Cover

Zum Buch

Der erste Band mit Erzählungen des gefeierten Romanschriftstellers vereint elf Geschichten über das Chaos und die Katastrophe, die das alltägliche Leben jederzeit für jeden bereithält. Wenn der Druck, nur ja nichts zu verpassen, groß ist und Missverständnisse zwischen Fremden wie Liebenden eher die Regel als die Ausnahme bilden, sind Komik und Tragik nicht weit voneinander entfernt, und auf diesem schmalen Grat balanciert Joshua Ferris souverän wie kaum ein anderer.

Da ist das Pärchen, das sich auf die Dinnerparty mit einem anderen Pärchen vorbereitet, indem es über den zu erwartenden langweiligen Abend lästert – und unangenehm auf sich selbst zurückgeworfen wird, als die Gäste einfach ausbleiben. Da ist der Mann, der einen Arbeiter für die Räumung seines Lagers anheuert und sich durch dessen Wortkargheit und seine eigenen Gedankenschleifen derart in Rage bringen lässt, dass er ihn am liebsten tot sähe. Ein pensionierter Witwer in Florida feiert seinen Geburtstag mit Pizza, einer Prostituierte und einem lebensrettenden Herzinfarkt, und ein hoffnungsvoller angehender Fernsehautor weiß zunächst nicht, ob er eine angesagte Hollywoodparty überhaupt besuchen soll, und verdirbt sich, als er es dann doch tut, womöglich noch die letzten Chancen …

»Ferris ist das literarische Äquivalent zu den Filmemachern Joel und Ethan Coen.« The Washington Post

Zum Autor

JOSHUA FERRIS wurde 1974 in Illinois geboren. Sein erster Roman »Wir waren unsterblich« erschien in 24 Ländern, wurde mit dem Hemingway Foundation/PEN Award ausgezeichnet und für die Shortlist des National Book Award nominiert. Sein dritter Roman »Mein fremdes Leben« wurde 2014 mit dem Dylan Thomas Prize ausgezeichnet und kam auf die Shortlist des Man Booker Prize. Joshua Ferris lebt mit Frau und Kind in New York.

Zum Übersetzer

MARCUS INGENDAAY, geb. 1958, Studium der Anglistik und Germanistik in Köln und Cambridge, ausgezeichnet mit dem Rowohlt-Preis und dem Helmut-M.-Braem-Preis, ist Schriftsteller und der Übersetzer von u. a. Truman Capote, William Gaddis und David Foster Wallace.

JOSHUA

FERRIS

MÄNNER

DIE SICH

SCHLECHT

BENEHMEN

Storys

Aus dem Amerikanischen
von Marcus Ingendaay

Luchterhand

Für Cooper Ferris und Jim Shepard

Inhalt

Die Dinnerparty

Der Hypochonder

Der Pilot

Im Lauf des Abends

Die Brise

Ghost Town Choir

Verlassenheit
(Oder: Was war bloß mit Joe Pope los?)

Bruchstücke

Das Stiefkind

Leben inmitten von Toten

Sein Geld wert

Danksagung

Die Dinnerparty

Einmal waren die beiden Frauen zum Lunch verabredet, und danach kam sie verstimmt wegen irgendwelcher Kleinigkeiten zurück. Sein einziger Kommentar: »Warum tust du dir das an?« Er wollte sie schützen. Er wollte aber auch einen Keil zwischen die beiden treiben, damit ihm künftig die gemeinsamen Abendessen mit dieser Frau und ihrem Mann erspart blieben. Allerdings waren ein paar Monate später die Streitigkeiten vergessen und der Riss wieder gekittet. Er machte ihr daraus keinen Vorwurf. Es handelte sich um eine alte Freundschaft, und eine gute Freundin bekam man nicht an jeder Ecke.

In einer Art vorweggenommener Rückschau sah er alles voraus, jedes Wort, jede Geste, die er – vier Stunden weiter – von sich gegeben haben würde. Er ging noch einmal zurück in die Küche und stellte sich mit einem frischen Glas Wein an den Kühlschrank, aber so, dass er nicht im Weg war.

»Ich schaff das nicht«, sagte er.

»Schaffst was nicht?«

Mittlerweile lief die Zeit. Das Wasser im Topf näherte sich dem Siedepunkt, das Fleisch lag gewürzt auf dem Schneidebrett.

Sie stand an der Arbeitsplatte neben der Spüle und schnitt eine Zwiebel klein. Weiteres Gemüse, frisch und knackig dem Tod geweiht, wartete gleich nebenan auf seine Verarbeitung. Sie hörte gerade so lange auf zu schnippeln, dass es für eine tragische Pose mit erhobenem Unterarm an der Stirn reichte. Unter Tränen nahm sie ihre Arbeit wieder auf. Sie selber rührte ihren Wein nicht an.

»Ich kann dir jetzt schon sagen, wie der Abend ablaufen wird, und zwar von dem Moment an, wo sie hier durch die Tür kommen bis hin zum Abschiedsbussi. Echt, das halte ich nicht aus.«

»Aber bei einem Bussi-Bussi muss es doch nicht bleiben«, sagte sie gleichmütig schnippelnd. »Warum steckst du ihr nicht die Zunge in den Hals?« Seine Frau war für fast alles zu haben und redete entsprechend offen. Es war vielleicht nicht immer taktvoll, aber genau das zählte zu ihren besten Eigenschaften. »Vermutlich wäre sie darüber aber mehr überrascht als du.«

»Sie kommen rein«, sagte er. »Wir nehmen ihnen die Mäntel ab. Und alle quasseln, als wäre der Teufel hinter ihnen her, als lägen nicht vier lange Stunden gemütliches Beisammensein vor uns. Wir betäuben uns mit Alkohol, wir diskutieren bis zur Erschöpfung jeden Scheiß. Natürlich ist es auch ein lustiger Abend, es wird viel gelacht, obwohl später niemand mehr weiß, was eigentlich so witzig war. Klar, und großes Lob an die Köchin! Gefolgt von ein paar Monologen. Irgendwann gähnt einer, am Ende gähnen alle. Und sie sagen: ›Ich glaube, wir sollten langsam.‹ Wobei wir höflich weggucken, als beabsichtigten sie, auf unseren Ecktisch zu kacken. Dann erheben sich alle, einer von uns holt ihre Sachen von der Garderobe, und auf geht’s ans fröhliche Abschiednehmen. Wir alle sagen mehr oder weniger dasselbe: ›Was für ein schöner Abend, das sollten wir unbedingt wiederholen‹, blabla. Dann sind sie endlich weg, und wir reden über sie. Während sie unten durch die Straßen laufen und über uns reden.«

»Tja. Und womit kann man dir sonst eine Freude machen?«

»Mit einem Blowjob.«

»Warten wir damit lieber, bis sie da sind«, sagte sie.

Sie wischte mit dem Finger an der Klinge des Kochmessers entlang, um es von anhaftenden Zwiebelstückchen zu befreien. Er reichte ihr das Glas. »Trink deinen Wein«, sagte er. Sie trank einen Schluck, und er verließ die Küche.

Er setzte sich aufs Sofa und las weiter seine Zeitschrift. Dann stand er auf, ging in die Küche, schenkte sich nach.

»Ach, und noch etwas«, sagte er. »Sie mit ihrer großen Überraschung immer. Selbst ihre sogenannten Überraschungen sind keine Überraschung, sondern reichlich absehbar.«

»Dann tust du halt so. Tu ihnen den Gefallen, und tu so«, sagte sie.

»Man kann förmlich darauf warten«, sagte er. »Zunächst bedeutungsvolles Schweigen. Dann gibt er den Startschuss, indem er ihr ultrasensibel den Vortritt lässt. ›Jetzt sag es ihnen schon‹, sagt er zu ihr. Und sie: ›Nein, sag du.‹ Und er: ›Nein, du.‹ Und sie dann: ›Na gut, bevor ich mich schlagen lasse.‹ Und wir – aber hallo – schlackern nur so mit den Ohren ob der freudigen Botschaft. Alter Schwede, wer hätte das gedacht: Sie ist schwanger! Oder: Jemand wurde vom Auto überfahren – auf dem Weg zur Lottoannahmestelle! Und bitte die Geschichte unbedingt an den gutsten Veuve Cliquot weiterleiten. Der alte Sack ist gern im Bilde, was bei anderen so abgeht. Aber das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wie absehbar unsere Reaktion auf diesen Scheiß ausfällt.«

»Na ja, aber dagegen kann man doch was tun«, sagte sie. »Schlag ihnen eine Abtreibung vor.«

An einem Stück Eis herumlutschend, sagte er: »Dann geht aber ein Ruck durchs Kirchenschiff.«

»Sag, wir könnten es gleich an Ort und Stelle machen, mit einer Pulle Veuve Cliquot und einem Drahtbügel. So was haben wir immer im Haus.«

»Herrlich«, sagte er. »Ich bin dabei.«

Die Küche war klein, eigentlich zu klein für zwei, aber er wollte in ihrer Nähe sein. Sie briet den Knoblauch und die gehackten Zwiebeln an.

»Eigentlich ist er ja ganz okay«, sagte er. »Sie beide sind eigentlich ganz okay. Ich bin nur gerade zum Kotzen.«

»Und wann machen wir so etwas schon mal? Ein-, zweimal im Jahr, wenn’s hochkommt. Du wirst es überleben. Und wenn erst das Baby da ist …«

»Gott bewahre.«

»Mit dem Baby kriegen wir sie noch seltener zu sehen.«

»Bis auf die Weihnachtskarten. Hier seht ihr unseren kleinen Sonnen-chein! Kleiner Sonnen-chein am Arsch!«

»Du musst wenigstens nicht zur Babyparty«, sagte sie.

»Jede Wette, sie schaffen sich einen Kinderwagen an.«

»Kinderwagen, wieso?«

»Wieso?«, fragte er und belegte einen Kräcker mit einem Stück Käse. »Um das Baby groß durch die Gegend zu fahren natürlich.«

»Die Chancen für einen Kinderwagen stehen in der Tat hoch«, sagte sie. »Ich wette, du würdest nie einen Kinderwagen kaufen. Weil ein Kinderwagen wäre ja so was von absehbar, habe ich recht?«

»Ich dachte eher, wir kleben uns das Kind mit Panzerband an den Bauch«, sagte er. »Käme billiger.«

»Du meinst wie eine Babytrage, nur mit Panzerband?«

»Genau.«

»Guckt das Kind nach vorn oder nach hinten?«

»Wenn es schläft, nach hinten. Wenn es wach ist und strampelt, weil es etwas sehen will, nach vorn.«

»Du meinst, damit es schon mal seine Umgebung erkunden kann, mit jener unstillbaren Neugier auf die vielfältigen Wunder, die diese Welt für den neuen Erdenbürger bereithält?«

»So ähnlich.«

»Das Kind dürfte eher erleichtert sein, dass ich unfruchtbar bin.«

Er verließ die Küche, stand mit seinem Drink im Wohnzimmer, horchte auf ihre Arbeitsgeräusche.

Eigentlich hätten sie auch Ben und Lauren einladen müssen, wie beim letzten Mal. Ben und Lauren waren eher seine Freunde. Mit Ben und Lauren verging die Zeit auch nicht so schleppend wie in einem Bestattungsinstitut oder in den Kirchen seiner Jugend im Mittleren Westen. Doch diesmal sollte es ein intimer Abend werden, vermutlich, damit die beiden ungestört ihre Überraschung präsentieren konnten. Er hakte zwar noch öfter nach – »Hey, sollten wir nicht auch Ben und Lauren einladen?« –, doch irgendwie war die Sache entschieden, und Ben und Lauren dürften eher froh drum sein.

Er kehrte in die Küche zurück, sagte: »Sobald sie kommen, kriegen sie als Erstes einen ordentlichen Shot verpasst, alle beide.«

»Shot?«

»Tequila.«

»Sie auch?«

»Beide.«

»Das ist bestimmt gut für das Baby.«

»Muss aber sein, notfalls zwinge ich sie«, sagte er. »Ich denk mir was aus.«

»Dann mach mal.«

»Der ganze Quatsch über Folsäure und pränatale Vitamine, hör mir auf. Meinst du, Attila der Hunnenkönig hätte im Mutterleib seine tägliche Gabe Folsäure gekriegt? Oder Napoleon?« Sie ging in der Küche hin und her, während er seinen Drink dicht am Körper hielt. »Und das sind längst nicht alle.«

»George Washington«, sagte sie. »Einer unserer Gründerväter.«

»Siehst du? Die Liste ist lang. Moses.«

»Trotzdem glaube ich, dass sie auf Tequila pur lieber verzichtet«, sagte sie.

»Ach was, man muss es nur clever anstellen. Sag ihr, in Tequila sind jede Menge pränatale Vitamine. Wirst sehen, wie sie das Zeug wegschlürft.«

»Klar, sie ist ja auch erst im dritten Schuljahr«, sagte sie. »Außerdem ist sie blind und total verblödet.«

»Ich sagte doch, ich überlege mir was.«

Abermals verließ er die Küche. Als er wiederkam, sagte er: »Okay, ich hab’s.«

Doch die Küche war leer. Ihr Ehering und der eine Diamantring lagen noch auf der Theke – wie immer, wenn sie kochte. In der Spüle stand jede Menge Geschirr. Der große Topf und die kleine Kasserolle auf dem Herd köchelten vor sich hin und emittierten ihren Dampf in die ratternde Dunstabzugshaube. Der Unterschrank war offen.

»Amy?«, sagte er. Keine Antwort. Wo war sie hin? Er wandte sich um und ging bis vors Wohnzimmer, dies für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie über den Flur nach draußen gegangen war, während er auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Dann kehrte er wieder in die Küche zurück, wo sich zumindest die elektrischen Geräte, Töpfe und Speisen regten. Sie kam durch die Wohnungstür.

»Wo bist du gewesen?«

»Ich hab den Müll runtergebracht«, sagte sie.

»Das hätte ich doch gemacht.«

»Hast du aber nicht«, sagte sie.

Eigentlich hatte er ihr seine geniale Strategie mitteilen wollen, was diesen Abend und den Umgang mit diesen Leuten betraf, aber er hatte keine Lust mehr, sie weiter zu reizen. Stattdessen stellte er sein Glas ab und trat von hinten an sie heran, die bereits wieder am Herd stand. Während sie in den Töpfen rührte, schlang er die Arme um ihre Hüften. Vor Jahren einmal hatten sie ein eigenes Wort für diese Geste, nur fiel es ihm gerade nicht ein. Er küsste ihren Nacken, ihren Haaransatz, roch Essensdunst und das Shampoo mit der gefakten Wildblumenessenz. »Wie kann ich dir helfen?«, fragte er.

»Du könntest schon mal den Tisch decken«, sagte sie.

Er deckte den Tisch. Dann stellte er sich mit einem frischen Drink wieder an den Kühlschrank. »Ich dachte mir das folgendermaßen«, sagte er schließlich. »Sie bringen die übliche Flasche Wein mit, okay? Wir bedanken uns artig, machen die Flasche aber nicht auf, sondern stellen sie gleich in die Küche, wo sie auch bleibt. Jedenfalls sehen sie ihre Flasche nie wieder. Wir wiederum … wir bitten sie gleich zu Tisch. Fragen gar nicht erst, was sie trinken wollen – so, als hätten wir es glatt vergessen. Kann ja mal passieren. Denn ich kenne ihn. Selbst wenn sie sich zurückhält wegen der großen Neuigkeit, er will garantiert was trinken. Ich sage ihnen aber, leider hätten wir zurzeit gar nichts im Haus. Daher müssten wir zum Essen auch auf ihren Wein zurückgreifen. Was, wie gesagt, nicht geschieht. Der Wein bleibt weg, es gibt nur Wasser. Dann, mittendrin …«

»Kein Alkohol?«, sagte sie. »Du solltest bei Al Kaida anheuern.«

»… mittendrin stehe ich auf und hole mir aus dem Kühlschrank ein Bier. Ich mache es am Tisch auf und genehmige mir einen tiefen Schluck. Na, was meinst du?«

»Hört sich vielversprechend an.«

»Er fragt vorsichtig an, ob er auch eins haben könnte. Doch ich so: ›Nee, Mann, tut mir leid, das war das letzte.‹ Und trinke das Bier aus. Meinst du, sie hauen dann ab?«

»Glaube ich eher nicht.«

»Echt nicht? Sie haben nicht die Schnauze voll? Übrigens, wo bleiben sie denn?«

»Sie kämen vielleicht nie wieder, aber nein, gehen würden sie erst mal nicht.«

»Weißt du, im Grunde sind es ja nette Leute«, sagte er. »Vom Prinzip her.«

»Sie ist meine älteste Freundin«, sagte sie. »Und er kann richtig komisch sein.«

»Stimmt, das kann er.«

Später kam er aus der Toilette, als die Spülung aufhörte. Sie war nicht mehr in der Küche. Er nahm sich den nächsten Kräcker von der Platte, das nächste Stück Käse. Am gedeckten Esstisch vorbei ging er ins Wohnzimmer. Sie saß auf dem Sofa und las in derselben Zeitschrift, die er zuvor gelesen hatte. Er blieb in der Zimmermitte stehen und streckte die Hände aus. »Wo bleiben die?«

Sie sagte: »Wenn man von einem fest ausgehen kann, dann davon, dass sie zu spät kommt.«

»Klar, aber eine Dreiviertelstunde?«

»Die Vorspeise ist jedenfalls kalt.«

»Was ist mit dem Fleisch?«

»Das muss ich zum Glück erst noch machen.«

Gelassen blätterte sie in der Zeitschrift, ohne das geringste Anzeichen von Ungeduld oder Verärgerung. Sie hatte sich offenbar damit abgefunden, dass es so lange dauerte, wie es dauerte.

»Vielleicht rufst du sie mal an?«

»War es nicht das, was du wolltest?«, fragte sie. »Dass etwas passiert, was nicht absehbar ist?«

Sie telefonierte ihnen hinterher. Es war neun Uhr, zehn Uhr. Irgendwann ging es auf halb elf zu. Sie versuchte ein Dutzend Mal, sie zu erreichen, auf ebenso vielen Wegen. Sie schickte SMS und E-Mails. Sie gingen nicht dran und reagierten auch sonst nicht.

»Nicht beim Abendessen«, sagte er.

»Wie großmütig, wie zutiefst human«, sagte sie.

»Ach, ärgere dich nicht über diese bekackten Versager«, sagte er. »Sie gucken Friends auf DVD und sind dabei eingeschlafen. Aber vorher haben sie noch die Tür verrammelt und das Telefon abgestellt.«

»Ja, hallo?«, sagte sie. Sie sprach in den Hörer. »Okay, danke. Könnten Sie ihnen meine Nummer geben, falls einer von beiden eingeliefert wird. Danke.« Sie nannte noch ihren Namen und ihre Nummer und legte dann auf.

»Sag mal, das ist doch wohl nicht wahr?« Sie wählte die nächste Nummer. »Außer dir selbst interessiert dich wohl gar nichts?«

»Ich wollte nur helfen.«

»Auf deine Hilfe kann ich schon länger verzichten«, sagte sie. Das wollte er gar nicht so genau wissen, verließ daher das Wohnzimmer. »Sicher«, sagte sie ins Telefon, »ich bleibe dran.«

»Wird das Fleisch schlecht?«, rief er aus der Küche. Die Käseplatte war mittlerweile aufgegessen, ebenso die Cherrytomaten mit Mozzarella und Balsamico sowie die Feigen im Speckmantel. Er saß auf dem Barhocker an der Küchentheke und aß von einer Untertasse das Pilzrisotto, das es zu dem Lamm geben sollte, während er das Fleisch beäugte, das auf dem Schneidbrett bereitlag. Er hatte bereits die nächste Flasche Wein aufgemacht. »Hey, Babe, was ist mit dem Fleisch? Kann man das einfach so stehen lassen?«

»Steck es dir in den Arsch«, sagte sie.

Er hörte auf zu kauen, blickte mit erhobenen Brauen auf die beiden mit Senf bestrichenen Lammkarrees und überlegte, wie unangenehm sich die langen Rippchen in seinem Arsch anfühlen würden. Andererseits, was für ein Spaß, vor ihr blankzuziehen – mit so einem Teil zwischen den Backen. »Ich soll sie mir also in den Arsch stecken«, sagte er. »Weißt du, wer sie sich in den … wer sie sich in wessen Arsch stecken sollte? Das sind deine beiden Freunde und denen ihr Arsch. Sie sollten sich die Dinger in den Arsch stecken«, sagte er.

Auch im nächsten Krankenhaus konnte man ihr nicht weiterhelfen. Wieder hinterließ sie ihren Namen und ihre Telefonnummer. Sie ging in die Küche. »Was brabbelst du da?«

»Hier sind zwei Lammkarrees, eins für jeden Arsch von ihnen.«

Sie tippte mit dem Finger gegen seine Stirn. »So etwas machen sie doch sonst nicht«, sagte sie und stieß seinen Kopf nach hinten. »Das sieht ihnen nämlich gar nicht ähnlich, und das weißt du genau. Blöde Sprüche kann ich nicht brauchen.« Sie ließ von ihm ab, und er pendelte zurück in eine aufrechte Sitzposition.

»Sorry, aber was brauchst du dann?«, sagte er. »Da du ja, wie du sagst, auf meine Hilfe verzichten kannst.«

Sie verließ die Küche.

»Warte«, sagte er, stellte das Tellerchen mit dem Risotto weg und stand auf. »Bleib doch mal stehen.« Er folgte ihr ins Esszimmer. »Ich habe nicht gesagt, dass ich dir nicht helfen will – Herrgott, kannst du mal stehen bleiben und mir zuhören?« Sie blieb stehen und drehte sich um. »Sie haben sich wahrscheinlich nur mit dem Datum vertan. Morgen rufen sie an und erklären dir, wie leid es ihnen tut. Weil, in der Spätvorstellung von Kung Fu Panda mussten sie bedauerlicherweise ihre Handys ausschalten.«

»Du meinst also, sie waren in Kung Fu Panda?«, sagte sie.

»So was in der Art.«

»Meine Freunde, erwachsene Leute, waren in Kung Fu Panda und haben ihr Handy abgestellt, damit sie in Ruhe diesen Film sehen können?«

»Das oder …« Er hob seinen Finger. Sie standen vor dem düsteren Rechteck der offenen Schlafzimmertür. Für einen Moment war die alte Angst aus Kindertagen in ihm wieder aktiv, dass, wer durch diese Tür ging, ins Bodenlose stürzte. Das galt auch für sie, auch sie konnte durchaus bis zum Erdmittelpunkt fallen. Er senkte den Finger. »Nee, Quatsch«, sagte er. »Ich glaube natürlich nicht, dass sie gerade im Kino sind.«

»Nein, du hast nur Müll im Kopf«, sagte sie.

Sie trat ins Schlafzimmer. Wo sie nicht ins Bodenlose stürzte, sondern im Zwielicht zum Badezimmer schwebte. Das Licht dort schaltete sie erst an, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Eine halbe Stunde lang saß er in der Küche auf dem Boden. Dann rief er: »Hey!« Keine Antwort. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer.

Er fand sie genau dort. Sie trug ihren Schlafanzug und las, aufrecht im Bett, ein Buch. »Was machst du da?«

»Ich gehe schlafen.«

»Hör mal, das Fleisch liegt noch in der Küche«, sagte er. »Und auch all die anderen Sachen. Sollen wir das alles vergammeln lassen? Und was ist mit deinen Freunden? Machst du dir keine Sorgen?«

»Ich habe keinen Hunger«, sagte sie.

»Aber einfach ins Bett gehen und lesen?«

»Was schlägst du vor?«

»Keine Ahnung. Ich würde vielleicht bei ihnen vorbeigehen. Gucken, ob sie da sind.«

»Ich muss hier sein, falls sich ein Krankenhaus meldet. Oder falls sie doch noch kommen.«

Er setzte sich auf die Bettkante, stützte den Kopf in die Hände. Er hörte ihr langsames Umblättern und, tiefer in sich selbst, den schmatzenden Puls des Alkoholabbaus.

»Na gut«, sagte er und blickte auf. »Aber ich könnte doch nachsehen?«

»Und dann, was willst du dann tun, großer Mann? Du Mann aus Stahl! Du meinst, du setzt dich in dein Wodkamobil und suchst die Gefahr?«

Er starrte sie an.

»Schade, dass wir keine Kinder haben können«, sagte sie. »Falls sie jemals entführt würde, gäbe es keinen besseren Daddy, sie zurückzuholen.«

»Sie? Meinst du, wir hätten eine Sie?«

»Klar, für dich wäre es natürlich wichtig, einen Jungen zu haben. An ihn könntest du alle deine männlichen Fähigkeiten weitergeben. All deine Superkräfte, großer Mann.«

Er erhob sich vom Bett.

»Soll ich jetzt hingehen oder nicht?«

Er war schon mehrmals in ihrer Wohnung gewesen, doch nie mit so vielen Menschen. Die Wohnung war groß, aber »interessant geschnitten«, wie Makler es nannten. Eine Flucht von Zimmern, die größtenteils nicht direkt zugänglich waren, sondern nur hintereinander. Schon unmittelbar nach seinem Eintritt befand er sich in einem Raum, wo ein sorgsam kuratiertes Kerzenensemble eine kapellenartige Lichtstimmung erzeugte. Er sah Silhouetten von vielen Menschen, und in dem Zimmer rechts waren noch mehr. Großer Andrang auch in der Küche, ein ständiges Kommen und Gehen. Doch immer waren manche Leute lauter als andere. Ein Unbekannter hatte ihm die Tür aufgemacht.

»Wird hier eine Party gefeiert?«, fragte er.

»Sind Sie ein Nachbar?«

»Nein, ich bin ein alter Freund.«

»Bier gibt’s im Kühlschrank«, sagte der Unbekannte. Er schloss die Tür und wandte sich wieder seiner Unterhaltung zu.

Das laute Stimmengewirr nahm an Deutlichkeit zu. Draußen auf dem Gang hatte er das submarine Geräuschbild zunächst einer anderen Wohnung zugeordnet. Er zögerte, ehe er sich in die kleine Diele vor der Küche ziehen ließ. Auch in der Küche selbst war die Beleuchtung minimal. Vor chromglänzenden Oberflächen und den an der Decke aufgehängten Kupferkesseln und -pfannen bewegten sich hieratische Schattenrisse oder standen in Gruppen an der Theke aus schwarzem Marmor. Jemand holte sich etwas aus dem Kühlschrank. Ein heller Lichtpunkt durchbrach die schummrige Atmosphäre – die jedoch wiederhergestellt war, sobald die Kühlschranktür zufiel. Jemand anders sagte: »Boah, das war die letzte, du Sau!« Worauf der Angesprochene die Flasche mit einer angedeuteten Geste auf dem Kopf seines Gegenübers zerschmetterte. Es kam noch zu weiteren Quasikampfhandlungen, ehe der Besitzer der Flasche aus der Küche driftete.

Langsam durchwanderte er die gesamte Wohnung. Er sah aber niemanden, den er kannte. Allerdings war es gar nicht so leicht, im Halbdunkel Gesichter zu erkennen, zumal ihm einige Leute gesprächsbedingt den Rücken zuwandten. Und ihnen auf die Schulter zu tippen oder sie auffällig unauffällig von der Seite anzustarren widerstrebte ihm. Ohnehin fühlte er sich beobachtet. Er bereute, dass er sich in der Küche keinen Drink geholt hatte, denn der letzte lag schon eine Weile zurück. In seiner Situation machte Alkohol nicht nur vieles leichter, ohne Glas in der Hand kam man sich auch vor, als gehörte man nicht dazu.

Schließlich stand er vor dem Gaskamin, ein reines Dekostück, aber mit aufwendigem Kaminsims und Spiegel darüber. Bläuliche Flammen züngelten an knorrigen Fake-Scheiten empor und gaben eine trockene, leidenschaftslose Wärme ab. Kein Rauch, keine Asche, nur das leise Zischen einer stilvollen Feuerstelle. Er starrte auf dieses Feuer, bis seine Augen brannten und die konkurrierenden Stimmen im Hintergrund zu einem einzigen Soundbrei wurden. Als er den Blick wieder hob, hatten sich die Flammen auf seiner Retina eingebrannt und wirkten wie ein Schleier vor der Welt. Von seiner Umgebung nahm er nur vage Schemen und grobe Umrisse wahr, und auch das nur an den Rändern seines Gesichtsfelds. Er wartete darauf, dass die Phantome sich auflösten, doch bevor es so weit war, sagte eine vertraute Stimme: »Na, guck mal, wer da ist.«

Er blinzelte mehrmals, um besser sehen zu können, aber seine Frage war dennoch mehr geraten. »Ben?«

»Lauren und ich haben uns schon gefragt, wo ihr bleibt«, sagte Ben.

»Wir hatten etwas anderes vor«, hörte er sich sagen. »Am frühen Abend.«

»Wo ist Amy?«

»Zu Hause«, sagte. »Sie fühlt sich nicht gut.«

»Wie schade«, sagte Ben. »Hoffentlich keine Grippe?«

»Grippeähnlich«, sagte er. »Wo ist Lauren?«

Ben drehte sich um, als suche er nach ihr. Doch dann sagte er mit deutlich verringerter Lautstärke: »Achtung, Buddy, links von dir: heißer Feger auf zehn Uhr. Ich führe, okay?« Mit dem Bierglas in der Hand drehte er ihn ein paar Kreisgrade weiter. »Jetzt hast du sie auf zwölf Uhr, direkt über meiner Schulter. Siehst du sie? Weißt du, wer das ist?«

»Sie ist schön.«

»Nur schön, Buddy?«, sagte er. »Hast du gar keine Ahnung, wer die Frau ist?«

»Ich kenne praktisch niemanden hier«, sagte er.

Ehe er die Frau näher in Augenschein nehmen konnte, spürte er eine Hand an seinem Arm. Der Griff war dünn und hart, beinahe schneidend, und als er sich danach umdrehte, hatte er Amys alte Freundin vor sich. »Nanu«, sagte er. »Weißt du, dass wir auf euch gewartet haben?«

»Ben, du bleibst hier«, sagte sie streng. »Ich habe dir noch etwas Wichtiges mitzuteilen.« Dann drehte sie sich zu ihm. »Du kommst mit mir.«

Ihr Griff verstärkte sich, während sie ihn – gewissermaßen im Schnelldurchlauf – durch die verschiedenen Zimmer zerrte. »Was zum Henker ist denn los?«, fragte er. »Wir haben den ganzen Abend auf euch gewartet, und ihr feiert hier eine Party?«

»Ihr habt versprochen, dass ihr nicht ohne mich anfangt!«, sagte sie zu einer Gruppe, die offenbar nur auf sie gewartet hatte.

»Ohne dich bestimmt nicht«, sagte ein Mann. »Ich schweige wie ein Grab.« Jemand anders lachte.

Ihr Lächeln verschwand, sobald ihr Blick auf ihn fiel.

»Hey«, sagte er. »Hörst du mir zu?«

»Kannst du bitte warten«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

»Wohin gehen wir?«

Schließlich hatte sie ihn in der Diele. Sie trank aus und stellte ihr Glas auf dem Boden.

»Ich weiß ja nicht, ob Alkohol jetzt das Richtige ist«, sagte er.

»Es ist nur Cranberrysaft«, sagte sie. Dann öffnete sie die Tür, und sie traten hinaus in den Hausflur.

»Wer hat dich eigentlich zu dieser Party eingeladen?«, fragte sie.

»Wer mich eingeladen hat?«, fragte er. »Niemand hat mich eingeladen. Im Gegenteil, wir hatten für euch ein Essen geplant, und ihr habt uns versetzt.«

»Entschuldigung«, sagte sie. »Aber das stimmt nicht. Wir hatten nichts geplant.«

»Doch, hatten wir«, sagte er. »Deswegen haben wir ja groß gekocht, mit teurem Fleisch und allem Drum und Dran, extra für euch. Und dann stelle ich fest, dass ihr hier big Party macht.«

»Eben. Warum sollten wir eine große Party schmeißen, wenn wir schon bei euch eingeladen sind?«

»Vielleicht aus demselben Grund, aus dem wir nicht eingeladen wurden.«

Darauf hatte sie keine Antwort. Sie galt allgemein als hübsch, doch mit ihren Pausbacken und dem Schmollmund hatte sie ihm von Anfang an nicht gefallen. Zwar gab er sich alle Mühe, sie sympathisch zu finden, doch dieser Mund erinnerte zu sehr an eine verzogene kleine Göre, und ihre Stimme half auch nicht. Und auch nicht, was ihr so über die Lippen kam. Das Baby tat ihm jetzt schon leid.

»Darauf fällt dir nichts mehr ein, oder?«, sagte er.

»Ich hätte da mal eine Frage«, sagte sie. Ihr Mund zitterte etwas und wirkte dadurch noch unverfrorener. Man könnte auch sagen: hässlicher. »Warum tust du immer so scheißfreundlich? Warum ladet ihr uns zum Essen ein, wo doch jeder weiß, dass du uns nicht magst, uns eigentlich sogar verachtest – und zwar von Anfang an?«

Die Direktheit ihrer Frage frappierte ihn. Er war versucht, ihrem Befund zu widersprechen. Woher wollte sie wissen, wen er mochte und wen nicht?

Stattdessen sagte er: »Amy zuliebe.« Sie war still. »Du hast gefragt«, sagte er.

»Diese Party ist nur für geladene Gäste«, sagte sie. »Und ihr seid definitiv nicht eingeladen.«

»Das heißt, ich oder Amy werden nicht eingeladen, wohingegen mein Freund Ben sehr wohl eingeladen ist?«

»Wir haben Ben bei einer eurer Dinnerpartys kennengelernt.«

»Ich weiß, wo ihr ihn kennengelernt habt.«

»Seitdem sind wir mit den beiden befreundet.«

»Und wer war die Frau?«, fragte er.

»Welche Frau?«

»Die Frau, die in der Nähe stand, als ich mit Ben sprach.«

»Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt«, sagte sie.

»Okay, vergiss es«, sagte er. »Du willst mich nicht hierhaben, das geht in Ordnung. Ich bin auch nur hier, weil sich Amy Sorgen machte, als ihr nicht kamt. Was soll ich ihr denn sagen, wenn klar ist, dass ihr nur deswegen nicht gekommen seid, weil ihr eure eigene Party feiert – zu der wir definitiv nicht eingeladen sind?«

Sie starrte ihn an, hatte dabei die Arme vor der Brust gekreuzt, den Kopf zur Seite gelegt, als sei alles nur eine kokette Kabbelei unter Liebenden. Wenn nur dieses ausdruckslose Pokerface nicht gewesen wäre.

»Soll ich dir sagen, was ich von dir halte?«, fragte sie.

Dieses Pokerface bereitete ihm die größten Schwierigkeiten, denn es gab absolut nichts preis. Er wusste nicht einmal ansatzweise, worauf sie hinauswollte. Es war gerade so, als wäre sie plötzlich ein völlig anderer Mensch.

»Ich glaube, es war ein schwerer Fehler von Amy, dich zu heiraten«, sagte sie. »Ich wollte es ihr sagen, konnte aber nicht so deutlich werden, wie es nötig gewesen wäre. Amy und ich haben mittlerweile fast nichts mehr gemein, und, sorry, auch daran bist nur du schuld. Einfach weil man nichts mit dir zu tun haben will, nicht mal über dich reden will. Und die Vorstellung, dass sie für den Rest ihres Lebens mit dir allein ist, ehrlich, das tut einfach nur weh.«

Aber er hatte sich bereits abgewandt. Trotzdem blieb er noch einmal kurz stehen. »Ihr seid Unmenschen«, sagte er. »Alle beide.«

»Kommt nicht wieder her«, schickte sie ihm hinterher. »Ruft auch nicht an, weder heute Abend noch sonst irgendwann.«

»Ich freu mich schon jetzt darauf, was Amy sagen wird. Das gefällt ihr bestimmt.«

»Leider ist mir das mittlerweile völlig egal«, sagte sie noch.

Er nahm sich ein Taxi nach Hause. Auf dem Rücksitz spielte er das Gespräch wieder und wieder durch, und das so intensiv, dass er mit den Zähnen knirschte. Er war fassungslos über die Unverschämtheiten, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte. All das war empörend, beleidigend und – buchstäblich – das Letzte, weil nicht mehr ungeschehen zu machen. Er sah kaum, wo sie entlangfuhren, umso deutlicher sah er dieses kleine Mündchen vor sich und die ausdruckslose Miene, die der Eruption vorausging – was ihn noch mehr aufbrachte.

Allerdings, als er das Taxi bezahlte und ausstieg, hatte sich sein Zorn allein durch die übermäßige Beschäftigung damit weitgehend verflüchtigt. Er hätte sich gern dieses erstickende Gefühl erhalten, das nach dem befreienden Schlag förmlich schrie, und rief sich deshalb ihre Küche ins Gedächtnis, mit Bergen von Geschirr und dem teuren Fleisch, das nun langsam verdarb.

Schon an der Wohnungstür rief er nach ihr, ging dann weiter bis ins Schlafzimmer. Dort, wo sie ihr Buch gelesen hatte, war die Decke zurückgeschlagen. Das Buch lag noch an seinem Platz, aber sie selbst war nicht mehr da. Er sah kurz im Badezimmer nach und ging dann durch die gesamte Wohnung, wobei er überall die Deckenbeleuchtung einschaltete. Er stoppte kurz an dem begehbaren Kleiderschrank und zählte die Mäntel, lief weiter zur Küche, wo alles war wie gehabt, einschließlich ihrer Ringe auf der Küchentheke. Er war in seiner eigenen Zukunftsvision angelangt, ein Mann auf panischer Suche nach seiner Frau: von ihm schon oft und genau so vorausgesehen, doch ebenso oft als Unding abgetan. Sie hatte ihn verlassen. Ein schwindelerregendes Faktum. Er musste sich am Kühlschrank festhalten. Er wünschte sich nichts mehr, als dass sie zumindest noch da wäre, um von ihm die ganze Wahrheit über den Abend zu empfangen. Was für ein grausamer Spaß, welche Genugtuung! Aber sie war weg.

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, war sie plötzlich doch da. Wie, wusste er nicht. Sie saß aufrecht auf seiner Seite des Betts und wandte ihm den Rücken zu. Seine Erleichterung kannte keine Grenzen. Er ging weiter auf sie zu und sah im Licht der halbgeöffneten Jalousien, dass ihre Augen weit offen standen. Sie musste wissen, dass er da war, sah ihn aber nicht an, sondern blinzelte nur abwesend vor sich hin.

»Sie waren übrigens da«, sagte er, ließ die Botschaft sacken. »Ist das zu glauben? Sie waren die ganze Zeit zu Hause.«

Sie schloss die Augen. Er legte sich zurecht, wie er die Geschichte aufbereiten würde. Er würde ganz am Anfang anfangen, dem Moment, als er im Flur unerwartete Partygeräusche wahrnahm. Mit einer knappen, untheatralischen Geste wischte sie sich eine Träne weg und legte die Hand anschließend wieder auf ihr Bein. Dass sie weinte, damit hatte er nicht gerechnet.

Er dachte daran, welche Sorgen sie sich gemacht hatte, als die beiden nicht erschienen. Er dachte daran, welchen Ehrgeiz sie beim Kochen entwickelt, welche Mühe sie sich für die beiden gemacht hatte. Und das, obwohl abzusehen war, mit welcher Art »freudiger Botschaft« sie an diesem Abend konfrontiert würde.

Er setzte sich neben sie und legte den Arm um sie. »Sie waren am Schlafen«, sagte er. »Ich musste ewig klingeln, um jemanden an die Tür zu kriegen. Sie fiel aus allen Wolken, so leid tat ihr das Ganze. Sie hat sich ohne Ende dafür entschuldigt.«

Sie stand auf und ging in das Zimmer nebenan. Da er sie gerade noch im Arm gehalten hatte, erschien ihm das Bett doppelt leer. Er rief ihr etwas zu, sie antwortete nicht. Er rief ein zweites Mal, überlegte, ob er ihr nachlaufen sollte, doch das brachte erfahrungsgemäß nichts. Er hörte sie in dem begehbaren Kleiderschrank kramen. Als sie wieder ins Schlafzimmer kam, lag er auf dem Rücken. Sie schaltete die Deckenlampe ein. Da er an die Decke starrte, blendete ihn das Licht. Er drehte den Kopf weg. Da fiel sein Blick auf den Rollkoffer, den sie aufs Bett gelegt hatte – und die eckige Bewegung, mit der sie den Reißverschluss aufzog.

»Was machst du da?«, fragte er.

Er traute seinen Augen nicht. Zugegeben: Dass sie irgendwann ihre Koffer packen würde, kam nicht ganz überraschend. Es war gewissermaßen absehbar. Trotzdem wirkte das reale Kofferpacken reichlich überzogen. Eine Reaktion ebenso theatralisch wie sinnlos. Wo wollte sie denn hin?

»Sei nicht albern«, sagte er. »Bitte, lass das. Was hat das alles mit mir zu tun?«

Ihre Bewegungen verlangsamten sich. Sie legte noch ein paar Sachen in den Koffer und feuerte schließlich ein Paar Socken hinterher, doch dieser Schlusspunkt kam nur noch halbherzig. Offenbar sah sie die Absurdität ihrer Aktion ein, die ihr im ersten Moment geradezu alternativlos erschienen war. Stumm stand sie vor ihrem Koffer. Er stand auf und nahm sie in den Arm.

»Sie hat es nur vergessen«, sagte er. »Das ist alles. Du kennst sie doch.«

Sie fing an zu schluchzen. Sie weinte an seiner Schulter, und er hielt sie fest. Heiße Tränen nässten sein Hemd.

»Warum muss ich so leben?«, fragte sie.

Ihre Arme fielen von ihm ab, und sie verlor jede Körperspannung. Dann weinte sie weiter, aber so, als würde sie nicht mehr von seinen Armen gehalten. Als wäre er gar nicht mehr da, weder in diesem Zimmer noch sonst wo auf der Welt.