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Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
Kommentar von Chögyam Trungpa, Rinpoche
Die große Befreiung durch Hören im Bardo
Inspirations-Gebete
Inspirationsgebet in Anrufung der Buddhas und Bodhisattvas um Errettung
Die Hauptverse der sechs Bardos
Inspirationsgebet zur Errettung von der gefährlichen Gratwanderung des Bardo
Das Bardo-Gebet, das vor Furcht schützt
Anhang
Aussprache der Sanskritwörter
Glossarium der Sanskritwörter
Abbildungsverzeichnis
Register
Copyright

Anhang

Aussprache der Sanskritwörter

Vokale

Die Vokale werden ausgesprochen wie im Deutschen. Es gibt jedoch eine Unterscheidung zwischen kurzen und langen Vokalen. Ein Strich über einem Vokal zeigt seine Längung an:

 

Kurzes a wie in Nacht, aber langes ā wie in Abend.
Kurzes i wie in Tisch, aber langes ī wie ›ie‹ in Liebe.
Kurzes u wie in Turm, aber langes ū wie in Grube.
Die folgenden Vokale sind immer lang:
e wie in Demut.
o wie in Rose.

 

Die Vokalkombinationen ai wie in Laib, und au wie in Raum.

 

 

Konsonanten

c gesprochen wie ›tsch‹ in Tschechoslowakei.
wird im Rachen ausgesprochen, wie in Drang.
e9783641134822_i0022.jpg wie n in Sand, vor einem Vokal jedoch wie nj in Sonja.
ś ś und ṡ wie sch in Schirm.
v nach einem Konsonanten wie w gesprochen,
h wird immer einzeln ausgesprochen, wenn es einem Konsonanten folgt, also ch = tsch – h; ph = p – h; th = t – h usw.

Glossarium der Sanskritwörter

Amrta: das Elixier der Unsterblichkeit oder des spirituellen Lebens.
Avadhūti oder Dhūti: der zentrale Kanal der Lebensenergie (Prāna) im menschlichen Körper.
Bodhisattva: ein zukünftiger Buddha, der gelobt hat, zum Wohle aller Lebewesen zu wirken, anstatt den Zustand der Erleuchtung nur für sich allein zu genießen. Die göttlichen Bodhisattvas repräsentieren die Aktivität des erleuchteten Geistes im Leben.
Brāhmana: Mitglied der höchsten Hindu-Kaste.
Brahmarandhra: die Öffnung des Brahman: eine Öffnung in der Schädeldecke am oberen Ende des zentralen Kanals der Lebensenergie, durch die das Bewusstsein nach dem Tode austreten sollte, um Befreiung erlangen zu können.
Buddha: der Erwachte, der Erleuchtete. Das Wort Buddha kann sich auf die göttlichen Buddhas beziehen, die Aspekte des Prinzips der Erleuchtung sind, auf ein erleuchtetes Wesen oder insbesondere auf Gautama Buddha, den historischen Buddha. Auch der Name einer der fünf Familien (siehe Einleitung und Kommentar).
Dākinī: das weibliche Energie-Prinzip, das mit Wissen und Intelligenz eng verbunden ist. Es kann sowohl destruktiv als auch kreativ sein.
Dharma: Wahrheit, Religion, Gesetz. In der Mehrzahl werden damit die fundamentalen Elemente oder Wirklichkeiten bezeichnet.
Dharmadhātu: Dhātu heißt Raum, Sphäre, Bereich. Dharmadhātu bezeichnet die Vorstellung der allumfassenden Matrix, in der alle Phänomene entstehen und vergehen.
Dharmakāya: der ›Körper der Wahrheit‹, das absolute Buddha-Wesen. (siehe: Kāya)
Dharmatā: die Gesamtheit der fundamentalen Elemente, die Essenz der Wirklichkeit.
Dhūti: (siehe: Avadhūti).
Gandharva: die Musiker der Götter, mit den Geistesregungen verbunden. ›Stadt der Gandharvas‹ ist ein Ausdruck für eine Illusion, ein Trugbild.
Garuda: mythischer Vogel, halb Mensch und halb Adler. Er repräsentiert das Vertrauen und die Kraft des Yogin und verschlingt die Schlangen der giftigen Emotionen. Der Shang-Shang (Tibetisch) ist ein besondere Art von Garuda, der während seines Fluges mit einem paar Schellen musiziert.
Gaurī: Name einer Göttin, ›Die Weiße‹, und einer Gruppe von acht Göttinnen, die sie anführt. Sie erscheinen am zwölften Tag des Bardo. (siehe: Kommentar)
Guru: religiöser Lehrer, auch ›spiritueller Freund‹ genannt.
Heruka: das männliche Energie-Prinzip in einer rasenden Manifestation. (siehe: Kommentar)
Karma: Tun, Wirken. Eine der fünf Familien (siehe: Einleitung und Kommentar). Die Doktrin, dass jedes Tun eine unvermeidliche Folge nach sich zieht. Das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Kāya: Körper – in einem abstrakten Sinn in der Vorstellung der Drei Kāyas gebraucht. Der erste, Dharmakāya, ist der Körper des Dharma oder der Wahrheit, das absolute Buddha-Wesen. Der zweite, Sambhogakāya, ist der Körper der Freude, jener Aspekt des Buddha-Wesens, der den Dharma vermittelt und in der Form der friedlichen und rasenden Gottheiten erscheint. Der dritte, Nirmānakāya, ist der Körper der Schöpfung, in dem sich das Buddha-Wesen auf der Erde manifestiert. Diese drei umfassend und transzendierend ist ein vierter, der Svabhāvikakāya, der Essentielle Körper des Allem Innewohnenden Wesens.
Mandala: die Anordnung der Gottheiten oder ihrer Embleme, gewöhnlich in der Form eines Kreises, von einem Zentrum emanierend, welche eine bestimmte Verteilung von Energien darstellt.
Mantra: Formel von Sanskritwörtern oder Silben, die im Klang das Wesen einer bestimmten Gottheit, Eigenschaft oder Macht ausdrückt.
Meru: ein goldener Berg im Zentrum des Universums, von den vier Kontinenten umgeben. Das Zentrum des kosmischen Mandala.
Nādī. Kanal der Lebensenergie (Prāna) im menschlichen Körper. Das System der Nādīs ist das Muster der Reaktionen auf die Wirklichkeit.
Nirmānakāya: der ›Körper der Schöpfung‹, die Form, in der sich der Buddha und andere erleuchtete Wesen auf der Erde manifestieren. (siehe: Kāya)
Padma: Lotus. Eine der Fünf Familien. (siehe: Einleitung und Kommentar)
Piśācī: eine Gruppe von Göttinnen mit Tierköpfen. Sie erscheinen am zwölften Tag des Bardo.
Prāna: Energie oder Lebenskraft, Träger von Geist und Bewusstsein.
Ratna: Juwel. Eine der fünf Familien. (siehe: Einleitung und Kommentar)
Sādhana: ein Text, der die bildliche Vorstellung und Verehrung einer Gottheit beschreibt. Auch die spirituelle Übung selbst.
Samādhi: Meditation, in der die Unterscheidung von Subjekt und Objekt verschwindet.
Samaya: das heilige Gelübde, das den tantrischen Yogin an seine Übung bindet.
Sambhogakāya: der ›Körper der Freude‹. Der visionäre und kommunikative Aspekt des Buddha-Wesens. (siehe: Kāya)
Samsāra: der Kreislauf der Existenz, der auf Unwissen gründet, vom Leid charakterisiert.
Sangha: die Gemeinde jener, die das Dharma üben.
Siddha: ein Yogin, der spirituelle Verwirklichung und übernatürliche Kräfte (Siddhi) erreicht hat.
Skandha: die fünf psychologischen Komponenten der menschlichen Persönlichkeit. (siehe: Einleitung)
Stūpa: kuppelförmige Monumente, die Reliquien oder religiöse Texte enthalten.
Sūtra: eine Predigt des Buddha über Meditation und Philosophie.
Svabhāvikakāya: der Essentielle Körper des Allem Innewohnenden Wesens.
Tantra: eine Abhandlung, die die Lehren einer bestimmten spirituellen Praxis enthält, die sich mit der Umwandlung von Energie befasst. Auch die Methode selbst. Nur die grundlegenden Haupttexte werden Tantras genannt. Es gibt jedoch viele verwandte Texte, einschließlich des Bardo Thödol, die als tantrisch bezeichnet werden können.
Tathāgata: synonym mit Buddha. Insbesondere für die fünf Sambhogak-aya-Buddhas benutzt. (siehe: Einleitung)
Vajra: ein tantrisches Ritualobjekt. Es besteht aus einem kugelförmigen Zentrum, aus dem ein Paar gekrümmter Zacken, gewöhnlich fünf oder neun an Zahl, ausstrahlen. Vajra bedeutet Donnerkeil oder Demant. Er symbolisiert alle ihrer Eigenschaften: Macht, Unzerstörbarkeit,
Reinheit und Überlegenheit. Auch der Name einer der fünf Familien. (siehe: Einleitung und Kommentar)
Vidyādhara: Besitzer von Wissen oder Einsicht (auch ›Wissenshalter‹ übersetzt): die Energie von Erforschung und Kommunikation. (siehe: Kommentar)
Yoga: eine psycho-physische Methode der spirituellen Entwicklung, die sich mit der Lenkung von Energie und Bewusstsein befasst.
Yogin: ein den Yoga Übender.
Yoginī: eine weibliche Übende des Yoga. Hier nur für eine Gruppe von Göttinnen benutzt, die am zwölften Tag des Bardo erscheinen.

Abbildungsverzeichnis

Bild 1 Hand mit Vajra
Bild 2 Das tibetische Rad der Lehre
Bild 3 Vajra,
Der Vajra, das wichtigste religiöse Symbol des tibetischen Buddhismus, der auch als ›Vajrayāna‹, das ›Demant-Fahrzeug‹ bezeichnet wird.
Bild 4 Samantabhadra Yantra
Dies ist eines der in Tibet als »Tagdrol« bekannten Yantras. Tagdrol heißt ›durch Tragen befreit‹. Tragen ist eine der Sechs Befreiungen, neben der Befreiung durch Hören, Sehen, Erinnern, Berühren und Schmecken. Dieses Yantra wird auf den Körper des Gestorbenen gelegt, um ihn im Bardo der Dharmatā zu inspirieren. Die zentrale Figur ist Samantabhadra, der Erhabenen Dharmakāya-Buddha, der die Dharmatā repräsentiert. Er ist von den Mandalas der friedlichen Gottheiten, der Vidyādharas und der rasenden Gottheiten umgeben, die hier von ihren Mantras repräsentiert werden. Im äußersten Kreis finden sich die Mantras der Buddhas der Sechs Bereiche.
Bild 5 Vairocana,
Vairocana in Umarmung mit seiner Gefährtin Ākāśadhāteśvarī der ›Königin des Vajra-Raumes‹. In der Linken hält er sein Emblem, das Achtspeichige Rad, in der Rechten eine Glocke.
Bild 6 Akṡobhya
Vajrasattva-Akṡobhya in Umarmung mit seiner Gefährtin Buddha-Locanā. Er hält sein Emblem, den Vajra, in der Linken, eine Glocke in der Rechten.
Bild 7 Ratnasambhava
Ratnasambhava in Umarmung mit seiner Gefährtin Māmakī, sein Emblem, das wunscherfüllende Juwel, in der linken Hand und eine Glocke in der Rechten haltend.
Bild 8 Amitābha
Amitābha in Umarmung mit seiner Gefährtin Pandaravāsinī. Sein Emblem, eine Lotusblüte, trägt er in einer Schale in der linken Hand, eine Glocke in der Rechten.
Bild 9 Amoghasiddhi
Amoghasiddhi in Umarmung mit seiner Gefährtin Samaya-Tārā. Sein Emblem ist der Doppelvajra, oder auch das ›heilige Schwert des Nordens‹, das er auf dieser Abbildung in der linken Hand trägt. Die Rechte hält eine Glocke.
Bild 10 Vajrapāni
Vajrapāni, der Bodhisattva der Energie, in einer rasenden Manifestation.
Bild 11 Doppelvajra
Der Doppelvajra, Emblem des Amoghasiddhi und Symbol der ›Allesvollendenden Weisheit‹.

Inspirationsgebet in Anrufung der Buddhas und Bodhisattvas um Errettung

Ist man dem Tode nahe, rufe man immer die Buddhas und Bodhisattvas um Errettung an. Man bringe den Drei Juwelen materielle und geistige Opfer dar und spreche, duftendes Räucherwerk in der Hand haltend, diese Worte mit der ganzen Kraft der Sammlung:÷

 

 

O ihr Buddhas und Bodhisattvas, die ihr in den Zehn Richtungen wohnt, barmherzig, allwissend, mit den fünf Arten von Augen, liebende Beschützer aller Lebewesen, kommt durch die Macht des Erbarmens an diesen Ort und empfangt meine materiellen und geistigen Opfergaben.÷

O ihr Erbarmenden, ihr besitzt erkennende Weisheit, liebendes Erbarmen, wirksames Handeln und beschützende Macht über jegliche Vorstellungskraft. O ihr Erbarmenden, dieser Mensch, (Name), geht aus dieser Welt zum anderen Ufer, er verlässt diese Welt, es bleibt ihm nichts als zu sterben, er hat keine Freunde, er leidet sehr, er hat keine Zuflucht, er hat keinen Beschützer, er hat keine Verbündeten, das Licht dieses Lebens ist ihm untergegangen, er geht in eine andere Welt, er tritt in dichte Dunkelheit, er stürzt in einen tiefen Abgrund, er betritt einen dichten Wald, er ist von der Macht des Karma verfolgt, er geht in öde Wildnis, er wird von einem riesigen Ozean davongespült, er wird getrieben vom Wind des Karma, er geht hin, wo es keinen festen Boden gibt, er zieht in eine große Schlacht, er wird heimgesucht vom großen bösen Geist, er wird erschreckt von den Boten des Herrn des Todes, er geht ob seines Karma in Existenz nach Existenz ein, er ist hilflos, die Zeit ist gekommen, da er hingehen muss ohne einen Freund.÷

O ihr Erbarmenden, seid ihm Zuflucht, (Name), ihm, der keine Zuflucht hat, beschützt ihn, verteidigt ihn, bewahrt ihn vor der großen Dunkelheit des Bardo, führt ihn vorbei am großen Wirbelsturm des Bardo, schützt ihn vor der großen Furcht des Herrn des Todes, erlöst ihn von der langen und gefährlichen Gratwanderung des Bardo. O ihr Erbarmenden, lasst es nicht an euerm Erbarmen mangeln, rettet ihn, lasst ihn nicht in die drei niederen Bereiche absteigen, vergesst euere früheren Gelübde nicht, sondern sendet ihm schnell die Macht rares Erbarmens.÷

O ihr Buddhas und Bodhisattvas, lasst es nicht an euerm Erbarmen und den wirksamen Mitteln für ihn, (Name), mangeln, ergreift ihn mit euerm Erbarmen, lasst ein Lebewesen nicht der Macht des schlechten Karma verfallen.÷

Mögen die Drei Juwelen eine Zuflucht vor dem Leid im Bardo sein.÷

 

Dies spreche man selbst und alle anderen mit tiefer Hingabe. Dann lese man »Die Befreiung durch das Hören«, die »Errettung von der gefährlichen Gratwanderung des Bardo«, und das »Bardo-Gebet, das vor Furcht schützt«.÷

Die Hauptverse der sechs Bardos

So mir nun der Bardo der Geburt aufgeht,
Will ich die Trägheit, für die das Leben keine Zeit hat,
aufgeben,
Will unbeirrt den Pfad von Lernen, Nachdenken und
Meditation betreten,
Die Projektionen machen und auf den Pfad achten, und so
die drei Kāyas verwirklichen;
Da ich nun einmal einen Menschenkörper angenommen
habe,
Bleibt dem Geist auf diesem Pfade keine Zeit zu wandern. ÷

 

So mir nun der Bardo der Träume aufgeht,
Will ich den leichengleichen Schlaf achtloser Unbewusstheit
aufgeben,
Und meine Gedanken in ihren natürlichen Zustand ohne
Ablenkungen übergehen lassen;
Die Träume kontrollierend und in den Glanz verwandelnd,
Will ich nicht schlafen wie ein Tier,
Sondern will Schlaf und Übung ganz Einswerden lassen. ÷

 

So mir nun der Bardo der Samādhi-Meditation aufgeht,
Will ich die Masse von Zerstreuungen und von Verblendungen
aufgeben,
Und in dem grenzenlosen Zustand ohne Festhalten und jegliche
Verwirrung ruhen,
Gefestigt in den beiden Übungen: der Vorstellung und der
Vollkommenen,
Zu dieser Zeit der Meditation, gesammelt und völlig absichtslos,
Will ich der Macht verblendeter Gefühle nicht verfallen. ÷

 

So mir nun der Bardo des Augenblickes vor dem Tod aufgeht,
Will ich alles Ergreifen, Sehnen und Festhalten aufgeben,
Will unbeirrt in die klare Bewusstheit der Lehre eingehen
Und mein Bewusstsein in den Raum des ungeborenen Geistes
anschleudern;
Diesen zusammengesetzten Körper von Fleisch und Blut
verlassend,
Will ich ihn als eine vergängliche Illusion erkennen÷

 

So mir nun der Bardo der Dharmatā aufgeht,
Will ich alle Gedanken von Furcht und Schrecken aufgeben,
Will alles, was erscheint, als meine Projektion erkennen,
Und wissen, dass es eine Vision des Bardo ist;
Nun, angelangt an diesem Wendepunkt,
Will ich die Friedlichen und Rasenden, meine eigenen
Projektionen, nicht fürchten.÷

 

So mir nun der Bardo des Werdens aufgeht,
Will ich meinen Geist vollkommen sammeln,
Und mich bemühn, das Wirken guten Karmas zu verlängern,
Den Schoß-Eingang verschließen und Widerstand leisten;
Dies ist die Zeit, da Ausdauer und reines Denken unerlässlich sind,
Gib auf die Eifersucht und meditiere über den Guru mit seiner
Gefährtin.÷

 

Mit abwesendem Geist, nicht an das Nahen des Todes denkend,
In solch sinnlosem Tun befangen,
Zurückzukehren mit leeren Händen wäre jetzt völlige Verblendung;
Was nottut, ist, den heiligen Dharma zu erkennen,
Also, warum den Dharma nicht in diesem Augenblick üben?
Aus dem Mund der Siddhas kommen diese Worte:
Bewahrst du deines Guru Lehren nicht im Herzen,
Wirst du dich dann nicht selbst betrügen?÷

Inspirationsgebet zur Errettung von der gefährlichen Gratwanderung des Bardo

Verehrung den Gurus, Yidams und Dākinīs,
Mit ihrer großen Liebe mögen sie uns auf den Pfad führen.÷

 

So ich ob Verblendung wandere im Samsāra,
Auf unbeirrtem Lichtpfad von Lernen, Nachdenken und
Meditation,
Mögen die Gurus der heiligen Linie mir voranschreiten,
Ihre Gefährtinnen, die Heerscharen der Dākinīs, im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob großen Unverstandes wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Dharmadhātu-Weisheit,
Schreite mir der Erhabene Vairocana voran,
Seine Gefährtin, Königin des Vajra-Raums, im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob heftiger Aggression wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Spiegelgleichen Weisheit,
Schreite mir der Erhabene Vajrasattva voran,
Seine Gefährtin, Buddha-Locanā, im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob übermäßigem Stolz wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Gleichheits-Weisheit,
Schreite mir der Erhabene Ratnasambhava voran,
Seine Gefährtin Māmakī im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob brennender Begierde wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Unterscheidenden Weisheit,
Schreite mir der Erhabene Amitābha voran,
Seine Gefährtin Pāndaravāsinī im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob bohrendem Neid wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Allesvollendenden Weisheit,
Schreite mir der Erhabene Amoghasiddhi voran,
Seine Gefährtin Samaya-Tārā im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob starker unbewusster Neigungen wandere im Samsāra,
Auf glänzendem Lichtpfad der Eingeborenen Weisheit,
Mögen mir die Vidyādhara-Krieger voranschreiten,
Ihre Gefährtinnen, die Heerscharen der Dākinīs im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

So ich ob heftiger verwirrter Projektionen wandere im Samsāra,
Auf dem Lichtpfad der Befreiung von aller Furcht,
Mögen mir die Erhabenen, Friedliche und Rasende, voranschreiten,
Die Heerscharen der Dākinīs, Königinnen des Raumes, im Rücken;
O steht mir bei auf der gefährlichen Gratwanderung des Bardo,
Geleitet mich zur vollkommenen Buddhaschaft.÷

 

Mögen die Elemente des Raumes nicht als Feind aufstehen,
Möge ich das Reich des Blauen Buddha schauen.
Möge das Element des Wassers nicht als Feind aufstehen,
Möge ich das Reich des Weißen Buddha schauen.
Möge das Element der Erde nicht als Feind aufstehen,
Möge ich das Reich des Gelben Buddha schauen.
Möge das Element des Feuers nicht als Feind aufstehen,
Möge ich das Reich des Roten Buddha schauen.
Möge das Element der Luft nicht als Feind aufstehen,
Möge ich das Reich des Grünen Buddha schauen.
Mögen die Regenbogenelemente nicht als Feinde aufstehen,
Möge ich die Reiche all der Buddhas schauen.
Mögen die Klänge, Lichter und Strahlen nicht als Feinde aufstehen,
Möge ich die unendlichen Reiche der Friedlichen und Rasenden schauen.

Möge ich alle Klänge als meinen eigenen Klang erkennen,
Möge ich alle Lichter als mein eigenes Licht erkennen,
Möge ich alle Strahlen als meinen eigenen Strahl erkennen.
Möge ich spontan den Bardo als mich selbst erkennen,
Möge ich die Reiche der Drei Kāyas erlangen.÷

Das Bardo-Gebet, das vor Furcht schützt

So die Reise meines Lebens nun beendet ist,
Und da keine Verwandten mit mir aus dieser Welt dahingehen,
Wandere ich einsam im Bardo-Zustand;
Mögen die friedlichen und rasenden Buddhas die Macht ihres
Erbarmens aussenden,
Und die dichte Dunkelheit des Unverstands ausräumen.÷

 

So ich getrennt von den geliebten Freunden einsam wandere,
Und die leeren Formen meiner eigenen Projektionen mir erscheinen,
Mögen die Buddhas die Macht ihres Erbarmens aussenden,
Damit die Schrecken des Bardo nicht auftreten.÷

 

So die fünf glänzenden Weisheitslichter strahlen,
Möge ich furchtlos mich selbst erkennen;
So die Formen der Friedlichen und Rasenden erscheinen,
Möge ich furchtlos und vertrauensvoll den Bardo erkennen.÷

 

So ich leide ob der Macht des üblen Karma,
Mögen die friedlichen und rasenden Buddhas das Leid ausräumen;
So der Klang des Dharmatā wie tausend Donnerschläge grollt,
Möge er verwandelt werden in den Klang der Mahāyāna-Lehre.÷

 

So ich meinem Karma folge, ohne Zuflucht,
Mögen die friedlichen und rasenden Buddhas mir Zuflucht sein;
So ich das Karma unbewusster Neigungen erleide,
Möge mir der Samādhi von Glückseligkeit und Glanz aufgehen.÷

 

Im Augenblick der spontanen Geburt im Bardo des Werdens,
Mögen die falschen Lehren der Versucher nicht aufstehen;
So ich durch übernatürliche Macht an jeden Ort meines Wunsches
gelange,
Möge der Wahn des Schreckens üblen Karmas nicht entstehn.÷

 

So die wilden Raubtiere brüllen,
Möge es zum Klang des Dharma, der Sechs Silben werden;
So ich von Schnee, Regen, Wind und Dunkelheit verfolgt werde,
Möge ich das klare, göttliche Weisheitsauge erlangen.÷

 

Mögen alle Lebewesen des gleichen Bereichs im Bardo,
Frei von Eifersucht, in einem höheren Zustand geboren werden;
So die Leidenschaften großen Durst und Hunger verursachen,
Mögen die Qualen von Hunger und Durst, Hitze und Kälte nicht
entstehen.÷

 

So ich meine künftigen Eltern in der Vereinigung sehe,
Möge ich die friedlichen und rasenden Buddhas mit ihren
Gefährtinnen sehen;
Mit der Macht meinen Geburtsort zu wählen, möge ich zum Wohle
anderer,
Einen vollkommenen Körper, geschmückt von den
verheißungsvollen Zeichen, empfangen.÷

 

Indem ich so für mich einen vollkommenen Menschenkörper
erlange,
Mögen alle, die mich sehen und hören, sofort befreit werden;
Möge ich nicht all meinem üblen Karma folgen,
Sondern allen Verdiensten, die ich habe, nachfolgen und sie
erweitern.÷

 

Wo immer ich geboren werde, möge ich an jenem Ort,
Dem Yidam dieses Lebens von Angesicht zu Angesicht begegnen;
Möge ich von Geburt an gehen und sprechen können,
Und die Macht des Nichtvergessens und der Erinnerung an frühere
Leben erlangen.÷

 

Auf allen Stufen des Lernens, hohen, mittleren und niederen,
Möge ich durch bloßes Hören, Denken und Sehen verstehen;
Wo immer ich geboren werde, möge das Land gesegnet sein,
So dass alle lebenden Wesen glücklich sein können.÷

 

O friedliche und rasende Buddhas, mögen ich und andere
So werden wie Ihr selbst, genau wie Ihr,
Mit Eurer Form und Eueren verheißungsvollen Merkmalen,
Eurem Gefolge, Eurem langen Leben und Euren Reichen.÷

 

Samantabhadra, die Friedlichen und Rasenden, unendliches
Erbarmen,
Die Macht der Wahrheit der reinen Dharmatā,
Und die Jünger des Tantra in gesammelter Meditation:
Möge ihr Segen dieses Inspirationsgebet erfüllen.÷

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Bild 11

Inspirations-Gebete

Diese »Inspirationsgebete« stammen aus der Sammlung von Terma-Texten, die mit dem Bardo Thödol verbunden sind. Sie werden alle als Andachtsübungen im Bardo Thödol selbst erwähnt, und einige Verse daraus werden als Teil der Unterweisung des gestorbenen Menschen zitiert. Das Wort, das oft einfach als ›Gebet‹ übersetzt wird, heißt wörtlich »Wunsch-Pfad« (tibetisch: smon-lam). Es ist keine Bitte an eine äußere Gottheit, sondern eine Methode der Läuterung und Führung des Geistes. Es wirkt als Inspiration, indem es den inhärenten Drang des Geistes zum Guten weckt, was die Erfüllung seines Strebens heranzieht.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

 

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
The Tibetian Book of the Dead
The Great Liberation Through Hearing In The Bardo
bei Shambala Publications, Inc., Berkeley/Kalifornien

 

© Francesca Fremantle und Chögyam Trungpa
© der deutschsprachigen Ausgabe Heinrich Hugendubel Verlag,
Kreuzlingen/München 2008
Alle Rechte vorbehalten

 

 

Umschlaggestaltung: Weiss/Zembsch/Partner, Werkstatt/München
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

eISBN 978-3-641-13482-2

www.randomhouse.de

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Seiner Heiligkeit dem XVI. Gyalwa Karmapa
Rangjung Rigpi Dorje gewidmet