JOHANNA SINISALO

Iron Sky

RENATE UND DIE
MONDNAZIS

Aus dem Finnischen von Stefan Moster

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Tropen

www.tropen.de

© 2017 by Johanna Sinisalo und Iron Sky Universe

Für die deutsche Ausgabe

© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Klett-Cotta Design unter Verwendung einer Abbildung von © Iron Sky Universe / © Blind Spot Pictures

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50158-2

E-Book: ISBN 978-3-608-10877-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

»Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.«

Adolf Hitler

»Die Erde bedeutete für uns zweierlei. Einerseits war sie der Schatz, den man uns ungerechterweise geraubt hatte, eine schöne, bläulich-weiß schimmernde Scheibe am Himmel, so nah und so fern, die an das verlorene Paradies erinnerte. Andererseits war die Erde in unserer Vorstellung ein Schlachtfeld, ein von Untermenschen, Bolschewiken und Kapitalisten bevölkertes Chaos, das wir in einem Verzeichnis von Frontverläufen, Schlachten, Jahreszahlen und hässlichen, niederträchtigen Staatsoberhäuptern erfassten. Die Erde war ein vor Reichtümern überbordender Speicher, den wir verloren hatten, den wir aber eines Tages zurückbekommen würden, und zugleich war sie ein korrupter, barbarischer und primitiver Dschungel, in dem ein Leben herrschte, das wir in jeder Hinsicht fürchten und verachten mussten.«

Renate Richter

TEIL EINS

Jugend auf dem Mond

1. Februar 2047

Liebe Kitty,

ich bin aus einem Traum vom offenen Himmel aufgewacht.

Ich hatte davon geträumt, dass es regnet.

Ein Wassertropfen fiel auf meine Wange. Ein zweiter traf das Augenlid, ein dritter die Oberlippe und setzte von dort aus seinen Weg zum Mundwinkel fort. Ich leckte ihn ab, denn nach wie vor fand ich es erstaunlich, dass Wasser vom Himmel kam – erfrischendes, kühles Wasser, von dem jeder so viel sammeln konnte, wie er wollte, und in einer solchen Fülle, dass es ungebändigt über den Boden floss und Bäche, Pfützen, Ströme und Seen, Meere und Gletscher bildete. Ich leckte den Tropfen ab und ließ ihn nicht aus dem Mund entkommen, denn er stellte für mich den unermesslichen Wert des offenen Himmels dar.

Ich öffnete die Augen.

Über mir befand sich eine Decke aus Stein.

Sie hing nur wenige Spannbreit über meinem Gesicht. Meine Enttäuschung mischte sich mit Entsetzen, ein plötzliches Gefühl der Beklemmung schlug mir mit der Faust in den Bauch und raubte mir den Atem. Ich hatte das Gefühl, statt im Bett in einem Sarg zu liegen. In gewisser Weise tat ich das auch, in einem riesigen Sarg aus Stein, der durchs Universum raste.

Das Wasser bestand aus Wasser, aber es tropfte mir nicht aus dem Himmel, sondern aus einem haarfeinen Spalt im Gestein auf mein Gesicht und schmeckte nach Staub, Rost und Traurigkeit.

Warum entstehen täglich mehr von diesen winzig kleinen Rissen in den Wänden und Decken? Die Feuchtigkeit der in unseren Behausungen zirkulierenden Luft kondensiert in diesen Rissen, besonders bei Langnacht. Hat der Stein unter den Bombardierungen im Krieg gelitten und wird nun leichter brüchig? Was müsste man dagegen tun? Was könnte ich dagegen tun?

Ich möchte nicht die Führerin sein, denn Macht ermüdet mich. Sie hat für mich nie einen Wert an sich gehabt. Aber es entstehen eben immer Hierarchien, daran ist nichts zu ändern. Und immer gibt es Menschen, die um Rat fragen wollen. Manche suchen dabei nur für ihr Denken die Zustimmung eines anderen Menschen. Andere wiederum wollen schlicht und einfach, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Darum reden sie mit denen, die bezüglich des jeweiligen Problems über ausreichend Lebenserfahrung oder Kenntnisse verfügen. Oft muss der Ratgeber nicht einmal besonders viel über die Angelegenheit wissen, es genügt, dass er überzeugend klingende Anweisungen und Befehle zu erteilen weiß.

Macht geht mit Verantwortung einher, und bisweilen wünschte ich, nicht mehr die Verantwortung für alle diese Menschen tragen zu müssen. Lieber möchte ich mich selbst führen lassen, mich froh und voller Vertrauen dem Gedanken überlassen, dass ein anderer für mich sorgt. Ich bin nicht mehr jung und in keiner guten Verfassung; ich weiß, dass meine Lunge nicht gesund ist. Es kann durchaus sein, dass ich schon bald meinen Einfluss auf die Angelegenheiten des Stützpunktes aufgebe – des Stützpunktes, der seinerzeit den Namen Schwarze Sonne erhielt und der sich seitdem stark verändert hat, was den Namen und die ganze Lebensweise betrifft.

Der Krieg liegt nun bald dreißig Jahre zurück, und die Ankunft der Flüchtlinge hat eine große Umwälzung mit sich gebracht. Zuvor hatte ich alles, was sich ereignete, nur aus einem schmalen Blickwinkel betrachtet, ohne die persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Ansichten der Flüchtlinge – und ohne die umfangreichen Datenbanken, die sie mitbrachten. Ich hatte noch kein geschlossenes Bild von allem gehabt. Ohne ein solches Gesamtbild wäre es sinnlos gewesen, diese Arbeit hier in Angriff zu nehmen, die vielleicht ein Tagebuch wird, vielleicht auch eine Autobiographie. Eine Abrechnung.

Die Idee zu den Aufzeichnungen kam mir gestern.

Es war der Geburtstag meiner Mutter. Ich dachte an sie und erkannte plötzlich, dass ich zweiundfünfzig bin, so alt wie Lotte Richter bei ihrem Tod. Das ließ mich begreifen, wie begrenzt die Lebenszeit ist, die mir noch bevorsteht. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nagt der Mond von innen her an uns, die wir auf dem Mond geboren und aufgewachsen sind.

Ohne es zu wollen, haben wir durch die gesamte Geschichte der Festung hindurch feinen, aber äußerst scharfkantigen Mondstaub mit uns herumgetragen, der an Mondanzügen und Werkzeugen haften blieb und anschließend überall eindrang. Er hat unsere Gerätschaften ruiniert und überdies ernsthafte Erkrankungen verursacht. Wir sind ihn noch immer nicht ganz losgeworden, auch wenn in den Druckschleusen spezielle Staubentfernungskammern installiert worden sind und in diesen wiederum starke Sauger und magnetische Apparate, die den Staub bis zu einem gewissen Grad im Zaum halten. Erst die Mikrowellentechnik, die die Flüchtlinge von der Erde mitgebracht haben, hat geholfen, das heimtückische Eindringen von Mondstaub in die Wohn- und Arbeitsbereiche und in die Lungen der Menschen effektiv zu verhindern.

Ich habe auch früher schon Tagebuch geführt. Mit sechs Jahren fing ich an, nachdem ich mit vier das Schreiben gelernt hatte. Das Buch besitze ich noch immer. Es gehört zu meinen teuersten Schätzen, und es ist noch vorhanden, weil mein Zimmer im Krieg wie durch ein Wunder fast unangetastet geblieben ist. Die Renate von damals schrieb mit einem Grafitstift auf Hanfpapier. Heute kann ich die Seiten mit der Kamera meines Tablets abfotografieren und sie an diese Textdatei hier anhängen.

Was für einen langen Weg ich doch gegangen bin!

*

Sonntag, am 6. Mai 2001

Liebes Tagebuch!

Ich habe Geburtstag! Ich werde sechs Jahre alt. Vom Mondreich habe ich mir ein Notizbuch gewünscht. Ich weiß, dass Papier schrecklich kostbar ist, aber mein Vater hat auch ein Notizbuch und bekommt immer ein neues, wenn er es braucht, weil er nämlich wichtig ist. Er musste über meinen Wunsch lachen. Er sagte, bestimmt wünschten sich alle anderen Mädchen in der Festung, die so alt sind wie ich, eine Puppe oder einen Spielkochtopf. Aber ich glaube, dass mein Vater ein bisschen stolz auf mich ist, weil er sagte, du wirst vielleicht mal Lehrerin, Renatchen, so wie Frau Klein, wenn du in deinem Alter schon Sachen aufschreiben willst. Lehrerinnen müssen viel wissen und darum werde ich meine Mutter fragen, ob ich übermorgen nach der Schule in die Bibliothek gehen darf. Morgen kann ich nicht gehen, weil morgen Mondtag ist und die Bibliothek geschlossen hat. Mein Vater hat gesagt, mein Geburtstag sei auch so ein Glückstag und habe mit Büchern zu tun, weil am 6. Mai Hitler Unser Herr befahl, die undeutschen Bücher zu verbrennen und Goebbels sagte, die Zukunft müsse aus den Flammen unserer Herzen emporsteigen, und mein Vater strich mir übers Haar und sagte, du, Renatchen, bist ein Kind der Zukunft.

*

In der Schwarzen Sonne bekam jedes Kind zweimal vom Mondreich ein Geburtstagsgeschenk: Wenn es sechs und wenn es sechzehn wurde. Das Kind durfte sich das Geschenk selbst aussuchen, seine Eltern leiteten den Wunsch dann an das Volkseigentumskomitee der Schwarzen Sonne weiter. Später habe ich erkannt, dass es sich dabei nicht nur um eine schöne Geste handelte, um die Bürger zu belohnen, die mit wenig auskommen und viel Selbstdisziplin aufbringen mussten, sondern auch eine Methode war, sich Klarheit über die Gedankenwelt und Einstellung der einzelnen Kinder zu verschaffen. Die meisten Kinder wollten eines der Spielzeuge, die tief unter der Mondoberfläche in den Werkstätten der Untermenschen hergestellt und bei Bedarf von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Die Jungen träumten von Raumschiffen, Spielzeugmotorrädern und Kinderwaffen, angefertigt aus Hanfharz, Glasfaser und Aluminium. Die häufigsten Wünsche der Mädchen hatte mein Vater ziemlich genau erfasst, so wie es in meinem Tagebucheintrag stand.

Obwohl das Notizbuch, das ich mir damals wünschte, aus starkem, gutem deutschen Hanfpapier gemacht ist, weiß ich, dass es aufgrund des organischen Materials nicht ewig halten wird, schon gar nicht unter den immer feuchter werdenden Bedingungen in unserer Festung. Darum speichere ich in meiner freien Zeit die Krakeleien der kleinen Renate – genau wie die der schon etwas größeren – als Fotos auf meinem mir teuer gewordenen Tablet ab. Auch andere Dokumente in Papierform, die mein Leben und die Geschichte der Festung beleuchten, habe ich zusammengesucht und an mich genommen. Nach all den Jahren ist es interessant, sie zu studieren.

Ich weiß nicht, wer meine Aufzeichnungen lesen wird. So dramatisch will ich nicht sein, dass ich mir vorstelle, Fremde aus dem Universum würden meinen Text Tausende Jahre nach unserem Untergang finden und deuten. Wahrscheinlich wird die Datei bei Obi landen, zu ihrem Vergnügen. Oder vielleicht zu ihrer Erschütterung.

Schon mit sechs konnte ich leidlich gut schreiben, denn im Kindergarten der Schwarzen Sonne wurden bereits die Dreijährigen im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, und mit fünf begann die eigentliche Schulzeit.

Nicht alle hatten etwas für das Lesen übrig, aber ich mochte es sehr.

Richtige Bücher aus Papier gab es nur wenige, und die waren zum größten Teil für diejenigen bestimmt, die gerade das Lesen lernten. Sie hatten dicke Einbände, wenige Seiten und mehr Bilder als Wörter. Aber beim Verlassen der Erde hatten wir eine große Sammlung von Werken auf Mikrofilm mitgenommen. Die durfte man sich in der Bibliothek ansehen.

Ich war ein ziemlich schüchternes Kind, daran erinnere ich mich deutlich. Allerdings war ich nicht auf die Weise schüchtern, dass ich nur daheim am Rockzipfel meiner Mutter gehangen hätte. Meine Scheu zeigte sich eher in meiner Art, mich hinter dem Rücken meines Vaters zu verstecken, wenn ich mit ihm in der Hakenkreuzfestung unterwegs war und wir fremden Erwachsenen begegneten. Im Schutze meines Vaters flüsterte ich »Sieg Heil«, und er musste mich auffordern, den Erwachsenen in die Augen zu schauen und stramm den Arm zum Gruß zu heben. Wegen meiner Schüchternheit dauerte es eine Weile, bis ich mich traute, allein in die Bibliothek zu gehen.

*

Dienstag 8. Mai 2001

Hier schreibe ich auf, was ich morgen tun muss, damit ich es nicht vergesse. Mama hat mir geraten, zuerst die Bibliothekarin Frau Hedwig Müller anzusprechen und ihr zu sagen, dass ich die Tochter von Lotte Richter bin und dass meine Mama mir die Erlaubnis gegeben hat, in die Bibliothek zu gehen. Frau Müller ist eine gute Freundin von Mama, und Mama sagt, Frau Müller könne was zum Lesen für mich aussuchen und mir helfen, das Mikrofilmlesegerät zu benutzen. Ich weiß nicht, was ein Mikrofilmlesegerät ist, und ich bin aufgeregt.

*

Die gefürchtete Frau Hedwig Müller war eine laute, hochgewachsene Person, die für strenge Ordnung sorgte und von den Kindern in der Bibliothek absolute Stille verlangte. Als Freundin meiner Mutter war sie mit mir vielleicht geduldiger als mit den anderen Kindern. Sie setzte mich an das Mikrofilmlesegerät und überwachte dessen Gebrauch, damit ich die kostbaren Filme oder den Apparat selbst nicht mit zu groben Bewegungen beschädigte. Ich lernte schnell, die Kurbel vorsichtig zu drehen, sodass Frau Müller den anderen Kindern mit Rat und Tat zur Seite stehen konnte. Von denen in meinem Alter waren nicht sonderlich viele an den Mikrofilmen interessiert, weshalb ich das Gerät die ganze Bibliotheksstunde, die für Kinder unter zehn vorgesehen war und dienstags nach dem Unterricht stattfand, meistens für mich hatte. Frau Müller wusste bald, was mir gefiel, und hatte oft schon vorab ein Mikrofilmbuch für mich herausgesucht, wenn ich kam. Während die anderen noch in ihren Horst-Wessel-Bilderbüchern blätterten, las ich bereits ganze Kinderbücher und ging im Nu zu Sachbüchern über.

Das erste Mikrofilmbuch, das ich las, hieß Heidi.

Ich war noch zu klein, um die Verwirrung zu analysieren, die es bei mir auslöste. Obwohl es zweifellos auf Deutsch geschrieben war, musste ich mich von Anfang an anstrengen, um alles verstehen und mir vorstellen zu können. Teilweise war Heidi für mich wie in einer Fremdsprache geschrieben. Oder wie in meiner Sprache, in die aber fremde Wörter gemischt worden waren. Ein bisschen so, wie wenn ein Erwachsener etwas aus einem ihm vollkommen unbekannten Fachgebiet liest: Er versteht viele bekannte Verben und die Terminologie, die mit alltäglichen Dingen zu tun haben, aber die Hälfte der Wörter im Text sind ihm unverständlich oder ihre Bedeutung bleibt ihm mindestens unklar.

»Die Berge« verstand ich, denn sie gehörten auch zu unserer Umgebung. Aber was bedeutete »Wind«, was war eine »Ziege« und was ein »Strauch«? Ich weiß auch noch, wie ich mir den Kopf darüber zerbrach, was bloß mit diesem »Käse« gemeint sein könnte.

4. Februar 2047

Liebe Kitty,

nach dem Tod von James hatte ich wenig Gelegenheit, mit jemandem über mein Leben zu sprechen. Es gibt hier solche, die den Krieg aus der Perspektive des Mondes erlebt haben, und es gibt andere, die ihn von der Erde aus erlebt haben, aber James und ich waren die einzigen Überlebenden, die an beiden Orten an den Ereignissen beteiligt gewesen waren. Wir gehörten zu den Brückenmenschen – zu jenen wenigen Personen, die sich vor dem Krieg auf dem Mond wie auch auf der Erde aufgehalten hatten.

Darum fühle ich mich keiner der beiden Gruppen wirklich zugehörig. Ich bin kein Nachkomme der Festungsgründer, die nie eine andere Lebensweise kennengelernt haben, aber ich bin auch keine von denen, die auf der Erde aufwuchsen und sich im letzten Moment hierher flüchteten. Die Ureinwohner des Mondes, falls man das ironischerweise so sagen darf, sehen keinen großen Unterschied zu dem, was früher war. Manche Dinge sind besser geworden und manche schlechter, aber das durchschnittliche Leben ist genauso angenehm, wie es in einer Grube, die man in den Mond gegraben hat, nun mal möglich ist. Diejenigen, die auf der Erde geboren wurden und dort gelebt haben, scheinen unser Leben wiederum nur für eine vorübergehende Lösung zu halten und unser Zuhause für einen Bunker, in dem man sich eine Zeitlang aufhalten muss, bevor man ins sogenannte normale Leben zurückkehrt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es einen Ort gibt, an den man zurückkehren kann; sie akzeptieren die Sachlage, indem sie sich vorstellen, das Wohnen in der Festung wäre eine Art sonderbarer, in die Länge gezogener Extrem-Trip.

Ich kann nicht so denken wie sie, aus vielen Gründen. Der wichtigste Grund besteht darin, dass ich nicht auf der Erde geboren wurde. Ich kann nicht an die Erde und ihre Lebensumstände als etwa Normales oder Selbstverständliches denken. Das Leben dort war für mich der extreme Ausnahmezustand.

Für diejenigen, die nach dem Krieg auf dem Mond geboren wurden, ist die Erde ein Märchen. Ich glaube, dass sich viele insgeheim fragen, ob es sich nur um eine Legende handelt, die im Lauf der Zeit immer mehr ausgeschmückt wurde, wie der Mythos vom verlorenen Paradies. Ein Teil derjenigen, die zur Zeit der alten Macht auf dem Mond geboren wurden, fragt sich gerade dieser Tage, ob die legendären Wunder der Erde nicht doch reine Propaganda waren – ein Köder, mit dem man sie seinerzeit dazu gebracht hatte, gewissenhaft alle Anweisungen zu befolgen, weil als Lohn jenes Gelobte Land ausgesetzt war. Und wie es bei von der Propaganda versprochenen Belohnungen oft der Fall ist, mochte es sich auch hier um Katzengold handeln: Wenn man endlich hingelangte, wäre es nur eine Art Schwarze Sonne 2.0. Ein bisschen weitläufiger, mit einem etwas komfortableren Höhlensystem, mit etwas mehr Abwechslung beim Essen und dazu als Bonus vielleicht die eine oder andere staubige Pflanze und eine Pfütze, aus der ein ausgestopfter Elch Wasser schlürft.

Ich habe nicht viele Freunde, denn die auf dem Mond Geborenen halten mich auf obskure Art für eine Vertreterin der Erde, während die Vertreter der Erde in mir einen vollblütigen Mondling sehen. Viele meiner Freunde, die den Krieg überlebt haben, sind mir fremd geworden. Führer haben so gut wie keine Freunde. Sie haben Untergebene, Speichellecker und Neider, aber nur wenige echte Freunde.

Zum Glück hatte ich James. Und heute habe ich immerhin meine Tochter Obi. Mit zunehmender Klarheit erkenne ich, dass ich dies hier wohl für sie schreibe, weil sie bestimmt irgendwann mehr über die Geschichte von ihrem Vater und mir erfahren will, auch Einzelheiten, die wir ihr nicht erzählt haben. Es fällt mir jedoch schwer, diese Abrechnung als eine Art langen Brief an Obi abzufassen, denn wenn eine Mutter ihrer Tochter von sich erzählt, wandelt sie unweigerlich die Wahrheit ab. Nein, wenn ich direkt an Obi schriebe, würde es ein affektierter Text für ein Phantasiewesen werden. Lieber schreibe ich an dich, Tagebuch, dem ich den Namen Kitty gegeben habe.

Ob Obi je erfahren wird, warum du Kitty heißt? Es ist nebensächlich. Ich finde es nur so treffend und ironisch.

5. Februar 2047

Liebe Kitty,

ich habe meinen gestrigen Eintrag noch einmal gelesen. Bei dem Satz »wenn eine Mutter ihrer Tochter von sich erzählt, wandelt sie unweigerlich die Wahrheit ab«, könnte man den Eindruck gewinnen, ich hielte meine eigene Mutter für eine Lügnerin oder Heuchlerin. Es stimmt, dass sie mir sicherlich nicht immer offen gesagt hat, was in ihr vorging, oder dass sie Dinge unerwähnt ließ, von denen sie nicht wollte, dass ich sie erfuhr.

Aber ich glaube keine Sekunde daran, dass sie mit Absicht unaufrichtig war. Mütter kreieren für ihre Kinder zwar aus rein erzieherischen Gründen eine Vorstellung von ihrer eigenen Rechtschaffenheit und Allmächtigkeit, aber man darf nicht vergessen, dass das Kind ebenso sehr daran beteiligt ist, diesen Mythos zu erschaffen: In den Augen des Kindes ist die Mutter sowohl ein großes, bis zur Decke reichendes, nahezu göttliches Wesen als auch die souveräne Spenderin von Wärme, Nahrung und Trost. Die Mutter täte falsch daran, dem Kind ihre Schwächen zu offenbaren, selbst wenn sie nicht vollkommen makellos wäre.

Ich bezichtige meine Mutter also nicht der Lüge. Meinen Vater hingegen schon.

Meine Mutter vermisse ich. Meinen Vater nicht.

Im Namen der Wahrheit muss ich zugeben, dass ich meinen Vater ebenso sehr geliebt habe wie meine Mutter. (Hätte ich ihn nicht geliebt, wäre mein Leben später in vielerlei Hinsicht leichter gewesen.) Meine Mutter Lotte bedeutete für mich Liebe, Geborgenheit, Wärme, Sinn fürs Praktische und sogar eine Art Geschwisterlichkeit. Mein Vater Rudolf wiederum – den mit Sicherheit nur meine Mutter und ich je mit Vornamen angegeredet haben, für alle anderen war er Herr Doktor Richter – machte die kleine Welt, die uns umgab, für mich ein bisschen größer. Er stand für Abenteuergeist und sogar für eine gewisse Offenheit, soweit es unter unseren Umständen möglich war. Er lebte in der Welt des Wissens, in der es erlaubt war, nach dem Neuen, noch nicht Dagewesenen zu streben, er durfte seine schöpferische Natur ins Gewand des Ingenieurs kleiden. Und er liebte mich. Das weiß ich, auch wenn er im Hinblick auf mein Wohl auch Dinge tat, die ich nicht akzeptieren konnte.

Meine Eltern hatten die Vermehrungserlaubnis für zwei Kinder erhalten, aber meine Mutter bekam kein zweites Kind mehr, zumindest keines, das am Leben geblieben wäre. Für eine Erstgebärende in der Festung war sie mit neunundzwanzig schon ziemlich alt. Es kann sein, dass sie Schwierigkeiten hatte, schwanger zu werden oder ein Kind auszutragen. Weil ich das einzige blieb, war mein Geschlecht natürlich eine Enttäuschung für meinen Vater. Zwar brauchte die Schwarze Sonne auch Frauen, aber er hätte sich einen Nachfolger für seine Arbeit gewünscht. Die Zwei-Kind-Lizenz hatte er bekommen, weil er von überlegener Intelligenz war – das Resultat einer gelungenen Paarbildung, bei der man es in erster Linie auf analytische und innovative Eigenschaften angelegt hatte. Auch meine Mutter war weitgehend aus Gründen des Intellekts als Partnerin meines Vaters ausgewählt worden. Bevor sie krank wurde, hatte sie lange in der Nachrichtenzentrale der Festung gearbeitet, wo die lernfähigsten jungen Frauen landeten. Nur in den letzten Tagen der Schwangerschaft und den neun Monaten, die ich zu Hause war, bevor ich in den Kindergarten kam, blieb sie der Arbeit fern.

Als Kind behandelte mich mein Vater lange wie einen Jungen, vielleicht weil er keinen Sohn hatte. Mondtags nahm er mich auf lange Spaziergänge durch die Festung mit und machte mich mit seinen Arbeitskollegen und Untergebenen bekannt. Er zeigte mir sein Labor und die riesige Höhle, in der die Götterdämmerung erbaut wurde, die tollkühne Errungenschaft der unübertrefflichen Forschung im Vierten Reich, die uns eines Tages die Erde zurückgeben würde. Gearbeitet wurde unter der Mondoberfläche, weil man eine so große Baustelle unmöglich lückenlos vor den Kameras der Erdsonden tarnen konnte. Mein Vater beschrieb mir ausführlich die gewaltigen Ausmaße der Götterdämmerung, samt deren unglaublich starken Atomhaubitzen, dem revolutionären Gyroskop-Stabilisator und der Panzerung aus Titan, Stahl und Wolfram, und er stellte mir seine Schöpfung auch von innen vor. Ich glaube, ich kannte die Gänge und Labyrinthe der Götterdämmerung besser als mancher Offizier. Einmal musste ich bei einem unserer Spaziergänge pinkeln, und mein Vater brachte mich zum Urinal des noch im Bau befindlichen Funkraums. Die Toiletten waren sehr früh im Raumschiff installiert worden, um effektives Arbeiten zu gewährleisten, und ich kam mir sehr groß vor, als ich die für Erwachsene bestimmte kleine Kabine benutzen durfte. Viel später sollte mir dieser triviale Besuch von unerwartetem Nutzen sein.

Mein Vater erzählte mir, wie die Schwarze Sonne ihren Anfang genommen hatte und auf welchen triumphalen Erfindungen unser ganzes Leben auf dem Mond basierte.

Seine Geschichten waren spannender als die Märchen in den Büchern oder die beliebten Heldensagen aus Der Große Krieg des Aufstiegs unserer Idee. So gehörte zum Beispiel die Wasserjagd in den Frühzeiten der Schwarzen Sonne zur Volkstradition: Tapfere Männer brachen bei Langnacht mit unfassbar primitiven Fahrzeugen und in spröden Mondanzügen zu Fahrten von zig, manchmal auch Hunderten Kilometern auf, und wenn sie zurückkamen, schleppten sie tonnenweise Eis über die staubige Mondoberfläche, das dann tief im Mondboden aufbewahrt wurde. Nicht zuletzt wegen der Erzählungen meines Vaters wurde ich zur besten Schülerin im Geschichtsunterricht, und wenige Jahre später brachte ich meinen Klassen die gleichen Dinge bei. Ich hänge hier ein Foto von der Lehrbroschüre an, die ich seinerzeit für meine Schüler anfertigte. Man hatte mir erlaubt, eine neue zu erstellen, weil die von der vorigen Lehrerin benutzte Auflage bei so vielen Klassen in Gebrauch gewesen war, dass sich das Papier fast bis zur Unleserlichkeit abgenutzt hatte.

*

Wie haben wir den Mond besiedelt?

Lehrmaterial im Fach Geschichte für die Lerngruppe der Achtjährigen in der Südost-Wabe der Schwarzen Sonne, erstellt von Mondjugendführerin Renate Richter.

Der Mond ist unser geliebter Wohnort, auch wenn er karg, bescheiden und von den Bedingungen her feindlich ist. Der Mensch hat immer davon geträumt, den Mond zu besiedeln, aber erst der Übermensch ist dazu fähig gewesen.

1. Phase: Die Ära der Tunnel 1946–1955

Im Jahr 1945 näherte sich Der Große Krieg des Aufstiegs unserer Idee dem Ende. Nach dem Tod von Hitler Unserem Herrn zogen sich die Elitetruppen, die sein Erbe hüteten, in den Antarktis-Stützpunkt zurück, wo über Jahre hinweg entwickelte Forschungs- und Frachtraumschiffe der Rheingold-Klasse bereits auf sie warteten. Mit diesen Raumschiffen schickte unser Volk die ersten Expeditionen auf den Mond.

Aufgrund dieser Forschungsexpeditionen wählte die Mondpionier-Abteilung den Ort aus, an dem mit dem Bau unseres stolzen Stützpunkts Schwarze Sonne begonnen wurde. Auf dem entdeckten Gebiet hatte sich ein großformatiger, eisenhaltiger Meteorit in den Boden gegraben, und unter der Mondoberfläche befand sich eine Eisablagerung, die von einem anderen Meteoriten hervorgerufen worden war. Das Wasser, das man aus dem Eis gewann, war damals noch kostbarer als heute, da möglichst schnell mit dem Nahrungsanbau begonnen werden musste – wegen des Essens, aber auch wegen des Sauerstoffs.

Die Mondpionier-Abteilung brachte eine effektive Bohrvorrichtung an den ausgewählten Ort. Damit wurden die ersten Höhlen in die Mondoberfläche gebohrt und die ersten luftdichten Wohnräume gebaut. Die Nahrungsversorgung beruhte in diesen Jahren auf Lebensmitteln, die mit heimlichen Versorgungsflügen von der Erde herbeigeschafft wurden, aber dank unermüdlicher Arbeit konnten wir schnell zur eigenen Nahrungsmittelproduktion übergehen.

Weil wir noch nicht mit dem Helium-3-Abbau begonnen hatten, bezogen wir die Energie am Anfang unter anderem aus der starken Wärmestrahlung der Sonne während des Mond-Langtages. Wir füllten unsere Wasserspeicher – und füllen sie weiterhin – bei Langnacht mit Eis von den Mondpolen.

Es ist uns gelungen, aus den Steinen und Eisenmeteoriten des Mondes nahezu alle Grundstoffe, die wir benötigen, zu isolieren. Aus dem Mondboden erhalten wir Aluminium, Titan, Glas, Grafit und keramische Stoffe, aus denen wir Baumaterial, Raumschiffe, Waffen und Gebrauchsgegenstände wie Geschirr, Besteck und Stifte fertigen. Bestimmte Elemente, die als Edelmetalle bezeichnet werden, wie Silber, Gold oder Platin, kommen im Mondboden so gut wie nicht vor. Aber als wir den Mond besiedelten, hatten wir genügend Gold dabei, das im Großen Krieg des Aufstiegs unserer Idee ins Volkseigentum überführt worden war, um zum Beispiel Eheringe und Zahnplomben herzustellen. Alle Edelmetalle werden sorgfältig wiederverwertet.

Im Jahr 1949 stellten wir im untermondischen Stützpunkt das geschlossene Lebensfunktionssystem zur Produktion von Nahrung und Sauerstoff fertig. Damit wurde der Mond offiziell autark. Als auch die letzten Pioniere von der Antarktis auf den Mond übergesiedelt waren, fingen wir unverzüglich an, den obermondischen Teil der Schwarzen Sonne zu bauen. Dabei orientierten wir uns an den Auffassungen des verehrten Albert Speers, der uns in architektonischer Hinsicht die Mächtigkeit des Nationalsozialismus vor Augen geführt hat, und errichteten unsere Festung zu Ehren Hitlers Unseres Herrn in Hakenkreuzform.

2. Phase: Die Ära der Festung von 1956 bis zur Gegenwart

Die Einweihung der Mondfestung Schwarze Sonne begingen wir am 20. April 1956, Hitlers Geburtstag. In den obermondischen Teilen bauten wir neben Wohnbereichen auch unsere Fest- und Volkssäle und die Hangars der Mondwehr ein. In den tiefer gelegenen Teilen der Festung brachten wir weitere Wohnbereiche unter, dazu Wasserzuchten von Nutzpflanzen sowie Fabriken und Werkstätten zur Fertigung von Gebrauchsgegenständen.

Der größte Teil unserer Wohnkammern befindet sich unter der Mondoberfläche, denn wir müssen uns vor Sonneneruptionen schützen, die gefährliche Strahlungen produzieren. Denkt darum immer daran, euch bei Sonneneruptionsalarm unverzüglich in die untersten Bereiche unserer Festung zu begeben!

Im Jahr 1959 drangen die ersten Spionagesonden der Erde bis zum Mond vor, darum brachten wir von da an das Eis mit Fluggeräten zur Schwarzen Sonne und überdeckten die Transportspuren von früher. Damals fingen wir auch an, eine Methode zu entwickeln, dank derer man unsere Bergwerke oder andere Spuren unserer Siedlung und unserer Arbeit von der Mondumlaufbahn aus nicht mehr erkennen konnte.

Inzwischen haben wir den obermondischen Teil der Schwarzen Sonne und unser Helium-3-Bergwerk mit der Tesla-Tarnungs-Technik (TTT) geschützt, deren Magnetfeld auch Sicht- und Wärmestrahlungsortungen von der Mondumlaufbahn aus verhindert. Die Tesla-Tarnungs-Technik ist mit der Methode verwandt, mit der wir unsere Aufklärungs- und Frachtraumschiffe ausrüsteten, als wir die Erde verließen, damit man sie auf den irdischen Radarsystemen nicht sehen konnte. Schüler, die mehr über diese Technik erfahren wollen, die wir von den Kapitalisten enteignet und in Volkseigentum überführt haben, können in der Bibliothek nach dem Mikrofilm mit dem Titel Das Philadelphia Experiment fragen.

6. Februar 2047

Kitty,

gestern musste ich unterbrechen, denn Obi wollte wieder etwas von mir, das keinen Aufschub duldete. Obwohl ich froh bin, dass ich noch immer um Rat gefragt werde und meine Meinung geschätzt wird, ermüden mich meine Verpflichtungen bisweilen sehr.

Obi war kaum weg, als ich einen Hustenanfall bekam, der gar nicht mehr aufhören wollte, sodass ich mich hinlegen musste. Ich höre meinen Husten mit der gleichen Angst, mit der ich vor langer Zeit das Husten meiner Mutter hörte – es verheißt nichts Gutes. Auch mein Appetit ist schlecht, ich bringe kaum meine bescheidenen Mahlzeiten für Alleinwohnende herunter. Manchmal denke ich daran zurück, wie unsere Ernährung nach der Ankunft der Flüchtlinge abwechslungsreicher wurde. Sie brachten ja das eine oder andere mit, aber heutzutage erinnern unsere Mahlzeiten wieder an die einfachen Portionen zur Zeit der Schwarzen Sonne. (Man muss allerdings zugeben, dass einige der von den Flüchtlingen mitgebrachten Methoden der Nahrungsmittelproduktion und der Bio-Wiederverwertung weiterhin genutzt werden.)

Da die alten Lehrmaterialien, die ich im Archiv ausgegraben habe, nun einmal vor mir liegen, hänge ich hier ein Dokument zu einem Thema an, das noch immer Gültigkeit besitzt.

*

Wie leben wir auf dem Mond?

Lehrmaterial in Ernährungs- und Mondwirtschaftskunde für die Lerngruppe der Sechsjährigen in der Südost-Wabe der Schwarzen Sonne, erstellt von Mondjugendführerin Renate Richter.

Der menschliche Körper braucht Luft, Wasser und Nahrung. Wasser erhalten wir aus dem Eis und aus dem Mondboden, und wir benutzen es immer wieder von neuem. Unser Sprichwort »Wasser ist teurer als Gold« kommt nicht von ungefähr!

Das wichtigste Element in unserer Atemluft ist der Sauerstoff. Wir sind in der Lage, ihn aus dem Mondgestein zu isolieren, aber unsere Kulturpflanzen erweisen uns hierbei weitaus größere Dienste. Wie Hitler Unser Herr gelehrt hat, beziehen wir aus den Pflanzen alle relevanten Nährstoffe. Außerdem produzieren die Pflanzen den Sauerstoff für unsere Lungen. Beim Atmen verbrauchen wir Sauerstoff und erzeugen das Gas Kohlendioxyd. Pflanzen wiederum brauchen Kohlendioxyd, um zu überleben.

Unsere Atemluft besteht jedoch nicht ausschließlich aus Sauerstoff und Kohlendioxyd. Enthält die Luft zu viel Sauerstoff, wird sie leicht entzündlich, und ein kleiner Funke kann eine Explosion verursachen. Enthält die Luft wiederum zu viel Kohlendioxyd, fällt den Menschen das Atmen schwer. Darum brauchen wir ein Gas, das unsere Luft verdünnt. Dazu nutzen wir Stickstoff.

Die von uns kultivierten Pflanzen benötigen ebenfalls Stickstoff, um Nährstoffe produzieren zu können. Stickstoff ist eines der wenigen Elemente, die wir nicht aus den Mondmineralien beziehen können, mit Ausnahme von ganz kleinen Mengen. Darum haben wir beim Umzug auf den Mond reichlich von einem Stoff namens Nitrat mitgenommen, aus dem bestimmte, ganz besondere Bakterien der Erde unter den sauerstofflosen Verhältnissen auf dem Mond Stickstoffgas herstellen können. Für die Produktion von Stickstoffdünger verwenden wir vor allem unsere eigenen Ausscheidungen. Wenn ihr also in unsere gemeinsamen Urinale und Donnerbalken-Kammern geht, um die Schlackenstoffe aus eurem Organismus zu entfernen, erweist ihr dem Nationalsozialismus einen Dienst und bietet dem Heiligen Hitler persönlich ein Opfer dar – jeder von uns schenkt mit seinem Harn und seinem Kot den anderen Atemluft und Nahrung! Und diese sind für unseren Körper das, was die Worte des Heiligen Hitler für unseren Geist sind!

Wir verfügen über drei elementare Nahrungspflanzen: Chlorella, Hanf und Grünkohl. Die wichtigste von ihnen ist Hanf, denn von ihr bekommen wir auch Fasern für Kleidung und Harz für viele andere Gebrauchsgegenstände sowie nützliche Fette, wie das Schmieröl für unsere Apparate.

Die Chlorella-Alge und Hanfsamen bilden das Fundament unserer Ernährung. Sowohl Chlorella als auch Hanf sind sehr ertragreiche Pflanzen. Wir beziehen aus ihnen das von uns benötigte Protein sowie nahezu alle wichtigen Vitamine und Mineralstoffe. Die Hanfsamen liefern uns viele unersetzliche Fettsäuren. Unsere dritte Kulturpflanze, der Grünkohl, produziert für uns Vitamin C und einige weitere unverzichtbare Nährstoffe. Aus diesen drei Pflanzen bestehen die leckeren täglichen Gerichte, die wir zu Hause und in den Kantinen der Schwarzen Sonne zu uns nehmen. Lediglich das Vitamin B-12 muss gesondert produziert werden, und darum erhalten wir einmal wöchentlich zu unseren Mahlzeiten eine Lebensdauerpille. Denkt stets daran, eure Pille einzunehmen, denn ihr wollt doch nicht, dass unsere überlegene Rasse geschwächt wird!

Das Vitamin D, das die Erdlinge von der Sonnenstrahlung bekommen, holen wir uns aus den Alpensonnenlampen, die unsere Turnsäle beleuchten. Denkt daran, dass die Bedeutung unserer obligatorischen Turnstunden nicht nur darin besteht, die Muskeln unseres Körpers zu kräftigen, sondern auch darin, über die Saalbeleuchtung das für den Knochenbau wichtige Vitamin aufzunehmen! Vergesst nicht, Schutzbrillen aufzusetzen!

Unsere harte Arbeit für die Produktion von Wasser und Nahrung wird nicht unbelohnt bleiben, wenn wir dereinst auf die Erde zurückkehren. Die barbarischen Untermenschenmassen auf der Erde erhalten Wasser, Luft und das von der Atmosphäre gefilterte Sonnenlicht, ohne sich dafür anstrengen zu müssen, und diese übermäßige Leichtigkeit des Lebens hat bei ihnen zu Faulheit und Degeneration geführt.

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Jedes Mondkind wurde also in den Geschichts- und Erdenkundestunden über die Bedingungen auf unserem ursprünglichen Heimatplaneten unterrichtet. Meine eigenen Kenntnisse wurden außerdem durch die Filme erweitert, mit denen ich mich als Zwölfjährige zu beschäftigen begann. Durch die bewegten Bilder erfuhr ich, wie »Wald« aussah, ich sah unfassbar große Tiere, ich sah Schnee, Meer und Sturm, Städte und Häuser, Verkehrsmittel, Instrumente, seltsame Kleidungsstücke, Schuhe und Lebensmittel. Aber die Filme waren mir noch keine Hilfe, als ich Heidi las.

Die Sprache, die wir täglich benutzten, kannte keine Wörter wie »Bach« oder »Wiese« oder »Sturm«. Ich hatte im Buch das Bild eines »Baches« gesehen und wusste, dass mit dem Wort ein relativ schmales Bett mit frei fließendem Wasser gemeint war, aber der Begriff »Bach« war in unserer Welt sinnlos. Ich wusste, wie sich Wasser verhielt, wenn man es aus einer Kanne in ein Glas goss. Und wenn das Wasserglas auf dem Tisch umkippte – was nicht passieren durfte –, lief das Wasser über den Tisch und tropfte unter Umständen auch auf den Fußboden. Das entsprach am ehesten meiner Erfahrung und meiner Vorstellung in Sachen »Bach«. Der Gedanke an einen Ort, an dem tage-, ja sogar jahrelang Wasser durch ein schmales Bett floss, war mir so fremd, dass er kaum Gestalt annehmen wollte. Auch »Wind« war etwas so Abstraktes, dass ich es mir anfangs nicht richtig vorstellen konnte. Durch die Filme begann ich zu verstehen, dass »Wind« bewegliche Luft war. Man konnte die Bewegung der Luft spüren, indem man zum Beispiel mit der Hand vor dem Gesicht wedelte. Aber in den Filmen konnte sich die Luft mit einer so hohen Geschwindigkeit bewegen, dass sie sogar kleine Gegenstände in Bewegung versetzte! Und was war das »Rauschen der Bäume«, das Heidi unablässig bewunderte und an das sie sich in jenen Büchern zurückerinnerte?

Wenn es mir schon schwerfiel, mir einen anderen Himmel zu denken als die vertraute, von Sternen gepunktete verlässliche Schwärze, so war es nahezu unmöglich, die Vorstellung zu entwickeln, dass der Himmel blau sein konnte und sich abends rötlich färbte. Überdies gab es an diesem Himmel auch noch »Wolken«, die vor einem »Sturm« ebenfalls die Farbe wechselten. Und was das Erstaunlichste war: Aus ihnen konnten große Mengen Wasser in Tropfen herausfallen, aus denen sich eventuell »Bäche« bildeten.

Gewiss verwendeten und verwenden wir auf dem Mond Wörter, die sich auf Phänomene der Erde beziehen, auch wenn sie hier nie eine praktische Bedeutung gehabt haben. Der Blick eines alternden Menschen kann »benebelt« sein, eine heftige Diskussion kann man als »stürmisch« charakterisieren. In der Schwarzen Sonne sagen wir bisweilen, »ich habe geschlafen wie ein Murmeltier« oder »der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«, obwohl niemand, der es ausspricht, je ein Murmeltier oder einen Apfel zu Gesicht bekommen hat.

Eines nasskalten Morgens wachte ich auf, schaute aus dem Fenster und erschrak, denn ich glaubte, blind zu sein. Die ganze Welt draußen hatte unscharfe Konturen, die Farben waren fast völlig verblasst, und was weiter weg war, konnte ich überhaupt nicht erkennen. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass niemand sonst über die verschmierte Aussicht erschrak. Es sind zwei völlig verschiedene Dinge, ob man in einem Buch von einem »Nebelvorhang« liest, oder ob man ihn selbst erlebt.

Ich sprach mit meiner Mutter über Heidi. Auch mit meinem Vater hatte ich darüber zu reden versucht, aber er war nicht interessiert gewesen. Er hatte nie ein fiktives Buch gelesen. Das einzige Werk, das er je las, obwohl es nicht direkt etwas mit seinen Studien zu tun hatte, war selbstverständlich Hitlers Mein Kampf gewesen. Jedes Brautpaar auf dem Mond erhielt es als Hochzeitsgeschenk.

Meine Mutter war froh, dass ich Heidi kannte, denn es war ein wichtiges Buch. Es sagte nämlich bereits im Jahr 1880 in bildhafter Form unseren Aufbruch zum Mond voraus. Heidi wird ungefragt in die Berge gebracht, weil man ihre Verdienste nicht zu schätzen weiß und man sie darum aus der Gemeinschaft ausschließen will. Auf die gleiche Weise hatte man uns für störend und anstrengend gehalten, obwohl wir – oder vielleicht auch gerade weil wir – rechtschaffen und fortschrittlich waren und die Welt besser machen wollten. Die von Herzen gute, hilfsbereite und tüchtige Heidi wird verstoßen, aber dadurch kann sie ein neues Leben führen, das sie abhärtet. Sie wächst und lernt viel, obwohl die Umstände ärmlich und karg sind. Die primitive Berghütte steht in der Parabel für den Mond, auf dem wir bescheiden, aber in warmer Eintracht miteinander leben und aufgrund der Anforderungen unserer Umwelt ständig dazulernen. Der Alm-Öhi, der Heidi in seine Obhut nimmt, symbolisiert die Idee des Nationalsozialismus, die allen, die an sie glauben, Schutz und Hilfe bietet. Die Täler sind ein Bild für die Erde, wo die Menschen im Überfluss leben, aber dennoch selbstsüchtig, habgierig und streitsüchtig sind.

Ich kann mich erinnern, wie ich mich trotzdem über die Passagen wunderte, in denen Heidi der alten, blinden Großmutter die Verse von Kirchenliedern vorlas. Und im zweiten Teil namens Heidi kann brauchen, was es gelernt hat ist viel von Gott die Rede, dessen Existenz unser Nationalsozialismus in Reinform nicht akzeptiert. Meine Mutter erklärte mir, dass es sich auch dabei um eine Prophezeiung und ein Sinnbild handelt: Mit Gott meinte die Verfasserin selbstverständlich den Hitler der Zukunft, und Heidi hätte der Großmutter gewiss aus Mein Kampf vorgelesen, wenn das Buch damals schon geschrieben gewesen wäre.

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Mittwoch, 30. April 2005

Heute ist ein schrecklich aufregender Tag. In der ganzen Festung wird der Feiertag begangen, nur die Untis müssen arbeiten. Heute ist der 60. Todestag des Heiligen Hitler. Ich bin noch nie in der Krypta gewesen, wo sich Hitlers Leichnam befindet, normalerweise kommt man dort nicht hin, wenn man unter zwölf ist, aber ich werde ganz bald zehn und der Feiertag ist so groß, dass die Eltern entscheiden dürfen, ab welchem Alter sie ihre Kinder mitnehmen, und mein Vater hat gesagt, Renate ist reif genug. Darauf bin ich ziemlich stolz!

Die Krypta ist ein großer Raum tief unter der Mondoberfläche. Der Leichnam des Ur-Führers steht in einem gläsernen Sarkophag, und wir gingen paarweise hin, um Ihn zu grüßen. Wir grüßten gleichzeitig und sagten mit lauter Stimme ”Heil Hitler!“. Sogar Mondführer Kortzfleisch sagte ”Heil Hitler!“, obwohl er es lieber gemocht hätte, wenn wir mit ”Heil Kortzfleisch!“ gegrüßt hätten. Der Leichnam des Heiligen Hitler hat sich seit sechzig Jahren gehalten, weil er ”einbalsamiert“ ist. Ich weiß nicht, was das heißt. Hitler sah aus der Ferne wie eine große Puppe aus, aber wenn man näher heranging, merkte man schon, dass es keine Puppe war.

Als alle den Sarkophag gegrüßt hatten (es dauerte echt lang), sangen wir gemeinsam Wir sind das Heer vom Hakenkreuz und Es zittern die morschen Knochen und die Mondhymne Kameraden, wir kehren heim. Hitlers gläserner Sarkophag wurde mit einer Hakenkreuzfahne bedeckt und Mondführer Kortzfleisch hielt eine Rede, in der er sagte, dass wir nie vergessen dürften, was wir erdulden mussten, und dass die Erde uns gehöre und unsere Rache süß sein werde. Die Rede enthielt nicht schrecklich viel Neues für mich, aber dann kam etwas anderes echt Aufregendes (das Aufregendste war bestimmt, den Leichnam von Hitler Unserem Herrn zu sehen). Mondführer Kortzfleisch sagte, jetzt sei es an der Zeit, der Märtyrer des Dritten Reichs zu gedenken, und er fing an, Namen vorzulesen wie beim Aufrufen in der Schule. Als erstes nannte er den Namen Horst Wessel, dann die von Bormann und Goebbels und Göring und Himmler und Ilse Koch und vielen anderen Helden des Nationalsozialismus. Und jedes Mal, wenn er einen Namen ausrief, zum Beispiel ”Heinrich Himmler!“, legten wir alle die Hand aufs Herz und riefen genau wie in der Schule: ”Hier!“

Das war so schön und so feierlich, dass mir die Tränen kamen, weil es auf so großartige Weise daran erinnerte, dass die großen Männer des Dritten Reiches noch immer unter uns sind.

Gute Nacht, an Hitler gedacht, liebes Tagebuch.

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