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STRUHAR • FARBEN DER VERGANGENHEIT

STANISLAV STRUHAR

Farben der Vergangenheit

Erzählungen

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Die Arbeit an diesen Erzählungen wurde durch Stipendien des Bundeskanzleramtes der Republik Österreich, Sektion II »Kunst und Kultur«, unterstützt. M
Die Herausgabe des Buches erfolgte mit freundlicher Unterstützung durch die Stadt Wien.

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Copyright © dieser Ausgabe 2016 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99047-039-8

Inhalt

Die Stille der alten Steine

Der Himmel so nah

Die Diebin

Die Stille der alten Steine

1

Die Nacht war mondhell und warm, und die Hügel schwiegen, wie in Schlaf versunken lag das Tal, fabelhaft strahlte der Sternenhimmel über Apricale.

»Bist du schon fertig?«, fragte Fulvio, und flüchtig strich er über sein Haar, das braun glänzte. Ja, antwortete Domenico nur, den Blick in die Tiefe des Tals gerichtet, wo kleine Fenster leuchteten. In Eile verließen sie die Wohnung und stiegen, von uralten Häusern umgeben, zum Hauptplatz hinauf. Er hole etwas zu trinken, sagte Fulvio vor der Theaterbühne, ehe er sich entfernte, in der Menschenmenge verschwand, und Domenico ging weiter.

»Domenico?«

»Patrizia, was machst du denn hier?«, sagte er, nicht weniger überrascht, auch er lächelte. Sie war nicht mehr mädchenhaft schlank, wie ihr Kleid zu erkennen gab, doch ihr Haar, schwarzlockig und lang, war unverändert geblieben. Seit wann er in Apricale sei, fragte sie. Eine Woche schon sei er hier, übermorgen müsse er aber zurück nach Turin. Sie sei vorgestern gekommen, mit einer Freundin sei sie da, werde aber nur vier Tage bleiben. Ob seine Mutter auch hier sei? Nein, sie sei in Turin. Ob sie noch die Bar in Turin hätten? Klar, antwortete er und fragte, wie es ihr auf der Universität gehe. Sie sei mit dem Studium bereits fertig, und vor einem Jahr habe sie sogar ihren Traumjob gefunden.

»Hast du wirklich mit Architektur zu tun?«

»Ja«, antwortete sie, und er sah zur Bühne, fragte dann, was das für eine Firma sei, wo sie arbeite. Sie sah auch zur Bühne, doch kaum hatte sie geantwortet, kam schon Fulvio. Er begrüßte sie und reichte Domenico ein Glas Wein, danach ging er zurück ins Café. Und Domenico fragte Patrizia, ob sie Lust hätte, spazieren zu gehen.

Das Zimmer lag im Morgenlicht, duftete nach Parfüm, als er seine Augen öffnete. Er drehte sich um und sah sie an. Ihre Finger drückten leicht seinen Arm, und sie stützte den Kopf in die Hand.

»Du bist ein richtiger Mann geworden.«

»Ein richtiger Mann?«, murmelte er, und sie strich über sein Haar.

»Als ich klein war, habe ich mir genau solche blonde Haare gewünscht«, sagte sie, und er äußerte den Wunsch, nach draußen zu gehen. Ob er glaube, dass Fulvio in seinem Zimmer sei, dass er noch schlafe, fragte sie. Ja, antwortete er, und so still sie in der Nacht gekommen waren, verließen sie das Haus. Sie gingen durch Gassen, liefen an Gärten vorbei, und bald schon gelangten sie zur Straße, die am Dorf vorbeiführte. Musik, die aus einem alten Auto kam, brachte sie zum Stehen, und ein betagter Mann, der am Steuer saß, grüßte sie. Sie überquerten die Straße und nahmen den Weg, der zum Bach hinunter führte. Zusammen stiegen sie dann ins Wasser, und ihre Blicke wanderten über Bäume, die sie umschlossen.

»Die Menschen hier mussten sehr einsam gewesen sein«, sagte Patrizia, als sie zu der Hausruine sah, die im Schatten des Laubes stand. Vielleicht seien sie gar nicht so einsam gewesen, meinte er, und sie bat ihn, nach Genua zu ziehen. Das sei nicht so einfach. Doch, es sei einfach, er müsse es nur wollen.

»Wie warm der Bach ist«, sagte er wenig später, als er aus dem Wasser stieg, dann zog er sich an und setzte sich auf einen Stein, der vor der uralten Brücke lag. Sie schlüpfte in ihr Kleid und kam zu ihm, ließ sich auf seinen Schoß fallen und brachte ihr Handy ans Ohr. Während sie mit Gianna, ihrer Freundin, telefonierte, putzte er ihr Kleid von den Blätterresten, die daran klebten, und als sie das Handy einsteckte, rief er Fulvio an. Sie starrte zum Himmel, und er betrachtete ihre nackten Beine, die auf unbekümmerte Weise schaukelten, so herrlich glatt waren. Leise verabschiedete er sich von Fulvio, und sachte strich er über ihr Knie. Sie habe eine Idee, sagte sie, und wieder nahm sie ihr Handy. Dann erhob sie sich, ging auf die Brücke, und als sie zurückkam, schaltete sie das Handy aus und sagte, sie seien zum Essen eingeladen.

»Wer hat uns denn eingeladen?«

»Komm, sonst verpassen wir den Bus.«

Lang war der Weg zur Straße hinauf, voll heißer Sonnenstrahlen die Luft, und der Bus stand schon an der Haltestelle. Der Busfahrer wartete auf sie, grüßte und lächelte, und nachdem sie Platz genommen hatten, fuhr er los. Vor jeder Kurve hupte er, bremste sanft, erst in der Tiefe des Tals beschleunigte er das Tempo, und Pigna und Castelvittorio erhoben sich aus dem satten Grün des Hinterlandes. Ob er sich noch erinnern könne, wie er mit seiner Mutter nach Pigna gefahren sei? Er nickte, und Patrizia fragte weiter, ob seine Mutter immer noch eine Ferienwohnung in Ligurien suche. Nein, erwiderte er, und sie legte ihre Finger auf seine Hand. Träge rollte der Bus aus Pigna, und Berge ragten auf. Die Sonne verschwand, und Buggio erschien im Schatten der Ferne.

»Hier würde man bestimmt eine günstige Wohnung finden«, sagte Patrizia, als sie in die erste Gasse kamen. Nur zwei alte Männer saßen auf dem Hauptplatz, kein Geräusch drang aus den Häusern, und der Himmel über ihnen lag wolkenlos, rein und blau, vollständig geöffnet. In der nächsten Gasse blieb Patrizia stehen, und dann klopfte sie an eine Haustür.

»Es ist offen«, tönte es aus dem Fenster über der Tür.

»Giuseppina!«, rief Patrizia aus, und strahlend lief sie in die Wohnung. Sie schloss Giuseppina in die Arme, strich über ihr ergrautes Haar und sah sie noch einmal an, danach stellte sie ihr Domenico vor.

»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte Giuseppina, Patrizia wieder zugewandt.

»Es geht ihr gut. Möchtest du sie anrufen? Sie würde sich freuen.«

»Vielleicht später«, antwortete Giuseppina und schlenderte ins Wohnzimmer. Dort wartete schon das Essen, schön auf den Tellern hergerichtet, und in der Luft hing der Duft des Kaffees. Domenico nahm als Erster am Tisch Platz, und die eingerahmte Fotografie eines Mannes, die unter einem Kruzifix auf einem kleinen Schrank stand, zog seinen Blick an. Giuseppina wünschte einen guten Appetit, und Patrizia fing an, von ihrem neuen Architekturprojekt zu erzählen.

»Ist das Ihr Mann gewesen?«, fragte Domenico nach dem Essen. »Ich meine, die Fotografie, dort, auf dem Schrank.«

»Ja, das war mein Francesco«, antwortete Giuseppina, und dann erzählte sie, wie sie mit einer Freundin in Mailand gewesen war, Francesco das erste Mal gesehen hatte.

 

2

Kaum war er aus dem Zug gestiegen, sah er sie schon. Er ließ seine Taschen fallen, und sie legte ihre Arme um seinen Hals. Jacqueline habe angerufen, es sei doch eine Stelle bei ihnen frei, sagte sie, und dann gingen sie zur Bushaltestelle. Im Bus erzählte sie, was alles sie in den vergangenen Tagen gemacht hatte, doch nachdem sie ausgestiegen waren, wurde sie still. In Eile verließen sie die Straße, und der Schatten einer schmalen Gasse umfing sie. Ein düsteres Treppenhaus öffnete sich ihren Augen, und im zweiten Stock betraten sie eine kleine Wohnung. Sie dürfe aber nicht schwanger werden, flüsterte sie, und ihre Lippen berührten sein Ohr.

Der Abend war schon angebrochen, als sie hinausgingen. Noch war der Himmel hell, doch viele Fenster leuchteten bereits, geöffnet oder geschlossen, so seltsam still, in den winkligen und scheinbar endlosen Gassen verborgen. Als Kind habe sie die Altstadt nicht gemocht, als Erwachsene aber lieb gewonnen, sagte Patrizia, und der Hafen erschien. Ein reges Treiben herrschte auf dem Platz vor dem Aquarium, Kinder schrien freudevoll, doch das Meer lag ruhig, einem Spiegel gleich. Lächelnd betrat Patrizia den nächsten Gastgarten, und als sie sich beide an einem Tisch niederließen, erzählte sie darüber, wie sie sich hier früher manchmal mit ihren Freundinnen getroffen hatte. Die Sonne war nicht mehr zu sehen, das Wasser widerspiegelte die Lichter des Kais, und die Schiffe glänzten, standen still, als seien alle hier zur Schau gestellt. Ob man von hier aus sehen könne, wo sie wohne, fragte er. Nein, antwortete sie.

»Wann lädst du mich zu euch ein?«

»Wir müssen meinen Eltern noch Zeit lassen.«

»Wie ist denn diese Jacqueline?«

»Sie ist nett, aber noch zu jung, zu naiv.«

»Wie jung ist sie?«

»Zweiundzwanzig.«

»Also nur zehn Jahre jünger als wir.«

»Nur?«

»Und wie geht es ihr so?«

»Ich glaube, es geht ihr gut, aber manchmal hat sie es nicht einfach. Ich meine, als eine Ausländerin, die keine Ausbildung hat.«

»Wo kommt sie her?«

»Aus Frankreich. Aus Menton. Sie war sechzehn, als sie hier nach Genua kam. Ihre Mutter hat nämlich einen Genuesen geheiratet. Jacqueline versteht sich aber nicht mit ihm. Deswegen ist sie von daheim ausgezogen. Übrigens, sie wohnt einen Stock über dir.«

Auf der Via XX Settembre blickte Patrizia auf ihre Uhr und wurde ernst. Doch lächelte sie bald wieder, und vor der Tür zum McDonald’s sagte sie zu Domenico, sie seien schon da. Sie machte die Tür auf und trat ein, und er sah, wie eine zarte Frau mit kurzem blondem Haar sie grüßte, die an der ersten Kasse arbeitete. Das sei Jacqueline, sagte Patrizia noch schnell. Und nachdem Domenico sich Jacqueline vorgestellt hatte, bestellte Patrizia einen Espresso.

»Und was nimmst du?«, fragte Jacqueline, ihm wieder zugewandt.

»Ich bin etwas nervös, ich bekomme jetzt nichts in den Magen«, war seine Antwort, und sie lachte, dann führte sie ihn zum Büro. Sie klopfte an, öffnete die Tür und ging zu Patrizia zurück, und im Büro erhob sich eine ältere Frau vom Tisch, um ihn zu begrüßen.

Als er das Büro verließ, stand Jacqueline wieder an der ersten Kasse. Er ging hin und dankte, dann erst verabschiedete er sich. Patrizia winkte ihr zum Abschied und sie gingen hinaus. Sie wollte ihm die Piazza della Vittoria zeigen, und auf dem Weg dorthin befragte sie ihn über das Vorstellungsgespräch. Sie müsse später noch nach Hause, aber am Abend komme sie zu ihm, sagte sie wie nebenbei, als sie sich beim Triumphbogen ins Gras legten. So sei sie hier zuletzt mit ihren Freundinnen von der Uni gelegen, bemerkte sie, kreuzte ihre Beine und gab einen zufriedenen Seufzer von sich, lächelte. Für so etwas habe er nie Zeit gehabt, sagte er. Ob er so sehr beschäftigt gewesen sei? Ja, er habe in der Bar arbeiten müssen, antwortete er und fragte, ob sie hier oft gewesen sei. Nur manchmal. Worüber sie sich hier mit ihren Freundinnen unterhalten habe, wollte er wissen, und sie sah ihn überrascht an, fragte, ob er nicht zu neugierig sei. Doch fing sie trotzdem an zu erzählen, und dafür musste er sie zur Bushaltestelle begleiten, musste warten, bis der Bus gekommen und sie eingestiegen war, ihm einen Abschiedskuss geschickt hatte. So lange stand er an der Haltestelle, bis der Bus losgefahren und verschwunden war, und als er zurück nach Hause kam, fühlte er sich an seine Mutter erinnert. Er nahm das Handy aus der Hosentasche, doch da bemerkte er ein junges Liebespaar, das am Fenster gegenüber stand, leidenschaftlich einander küsste. Das Handy in seiner Hand läutete, und Patrizia sagte, sie müsse noch etwas fertig machen, sei im Stress, werde erst morgen vorbeikommen.

Ob sie ihn etwa geweckt habe, fragte sie, als er die Wohnungstür öffnete, dann trat sie an ihn heran, gab ihm einen Kuss und ging in sein Zimmer. Er hörte, wie sie das Fenster aufmachte, und als er ins Zimmer kam, sah er sie mit der Frau aus der Wohnung gegenüber sprechen. Die Frau steckte sich das Haar hinters Ohr, und der Mann erschien. Grinsend legte der Mann seine Hand um ihre Schultern, und beide verabschiedeten sich von Patrizia.

»Wann bist du denn schlafen gegangen?«, fragte Patrizia, nachdem sie das Fenster zugedrückt hatte. »Wo hast du dich in der Nacht herumgetrieben?«

»Ich habe mir alles angeschaut, was du mir empfohlen hast.«

»Und? Waren das gute Tipps?«

»Sehr sogar.«

»Dann hast du bestimmt nichts gegen eine Hafenrundfahrt«, sagte sie, und schon wenig später gingen sie zum Hafen. Als sie dann auf dem Boot Platz nahmen, lenkte ein entzückender Bub, der auf dem Schoß einer Frau saß, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der Bub wies in die Ferne, wo ein großes Schiff fuhr, und die Frau strich über sein Haar, das die gleiche braune Farbe hatte wie ihr Haar.

»Hast du deine Mutter schon angerufen?«, fragte Patrizia.

»Nein. Ich möchte damit noch warten.«

»Und wenn du ihr eine SMS schickst?«

»Später vielleicht.«

»Was wirst du ihr schreiben?«

»Keine Ahnung.«

Schon am Vormittag unterlief ihm der erste Fehler, und als er beinahe eine Bestellung verwechselte, löste Jacqueline ihn an der Kasse ab. Aber nur für eine Weile, meinte sie, ehe sie gestand, anfangs ähnliche Schwierigkeiten gehabt zu haben. Bis zum Dienstende unterhielten sie sich miteinander, scherzten und lachten, doch als sie hinaus auf die Straße kamen, fragte Jacqueline ernst, ob er nicht auf Patrizia warten müsse. Nein, sie arbeite an ihrem neuen Projekt und habe daher keine Zeit, antwortete er, und danach gingen sie weiter. Auf der Piazza de Ferrari hielt Jacqueline bei dem monumentalen Springbrunnen an, um ihre Hände nass zu machen, und ihr Blick glitt über die Menschen, die herumsaßen. Es sei so nett hier, sagte sie.

»Magst du etwas trinken gehen?«, fragte er. »Beim Hafen vielleicht?«

»Aber ich bleibe nicht lange«, antwortete sie und trocknete sich die Hände an ihrem Hemd ab. Unterwegs erzählte sie von ihren ersten Tagen in Genua, machte Späße, doch im Gastgarten sagte sie plötzlich, sie sei freundlich aufgenommen gewesen und habe die Stadt schön gefunden, dennoch sei sie hier nicht heimisch geworden. Sie denke immer noch in ihrer Muttersprache, lese französischsprachige Bücher, und am liebsten höre sie französische Musik. Zugleich müsse sie aber gestehen, dass sie auf Französisch nur mehr mit ihrer Mama spreche. Ob sie keine Kontakte zu ihren Freundinnen aus Menton pflege, fragte er. Sie habe ein paar Mal mit Laeticia, ihrer guten Freundin, telefoniert, aber das sei schon lange her.

»Du warst nicht mehr in Menton, seitdem du hier bist?«

»Nein.«

»Und deine Mutter?«

»Meine Mama war im Frühling in Menton, weil ihre Schwester, also meine Tante Paulette, ihren Vierziger gefeiert hat.«

»Kommt deine Tante euch nicht besuchen?«

»Sie war nur zwei Mal bei uns, sie kann meinen Stiefvater nicht leiden«, antwortete sie, und dann erzählte sie von ihrem Stiefvater. Noch auf dem Heimweg sprach sie über ihn, so lange, bis Domenico seine Wohnungstür öffnete und sie unterbrach, auf Französisch unterbrach, um sich für ihre Hilfe an der Kasse zu bedanken. Dafür brauche er sich doch nicht zu bedanken, sagte sie auf Französisch, verabschiedete sich aber schnell, lief die Treppe hinauf. Er hörte, wie ihr Schloss rasselte, hörte, wie ihre Schritte sich entfernten, dann schloss er leise seine Tür. In der Wohnung gegenüber jagte der Mann die Frau um den Tisch, beide trugen sie Bademantel, lachten, nass und schwer glänzten ihre Haare, seltsam verspielt ihre Augen. Da packte der Mann die Frau an den Armen, ungestüm war nun seine Bewegung, er zog sie über den Tisch und küsste ihre Lippen, ihr Gesicht fest in seinen Händen. Die Finger der Frau berührten seine Schulter, hauchleicht und ziellos liefen sie über seine Haut, beide verschwanden mit einem Mal, und das Licht in ihrem Zimmer erlosch.

Er blickte zu einer Gruppe Jugendlicher, die vor dem Springbrunnen stand, als sein Handy läutete. Patrizia sagte, sie habe immer noch viel zu tun, aber am Abend hole sie ihn trotzdem ab. Sie wolle ihn ihrem Großvater vorstellen, fügte sie noch hinzu, ehe sie sich verabschiedete, und sein Blick wanderte über Häuser, die im Regen feiner Sonnenstrahlen glänzten.

Jacqueline stand an der ersten Kasse und zählte das Geld, ihre Begrüßung kam nur knapp, kaum hörbar über ihre Lippen. Als er zu ihr kam, sagte sie lediglich, er werde heute an der zweiten Kasse arbeiten, und dann wurde sie still, sprach ihn erst am Nachmittag wieder an. Ob bei ihnen in der Bar mehr los gewesen sei? Er verneinte und erzählte von ihrer Bar, auf Französisch, und sie hörte ihm aufmerksam zu. Wo er so gut Französisch gelernt habe? In der Schule und auch etwas zu Hause, aber er habe noch viel zu lernen, antwortete er.

»Hier wird nur auf Italienisch gesprochen«, brummte lächelnd der dicke Umberto, der aus der Küche trat, und ein junger Mann kam zu Jacquelines Kasse. Der Mann wollte sie sprechen, und sie folgte ihm zu einem Tisch, nahm Platz. Das sei Pietro, ihr ehemaliger Freund, sagte Umberto zu Domenico, und Jacqueline stand wieder auf. Auch Pietro stand auf, und rasch fasste er sie am Arm. Sie entwand sich seiner Hand, lief zur Toilette, und er ging fluchend hinaus. Mit dem werde sie noch Probleme haben, bemerkte Umberto, bevor er zurück in die Küche schlenderte.

Patrizia traf mit Verspätung ein, begrüßte Domenico an der Eingangstür und sagte, sie habe es leider nicht früher geschafft und wisse gar nicht, wann sie in den nächsten Tagen werde kommen können. Danach fuhren sie in ein Stadtviertel hinauf, das grün und ruhig war, und als sie aus dem Bus stiegen, betraten sie ein großes Haus. Großvater stand an der Wohnungstür, leicht gebeugt und kraftlos, er reichte Domenico die Hand und grüßte laut, ein kleines Lächeln auf den Lippen. Sein Wohnzimmer war ganz hell, seine Einrichtung schön, und sein Balkon gewährte einen herrlichen Ausblick. Patrizia zeigte Domenico jedes Zimmer, und als sie in die Küche kamen, brachte ein Kuchen sie zum Lachen, der auf dem Tisch wartete, nahezu gänzlich auseinandergefallen war. Auf Domenicos Wunsch hin aßen sie den Kuchen auf dem Balkon, und dabei erzählte Großvater, was es Neues in seinem Viertel gab, dachte an jene Zeit zurück, als Patrizia noch ein kleines Mädchen gewesen war. Über jede Frage, die Domenico ihm stellte, freute er sich, und als sie an der Wohnungstür Abschied voneinander nahmen, tätschelte Großvater plötzlich seine Schulter, flüsterte in sein Ohr, er müsse Geduld mit Patrizia haben.

In die Altstadt zurück wollte Patrizia zu Fuß gehen, und so versanken sie in Straßen, die im Schatten alter Bäume lagen. Als Kind habe sie unter diesen Bäumen gespielt, habe jedes Haus in der Gegend gekannt, sagte Patrizia und fragte, ob er sich vorstellen könne, hier zu wohnen. Ja, antwortete er.

Sie wünschte sich, er solle zur Umbertos Geburtstagsfeier auch ohne sie gehen, und meinte, das wäre die beste Gelegenheit, um Menschen kennenzulernen, endlich neue Freunde zu finden. Ob sie sich wirklich nicht frei nehmen könne? Nein, das gehe nicht, nein, das wolle sie nicht.

»Und wann sehen wir uns?«, fragte er.

»Keine Ahnung.«

»Das ist schlecht«, murmelte er, und sie gab einen Seufzer von sich, sagte, sie habe Verpflichtungen der Firma gegenüber und trage Verantwortung, könne nicht alles stehen lassen, um sich zu unterhalten, das müsse er wissen, das müsse er doch einsehen. Ja, er werde zu dem Fest allein gehen, sagte er.

Die Bar war voll besetzt, junge Menschen standen oder saßen herum, überall, wo man hinsah. Umberto freute sich, als er ihn sah, und strahlend führte er ihn zu ihren Arbeitskolleginnen. Ob er heute auch frei gehabt habe, fragte Sara Domenico, und er bejahte, plauderte dann mit ihr und mit den anderen, sah tanzenden Mädchen und Buben zu. Da sprach Jacqueline ihn an, und er begrüßte sie, wandte sich ihr ganz zu. Er habe gedacht, sagte er, sie werde nicht mehr kommen, und sie erzählte, wie anstrengend ihr Arbeitstag gewesen war. Kaum aber hatte sie ein Glas Wein getrunken, fühlte sie sich unwohl, musste an die frische Luft, wollte schnell hinaus.

»Geht es dir schon besser?«, fragte er dann, als sie auf einer Bank saßen.

»Ja.«

»Wirklich?«

»Ich habe mich mit meiner Mama gestritten.«

»Warum habt ihr euch gestritten?«

»Sie hat wieder so getan, als wäre bei ihr alles in Ordnung. Doch es geht ihr nicht gut. Sie ist mit Davide unglücklich. Und sie hat Heimweh.«

»Hat sie das gesagt?«