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© 2010 Autor/-In: Miklos Kollin

Veröffentlicht über publishboox
Verlag: tredition GmbH

e-Book-Herstellung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

ISBN (Print): 978-3-86850-602-0

Der Nazi und das goldene Zigarettenetui

Nikolaus Kollin

Der Nazi und das goldene Zigarettenetui

Der Nazi und das goldene Zigarettenetui

Mein Vater Kollin Jenö war ein ungarischer Patriot mosaischen Glaubens.

Er wurde 1890 in Devecser, Komitat Veszprém (Verwaltungsbezirk im westlichen Zentralungarn), geboren. Sein Nachname kommt vermutlich aus dem italienischen collina (der Hügel; auf Ungarisch: domb). Er hatte eine entfernte Verwandte, die Poldi-néni (Tante Poldi), die noch in Fiume (bis 1918 Teil der k. u. k. Monarchie; danach ein unabhängiger Freistaat, der von 1920 bis 1924 bestand) geboren ist.

Bereits vor dem 1. Weltkrieg ging mein Vater nach Berlin, um dort das Handwerk eines Schaufensterdekorateurs zu erlernen (er hatte nur 6 Jahre die Volksschule besucht, wurde aber später ein tüchtiger Kaufmann). Dort lernte er auch die deutsche Sprache, die er gut und beinahe akzentfrei beherrschte.

1915, als Italien und Rumänien in den Krieg eintraten und große Teile der k. u. k. Monarchie beanspruchten, meldete sich mein Vater freiwillig zur k. u. k. Armee und kam zur Festungsartillerie. Er brachte es bis zum Unteroffizier. Er kämpfte an der italienischen Front, die an den Flüssen Isonzo, Tagliamento und Piave verlief. Es gab schwere Gefechte.

(Auf der anderen Seite kämpfte ein berühmter amerikanischer Schriftsteller, der später sogar den Nobelpreis erhielt: Ernest Hemingway. Davon handelt sein halbautobiografischer Roman „In einem anderen Land“ – „A Farewell to arms“.)

1917 wurde mein Vater durch eine Kugel in den Unterschenkel verwundet, und er kam in ein Lazarett.

Nach dem Krieg eröffnete er zusammen mit seinem Bruder Mano ein Geschäft:

Kollin Testvérek (Gebrüder Kollin), Textil en Gros & en Detail; die Adresse war Budapest, St. Istvan tér 1. Das Geschäft befand sich gegenüber der Basilika, der größten katholischen Kirche von Budapest. Später erwarb mein Vater für Ungarn die Generalvertretung der Schweizer Seidengaze AG, Zürich, und belieferte sämtliche Mühlen in Ungarn mit Seidengaze.

Er entschloss sich reichlich spät zu heiraten, und zwar im Jahr 1943, mitten im 2. Weltkrieg. Der Altersunterschied zu meiner Mutter betrug 19 Jahre. Es gab nur eine Ziviltrauung. Die beiden wohnten damals in der Cziczery Laszlo utca. Vermutlich wurde diese Straße nach dem Krieg umbenannt; auf den neuen Stadtplänen von Budapest ist diese Straße jedenfalls nicht unter diesem Namen zu finden.

Nach der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht im März 1944 kam einmal ein deutscher Unteroffizier ins Geschäft meines Vaters und fragte nach Pferdedecken.

Mein Vater meldete ihm militärisch, dass Pferdedecken gerade ausverkauft seien; er solle nächste Woche wiederkommen. Darauf fuhr mein Vater zu den Bauern aufs Land und kaufte Pferdedecken auf.

Der Unteroffizier kam wieder und beschlagnahmte die Pferdedecken, stellte jedoch eine Bescheinigung mit Stempel und Unterschrift aus. Dieses Dokument hat mein Vater später bis in den Westen hinüber gerettet, und es sollte ihm eines Tages noch nützlich sein.

Am 20. Mai 1944 erblickte ich im St. Janos-Kórház (Krankenhaus zum Hl. Johannes) in Budapest das Licht der Welt, und mein Vater gab mir den Namen Miklos, nach Miklós Hórthy. Obwohl Horthy ein Antisemit war, war mein Vater der Meinung, dass nur er die Budapester Juden vor dem Untergang retten könnte; er würde die Transporte in die Vernichtungslager stoppen und mit den Alliierten einen Sonderfrieden schaffen.

Nach dem Pfeilkreuzler-Putsch und der Ernennung von Ferenc Szálasi zum „Staatsführer“ beschlossen meine Eltern, sich in zwei jeweils getrennten Wohnungen zu verstecken, um dadurch die Überlebenschancen zu erhöhen.

Meine Mutter erzählte später, dass sie den gelben Stern hätte tragen müssen, aber sie trug ihn nicht.

Meine Mutter und ich wurden von einer Christin versteckt. Meine Mutter sprach immer von einer „keresztény nö“ (christliche Frau), erwähnte jedoch nie deren Namen. Diese Frau half ihr, die Windeln zu waschen und mich zu füttern, wobei meine Nahrung – während der Zeit der Belagerung durch die Rote Armee – aus eingelagerten, gekochten Winterkartoffeln bestand, die püriert und mit Wasser vermischt wurden, da die Stadt nicht mehr mit Milch beliefert werden konnte. Es war eine ganz schwierige Zeit, da die Stadtwerke abwechselnd Strom, Wasser oder Gas sperren mussten. Tagsüber musste man sich vor den Nyilasok (Pfeilkreuzler-Volkssturm) in Acht nehmen; nachts feuerte die Rote Armee von Gödöllö aus ihre Katjuscha-Raketen aus den Granatwerferbatterien in die Stadt. Sie schossen von Mitternacht bis zum Morgengrauen.