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Alexander Neubacher

ÖKOFIMMEL

Wie wir versuchen,
die Welt zu retten – und was
wir damit anrichten

Deutsche Verlags-Anstalt

1. Auflage
Copyright © 2012 Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
und SPIEGEL-Verlag, Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Grafiken: Peter Palm, Berlin
Typografie und Satz: DVA/Brigitte Müller
Gesetzt aus der Garamond
ISBN 978-3-641-07297-1

Für meine Frau,
meine Kinder und
meine Patenkinder:
Janine, Nikolas,
Anna, Ella und
Marlene, Sven,
Franziska, Lotte
und Lotta.

EINLEITUNG

Ich bin für Umweltschutz, die Natur liegt mir am Herzen. Ich mag die Tiere und die Pflanzen, den blauen Himmel und das Meer. Ich möchte, dass meine Kinder in einer intakten Umgebung aufwachsen, und ich gehe mit gutem Beispiel voran. Ich kann von mir behaupten, niemals auch nur ein Papiertaschentuch ins Gebüsch geworfen zu haben.

Zum Brötchenholen fahre ich mit dem Rad; auf Dienstreisen nehme ich den Zug. Sämtliche Toilettenspülungen bei uns zu Hause sind mit einer Wasserstopptaste ausgerüstet. Ich bevorzuge Milchprodukte, die ein Biosiegel tragen, auch wenn sie ein paar Cent teurer sind. Eier aus Käfighaltung kommen mir nicht ins Haus, und wenn ich Wurst oder Fleisch esse, plagt mich neuerdings ein schlechtes Gewissen.

Ich trenne meinen Müll. Auf unserer Einfahrt stehen, symmetrisch geordnet, vier Tonnen: rechts blau für Papier und gelb für Plastik, links braun für Gartenabfälle und grau für den Rest. Das sieht nicht schön aus. Es riecht auch etwas streng, zumal an Sommertagen, wenn ich gern draußen säße. Doch mir ist klar, dass ich Opfer bringen muss.

Seit kurzem haben wir eine fünfte Tonne, die »Wertstofftonne«, wie ich dem Brief der Berliner Stadtreinigungsgesellschaft entnahm. Als ich eines Abends von der Arbeit kam, stand sie da, grell orange, 240 Liter Fassungsvermögen. Dem Begleitschreiben zufolge ist sie für Elektrokleingeräte, Metalle, Datenträger und »Alttextilien in Tüten« gedacht, aber auch für Spielzeug, was immer die Leute von der Stadtreinigung damit anfangen mögen.

In unserer Einfahrt ist es nun noch enger geworden, aber daran werde ich mich bestimmt gewöhnen. Immerhin kann man die Tonne nicht übersehen, nicht einmal nachts, sie leuchtet im Dunkeln. Ich denke darüber nach, eine sechste Tonne für das Altglas anzuschaffen, das wir bislang provisorisch in einem Karton an der Kellertreppe untergebracht haben. Mit sechs Tonnen wäre auch die Symmetrie wieder hergestellt.

Ich sorge mich wegen des Treibhauseffekts. Dass sich die Erde aufheizt, deckt sich zwar noch nicht mit meiner Alltagserfahrung – ich habe eher das Gefühl, dass es kälter wird –, aber das kommt bestimmt noch; ich vertraue der Forschung. Wenn die Wissenschaftler sagen, die Menschheit müsse ihr Verhalten ändern, dann widerspreche ich nicht. Die Welt soll gerettet werden? Ich bin dabei, ich tue mein Bestes. An mir soll es nicht scheitern.

Früher hat Deutschland seinen Nachbarn den Krieg erklärt, heute, wie sie aus der Atomkraft herauskommen. Den Titel des Exportweltmeisters haben wir verloren, im Fußball nur noch dritter Platz, aber beim gelben Sack sind wir einsame Spitze, da macht uns so schnell niemand etwas vor. Und es gibt noch viel zu tun. Andere Länder haben Ebola, Lepra und Malaria, aber hier kriecht der gefährliche Feinstaub aus dem Laserdrucker, wie das staatliche Bundesinstitut für Risikobewertung festgestellt hat.

Als im Herbst 2010 Tausende Menschen in Stuttgart gegen den Bau des neuen Bahnhofs demonstrierten, bekamen sie die volle Härte des Staates zu spüren. Die Polizei rückte mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken an, um die Protestler zu vertreiben. Ein älterer Herr verlor dabei sein Augenlicht. Die Polizei sagt, er sei selbst schuld, warum habe er sich auch dem Wasserstrahl ausgesetzt. Doch dann kam heraus, dass auch einige Juchtenkäfer auf dem umkämpften Parkgelände leben. Das hatte einen sofortigen vorläufigen Baustopp zur Folge. Gegen seltene Kleinlebewesen kann die Staatsmacht nichts ausrichten.

Meine Generation ist mit der Band »Gänsehaut« und ihrem Hit »Karl der Käfer« aufgewachsen; wir fühlten uns als Schmerzenskinder der Industrie, Protestsongs waren der Soundtrack unserer Jugend. Der saure Regen und das Waldsterben haben unseren Blick für die Zerstörungskraft der Zivilisation von klein auf geschärft, auch wenn der deutsche Wald wider Erwarten überlebt hat. Noch heute brechen wir uns im Winter auf spiegelglatten Gehwegen lieber die Knochen, als auch nur ein Körnchen Salz zu verstreuen; die Wurzeln der Bäume könnten ja Schaden nehmen.

Nun geht es darum, unseren ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Donnerstags ist Veggieday, Omas Kurbelwaschmaschine kommt wieder in Mode. Ratgeberseiten im Internet halten Ökotipps für alle Lebenslagen bereit, von der Mondphasen-Kosmetik bis zum Vibrator ohne chemischen Weichmacher. Sogar die Bestattungsindustrie hat sich dem grünen Zeitgeist angepasst. Es gibt Urnen aus Maisstärke und Särge aus Pappe. Das Modell »Flamea« einer Firma aus Regensburg spart beim Verbrennen bis zu 75 Prozent Kohlendioxid ein; so treten wir ökologisch korrekt die letzte Reise an, eine finale gute Tat, bevor dann eh alles zu Kompost wird.

Meine SPIEGEL-Kollegen in Hamburg sind letztes Jahr in einen modernen Bürokomplex eingezogen, der die strengsten Umweltrichtlinien einhält, ein echtes Vorzeigeobjekt. Das Gebäude hat eine Lüftungsanlage, die nicht lüftet, eine Heizung, die kaum heizt, und Urinale, die sich nicht spülen lassen. Sämtliche Lampen sind mit Bewegungssensoren ausgerüstet. Damit nur ja kein Strom verschwendet wird, geht alle paar Minuten vollautomatisch das Licht aus. Man muss ab und zu mit den Armen rudern, sonst sitzt man im Dunkeln.

Politiker sind gut beraten, sich in das Umweltthema einzuarbeiten. Es befördert die Karriere. Die früheren Umweltminister Angela Merkel, Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel sind alle was geworden; das lässt sich von früheren Wirtschaftsministern nicht behaupten, oder erinnert sich etwa noch jemand an Martin Bangemann, Werner Müller und Michael Glos?

Im Koalitionsvertrag der bürgerlich-konservativen Bundesregierung kommt das Kapitel »Nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz« lange vor dem Thema Bildung an die Reihe, Stichwort Schöpfungsbewahrung. Auch im linken Milieu hat der Ökologismus den Sozialismus als Heilslehre praktisch abgelöst. Die Grünen, einst als Spinner belächelt, entwickeln sich zur Volkspartei. Ihr Erfolg ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, welche inneren Widersprüche sie aushalten. Sie kämpfen für Wind-, Wasser- und Sonnenkraft, stellen sich vor Ort aber jeder neuen Stromtrasse und jedem Pumpspeicherkraftwerk in den Weg. Sie wollen Erdöl durch Pflanzenbenzin ersetzen, beklagen sich aber über die Mais-Monokulturen auf unseren Äckern. Sie sind für die Bahn, aber gegen den Stuttgarter Bahnhof. Andere Politiker werden ständig daran gemessen, wie sich ihre Forderungen mit der Wirklichkeit vertragen. Bei den Grünen ist es egal, ob Wort und Tat zueinander passen; das muss man ihnen erst mal nachmachen.

Wenn etwas der Umwelt dient, entfällt jede Begründungsnotwendigkeit; wo ein Ökolabel draufklebt, erübrigt sich jeder Streit. Die politischen Parteien sind sich in Umweltdingen einig. Kein Politiker will sich dem Verdacht aussetzen, er entziehe nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage, sonst wäre er politisch am Ende. Wir trennen unseren Abfall, sparen beim Wasser und schmirgeln uns mit recyceltem Klopapier den Hintern wund. Unsere Häuser sind mit Solardächern gedeckt und mit Dämmplatten beklebt. Wir kaufen im Bioladen ein und wir tanken E10. Das alles verschafft uns ein gutes Gefühl.

Die Frage ist nur: Was hat eigentlich die Umwelt davon?

Bei den Recherchen für dieses Buch habe ich merkwürdige Dinge erlebt. Ich wurde Zeuge, wie der Inhalt unserer penibel sortierten Wertstofftonne dazu diente, ein prasselndes Feuer im Verbrennungsofen eines Zementwerks zu entfachen. Ein Bauer hat mir inmitten seiner gigantischen Maisfelder erklärt, weshalb es für ihn lukrativer ist, wenn die Früchte seiner Arbeit nicht gegessen, sondern vergoren und zu Gas verarbeitet werden. Ein Händler an der Leipziger Energiebörse hat mir gezeigt, warum durch meinen Wechsel zu einem Ökostromanbieter in Wahrheit nicht ein einziges Gramm CO2 eingespart wird. Ich habe Familien getroffen, deren vorbildlich gedämmtes Energiesparhaus nach kurzer Zeit dem Schimmelpilz zum Opfer fiel, und ich war dabei, als die Leute von den Wasserwerken mal wieder Zigtausende Liter Trinkwasser in die stinkenden Gullys pumpen mussten, weil wir Bürger mit unserem Ökofimmel zu wenig Wasser verbrauchen.

Das erste Kapitel dieses Buchs, »Grünes Leben«, liefert einige besonders eklatante Beispiele dafür, wie wir in bester Absicht versuchen, die Umwelt zu schützen, und dabei großen Schaden anrichten. Unsere angeblichen Energiesparlampen sind ein Fall für die Giftmülldeponie. Viele Biolebensmittel haben eine verheerende Ökobilanz. Der sogenannte Biosprit in unserem Tank stellt sich bei näherer Betrachtung als Natur- und Klimakiller heraus. Das Gegenteil von gut ist bekanntlich gut gemeint; wie sich zeigt, gilt dieser Satz für den Umweltschutz in ganz besonderem Maße.

Warum das so ist, steht im Kapitel »Die Ökofalle«, dem zweiten Teil des Buchs. Seit mehr als zehn Jahren berichte ich für den SPIEGEL über die Bundesregierung und den Bundestag. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass für die Umweltpolitik besondere Regeln gelten. Es herrscht eine moralisierende Betroffenheit, die schnell in Alarmismus umschlägt. Die Sorge vor dem Kollaps ist allgegenwärtig. In keinem anderen Politikbereich sieht man in skeptischere Gesichter, was den Zustand der natürlichen Lebensgrundlagen, die Demokratie, die Marktwirtschaft und die Zukunft der Menschheit betrifft. Untergangspropheten, Umweltesoteriker und professionelle Apokalyptiker sind hier als Rat- und Stichwortgeber gefragt.

Im Gesetzgebungsverfahren rückt die Umweltpolitik den Problemen dann am liebsten mit planwirtschaftlichen Instrumenten und Verboten auf den Leib. Angst paart sich mit bürokratischer Gründlichkeit. Das Dosenpfand und die Feinstaubplakette sind dafür gute Beispiele. Ob eine Umweltschutzmaßnahme den gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende gar nicht so wichtig.

Das dritte Kapitel handelt vom Klimaschutz, dem wichtigsten Umweltthema unserer Zeit. Ich halte den Klimawandel für eine ernstzunehmende Bedrohung. Wenn die Prognosen der Wissenschaftler halbwegs richtig sind, werden die negativen Folgen bereits im Jahr 2100 deutlich zu spüren sein, also zu einer Zeit, die meine Kinder durchaus noch erleben könnten. Umso mehr kommt es darauf an, den Klimawandel effektiv zu bekämpfen. Doch so, wie wir die Sache angehen, handelt es sich vor allem um Symbolpolitik, die unterm Strich mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Wir verschwenden Geld, Zeit und Kraft für Solarstromanlagen, die kaum Strom erzeugen, und für Energiesparmaßnahmen, die nichts einsparen. Kurzum: Wir tun nicht zu wenig, um die Welt zu retten, sondern in übertriebenem Eifer vom Falschen zu viel.

GRÜNES LEBEN

Der Mülltonnenparcours vor unserer Haustür. Im trüben Licht der Quecksilberlampe. Die Legende vom Biosprit und das Märchen vom Elektroauto. Umweltkiller Dosenpfand. Das Feinstaubgespenst. Wohnen in der Thermoskanne. Die Sommerzeit und andere historische Ökoirrtümer. Wenn die Stadt nach Gully riecht. Das Bioapfelmysterium. Plastik statt Jute. Böse Ökos.

Alle zwei Jahre schickt das Umweltbundesamt seine Leute hinaus ins Land, um herauszufinden, wie die Deutschen über den Umweltschutz denken. Mehr als 2000 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger werden danach befragt, ob sie ihren Müll trennen, beim Strom sparen oder sich vor dem Klimawandel fürchten. 46 Themen sind Punkt für Punkt durchzusprechen, von der Atomkraft bis zum Car-Sharing. Es handelt sich um ein aufwendiges und zeitraubendes Verfahren, eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Die jüngsten Umfrageergebnisse stammen aus dem Frühjahr 2010, und wer die Daten studiert, blickt in die Seele eines verängstigten Volkes. Etwa 75 Prozent der Deutschen befürchten, dass sich die Umweltsituation ohne zusätzliche politische Maßnahmen dramatisch verschlechtern wird. Ebenfalls 75 Prozent sagen, sie seien »beunruhigt, wenn ich daran denke, unter welchen Umweltverhältnissen unsere Kinder und Enkelkinder wahrscheinlich leben müssen«. Mehr als 50 Prozent sind davon überzeugt, dass auf der Welt demnächst Kriege um Öl, Metall und seltene Rohstoffe geführt werden, von den bevorstehenden Konflikten um Süßwasser ganz zu schweigen.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass sich die Deutschen große Mühe geben, die Katastrophe doch noch abzuwenden, soweit es in ihrer Macht steht. 83 Prozent schalten nicht benötigte Elektrogeräte und Lampen aus. 75 Prozent versuchen, beim Autofahren möglichst wenig Sprit zu verbrauchen. Eine Mehrheit bevorzugt Reiniger, Farben und Insektenvernichtungsmittel, die der Umwelt einen möglichst geringen Schaden zufügen. Viele gehen auch in den Bioladen, kaufen regionale Lebensmittel und fragen gezielt nach Produkten aus fairem Handel.

Und, natürlich: Mülltrennung. Die Königsdisziplin. »In der Mülltrennung sind wir Deutschen weltweit Spitzenreiter«, meldet das Umweltbundesamt. 90 Prozent der Bürger geben an, dass sie ihre Abfälle penibel auf die vorgesehenen Systeme verteilen. Weitere neun Prozent sagen, sie dächten darüber nach, demnächst damit anzufangen. Das macht zusammen 99 Prozent Zustimmung, eine beeindruckende Zahl. Und das letzte Prozent werden wir auch noch schaffen, da bin ich mir ganz sicher.

Müll

Die Berliner Durchschnittsfamilie besitzt fünf verschiedene Abfalltonnen; das gilt auch für mich und meine Lieben. Wir haben eine blaue Tonne für Pappe und Papier, eine gelbe für Verpackungen, eine braune für Pflanzenreste, eine orangefarbene für sogenannte Wertstoffe und eine graue für all die Dinge, die dann noch übrig sind. Ach ja: Im Keller haben wir noch einen Sammelkarton für Altglas, das wiederum nach Weiß-, Braun- und Grünglas zu unterscheiden ist. Und einen Karton für Altbatterien. Einen Beutel für Altkleider. Einen Sack für Einwegpfandflaschen. Und, nicht zu vergessen, einen mit Holzwolle ausgepolsterten Karton für defekte Energiesparbirnen. Weil diese Quecksilber enthalten, müssen sie besonders vorsichtig gelagert werden.

Wir geben uns Mühe, alles richtig zu machen, auch in komplizierten Fällen, Beispiel: Holz. Laut Tabelle der Stadtreinigung ist zwischen »Altholz, unbehandelt« (orangene Tonne), »behandelten Hölzern« (graue Tonne) und »Stammholz, Äste« (braune Tonne) zu unterscheiden. Für einfache Leute wie uns, also ohne forstwissenschaftlichen Hintergrund, ist das keine leichte Aufgabe. Auch der Biomüll wirft Fragen auf. Damit er im Winter nicht festfriert, wird von der Stadtreinigung empfohlen, ihn in Zeitungspapier einzuwickeln und dann in die braune Tonne zu werfen. Aber gehört das Papier nicht eigentlich in die blaue Tonne? Und was ist mit in Folie eingeschweißten Reklameheftchen? Mit Nudelpackungen mit Sichtfenstern? Mit Camembert-Schachteln aus Holz?

Am kompliziertesten ist die gelbe Tonne. Meine Frau wirft prinzipiell alles hinein, was nach Plastik aussieht. Ich hingegen bin der Meinung, dass die gelbe Tonne nur für Verpackungen da ist, die einen grünen Punkt haben. Mein Sohn sagt, ich hätte einerseits recht, andererseits aber auch wieder nicht, weil nämlich nicht alles, was einen grünen Punkt hat, in die gelbe Tonne gehöre. Verpackungen aus Pappe zum Beispiel müssten in die blaue Tonne, und nicht in die gelbe, obwohl sie einen grünen Punkt haben. Das wiederum finde ich ungerecht. Schließlich habe ich die Müllgebühr für Produkte mit grünem Punkt schon beim Einkauf mitbezahlt, weshalb unsere gelbe Tonne umsonst abgeholt wird, die blaue Tonne hingegen extra kostet, auch wenn sie Verpackungen mit grünem Punkt enthält. Oder, äh, so ähnlich.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in Deutschland etwa ein Fünftel des Abfalls in der falschen Tonne landet, was bei einer so komplexen Materie eine respektable Leistung ist. Man weiß, dass Rentner noch genauer sortieren als Studenten und dass Einheimische etwas penibler sind als Migranten. Die besten Mülltrenner Deutschlands leben angeblich in Delmenhorst. Die Berliner dagegen stehen beim Städtevergleich am unteren Ende der Rangliste. Ein Professor für Abfallwirtschaft behauptete in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung«, er könne die Lebensumstände eines Menschen präzise an dessen Mülltonneninhalt ablesen: »Wohlhabendere kaufen viel mehr frische Sachen ein und produzieren daher weniger Verpackungsabfall«, sagt er. »Gibt es mehr davon, kann man auf ärmere Leute schließen, auf Studenten, Alleinlebende oder solche, in deren Küche Chaos herrscht.«

Die deutsche Verpackungsverordnung wird respektiert, das Kreislaufwirtschaftsgesetz hoch geachtet. Es gibt Menschen, die sagen, es verschaffe ihnen innere Befriedigung, wenn sie ihren Müll mit der gebotenen Sorgfalt auf die verschiedenen Tonnen verteilen und dadurch wenigstens eine Sache in ihrem Leben in Ordnung bringen. Nichts wird verschwendet, Yin und Yang, die Welt im Gleichgewicht. Aus theologischer Sicht verbindet Mülltrennung das christliche Motiv der Schöpfungsbewahrung mit dem hinduistischen Reinkarnationsgedanken. Der Glaube an die Wiedergeburt des Joghurtbechers ist groß. Der Kreis darf nicht durchbrochen werden. Joghurtbecher sind »restentleert«, »tropffrei« und »löffelrein« zurückzugeben, so steht es in den Statuten des Dualen Systems. Nicht wenige stellen den Becher sogar in die Geschirrspülmaschine, bevor sie ihn in den gelben Sack stopfen, in der Hoffnung, es erleichtere ihm die Wiedergeburt.

Wird der Joghurtbecher von der Müllabfuhr abgeholt, geht die Sortiererei gleich weiter. Jede Entsorgungsfirma verfügt mittlerweile über spektroskopische Spezialmaschinen, die den Abfall mittels Nah-Infrarot durchleuchten und dabei bis zu sechs verschiedene Plastiksorten erkennen können. Ein computergesteuerter Luftstrom pustet Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol feinsäuberlich auseinander.

Doch dann passiert etwas Merkwürdiges. Unser Joghurtbecher, den wir so liebevoll gespült und sortiert haben, wird gar nicht recycelt. Er wird wieder mit dem ganzen anderen Müll zusammengekippt. In einem Ofen.

Und dort wird er dann verbrannt.

Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System »wertstofflich verwerten«, also etwa recyceln, so steht es im Gesetz. Mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient. Die Manager des Dualen Systems sind da nicht zimperlich; es handelt sich um geschäftstüchtige Leute. So findet der Kreislauf der Wiederverwertung ein jähes Ende. Der Plasteabfall landet in der Verbrennungsanlage; man spricht von »thermischer Verwertung«.

Dazu muss man wissen, dass Müll seit einigen Jahren nicht mehr auf eine Deponie gekippt werden darf. Die meisten Kommunen haben sich deswegen eine Verbrennungsanlage zugelegt. Was nicht recycelt werden kann, soll hier »thermisch verwertet« werden. Die Reste unseres Berliner Mülls etwa enden in der Müllverbrennungsanlage Ruhleben; man sieht sie, wenn man mit dem Zug Richtung Hamburg fährt und etwa in der Höhe des Olympiastadions aus dem Fenster schaut.

Leider haben sich die staatlichen Abfallplaner verschätzt. Während die Zahl der Verbrennungsanlagen wächst, geht die Restmüllmenge zurück. Die Ofenbetreiber wissen schon länger nicht mehr, womit sie ihre Öfen eigentlich befeuern sollen. Mehr schlecht als recht halten sie ihre Anlagen noch mit Müllimporten aus Serbien, Albanien und Italien in Betrieb. Allein aus Neapel kamen einmal mehr als 100.000 Tonnen Unrat per Sonderzug über die Alpen. Doch das reicht nicht aus. Branchenkenner schätzen, dass in den Feuerkesseln noch Platz für weitere Millionen Tonnen wäre. Umso begehrter sind deshalb die gelben Säcke. Weil der Plastikabfall zu großen Teilen aus Erdöl besteht, ist er gut geeignet, um ein prasselndes Feuer zu entfachen, und so sind die Betreiber der Verbrennungsanlagen ganz scharf darauf, unsere Joghurtbecher aufzukaufen.

Warum wir trotzdem weiter unseren Müll trennen müssen? Tja. Der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen plädiert seit Jahren dafür, das ganze System gründlich zu überdenken. Der Abfallwissenschaftler Klaus Wiemer, Präsident des Hessischen Forschungsverbundes Abfall, Umwelt und Ressourcenschutz, sagt, dass es besser wäre, wir würden uns die Sortiererei sparen. Aufwand und Ertrag stünden beim Mülltrennen in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander, zumal auch die Umwelt darunter leide. Wiemers Rechnung sieht so aus: Von insgesamt 13 Millionen Tonnen Plastikmüll im Jahr landen nur 2,6 Millionen Tonnen im gelben Sack. Und davon wiederum werden weniger als eine Million Tonnen zu neuen Kunststoffen verarbeitet, eine lächerlich geringe Quote.

Wiemer schlägt vor, dass es künftig nur noch zwei Mülltonnen geben solle: die erste für feuchten Abfall wie Essensreste und Windeln, die zweite für den Rest. Die Stadtreinigung in Kassel hat das Konzept bereits ausprobiert. Der Müll aus der feuchten Tonne wird zunächst genutzt, um Biogas zu erzeugen, und anschließend verbrannt. Der Trockenmüll wird automatisch sortiert und so weit wie möglich recycelt. Es handelt sich um ein Konzept, das viele Vorteile hätte. Der Bürger hätte weniger Arbeit. Der Umwelt wäre geholfen. Alles würde einfacher.

Doch daraus wird wohl nichts. Zwischen den privaten Entsorgungsunternehmen und den Abfallfirmen der Kommunen ist stattdessen ein erbitterter Streit darüber entbrannt, wer für welchen Abfall zuständig ist. Jeder kämpft gegen jeden. Die Juristen haben viel zu tun. In Berlin klagte die Müllfirma Alba ihr Recht ein, die »Gelbe Tonne Plus« aufzustellen. Die Berliner Stadtreinigung hält mit der »Orange Box« gegen.

Erst kürzlich war bei meinen Töchtern in der Kita wieder eine Dame von der Müllabfuhr zu Besuch. Mit der Umwelterziehung kann man nicht früh genug anfangen. Es wurde eine Art Memory gespielt. Wer wollte, durfte Rico, das Müllmaskottchen, anfassen. Und dann haben meine Kinder noch ein Gedicht auswendig gelernt: »In die graue Tonne fein, wirf kaputte Sachen rein.«

Wasser

Wir waren im Sanitärfachgeschäft; es ging um unser neues Bad. Wir brauchten ein Waschbecken, eine Badewanne, eine Duschtasse, ein WC. Weiße Keramik, Standardgrößen, kein Schnickschnack, nichts Luxuriöses. Wir dachten, wir würden schnell fertig werden. Von wegen. Wir hatten bei unserer Planung etwas Wichtiges vergessen: den Duschkopf.

Die Duschkopftechnik hat in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung vollzogen: weg vom Wasser, hin zur Luft. Die Zeiten, in denen es reichte, einfach nur Wasser zu verteilen, sind vorbei. Heute wird im Inneren des Brausekopfs durch ein kompliziertes Verfahren ein Aerosol erzeugt. Einige Modelle umhüllen jeden Wassertropfen einzeln mit einer winzigen Luftblase, Experten sprechen vom Wirbelkammerverfahren. Andere Geräte arbeiten mit Düsenstrahl. Sie erzeugen ein Vakuum, das den Wassertropfen im Millisekundentakt abhackt, was sich beim Duschen durch ein leichtes Pulsieren auf der Haut bemerkbar macht.

Die Frage, was besser ist, Wirbelkammer oder Düsenstrahl, ist offenbar nicht abschließend geklärt. Letztlich kommen beide Varianten inzwischen mit einem Minimum an Flüssigkeit aus. Der Feuchtigkeitsanteil in dem erzeugten Luft-Wasser-Gemisch ist so gering und der Luftanteil so hoch, dass man das Gefühl hat, das Föhnen werde unter der Dusche gleich miterledigt. Und die technischen Möglichkeiten sind noch nicht ausgereizt. Die Europäische Kommission in Brüssel rechnet damit, dass in der Brausekopftechnologie weiteres Einsparpotential schlummert. Perspektivisch sollen nur die jeweils sparsamsten Modelle auf dem EU-Binnenmarkt Bestand haben, so regelt es die EU-Ökodesignrichtlinie.

Das Ziel der Politik ist, die Bürger zu noch mehr Sparsamkeit zu erziehen. Schon unseren Kleinsten bringt die Regierung bei, wie wichtig es sei, verantwortungsvoll mit dem kostbaren Leitungswasser umzugehen. »Überlege, wie Du Wasser sparen kannst!«, heißt es auf der Kinderseite des Bundesumweltministeriums im Internet. »Duschen ist ökologisch besser als baden. Dreh den Hahn zu, wenn Du Dich einseifst. Lass nie Wasser laufen, wenn Du es nicht brauchst. Vielleicht kannst Du ja auch etwas kürzer duschen.«

Und die Deutschen machen mit. Die Toiletten sind mit Stopptasten ausgestattet, die Wasserhähne mit Durchlaufbegrenzern. Urinale kommen inzwischen ganz ohne Wasser aus, ein Wunder der Nanotechnologie. Das Kompostklo ist wieder auf dem Vormarsch. Ein Fallrohr ersetzt die Spülung; man hört noch ein entferntes Plumpsen, fertig.

Manche Menschen sammeln wieder Regenwasser in unterirdischen Zisternen, so wie im Mittelalter. Länder und Kommunen fördern den Bau dieser Anlagen durch Zuschüsse oder Gebührennachlässe. 1,5 Millionen Speicheranlagen gibt es bereits. Sogar die Waschmaschine darf mit Brauchwasser betrieben werden, einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von Anfang 2011 sei Dank. Die »Restverkeimung getrockneter, mit Regenwasser gewaschener Wäsche« stelle kein wesentliches Gesundheitsrisiko dar, so die Richter.

Auf diese Weise ist es den Deutschen gelungen, ihren Wasserverbrauch in den letzten Jahren spürbar zu verringern. 122 Liter pro Tag verbrauchte der Durchschnittsbürger im Jahr 2007, das sind gut zwei volle Eimer weniger als im Jahr 1990. In Berlin ist der Verbrauch seit der Wiedervereinigung sogar um die Hälfte zurückgegangen. Die Menschen in anderen Ländern können sich an uns ein Beispiel nehmen. In der EU liegt der Durchschnittsverbrauch bei etwa 200 Litern am Tag, also deutlich über dem deutschen Niveau. Spanier und Italiener verbrauchen etwa 250 Liter am Tag, Amerikaner sogar fast 400 Liter.

Wenn ich mir unsere letzte Wasserrechnung ansehe, dann darf ich sagen: Ja, da liegen wir nicht schlecht. Im letzten Jahr haben wir 169 Kubikmeter verbraucht, also 463 Liter am Tag, kein übler Wert für einen Haushalt mit sechs Leuten, zumal mit Garten. Unsere Sparbemühungen haben sich bemerkbar gemacht, die Mühe hat sich gelohnt. Sogar den Zahnputzbecher hatte ich auf Anraten des Umweltministeriums wieder eingeführt.

So könnte alles in bester Ordnung sein, wenn es nur ein Problem nicht gäbe: Es stinkt. Fäulnisgeruch durchweht unsere Straße. Besonders schlimm ist es im Sommer. Halb Berlin liegt dann unter einer Gaswolke. Ein von den Wasserbetrieben gegründetes »Kompetenzzentrum« veröffentlichte jüngst eine Liste der besonders betroffenen Ecken. Auf Platz 1 steht ausgerechnet der vornehme Gendarmenmarkt. Auch der Pariser Platz am Brandenburger Tor riecht wie ein Windeleimer. Und es handelt sich nicht nur um ein Berliner Problem. In Hamburg, Rostock und im Ruhrgebiet sind ebenfalls ganze Stadtteile betroffen.

Weil wegen unseres geringen Verbrauchs zu wenig Wasser durch die Rohre rauscht, verstopft neuerdings die Kanalisation. Fäkalien, Urin und Speisereste fließen nicht mehr ab. Träge schwappt der braune Schlick durch die viel zu breiten Rohre und entfaltet sein volles Aroma. Die Wasserwerke versuchen, dem Gestank durch Geruchsfilter und Duftgel (Lavendel, Zitrus, Fichtennadel) beizukommen. Doch in der Kanalisation lagern sich auch giftige Schwermetalle wie Kupfer, Nickel und Blei ab. Schwefelsäure greift die Leitungen an, lässt Stahl rosten und Beton bröseln. Dagegen hilft dann auch kein Deo.

Die Wasserwerke müssen ihre Rohre und Kanäle jetzt immer kräftig durchspülen. Was wir oben mit der WC-Stopptaste eingespart haben, pumpen sie unten mit dem Schlauch direkt in die Kanalisation. In das Berliner Leitungsnetz werden an manchen Tagen eine halbe Million Kubikmeter Leitungswasser zusätzlich abgelassen, um, wie es heißt, die »notwendige Fließgeschwindigkeit« zu gewährleisten. Im Ruhrgebiet dreht das Versorgungsunternehmen Gelsenwasser morgens schon mal die Hydranten auf und lässt Zigtausende Liter über die Straße in den Gully laufen. Anwohner sind oft wenig amüsiert. In der Einsatzzentrale der Wasserbetriebe gehen Beschwerden ein. Aber darauf kann das Unternehmen keine Rücksicht nehmen. Spülen muss sein, beteuert ein Sprecher.

Nun ist Deutschland ein wasserreiches Land. Es verfügt über zahlreiche Flüsse und Seen. Man muss nicht tief bohren, um auf Grundwasser zu stoßen. Die Regenmenge, die vom Himmel auf Deutschland herabfällt, ist fünfmal größer als der gesamte Wasserbedarf von Mensch und Industrie. Weniger als drei Prozent der Reserven reichten aus, um alle Haushalte zu versorgen.

In Berlin ist der Grundwasserpegel wegen der schwachen Wassernachfrage in den letzten 20 Jahren bereits um ein bis drei Meter angestiegen. Ähnlich sieht es in Nordrhein-Westfalen aus, wo viele Städte ihre Trinkwasserförderung stark verringern mussten. Die Bezirksregierung Düsseldorf hat eine Studie in Auftrag gegeben. Man will herauszufinden, ob sich aus der neuen Lage womöglich Hochwassergefahren ergeben. Hausbesitzer zwischen Duisburg und Düsseldorf haben die Sorge, ihre Keller könnten demnächst voll Wasser laufen.

Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unser Wasser alleine verbrauchen, anstatt den Menschen in trockeneren Ländern etwas davon abzugeben. Die Chancen, einen Hirsebauern in der Sahelzone an unser Wassernetz anschließen zu können, sind gleich Null. Wir kämen nicht einmal bis nach Spanien. Auf halber Strecke wäre das Wasser giftig und müsste gereinigt und wiederaufbereitet werden. Die naheliegende Lösung unserer Rohrleitungsprobleme wäre deshalb, wieder mehr Wasser zu verbrauchen. Schluss mit Sparspültaste und Komposttoilette. Wir könnten uns guten Gewissens einen Rasensprenger leisten. Unsere Kleidung würde beim Waschen wieder richtig sauber. Aus dem Brausekopf käme Wasser statt Luft.

Doch so ticken die Deutschen nicht. Wer so lange darauf gedrillt wurde, beim Duschen mit einem Minimum an Flüssigkeit auszukommen, wirft nicht seine Gewohnheiten über Bord, nur weil es klug und vernünftig wäre. Die Maßhalteappelle haben tiefe Spuren in unserer Psyche hinterlassen. Wassersparen ist für uns zu einer Überlebensfrage geworden.

Auch die Umweltpolitik hängt an ihren Ritualen. Es stimme zwar, dass wir in Deutschland noch keinen Wassermangel haben, bestätigt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Trotzdem. Womöglich werde der Klimawandel schon bald dazu führen, dass auch hierzulande das Wasser knapp wird. Es sei gut, sich beizeiten darauf einzustellen.

Die Umweltschutzverbände glauben, dass nicht der zu geringe Wasserverbrauch das Problem ist, sondern die Größe der Rohre. Wären die Leitungen schmaler, würde sich die Fließgeschwindigkeit automatisch erhöhen. Die Fäkalien würden locker weggespült. Die Lösung des Problems wäre demnach ein Totalumbau im Untergrund der Städte.

Für den Laien klingt das zunächst nach einem plausiblen Vorschlag. Er käme die Städte allerdings recht teuer. Das deutsche Abwasserleitungsnetz ist etwa 500.000 Kilometer lang, das ist weiter als die Entfernung von der Erde bis zum Mond. Die Berliner Wasserwerke haben ausgerechnet, dass es etwa 400 Millionen Euro jährlich kosten würde, wenn man pro Jahr nur zwei Prozent des Kanalsystems erneuern würde. Nach etwa 50 Jahren wären demnach die Arbeiten abgeschlossen. Ich fürchte, so lange wollen die Berliner nicht warten, bis der Gestank verduftet.

Zudem haben Fachleute Bedenken, die Rohre im Durchmesser kleiner zu machen. Das hängt mit der Belastung in Spitzenzeiten zusammen. In der Halbzeitpause beim Fußball-Länderspiel muss das Leitungssystem in der Lage sein, in kurzer Zeit große Abwassermengen aufzunehmen, andernfalls laufen die Toiletten über, und das war es dann mit der zweiten Spielhälfte. Die Feuerwehr beharrt darauf, dass bei einem Großeinsatz das Löschwasser zügig abfließen können müsse. Auch bei Wolkenbrüchen braucht es ein leistungsfähiges Kanalsystem; so gesehen ist der Klimawandel eher ein Argument für größere Rohre als für kleine.

Verdrießlich ist, dass die Bürger für immer weniger Wasser immer mehr Geld bezahlen müssen. Unsere Sparsamkeit zahlt sich auch finanziell nicht aus. Die Wasserrechnung wird jedes Jahr höher. Ein Grund sind die hohen Fixkosten der Wasserwerke. Mehr als 80 Prozent ihrer Ausgaben entfallen auf den Betrieb und die Instandhaltung. Ob die Bürger viel oder wenig Wasser verbrauchen, fällt kaum ins Gewicht. Bei sinkender Nachfrage steigt der Instandhaltungsaufwand mitunter sogar. In den letzten Jahren haben sich die Wasserpreise etwa verdoppelt. Die Kunden reagieren, indem sie noch mehr Wasser sparen. Und so dreht sich die Preisspirale immer weiter.

Vielleicht sollten sich die Deutschen angewöhnen, mehr Wasser zu verbrauchen, indem sie das Trinkwasser aus der Leitung einfach mal trinken. Gesundheitsbedenken sind unbegründet. Die Qualität ist gut, der Geschmack passabel. Kein Lebensmittel wird in Deutschland schärfer kontrolliert. Auf diese Weise käme nicht nur mehr Kranwasser in Umlauf. Wir müssten auch nicht mehr so viel Mineralwasser in umweltschädlichen Einwegflaschen kaufen, die per Lastwagen oft über Hunderte Kilometer vom Abfüller zum Supermarkt transportiert werden.

Es wäre besser, die Deutschen würden wieder mehr statt weniger Wasser verbrauchen, heißt es beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. »Eine politisch geforderte weitere Reduzierung des Wasserverbrauchs ist nicht sinnvoll.« Und der zuständige Fachmann beim Umweltbundesamt ermuntert uns: »Duschen Sie. Planschen Sie. Sie brauchen dabei kein schlechtes Gewissen zu haben.«

Licht

Quecksilber ist ein gefährlicher Stoff. Es verdampft bei Zimmertemperatur. Schon kleine Mengen schädigen Leber, Lunge und Gehirn. Der berühmte Doktor Paracelsus hat sich mit Quecksilber versehentlich umgebracht; seither raten Ärzte davon ab, es einzuatmen. Kinder und schwangere Frauen sollten grundsätzlich nicht mit dem Stoff in Berührung kommen.

In vielen Staaten ist Quecksilber geächtet. Seine Verwendung, etwa im Amalgam für Zahnfüllungen, unterliegt strengen Auflagen. Quecksilberhaltige Fieberthermometer sind in der Europäischen Union mit wenigen Ausnahmen verboten. Der Direktor des Umweltschutzprogramms der Vereinten Nationen bezeichnet Quecksilber als »globales Gesundheitsproblem«. Schon 2009 debattierten Umweltminister aus aller Welt bei einer Konferenz darüber, es womöglich ganz aus dem Verkehr zu ziehen.

Umso erstaunlicher ist die Renaissance, die das giftige Schwermetall bei uns zu Hause erlebt. Wie alle guten Europäer sind wir dabei, unsere alten Glühbirnen durch moderne Energiesparleuchten zu ersetzen. So hat es die Kommission der Europäischen Union verfügt.

Dass jede Sparleuchte bis zu fünf Milligramm Quecksilber enthält, gilt als notwendiges Übel. Die neuen Lampen mögen giftig sein, aber dafür verbrauchen sie weniger Strom als herkömmliche Birnen und weisen eine bessere CO2-Bilanz auf. Fachleute haben herausgefunden, dass bei der Glühbirne nur zehn Prozent der eingesetzten Energie ins Licht gehen. 90 Prozent verlören sich in unnützer Wärme, eine Verschwendung, die in fortschrittlichen Gesellschaften nicht toleriert werden könne. »Nur durch das Auswechseln einer Birne werdet ihr 46,45 Dollar sparen«, verkündete Kubas Revolutionsführer Fidel Castro seinen Landsleuten bereits 2005, »damit können wir mehr Bohnen kaufen.« Seither sind Glühlampen, die mehr als 15 Watt verbrauchen, auf Kuba verboten. Die EU ist dem kubanischen Beispiel gefolgt. Am 1. September 2009 gingen alle 100-Watt-Birnen aus dem Handel. Am 1. September 2010 traf es die 75-Watt-Lampe. Im Jahr 2011 war die 60-Watt-Birne dran. Spätestens ab 2013 sollen dann auch die letzten noch verbliebenen Glühbirnen verschwinden und durch Energiesparbirnen ersetzt werden.

Leicht fällt uns der Abschied nicht. Ich mochte die alte Glühbirne. Wenn man sie anknipste, brannte sofort das Licht; das kann man von unseren neuen Lampen nicht behaupten. Wenn ich den Kindern abends eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen will, muss ich vor dem Zähneputzen daran denken, das Licht im Kinderzimmer anzuschalten, damit die Lampe genug Zeit zum Vorglühen hat.

Das An- und Ausschalten bekommt ihr leider generell nicht gut. Als die Zeitschrift »Ökotest« Sparlampen testen ließ, war bald jede zweite schon nach 3000 Betriebsstunden hinüber. Das ist viel weniger, als alle angenommen hatten. Die EU gab die Haltbarkeit noch mit 10.000 Stunden an. Doch diese Lebensdauer ist offenbar nur zu erreichen, wenn man die Lampe immer brennen lässt. Das aber entspricht nicht dem Alltagsverhalten des europäischen Durchschnittsverbrauchers und würde außerdem die ganze schöne Energiebilanz ruinieren.

Das neue Licht kommt uns auch ungemütlicher vor als das alte. Wir haben fast alle Lampensorten ausprobiert, von »tageslichtweiß« über »neutralweiß« bis »warmweiß«. Aber irgendetwas stimmt da nicht. Das Licht geht ins Blaue, egal was auf der Verpackung steht. Meine Frau sagt, das Licht in unserem Esszimmer sei etwa so anheimelnd wie die flackernde Neonbeleuchtung eines türkischen Männercafés. Sie hat jetzt Kerzen gekauft.

Mediziner haben herausgefunden, dass Energiesparleuchten bei einigen Menschen die Zirbeldrüse daran hindern, ein Hormon namens Melatonin auszuschütten. Die Folge sind Unruhe und Stress. Und so sitzen wir nun im blauen Licht der Energiesparlampe, versuchen mit Tischkerzen wenigstens einen Hauch von Gemütlichkeit zu erzeugen und trauern, geplagt vom Melatoninmangel, unserem alten Kronleuchter hinterher. Nicht mal unser Dimmer funktioniert noch. Wie schön war doch die alte Zeit.

Man sollte die neuen Energiesparbirnen allerdings nicht auf den Boden fallen lassen. Dann nämlich wird die Ökolampe zum Ökokiller. »Eingeatmetes Quecksilber geht übers Blut ins Gehirn«, sagt Gary Zörner vom Labor für chemische Analytik in Delmenhorst. »Und jedes bisschen Quecksilber macht ein bisschen dümmer. Das kann bis zur völligen Geistesgestörtheit führen.«

Wissenschaftler des Umweltbundesamts (UBA) haben genau untersucht, wie gefährlich die Energiesparleuchten sind. Sie zerbrachen Lampen aus dem Sortiment eines europäischen Markenherstellers. Anschließend maßen sie die Giftkonzentration in der Raumluft, einmal nach fünf Minuten, ein weiteres Mal nach fünf Stunden.

Das Ergebnis der Testreihe fiel nicht ermutigend aus. Alle gemessenen Werte lagen weit jenseits des Erlaubten. Teils lag die Quecksilber-Belastung um das Zwanzigfache über dem Richtwert. Auch nach fünf Stunden war noch so viel Quecksilber in der Luft, dass die Gesundheit von Schwangeren, kleinen Kindern und empfindlichen Menschen gefährdet gewesen wäre. »Das Quecksilber ist die Achillesferse der Energiesparlampe«, sagt UBA-Chef Jochen Flasbarth.

Die Behörde rät daher zur Vorsicht. Im Kinderzimmer sollten besser quecksilberfreie Lampen verwendet werden, ebenso an allen Orten mit »erhöhtem Bruchrisiko«, womit in unserem Fall leider das gesamte Haus gemeint sein dürfte.

Wegen des Quecksilbers ist es natürlich streng verboten, kaputte Energiesparlampen in den Hausmüll zu werfen. Der richtige Ort, um eine Ökobirne loszuwerden, ist die Problemstoffannahmestelle der Müllabfuhr. Anschließend müssen sich Spezialfirmen darum kümmern. Eine Nürnberger Entsorgungsfirma hat eine Maschine erfunden, die jede Birne vorsichtig zersägt und den Leuchtstoff samt Quecksilber absaugt. Die Mixtur wird luftdicht in Tüten verpackt und zu jeweils 300 Kilo in blaue Tonnen verfüllt. Und diese Tonnen werden dann in einem ehemaligen Salzbergwerk im Harz endgelagert, als giftiger Sondermüll für alle Ewigkeit.

Ich denke insgeheim darüber nach, mir doch noch einen Vorrat herkömmlicher Glühbirnen zuzulegen. Nur wie? Eine Zeitlang konnte man bei einem Aktionskünstler aus Nordrhein-Westfalen sogenannte »Heatballs« bestellen. Die Produktbeschreibung lautete so: »Kleinheizgerät, keine Lampe, passt aber in die gleiche Fassung, optisch einer Glühbirne ähnlich.« Der Wirkungsgrad sei fabelhaft. Der »Heatball« erzeuge zu 95 Prozent Wärme. Nur fünf Prozent gingen ins Licht, aber darüber könne man getrost hinwegsehen: »Die Leuchtwirkung während des Heizvorgangs ist produktionstechnisch bedingt und völlig unbedenklich.«

Viele Leute fanden die Idee lustig, nur leider nicht die deutschen Behörden. Eine knapp zwanzig Seiten lange Ordnungsverfügung untersagte das »Inverkehrbringen der Heatballs 100 W/75 W matt und klar«. Der Zoll am Flughafen Köln-Bonn beschlagnahmte eine Lieferung frischer 100-Watt-Birnen. Dort liegen sie bis heute. Eine Quecksilbergefahr geht von ihnen ja nicht aus.