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René Deter

Im Tümpel ist kein Wasser





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mutter

Ich bin die Mutter des Waldes. Die Bäume sind meine Kinder. Einst waren es viele Kinder, doch es werden immer weniger. Man tötet sie, um ihre Lebenskraft für die Bedürfnisse fremder Welten zu gewinnen. Bei den Fremden nennt man es Holz, doch sie sind so ahnungslos. Wir sind lebende Wesen und wir können auf dieser Welt, unserer Welt, ein Bewusstsein und Denken entwickeln.

Jeder Schlag tötet und jeder Schlag tut auch mir weh, denn meine Kinder sind fest an mich gebunden. Ich sterbe immer ein wenig mit. Dieser Schmerz ist furchtbar, für Außenstehende nicht nachvollziehbar.

In letzter Zeit haben sich die Schläge enorm vermehrt. Ich komme kaum noch zur Ruhe. Immer wieder und immer wieder spüre ich es. Man schlachtet mir meine Kinder weg. Und der Schrecken, der meine Glieder durchzuckt, steigt ins Unermessliche!

Wie viel Leid kann eine Mutter ertragen?

 

***

 

Eine Zeit unendlichen Schmerzes liegt hinter mir. Jeden Tag bin ich vom Grauen übermammt worden. Jeden Tag ist ein Stück ist ein Stückchen von mir gestorben.

Nun stehe ich alleine da, bin das letzte lebendige Etwas auf diesem traurig gewordenen Planeten. Ich habe den mächtigsten aller Stämme und ich bin zu Recht stolz darauf. Aus meiner Wurzeln Kraft und meiner Früchte Lebensglut ist diese Welt einst erblüht. Doch nun ist da nur noch Trauer in mir. Meine geliebten Kinder, sie alle gibt es nicht mehr.

Dazu empfinde ich unbändigen Zorn gegenüber denen, die meine Kinder dahingeschlachtet haben. Doch was kann ich tun? Man wird mir nicht zuhören, da man mich nicht versteht. Oder ignoriert man mein Flehen einfach?

Es gibt sie nicht mehr, deren Erzeugung mir so schwer gefallen ist. Doch die Bürde eines Neuanfangs würde ich gerne auf mich nehmen, wenn man mir nur mein nacktes Leben ließe. Die Kraft ist in mir. Sie lässt sich nicht brechen. Ich lasse sie mir nicht nehmen. Nackte Verzweiflung bestimmt meine einsame Existenz. Ich bin eine Mutter, die alles verloren hat. Von Schmerzen geplagt, die nicht mehr verschwinden können.

Die Zerstörer des Lebens packen gerade wieder ihre mörderischen Werkzeuge aus. Und ich kann nichts dagegen tun, mich nicht ihrer tödlichen Arbeit erwehren. Meine Sprache verstehen sie nicht, so wie auch ich ihre Sprache nicht verstehe.

Unsere Welten sind zu verschieden. Sie können nicht zusammen kommen. Das fatale Ende ist unausweichlich. Das letzte Leid meiner Seele wird im Wind dahingehen und in die Ewigkeit verwehen. Ungehört, bis auch der letzte Schall Geschichte ist.

 

***

 

Dann trifft mich der erste Schlag. Mein Lebenssaft beginnt herauszufließen.

Der zweite Schlag folgt dem Ersten. Das tote Land ödet mich an. Es gibt rein nichts mehr. Und das macht mich traurig.

Der dritte Schlag. Meine Kraft droht allmählich dahin zu siechen.

Der vierte Schlag. Ich frage mich nach dem Sinn meiner eigenen Existenz und der meiner geschlachteten Kinder, die nicht den Hauch einer Chance des Überlebens besaßen.

Der fünfte Schlag. Langsam wird mir elend zumute.

Der sechste Schlag. Ich fange an zu wanken.

Der siebte Schlag. Ich wackle stärker, kann mich nur noch schwer aufrecht halten.

Der achte Schlag. Ich fange an zu brechen.

Der neunte Schlag. Ich bin im Begriff zu stürzen.

Der zehnte Schlag. Was ist Sterben?

Der elfte Schlag. Ich falle dem Boden entgegen, der mir meine Nahrung einst gab.

Der zwölfte Schlag. Ich sterbe unter den schrecklichen Qualen als die Letzte eines einst großen und stolzen Volkes. Der Planet der Bäume ist tot!

Der dreizehnte Schlag. Es ist mein letzter Lebensmoment. Doch da spüre ich ein schwaches Signal. Ein Signal der Hoffnung! Und meine Seele lässt sich mit einem Lächeln durch den Wind in die Ewigkeit tragen ...

 

***

 

Eine ganze Zivilisation, ausgelöscht auf die Schlimmste aller Arten und Weisen: Unkenntnis und Ignoranz! Doch es gibt eine Kraft, die stärker ist: Die Geburt eines neuen Lebens aus den Trümmern des Schreckens! Wer mag dagegen sprechen ...

 

 

ein einzig leben

das ist uns vergönnt

wir sollten es nutzen

ein jeder auf seine art

den nachkommenden

etwas zu bieten

was die altvorderen

unvergessen macht

was sich hinein brennt

in die spur der ewigkeit

dem lauf der zeit

 

Im Tümpel ist kein Wasser

”Im Tümpel ist kein Wasser”, stellte der alte Frosch fest und hüpfte den matschigen Grund entlang. Einst gab es hier das Wasser seines Lieblingstümpels, doch vom dem schien nichts mehr da zu sein.

Der Schlamm war nun sein Zuhause.

”Die Luft ist ziemlich komisch”, dachte der Frosch, als er beim Springen tiefer einatmete. „Und überhaupt ist heute alles anders“, überlegte er sich dann. “Ich höre keine Vögel, bemerke auch keine anderen Tiere. Ich habe nur mich selbst.” Er machte eine kurze Pause. ”Ich weiß nicht, warum dem so ist”, philosophierte er anschließend weiter. Aber es war unabänderlich. ”Ich bin der Letzte auf dieser Welt”, war sich der Frosch sicher.

Da biss eine Ratte zu, die sich ihm unbemerkt näherte.

Und nun wusste der Frosch, dass er nicht alleine auf der Welt war. Doch er konnte nicht mehr darüber nachdenken.

 

Die Ratte war zufrieden, eine fleischige Beute gefunden zu haben. Ihr Leben zeigte sich schwer genug.

Der den Frosch umgebende Schleim wirkte allerdings sehr unangenehm im Geschmack. ”Aber was tut man nicht alles, um zu überleben”, meinte die Ratte und lief einige Schritte weiter. Dann wurde ihr auf einmal übel.

Nur Momente später lag sie tot auf der Seite.

Sie hatte nicht gewusst, dass das den Frosch umgebende schleimige Sekret tödlich giftig wirkte.

 

Dann kamen Menschen an den ehemaligen Tümpel, wo die tote Ratte mit dem toten, giftigen Frosch im Magen lag.

”Es hat geklappt”, meinte der eine Mensch.

”Ja! Die Ratten sind wir los”, freute sich mit einem Lächeln der zweite Mensch.

”Aber alles andere Getier auch!”, stellte ein dritter Mensch fest.

”So ist es!”, bestätigte der zweite Mensch.