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Lesley Downer

Die Tochter des
Samurai

Roman

Deutsch von Susanne Aeckerle

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
»Across a Bridge of Dreams«
bei Bantam Press, a division of Transworld Publishers, London.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Lesley Downer

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013
beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der
Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Landkarte bei Transworld Publishers,
a Random House Group Company, London 2012

Umschlaggestaltung: buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10719-2

www.cbertelsmann.de

Für Arthur

Haro no yo no

In einer Frühlingsnacht

Yume no ukihashi

Zerbricht die

Todae shite

Schwimmende Brücke der Träume:

Mine ni wakaruru

Zerrissen vom Berggipfel

Yokugume no sora

Treibt die Wolke in den offenen Himmel

Fujiwara Teika (1162–1241)

Die Tempelglocken in Gion läuten von der Vergänglichkeit aller Dinge; die Sala-Blüten beim Sterbebett Buddhas bezeugen, dass alles Blühende verwelken muss. Die Stolzen währen nicht ewig, sie schwinden dahin wie der Traum einer Frühlingsnacht. Selbst die Mächtigen werden vergehen wie Staub vor dem Wind.

Erzählungen von den Heike

(zusammengestellt um 1371)

978-3-641-60719-7.pdf

Teil I

DIE SCHWARZE PÄONIE

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1

Zehnter Monat, Jahr des Hahns, sechstes Jahr der Meiji-Ära (November 1873)

Ein aromatischer Geruch drang durch die Türvorhänge und die Fensterritzen der Schwarzen Päonie, des berühmtesten Restaurants in ganz Tokyo. Taka klammerte sich an den Radschutz der Rikscha, um nicht vom Sitz zu rutschen, als das Gefährt mit einem Ruck davor zum Stehen kam und der Junge die Stangen zu Boden fallen ließ. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Der Geruch erfüllte die Luft, ähnlich wie der von gegrilltem Aal, aber kräftiger, öliger, schwerer. Rindfleisch, gebratenes Rindfleisch: der Geruch des neuen Zeitalters, der Zivilisation, der Aufklärung. Und sie, Taka Kitaoka, mit ihren äußerst erwachsenen dreizehn Jahren, würde es zum ersten Mal probieren.

Ihre Mutter Fujino war bereits aus der vorderen Rikscha gestiegen und mit einem Rascheln ihrer ausladenden taubengrauen Röcke durch den Eingang verschwunden. Tante Kiharu tippelte hinter ihr her, winzig und elegant in Kimono und eckig geschnittener Haori-Jacke, wie ein kleines Schiff hinter einem riesigen Dampfer, gefolgt von Takas Schwester Haru in einem Prinzesskleid, das Haar zu einem glänzenden Chignon aufgesteckt.

Auch Taka war im westlichen Stil gekleidet. Zum ersten Mal trug sie so ein Kleid und war zugleich stolz, befangen und ein wenig nervös. Das rosarote Tageskleid hatte eine enge Taille und eine leichte Turnüre, war nagelneu und speziell für sie bei einem Schneider in Yokohama in Auftrag gegeben worden. Taka hatte ihre Dienerin Okatsu angewiesen, ihr Korsett so eng zu schnüren, dass sie kaum atmen konnte. Zusätzlich trug sie ein Jäckchen, Handschuhe und eine dazu passende Kapotte. Sorgsam hob sie ihre Röcke, als sie durch den Vorraum ging, vorbei an aufgereihten Stiefeln, die nach Leder und Schuhcreme rochen.

Im Inneren der Schwarzen Päonie war es heiß, dampfig und voll von außerordentlichen Gerüchen und Geräuschen. Rauch von bratendem Fleisch vermischte sich mit Tabakqualm, der schwer über dem Raum hing. Durch das Gewirr von Stimmen und Gelächter, Schlürfen und Schmatzen erklangen raue Rufe wie »Hier herüber! Noch einen Teller von eurem guten Fleisch!«, »Das Feuer geht aus. Bring mehr Holzkohle, rasch!«, »Noch ein Fläschchen Sake!« Als wohlerzogene junge Dame wusste Taka, dass sie ihren Blick züchtig auf die Röcke ihrer Mutter gerichtet halten sollte, aber sie konnte nicht anders. Sie musste sich einfach umschauen.

Der Raum war berstend voll mit Männern, großen und kleinen, alten und jungen, die sich im Schneidersitz um quadratische Tische mit jeweils einem Kohlebecken in der Mitte niedergelassen hatten. Sie senkten ihre Stäbchen in gusseiserne Pfannen, in denen etwas Fleischiges brutzelte und blubberte, als wäre es lebendig, und dabei die Farbe von Rot zu Braun veränderte. Die Männer waren auf das Außergewöhnlichste gekleidet, einige traditionell in lockere Gewänder und Obis, andere in Hemden mit hohen Kragen und Brusttaschen, aus denen gewaltige Chronometer baumelten, sowie steifkrempige Hüte und dazu zusammengerollte schwarze Schirme neben sich am Boden. Papierstreifen waren an die Wände geheftet, mit aufgepinselten Wörtern in der eckigen Katakana-Schrift, die sie als fremdländisch auswiesen: Miruku, Cheezu, Bata – »Milch«, »Käse«, »Butter« – Wörter, die jedem, der als modern gelten wollte, zumindest vorgeblich vertraut sein sollten.

Noch nie war Taka an einem so exotischen Ort gewesen oder hatte eine solche Ansammlung erschreckend modischer Menschen gesehen. Verwundert schaute sie sich um, errötete und senkte rasch den Blick, als sie merkte, dass die Männer sie anstarrten.

»Otaka!«, rief ihre Mutter sie mit der höflichen Anredeform von Takas Namen.

Taka raffte die Röcke und eilte ihrer Mutter durch den Flur und in einen Nebenraum nach. Schwere Holzmöbel warfen im flackernden Licht der Kerzen und Öllampen lange Schatten. Bedienungen schoben die Türen hinter ihr zu, doch die rauen Rufe und das Gelächter waren immer noch zu hören. Taka setzte sich auf einen Stuhl, glättete ihre Röcke und war bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie unbehaglich sie sich mit den baumelnden Beinen fühlte, statt sie wie üblich unterzuschlagen. Ihre Mutter hatte sich über drei Stühle ausgebreitet, um Platz für all die Rüschen und Volants ihres Teekleides zu haben. Bedienungen fächelten die Holzkohle im Becken an, trugen Platten mit dunkelrotem, glänzendem Fleisch herein und legten Scheibchen davon in die heiße Eisenpfanne. Als der Geruch von gebratenem Fleisch aufstieg, verzog Taka bestürzt die Nase.

»Ich glaube nicht, dass ich das essen kann«, flüsterte sie Haru zu.

»Du weißt, was Herr Fukuzawa sagt.«

Bewundernd blickte Taka auf Harus schimmernden Chignon. Ihre Schwester sah immer so perfekt aus, nie stand ihr auch nur ein Haar ab. Obwohl sie nur zwei Jahre älter war als Taka, wirkte Haru bereits erwachsen. Stets mit einem heiteren Lächeln auf den Lippen, bereit, alles hinzunehmen, was auf sie zukam. Haru griff nach ihren Stäbchen und beugte sich vor.

»Wir müssen Fleisch essen, um unseren Körper zu kräftigen, wenn wir so groß und stark wie die Menschen aus dem Westen werden wollen.«

»Aber es riecht so … so eigentümlich. Kann ich noch zu Buddha und den Göttern beten, wenn ich das esse? Werde ich dann nicht wie einer aus dem Westen riechen? Du wirst es überall an mir riechen.«

»Hör sich einer die Mädchen an«, zwitscherte Tante Kiharu, hob ihre zierlichen Finger ans Kinn und neigte ihren kleinen Kopf. »Habt ihr denn nicht Im Schneidersitz um den Schmortopf gelesen?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Fujino steif. »So einen Unfug lesen sie nicht. Sie sind gut erzogene junge Damen. Sie gehen zur Schule. Sie wissen bereits viel mehr, als du und ich je wissen werden. Geschichte, Naturwissenschaften, wie die Erde begann, wie man ordentlich spricht und Zahlen addiert …«

»Ah, aber meine liebe Fujino, ich frage mich, ob sie mit den wichtigen Dingen vertraut sind – wie sie einen Mann erfreuen und unterhalten und ihn dazu bringen, sie nie zu verlassen!«

Fujino faltete ihren Fächer zusammen, schlug ihr damit spielerisch auf den Arm und gluckste in vorgetäuschter Missbilligung. »Also wirklich, Kiharu-sama. Lass ihnen Zeit.«

Tante Kiharu war die beste Freundin von Takas Mutter. Beide waren in Kyoto zur Geisha ausgebildet worden, und Taka kannte sie, seit sie ein kleines Mädchen war. Jetzt neigte Kiharu kokett den Kopf und setzte ein wissendes Lächeln auf, spitzte die Lippen und zitierte in hohem Lispelton:

»Samurai, Bauer, Handwerker oder Händler,

Alter, Junger, Knabe oder Mädchen,

klug oder dumm, arm oder Parvenü,

isst du kein Fleisch, geht die Zivilisiertheit perdu!

Fleisch für den Winter – Milch, Käse und Butter dazu.

Isst du Bullenhoden, wirst ein Mann auch du!«

Fujino kreischte vor Lachen. Sie stippte ihre Stäbchen in die Pfanne, fischte ein Stück von dem grau werdenden Fleisch heraus und legte es säuberlich in Takas Schale. »Wir wollen zwar keinen Mann aus dir machen, aber zivilisiert solltest du schon sein!«

Nachdenklich kaute Taka auf dem Brocken herum, schob ihn im Mund hin und her. Das Fleisch war zäh, und der Geschmack war eher übelkeiterregend, doch sie würde sich daran gewöhnen müssen, wenn sie eine moderne Frau sein wollte. Sie dachte an den Rikscha-Jungen, der draußen wartete und seine Pfeife rauchte, an die Diener, die im Vorraum hockten. Wie schade, dass sie nie die Möglichkeit haben würden, zivilisiert zu sein, doch so ging es nun mal zu in der Welt.

In diesem Jahr hatte sich Takas Körper mehr verändert, als sie je für möglich gehalten hätte. Sie war rank und schlank geworden wie ein junger Bambus, hatte knospende Brüste unter ihren Kimonos entdeckt, hatte ihre erste Blutung gehabt – sie war zur Frau geworden. Wenn sie in Kyoto geblieben wären, der uralten Hauptstadt, in der sie geboren war, hätte sie inzwischen ihre Geisha-Ausbildung abgeschlossen und sich auf die rituelle Defloration vorbereitet. Stattdessen war sie hier im geschäftigen Tokyo und lernte, eine moderne Frau zu sein.

Denn die Welt veränderte sich sogar noch schneller als Taka. Ihre ersten Jahre hatte sie in Gion verbracht, dem Geisha-Bezirk im Herzen von Kyoto, in einem dunklen Holzhaus mit Bambusjalousien, die im Wind klapperten und knarrten, und einer dünnen Tür, die wackelte und in der Führungsrille hängen blieb. Dort war ihre Mutter eine berühmte Geisha gewesen. Wenn sie durch die schmalen Gassen des Bezirks trippelte, neigten die Vorübergehenden den Kopf und fragten in ihrem hohen, lispelnden Geisha-Singsang: »Guten Morgen, Fujino-sama, wie geht es Ihnen heute?«

Am Tage hallten die schwermütigen Klänge des Shamisen durchs Haus, während Fujino die darstellenden Künste ihres Gewerbes übte, denn Geishas waren, wie alle wussten, Unterhalterinnen, Künstlerinnen; die beiden Schriftzeichen gei und sha bedeuten »Künste« und »Person«. Am Abend trat sie zusammen mit anderen Geishas bei Festen auf. Sie bedienten die Gäste mit Speisen, füllten Sakebecher nach, führten klassische Tänze und Gesänge auf, neckten die Männer, erzählten Witze und Geschichten und veranstalteten Spiele. Einige ihrer Kunden waren Kaufleute, alt und mit Hängebacken, andere waren junge und gut aussehende Samurai. Doch wer sie auch waren, wenn sie Sorgen hatten, waren die Geishas bereit, ihnen ein mitfühlendes Ohr zu leihen. Sie waren die besten Freundinnen der Männer, von denen manche ebenfalls ihre Liebhaber waren.

Schon als kleines Mädchen hatte Taka bei Geisha-Festen ausgeholfen, hatte sich die Art der Geishas zu eigen gemacht, war mit Tabletts voller Getränke herumgegangen, hatte dem geistreichen Geplauder gelauscht und gelernt, in ihrem speziellen Dialekt mit dem koketten Kyoto-Lispeln zu sprechen. Ihre Mutter und Haru hatten ihr beigebracht, die Geisha-Lieder zu trällern, hübsch zu tanzen und das Shamisen zu spielen. Ihr älterer Bruder Ryutaro war zu ihrem Vater geschickt worden, um das Kämpfen zu lernen. Er war in einer Schlacht gefallen, die so lange zurücklag, dass Taka sich kaum an Ryutaro erinnern konnte. Aber Eijiro, sein jüngerer Bruder, blieb bei der Familie, trieb sich ständig im Haus herum und piesackte Taka.

Seit sie sich erinnern konnte, waren überall Samurai gewesen, die sich durch die Gassen schoben und auf Streit aus waren. Regelmäßig hatte es Zusammenstöße gegeben zwischen Männern aus den südlichen Clans, die entschlossen waren, den Shogun und seine Regierung zu stürzen, und denen aus dem Norden, die als Polizeitruppe des Shogun dienten und ihn unterstützten. Als Taka noch ganz klein war, hatten Samurai des südlichen Choshu-Clans Feuer an den imperialen Palast gelegt, in dem der Kaiser lebte. Sie wusste noch, wie sie auf der Straße gestanden und aufgeregt zugeschaut hatte, während Rauch aufquoll und die Menschen in Panik herumrannten, voller Angst, das Feuer könnte sich auf die ganz aus Holz gebaute Stadt ausbreiten.

Mehr als einmal hatte die Polizei des Shogun an die Tür gehämmert und verlangt, ihren Vater zu sehen. Taka war rasch in den rückwärtigen Teil des Hauses geschickt worden und hatte mit klopfendem Herzen durch die Ritzen in den Shoji, den papierbespannten Schiebetüren, zugeschaut, wie ihre Mutter ihnen den Weg versperrte und schwor, er sei nicht da, obwohl Taka genau wusste, dass er da war.

Sie hatte immer gewusst, dass ihre Mutter und deren Geisha-Freundinnen die Männer der südlichen Clans liebten und die Polizei des Shogun sowie alle aus dem Norden als verhasste Feinde ansahen. Jede Nacht versammelten sich Samurai aus dem Süden im Teehaus, um zu diskutieren, Komplotte zu schmieden oder auch nur zu plaudern und zu lachen. Ihre Mutter spielte die liebenswürdige Gastgeberin, während die Männer tranken und sich stritten, und hielt die Augen offen, falls plötzlich die Polizei des Shogun auftauchen sollte. Und von all den galanten, geistreichen Samurai war der galanteste und geistreichste ihr Vater. Die Leute sprachen ihn als »General Kitaoka« an. Groß, schroff und eher ernst, führte er den Vorsitz bei den Versammlungen. Er saß schweigend da, und wenn er das Wort ergriff, verstummten die anderen und hörten zu. Taka war stolz darauf, die Tochter eines solchen Mannes zu sein.

Er war oft fort. Manchmal fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst vor und schloss daraus, dass er im Krieg war und sie um ihn bangte.

Als Taka acht war, fand direkt vor der Stadt eine gewaltige Schlacht statt. Sie hörte das Donnern der Geschütze und roch den Rauch, den der Wind herübertrieb.

Dann brach Jubel aus. Der Süden hatte gesiegt. Wenige Monate später wurde der Shogun gestürzt. Seine Hauptstadt Edo wurde eingenommen, und die Burg Edo, in der er lebte, der Armee des Südens übergeben, die im Namen des jungen Kaisers eine neue Regierung bilden sollte. Ihr Vater war einer der Anführer. Ein paar Monate später kam die Nachricht, der Kaiser werde Kyoto verlassen und nach Edo ziehen.

Taka und ihre Familie mussten ebenfalls mitziehen, um sich ihrem Vater anzuschließen, und plötzlich wurde ihr Leben auf den Kopf gestellt. Noch nie hatte sie den Geisha-Bezirk verlassen, ganz zu schweigen von der Stadt, und war nie in einem Palankin gereist. Jetzt wurde sie zwanzig Tage kniend in einem gepolsterten Kasten auf der Tokaido, der Ostmeerstraße, durchgerüttelt. Wenn sie aus dem kleinen Fenster spähte oder ausstieg, um sich die Beine zu vertreten, sah sie nur endlose Reihen von Menschen und Palankins, eskortiert von Bediensteten, Wachleuten, Trägern und schwer beladenen Pferden. Sie kamen durch Wälder, überquerten Berge, und Taka sah zum ersten Mal das glitzernde Wasser des Ozeans.

Edo, ihr neues Zuhause, war die größte, reichste und aufregendste Stadt der Welt. Bis vor Kurzem war es ein Ort der Daimyo-Paläste und Samurai-Residenzen gewesen, der schmalen Straßen voller Handwerker und Kaufleute, dargestellt auf unzähligen Farbholzschnitten. Durch die Anwesenheit des Kaisers wurde die Stadt noch aufregender. Edo wurde zur neuen Hauptstadt erklärt und bekam einen neuen Namen: To-kyo, »die Östliche Hauptstadt«. Kyoto war einfach nur »die Hauptstadt« gewesen.

Tokyo war demnach gerade erst fünf Jahre alt. Eine junge Stadt, berstend vor Lärm und Energie, in der Menschen umhereilten und die außergewöhnlichen neuen Bauten bestaunten, die überall errichtet wurden. Bei Takas Ankunft war die Ginza, wo sich die Schwarze Päonie befand, noch eine unscheinbare Gegend mit schäbigen, aus Holz gebauten Geschäften gewesen, in denen Truhen und Stoffe verkauft wurden. Im vergangenen Jahr hatte ein großes Feuer gewütet, und der Bezirk war vollkommen niedergebrannt. Jetzt war er wiederaufgebaut und zu einem magischen Ort mit prächtigen Gebäuden aus Ziegel und Stein geworden, mit Kolonnaden und Balkonen, von denen Herren in Inverness-Mänteln und Damen in voluminösen westlichen Kleidern auf die vorbeifahrenden Rikschas und von Pferden gezogenen Omnibusse hinabschauten, als wäre die ganze Welt eben erst zum Leben erwacht.

Die Menschen sagten, und vielleicht stimmte das ja, sie hätten zum ersten Mal das Gefühl, ihr Schicksal selbst bestimmen zu können. Unter der Herrschaft des Shogun waren Kleidung und Haarstil per Gesetz verordnet worden. Ein Mann des Samurai-Standes durfte sich nur wie ein Samurai kleiden, ein Mann aus dem Kaufmannsstand nur wie ein Kaufmann. Doch nun konnte sich jeder, der das Geld dazu besaß, nach der Mode der neuen Zeit kleiden, und niemand würde wissen, zu welchem Stand er einst gehört hatte. Die neue Regierung unterstützte diese Bestrebungen nach Kräften. Wenn die Menschen wirklich modern sein wollten, brauchten sie nur ein wenig Fleisch zu essen.

Und jetzt bevölkerten Männer aus dem Westen die Straßen. Takas Mutter hatte ihr erzählt, wie zu der Zeit, als Fujino noch ein Kind gewesen war, lange vor Takas Geburt, schwarze Schiffe in die Bucht von Edo eingelaufen waren und bleichgesichtige Barbaren mit grotesken Zügen, riesigen Nasen und furchterregenden Waffen gebracht hatten. Inzwischen waren die Barbaren überall, bauten Gebäude im westlichen Stil, errichteten Leuchttürme und installierten Telegrafen, wenn sie auch nach wie vor überall angestarrt wurden.

Taka sah sie oft auf den Straßen. Einer der Barbaren kam sogar ins Haus und brachte ihr Englisch bei. Sie wirkten sehr fremdländisch, eigentlich kaum menschlich, doch Taka wusste, dass man sie bewundern musste, weil Zivilisation und Aufklärung von ihnen abhingen. Die Regierung bestärkte zumindest die Männer darin, sich in westlichem Stil zu kleiden, Fleisch zu essen wie die Barbaren und westliche Sprachen zu lernen, damit Japan sich der Außenwelt anschließen und den westlichen Nationen gleichgestellt werden konnte. Frauen nahmen die neue Mode weniger an, aber Geishas waren immer Schrittmacherinnen gewesen, und vor allem Takas Mutter war ihrer Zeit stets voraus.

Sogar der Kalender hatte sich geändert. Das vergangene Jahr war das fünfte der Regentschaft von Kaiser Meiji gewesen, ein Yang- und Wasser-Jahr des Affen laut dem traditionellen Kalender, dem das sechste hätte folgen sollen, ein Yin- und Wasser-Jahr des Hahns. Doch dann hatte die Regierung mit einer außerordentlichen Proklamation festgelegt, dass das Jahr am zweiten Tag des zwölften Monats enden würde. Der folgende Tag würde zum 1. Januar des neuen Jahres werden, mit der Zahl 1873 nach dem westlichen Kalender.

Der alte Kalender hatte einen Sinn ergeben, der neue nicht. Nach Ansicht aller war 1873 nur eine willkürliche Zahl. Denn wer könnte sich schließlich eintausend, achthundert und dreiundsiebzig Jahre zurückerinnern oder die geringste Ahnung haben, warum der Kalender ausgerechnet dann beginnen sollte? Die meisten beachteten den neuen Kalender nicht und benutzten weiterhin den alten, genau wie sie den neuen Namen Tokyo ignorierten und sich weiterhin als Bewohner Edos betrachteten.

Die einzige tatsächliche Änderung bestand darin, dass Neujahr zu früh kam. Mitten im Winter Neujahrsrituale durchzuführen und Neujahrsspeisen zu essen statt beim Erblühen der Pflaumenbäume, kam allen vollkommen falsch vor. In den vergangenen Jahren hatten die Kinder draußen Federball gespielt und den Wanderschauspielern zugeschaut, doch in diesem Jahr war es dafür viel zu kalt.

Takas Vater war da gewesen, als sich der Kalender änderte. Seine Arbeit führte ihn oft von zu Hause fort, aber Taka mochte es, wenn er daheim war. Sie fürchtete sich ein wenig vor ihm. Er war gewaltig, so breit und hoch wie ein Sumo-Ringer und rund wie ein Bär – genau wie Fujino wirkte er überlebensgroß.

Anlässlich des Kalenderwechsels hatte er ein Gedicht geschrieben, Taka auf sein breites Knie gesetzt und es ihr vorgelesen:

Seit längst vergangenen Zeiten war dies der Tag, an dem wir das neue Jahr begrüßen.

Wie wird der westliche Kalender die fernen Bergdörfer erreichen?

Der Schnee verkündet die Ankunft eines fruchtbaren Jahres, und Familien ehren ihre Vorfahren.

Wie freudvoll sind die Rufe der Dorfkinder.

»Oharu heiratet also, und du wirst bald Großmutter sein«, sagte Tante Kiharu mit hellem Lachen. Harus Wangen wurden knallrot, und sie starrte unverwandt auf das glänzende Fleisch in ihrer Schale.

»Und als Nächstes müssen wir Taka eine gute Partie verschaffen«, dröhnte Fujino.

Nun zuckte Taka zusammen. Wenn ihre Mutter doch nur nicht so laut sprechen würde, dachte sie und kämpfte tapfer mit einem weiteren Stück Fleisch. Es war schrecklich zäh, aber sie wollte sich auf keinen Fall geschlagen geben.

Dann merkte sie plötzlich, dass sich etwas verändert hatte. Nebenan waren das Stimmengewirr und Klappern der Stäbchen, das Kleiderrascheln und Fußgetrippel verstummt. Vollkommene Stille war eingetreten, als hielten alle den Atem an, dann ertönte ein furchterregendes Brüllen, gefolgt von Krachen, als die Speisenden auf die Füße kamen und zur Tür rannten.

Noch ein weiteres Geräusch war zu hören – Schritte, die auf den Nebenraum zustapften. Taka bekam es mit der Angst und blickte sich hektisch um. Sie saßen in der Falle, es gab keinen anderen Weg hinaus. Sie hastete zur Rückseite des Raumes und stieß dabei an einen Tisch. Zum Glück war er groß und schwer und fiel nicht um. Wenn die glühende Holzkohle verschüttet worden wäre, hätte alles in Flammen aufgehen können. Sie versteckte sich hinter Haru und den Bedienungen, kauerte sich so eng an die Wand, dass sich ihr der körnige Verputz in die Haut drückte.

Die drei Stühle ihrer Mutter fielen krachend um. Fujino war aufgesprungen, ihr Dolch blitzte im Kerzenlicht. Seitdem sie die Mätresse eines der führenden Samurai des Landes war, hatte sie sich angewöhnt, einen Dolch zu tragen, wie es die Frauen der Samurai taten. Tante Kiharu war neben ihr, und auch sie hatte einen Dolch in der Hand.

Schwer atmend sah Taka, wie die Tür aufglitt und ein Gesicht im schwachen Licht des Flurs auftauchte, verhüllt mit einem Tuch wie ein Bandit. Schwarze Augen funkelten zwischen den Stofffalten. Ein Mann, groß und stämmig, in schäbigen Beinlingen, die weiten Ärmel seiner Jacke kampfbereit zurückgebunden. Er hielt ein Schwert in der Hand.

Taka wusste genau, was er war – ein Ronin, ein herrenloser Samurai, verarmt und verbittert, niemandem zur Rechenschaft verpflichtet. Als sie klein war, hatten die Straßen von Männern wie ihm gewimmelt. Prahlerisch waren sie herumstolziert und hatten nach Ärger Ausschau gehalten. Erinnerungen kamen hoch, schreckliche Erinnerungen, die sie mit Mühe verdrängt hatte – laute Schreie in den Straßen, Fäuste, die an die Tür hämmerten, ihre Mutter, die sich den wütenden Eindringlingen entgegenstellte. Taka wusste noch, wie sie durch die Fensterläden gelugt und direkt vor der Tür hatte Leichen liegen sehen.

Fujino trat ihm entgegen. Oft hatte sich Taka gewünscht, ihre Mutter wäre mehr wie die Mütter ihrer Schulfreundinnen – zart, schmallippig, scheu, nicht so massig und pompös. Aber nun schwoll ihr Herz vor Stolz.

»Was für ein Tumult«, sagte Fujino ruhig. Das war ihre Geisha-Stimme, der eisige Ton, den sie benutzte, wenn Männer von zu viel Alkohol ungehobelt wurden, wenn ein Blick aus Fujinos zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen Männer zittern ließ wie Kinder. »Und all das für einen Mann!« Verächtlich dehnte sie die Silben. »Ich würde das Schwert wegstecken, wenn ich du wäre. Geld, ist es das, worauf du aus bist?«

Der Mann zögerte, als verblüffte ihn ihre Unerschrockenheit. Er funkelte sie trotzig an.

»Wo ist er, der Verräter?«, knurrte er. »Ich weiß, dass er hier ist.«

Er sprach mit den breiten Vokalen eines Mannes aus dem Süden. Also stammte er aus dem Satsuma-Clan, wie Takas Vater. Und hinter dem war er her. Sie wusste, dass ihr Vater Feinde hatte, es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass jemand nach ihm suchte. Der Mann musste das Familienwappen an der Rikscha erkannt haben.

»Was denkst du dir dabei, ein Mann aus Satsuma, der mit dem Schwert herumfuchtelt wie ein Raufbold? Du solltest dich schämen. Die Polizei wird jeden Moment eintreffen. Besser, du verschwindest, solange du noch kannst.«

»Er ist hier, ich weiß, dass er hier ist, dieser Verräter Kitaoka«, blaffte er mit Verachtung in der Stimme.

Fujino richtete sich auf. Ihre bauschigen Röcke füllten den Raum. Der Mann schien vor ihr zu schrumpfen.

»Gib acht, wie du von meinem Ehemann sprichst, Bursche«, dröhnte sie. »Er ist ein weit größerer Mann, als du es je sein wirst.«

Der Ronin hob das Schwert ein wenig, die Klinge immer noch nach unten gerichtet.

»Dein Ehemann?«, schnaubte er. »Du bist keine Samurai-Frau. Eine Geisha erkenne ich auf den ersten Blick. Du bist diese fette Kyoto-Hure, diese kostbare Geisha, auf die er so große Stücke hält. Du hast ja einen steilen Aufstieg gemacht, seit du durch die Vergnügungsviertel gezogen bist, Buta-hime! Prinzessin Schwein, so wurdest du doch genannt, oder? Tja, ich werde dir das hübsche Gesicht verschandeln.«

Fujino hob ihren Dolch.

»Feigling. Hier sind nur Frauen und Kinder.«

»Frauen und Kinder. Ich muss selber Frauen und Kinder ernähren. Du solltest dich schämen, mit deinem schicken Barbarenkleid, schlägst dir den Bauch mit Barbarenfraß voll. Wir sind nicht in den Krieg gezogen und gefallen, damit unsere Frauen stinkende Barbaren nachäffen. Mein Name ist Terashima Morisaburo«, fügte er hinzu und riss sich das Tuch ab, unter dem ein dunkelhäutiges Gesicht mit einer runzeligen Narbe auf der Wange zum Vorschein kam. »Du kannst Kitaoka eines sagen. Er glaubt, er kann uns unsere Schwerter nehmen, er glaubt, wir würden sie einfach abgeben und uns wehrlos machen. Er glaubt, wir sehen ruhig zu, während er die Armee auflöst und Bauern – Bauern! – rekrutiert, um die Arbeit von Samurai zu verrichten. Und was sollen wir tun, wir Samurai, wie sollen wir überleben, wenn wir keine Arbeit haben und keine Stipendien mehr bekommen? Wie?« Der Mann trat einen weiteren Schritt in den Raum hinein. »Beantworte mir das!«

Er fuhr mit dem Schwert unter Fujinos Rock und zog die Klinge mit einem Ruck hoch. Sie wich zurück, aber Taka hörte Stoff reißen.

»Da siehst du, was ich von deinem westlichen Aufputz halte.«

Mit einem sausenden Geräusch schwang der Mann sein Schwert. Taka schnappte vor Entsetzen nach Luft. Fujino hob den Dolch, um den Hieb abzuwehren, doch statt des Klirrens von Stahl auf Stahl war nur ein dumpfer Aufprall zu hören. Taka lugte hinter Harus Röcken hervor und sah, dass der Mann die Höhe des Raumes falsch eingeschätzt hatte. Das Schwert war in einen der niedrigen Querbalken der Decke eingedrungen und hing dort zitternd fest.

Dann bemerkte sie eine Bewegung im Flur und erhaschte einen Blick auf dunkle Haut und blitzende Augen, schräg wie die einer Katze. Da war noch jemand – nicht der Rikscha-Junge, nicht die Diener, sondern ein weiterer Angreifer, noch furchterregender als der erste. Im Restaurant herrschte völlige Stille. Alle waren geflohen. Niemand war da, der sie vor diesen Schurken beschützen konnte.

Sägemehl rieselte von der Decke, und es gab ein splitterndes Geräusch, als der Samurai sein Schwert herauszerrte. Er hob es erneut, hielt es in beiden Händen, machte sich bereit, den Todesstoß auszuführen.

Plötzlich kam ein dünner Arm aus dem Schatten hinter dem Mann und schlang sich um dessen Hals. Überrumpelt stolperte der Mann rückwärts. Sein Kopf ruckte nach hinten, und er griff nach den Fingern, die sich fester um seinen Hals schlossen. Sein Gesicht verfärbte sich, und sein Schwert fiel zu Boden. Fujino stürzte vor und riss es an sich. Brüllend vor Wut schlug der Samurai mit den Ellbogen um sich, zerrte die Finger von seinem Hals, wirbelte herum und prügelte auf seinen Angreifer ein.

Taka erhaschte einen Blick auf das Gesicht des Neuankömmlings, und ihr blieb der Mund offen stehen, als sie erkannte, dass es nur ein Junge war, ein dürrer Junge. Die Augen in seinem sonnenverbrannten Gesicht waren vor Furcht weit aufgerissen, aber auch voll finsterer Entschlossenheit. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite gehabt, doch nun zeigte sich, dass er gegen den bulligen Samurai keine Chance hatte.

Fujino reichte Kiharu das Schwert, hob ihren Dolch und hielt inne, den Arm über dem Kopf. So furchtlos ihre Mutter auch war, Taka hatte nie erlebt, dass Fujino Blut vergossen hatte. Sie atmete tief ein und stieß mit dem Dolch zu, direkt in die ungeschützte Schulter des Samurai. Als sie den Dolch herauszog, spritzte Blut auf ihre Röcke. Fujino zitterte vor Entsetzen.

Der Mann jaulte auf und griff sich an die Schulter. Der Stich hatte ihn verlangsamt, aber nicht kampfunfähig gemacht. Herrisch ruckte Fujino mit dem Kopf, der Junge sprang aus dem Weg, und sie warf sich gegen den Samurai, stieß ihn zu Boden und plumpste mit ihrem enormen Gewicht auf seinen Rücken. Die winzige Tante Kiharu setzte sich auf seine Beine. Die beiden Frauen keuchten, die Wangen gerötet, doch ihre Augen sprühten Feuer. Der Samurai wand sich, hämmerte auf den Boden und stieß gedämpfte Schreie aus, ohne dass es ihm etwas nützte.

Ängstliche Gesichter tauchten an der Tür auf – ein rundlicher, beflissen wirkender Mann mittleren Alters, der sich nervös die Hände rieb, und zwei vierschrötige Polizisten mit strengen Gesichtern und ordentlich geknöpften Uniformen. Bei dem ganzen Tumult hatte niemand ihre Ankunft bemerkt. Die Polizisten fesselten dem Samurai die Arme, und Taka hörte ihn nach Luft schnappen, als sich Fujino von ihm wälzte. Sie stand auf, glättete ihre Röcke und untersuchte sie wehmütig.

»Es tut mir so leid, verehrte Dame, es tut mir so leid«, sagte der rundliche Mann, den Taka für den Restaurantbesitzer hielt, und rang die feisten Hände. Er fiel auf die Knie und verneigte sich ein ums andere Mal. Weitere Gesichter tauchten auf, schauten durch die Tür, die Augen riesig wie bei verängstigten Kaninchen – der Rikscha-Junge und die Diener. Sie warfen sich vor Fujino auf die Knie, stammelten Entschuldigungen und schlugen mit dem Kopf auf den Boden.

Ihr Retter stand unsicher im Flur. Ein Straßenjunge, nicht viel älter als Taka, hoch aufgeschossen und schlaksig, mit einem langen Hals und markanter Nase. Sein schmales Gesicht war tief gebräunt, als hätte er auf den Reisfeldern gearbeitet, und auf seiner Oberlippe spross leichter Flaum. Er trug eine äußerst seltsame Ansammlung an Kleidungsstücken. Taka musste sich ein Lächeln verkneifen, als ihr aufging, dass er die Kimonojacke eines Mädchens trug, an der man die Ärmel gekürzt hatte. Aus seinen schmalen schwarzen Augen schossen neugierige Blicke umher. Taka sah sich um, folgte seinem Blick und sah die umgeworfenen Stühle und das auf dem Boden verstreute Fleisch. Die Tische mit ihren Kübeln voll glühender Holzkohle waren wie durch ein Wunder stehen geblieben.

Fujino wandte sich an ihn.

»Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen, junger Mann«, sagte sie ernst und ließ sich auf den Knien nieder. »Wir stehen in deiner Schuld.« Auch der Junge fiel auf die Knie, verbeugte sich und verschob unbehaglich das Gewicht.

»Verzeihen Sie mir.« Er starrte zu Boden. »Ich habe nicht viel dazu beigetragen.« Unter seinem Edo-Tonfall war ein ländliches Näseln, die Andeutung irgendeines Dialekts zu hören. Verstohlen blickte er sich um, als würde er am liebsten fliehen.

»Blödsinn«, kam es brüsk von Fujino. »Du hast uns gerettet.«

»Er kam gerade vorbei, gnädige Frau«, mischte sich einer der Rikscha-Jungen ein, verbeugte sich hektisch und entblößte die Zähne zu einem verlegenen Grinsen. Er packte den Arm des Jungen und hielt ihn mit festem Griff. »Wir waren es, die ihn angehalten haben. Unsere Damen sind in Schwierigkeiten, sagten wir und haben ihn aufgefordert, Hilfe zu holen. Ein Raubüberfall, sagten wir, einer von diesen Ronin, ein Mann aus Satsuma, wie’s aussieht. Wir haben nicht gewagt, die Gäste anzusprechen, sie sahen alle viel zu wichtig aus. Aber er hat uns beiseitegestoßen und ist einfach hineingerannt.«

»Ich habe gar nichts getan, ehrenwerte Dame«, murmelte der Junge. »Da war nur einer, und ich hab ihn nicht mal allein zurückhalten können. Tut mir leid, Sie enttäuscht zu haben. Besser, ich mache mich auf den Weg.« Er verbeugte sich erneut und rutschte auf den Knien zur Tür.

Fujino legte die Hand an die Taille, wo ihr Obi hätte sein sollen, als hätte sie vergessen, dass sie ein westliches Kleid trug. Sie griff nach ihrer Geldbörse, schaute den Jungen an und legte die Börse beiseite. Er war offensichtlich viel zu stolz, Geld anzunehmen.

»Dein Name, junger Mann?«, fragte sie freundlich.

»Yoshida, Nobuyuki Yoshida. Erfreut, Ihnen zu Diensten gewesen zu sein.«

Seine dünnen Arme ragten wie Stöcke aus den zerfetzten Ärmeln. Taka sah, wie sich die Brauen ihrer Mutter zusammenzogen, während sie ihn einzuschätzen versuchte. Um dem Samurai- oder Kaufmannsstand anzugehören, machte er einen viel zu schäbigen Eindruck, aber er hatte auch nicht die Haltung eines Dienstboten. Er ließ sich unmöglich einordnen.

»Warte.« Fujino breitete eine Serviette über ihre blutbespritzten Röcke. »Hier, nehmen Sie diesen Jungen mit in die Küche und geben Sie ihm etwas zu essen. Und versorgen Sie ihn auch mit ordentlicher Kleidung.«

Das runde Gesicht des Restaurantbesitzers glänzte vor Schweiß. Skeptisch musterte er den Jungen, seufzte, legte die Hände auf den Boden und verneigte sich ehrerbietig. »Was immer Sie verlangen, verehrte Dame. Der junge Mann hat sicherlich eine Belohnung verdient. Wir sorgen dafür, dass wir ihn mit vollem Bauch und einem guten Baumwollgewand auf den Weg schicken.«

»Ich sollte besser gehen«, murmelte der Junge erneut.

»Zu welchem Haus gehörst du?«, beharrte Fujino.

Der Junge blickte zu Boden. »Ich bin erst vor Kurzem in Tokyo eingetroffen, gnädige Frau. Ich habe hier Verwandte, aber … äh … ich war bei einem Mann namens Shigehiro Iinuma untergekommen, einem Beamten mittleren Ranges aus der Omura-Domäne in Hizen. Ich war dort in Diensten.«

Seine Familie hatte er nicht erwähnt.

»Du warst, sagst du. Und jetzt?«

Die Wangen des Jungen röteten sich. »Ich suche nach Arbeit.«

»Was ist mit deiner Familie?«

Taka zuckte zusammen. Ihre Mutter war eine Geisha. Wo andere sich zurückgehalten hätten, war sie immer schockierend direkt.

Der Junge zögerte. »Ich habe einen Vater und Brüder, ehrenwerte Dame. Sie leben weit entfernt.«

»Du hast also keine Arbeit?« Fujino besaß die Fähigkeit, jedem Informationen zu entlocken, ganz gleich, wie sehr er sich sträubte.

»Um ehrlich zu sein, gnädige Frau, war ich gerade bei einem Mann. Ich hatte gehofft, bei ihm eine Stelle als Laufbursche zu bekommen. Hiromichi Nagakura hat mir einen Brief für ihn mitgegeben. Aber sein Haus ist bereits voll, und er sagt, er könne sich keine weiteren Dienstboten leisten.«

All das kam in einem einzigen Schwall heraus. Taka erschauderte, versuchte sich eine so raue Welt vorzustellen, in der sich Menschen nicht mal einen zusätzlichen Laufburschen leisten konnten. Sie besaßen so viel, und er besaß so wenig und hatte ihr Leben gerettet. Ihr Haus war bereits voller Dienstboten, da würde einer mehr doch wohl kaum ins Gewicht fallen? Sie ergriff das Wort. »Können wir ihm keine Stelle geben, Mutter? Ich brauche einen Diener, der meine Bücher trägt, wenn ich zur Schule gehe.«

Schweigen senkte sich über den Raum. Als sie ihre Worte piepste, hatten sich alle Blicke auf sie gerichtet. Haru stieß sie an, um sie zum Schweigen zu bringen, aber es war zu spät. Der Junge hatte sich wie ein in die Enge getriebener Bär umgeschaut, doch auch er wandte sich ihr zu.

Taka spürte, wie ihr die Röte bis zu den Ohren hochstieg, und senkte den Kopf. Fujino runzelte die Stirn, dann glättete sich ihr Gesicht, und sie lächelte nachsichtig. Als sie sich wieder an den Jungen wandte, wirkte sie nachdenklich.

»Hiromichi Nagakura, sagtest du, der ehemalige Vizegouverneur von Aomori? Du hast einen Brief von ihm bei dir? Zeig ihn mir.«

Der Junge machte ein finsteres Gesicht, als wollte er ausdrücken, dass er auf niemandes Mitleid angewiesen sei. Geduldig streckte Fujino die Hand aus. Wenn sie etwas wollte, konnte ihr niemand widerstehen, dachte Taka bewundernd. Der Junge zog eine Schriftrolle aus dem Ärmel. Fujino rollte sie auseinander.

Während ihre Mutter das Schreiben eingehend prüfte, sah Taka, wie der Junge zu Boden blickte, die Schultern vorgewölbt, bemüht, seine grimmige Gleichgültigkeit aufrechtzuerhalten. Seine Augen weiteten sich, und er presste seine dünnen Hände fest zusammen, als untersagte er sich jede Art von Hoffnung.

»Nun ja, Nobu«, meinte Fujino schließlich, »du bist offensichtlich ein ehrlicher, kräftiger Junge. Wir brauchen jemanden wie dich. Du bist sicherlich besser als diese nichtsnutzigen Diener, die uns beim Angriff eines Wahnsinnigen im Stich gelassen haben. Wir brauchen einen zusätzlichen Mann. Lass mich wissen, mit wem ich sprechen sollte, und wir werden dir eine Stelle geben.«

Nobu sah sie an und lächelte zum ersten Mal.

2

Im Vorraum der Schwarzen Päonie war es inzwischen dämmrig geworden. Laternen flackerten auf, als Lampenanzünder die Dochte mit Wachsstöcken entzündeten, und der beißende Geruch von erhitztem Talg mischte sich mit dem Tabakrauch und dem kräftigen Aroma von gebratenem Fleisch.

Nobu war den Rikscha-Ziehern und Dienern hinausgefolgt, hockte auf den Fersen und kaute an seiner Pfeife. Dort, wo er herkam, ernährten sich die Menschen von guten, einfachen Dingen – Reis, Tofu, Gemüse, Fisch –, dachte er, und nicht von geschlachteten Tieren.

Rufe und Gelächter dröhnten aus dem Innenraum. Der Aufruhr schien bereits vergessen. Nobu rümpfte die Nase und starrte stirnrunzelnd auf die Stutzer in ihrer absonderlichen, engärmeligen Aufmachung, die mit fuchtelnden Händen und blitzenden Zähnen hinein und hinaus schlenderten und sich in höchster Lautstärke unterhielten. Sie kamen ihm vor wie Wesen aus einer anderen Welt.

Seit er an diesem Morgen aufgewacht war, hatte er das Gefühl gehabt, etwas läge in der Luft. Das hätte am eisigen Wind liegen können, der durch die Türritzen pfiff, dem Krächzen der Krähen oder den quietschenden Karren der Straßenverkäufer und ihrem Singsang. »Geröstete Kastanien!« »Süßkartoffeln!« »Tofu!«

Er hatte im überfüllten Wohnhaus der Iinuma-Familie am Ende einer schmalen Gasse in der »Unterstadt«, Tokyos heruntergekommenem Ostteil, gerade eine Schale Misosuppe getrunken, als der Hausherr, ein gebückter, verhärmter Mann mit altersfleckigem Kahlkopf, ihm mitgeteilt hatte, dass sie ihn einfach nicht länger bei sich behalten konnten. Dabei hatte er bedauernd den Kopf geschüttelt. Er könne kaum die eigene Familie ernähren. Nobu wusste, dass der Mann die Wahrheit sagte. Das Haus wimmelte von Kindern, und die Familie bestritt ihren kärglichen Lebensunterhalt mit dem Schneiden von getrockneten Tabakblättern. Nobu zog nun schon seit Jahren von Haus zu Haus. So war es eben, wenn man von Wohltätigkeit abhängig war.

Iinuma-samas verhärmte Frau hatte ihre Hände an der Schürze abgetrocknet, Nobu ein paar Münzen in die Hand gedrückt und ihm von der Tür aus nachgewinkt, als er in dem Labyrinth der Gassen verschwunden war. Er war um ein paar Ecken gebogen und hatte sich dann, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, auf den Weg zu Hiromichi Nagakura gemacht, dem ehemaligen Vizegouverneur der nördlichen Provinz Aomori und alten Freund seines Vaters.

Nagakura, ein dünner Mann mit einem liebenswürdigen Gesicht und ständig verwirrtem Ausdruck, kleidete sich nach wie vor wie ein Samurai und bemühte sich nach Kräften, so zu leben, als hätte sich nichts verändert. Auch er hatte schwere Zeiten durchlebt, hatte Nobu aber in der Vergangenheit ausgeholfen. Er hatte ihm einen Brief an einen Mann namens Tsukamoto gegeben, der eine freie Stelle für einen Laufburschen haben könnte, wie er meinte.

Nobu war quer durch die halbe Stadt gewandert, war durch hohe Blätterhaufen geschlurft, doch als er schließlich das Haus fand, hatte Tsukamoto, ein Mann mit breiter Stirn und säuerlichem Ausdruck, nur einen Blick auf ihn geworfen und gesagt: »Mach, dass du fortkommst. Für eine Vogelscheuche wie dich gibt’s hier nichts zu tun.«

Eine Vogelscheuche wie dich … Nobu spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, und er ballte die Fäuste bei dieser Beleidigung. Die Worte dröhnten in seinen Ohren, als er davonstolperte, sich kaum bewusst, wohin ihn seine Füße trugen. Er drängte sich gerade durch eine Menschenmenge, hörte um sich herum Stimmen und Gelächter, als ihn ein wild dreinblickender Mann mit einem halb hinter einem Tuch verborgenen Gesicht und zwei aus der Schärpe ragenden Schwertgriffen anrempelte und grob beiseitestieß. Nobu erkannte ihn sofort als einen Mann aus dem Süden, ein Mitglied des Satsuma-Clans, dem Ursprung von Nobus gesamtem Elend.

In einem war sich Nobu vollkommen sicher: der Feind seines Feindes war sein Freund. Wen auch immer dieser Bursche angreifen wollte, Nobu würde ihn verteidigen und einem feindlichen Kinn wenigstens ein paar Boxhiebe versetzen. Blindlings war er hinterhergestürzt, hatte im Vorraum kaum die in Panik geratenen Dienstboten wahrgenommen oder die Gäste, die ihre Tische zurückschoben und hektisch versuchten, dem Eindringling aus dem Weg zu gehen.

Und nun sah es so aus, als hätte er dadurch eine Stelle bekommen.

»Bist wohl ein echter Held«, sagte eine nasale Stimme. Ein dürrer Bursche mit wachsamen, eng stehenden Augen, dem sonnengebräunten Kahlkopf und den sehnigen Waden eines Rikscha-Ziehers stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. Seine indigoblaue Happi-Jacke war weit geöffnet, um die prächtige Tätowierung auf dem knochigen Brustkorb zur Schau zu stellen.

»Bin einfach reingestürmt, ohne nachzudenken«, murmelte Nobu, den Blick auf den abgewetzten Holzboden gerichtet. Es brächte nichts, den Unmut des Burschen auf sich zu ziehen, was passieren könnte, wenn der Mann glaubte, Nobu wolle ihn bloßstellen.

»Ein echter Glückspilz, was?« Der Rikscha-Zieher klopfte seine Pfeife im Aschekasten aus. Mit schmalen Augen musterte er Nobu und schenkte ihm dann ein zahnlückiges Grinsen. »Gonsuké mein Name. Viel an Habe hast du wohl nicht, was?«

Wenn ich die hätte, würde ich keine Mädchen-Kimonojacke tragen, dachte Nobu säuerlich. Gonsukés prächtige Livree machte ihn verlegen. Die füllige Dame in dem grauen Kleid hatte den Restaurantbesitzer angewiesen, ihm etwas zum Anziehen und eine Mahlzeit zu geben und ihm dann stattdessen eine Stelle angeboten. Im Moment wäre ihm Kleidung und Essen lieber gewesen. Die Lehrburschen und Diener im Vorraum starrten alle auf seine absonderliche Kostümierung, und er merkte, wie sein Magen vor Hunger knurrte.

Er hatte Glück gehabt, rief er sich ins Gedächtnis. Wenn er diesen Damen nicht begegnet wäre, hätte er die Nacht im Freien verbringen müssen, und es wurde sehr kalt.

»Wohnen die hier in der Gegend?«, fragte er so beiläufig wie möglich. Er wollte nicht, dass der Mann erriet, wie verzweifelt er die Stelle brauchte.

»Shinagawa, am Rand der Bucht, bei der Hinrichtungsstätte. Wo die Tokaido beginnt. Weißt du, wo das ist?«

»Du meinst … die Satsuma-Residenzen?« Nobu starrte ihn betroffen an. Ihm wäre nie in den Sinn gekommen, dass diese Leute irgendwas mit dem Süden zu tun haben könnten. Schließlich sprach Gonsuké den breiten Edo-Dialekt, und eine Geisha erkannte Nobu auf den ersten Blick. In den rauen Stadtteilen, in denen er für gewöhnlich seine Tage und Nächte verbrachte, waren sie überall, doch diese Damen waren offensichtlich Geishas eines viel höheren Ranges. Sie hatten das typische Gebaren des Vergnügungsviertels von Kyoto. Die Große, Füllige mit der perlweißen Haut und den klassischen Geisha-Zügen hatte eines dieser modernen Kleider im westlichen Stil getragen, aufgebauscht wie eine Tempelglocke, wie es viele Geishas taten. Und was die Kleinere betraf, bei der war offensichtlich, was sie war – diese schimmernden, grünstichigen Lippen und die aufreizende Art, mit der sie den Kimonokragen im Nacken zurückzog und ihre Haar hochstrich, um die Haut dort zur Schau zu stellen.

Die beiden jungen Mädchen hatten allerdings ein bisschen zu elegant für Geisha-Töchter ausgesehen. Aber Satsuma …? Die Frauen konnten Konkubinen eines der Satsuma-Anführer sein, nahm er an. Doch das ergab trotzdem keinen Sinn. Ein Satsuma-Ronin, der Satsuma-Damen angriff?

Und angenommen, sie standen in Verbindung mit den Satsuma, wie konnte er bei ihnen eine Stelle annehmen? Ganz gleich, wie verzweifelt er war, nie im Leben würde er so tief sinken, für den Feind zu arbeiten, für die »Kartoffelsamurai«, die von ihren Kartoffeläckern im tiefen Süden ausgeschwärmt waren, um die Herrschaft über das gesamte Land an sich zu reißen. Inzwischen gab es kein Regierungsamt mehr, das sie nicht mit Beschlag belegten.

Schlimm genug, ein Dienstbote zu sein, doch bisher war es ihm immer gelungen, Arbeit bei seinen eigenen Leuten zu finden. Selbst die verarmten Bewohner des Nordens brauchten Dienstboten. Für gewöhnlich konnten sie ihn nicht bezahlen, gaben ihm nur zu essen und einen Schlafplatz im Austausch für Putz- und Aufräumarbeiten und stellten meist nach kurzer Zeit fest, dass sie ihn sich nicht mehr leisten konnten. So war er stets wieder auf der Straße gelandet, hatte an die Tür der nächsten Person geklopft, die ihm empfohlen worden war, hatte um Arbeit gebeten oder wenigstens einen Schlafplatz.

»Ich sag dir, die Götter werden auf dich hinablächeln. Weißt du denn nicht, wer unser Herr ist?« Gonsuké drehte sich wichtigtuerisch herum, damit Nobu das auf den Rücken seiner Happi-Jacke in Weiß aufgedruckte Wappen sehen konnte. Eine Feder in einem Kreis. Nobu starrte das Wappen verständnislos an, und Gonsuké lüpfte eine dünne Braue. »Erkennst du es nicht? Kitaoka – unser Herr ist General Kitaoka, der bedeutendste Mann in ganz Japan. Selbst ein Bettler wie du muss von ihm gehört haben.«

Entsetzt zuckte Nobu zurück.