sie schenkte ihm ein dünnes Lächeln. Ihr Blick war fest. Eines Tages mag es dazu kommen, dass du dieses Amt erreichst. Du hast den Ehrgeiz, es soweit zu schaffen. Aber erst nach mir.

St. Jamais war der erste, der sich wieder voll im Griff hatte. Er beruhigte die anderen und beherrschte durch schiere Willenskraft die Versammlung. »Vielleicht hält sich Präzentor Blane inzwischen für wichtiger als er tatsächlich ist, so wie andere Fürsten der Inneren Sphäre auch.«

Demona erkannte den kaum verhüllten Vorschlag, hatte den Gedanken aber bereits verworfen, den 6. Juni gegen Blane von der Leine zu lassen. »Auf keinen Fall. Praktiken dieser Art sind für den Einsatz außerhalb unseres Heiligen Ordens reserviert.«

Demona gestattete den anderen einen Augenblick des Nachdenkens, bevor sie weitersprach. »Präzentor Blane war nicht so leichtfertig, die Toyama ohne jede noch so sehr an den Haaren herbeigezogene Erklärung auszuschließen. Dafür hält er sich für zu clever.« Sie lächelte. »Blane behauptet, zu sehr mit der Planung und Mobilisierung unserer Kräfte für Operation Odysseus beschäftigt zu sein, um andere wichtige Vorhaben überwachen zu können.« Sie sah von einem Gesicht der um sie herum Versammelten zum anderen. »Daher hat er mich gebeten, einen anderen seiner Pläne auszuführen: Die Herbeiführung einer Vereinigung zwischen dem Magistrat Canopus und dem Tauruskonkordat.«

Sie machte eine Pause, um ihre Eröffnung wirken zu lassen. Das Konkordat und das Magistrat waren zwei der mächtigeren Staaten in der Peripherie, jener fernen Region des Weltraums jenseits der Grenzen der Inneren Sphäre. Emma Centrella, die Magestrix von Canopus, hatte bereits ein begrenztes Bündnis mit dem benachbarten Konkordat geschlossen. Aber jeder in diesem Raum wusste mehr darüber, wie diese spezielle Entwicklung zustande gekommen war, als er zugeben würde.

»Blane hat sogar ›momentane Feindseligkeiten zwischen dem Magistrat und der Marianischen Hegemonie‹ als möglichen Ansatzpunkt erwähnt«, fügte sie hinzu, und ihr Grinsen wurde breiter.

Trotz all der düsteren Eröffnungen ließ Präzentor Raymond Gabriel ein trockenes Kichern hören. »Der Mann ist ein Narr. Blakes Wort würde das Entstehen eines neuen Staates in der Peripherie, der in der Lage wäre, einem Nachfolgerhaus Konkurrenz zu machen, begrüßen, aber Blane muss glauben, durch Glück und Gebet allein fielen ihm die dazu benötigten Mittel in den Schoß. Wir könnten auf seinem eigenen Schiff unter seiner Matratze Waffen schmuggeln, ohne dass er etwas davon erführe.«

»Aber der Mann ist kein Narr, Präzentor«, widersprach St. Jamais ruhig. »Schön wäre es. Wir haben nur von Umständen profitiert, die das Geschehen als natürliche Entwicklung früherer Ereignisse haben erscheinen lassen.«

Demona Aziz hörte interessiert zu und stellte wie üblich fest, dass St. Jamais in der besseren Position war. Die Marianische Hegemonie, ein weiterer Staat der Peripherie, wurde von Cäsar Sean O‘Reilly regiert und lag randwärts der Liga Freier Welten Haus Mariks. Ihre Außengrenze lag in der Nähe des Magistrats Canopus, dessen zwischen der Hegemonie und dem Tauruskonkordat gelegenes Territorium sich über rund dreihundertfünfzig Lichtjahre erstreckte. Die Toyama schmuggelte seit fast vier Jahren Waffen und moderne Technologie in die Marianische Hegemonie und ermunterte O‘Reilly zur Aggression gegen Canopus. Das war es gewesen, was Emma Centrella in eine Allianz mit dem Tauruskonkordat getrieben hatte. Im Verlauf des letzten Jahres hatte O‘Reilly seine Überfälle auf canopische Grenzwelten verstärkt. Damit konnte er Canopus nur noch enger an das Tauruskonkordat treiben. Aber es ging um mehr.

»Es geht um mehr«, sprach sie ihren letzten Gedanken laut aus. »Im Augenblick ist die Marianische Hegemonie bereit, uns bei nahezu jeder Anstrengung zu unterstützen. Ich schlage vor, den Druck auf Canopus noch zu steigern. Unsere Nachschublinien stehen, und wir kontrollieren die Schlüsselfunktionen. Demipräzentor Adams, könnten wir den Strom von Waffen und Material nach Astrokazy verdoppeln oder sogar verdreifachen?«

»Mindestens verdoppeln«, antwortete Adams. »Vielleicht verdreifachen, aber damit würden wir riskieren, dass man unsere Beteiligung entdeckt.«

Demona nickte. »Dann verdoppeln wir ihn zunächst. Blane möchte innerhalb eines Jahres eine umfassende, an eine Vereinigung grenzende Allianz zwischen Canopus und Taurus. Das sollten wir bereits in sechs Monaten schaffen können. Indem wir das Entstehen dieser Allianz kontrollieren, verschaffen wir der Toyama den Einfluss, den wir brauchen. Dann lassen wir die Hilfe für die Marianische Hegemonie durch Blakes Wort auffliegen.«

»Und Blane wird zum Sündenbock«, beendete Präzentor Gabriel den Gedanken. »Sehr schön.«

»Nicht ganz.« Demona Aziz lächelte dünn. »Wir sind bereits darauf vorbereitet, entweder der Konföderation Capella oder der Liga Freier Welten die Schuld aufzuladen. Ich bin dafür, Thomas Marik den Schaden einstecken zu lassen. Es wird seinen Ruf als edler Idealist zerschlagen, und das wird auch auf Blane als seinen eifrigsten Anhänger abfärben.« Und ich kann mich im Namen des Seligen Blake an den beiden rächen.

»Aber wir bereiten uns weiter auf beide Eventualitäten vor, richtig?« fragte St. Jamais.

Demona zögerte kurz, dann nickte sie. »Ja. Bis jetzt hat sich Sun-Tzu Liao als leicht berechenbar erwiesen, aber wir sollten darauf vorbereitet bleiben, einen Keil zwischen ihn und Thomas zu treiben, falls er zu unabhängig wird. ›Vorbereitung ist allzeit der Schlüssel zum Sieg‹, spricht der Selige Blake.«

Schweigen beantwortete Demonas letzte Worte. Alle dachten über die Macht nach, die sie über Blakes Wort ausüben würden. In der Ferne konnte Demona die schweren Schritte des Streife gehenden BattleMechs wahrnehmen, deren Erschütterungen sich durch den Boden unter ihren Füßen fortpflanzten.

Ich habe die Innere Sphäre auf diese Weise erschüttert, als ich Blakes Wort erschuf, dachte sie. Man mag es Blane oder sogar Thomas Marik anrechnen, aber in Wahrheit war ich es. Diesmal werde ich sie mit einem Donnerschlag aus ihren Träumen reißen, der den Aufstieg der Toyama verkündet. Sie blickte zu St. Jamais, der wieder in Gedanken versunken schien. Und wenn ich endlich meinen Platz als Prima eingenommen habe, ist es gut möglich, dass sich die ganze Innere Sphäre mir zukehrt, als der einzigen großen Herrscherin diesseits des Grabes.

1

Ceruman Plateau, Ashentine Mountains

New Home, Chaos-Marken

17. März 3058

Zwei Kilometer vor dem südlichen Rand des Ceruman Plateaus, an dem die Hochebene an die nahezu senkrecht aufragenden Klippen der Ashentines stieß, war eine längst verlassene Industrieanlage Schauplatz der jüngsten Schlacht um den Planeten New Home. Die donnernden Explosionen der Raketen und krachenden Entladungen schwerer Energiewaffen hatten die Stille des frühen Morgens bereits zerrissen, aber noch lagen die Frühnebel über dem Gelände und wogten um die riesigen Beine der BattleMechs.

Nahe dem Zentrum der Anlage pirschte ein Warhammer in braun-grauer Tarnbemalung für Bergeinsätze durch das von Nebelschwaden durchzogene Gelände zwischen verfallenen Fabriken und aufgegebenen Lagerhallen. Seine Arme, die in den langen Rohren von PPK-Läufen endeten, schwenkten hin und her. Auf dem linken Unterschenkel des Mechs, dort, wo die Panzerung in einer geraden Fläche vom Kniegelenk zum Knöchel verlief, war ein grobschlächtig wirkender, unrasierter Engel mit weiß- und schmutziggraugefiederten Schwingen und einem Gyrojetgewehr in den Händen aufgemalt.

Nicht unbedingt ein Motiv, das angetan war, den Glauben an den Allmächtigen zu fördern, sofern man sich den Himmel nicht wie ein Militärlager vorstellte.

Schweiß lief am Gesicht von Marcus GioAvanti herab, dem Kommandeur der Söldnerkompanie Gli Angeli di Avanti, biss in den Augen und hinterließ einen salzigen Geschmack auf den Lippen. Die Luft im Cockpit des Warhammer war heiß, trocken und stickig. Nur die seine Körpertemperatur senkende Kühlweste machte es einigermaßen erträglich. Daran, wie leise und blass das Raketen- und Energiefeuer nur noch zu ihm durchdrang, erkannte er, wie tief die Kontrahenten schon ins Innere des Komplexes vorgedrungen waren.

Macht nichts, dachte Marcus. Er blinzelte heftig, um sich klare Sicht zu verschaffen, dann suchte er die Sichtprojektion nach dem feindlichen JagerMech ab, den er im hügeligen Gebiet hinter den weit verteilten Gebäuden aus dem Auge verloren hatte. Die Sichtprojektion komprimierte die volle 360°-Rundumsicht der Sensoren auf ein 120° breites Sichtfeld und projizierte es über die obere Hälfte des Hauptschirms. Die Sichtprojektion richtig zu interpretieren gehörte zu den schwierigeren Fähigkeiten, die sich ein Mechpilot aneignen musste. Aber dieser JagerMech war mit ziemlicher Sicherheit die Maschine des feindlichen Kommandeurs. Ein Sieg über ihn würde einen erheblichen Beitrag zum Sieg in dieser Schlacht leisten. Also setzte Marcus seinem Opfer nach und verließ sich darauf, dass seine Leute selbst zurecht kamen.

Wie sich herausstellte, fand der gegnerische Mech ihn zuerst, als Marcus den Warhammer gerade durch die schuttübersäte Ruine einer eingestürzten Lagerhalle bewegte. Plötzlich tauchte der 65 Tonnen schwere JagerMech hinter einem weiter voraus gelegenen Gebäude auf. Der gedrungene Torso und die großen, tonnenförmigen Arme machten die Identifikation zum Kinderspiel. Aus den Autokanonen seiner Arme spie er fünfzig Millimeter dicke Granaten aus erschöpftem Uran, die hämmernd in den Torso und das rechte Bein des Warhammer einschlugen und den Mech auf dem lockeren Trümmerfeld stolpern ließen.

70 Tonnen aufgerichtetes Metall im Gleichgewicht zu halten, ist alles andere als einfach. Marcus packte die Steuerknüppel des Warhammer fester. Die Neolederbezüge saugten den Schweiß auf seinen Handflächen ab, während er darum rang, die gewaltige Kampfmaschine auf den Beinen zu halten. Während er die Mecharme bewegte, um das Gewicht zu verlagern, speiste der Neurohelm auf Marcus eigenem Gleichgewichtssinn basierende Signale aus seinem Gehirn geradewegs in den enormen Kreiselstabilisator und die Myomermuskeln des Mechs.

Diesmal gelang es, und Marcus fand lange genug einen Halt zwischen den losen Trümmern, um die Partikelprojektorkanonen in seinen Mecharmen auszulösen. Zwei azurblaue Energiebahnen zuckten auf den JagerMech zu. Eine streifte sein linkes Bein, die andere bohrte sich tief in den bereits angeschlagenen rechten Arm. Die Panzerung zerschmolz und ergoss sich in Sturzbächen verflüssigten Stahls auf den Boden. Dann fiel der rechte Arm des JagerMech plötzlich nach unten, ein rußgeschwärztes, zertrümmertes Wrack, das nur noch locker am Schultergelenk baumelte. Einer seiner Hauptwaffen beraubt und vom Verlust von zwei Tonnen Panzerung erschüttert, wich der feindliche Mech schwankend hinter das Gebäude zurück.

Marcus verließ das Schuttfeld und blieb stehen, um die taktische Anzeige zu überprüfen. Soweit er dies aus dem Muster farbiger Punkte und Striche entnehmen konnte, war seine Einheit noch intakt und wie geplant in Position. Er schluckte mühsam und versuchte, etwas Feuchtigkeit zurück in seine ausgedörrte Kehle zu bringen. Dann atmete er tief durch. Ranziger Schweißgeruch drang in seine Nase, aber er ignorierte das Stechen und sprach ins Helmmikro.

»Allgemeine Bekanntmachung«, rief er und gab Ki-Lynn einen Moment Zeit, ihn in den offenen Kanal der Einheit einzuspeisen. Ki-Lynn Tanaga fungierte als seine KommTech und überwachte alle nicht essentiellen Gespräche zwischen Marcus und der Kompanie. Sie war auch besonders geschickt im Entschlüsseln feindlicher Kommunikation - und zugleich der Grund für Marcus' Überzeugung, es im Cockpit des JagerMech mit dem gegnerischen Kommandeur zu tun zu haben.

»Erzengel an Schwarm«, fuhr er fort und beschleunigte seinen Warhammer auf 40 km/h. »Macht ihnen Druck! Prometheus-Element, gebt mir ein Feuerwerk.« Noch während er den Befehl gab, beschleunigte Marcus den Warhammer auf dessen Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h. Der JagerMech war noch nicht wieder hinter dem Gebäude aufgetaucht, und Marcus hielt die Geschütze schussbereit, als er vorpreschte. Das Cockpit schwankte leicht von einer Seite zur anderen, als der Kampfkoloss die Distanz mit riesigen Schritten zurücklegte, die Maschine und Pilot regelrecht erzittern ließen.

Dann erblühte weit entfernt zu Marcus‘ Rechten ein greller, orangeroter Lichtblitz und verwandelte den sonst gelben Glanz der Instrumententafeln in ein kränkliches Rosa. Er hörte das tiefe Wummern der gewaltigen Explosion etwa im selben Augenblick, in dem der Boden erbebte, auch wenn die Erschütterung den Warhammer auf diese Entfernung kaum spürbar betraf. Eine Feuersäule brodelte in den Himmel und verwandelte sich schnell in ein öliges Schwarz, eine dunkle Narbe auf dem Blau des Firmaments.

Das war‘s, dachte er und grinste grimmig, während der Warhammer durch die Gebäudewand brach.

Noch vor sechs kurzen Monaten waren New Home und ein paar Dutzend ähnliche Welten unter der friedlichen Herrschaft des Vereinigten Commonwealths vereint gewesen - jenem mächtigen Imperium der Inneren Sphäre, das fast dreißig Jahre zuvor durch eine Heirat zwischen den Herrscherhäusern Steiner und Davion entstanden war. Zwei Jahrzehnte hatte es den Anschein gehabt, kaum etwas könne den Steiner-Davions noch ernsthaft widerstehen. Es war die erste große Allianz seit dem Zerfall des Sternenbunds dreihundert Jahre zuvor gewesen. Viele hatten gehofft - und andere hatten befürchtet -, es werde eine Rückkehr zu ruhmreicheren Zeiten heraufbeschwören, zu den Tagen, als die gesamte Innere Sphäre unter der Regierung des Sternenbunds vereint gewesen war. Möglicherweise wäre es ohne die Clan-Invasion sogar dazu gekommen. Ein Debakel, von dem sich die Innere Sphäre noch immer nicht erholt hatte.

Erst vor sechs Monaten hatten die Liga Freier Welten und die Konföderation Capella ein eigenes Bündnis geschlossen, um die VerCom-Systeme der sogenannten Mark Sarna anzugreifen und die Welten zurückzuerobern, die sie fünfundzwanzig Jahre zuvor an das Vereinigte Commonwealth verloren hatten. Gleichzeitig waren auf Dutzenden anderer Welten Rebellionen angezettelt worden.

Dann war es zu einer Entwicklung gekommen, die viele für einen möglichen Todesstoß hielten, als Katrina Steiner-Davion die Steiner-Hälfte des Vereinigten Commonwealth aus dem Staatsverband gelöst hatte - unter dem neuen Namen Lyranische Allianz. Innerhalb weniger Wochen hatte Prinz Victor Davion Jahrzehnte politischen Bodens verloren, und ein riesiger Raumbereich im ehemaligen Herzen seines Reichs war plötzlich zu einer Art interstellarem Niemandsland geworden. Über fünfzig besiedelte Systeme wurden mit einem Schlag unabhängig, und auf viele von ihnen erhoben nicht weniger als drei Großmächte der Inneren Sphäre Besitzansprüche.

Die Hälfte von ihnen, Welten, die ursprünglich, bevor die Davions sie erobert hatten, capellanisch gewesen waren, bekannten sich wieder zu Liao. Der capellanische Kanzler Sun-Tzu Liao hatte seine Stellung hier jedoch noch nicht konsolidiert. Entweder war er nicht bereit oder nicht in der Lage, seine militärischen Mittel so weit zu strecken. Trotzdem blieben diese Welten unter seinem Einfluss, und für den Garnisonspreis von drei bis vier BattleMech-Regimentern konnte die Konföderation Capella einen Raumsektor von fast sechzig Lichtjahren Durchmesser zurückgewinnen.

Die andere Hälfte der Mark Sarna, eine weitere Raumkugel von etwa sechzig Lichtjahren Durchmesser im Zentrum der Inneren Sphäre, wurde schnell unter dem Namen Chaos-Marken bekannt. Der Name ergab sich wie von selbst aus einer Situation, in der keine einzelne Regierung die Oberhand besaß und die verschiedensten Systeme in byzantinische Machtkämpfe verwickelt waren, in denen gelegentlich drei oder vier verschiedene Seiten miteinander konkurrierten. Und ständig baumelte ihnen die verlockende Karotte der Unabhängigkeit vor der Nase.

Die meisten Welten verlangten nach dieser Unabhängigkeit. Ein paar wenige gingen so weit, kleinere Bündnisse mit Nachbarsystemen zu etablieren, während die Großen Häuser nicht daran dachten, ihre Ansprüche aufzugeben. Eine derartige Lage führte zu einer Menge möglicher Aufträge für kleinere Söldnereinheiten wie die Angeli, allerdings verbunden mit einem starken Bezug auf die politischen Besonderheiten der jeweiligen Situation und ein beachtliches Potential für Verrat. Es war unmöglich, genau zu sagen, welche Seite in einem bestimmten Moment die Oberhand besaß - der Verbündete von gestern konnte einem heute in den Rücken fallen.

Und die Angeli hatten das bereits deutlich zu spüren bekommen.

Die Einheit hatte erst vor kurzem einen Kontrakt auf Arboris beendet, wo die Farmerbefreiungsfront sie zur Unterstützung gegen die capellanischen Truppen auf dem Planeten angeheuert hatte. Aber irgend jemand musste sich schließlich entschieden haben, einen Teil der Unkosten für die Verpflichtung einer Kompanie BattleMechs wieder hereinzuholen. Nach zwei Monaten erfolgreicher Guerillaüberfälle auf die Ishara-Grenadiere hatte die FBF die Position der Angeli im wörtlichen Sinn an den Grenadierkommandeur Choung Vong verkauft. Die Söldner hatten es gerade noch ins All geschafft - unter empfindlich schmerzenden Verlusten. Sie hatten zwei Krieger und drei ihrer Mechs verloren, und der Rest der Kompanie war schwer angeschlagen. Die Einheit auch nur annähernd wieder auf Sollstärke zu bringen, hatte die Angeli den letzten Credit in der Kompaniekasse und den größten Teil ihrer persönlichen Ersparnisse gekostet.

Angesichts der Gefahr, von den Betriebskosten einer Militäreinheit zur Auflösung der Kompanie getrieben zu werden, hatte Marcus augenblicklich zugegriffen, als Baron Shienze ihm angeboten hatte, New Home bei der Verteidigung der neuerworbenen Unabhängigkeit zur Seite zu stehen. Der vereinbarte Sold reichte kaum, seit zwei Monaten überfällige Rechnungen zu zahlen, aber er umfasste weitreichendere Bergerechte, als sie die Angeli seit langem genossen hatten. Nicht ausreichend, um sie nach Abzug der Unkosten wieder auf volle Gefechtsstärke zu bringen, aber möglicherweise genug für einen Anfang.

Und so waren Gli Angeli New Home zu Hilfe gekommen, ein Auge in die Zukunft gerichtet, das andere misstrauisch auf ihren neuen Auftraggeber.

Der Planet kämpfte um seine Freiheit, unterstützt von der 13. Lyranischen Garde, die sich gegen Katrina Steiners Angebot entschieden hatte, in die Lyranische Allianz zurückzukehren. Die New Home Regulars, eine Fraktion der von Sun-Tzu Liao unterstützten Terrororganisation Zhanzheng de guang, führte zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten einen recht erfolgreichen Guerillakrieg gegen die Dreizehnte. Mit ihrer Entscheidung gegen Katrina hatte die Garde ihre Hauptnachschubquelle verloren und konnte es sich nicht leisten, die Verluste eines längeren Feldzugs zu riskieren. Und so war es den Angeli zugefallen, mehrere abgelegene Stützpunkte der New Home Regulars aufzuspüren und zu vernichten, um deren Widerstand zu brechen.

Es war eine Aufgabe, für die sich Gli Angeli di Avanti besonders gut eigneten.

Die Angeli waren spezialisiert auf Blitzkriegsaktionen, Unterwanderungen, Rettungsaktionen, Überfälle - Situationen jeder Art, die ein hartes Zuschlagen mit anschließendem schnellen Abzug erforderten. Es war eine Gefechtsphilosophie, die sich aus der Hölle der zweijährigen Clan-Invasion entwickelt hatte.

Viele Historiker datierten den Fall des Sternenbunds vom Augenblick des Exodus General Aleksandr Kerenskys im Jahre 2784 an, als er über achtzig Prozent der Sternenbund-Verteidigungsstreitkräfte versammelt und mit ihnen aus der Inneren Sphäre geflohen war, bevor seine Truppen in den Konflikt gezogen werden konnten, der später als ›die Nachfolgekriege‹ bekannt geworden war. Fast dreihundert Jahre später waren Kerenskys Erben zurückgekehrt und hatten sich als die größte Gefahr herausgestellt, der sich die Innere Sphäre je gegenübergesehen hatte. Die Angeli waren damals Teil der VSDK Haus Kuritas gewesen, eine provisorisch ausgehobene Einheit von sechs BattleMechs, die reguläre Truppen bei der Abwehr der Clans verstärken sollte. Marcus hatte ihre Aufgabe inoffiziell immer als Blutopfer charakterisiert, denn die Angeli waren grundsätzlich als Nachhut eingesetzt worden, um Frontregimentern kostbare Sekunden Zeit zur Flucht zu erkaufen.

Ob sie nun reguläre VSDK-Truppen verstärkten oder allein im Feld standen, die Angeli waren in fast jedem Konflikt mit den Clans zur Zielscheibe geworden. Marcus hatte zu viele gute Krieger fallen sehen, manche davon enge Freunde, Männer und Frauen, die ihr Leben für ein Stück Boden verloren, das unweigerlich kurz darauf von Waffen verbrannt oder unter den schweren Tritten oder Panzerketten der Kampfmaschinen verwüstet worden war. Aber Gli Angeli hatten überlebt, hatten die Waisen verlorener Schlachten und zerschlagener Einheiten eingesammelt. Techs und Infanteristen, Mechpiloten mit eigenen Maschinen - oder entrechtet. Ihre Überlebenskraft brachte die Nachzügler zu ihnen, und deren Erfahrungen auf der Flucht lehrten sie hervorragende Taktiken für Scharmützel kleinerer Einheiten, ganz abgesehen von speziellen Fähigkeiten wie der Bergung von Waffen und Ersatzteilen auf dem Marsch.

Aber dieses anfängliche Gefühl des Wachstums erwies sich immer wieder als flüchtig, denn die nächste Schlacht kostete neuerlich einen hohen Preis an Menschen und Ausrüstung. Diese Jahre des fast ununterbrochenen Kampfes und der Veränderung hatten die Angeli an einen nomadischen Lebensstil gewöhnt. Gleichzeitig hatten sie die Einheit in dem Glauben bestärkt, dass alle Vorteile in der Offensive lagen. Die Söldner vermieden Defensivgefechte und akzeptierten grundsätzlich keine Garnisonsaufträge. Marcus selbst würde sich nie wieder erlauben, zuviel Wert auf eine bestimmte Sache zu legen, weder auf einen Ort, eine Person, noch auf eine Schlacht. Behalte die Initiative, und du kannst den Kampfverlauf diktieren.

Eine Lektion, die er in der momentanen Situation zur Anwendung brachte.

Das Ceruman-Basislager der New Home Regulars war gleichzeitig deren Hauptnachschublager. Es wurde bewacht von einer verstärkten Kompanie BattleMechs und einem Bataillon konventioneller Infanterie, während Marcus nur mit einer unterbesetzten Kompanie - einer seiner Mechs fiel wegen Wartungsarbeiten aus - und einem leichten Schweber auf New Home gelandet war. Elf gegen sechzehn - nicht gerade das beste Kräfteverhältnis, und so hatte Marcus sich entschlossen, für Ausgleich zu sorgen. Wenn man den New Home Regulars nimmt, was ihnen an der Basis wichtig ist, nimmt auch ihr Wille, sie zu verteidigen, entsprechend ab. Marcus‘ Plan sah die Vernichtung der Waffen- und Nachschublager seiner Gegner vor. Darum war es bei seinem Befehl an das Prometheus-Element gegangen. Jetzt leuchtete das Areal rund um das Munitionslager im Nachglühen der Explosion und dem Widerschein der aus den umliegenden Gebäuden auflodernden Brände.

Sein Warhammer brach in einem Hagelschauer aus Stein und Holz durch die Rückwand des Gebäudes. Der feindliche JagerMech stand keine dreißig Meter entfernt und leicht abgewandt, in Richtung der Explosion. Marcus zog das goldene Fadenkreuz über den gegnerischen Kampfkoloss, als dieser gerade die erste Reaktion zeigte. Auf die Primärfeuerknöpfe beider Steuerknüppel waren jeweils alle linken beziehungsweise rechten Waffen des Mechs gelegt. Marcus drückte beide durch und überschüttete den JagerMech mit einem der vernichtendsten Lichtgewitter, das ein BattleMech der Freien Inneren Sphäre austeilen konnte.

Wobei es nicht ganz korrekt war, ihn als Maschine der Freien Inneren Sphäre zu bezeichnen. Aus ihren Einsätzen gegen die Clans hatten Gli Angeli einen kleinen Vorrat an Waffen und anderer Ausrüstung der Invasoren ansammeln können. Es war ihnen zwar nie gelungen, einen funktionstüchtigen OmniMech zu erbeuten - die gefürchtete Clan-Version des Kampfkolosses -, aber sie besaßen ein halbes Dutzend Clan-PPKs, mehrere Laser und sogar ein Gaussgeschütz. Das lieferte den Angeli einen kleinen unerwarteten Vorteil, und in diesem Augenblick stellten zwei jener PPKs unter Beweis, dass sie über die anderthalbfache Durchschlagskraft ihrer Vettern aus den Nachfolgerstaaten verfügten.

Die beiden bläulichweißen Blitze zuckten durch die Luft in den Torso des JagerMech, zerkochten die Panzerung und bohrten sich in das darunterliegende Skelett aus geschäumtem Titanstahl. Zwei mittelschwere Laser verstärkten den Angriff. Ein Schuss ging zu hoch und zischte über die rechte Schulter der gegnerischen Maschine, der andere streifte ihren linken Arm. Das Maschinengewehr im Torso des Warhammer spie seinen Kugelhagel auf den Kopf des JagerMech, wo es kaum Schaden anrichtete, aber ohne Zweifel zu den Sorgen des feindlichen Kommandeurs beitrug. Als letztes schlugen die sechs Raketen der KSR-Lafette ein, die in Sekundenbruchteilen auf Schweifen aus Feuer und Rauch die dreißig Meter Distanz zwischen den beiden Maschinen überwunden hatten. Eine Rakete detonierte zwischen den wuchtigen Beinen der Maschine und schleuderte eine beträchtliche Erdmasse als schwarzen Geysir empor. Zwei Raketen donnerten in den rechten Oberschenkel des BattleMechs, die drei übrigen flogen geradewegs in die von den PPKs geschlagene Bresche.

Die Wärmeskala schoss aus dem blauen Bereich geradewegs ins tiefste Rot, als der Fusionsreaktor im Herzen des Mechs volle Leistung liefern musste, um den Energiebedarf dieser Breitseite zu decken. Die Temperatur im Innern des Cockpits stieg dramatisch an und überwältigte einen Moment lang die Möglichkeiten der Kühlweste. Vor Marcus‘ Augen verschwammen die Kontrollen, als er mit der flachen Hand auf den Vetoschalter schlug, um eine automatische Stilllegung zu verhindern. Seine Augen brannten unter dem Schweiß, der ihm in Sturzbächen von der Stirn rann, und er rang keuchend nach Sauerstoff, als die heiße Luft ihm den Atem nahm.

Als Marcus sich lange Sekunden später wieder konzentrieren konnte, stürzte der JagerMech. Große Metallbrocken flogen aus dem Loch in seinem Rumpf. Gyroskopbruchstücke, dachte Marcus. Der Metallkoloss landete auf dem zertrümmerten rechten Arm und zermalmte ihn unter dem massiven Torso. Schließlich blieb er bäuchlings und verrenkt liegen wie eine gigantische Marionette, deren Puppenspieler die Fäden zerschnitten hatte. Der feindliche Kommandeur konnte seine Maschine nicht mehr kontrollieren, schaltete alle Waffen ab und öffnete in einer Geste der Kapitulation die Cockpitluke.

Das muss es gewesen sein, dachte Marcus, der allmählich seine Atmung wieder unter Kontrolle bekam. Die Kühlweste lag wie Eis auf seiner Brust, aber der Rest des Körpers fühlte sich gargekocht an. Selbst wenn die Explosion noch nicht gereicht haben sollte, müsste das den Ausschlag geben.

Während Marcus noch eine Verbindung zu Ki-Lynn öffnete, hörte er bereits die von ihr weitergeleiteten Meldungen seiner Lanzenführer. Der größte Teil der New Home Regulars befand sich auf der Flucht. Charlene Brooks, seine Stellvertreterin, meldete vollzählige Anwesenheit. Thomas Fabers Marauder hatte einen Arm verloren und damit den schwersten Schaden erlitten. Auch die feindliche Infanterie hatte ihre befestigten Stellungen aufgegeben und befand sich in verschiedenen alten Fahrzeugen auf dem Rückzug. Charlene ließ eines davon anhalten und als Beutegut sichern: einen 5 Tonnen schweren Savannah Master-Schweber - ähnlich dem, den die Angeli bereits besaßen.

Plus der ausgebrannten Hülle eines Wolverine und eines zerquetschten Locust, wie andere Einheitsmitglieder über Ki-Lynn meldeten. Und eines fast schrottreifen JagerMech, setzte Marcus schweigend hinzu.

Sowie eine Lagerhalle mit genug Munition und Ersatzteilen, um die Maschinen der Angeli di Avanti zu reparieren und möglicherweise sogar den JagerMech wieder auf die Beine zu stellen. Marcus grinste. Charlene und Vincent Foley, die beiden Mitglieder des Prometheus-Elements, hatten für eine Explosion gesorgt, aber nicht im Munitionslager. Die Angeli hassten es, Nachschub zu vernichten, der sich ebenso gut erbeuten ließ, besonders, wenn die Sprengung ein paar großer Tanks mit Flugbenzin auch genügte.

»Zeit zum Aufräumen, Leute«, erklärte Marcus, als die Meldungen ausklangen. »Sperrt die Lagerhalle ab. Wir wollen nicht, dass irgendeiner der fliehenden Regulars erfährt, was geschehen ist.« Er rief die vier jüngsten MechKrieger der Einheit auf. »Ihr werdet den letzten Nachzüglern folgen und Dampf machen, aber nur gerade genug, um sie in Bewegung zu halten. Ist das klar? Lasst die Regulars laufen!«

Die Angeli hatten einen soliden Sieg errungen, und es bestand keinerlei Veranlassung, bei einer Hetzjagd ein Leben oder einen BattleMech zu riskieren. Ein derartiger Verlust hätte der Einheit weit mehr geschadet, als ein weiterer geborgener FeindMech ihr hätte helfen können. »Ein Zweierteam stellt sich in einem Viertelklick als Wache auf. Das zweite Team etabliert nach Abbruch der Verfolgung eine Streife um das Lager in einem halben Klick Abstand. Alle anderen bleiben wachsam, bis die Bodentruppen alles abgesucht haben.«

Marcus beobachtete auf dem Sichtschirm, wie der feindliche Kommandeur aus der zertrümmerten Maschine kletterte und seinen Helm zu Boden warf.

»Paula, bring deine Wasp her und übernimm die Bewachung unseres Gefangenen.« Marcus hasste es, einen anderen MechKrieger zur Bestrafung abzuliefern, aber der Baron bezahlte die Rechnungen, und er legte wert darauf, so viele Gefangene wie möglich in seinen Kerkern zu wissen. Marcus tröstete sich mit dem Gedanken, dass der feindliche Kommandeur zurück in die Konföderation Capella geschickt werden würde, sobald dies alles vorüber war.

Er schaltete das Funkgerät zurück auf die allgemeinen Frequenzen, um sich anzuhören, was die Angeli redeten. Obwohl ihr Landungsschiff, die Heaven Sent, noch nicht aufgesetzt hatte, fühlten sie bereits die Erleichterung, die den Abschluss einer Mission kennzeichnete. Er schaltete wieder auf seine Direktleitung zu Ki-Lynn. Im letzten Monat hatten sie nur wenig Gelegenheit zur Entspannung bekommen, und angesichts der erschöpften Kassen würde die Einheit schon bald wieder in die Schlacht ziehen müssen. Sie hatten jeden Augenblick der Erholung verdient, den er ihnen geben konnte.

Wer wusste zu sagen, wann der nächste der Engel fiel.