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Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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© 2011 novum publishing gmbh
 
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-492-7
ISBN e-book: 978-3-99026-384-6
Lektorat: Silvia Zwettler
 
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
 
www.novumpro.com
 
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Vorwort
 
 
Scheißnachtschicht. Zum Kotzen. Mag nicht mehr hinfahren. Und wenn du ankommst – schon wieder Theater. Es macht mich kaputt! Diesmal nebenan im Haus drei. So ist’s fast jede Nacht. Eigentlich immer so. Ein Dauerzustand. Und der Dienst hat grad erst begonnen. Wenn’s dunkel wird und sie alle munter werden, die Flaschen rausholen oder sich auch nüchtern in die Haare kriegen. Der Spätschichtmann ist weg und ich krieg das Theater ab. Aber der hat in der Spätschicht auch genug gehabt. Das geht schon fast die ganze Woche von einem Extrem ins andere. Hoffentlich ist die olle Nachtschichtwoche bald vorbei. Zum Glück nur noch heute und morgen, dann hab ich’s wieder hinter mir.
Es wird immer lauter, ich muss mal rüber und sehen, was los ist, obwohl es mich davor graut. Hilft nichts. Sonst liegt einer tot in der Ecke und ich krieg die Schuld. Dann kommt die ganze Scheiße von oben. Die haben schnell einen Schuldigen und machen mir den Schauprozess vor aller Welt. So will ich nicht berühmt werden. Also rüber. Die Haustür aufgerissen und ich stehe mittendrin statt nur dabei. „Was ist los?! Was ist das Prob-lem?!“, frage ich. Scheiße und Scheiße und Arschloch und du scheiße, Chef! – die ersten Worte, die Asylbewerber bei uns beherrschen. „Die wissen ja noch nicht, was das bedeutet“, meinte einmal ein hoh(l)er Herr der Politik (und viele nach ihm) und wollte damit zu verstehen geben, dass die doch so etwas Schlechtes nicht machen, weil sie ja Ausländer sind! Aber die wissen ganz genau und handeln ganz bewusst. Und ich stehe offensichtlich sofort im Brennpunkt des Geschehens. Ich bin schuld? Warum auch nicht. Ist ja nichts Neues. Du kommst, weißt von nichts und die Meute nimmt sich sofort deiner an und keiner weiß je, warum. Marx hatte recht: „Die Masse ist ein Tier.“ Und dieses Tier hier ist tollwütig. Allein stehst du in solchen Fällen und allein wirst du gelassen. „Sind Sie etwa Ihrem Aufgabengebiet nicht gewachsen, Herr Schneider?“ oder so ’n Quatsch kriegst du zu hören, wenn du dich mal an die Verantwortlichen des ganzen Wahnsinns wendest. Bloß alles von sich abwimmeln, das ist denen das Bequemste und du badest es aus. Typisch. – Was passiert hier wieder? Es wird irgendwie immer lauter. So einiges mancher Sprachen verstehe ich ja schon, aber hier verstehst du nichts mehr. Nur noch ein Durcheinander. Immer lauter. Sie schreien wild umher. Alle zugleich. Alle Sprachen. Es wird immer lauter. Es wird immer enger. Es wird immer heißer. Niemand hat hier noch irgendeinen Überblick. Alles außer Kontrolle. Vielleicht spürst du augenblicklich irgendwo am Körper die Spitze eines Messers. Das Gefühl kennst du. Es wäre ja schließlich nicht das erste Mal. Es wird hier unerträglich. Schlägt gleich irgendetwas auf dich zu? Es eskaliert. Wie so oft. Sie scheinen dich zu erdrücken, es nimmt dir die Luft zum Atmen. Bloß mit dem Rücken an die Wand. Die Wand im Rücken und du hast den wenigstens frei. Wenigstens Schutz von hinten. Aber es geht nicht. Ich komme nicht zur Wand durch. Ich muss weg. Ich muss hier raus. Durch die Massen durch, zur Tür. Da ist Luft. Da ist der Weg zum Telefon. Da muss ich hin! Drängeln! Schubsen! Schnell! Nur die Polizei kann hier noch Präsenz zeigen. Mehr dürfen die ja auch nicht. Ich muss durch. Möglichst unauffällig, aber raus. Egal. Nur raus! Höchste Zeit. Einfach durch. Raus. Da ist die Lücke. Meine Lücke. Ein Sprung noch. Ein Satz bis draußen. Ich mache einen Satz nach vorn, einen gewaltigen! Im letzten Augenblick einen Schrei unterdrückend, erkennend: Ich bin zu Haus. In meinem Bett. Aufgesprungen in Panik. Bloß leise, damit meine Frau nicht aufwacht. Sie soll ruhig schlafen, sie muss morgens wieder raus, arbeiten.
Ich sitze auf der Bettkante, mein Schlafanzug ist nass. Klitsch-nass. Mir wird kalt. Die Kälte kriecht langsam an mir hoch, ergreift langsam Besitz von mir. So, wie in den manchmal schier endlosen „Terrornächten“, die ich im Asylheim erleben musste, wenn sich nur die Verbrecher aller Herren Länder bei uns austobten, unter staatlichem Schutz. Seit über vier Jahren habe ich nun schon keinen Dienst mehr in Asylheimen, aber das Gewesene kehrt immer wieder zu mir zurück. Ich fühle mich hilflos, elendig. Bin dem ausgesetzt, was mich so oft des Nachts überfällt. Diese Albträume. Sie kommen oft. Zu oft. Meine Frau möchte ich damit nicht auch noch belasten. Ich lege mich langsam wieder hin. Der Schlafanzug ist beim Sitzen an der Luft etwas getrocknet. Mir ist immer noch kalt. Unangenehm. Ich fühle mich so wie damals, wenn ich mich im Büro verschanzen musste und sehnsüchtig auf das Dienstende wartete. Oder auf die Polizei. Gegen Morgen, mit der Dämmerung, wurde wieder alles ruhig. Da gingen alle zu Bett. Ich warte auch auf den Morgen. Die Nacht ist gelaufen. Ich bin überzeugt davon, dass ich meine Probleme langsam, langsam loswerde. Alles eine Frage der Zeit. Wäre ich nur Ausländer, ich würde auf Staatskosten Hilfe bekommen. Sie würden sich geradezu auf mich stürzen, diese Wohl- und Wundertäter, die oft selbst ernannten. Ich würde mir auf Staatskosten einen gewieften Anwalt nehmen und Nutzen daraus ziehen. Unser Landkreis zahlt ja schließlich schon an jemanden eine lebenslange Rente. Der hatte sich auf unserem Bahnhof mit ein paar Idioten angelegt, wurde dann beschimpft und beleidigt und leidet jetzt psychisch so stark darunter, dass der Landkreis ihn dafür finanziell entschädigen muss. Jetzt klagt er auch noch auf lebenslange Rente aufgrund Arbeitsunfähigkeit wegen seiner psychischen Probleme. Kommt angeblich zu uns wegen massiver Verfolgung, dem Tode knapp entronnen und hier bricht seine Psyche wegen dreier halbstarker Arschlöcher zusammen. Es gibt eben doch noch welche, für die Deutschland ein Schlaraffenland ist. Wäre dieser ganze Rassismus nicht so traurig, Tag und Nacht würde ich lachen.
 
 
Dabei fing alles so hoffnungsvoll an
 
 
Mit dem 01.01.1992 brach etwas Entsetzliches, bis dahin Ungekanntes für mich an. Die sogenannte Wende war gekommen und die Verlierer des Sozialismus sollten sich auch im Laufe der Zeit als die Verlierer der Wende erweisen. Ich hatte einen herrlichen Beruf als Steuerungstechniker und einen guten Job. Ich war kein Kind des Kapitalismus, war mir aber im Klaren, dass wir in der Schule nicht nur belogen worden waren. Dass die Arbeitskraft in der Bundesrepublik Deutschland etwas sehr (kostenmäßig) Teures ist, hatte ich begriffen und war zu dem Schluss gekommen, dass unsere Firma, um wettbewerbsfähig zu bleiben, wohl oder übel Arbeitskräfte abbauen musste.
„Auch wenn’s mich selbst treffen sollte“, sagte ich damals und so kam es dann auch. Ich saß auf der Straße mit 5.100,– DM Abfindung in der Tasche, für elf Jahre Betriebszugehörigkeit, einer lieben Lebensgefährtin, unserem kleinen Töchterchen und einem nicht ganz fertigen Eigenheim, das wir zum allergrößten Teil mit eigenen Händen in jeder Minute Freizeit und mit der Unterstützung echter Freunde errichtet hatten. Also was sollte ich anderes tun, als die „gewonnene Freizeit“ ins Haus investieren? Das tat ich auch, aber es wurde schnell immer unbefriedigender. Diese Ungewissheit über das, „was wird …“, sie setzt einem zu. Also organisierte ich mir, da keine Arbeit zu bekommen war, erst einmal Bildung. Die hat noch nie geschadet und war damals noch preisgünstig zu haben. Übers Arbeitsamt belegte ich einen EDV-Lehrgang. Im Osten sowieso weitgehend Neuland. Als dieser Ende März beendet war, stand ich wieder da. Ohne zu wissen, wie nun weiter. Bereits 1990 war ich ins damals gerade erst gegründete Gewerbeamt gegangen, um mich – noch in der DDR – selbstständig zu machen. Auf dem Gebiet, das ich beherrschte. Geschockt über diejenigen, die ich dort antraf, war ich nochmals geschockt, als ich ging. Ein Gewerbe wollte ich anmelden und bekam zur Antwort: „Nein!“ Und als ich sagte: „Aber Sie müssen mir doch wenigstens einen Antrag oder so etwas geben“, sagte mir der freundliche Ex-Genosse: „Sie kriegen von mir keinen Antrag!“, und ließ mich stehen. Das war’s. Wenig später sprachen mich mehrere Bekannte darauf an. So gut funktionierte damals schon der Datenschutz und die Gewerbeanmeldungen wurden ebenfalls nur an gute Bekannte verschoben. Das bewies ebenfalls der „Datenschutz“. Und dann, 1992, stand ich wieder hilflos und allein da, wenn da nicht wieder einmal ein guter, echter Freund gekommen wäre. Der hatte wiederum von einem Kumpel gehört, der da jemanden im Landratsamt, genauer im Sozialamt, kannte, dass in unserer Stadt ein Ausländerheim errichtet wird für Flüchtlinge, die ihr Leben nach Deutschland retten konnten. Und dafür werden Leute gesucht, die sich um die kümmern. Ob die uns dafür nehmen würden? Mein guter Fridi hatte mit dieser Tante vom Sozialamt schon gesprochen. Unter vollständiger Ausnutzung seiner akuten Redegewandtheit und unter Berufung auf unsere gemeinsamen guten Bekannten und Freunde (von denen er den Tipp erhalten hatte), mussten wir so tief in alle Gedächtnisse dieser Dame graviert sein, dass wir zu träumen anfingen. Wir stießen an mit edlem Tropfen und waren in Gedanken bei der neuen Arbeit. Ein zweifellos dankbarer, ja sehr dankbarer Job. Die vielen ausgemergelten, zermürbten, zerlumpten und hungrigen Leute, die da kommen würden. Wir hätten jede Menge zu tun. Sie mussten erst einmal mit dem Nötigsten versorgt werden. Brauchten Unterkunft und Verpflegung, mussten sich duschen können und brauchten anschließend ordentliche Kleidung. Sie brauchten gewiss auch mitunter ärztliche Hilfe und wir würden dies und die Verständigung organisieren. Nach einigen Wochen würden diese Menschen dann ins normale Leben der Bevölkerung integriert werden, aber unsere zahlreich geknüpften neuen Freundschaften, die würden uns ja erhalten bleiben, wenn die neuen Freunde unser Heim verließen.
Nur, was würde mit denen, die vielleicht weiter weggingen, aber …, aber …, aber noch hatten wir den Job ja gar nicht. Darum hieß es, sich bemühen. Eine Bewerbung wie aus dem Bilderbuch wurde meisterhaft zusammengezaubert und Fridi ging damit ins Sozialamt zu bereits erwähnter Dame, welche die Bewerbungsunterlagen für den zukünftigen Heimbetreiber sammelte. Und ich hatte schon gleich Bedenken, dass er alles zerreden würde. Offensichtlich wusste er, was er tat. Und tat es gut. Er war der Erste, der zum Bewerbungsgespräch bestellt war, und er war der Erste, der eingestellt wurde. Ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich zwei Tage später der Zweite von zwei Eingestellten war, denn er begann am nächsten Morgen seine Arbeit und legte sich für mich mächtig ins Zeug, die Gefahr für seinen eigenen gerade erst „gewonnenen“ Job ignorierend. Ich werd’s ihm nie vergessen!!! Und dann ging es los. Der April 1992 hatte gerade erst begonnen, von der Insel Rügen her hatte unsere Heimbetriebsgesellschaft Herrn Kurze geschickt, der leitete den Aufbau unseres zukünftigen Heimes und war ein prima Kerl. Gewiss hatte er es nicht leicht. Er war nicht von hier, organisierte Behördenkontakte und Materialien, Handwerksfirmen und Kostenangebote und legte noch selbst Hand mit an. Außerdem übernachtete er auf unserer halben Baustelle, wohnte die ganze Woche über dort, weil der Weg bis auf die Insel für tägliches Fahren zu weit war. Jedoch was uns wirklich erwartete – und er hatte ja schon Erfahrungen – das verriet er uns nicht. Er guckte immer etwas unverständlich, wenn wir über unsere Vorstellungen sprachen, jedoch sagte nichts dazu. Was wir damals erzählten, muss für ihn komisch geklungen haben, aber es war doch alles nichts gegen den Oberscheiß, den Politiker bis heute zu diesem Thema von sich geben. Und das so ziemlich ausnahmslos. (Die verdienen gut daran).
Aber wir hatten unsere Arbeit, und das nicht zu knapp. Der Feierabend war nicht so wichtig, bis zur ersten Belegung musste alles fertig sein. Da schaut man nicht auf die Uhr. Wir räumten ein und wir räumten aus und bauten Betten und Schränke auf. Wir holten Materialien aus ehemaligen Wohnheimen und Kasernen, zählten Bettwäsche, holten jede Menge Bekleidung aus der Kleiderkammer, nahmen ungeahnt viele Spenden aus der Bevölkerung entgegen und lagerten ein. Es konnte sich vorher niemand vorstellen und kann dies sicher jetzt auch nicht angesichts späterer weltweiter Schlagzeilen über die ostdeutschen – beinahe ausnahmslosen – Ausländerfeinde und Nazis, was übrigens in meinen Augen inszeniert war (die Beweisführung werde ich in gegebenem Kapitel erbringen), dass wir eine breite große Sympathiewelle aus der Bevölkerung erlebten. Wir wurden geradezu überhäuft mit Anfragen zu dem, was wir gebrauchen könnten, und mit Spenden. Immer wieder erzählten uns die Leute, dass wir ja alle wüssten, wie es uns vor der Wende ging, und dass es jetzt bei uns aufwärtsgeht (was sich später leider ab einem gewissen Zeitpunkt auch als ein großer Irrtum erwies) und dass es denen, die jetzt zu uns flüchteten, also noch schlechter als uns ging. Und da müsse man ja wohl was tun! Also los! Und unser Heim wurde immer mehr zu einem solchen. Nicht luxuriös, aber alle gaben ihr Bestes. Auch die Handwerksfirmen arbeiteten gut. Viel später erfuhr ich, dass man zur Einrichtung dieses Heimes quasi auf Zuruf fünfhunderttausend DM bekam, ohne dass darüber diskutiert wurde. Ein Anruf beim Innenministerium des Landes genügte und die mussten nicht einmal darüber beraten. Die mussten dazu kein Gremium einberufen, nein, nicht einmal ein wertvoller, hoch dotierter Berater oder Gutachter musste eingeschaltet werden oder vor Ort prüfen. Die sagten einfach, ohne zu zögern: „Ja, ist bewilligt.“ Also los! Das baulich vom Umfang her Größte waren die Modernisierung der Heizung – es wurden eine moderne Ölheizung und Warmwasserbereitung in-stalliert und die Heizkörper mit Thermostatventilen versehen –, die Sanierung der Sanitäranlagen und die Errichtung der Gemeinschaftsküchen. Da unser Objekt aus drei flachen Gebäuden – Haus eins, zwei und drei – bestand, musste jedes natürlich damit ausgerüstet sein. Was wir zu Beginn überhaupt nicht verstanden, dass nämlich nur in einem, im Haus drei, Toiletten und Dusch- sowie Waschräume für Frauen und Männer eingerichtet wurden. Außerdem wussten wir damals noch nicht, dass einige Völker diese überhaupt nicht benutzten. Weder das eine noch das andere.
Und dann war es endlich so weit. Die ersten zukünftigen Bewohner sollten kommen. Die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes hatte uns über die Ausländerbehörde unseres Landkreises mitteilen lassen, dass am 23. April 1992 gegen elf Uhr unsere Erstbelegung eintreffen sollte. Mit Spannung warteten wir auf die Erfüllung unserer Vorstellungen. Vom zuständigen Dezernenten aus dem Landratsamt, Herrn S., wurde „Geheimhaltung“ angeordnet. Etwas, das uns schier unbegreiflich erschien. Und dann war es endlich so weit. Wir hatten fieberhaft noch einmal alles überprüft, was wir vorher sorgsam zurechtgelegt hatten, die Ausstattungen der Zimmer waren wir noch einmal durchgegangen, denn schließlich wollten wir ja allen einen warmen, herzlichen Empfang bereiten. Alle sollten sich geborgen fühlen. Die, die sie mühsam dem Tode entronnen waren und die sich unter unseligen Strapazen zu uns retten konnten, sollten nun erst einmal zur Ruhe kommen. Diejenigen aus aller Welt, die aufgrund ihrer patriotischen, demokratischen Gesinnung zu Hause um ihr Leben bangen mussten und hier um politisches Asyl baten, müssten ja wohl eher so eine Art Ehrenbürgerstatus erhalten, zumindest menschliche Behandlung. Sie mussten, zumindest was wir über die Beweggründe politischen Asyls und deren Antragsteller, deren vermeintliche Schicksale und dramatische Wege nach Deutschland und deren gepriesenen vorangegangenen Lebensweg erfuhren, Idealtypen der Menschheit sein. Demokrat und Freiheitskämpfer mindestens, vielleicht Helden, eben so etwas wie Robin Hood heutiger Zeit. Erste Zweifel schlichen sich bei logischer Betrachtung bereits in den Anfängen in unser Bewusstsein, denn diejenigen, die uns solch einen Schnodder auftischten, konnten davon auch nicht mehr Ahnung als wir haben. Aber so manch einer auf kommunaler Ebene redete schon damals für sein Geld. Und dies lohnte sich so sehr, dass wohl alle Skrupel fielen. Und manch einer von jenen tat dies eben schon im „Leben davor“ (vor 1989) genauso, und das mit Erfolg.
 
Jetzt geht’s los
 
 
Wir im Osten waren ja gerade weltweit gefeiert worden, weil bei uns die Demokratie über die Diktatur des Sozialismus gesiegt hatte. Weil wir dafür gekämpft und gesiegt hatten. Weil wir dafür auf die Straße gegangen waren. Die da kamen, von weither, waren also noch lange nicht so weit und sie hatten keinen so starken Westen bei sich wie wir Deutschen. Wie man allein und hilflos dasteht, wussten wir Ostdeutschen am besten. Also waren wir bereit. Die Zuständigen der Ämter und ein paar Profilneurotiker waren auch da. Es dauerte schier unendlich, bis gegen 11.20 Uhr der Reisebus mit unseren ersten Gästen eintraf. Der Bus war nicht sehr voll an Leuten und hilfsbedürftig sahen sie auch nicht aus. Wir waren im ersten Augenblick sehr irritiert, kamen aber dann zu dem Schluss, dass es an uns selbst liegen müsse. Sie waren alle reichlich mit Gepäck ausgestattet. Einige stiegen wieder in den Bus zurück und wir meinten, an unseren Herrn Kurze gewandt: „Wir dachten, die sind alle für uns.“ Der lächelte uns zu, denn er kannte dieses Spielchen schon. Die Leute stiegen nämlich wieder aus. Sie konnten nur all ihre „Habseligkeiten“ nicht mit einem Mal aus dem Bus bekommen. Wie manche doch flüchten! Unsere Schwarzafrikaner, die dabei waren, waren so mit Goldschmuck behangen, dass wir Angst hatten, sie stützen zu müssen. Goldringe, Armreifen, -bänder und -ketten, Halsketten mit und ohne Anhänger von solch einer Massivität, wie wir sie kaum kannten. Viele trugen Klamotten, dagegen wirkten unsere eigenen wie zusammengesammelt. Nicht wie Klamotten, nein, eher wie Klomatten. Ja, Markenklamotten, wie sie sich von uns keiner leisten konnte. Die Schwarzen und die Vietnamesen waren damit standardmäßig ausgerüstet, bei den Rumänen, die mitgekommen waren, war das noch nicht so. Die waren in der Mehrzahl weniger gut gekleidet, schienen aber, wie sich noch herausstellen sollte, in ihren Ansprüchen diesbezüglich nicht ganz so gehoben zu sein.
Unsere Ersten wurden jedenfalls erst einmal in den Klubraum geleitet, der Fernseher lief bereits, als ich im Raum eintraf. Unser damaliger Chef, der Herr Kurze, schaltete natürlich das Gerät sofort wieder ab (unter stürmischen Protesten) und erkundigte sich erst einmal nach den allgemeinen Sprachkenntnissen, um dann eine Einweisung und Belehrung über den weiteren Fortgang der Dinge und die Heimordnung zu geben. Was er sagte, wurde innerhalb der einzelnen Völkerzugehörigkeiten weitergegeben, wie es ankam – wer weiß. Ein einzelner Nepalese war auch gekommen, der sprach allerdings Deutsch, als wäre es in seiner Heimat neben seiner Muttersprache die Amtssprache. Erstaunlich! Dann kamen wir zur Feststellung der Anwesenheit. Für uns Laien war es vorher nicht vorstellbar gewesen, dass jemand nicht mitkommen könnte. Auch hier wurden wir schnell eines anderen belehrt. Dass jemand anscheinend seinen eigenen Namen nicht weiß, nicht darauf hört, versetzte uns ebenfalls noch ungeheuer in Erstaunen. Jetzt noch. Und einer unserer neuen Freunde vom Schwarzen Kontinent war nur mit seinem Walkman beschäftigt. Er hatte die Kopfhörer auf und die Musik so laut gemacht, dass er nicht mitbekam, dass sein Name – oder Pseudonym, wie auch immer – bereits mehrere Male aufgerufen wurde. Er bemerkte auch nicht, dass die anderen schon auf ihn zeigten. Erst als ihn einer anstieß, nahm er die Kopfhörer ab, und als der Herr Kurze seinen Namen abermals aufrief, riss er die Arme hoch, brüllte aus Leibeskräften in den Raum: „I need money, money, money!“, und stampfte dazu mit den Füßen auf die Erde. Dann setzte er seine Kopfhörer wieder auf, um sich angestrengt dem zu widmen, was er vorher getan hatte. „Oh je …“ Mehr fiel niemandem von uns dazu ein.
Wir nahmen dann schnell eine Zimmereinteilung vor, um die Leute grüppchenweise, wie eingeteilt, auf ihre Zimmer zu führen. Dort mussten sich alle erst einmal zurechtfinden, ein wenig Ruhe finden und sich einrichten. Herr Kurze schickte uns sofort auf die Zimmer, in die weniger Leute als geplant kamen, um überzählige Ausrüstungsgegenstände einzusammeln, denn es waren alle Zimmer für vollständige Belegung vorbereitet worden, aber dies gelang uns nicht mehr. Kein Kochtopf, kein Bettzeug, keine Gabel. Alles schon weggeräumt. Wir versuchten es, scheiterten jedoch kläglich.
Die Mitarbeiter des Sozialamtes zahlten die finanzielle Zuwendung für die Leute aus, während die Mitarbeiter der Ausländerbehörde die Aufenthaltsgestattungen für unseren Landkreis in die persönlichen Dokumente der Leute, die für unsere Republik ausgestellt waren, eintrugen. Das war sehr interessant für mich, wenngleich ich noch nicht alles durchschaut hatte. Aber das sollte noch folgen.
In das Büro, in dem die Ausländerbehörde arbeitete, stürmten, als sich die Tür das erste Mal öffnete, sofort so viele Leute, wie hineinpassten, und von hinten wurde immer noch nachgeschoben. Wir kannten dies noch nicht und meinten, den Asylis müsste es ebenso gehen und wir schmunzelten alle darüber. Wir räumten das Büro, um sie einzeln abzufertigen und schmunzelten nicht mehr. Alles, was sich mitnehmen ließ, war in dieser kurzen Zeit geklaut. Dinge, mit denen keiner so recht etwas anfangen konnte. Eine Fernbedienung für einen Fernseher beispielsweise, die allein nutzlos war – erst mal mitgenommen.
Von der Polizeidienststelle war uns ein Sprechfunkgerät bereitgestellt worden. „Wozu?“ war natürlich unsere Frage und uns wurde geantwortet: „Wenn Rechtsradikale das Heim angreifen. Zur Verständigung!“ – „Und Telefon?“ – „Und wenn die Rechtsradikalen die Leitungen (Erdkabel!) durchschnitten haben?“
Es sei, wie es sei. Ich spürte, dass meine Fragen nicht auf Gegenliebe, ja nicht auf Verständnis stießen, und hörte damit auf.
Am Abend dieses Tages war ich erschöpft wie selten und zweifelte wohl das erste Mal richtig an meiner Welt.
Heute weiß ich längst aus vielen, vielen weiteren, ernsteren Erfahrungen, dass das alles noch nichts war.
 
Jetzt geht der Dienst los
 
 
Während Freunde und Bekannte schon mal hier und da in Asylbewerberheimen waren, um den dortigen Bewohnern etwas behilflich zu sein, um Dinge des täglichen Lebens, insbesondere Kleidung, die natürlich sehr gut erhalten war, an Menschen zu verteilen, denen damit geholfen werden konnte, Spielzeuge an Kinder verteilt worden waren, kehrten sie oft etwas erschüttert zurück und berichteten, dass dort Kinder barfuß, also ohne Schuhe und Strümpfe herumlaufen „mussten“ und einige andere ebenfalls unverständliche Dinge an der Tagesordnung zu sein schienen. Einige waren dann in diesen Heimen (nicht in unserem, weil unseres noch nicht existierte) noch öfter, um beispielsweise Kinderkleidung und -schuhe dann an die wahrscheinlich Bedürftigsten zu verteilen.
Durch die Medien war zu erfahren, dass sich an manchen Orten bereits Unmut und Widerstand gegen die Asylheime und die Asylanten regte. Wir sagten immer: „Die sollen doch endlich diese armen Leute in Ruhe und Frieden lassen!“
Auch für unser Heim wollten wir Ruhe und Frieden. Aus der näheren Umgebung befürchteten wir nichts. Nach hinten raus grenzte eine Kleingartenkolonie an unser Gelände, an den anderen drei Seiten bildete ein Bau- und Montagebetrieb die Nachbarschaft. Die hatten ihre Verwaltung, Lagerräume, Werkstätten und Autogaragen auf ihrem Terrain, waren immer freundlich gewesen und hatten uns bisher sehr unterstützt. Ein paar Handwerker waren nicht mit unterwegs auf Montage und gingen uns hier und da auch gern mal zur Hand. Doch leider brachte die überall einziehende Bundesrepublik Deutschland auch hier viele Veränderungen und wenig Verbesserungen.
Etwas weiter begann freies Feld, dann war die Stadt zu Ende. 90° gegen die Uhr, in etwa 200 Metern, trennte uns eine Bahnstrecke von der Stadt ab, dazwischen lag aber dann noch ein riesiger Platz, der nur mit Komplexen von Autogaragen bebaut war. Das waren private „Fahrzeugunterkünfte“ und in der DDR durchaus sehr üblich.
Demgegenüber, ca. 350 Meter von uns, war eine Bundesstraße und im Anschluss an bereits erwähnte Schrebergärten begann unsere Stadt.
Und für uns begann nun der eigentliche Dienst. Leute, die gut versorgt sind, die sich wohlfühlen, die sich erholen müssen von den langen Strapazen einer harten Flucht, die erst einmal von Angst und Schrecken loskommen müssen, die doch langsam begreifen, dass sie zu den Glücklichen gehören, die überlebt haben, die in Sicherheit und Geborgenheit sind, die langsam wieder zu sich finden, für solche Leute zu sorgen, sich um sie zu kümmern, das ist doch eine ganz besonders schöne Aufgabe …
Was mich von Anfang an irritierte, war, dass immer wieder nur von politisch Verfolgten die Rede war. Die Betonung lag immer auf diesem politisch!
Das war es, woran ich von Anfang an nicht recht glauben konnte. Zigtausende von Menschen auf der Welt auf der Flucht, die meisten davon nach Deutschland und alle aus politischen Gründen? Das gab die bundesdeutsche Politik nicht her und auch aus langem, gewissenhaftem Beobachten der Medien konnte man das nicht entnehmen.
Alle – so stand für mich fest-, die in der Heimat die Schlinge schon quasi um den Hals hatten und sich doch noch retten konnten, waren ganz, ganz sicher keine Politiker, bedurften doch aber unserer Hilfe.
Irgendwann begriffen wir, dass aufgrund diverser Übereinkommen, Abkommen und Verträge auf internationaler Ebene politisches Asyl gewährt wurde und deshalb das Zauberwort eigentlich „politisches Asyl“ heißt.
Nun, der Dienst begann und unser Herr Kurze, der ja sowieso im Heim nächtigte, übernahm die ersten Nachtschichten auch gleich. Ich bewunderte ihn dafür, denn am Tage war er nicht untätig und nachts kam er auch nicht recht zur Ruhe. Doch die ersten Nächte bis zum Diensteinstieg eines Wachschutzes wollte er übernehmen.
Es passierte auch nichts von erhebender Bedeutung. Wir begriffen, dass auf beiden Seiten noch viel zu lernen war, und waren gern bereit, uns dem zu stellen.
Und so bestanden die Komplikationen der ersten Tage darin, dass wir unseren „Gästen“ immer wieder klarzumachen suchten, dass der Klubraum Nichtraucherzone bleiben sollte, weil wir doch die Auffassung vertraten, dass auch die Kinder sich dort oft aufhielten; dass Müll und Dreck nicht einfach dort fallen und liegen gelassen werden konnte, wo es einen gerade danach gelüstete. Toiletten hatten unserer Auffassung nach nicht nur eine Spüleinrichtung, um sich daran festzuhalten oder sie so umzufunktionieren, dass sie den nächsten „Blödmann“, der da wirklich spülen will, duschen. Elektroherde stellen ab einer gewissen Dreckablagerung eine Brandgefahr dar und die Deutschen, selbst die Härteren, bekommen ab einer bestimmten Geruchsentwicklung Brechreiz. All das wurde ohne großen Widerstand hingenommen, änderte offensichtlich an einer gewissen Gleichgültigkeit nichts. Kleinere Reparaturen fielen regelmäßig, mitunter in großem Maße an und hier und da spielte auch unsere Technik nicht immer hundertprozentig mit. Vom Nachbarbetrieb kam schnell ein Handwerker zu Hilfe, wenn etwa die Warmwasserbereitung ausgefallen war oder „wurde“.
Arbeitsdienste für verschiedene Reinigungsmaßnahmen und Erhaltungsarbeiten mussten eingeteilt werden, wofür sich zumindest immer gern Leute meldeten, denn dafür gab es schließlich immer etwas Geld, wenn auch nur ein paar Mark pro Stunde. Die waren dann aber zusätzlich, denn „Hartz IV“ gab’s noch nicht.
Die Kollegen der ortsansässigen Polizeiinspektion ließen sich hin und wieder mal sehen, einfach nur mal so.
Doch wir mussten sehr schnell erkennen, dass die Asylbewerber mehr konnten als der Normalbürger. Sie konnten durch Zäune hindurchgehen. Doch leider hinterließen sie dabei große Löcher im Maschendraht. Unser Heim war extra mit einem Zaun von 1,80 Meter Höhe und einem zusätzlichen Stacheldraht als Abschluss zum Schutz vor Angriffen umgeben worden. Dies war eine Forderung von höchster Stelle gewesen und ich musste bereits bei meinem Kontrollgang am Nachmittag des 25.04.1992 feststellen, dass dieser unser Zaun z.T. „… so stark beschädigt worden war, dass er kein Hindernis mehr darstellt!“ Dieses waren natürlich keine Sabotageakte von außen!
Ansonsten beginnt alles, sich irgendwie einen eigenen Weg zu bahnen. Diesen Weg in gewisse zuvor geebnete Bahnen zu geleiten, darin sahen wir einen Teil unserer Arbeit und gaben uns Mühe.
Ein paar Handwerksfirmen hatten noch einige Tage damit zu tun, notwendige, bisher unerledigte Arbeiten zu tätigen, wir waren ebenfalls damit beschäftigt, so manches auch im baulichen und sicherheitstechnischen Bereich herzustellen. Eine Außenbeleuchtung rings um das gesamte Objekt wurde installiert, um auch des Nachts nie im Dunkeln stehen zu müssen. Dass gerade diese Sache öfter ein wenig Sorgen bereiten würde, das dachte von uns damals niemand. Aber auch ein gewisser Schutz gegen Störungen von außen sollte damit erreicht werden. Dunkle Machenschaften erhellen? Am 8. Tag unserer Belegung wurde das erste Mal ein Arzt zum Hausbesuch gerufen. Die immer noch bestehende Funkverbindung zwischen uns, der Polizei und einem Bereitschafthabenden des Landratsamtes ist nach Probe vollauf in Ordnung (das alte DDR-Telefonnetz zu uns hat inzwischen wirklich den Geist aufgegeben und Telekom wird demnächst alles erneuern) und die Polizei hat ihren ersten Sorgenfall. Der alte Ion Kalarogu, Zigeuner aus Rumänien, und einer seiner Söhne waren in einen Altkleider-Sammelcontainer des DRK eingestiegen und hatten diesen für sich geleert. Damals empfanden wir alle, auch die Leute der Polizei, dass dies Unrecht sei. Aufgrund dessen, was man uns im hiesigen Teil Deutschlands in den Folgejahren alles erklärte, nachsagte, andichtete, aufzwang etc., muss diese unsere Einschätzung mit größerer Wahrscheinlichkeit auf den psychischen Schäden aus der Zeit des Sozialismus beruhen. Ich jedenfalls habe meine Psyche auch hinsichtlich solcher Dinge noch nicht wieder voll im Griff, ich finde so etwas immer noch nicht in Ordnung, selbst wenn es Ausländer tun! Aber wer fragt mich!
Die Kalarogu-Sippe ansonsten – Vater und 4 Söhne – war für uns eine Unterstützung. Für vieles konnte man sie einsetzen. Zu jeder Zeit und Stunde machten sie den größten Dreck weg, räumten die Küche auf oder schleppten ganze LKW-Ladungen an Ausstattungsgegenständen ins Lager. In der nun folgenden Woche war eigentlich kaum etwas Außergewöhnliches zu verzeichnen. Klubraum und diese oder jene Küche waren hin und wieder so verdreckt, dass sie sicherheitshalber verschlossen und Maßnahmen zur Reinigung getroffen wurden. Diejenigen, die dann für diesen Monat (gegen Bares) zum Reinigungsdienst eingeteilt waren, behoben das. Der Fernseher war defekt gewesen, im Klub war geraucht worden, Telefon war wieder in Ordnung, weshalb die Maßnahme mit den Funkgeräten jedoch nicht entfiel. Die Polizei ließ sich ab und an prophylaktisch im Heim sehen, was immer zu begrüßen war, gelegentlich (so 2- bis 3-mal die Woche) brannte eine Aschtonne, was wir bzw. die Männer der inzwischen nachts agierenden Wach- und Schließgesellschaft selbst in den Griff bekamen.
Der Fernseher lief dann wieder und inzwischen nahezu Tag und Nacht und in mehreren Unterkünften brannte Tag und Nacht das elektrische Licht. Wir, an Ökonomie gewöhnt, löschten es regelmäßig genau wie in den Gemeinschaftsräumen. Zu unserem Erstaunen kamen wir nach mehreren Debatten über das Phänomen „ständig Licht“ zu dem Ergebnis, dass dies im Wesentlichen bei Leuten anzutreffen war, die dort herkamen, wo man noch keinen elektrischen Strom hatte. Die sahen’s wohl als eine Art Errungenschaft.
Den wöchentlichen Auszahltag der finanziellen Unterstützung bekam ich wieder nicht mit, da ich Spätdienst hatte und Ion Kalarogu holte sich aus unserem Lager ein Paar Schuhe ab. Diese Möglichkeit des Kleidungsbezuges wurde bei uns sehr spärlich genutzt. Ein Ingenieurbüro unserer Stadt wandte sich vertrauensvoll an uns, nachdem wir bereits mehrmals von Bürgern angerufen wurden, die dieses erreichen wollten. Wir hatten die Telefonnummer bekommen, die dieses Büro zuvor hatte. Sie hatten jetzt eine neue.
Die Polizei kommt immer öfter gezielt zu uns. Auch mit „Gebietsverstoß“ seitens der Asylbewerber werden wir erstmals konfrontiert. Toilettenpapier wird an unsere Schützlinge ausgegeben, da sehr viele stattdessen ansonsten Stücke unserer Bettwäsche benutzen und die Außenarbeiten stocken zurzeit. aufgrund von Dauerregen. Wir sind in der glücklichen Lage, durch ständige Auflösungen irgendwelcher Armeeobjekte und Wohnheime überaus gut mit allen möglichen Dingen ausgestattet zu sein, und diese Sachen haben wenigstens noch einen guten Nutzen. So haben wir beispielsweise über fünftausendmal Bettwäsche eingelagert, aber wir erleben auch in der Folgezeit, wie rapide diese trotz öfteren Nachfüllens abnimmt. Und wir erleben auch, dass die Kanalisation alle Augenblicke durch den Missbrauch zerrissener Bettwäsche als „Toilettenpapierersatz“ verstopft ist. Außerdem tauchen die ersten Fremden auf, die uns immer sehr misstrauisch werden lassen, und die ersten KFZ. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist auch hier hervorragend. Wirklich.
Als der Regen sich gelegt hat, erklärt man mir, dass derweil die Religion die Arbeit verbietet. Ich respektiere dies genauso wie den Glauben, zweifle bei vielen aber in wachsendem Maße an eben diesem Glauben.
Nach gewisser Zeit beginnen unsere Katholiken, Protestanten, Moslems, Hindus und all die anderen wieder mit uns weiterzuarbeiten. Jedoch unser Herr Kurze verlässt uns. Er hat seine Aufbauarbeit hier bei uns getan und geht in sein Heim auf Deutschlands größter Insel zurück. Joachim Kahlbart wird – da es sich noch niemand von uns anderen zutraut – noch von ihm eingearbeitet und als neuer Heimleiter eingestellt. Nun sind wir zu viert und arbeiten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Während der Nachtstunden werden wir durch einen Kollegen der Wach- und Schließgesellschaft unterstützt. Es lässt sich gut arbeiten, zu tun ist mehr als genug. Bei so einem großen Objekt mit 3 großen Gebäuden und so vielen Menschen da-rin fällt immer genügend Arbeit an. Aufräumen, Reparaturen. Einmal pro Woche wird die Bettwäsche der Leute getauscht. Da tauscht nicht etwa Mustafa mit Aladin. Das geht dann folgendermaßen vor sich: Die Leute kommen zum Wäschelager, geben ihre alte, benutzte Wäsche ab und erhalten frisch gewaschenes Bettzeug dafür zurück. Es wird vorgezählt und jeder soll so viel Sauberes erhalten, wie er Gebrauchtes abgibt. Der Chef, der in all diesen Dingen bedeutend mehr Erfahrung hat als wir (unser Arbeitgeber betreibt bereits mehrere solcher Heime seit der Wende), meint zu diesem Thema, dass die Leute von Anfang an eine gewisse Ordnung gewöhnt werden müssen. Aber ganz so hart sind wir da nicht. Verschlissene Teile werden auch getauscht, und wenn einer mal eines zu wenig hatte, dann bekam er auch mal eins mehr. Es kam nicht so drauf an, es bestand kein Mangel!
Seitens aller möglichen Einrichtungen und Stellen wurden wir noch regelmäßig überprüft und kontrolliert. Gerade erst war der Amtsarzt aus dem Landratsamt da und hatte die sanitären Anlagen unter die Lupe genommen. Die Gemeinschaftsküchen sah er sich ebenfalls noch an und war’s zufrieden. Natürlich unterhielt man sich hinterher noch eine Weile, über das Thema Asyl und mir fiel bereits zu der Zeit auf, da meine Erfahrungen ja nun noch nicht bedeutend waren, was er für einen Scheiß erzählte. Er wurde auch sehr energisch, sobald man ihn zu korrigieren versuchte. Als er weg war, schüttelten wir nur alle ungläubig die Köpfe und Fridi sagte: „Der zieht nun los und verbreitet überall den Mist, den er uns hier auftischen wollte. Weiß alles besser und will uns weismachen, was jeden Tag in der Zeitung steht. Den Menschen erzählt er, er war im Asylheim und weiß, wie schlecht es den armen Menschen geht. Brauchst dich über nichts zu wundern! Die haben hier das Sagen.“
Aber die Alltagstätigkeiten gehen weiter. Zwei Mann von uns haben erst einmal damit zu tun, die dreckige Bettwäsche zu zählen, zu sortieren, zu bündeln und einen Waschauftrag für die Wäscherei zu schreiben. Fenster auf und Handschuhe an und los geht es damit. Die Tür des Lagerraumes zu, sonst kommt man sowieso nicht vorwärts. Aber die geht immer wieder auf. Die Leute wollen ihre persönliche Kleidung waschen. Im Haus 2 haben wir einen Waschmaschinenraum mit 6 vollautomatischen Waschmaschinen. Dieser Raum ist ständig verschlossen und nur wir, das Personal, haben den Schlüssel und bedienen diese recht teuren Geräte. Diese Vorgehensweise wird sich in der Zukunft immer wieder als sehr gut erweisen, sooft auch einige selbst ernannte Wohl- und Wundertäter dagegen anfechten, von wegen Einschränkung der Freiheiten der Leute und so. Die können hier Tag und Nacht waschen, so viel sie wollen, und Erfahrungen anderer Heime geben uns recht. Ich muss zugeben, mit dem Thema Wäsche habe ich mich zu Hause nie viel weiter beschäftigt, als sie aus dem Schrank zu nehmen und anzuziehen. Aber hier habe ich echt gelernt, mich mit Waschprogrammen, Waschpulver, Temperaturen und der ganzen damit zusammenhängenden Palette zurechtzufinden. Man kann, wenn man muss.
Und aus der ZAST (Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber) des Landes kamen immer neue Zuweisungen an Leuten. Am 24.04.1992, an unserem ersten Zahltag im Heim und einen Tag nach unserer Erstaufnahme, wurde die Sozialhilfe in unserem Heim für die Woche vom 24.04. bis 30.04 1992 an die Leute ausgezahlt. Bis einschließlich 23.04. waren sie noch in der Zentralen Aufnahmestelle versorgt worden. Wir zahlten an 62 Personen jeweils den gleichen Betrag von 86,40 DM aus, der dann für eine Woche gedacht war. Dieser Betrag wurde später nach oben hin korrigiert. Drei der Leute waren bei dieser ersten Auszahlung nicht anwesend, sie bekamen ihr Geld bei Eintreffen in unserer Einrichtung nachgezahlt. 45 unserer damaligen Bewohner kamen aus Rumänien, einer aus dem Nepal, zwei aus Vietnam, einer aus Tansania, einer aus Somalia. Zwei von der Elfenbeinküste, vier Liberianer, zwei Mann aus Sierra Leone und vier Nigerianer waren dabei. Zumindest laut Dokumenten, die sich bis auf Ausnahmen auf eigene Angaben bezogen, war es so.
Als ich am Tage der Erstbelegung die Liste der Ankömmlinge las, dachte ich bei dem Manne aus Nepal sofort an Verständigungsprobleme. Zu meiner Überraschung sprach er außerordentlich gut deutsch. Er war auch der Erste, bei dem sich herausstellte, dass es ihn öfter gab. Zumindest in unserem Staate. Bei uns war der Gute schon nach dem zweiten Geldtag verschwunden und tauchte auch nur wieder an Zahltagen auf. „In Ordnung“, meinten wir, er hält sich nicht an die Regeln, z. B. der ihm auferlegten örtlichen Beschränkung, die sich auf einen Aufenthalt innerhalb unseres Landkreises bezog und dessen Verlassen wir damals noch als verwerflich betrachteten, schließlich aber hat er ja niemanden im Heim, der aus seiner Heimat stammt oder seine Muttersprache spricht. Also wird er sich dort aufhalten, wo er „seine“ Leute hat. Schleierhaft aber war nur, wie er solche gefunden hat. Schließlich aber kam die alles erklärende, für uns aber zunächst völlig unverständliche Nachricht: Er war in mehreren deutschen Landkreisen unter verschiedenen Identitäten gemeldet! Wie geht so was? – Sehr gut, wie wir viele Male erfahren sollten! Zunächst waren wir sehr geschockt, begriffen nicht.
 
 
 
 
Immer mehr
 
 
Wir haben inzwischen Ende Mai 1992 und bekommen immer mehr Leute zugewiesen. Das „Nachtleben“ verstärkt sich und immer häufiger werden Fahrzeuge auf unserem Gelände registriert. Nachts kommt ein PKW „Wartburg“ mit Kennzeichen HGW…, darin 4 Herren, keine Einheimischen. Asylbewerber. Insassen unseres Heimes verlassen uns des Nachts für Stunden. Oft kommen sie erst gegen Sonnenaufgang zurück. Unsere Ausländer erfreuen sich zunehmenden Interesses in der Bevölkerung. Und das in positivem Sinne. Am Nachmittag des 29.05. muss ein junges Mädel des Heimes verwiesen werden. Sie hatte sich nicht angemeldet und ist noch zu jung, um sie allein zwischen einer Schar ausländischer Herren, dessen Respekt erfahrungsgemäß nicht besonders üppig ausgeprägt ist, zu lassen. Fridi erklärt ihr das. Es ist eindeutig herauszuhören, dass die Neugier sie zu uns brachte. Alles, was man über Ausländer in den Medien hört und liest, was in Schulen erzählt und von Politikern verbreitet wird, ist positiv. Die das dann für bare Münze nahmen, bekamen meist irgendwann damit Probleme. Aber es wurde so verbreitet. Eine richtige Propagandawelle, die mehr Schaden anrichtete, als die Wahrheit es vermocht hätte. Die größten Arschlöcher waren die, welche in der Öffentlichkeit die „Linie“ predigten und selbst eine ganz andere Meinung hatten. Ich fühlte mich in die Zeit des „real existierenden Sozialismus“ zurückversetzt, und das nicht nur bei dementsprechenden „Ossis“.
Jedenfalls hatten wir am frühen Abend dieses 29.05. nochmals Besuch von 4 sehr jungen Damen im Zimmer 2 des Hauses 1, sahen uns aber in gewisser Weise genötigt, auch dieses Treffen wieder zu beenden. Die Mädels machten einen sehr ordentlichen Eindruck, man konnte sich mit ihnen ganz vernünftig unterhalten und sie sahen auch ein, dass wir ihnen erklärten, wir dürften hier nicht ständig Besuch zulassen. Besagtes Zimmer und die Sache mit dem Besuch behalten wir sicherheitshalber noch etwas verstärkt im Auge, aber da gibt es keine Schwierigkeiten. Ansonsten zeichnet sich eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung immer deutlicher ab: Die Probleme in Sachen Ordnung und Sauberkeit nehmen zu. Stühle liegen zerbrochen im Fernsehraum, Dreck und Abfälle in den Küchen werden einfach zum Fenster hinausgeworfen und -gekippt. Leute, die beim Randalieren ertappt werden, sind immer seltener zum Ordnungschaffen zu bewegen. Die Polizei verfolgt immer regelmäßiger Fahrzeuge mit Ausländern bis auf unser Gelände. Sie überprüft dann Dokumente von Fahrzeugen und Insassen, um – wie unsere Asylis schon zu sagen pflegen – „Danke schön, auf Wiedersehen!“ zu sagen. Wenden wir uns an irgendwelche Offiziellen (Ausländerbehörde, Polizei etc.), hören wir immer wieder denselben Dreck: „Da kann man nichts machen. Wir können doch Leute, denen es ihr Leben lang schlecht ging, jetzt nicht auch noch bestrafen, wir haben seitens des Gesetzes gar keine Handhabe.“ Im Kreise der Kollegen wird darüber natürlich heftig diskutiert und wir kommen wieder und wieder auf einen Punkt: Wo soll das noch hinführen? Die werden ja förmlich dazu erzogen!
Aber wir haben immer noch unsere Reinigungskräfte, die arbeiten. Nicht unbegrenzt, aber um die Sauberkeit regelmäßig wiederherzustellen, reicht es. Die Toilettenbrillen sind noch häufiger zerbrochen, weil die Leute sich zur Benutzung der Toi-letten da raufstellen. Mich wundert jedes Mal, dass noch keiner mit dem ganzen Ding umgekippt ist, durch die Tür durch und im Vorraum mit heruntergelassenen Hosen lag. Dies ist allerdings nie passiert. Auch da waren sie alle wirkliche Künstler! Regelmäßig kam jedoch vor, dass die Benutzenden die Toilette nicht trafen und der ganze Haufen danebenlag. Ekliger war dann noch, wenn in den Boxen Haufen an Haufen lag, sodass man nicht mehr einigermaßen sauberen Fußes hineinkam. Oder aber die Toilettenbecken waren voll mit Kot, wirklich bis oben hin, mit einem Berg drüber. Das schien bei diesen Leuten die Normalität zu sein, denn es war ständig so. Das musste wohl ganz einfach so sein. Wir unterhielten uns mit Klempnerfirmen und ließen letztendlich für viel Geld (was hier offensichtlich des Öfteren keine Rolle spielte, wenn es direkt aus irgendwelchen staatlichen Kassen kam) sogenannte Hockklosetts in jedem Haus installieren. Die Dinger, die dann später bei uns auch „Asiatische“ oder „Startlöcher“ genannt wurden, waren ebenfalls aus Sanitärkeramik, fast zu ebener Erde, hatten zwei Standflächen für die Füße und ein relativ kleines Loch. Beängstigend für uns beim ersten Anblick, verglich man doch die altbekannte Öffnung unserer herkömmlichen Toilettenbecken und die gesammelten Erfahrungen mit diesem Loch von wohl 8 oder 10 Zentimeter Durchmesser und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Die Spülventile an den Urinalen waren auch entweder ständig geschlossen oder es lief fortwährend eigentlich kostbares Trinkwasser in die Kanalisation. Deshalb baute ich – selbstverständlich mit Genehmigung unseres Geschäftsführers der GmbH, bei der wir angestellt waren – Druckspüler ein.
Der weitere Dienst gestaltete sich dann mit den ersten „Highlights“. Am 03.06.1992 hatte ich mir in meinen Aufzeichnungen notiert, dass sich kurz nach Mitternacht die Polizei telefonisch im Heim gemeldet hatte. Sie hatte darüber informiert, dass auf dem Wege vom Stadtzentrum in Richtung unseres Heimes 2 deutsche Jugendliche von 6 Asylbewerbern zusammengeschlagen wurden, sodass sie sich anschließend im Krankenhaus zur stationären Behandlung befanden. Dies blieb selbstverständlich streng geheim, stand nie in irgendeiner Zeitung und ging auch nicht durch die Nachrichten in Funk und Fernsehen. Auch wurde hierfür nie jemand zur Rechenschaft gezogen. Gegen Morgen derselben Nacht rief die Polizei ein zweites Mal bei uns im Büro an und teilte mit, dass auf dem an unserem Heimgelände angrenzenden Acker diverse Dinge wie Werkzeuge und Gerätschaften eines Baubetriebes unserer Gegend gefunden worden waren. Der Betrieb hatte sie mit seiner Anschrift versehen, in Form von Aufklebern. Die Dinge waren vergraben worden. Wer hat die da bloß eingepflanzt?
Zu Beginn meiner Nachtschicht am kommenden Abend ist es erstaunlich ruhig. „Markante Leute nicht anwesend“ fällt mir nach Kontrollgängen auf und es sind sehr viele Zimmer dunkel. Keine Personenbewegung im gesamten Objekt. Kurz vor drei Uhr kommt eine Polizeistreife ins Objekt, weitere Straftaten durch Asylbewerber werden vermutet. Etwa 10 Minuten nach Verschwinden der Polizeistreife beginnt die Rückkehr unserer Insassen. Gegen Morgen taucht dann die Polizei nochmals im Heim auf und beginnt mit Ermittlungen. Es ist Geldtag und es gibt immer noch 86,40 DM, 123 Leute kommen Geld holen. Wie viele Gesichter doch, die man sonst nie sieht, ein reger Reiseverkehr. Schwarzafrika, ansonsten abwesend, kehrt für kurze Zeit zurück. Zwischen den Fernzügen.
Viele Menschen arbeiten lange daran, es kostet jede Menge an Steuergeldern und am Ende fehlt es an der nötigen Konsequenz, Verbrecher wie Verbrecher zu behandeln, nur weil sie Ausländer sind. Welch ein Hohn gegenüber der Demokratie, welch ein Segen für die Ausländerstatistik. Aber es kommt noch „besser“.