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CHRISTOPH REUTER, geboren 1968, berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der islamischen Welt, zunächst für Die Zeit und den Stern, seit 2011 für den SPIEGEL. Neben preisgekrönten Reportagen veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter Mein Leben ist eine Waffe (2002) über Selbstmordattentäter. Für seine Recherchen über den »Islamischen Staat« wurde er u. a. als Reporter des Jahres geehrt, sein Buch Die schwarze Macht wurde 2015 mit dem NDR Kultur-Sachbuchpreis als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Die schwarze Macht in der Presse:

»Reuters Buch ist eine Recherche-Meisterleistung. […]
Wie keinem anderen Autor gelingt es ihm, den IS, seine Strategie und Methoden zu beschreiben.«

Deutschlandfunk

»Eine faktenreiche und brillante Analyse der Entstehung, des Aufstiegs und der Strategien des IS.«

NDR Kulturjournal

»Reuter recherchiert nicht nur hervorragend, er analysiert klar und profund und schreibt flott und lebendig.«

Süddeutsche Zeitung

»Reuter ist es gelungen, einen immensen Fundus an Material anschaulich und scharfsinnig zu einem packenden Sachbuch zu verdichten.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»In seiner Dichte und Tiefe ist es auf dem deutschen Markt in jedem Fall einmalig.«

Stuttgarter Zeitung

Christoph Reuter

Die schwarze Macht

Der »Islamische Staat«
und die Strategen des Terrors

Aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe

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1. Auflage 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015 by

Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München,

und

SPIEGEL-Verlag, Hamburg, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Umschlag: any.way, Hamburg, nach einer Vorlage
von Büro Jorge Schmidt, München

Karten: Peter Palm, Berlin

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16410-2
V003

www.penguin-verlag.de

Für Bente

Inhalt

Vorwort zur Taschenbuchausgabe

Die Reißbrett-Dschihadisten

Einleitung

Das unterschätzte Kalkül der Machtsammler

1 Das Stasi-Kalifat

Der akribisch geplante Aufstieg des »Islamischen Staates«

2 Wechselhafte Anfänge

Von al-Qaida im Irak zum Siegeszug des IS in Syrien

3 Herbst der Angst

Die Eroberung Nordsyriens durch den IS

4 Gemeinsam zum Gegenschlag

Der Versuch der Syrer, sich gegen den IS zu wehren

5 Blitzkrieg der Dschihadisten

Die Eroberung Mosuls und die Rückkehr des IS in den Irak

6 Al-Qaida war gestern

Warum der »Islamische Staat« radikal anders ist

7 Auf dem Berg der Jesiden

Die Katastrophe von Sinjar und die Wende für den IS

8 Wer köpft, dem glaubt man

Der »Islamische Staat« und die Medien

9 Nordkorea auf Arabisch

Herrschaft, Wirtschaft und Alltag im »Islamischen Staat«

10 Die Kolonien des Kalifats

Der IS als Terror-Exporteur

11 Die Schlafwandler

Der IS und seine Nachbarstaaten

Ausblick

Das Warten auf die Fehler der anderen

Anmerkungen

Orts- und Personenregister

VORWORT ZUR TASCHENBUCHAUSGABE

Die Reißbrett-Dschihadisten

Als das Manuskript der ersten Ausgabe im März 2015 abgeschlossen war, begann die Ungewissheit: Was von der beschriebenen Wirklichkeit würde vielleicht schon bei Erscheinen wenige Wochen später überholt sein? Inwieweit würde die Analyse dieser so kühl-nüchtern planenden Organisation unter dem Banner des absoluten Glaubens ihre weitere Genese erklären? Das Wachstum des »Islamischen Staates« im Verborgenen hatte über ein Jahrzehnt gebraucht, aber sein Ausbruch, der rasante Siegeszug durch Syrien und Irak hatten kaum ein Jahr gedauert.

In den 15 Monaten seit vergangenem März ist immens viel passiert in Syrien, im Irak, aber auch in Libyen und anderen Ländern des Nahen Ostens. Im Mai 2015 eroberte der IS nach exakt derselben Blaupause wie in Syrien die Mitte Libyens: die Stadt Sirt, Heimat des 2011 gestürzten Diktators Muammar al-Gaddafi. Mitte 2016 verliert er diese Region schrittweise wieder.

Mit der massiven Intervention der russischen Streitkräfte im Spätsommer 2015 zugunsten des Assad-Regimes in Syrien hat sich das Kräfteverhältnis dort verschoben. Der IS war zwar Vorwand hierfür, blieb aber monatelang fast unbehelligt von Russlands Luftangriffen, die vor allem den Rebellen galten. Über Bande geriet der »Islamische Staat« allerdings unter Druck: Moskau entdeckte die straff organisierte kurdische Kadertruppe der YPG, den syrischen Ableger der Separatistenpartei PKK, als Verbündeten. Zum einen drängten die YPG-Truppen den IS zurück, vor allem aber wuchs der Druck auf die Türkei, ihr Gewährenlassen des IS schließlich doch zu beenden – und die Grenze nach Syrien tatsächlich zu sichern.

Damit verlor der IS ab Herbst 2015 schrittweise seine essenzielle Nachschubroute für Menschen und Material, ist seither fast abgeschnitten vom Zustrom der früher problemlos über die Türkei einreisenden Anhänger, aber auch von technischem Gerät wie Anlagen zur Ölraffinierung, Chemikalien und Zündschnüren für seine Bombenindustrie sowie medizinischem Gerät. Dies trifft den IS langfristig härter als der Verlust einzelner Landstriche oder Orte.

Im Irak haben die Angriffe der Armee, vor allem aber der weitaus stärkeren schiitischen Milizen einen Großteil des 2014 verlorenen Terrains zurückgewonnen. Die Grausamkeit der schiitischen, von Irans Revolutionswächtern maßgeblich geführten Milizen, ihre massenhafte Vertreibung und Ermordung aller Sunniten (als potenzielle Unterstützer des IS) hat dabei allerdings keine neue Stabilität geschaffen, sondern vollkommene Unsicherheit. Es ist ungewiss, wohin die von beiden Seiten mit Tod und Terror bedrohten sunnitischen Muslime sich wenden werden, wenn sie nicht in ihre Städte und Dörfer zurückkehren können.

Die von den USA geführte Koalition zum Kampf gegen den IS hat Kurden in Syrien wie im Irak sowie die irakische Armee zum Kampf gegen den IS ausgerüstet und angetrieben. Vor allem aber hat sie ihr Bombardement des »Kalifats« fortgesetzt und so langsam, aber stetig dem »Islamischen Staat« Tausende seiner Kämpfer, mehrere seiner Führungskader und insgesamt viel von seiner Bewegungsfähigkeit genommen.

Als Reaktion darauf hat der IS seit November 2015 begonnen, womit er lange gewartet hatte: mit massiven Terrorattacken im Ausland, am 13. November in Paris, im März 2016 in Brüssel, mehrfach in der Türkei, in Bangladesch. Dazu kommen die Amokläufe von Einzeltätern, die sich zum IS bekannten, aber bei denen sich keine direkte Verbindung zur Terrororganisation nachweisen ließ – sowie der Anschlag auf die Maschine der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia, die am 31. Oktober 2015 nach ihrem Start im ägyptischen Ferienort Scharm asch-Scheich über der Sinai-Halbinsel abstürzte, wozu der IS sich bekannte.

In seinem Propaganda-Furor lässt sich der IS fortwährend über die nahende Apokalypse aus, beschwört die Endzeitschlachten zwischen den Heeren der Muslime (allerdings nur der Sunniten) und der »Römer« (womit der Westen, die Ungläubigen insgesamt gemeint sind). Doch in seinem Handeln ist er nicht apokalyptisch, sondern zynisch. Die Terroranschläge hat er bislang begrenzt auf Länder, deren Gegenreaktion berechenbar bleibt. Frankreichs Ministerpräsident François Hollande ließ nach den furchtbaren Attacken auf Paris die IS-Hochburg Raqqa aus der Luft bombardieren – Militärlager und Stützpunkte, die längst geräumt waren.

Einen großen Terroranschlag auf seine erklärten Hauptfeinde Iran oder gar die USA aber hat der IS bis zum Juli 2016 nicht begangen. Griffe er die USA an, fiele deren Vergeltung aller Voraussicht nach so vernichtend aus, dass es mit dem »Kalifat« ein sehr rasches Ende hätte.

Bündelt man all die Reaktionen des IS auf seine stärker werdenden Gegner, das Schrumpfen seines »Kalifats«, so wird immer wieder das kalte Kalkül sichtbar, das schon seinen Aufstieg begleitete: ein Umschwenken auf Terrorattacken, die aber doch dosiert bleiben. Ein Rückzug, dem nichts von Ausharren bis zum letzten Mann und Apokalypse anhaftet, sondern der eine völlige Umkehrung der frühen Angriffstaktiken darstellt: Alles wird vermint, Scharfschützen werden postiert, wenige Kämpfer verloren, während dem Gegner hohe Verluste zugefügt werden, ohne dass er die IS-Schützen auch nur zu Gesicht bekäme.

Wo er sich zurückzieht, hinterlässt der IS völlige Verwüstung: zerstörte Städte (die auf irakischer Seite oft nach dem Einmarsch von den Eroberern noch weiter gesprengt werden), vergiftete Brunnen, verminte Felder. Eine Strategie der verbrannten Erde.

Bemerkbar macht sich aber noch etwas, schon lange vor den Rückzügen; etwas, das selten auftaucht in den Nachrichten von Kämpfen, Eroberungen, Explosionen, etwas, das leiser, aber fundamentaler ist: die Desillusionierung der Untertanen. Mittlerweile sind Hunderte Dörfer, Dutzende Städte seit zwei Jahren und länger in der Gewalt des »Islamischen Staates«. Aber nirgends, nicht in Syrien, nicht im Irak, findet sich ein Ort, dessen Bewohner sich vollen Herzens zum IS bekennen. Stattdessen herrschen Angst und Ausweglosigkeit, man klammert sich an die Annahme, dass der IS nur für eine Weile bleiben werde.

Der Reißbrett-Dschihad des IS ging davon aus, dass er seine Macht allein durch Kontrolle und die Verbreitung von Furcht festigen werde. Doch Gottes Reich auf Erden, denn um nichts Geringeres geht es dem IS ja, kann den Gläubigen keine Heimat bieten. Von den Zehntausenden Zugereisten, die ins »Kalifat« strömten, sind viele tot, wollen andere wieder weg, aber können nicht. Und von jener alten, nur durch historischen Zufall zum Dschihad geratenen Führungsspitze des IS, die sich aus Saddam Husseins einstigen Rängen rekrutierte, bleiben immer weniger Männer übrig.

Wenn aber der »Islamische Staat« als Territorium weiter schrumpft, und danach sieht es aus im Sommer 2016, nützen ihm auch die perfekten Pläne einer schleichenden Eroberung und anschließenden hermetischen Kontrolle wenig. Der IS kann im Untergrund überleben, hat dies schließlich schon einmal getan, kann mit seinen Terrorattacken fortfahren, was sich viel leichter bewerkstelligen lässt als das Erobern und Verwalten eines lebensfähigen Territoriums, eines Staates – auch wenn die Aufmerksamkeit der Welt genau andersherum funktioniert. Aber für ein Dasein im Untergrund braucht es Loyalität statt Angst und Kontrolle. Doch Loyalität, die Zustimmung, ja Begeisterung der lokalen Bevölkerung kommt nicht vor in den elaborierten Bauplänen des Kalifats.

Der IS ist eher ein künstliches Projekt als eine langsam, organisch gewachsene Bewegung. Das hat seine enormen Erfolge bis 2014 ausgemacht – aber bringt zwangsläufig die fundamentale Schwäche mit sich, dass dem ultimativen Glaubensprojekt die Gläubigen fehlen.

So könnte das weitere Schicksal des »Islamischen Staates« am ehesten von den Fehlern seiner Gegner abhängen. Die entscheidenden Fragen werden sein, wer sich nach seiner Vertreibung im Vakuum der Verwüstung ansiedeln wird und welche, falls überhaupt irgendeine, Stabilität dadurch entstehen kann.

So unklar dies bleibt, so absehbar ist ein anderer Umstand: dass das globale Interesse am IS wieder einfach verwehen wird, sobald er sein Territorium verloren hat und damit auch sein Terror an anderen Orten verebbt. Dann kann der »Islamische Staat« sich wieder in Ruhe sammeln, Schutzgelder erpressen und sich für eine nächste Gelegenheit zur erneuten Ausbreitung rüsten. Sofern, und das ist wieder eine offene Frage, er dann noch das Personal für ein derart diszipliniertes, planvolles Vorgehen hat.

Mit Blick auf die vergangenen Eroberungszüge des »Islamischen Staates« und bar aller ethischen Einwände muss man konstatieren, dass der Dschihad vom Reißbrett ein Erfolgsmodell sein kann. Man wünscht sich, dass er es in Zukunft nicht mehr sein wird. Aber die Umstände – die Barbarei seiner schiitischen Gegner, die Ignoranz der westlichen Mächte – bleiben günstig. Leider.

EINLEITUNG

Das unterschätzte Kalkül der Machtsammler

Wir sehen, was wir kennen. Unsere Erwartungen hat der »Islamische Staat« gern bedient. Aber unter der starren Oberfläche des Fanatismus sitzt ein mutationsfreudiger Organismus, flexibel bis zum Äußersten und klüger als all seine Vorgänger.

Von 42 Anführern des »Islamischen Staates« seien 34 »in den vergangenen 90 Tagen« getötet oder gefangen genommen worden, verkündete General Ray Odierno nicht ohne Stolz die Bilanz des Anti-Terror-Krieges in Bagdad. »Devastated«, am Boden zerstört, sei die Organisation, ergänzte der US-Generalstabschef Mike Mullen auf der Andrews Air Force Base in Maryland.1 Die Amerikaner klangen beinahe fasziniert über das vermessene Projekt der Dschihadisten: »Die wollen das gänzliche Scheitern der Regierung im Irak«, so Odierno, »sie wollen ein Kalifat im Irak etablieren.« Nun aber, unterwandert, führungslos und verraten, ihre Kämpfer gejagt bis in die letzten Winkel der westirakischen Steppen, sah es ganz danach aus, als ob dieses Vorhaben vor dem Untergang stand. Das war im Juni 2010.

Tatsächlich waren die Extremisten, die Jahre zuvor noch weite Landstriche der westirakischen Provinz kontrolliert hatten, zu diesem Zeitpunkt verhasst bei ihren potenziellen Untertanen. Sie wurden gejagt nicht nur von amerikanischen Einheiten und der irakischen Armee, sondern auch von den »Erweckungs-Milizen« der sunnitischen Stämme, die genug davon hatten, sich von mordwütigen Fanatikern terrorisieren und ausplündern zu lassen. Der anmaßende Name des »Islamischen Staates« stand in surrealem Gegensatz zur Fläche, die er kontrollierte, ja überhaupt zur schwindenden Existenz dieses »Staates«.

Doch Odierno, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak und ein kluger Kopf ohne ein Haar auf dem glatt polierten Schädel, war zurückhaltend mit einem allzu euphorischen Abgesang: »Al-Qaida im Irak«, wie ein älterer Name der Gruppierung lautete, »hat sich als widerstandsfähig erwiesen. Sie werden versuchen, sich neu zu formieren. Sie müssen allerdings eine neue Führungsriege aufstellen. Sie haben einige Namen veröffentlicht, aber wir wissen nicht, ob dahinter echte Personen stehen oder ob das Platzhalter sind.« Einer dieser Namen damals lautete: Abu Bakr al-Baghdadi.

2010 zurückgeworfen auf ein Dasein als Terrorzelle im Untergrund, ist dieser »Islamische Staat« (IS) vier Jahre später zurückgekehrt als globaler Inbegriff des Schreckens und, tatsächlich, als Staat. Der IS herrscht im Frühjahr 2015, wenn auch angefochten, über mehr als fünf Millionen Menschen und eine Fläche von der Größe Großbritanniens; er wird angeführt von eben jenem Abu Bakr al-Baghdadi, dem »Befehlshaber der Gläubigen«, der sich Ende Juni 2014 zum »Kalif« ausrufen ließ.

Wie das? Wie konnte einer im Grunde gescheiterten, geschrumpften Radikalengruppe, die weder über Macht oder nennenswerte Mittel noch über Rückhalt und Sympathisanten verfügte, ein solcher Siegeszug gelingen?

Erklärungsversuche variieren je nach Herkunft der Erklärenden: Al-Qaida-Experten betrachten den IS als al-Qaida-Abspaltung und vermissen einen spektakulären Anschlag in den Dimensionen des 11. September 2001. Kriminalisten sehen im IS eine mafiöse Holding zur Profitmaximierung im Diesseits.2 Geisteswissenschaftler sehen genau das Gegenteil und verweisen auf die apokalyptischen Verlautbarungen der Medienabteilung des IS, auf seine Todesverherrlichung und den Glauben, in göttlicher Mission unterwegs zu sein.3

Doch mit apokalyptischen Visionen alleine erobert man keine Städte und halben Länder. Irrationale Terroristen, die nur auf das Fanal ihrer Explosionen fixiert sind, gründen keinen Staat. Als kriminelles Kartell wiederum begeistert man keine Anhänger in aller Welt, von denen Tausende ihre Existenz aufgeben, ins »Kalifat« und in den Tod zu ziehen.

Vor allem die Frage nach dem religiösen Kern verstellt den Blick auf den höchst facettenreichen Weg dieser Terrororganisation. Im Sommer 2010, just als General Ray Odierno in vorsichtigem Optimismus dem fast aufgeriebenen Führungszirkel des »Islamischen Staates« schwere Zeiten voraussagte, übernahm ein kleiner Kreis ehemaliger Geheimdienstler und Militärs dort das Ruder. Es waren die ehemaligen Kader des Regimes von Saddam Hussein, die den IS zum Siegeszug der kommenden Jahre führen würden. Hinter dem Emblem des Gottesstaates und der Gestalt des nominellen Emirs Abu Bakr al-Baghdadi bauten diese neuen Führer eine Machtmaschinerie, um Schritt für Schritt so viele Menschen, Material, Fläche unter ihre Kontrolle zu bringen, wie noch keine Terrorgruppe zuvor. Auf den ersten Blick erscheint dieses Amalgam aus (ehemaligen) Baathisten und Dschihadisten widersprüchlich: Die offiziell im Irak herrschende Baath-Partei war säkular gewesen, die Islamisten waren das Gegenteil davon. Aber letztlich trafen sich beide Systeme in der Überzeugung, dass die Herrschaft über die Massen in den Händen einer kleinen Elite liegen sollte, die diesen Massen keinerlei Rechenschaft schuldig sei – sie herrsche ja im Namen eines großen Plans, legitimiert wahlweise von Gott oder von der Glorie der arabischen Geschichte.

Für eine Weile blieb der IS ein kriminelles Netzwerk, das im Irak Schutzgelder erpresste, Zahlungsunwillige ermordete oder deren Geschäfte sprengte und mit dem Geld Terroranschläge vor allem in Bagdad finanzierte. Groß genug, um Furcht zu verbreiten, zu klein, um den offenen Kampf wagen zu können. Doch dann kam die Gelegenheit, die Auflösung der alten Ordnungen zu nutzen: Der heutige Siegeszug des »Islamischen Staates« begann diskret, als irgendwann im Jahr 2012 ein winziges Vorauskommando der IS-Führung nach Syrien ging, um dort innerhalb eines Jahres zu ungeahnter Stärke heranzuwachsen. Das vom Bürgerkrieg zerrissene Land, in dem eine Vielzahl verschiedenster Rebellengruppen gegen das Regime des Diktators Baschar al-Assad kämpfte, bildete die Basis für den Aufstieg des IS zur wohl mächtigsten Terrororganisation der Welt. Dabei gründete der »Islamische Staat« seine Macht zunächst weder auf Terror noch auf die Zustimmung der syrischen Bevölkerung. Das maßgebliche Instrument, zu solch beispielloser Stärke anzuwachsen, war etwas, das keiner der großen Dschihad-Theoretiker, deren Schriften vom »Management der Barbarei« oder dem »führerlosen Dschihad« immer wieder zitiert werden, sich je ausgedacht hatte: eine hochaufwändige, auf Monate angelegte, diskret ins Werk gesetzte Unterwanderung und Ausspionierung der anarchischen Rebellenszene Nordsyriens. Zunächst ganz friedlich und freundlich, um dann umso erbarmungsloser zuzuschlagen.

Dass die strategischen Köpfe von al-Qaida nicht früher schon auf ein solches Konzept gesetzt hatten, lag nicht an ihrem Unvermögen. Sondern daran, dass es eine Situation der völligen Anarchie in den arabischen Kernländern vor 2011 nicht gab. Vordenker des Terrors waren stets davon ausgegangen, dass man zuerst einen Staat, eine bestehende Ordnung zum Kollabieren bringen müsse, um auf den Ruinen dann sein eigenes Reich errichten zu können. In weiten Teilen Nordsyriens aber gab es ab 2012 keinen Staat mehr, sondern ein rudimentäres Nebeneinander Dutzender Rebellenbrigaden und Stadträte, die gegen das Regime von Baschar al-Assad – und mitunter auch gegeneinander – kämpften. Zwar funktionierte die staatliche Ordnung im syrischen Bürgerkrieg besser, als später geschrieben wurde, aber sie blieb dezentral und damit anfällig.

Die Paradoxie am Aufstieg des »Islamischen Staates« liegt darin, dass er erst in dem Moment möglich wurde, als sich viele Menschen in Syrien – wie zuvor in Tunesien, Ägypten, Libyen – gegen Diktatur und Unterdrückung erhoben. Die Menschen nahmen ihr Schicksal in die eigenen Hände, ohne zentrale Führung, selbst ohne ein klares Programm, was denn nach Assads Sturz geschehen sollte. Sie unterschätzten, welchen Preis sie für ihr Aufbegehren zahlen würden. Wo die Diktatur wich, entstanden Räume, die der IS besiedeln konnte wie ein Parasit das Wirtstier. Wie in Kapitel 1 dargestellt werden wird, ergriffen die Strategen des »Islamischen Staates« die Möglichkeit, die sich in Syrien eröffnete, infiltrierten unbemerkt das Land und begannen, Schritt für Schritt einen immer größeren Machtbereich zu erobern. Dabei assistierten dem IS dieselben syrischen Geheimdienstgeneräle, die schon Jahre zuvor geholfen hatten, Radikale aus aller Welt durch Syrien zu al-Qaida im Irak zu schleusen.

Dass der »Islamische Staat« eine Schöpfung der Geheimdienste sei, wie es die syrische Opposition behauptet, ist eine Übertreibung. Aber dafür, dass die Terrorgruppe schon lange vor Beginn des Aufstandes in Syrien vom Apparat des Assad-Regimes gefördert wurde, gibt es erdrückend viele Beweise aus Ermittlungen amerikanischer Behörden, aus Zeugenaussagen übergelaufener syrischer Offizieller und ausgestiegener Dschihadisten, aus Dokumenten und Kampfverläufen. Diese stillschweigende Kooperation zwischen dem »Islamischen Staat« und dem syrischen Regime, die in Kapitel 2 ausführlich beleuchtet werden wird, war dabei für beide Seiten profitabel. Man könnte sogar sagen, der Aufstieg des IS in Syrien war das Beste, was Staatschef Baschar al-Assad nach 2011 passieren konnte: Alle internationale Aufmerksamkeit gilt seitdem dem Kampf gegen die Terrorarmee des »Islamischen Staates«, während die fortgesetzten Bombardements der Zivilbevölkerung, der Giftgas-Einsatz und Massenmord von Gefangenen seitens des syrischen Regimes kaum noch wahrgenommen oder, wie Assad selbst, als kleineres Übel angesehen werden.

Genauso nüchtern und berechnend, wie der »Islamische Staat« sein Geheimdienstgeflecht aufbaute, verfuhr er politisch. Und wieder sah die Wirklichkeit sehr anders aus als die Botschaft, die der IS von sich verbreitete. Dem selbstentworfenen Bild zufolge bekämpfte der IS Feinde, die von den strengsten Auslegern des Glaubens schon vor knapp 1400 Jahren identifiziert wurden: die Ungläubigen, wozu in seinen Augen auch alle »abtrünnigen« muslimischen Sekten wie die Schiiten zählen. Doch in der Realität verhielt sich die IS-Führungsriege sehr flexibel und opportunistisch bei der Frage, wen sie gerade angriff und mit wem sie paktierte. Wie in Kapitel 3 und 4 zu sehen sein wird, gingen die Führungskader des IS rasch wechselnde, taktische Allianzen ein, um sie im geeigneten Moment wieder zu verraten: Erst kämpften die Dschihadisten gelegentlich mit den syrischen Rebellen, während sie das Gros ihrer Energie für den Machtausbau in deren Gebieten aufwandten, dann, als die syrischen Fraktionen sich in bis dato ungesehener Einigkeit gegen den IS wandten und ihn ab Januar 2014 bekämpften (Kapitel 3), warfen ihnen die Dschihadisten ihr ganzes Kriegsarsenal mit Wucht entgegen, jagten innerhalb weniger Wochen mehr Selbstmordattentäter in die Reihen der Rebellen als im Jahr zuvor gegen die Armee des Assad-Regimes. Nun begann der IS eine Phase der unerklärten Kooperation mit dem Regime Baschar al-Assads (Kapitel 4). Ab Anfang 2014 kämpften in Syrien IS-Einheiten und die syrische Armee Seite an Seite gegen denselben Feind – die syrischen Aufständischen. Gleichzeitig verschonte die syrische Luftwaffe den Herrschaftsbereich des IS mit ihren Angriffen, während IS-Kämpfer von ihren Emiren angehalten wurden, auf keinen Fall ihre Waffen gegen die Soldaten der syrischen Armee zu richten.

Im Juni 2014 dann kehrte der IS mit Macht in den Irak zurück, in das Land, in dem er einst entstanden war. Wie in Kapitel 5 beschrieben werden wird, überrannten die Sturmspitzen des IS die irakische Millionenstadt Mosul und fast den gesamten Nordwesten des Landes, erbeuteten gigantische Waffenbestände der irakischen Armee, überfielen später die jesidischen und christlichen Orte im Nordirak.

Nach diesem Eroberungsfeldzug stand die Armee des »Islamischen Staates« auf einmal derart gut ausgerüstet und schlagkräftig da, dass sie keine Rücksicht auf ihre Partner von gestern mehr zu nehmen brauchte, nicht auf jene in Syrien, nicht auf jene im Irak. In einer Folge überraschender Angriffe wandten sich die IS-Truppen gegen Assads Armee und beendeten Anfang August 2014 jäh das Stillhalteabkommen mit den Kurden im Nordirak – nach Wochen der diskreten Vorbereitung und mithilfe von Überläufern aus den attackierten Orten.

Folgt man diesem atemlosen Siegeszug des »Islamischen Staates«, so zeigt sich, dass er vor allem nach einer Maxime handelte: Der IS hat stets das getan, was ihm im jeweiligen Moment nutzte. Bis zum Spätsommer 2014 agierte er kühl und rational, überließ den Lauf der Dinge weder dem Zufall noch Hoffnung oder Glauben. Ausgerechnet der Glaube, möchte man einwenden angesichts der Allgegenwart des Islam in der Eigenwerbung des IS. Aber die detaillierten Überlieferungen aus Koran und islamischer Frühgeschichte, die Geschichten von der Unterjochung der Ungläubigen, der Glaubensheuchler und -leugner, die allgegenwärtigen schwarzen Banner und die vor Koranzitaten triefenden Episteln der Öffentlichkeitsabteilung des »Kalifats« – all das war für den IS bei seinem kometenhaften Aufstieg nur eines von mehreren Mitteln zum Zweck. In welchem Maße der »Islamische Staat« ein Glaubensprojekt ist und inwiefern die Taten und Proklamationen des IS tatsächlich vom Koran gedeckt sind, soll in Kapitel 6 näher beleuchtet werden.

Wenn die Eroberung Mosuls den Höhepunkt des spektakulären Siegeszuges des IS darstellt, so wurde die Einnahme der Stadt Sinjar und die Belagerung des gleichnamigen Berges, wie Kapitel 7 zeigen wird, zum Symbol für die Grausamkeit der Dschihadisten. Nachdem der IS seinen Aufstieg über Jahre so gut wie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit vorbereiten und umsetzen konnte, wurden die Verjagung, Versklavung und Ermordung der Jesiden von Sinjar plötzlich weltweit wahrgenommen und verurteilt. Die USA und andere Mächte gerieten unter Druck einzugreifen – auch wenn im Fall der Jesiden die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu den wahren Rettern in der Not wurden.

Und auch wenn er in Sinjar scheiterte: Mit seinen Eroberungen bis zum Sommer 2014 hat es der »Islamische Staat« geschafft, im Sinne seines Namens manifest geworden zu sein. Der Staat gibt seinem maßlosen Anspruch, Gottes Plan zu verwirklichen, Substanz, Quadratmeter um Quadratmeter. Das »Kalifat« ist keine bloße Schimäre mehr, kein Fiebertraum verzweifelter Bombenleger. Man kann den »Islamischen Staat« durchfahren, stundenlang. Welche enorme Wirkung dies hat auf die weltweite Szene der Anhänger und zunehmend Gewaltbereiten, spiegelt sich in all den Attacken und Anschlägen wider, die gar nichts direkt mit dem IS zu tun haben – und doch ausgelöst werden von der Veränderung des Klimas, von einem ansteigenden Gefühl der Ermächtigung in der internationalen islamistischen Szene. Die wird noch verstärkt von der dröhnenden wie raffinierten Propaganda des IS, die in Kapitel 8 untersucht werden wird. Im Kontrast dazu soll in Kapitel 9 ausführlich das Leben im »Islamischen Staat« beschrieben werden. Hinter die Fassade zu schauen, die der IS von sich präsentiert, ist für Journalisten so gut wie unmöglich geworden. Nur anhand eines dichten Netzes an Quellen und Informanten, die nun schon seit vielen Monaten unter der Herrschaft des IS leben, ist ein unverstellter Blick möglich, kann beleuchtet werden, was die Herrschaft dieses Staates für die Bevölkerung tatsächlich bedeutet, wie er funktioniert und wie er sich finanziert.

Der größte Erfolg des »Islamischen Staates«, die Eroberung weiter Landstriche und die Gründung des »Kalifats«, ist eine ambivalente Errungenschaft, denn er macht die Dschihadisten zugleich verwundbar. Der Terror hat nun eine Adresse, kann angegriffen werden. Seit die Luftangriffe gegen den IS geflogen werden, ist seine Ausdehnung ins Stocken geraten. Wie die USA und andere westliche Staaten mit der Herausforderung durch den IS umgehen und wie die arabischen Nachbarstaaten auf die Bedrohung reagieren, soll in den beiden abschließenden Kapiteln 10 und 11 beschrieben werden. Hier stellt sich auch die Frage nach der Zukunft und der Überlebensfähigkeit des »Islamischen Staates«.

Erstaunlich ist, dass der IS nach seinem beispiellosen Siegeszug immer noch unterschätzt wird. Kommentatoren schreiben hoffnungsvoll davon, dass sich die Untertanen des »Islamischen Staates« angesichts der desolater werdenden Versorgungslage von der Terrorgruppe abwenden. Doch wohin sollen sie sich wenden angesichts flächendeckender Bespitzelung, rigider Kontrollen und einer weitgehenden Entwaffnung durch den IS? US-Politiker wiederholen stetig, dass im Irak die sunnitischen Milizen von einst wiederbelebt werden müssen, die vor knapp einem Jahrzehnt al-Qaida im Irak Einhalt boten. Währenddessen hat das irakische Parlament sich bis Februar 2015 noch nicht einmal grundsätzlich darauf geeinigt, ob dies geschehen soll – und gleichzeitig ermorden die Hinrichtungskommandos des IS systematisch die potenziellen Anführer solcher Milizen oder vereinnahmen deren Stämme.

Dass wir Formationen wie den »Islamischen Staat« stets fast nur aus der Ferne beurteilen, verführt zur Täuschung und zur Unterschätzung. Über die Jahre hat sich im Westen ein so festes Bild vom islamistischen Terrorismus geformt, dass zuwiderlaufende Sachverhalte an diesem Klischee abperlen wie Tropfen an einer Teflonbeschichtung. Zwar findet in der Berichterstattung über den »Islamischen Staat« Erwähnung, dass dessen Führungsebene ab 2010 fast ausschließlich aus einstigen irakischen Geheimdienstoffizieren und Parteikadern der Ära Saddam Husseins bestanden habe. Aber was für eine enorme Bedeutung diese faktische Übernahme einer Radikalengruppe durch glaubensfreie Ingenieure der Macht bedeutet, geht in den sich überschlagenden Nachrichten zum Terror des IS vollkommen unter. Zerlegt man den kometenhaften Aufstieg des IS ab 2012 in einzelne Schritte, wie es in den folgenden Kapiteln geschehen wird, so offenbart sich das hochflexible, präzise eingesetzte Strategiearsenal einer Organisation, die Fanatismus als Methode der Mobilisierung einsetzt, wechselnde Zweckallianzen auch mit erklärten Feinden eingeht und dabei äußerst rational agiert. Scheinbar mühelos gegensätzliche Elemente vereinend, passt sich der IS stets aufs Neue an seine Umgebung an, tritt auf wie ein mutierender Virus.

Dasselbe Gebilde hat sich in den vergangenen Jahren in unterschiedlichster Gestalt gezeigt: als abgeschottete Terrorgruppe, als weitreichendes Spitzelnetz mit harmlosem Anstrich, als hochgerüstete Armee, die mit Sturmattacken und Selbstmordattentätern ihre Gegner niederwalzt. Seit Mitte 2014 schließlich, unter Berufung auf die heiligen Überlieferungen, präsentiert es sich als ultimative Machtinstanz, der sklavisch zu gehorchen göttlicher Wille sei. Diesem Willen zuwiderzuhandeln, wäre ein todeswürdiges Verbrechen – so deklariert es der »Islamische Staat«. Denn er ist Gottes Exekutive.

Das vorliegende Buch will den IS in seiner Gesamtheit, in all seinen Facetten und Mutationsformen darstellen. Es wird die Entstehung des IS, seine Vorläuferorganisationen und seine Metamorphosen nachzeichnen, und es wird die Hintermänner aufzeigen, die den Aufstieg des »Islamischen Staates« penibel planten und auf den geeigneten Moment warteten, diesen Plan umzusetzen. Die Taktik des steten Wandels, des schnellen Anpassens an veränderte Umstände, des opportunistischen Wechsels von Allianzen ist das bestimmende Merkmal, den Aufstieg des »Islamischen Staates« zur beherrschenden Macht in großen Teilen Syriens und des Irak zu verstehen.

Dieses Buch wird deswegen einen möglichst nahen Blick auf den IS werfen und die Umstände seines Aufstiegs vor Ort begreiflich machen – im Irak, in Syrien, im Libanon, in den Gebieten der Autonomen Region Kurdistan. Dass etwa der »Islamische Staat« mit militärischer Wucht 2014 durch den Irak rollte, ist bekannt. Viel faszinierender und auch aufschlussreicher jedoch ist sein Aufstieg zuvor in Nordsyrien: wie dort das kleine irakische Vorauskommando aus einströmenden Dschihad-Pilgern quasi aus dem Nichts eine Kadertruppe formte. In einem fremden Land mit anderen Fremden aus Tunesien, Tschetschenien, Belgien und zahllosen anderen Ländern eine koloniale Unterwerfung zu organisieren, das hat noch keine dschihadistische Bewegung zuvor geschafft oder auch nur versucht.

Wie dieser Aufstieg ablief, ließ sich an vielen Orten Nordsyriens minutiös beobachten. Dass er auch genauso geplant war, ergibt sich aus Hunderten von Interviews, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren vom Autor geführt wurden. Überdies lässt es sich durch mehrere exklusive Aktenfunde belegen, die erstmals für dieses Buch ausgewertet wurden, darunter Dutzende handschriftliche Aufrisse zum Staatsaufbau von einem der wichtigsten Architekten des »Islamischen Staates«.

Dieses Buch kann zum jetzigen Zeitpunkt nur eine Momentaufnahme sein, der weitere Fortgang ist offen. Selbst wenn es gelänge, die strategischen Schritte des IS ungefähr zu prognostizieren, hängt die tatsächliche Entwicklung von zu vielen Unwägbarkeiten ab. Aber die Entstehung des IS, den mal schleichenden, mal blitzartigen Aufstieg in der Tiefe zu durchdringen, ist unabdingbar, um den komplexen Charakter, die Stärken und Schwächen dieser in vielem neuartigen und sich auch immer wieder neu erfindenden Organisation zu verstehen.

Denn der »Islamische Staat« ist weit mehr als die gefährlichste Terrorgruppe der Welt. Er ist eine Macht, die auf verschiedenen Feldern ein zuvor ungekanntes Maß an Fähigkeiten zeigt, militärisch, geheimdienstlich, medial. Ein »totalitäres, expansives und hegemoniales Projekt«, wie es Volker Perthes, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, zusammenfasste. Mit seinen Vorgängern wie al-Qaida hat der »Staat« nicht viel mehr gemeinsam als das dschihadistische Label. In seinem Handeln, seiner strategischen Planung, seinem vollkommen skrupellosen Wechsel von Allianzen und seinen präzise eingesetzten Propagandainszenierungen ist im Kern nichts Religiöses mehr erkennbar. Der Glaube, auch in seiner extremsten Form, ist nur eines von vielen Mitteln zum Zweck. Die einzig konstante Maxime des »Islamischen Staates« bleibt: Machterweiterung um jeden Preis.

Zu den Begrifflichkeiten

Selten hat eine Organisation, die auf Propaganda und Image so viel Wert legt wie der »Islamische Staat« (IS), seinen Namen so häufig geändert. 1999 entstand die Ursprungsgruppe als Jamaat al-Tauhid wa al-Jihad, die »Gemeinschaft der Einheit und des heiligen Kampfes«. Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi nannte so seine Kämpfertruppe, die ihr Camp im westafghanischen Herat hatte. Nach dem Sturz der Taliban fassten Zarqawi und seine Getreuen Fuß im Irak. Mit Beginn des spannungsreichen Zweckbündnisses mit al-Qaida wurde Zarqawis Truppe 2004 zu »al-Qaida im Irak« (AQI) und einige Monate nach seinem Tod 2006 umbenannt in »Islamischer Staat im Irak« (ISI). Dieser Name war Programm: Fortan würde die Gruppe versuchen, einen eigenen Staat zu erobern, was bis 2010 allerdings beinahe im Untergang der Terrorformation mündete. Die Machtübernahme der Führung durch ehemalige Geheimdienstoffiziere und die Mutation zur Untergrundmafia, die mit Schutzgelderpressungen reich wurde, verhalf dem »Islamischen Staat im Irak« zum dramatischen Comeback: Nachdem die Formation generalstabsmäßig geplant in Nordsyrien Fuß gefasst hatte, kam im April 2013 auch die Namenserweiterung zum »Islamischen Staat im Irak und in Großsyrien«, jener vorkolonialen Region, die auf Arabisch als al-Sham, in Europa als Levante geläufig war. Aus dieser Namensvielfalt erwuchsen, je nachdem, wie man den Begriff »Großsyrien« bzw. »al-Sham« verwendet, verschiedene Abkürzungen: ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien), ISIG (Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien), ISIL (Islamischer Staat im Irak und in der Levante). Deutsche Sicherheitsbehörden wollten alles richtig machen und fügten noch die Variante »IStIGS« (Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien) hinzu.

Auf Arabisch ergeben die Anfangsbuchstaben eine eingängige Variante: Aus Daula al-islamiya fil-Iraq wa al-Sham wurde: Da’ish. Ein Wort, das sich hervorragend mit dem Gestus der Abscheu hervorstoßen lässt. »Da’ish, das klingt wie eines der Monster aus den Märchen, die man uns als Kinder erzählt hat«, befand der von den Schergen dieses Monsters gejagte syrische Intellektuelle Yassin Haj Saleh. Entsprechend drakonisch ahndeten die Da’ishis, wie die Anhänger genannt wurden, diejenigen mit Peitschenhieben, die sie das Verhöhnungskürzel aussprechen hörten. Daula, Staat, war die einzig erlaubte Kurzform für die damals gern schwarz maskiert auftretende Schreckenstruppe. Doch die Leute hielten sich nicht daran, im Gegenteil: Das Arabische ist eine schöpfungsfreudige Sprache, und so entstanden bald der Dada’ishi für Kindersoldaten, die Ada’ishiya für weibliche Kader und sogar eine einschlägige Verbform: anada’ish als Passivform fürs Verprügeltwerden.

Auch nachdem der »Islamische Staat« am 29. Juni 2014 das globale »Kalifat« verkündete, alle Länderzusätze im Namen strich und fortan als »Kalifat des Islamischen Staates« tituliert werden wollte, blieb der Name Da’ish im Arabischen an ihm haften.

Doch wie soll man ihn außerhalb der arabischen Welt nennen? Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hat für sein Land den Amtsgebrauch von Da’ish beschlossen: »Ich empfehle nicht, den Terminus ›Islamischer Staat‹ zu verwenden, denn damit verwischt man die Trennlinien zwischen Islam, Muslimen und Islamisten.« Das Auswärtige Amt in Deutschland hält sich zumeist an den Namen »IS«, das Pentagon variiert zwischen »ISIS« und »Da’ish«. Eine Gruppe britischer Imame forderte Premier David Cameron auf, doch bitte fortan vom »Un-Islamischen Staat« zu sprechen. Ein ähnliches Anliegen, sich gegen die Vereinnahmung des Begriffs »Islam« durch den IS zu wehren, lässt unter dem Hashtag #notinmyname eine weltweite Twitter-Kampagne von Muslimen florieren.

Dieses Buch nun ist kein Statement, sondern der Versuch, so akribisch wie möglich Entstehung, Strategien und Widersprüche dieser Schreckensformation zu beschreiben. Das Risiko, von bloßen Namen vereinnahmt zu werden, dürfte gering sein. Um die unterschiedlichen Mutationsformen des »Islamischen Staates« über die Jahre wiederzugeben, werden deshalb im Folgenden für die drei »Namensphasen« des IS die Abkürzungen der jeweiligen Titel verwandt: ISI für »Islamischer Staat im Irak« ab 2006, »ISIS« für die um Syrien erweiterte Organisation ab April 2013, »IS« schließlich für die Zeit ab Juli 2014. In übersetzten Zitaten arabischer Sprecher bleibt Da’ish stehen, sofern der Zitierte den Begriff so verwendet hat.