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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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Vorwort
Gewalt gebiert Gewalt
Es war ein paar Monate nach dem Ende der DDR, als ich bei Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Büro im Hamburger Pressehaus saß. Die Herausgeberin der »Zeit« war damals ehrenamtliche Beirätin des Gefängnisses Fuhlsbüttel. So hatte sie Peter-Jürgen Boock kennengelernt, der in Santa Fu einsaß. Der Mann, der aus der Roten Armee Fraktion (RAF) ausgestiegen war, hatte sie beeindruckt.
Dönhoff hatte sich bei ihrem Freund, dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, für die Begnadigung von Boock eingesetzt. Doch dann stellte sich heraus, dass seine Beteuerungen - »An meinen Händen klebt kein Blut« - nicht der Wahrheit entsprachen. Boock hatte gelogen. Kurz vor dem Untergang der DDR waren dort zehn ehemalige Mitglieder der RAF verhaftet worden. Sie sagten aus, Boock habe bei der Entführung von Hanns Martin Schleyer auf dessen vier Begleiter mit geschossen. Er legte ein zweites Geständnis ab.
Die Gräfin saß gut gelaunt hinter ihrem Schreibtisch und schlug ihre himmelblauen Augen auf. »Da hat der Boock uns also alle angelogen«, sagte sie. Sie lächelte nachdenklich und fügte noch hinzu: »Aber vielleicht hätte ich das auch so gemacht, an seiner Stelle. Wer weiß?«
 
Die RAF hat Menschen in existenzielle Situationen gebracht. »Sieg oder Tod« hieß die Parole ihrer Vorbilder, der Guerilleros in Südamerika. Wer Gewalt ausübt, begibt sich in die Gefahr, durch Gewalt umzukommen. Ulrike Meinhof und andere in Stuttgart-Stammheim inhaftierte Mitglieder der Roten Armee Fraktion schrieben im Herbst 1974: »Wenn es Beerdigungen geben soll - dann auf beiden Seiten.«1
Die Spitze der »Baader-Meinhof-Gruppe« tat das Ihre, um recht zu behalten: Es gab Beerdigungen; und es gab sie auf beiden Seiten. Gewalt gebiert Gewalt. Bald zwanzig Jahre sollte es dauern, bis sich sowohl bei der Terrorgruppe als auch bei der Bundesregierung eine ernsthafte Bereitschaft am Ausstieg aus der Spirale tödlicher politischer Gewalt entwickelt hatte.
Die RAF ermordete innerhalb von 22 Jahren 33 Menschen. Aus ihren eigenen Reihen verloren 21 Mitglieder ihr Leben. Polizisten erschossen auf der Suche nach Terroristen fünf Unbeteiligte, deren Tod heute vergessen ist.2 Nach der Bilanz von Horst Herold, dem einstigen Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), wurden im Krieg der RAF gegen den westdeutschen Staat 230 Menschen verletzt. Der Sachschaden des Feldzuges summierte sich auf 250 Millionen Euro. Um das Leben im Untergrund zu finanzieren, erbeuteten Mitglieder der Terrorgruppe bei mindestens 31 Banküberfällen rund 3,5 Millionen Euro. Die Aufwendungen des Staates für die Terrorbekämpfung lassen sich kaum schätzen; sie betrugen Milliarden von Euro.3
Im Rahmen der juristischen Aufarbeitung des Konflikts produzierten Polizisten und Staatsanwälte rund elf Millionen Blatt Ermittlungsakten. Richter verurteilten 517 Angeklagte wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und 914 wegen Unterstützung einer solchen. Doch das heißt nicht, dass alle Morde der RAF aufgeklärt wären. Welches Mitglied der Gruppe, so eine der vielen offenen Fragen, erschoss im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback? Wer ermordete den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer? Wer brachte Alfred Herrhausen um, wer Detlev Karsten Rohwedder? Auch vierzig Jahre nach der ersten Aktion der Gruppe im Mai 1970 ermitteln die obersten Ankläger der Republik gegen einstige Mitglieder der RAF. Aber werden die Bundesanwälte die Wahrheit über die Gruppe und ihre Taten jemals ans Licht bringen können?
Gleichzeitig erscheinen die Jahre, in denen junge Linksradikale an eine weltweite Revolution für Gerechtigkeit und Freiheit glaubten und dem westdeutschen Staat den Krieg erklärten, heute fast so fern und fremd wie der Zweite Weltkrieg. Manche Nachgeborenen sehen Andreas Baader und die Gründer der Gruppe inzwischen als glamouröse, coole Rebellen gegen den globalen Kapitalismus, andere als psychopathische Schwerverbrecher. Es gibt nach wie vor keinen Konsens darüber, warum 25 Jahre nach dem Untergang Nazideutschlands eine Gruppe gebildeter junger Menschen den demokratischen Staat zum faschistischen Monstrum erklärte und ihn mit Gewalt zu beseitigen versuchte.
Dabei ist allerhand geschrieben worden über den »Krieg der 6 gegen 60 Millionen«, wie der Schriftsteller Heinrich Böll den Angriff der RAF nannte. Insgesamt 15 ehemalige deutsche Terroristen haben autobiografische Texte veröffentlicht. Das Leben Ulrike Meinhofs ist in vier Büchern ausgeleuchtet.4 Die Standardwerke zur Geschichte der RAF haben enzyklopädische Ausmaße angenomen: Stefan Aust schildert die ersten sieben Jahre der Gruppe in vielen Details auf 896 Seiten. Butz Peters erzählt die gesamten 28 Jahre auf 863 Seiten.Willi Winkler braucht dafür auch noch 528 Seiten.
Dieses Buch dagegen ist eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion. Es ist eine Einführung und Zusammenfassung zugleich, denn mit 220 Seiten kann es keine lückenlose Chronik sein. Erzählt werden die wichtigsten Ereignisse; der Schwerpunkt liegt auf den entscheidenden Akteuren. Nur am Rande geschildert wird die Geschichte der Politiker und Polizisten, die gegen die RAF gekämpft haben. Kaum erzählt wird die Geschichte der Opfer. Der Fokus liegt auf denen, ohne die es den blutigen Konflikt nicht gegeben hätte; auf denen, die ihn begonnen haben und von denen viele in ihm zugrunde gingen.
Mühe habe ich auf die grundlegende Aufgabe der Historiker verwendet, die Fakten zu ermitteln und zu überprüfen. Eine entscheidende Hilfe war mir hierbei Bertolt Hunger, der auf die RAF spezialisierte Dokumentar des SPIEGEL. Die schlichte Klärung der Tatsachen ist umso wichtiger, als die etablierten Chronisten der Bundesrepublik die RAF als unerfreuliche Fußnote sehen und ihr wenig Aufmerksamkeit schenken. So schrieb zum Beispiel der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker in seinem preisgekrönten Standardwerk »Geschichte der Bundesrepublik Deutschland«, die RAF habe das »Konzept des bolivianischen Revolutionärs Carlos Marighella« angewendet - der in Wirklichkeit Brasilianer war - und »im Sommer 1970« mit Anschlägen begonnen - in Wahrheit tat sie das erst zwei Jahre später, im Mai 1972.5
Die meisten Bücher über die RAF kranken an der Einseitigkeit ihrer Quellen: Ihre Autoren stützen sich fast ausschließlich auf Dokumente von Polizei und Justiz, die naturgemäß parteiisch und oft fehlerhaft sind. Bei meinen langjährigen Recherchen über die RAF habe ich hingegen versucht, auch mit möglichst vielen ehemaligen Mitgliedern der Gruppe ins Gespräch zu kommen und ihre Sicht der Ereignisse in Erfahrung zu bringen. Dieser Ansatz ist deshalb schwierig und nur bedingt erfolgreich, weil die Mehrzahl der ehemaligen RAF-Mitglieder prinzipiell nicht mit Journalisten oder Wissenschaftlern spricht. Andere gaben gleichwohl in Hintergrundgesprächen Auskunft.
Bemüht habe ich mich um eine akkurate Darstellung der Ereignisse und um eine sachliche Wortwahl. Das moralische Scheitern und die Verworfenheit der Terrorgruppe ist so offensichtlich, dass sie nicht mehr betont werden müssen. »Die dauernd wiederholte rein moralische Empörung über die Verbrechen ist ebenso selbstverständlich wie irrelevant«, schrieb Carolin Emcke, Patenkind des von der RAF ermordeten Bankiers Alfred Herrhausen. »Empörung allein fördert weder Wissen noch Verstehen.«6
Dieses Buch soll sowohl einen Überblick geben als auch Einblicke in die Entwicklung der drei Generationen der Gruppe gewähren. Es verbindet neue Erkenntnisse über die RAF mit dem Versuch, alte Fragen zu beantworten. Es ist für Experten und Neulinge des Themas gleichermaßen geschrieben. Sein Thema ist ein politisches Phänomen, bei dessen Geburt vor vierzig Jahren eine der bekanntesten Journalistinnen der Bundesrepublik ankündigte: »Und natürlich kann geschossen werden!«7
 
Berlin, im Februar 2010

Kapitel 1
Der Sprung in die Finsternis
Die Pflastersteine in der Miquelstraße haben an den Rändern Moos angesetzt. Hinter einer Tanne und Birken versteckt liegt eine geräumige Villa mit weißen Sprossenfenstern und grünen Fensterläden. Nichts deutet im noblen Südwesten Berlins darauf hin, dass Geschichte geschrieben wurde in dem Haus mit dem spitzen Giebel und der Nummer 83. Doch hier nahm am Vormittag des 14. Mai 1970 der dramatischste Konflikt der westdeutschen Gesellschaft seinen Anfang.
Zeugen historischer Ereignisse erinnern sich oft an das Wetter. Hans Joachim Schneider, Mitarbeiter des »Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen« hielt später fest: »Es war ein besonders schöner, warmer Frühlingstag. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel. Die Vögel zwitscherten, und in dem großen Garten blühten die ersten Blumen.« Der »blasse junge Mann« im Lesesaal der Bibliothek, schrieb Schneider, sah »sehr harmlos« aus. Er war hinter einem hohen Stapel von Büchern versteckt. »Er rauchte, während er sich ab und zu Notizen machte, etwas hektisch eine Zigarette nach der anderen.«1
Bei dem blassen Mann handelte es sich um den 27 Jahre alten Strafgefangenen Andreas Baader. Er verbüßte eine dreijährige Haftstrafe wegen »menschengefährdender Brandstiftung«. Am selben Tisch saß, ebenfalls heftig rauchend, die Journalistin Ulrike Meinhof. Mit ihr arbeitete Baader angeblich an einem Buch über »randständige Jugendliche«. Zum Recherchieren in der Bibliothek hatte der Leiter der Haftanstalt Berlin-Tegel eine Ausführung genehmigt. Baaders Anwalt Horst Mahler hatte den Anstaltsleiter bedrängt; der Verleger Klaus Wagenbach hatte einen Autorenvertrag aufgesetzt. Nun saßen zwei bewaffnete Wachtmeister, die Baader begleiteten, im Lesesaal. »In leicht scherzendem Ton« fragte der Institutsangestellte Schneider die beiden uniformierten Beamten, »ob sie sich nicht langweilten«. Sie stimmten »nachdrücklich und lachend zu«. Auch Baader lachte.
Den beiden Wachtmeistern soll das Lachen bald gründlich vergehen. Im Vorraum des Instituts warten die Medizinstudentin Ingrid Schubert und die Schülerin Irene Goergens. Gegen elf Uhr öffnen sie die Tür für Baaders Gefährtin Gudrun Ensslin und einen Mann. Die Neuankömmlinge sind maskiert und haben Pistolen in den Händen. Jetzt ziehen auch Schubert und Goergens ihre Handfeuerwaffen. Als sie in Richtung Lesesaal stürmen, stellt sich ihnen der Institutsangestellte Georg Linke in den Weg. Der maskierte Mann drückt eine Pistole ab und trifft ihn in Oberarm und Leber.
Als das bewaffnete Quartett in den Lesesaal eindringt, schreit eine der Frauen: »Hände hoch, Überfall!« Es kommt zu einem wilden Kampf. Einer der beiden Wachtmeister schafft es, seine Dienstwaffe durchzuladen. Von einem Schuss aus einer Tränengaspistole geblendet, schießt er zweimal daneben.
Im Kampfesgetümmel sind Baader und Meinhof aus dem Fenster gesprungen, obwohl Meinhof, so war es geplant, auf jeden Fall im Lesesaal sitzen bleiben sollte. Sie sollte so tun, als sei auch sie von der Flucht Baaders überrascht worden. Doch stattdessen laufen die beiden durch die Gärten zu einer Parallelstraße, wo die Freundin des Anwalts Horst Mahler in einem Mercedes wartet. Kurz darauf springt auch das Befreiungskommando in einen Alfa Romeo. Berlin hat die erste Aktion der Gruppe erlebt, die sich bald »Rote Armee Fraktion« nennen wird. Aber niemand ahnt an diesem schönen Tag im Mai, dass die RAF die Bundesrepublik an den Rand des Staatsnotstandes bringen würde.
Heute wissen wir: Ulrike Meinhofs Sprung aus dem Fenster in der Miquelstraße war der Sprung in die Finsternis der RAF. Nach zwei Jahren im Untergrund und vier Jahren im Gefängnis erhängte sie sich im Mai 1976 in ihrer Zelle im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim.
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Ulrike Meinhof als junge Journalistin in der »Konkret«-Redaktion, um 1965.
»Eine enorme symbolische Relevanz« hat die Historikerin Dorothea Hauser der RAF bescheinigt. Sie führt die nachhaltige Wirkungsmacht der Terrorgruppe darauf zurück, dass diese »die legitimatorischen Grundlagen« von Staat und Gesellschaft berührte.2 Auf jeden Fall stellte die RAF mit einer in Deutschland seit dem Aufstieg der Nationalsozialisten nicht gekannten Radikalität die westdeutsche Republik und ihr Wirtschaftssystem in Frage. Was den militärischen Angriff besonders unheimlich machte: Die Gründer der Gruppe waren keine unterdrückten Arbeiter, sondern Töchter und Söhne von Akademikern aus der Mitte der Gesellschaft. Es handelte sich bei den meisten nicht um Rebellen aus der deklassierten Unterschicht, sondern um im Wohlstand aufgewachsene Studenten. Susanne Albrecht zum Beispiel war die Tochter eines Hamburger CDU-Politikers und erfolgreichen Anwalts. Doch sie schämte sich für ihre privilegierte Herkunft. Deshalb verriet sie ihre Klasse, sympathisierte mit der RAF und brachte schließlich dem besten Freund ihres Vaters, dem Bankier Jürgen Ponto, seine Mörder ins Haus.
In der von willensstarken Frauen dominierten RAF spitzte sich eine Auseinandersetzung im westdeutschen Bürgertum zu. Dabei handelte es sich, so der Soziologe Norbert Elias, nicht um die Auseinandersetzung in der einzelnen Familie, sondern um einen »sozialen Generationskonflikt«, der in den 1960er Jahren die gesamte Mittelschicht ergriff.3
Über eine soziale Basis für ihren Krieg verfügte die RAF nicht. Es gab noch keine Massenarbeitslosigkeit, und der Kapitalismus blühte in seiner sozialen Variante. Die westdeutsche Gesellschaft liberalisierte sich deutlich, nachdem Willy Brandt im Oktober 1969 zum Bundeskanzler gewählt worden war. Dennoch machten junge Menschen einen »Neuen Faschismus« aus und griffen zur Gewalt. »Menschengruppen revoltieren gegen das, was sie als Unterdrückung empfinden«, schrieb Norbert Elias, »nicht dann, wenn die Unterdrückung am stärksten ist, sondern gerade dann, wenn sie schwächer wird.« Die RAF war, so gesehen, ein Luxusphänomen.
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Bundeskanzler Willy Brandt und BKA-Chef Horst Herold mit RAF-Bombe, 1972.
Die Terroristen überschätzten sich maßlos. Im Untergrund und in Hochsicherheitstrakten wie eine Sekte von der Gesellschaft isoliert, hielten sie sich zumindest für die wichtigste Gruppe der Linken. »Sie fühlten sich«, so einer ihrer ehemaligen Anwälte, »stets auf Augenhöhe mit Kanzler Helmut Schmidt.« Sie sahen sich in der Tat als gleichberechtigte Partei in dem Krieg, den sie vom Zaun gebrochen hatten. Dabei wussten sie, dass die große Mehrheit der Bürger ihren Feldzug nicht mittrug. Theoretisch stützten sie sich in der Tradition von Marx und Lenin auf das Proletariat, praktisch verachteten sie die Massen als korrumpierte Konsumidioten. Ihre Communiqués - der Ton »militärisch knapp, die Terminologie phrasenhaft, der Satzbau bürokratisch«, so Hans Magnus Enzensberger - ließen ahnen, wogegen sie kämpften. Wofür sie aber kämpften, welche Gesellschaftsordnung sie mit Gewalt durchsetzen wollten, das erklärten sie nicht. Sie wussten es selbst nicht genau.
Der angeblich faschistische Staat, seine kapitalistische Wirtschaft und die westliche Welt unter der Führung der USA verschmolzen für die RAF-Mitglieder zu einem mörderischen modernen Leviathan; zum »Schweinesystem«. Die Terroristen sahen ihre Feinde nicht mehr als Menschen an. Ab 1977 kalkulierten sie kaltherzig Morde an den Fahrern und Begleitern von Politikern und Wirtschaftsführern bei ihren Anschlagsplänen ein. »Das Ziel stand über den Mitteln«, hat Susanne Albrecht den moralischen Bankrott der Gruppe umschrieben. Sie mussten schon deshalb scheitern, weil sie mit unmenschlichen Mitteln eine menschlichere Gesellschaft erzwingen wollten. Die Mitglieder der RAF haben sich angemaßt, eine angeblich höhere Moral mit militärischen Mitteln zu vollstrecken. Sie unternahmen diesen Versuch gegen die Logik der Geschichte und gegen das Volk, auf das sie sich beriefen. Je isolierter und verhasster sie waren, umso mehr mutierten sie zu einer Killertruppe mit Genickschusstaktik.
Seine Klimax erreichte der Privatkrieg der RAF in den 44 Tagen der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977, die heute wie ein Alptraum anmuten. Eine nicht mehr als zwanzig junge Frauen und Männer starke, aber zu allem entschlossene Gruppe wollte der Regierung ihren Willen aufzwingen und brachte die Bundesrepublik an den Rand des Staatsnotstandes. Die RAF wurde zwar nicht für die Demokratie zur tödlichen Gefahr, aber für ihre führenden Vertreter. Die Steckbriefe mit den Bildern gesuchter Terroristen brannten sich in die kollektive Erinnerung der Westdeutschen ein, ebenso wie die düsteren Schwarz-Weiß-Fotos von zerschossenen oder von Bomben zerfetzten Limousinen. Sie sind die schwarzen Flecken auf der Erfolgsgeschichte der Bundsrepublik.
 
Am Tag, an dem alles anfing mit der RAF, am 14. Mai 1970, hatte die Schauspielerin Barbara Morawiecz, die in der Nähe des Zentralinstituts wohnte, einen Zettel ihrer Freundin Ulrike Meinhof an der Türe gefunden: »Wir kommen zum Frühstück, Anna.« Morawiecz hatte gerade den Kaffee gekocht, als neben Meinhof auch Baader, Ensslin, Goergens und der unglückselige Schütze die Treppe heraufkamen. Während Polizisten mit Schäferhunden auf der Suche nach Baader und seinen Konsorten durch die Vorgärten hetzten, nahmen die ein zweites Frühstück.4
Morawiecz - als Schauspielerin mit dem Verkleiden vertraut - schnitt Baader die Haare. Auch den anderen half sie, ihr Äußeres zu verändern, bevor sie sie aus der Wohnung komplimentierte. Ulrike Meinhof hatte ihre Handtasche im Institut liegen lassen und hatte nun keinen Pfennig mehr. Ihre Freundin, die oft ihre Kinder betreute, musste für sie erst Geld bei der Bank abheben. Damit konnte die schusselige Journalistin sich einen Fahrschein für den Bus kaufen. Wieder zu Hause, verbrannte Morawiecz im Kachelofen die Papiere der Überraschungsgäste, darunter den Pass von Meinhof. Als Horst Mahler und Gudrun Ensslin am nächsten Abend vorbeikamen, um die Hinterlassenschaften abzuholen, mussten sie mit leeren Händen wieder abziehen.
Ulrike Meinhof war einen Tag lang verschwunden. Als sie wieder zur Gruppe stieß, trug sie eine blonde Perücke und wirkte verstört. An den Litfaßsäulen prangten Fahndungsplakate mit großen Fotos von ihr: »Mordversuch in Berlin, 10 000 DM Belohnung.« Die Journalistin sah keinen Weg zurück ins bürgerliche Leben. Ein ehemaliger RAF-Mann erinnert sich: »Wir waren irre sauer auf Ulrike.« Die prominente Journalistin musste jetzt versteckt werden, doch es gab noch keine konspirativen Wohnungen. Zudem galt es, Meinhofs Kinder zu versorgen. Sie selbst litt sehr darunter, dass sie die sieben Jahre alten Zwillingstöchter nicht mehr sehen konnte.
Ein paar Tage nach der Aktion suchten zwei Abgesandte der Gruppe die Redaktion des Berliner Anarchistenblattes »Agit 883« in Kreuzberg auf. Manfred Grashof und Petra Schelm hatten einen von Ulrike Meinhof verfassten Text dabei, doch dessen Abdruck lehnten die Redakteure zunächst ab, allen voran Dirk Schneider, später Bundestagsabgeordneter der Grünen und bezahlter Stasi-Spitzel. Nach langer, zäher Diskussion sagten die »883«-Macher doch zu, die erste Erklärung der Gruppe zu dokumentieren. »Die Baader-Befreiungs-Aktion«, hieß es darin, »haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes.« Der Text endete mit dem Aufruf: »Die Klassenkämpfe entfalten! Das Proletariat organisieren! Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen! Die Rote Armee aufbauen!«5
Die linke Szene in der Bundesrepublik und West-Berlin war von der Aktion nicht angetan. Einen Menschen anzuschießen und lebensgefährlich zu verletzen, das stand für die meisten in keinem Verhältnis zur Befreiung des wenig bekannten Baader. Doch die RAF hatte ihr Leitmotiv der nächsten sieben Jahre gefunden: Bis zum Herbst 1977 sollte es ein ums andere Mal darum gehen, Andreas Baader aus dem Gefängnis zu holen.
Die Fixierung und der Hass der RAF auf die Staatsgewalt waren auch schon in der ersten Aktion angelegt. Auf einem von Ulrike Meinhof besprochenen Tonband ließ sich hören: »Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.«6
Der brutale Jargon von Ulrike Meinhof kam nicht von ungefähr: Die Schüsse in der Miquelstraße waren nicht die ersten gewesen in dem eskalierenden Konflikt zwischen Linksradikalen und der Staatsgewalt. Den ersten tödlichen Schuss hatte knapp drei Jahre zuvor ein West-Berliner Polizeibeamter und Agent der DDR-Staatssicherheit abgefeuert.

Kapitel 2
High sein, frei sein …
Die Stimmung schwankte zwischen Wut und Verzweiflung. Am Abend des 2. Juni 1967 hatten sich im Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm Dutzende junger West-Berliner versammelt. Unter den Studenten, die über die dramatischen Ereignisse des Tages sprachen, war auch eine 26 Jahre alte Doktorandin der Germanistik. »Mit denen kann man nicht diskutieren«, rief Gudrun Ensslin mit kreidebleichem Gesicht in die Runde. »Das ist die Generation von Auschwitz! Sie werden uns alle ermorden!«1
Die schwäbische Pfarrerstochter schlug vor, eine Polizeikaserne zu stürmen, um sich zu bewaffnen. Wie ein »Todesengel« erschien sie einem besonnenen Studenten. Sie alle hatten zuvor miterlebt, wie Polizisten Dutzende von Demonstranten blutig schlugen, die vor der Deutschen Oper gegen den iranischen Diktator Schah Mohammed Resa Pahlewi protestierten.
Ensslins militante Idee stieß auf Ablehnung, doch ihr Wort von der »Generation von Auschwitz« hallte nach. Immer wieder stießen die Studenten auf Verbindungslinien zwischen Nazideutschland und der Bundesrepublik. So fanden sie heraus, dass die Planung für den brutalen Polizeieinsatz am Abend des 2. Juni 1967 dem Kommandeur der West-Berliner Schutzpolizei Hans-Ulrich Werner unterlag. Das vormalige NSDAP-Mitglied hatte sein Handwerk im Zweiten Weltkrieg bei der »Bandenbekämpfung« in der Ukraine und in Italien gelernt. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler hatte ihn für seinen Beitrag zum Holocaust mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 2
Die RAF ist ein sehr deutsches Phänomen. In den 1970er Jahren formierten sich in vielen westlichen Industrieländern nach dem Zerfall der Jugend- und Studentenbewegungen terroristische Gruppen. »Aber in Westdeutschland«, stellt die englische Autorin Jillian Becker fest, »wurde die Bewegung vor allem eine gewalttätige Gegenreaktion gegen den totalitären Staat der vorangegangenen Generation.« Becker gab ihrem Buch über die »Baader-Meinhof gang« deshalb den Titel: »Hitler’s Children«.3
Niemand konnte am 2. Juni 1967 voraussehen, dass an diesem Tag in West-Berlin eine Eskalation begann, die einen 23 Jahre währenden Krieg der RAF gegen den Staat hervorbringen würde; einen Feldzug, der über fünfzig Menschen das Leben kosten sollte. Erst viel später fanden Wissenschaftler heraus, dass die meisten, die sich der RAF anschlossen, zuvor bei Demonstrationen von Polizisten zusammengeschlagen worden waren.
»Vier bis fünf Polizisten verprügelten mich«, gab ein Soziologiestudent über seine Erfahrungen am Abend des 2. Juni 1967 zu Protokoll. Er war aus einer »Gruppe, die völlig von Polizei umstellt war, durch Spießrutenlaufen entkommen«. Der spätere RAF-Mann Jan-Carl Raspe versuchte, einem Opfer der Polizeigewalt zu helfen: »Wir trugen den Verletzten, der bewusstlos war, durch die Absperrketten über die Bismarckstraße zu mehreren Sanitätswagen, bis wir einen fanden, der leer war.«4
»Die Bullen rannten auf uns zu wie die Wahnsinnigen«, erinnert sich Bommi Baumann. »Sie haben gleich losgeknüppelt, auf Frauen, auf alte Leute, immer sofort auf die Köpfe. Und dann wurden zum ersten Mal auf die Bullen Steine geschmissen.« Baumann zählte 1972 zu den Gründern der mit der RAF konkurrierenden Berliner Stadtguerilla-Truppe Bewegung 2. Juni.5
Als die Demonstranten flüchteten, lief ein Kommilitone Gudrun Ensslins, der Germanistikstudent Benno Ohnesorg, 26 Jahre alt, auf einen überdachten Parkplatz unweit der Oper. Seine schwangere Frau hatte es vorgezogen, nach Hause zu gehen. Auf denselben Parkplatz in der Krummen Straße eilte auch der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras von der Politischen Polizei. Der Sportschütze und Waffenfetischist spionierte seit zwölf Jahren gegen ordentlichen Agentenlohn für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Kurras, so stellte sich erst im Frühjahr 2009 heraus, war einer der wichtigsten Stasi-Maulwürfe bei der West-Berliner Polizei. Unter welchen Umständen er mit seiner Dienstpistole auf Ohnesorg einen tödlichen Kopfschuss abgab, wurde nie vollständig aufgeklärt.
Hatte Kurras den Studenten etwa im Auftrag der Stasi erschossen? Dafür gibt es keinerlei Indizien oder gar Beweise. Der Richter in dem Prozess gegen Kurras hielt es dagegen für wahrscheinlich, dass Ohnesorg tödlich getroffen wurde, als Polizisten ihn gerade verprügelten. Jedenfalls hörten Zeugen, wie ein Kollege Kurras anherrschte: »Bist du wahnsinnig, hier zu schießen!« - und Kurras darauf antwortete: »Die ist mir losgegangen.«6
Am Morgen nach dem Todesschuss an der Oper trat auch ein weiterer Akteur in Aktion, den Ex-Innenminister Gerhart Baum »entscheidend für die Eskalation zum Terrorismus« nennt: Der Axel-Springer-Verlag, der gut zwei Drittel der Tagespresse in West-Berlin kontrollierte. »Wer Terror produziert«, kommentierte die »B.Z.« in grotesker Verkehrung des Geschehens, »muss Härte in Kauf nehmen.« Die »Bild«-Zeitung geißelte »SA-Methoden« der Studenten. Der erschossene Ohnesorg, so Springers Massenblatt, sei »nicht der Märtyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Opfer«.
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Studentin Friederike Dollinger mit sterbendem Kommilitonen Benno Ohnesorg, Berlin 2. Juni 1967.
Fritz Teufel von der Kommune 1, den Polizisten vor der Oper brutal zusammengeschlagen hatten, wurde des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt und über zwei Monate in Untersuchungshaft gehalten. Der Todesschütze Kurras musste hingegen keinen einzigen Tag hinter Gittern darben. Er wurde wegen »fahrlässiger Tötung« angeklagt, aber zweimal freigesprochen, weil ihm die Richter »putative Notwehr« zugutehielten. Sie konnten die Aussage von Kurras nicht widerlegen, nach der er behauptete, Demonstranten hätten ihn mit einem Messer angegriffen. »Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts«, so erinnerte sich später Otto Schily, der an der Oper mit demonstriert hatte, »der ging damals ziemlich den Bach runter.«7
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Kriminalbeamter und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras auf dem Schießplatz, um 1965.
Die Stasi-Offiziere hielten es für unvermeidlich, sich von ihrem nun in der Öffentlichkeit exponierten Spion Kurras zu trennen. Nachdem die West-Berliner Kripo ihn vom Staatsschutz in eine Abteilung versetzt hatte, in der er nach gestohlenen Autos fahndete, blieb er bis zur Pensionierung Polizeibeamter.
Das Foto vom 2. Juni 1967, das zur Ikone wurde, zeigt die Studentin Friederike Dollinger, wie sie neben dem tödlich verwundeten Ohnesorg kauert. »Ich dachte, ich schau dem Faschismus ins Gesicht«, resümierte sie später dieses Erlebnis. Und das habe sie »in eine mir eigentlich fremde Radikalität« getrieben. »Der Sound dieser Jahre«, sagt der Berliner Verleger Klaus Wagenbach, »war die Wut auf den Staat.«
Der Schuss auf Benno Ohnesorg war ein Schuss in viele Köpfe. Er war die Initialzündung für die Studentenbewegung, die das Ende des besinnungslosen Aufbaus der westdeutschen Republik aus den Trümmern Nazideutschlands markierte. Gleichzeitig begann am 2. Juni 1967 die Eskalation zwischen Studenten und der Staatsgewalt, die den Alptraum des Terrorismus hervorbrachte.
 
Kurz nach dem Tod Ohnesorgs traf sich Gudrun Ensslin mit Gleichgesinnten, um eine Aktion gegen den Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz zu planen, der für den Polizeieinsatz am 2. Juni 1967 politisch verantwortlich war. Sie bemalten weiße T-Shirts mit einzelnen Buchstaben. Zusammengesetzt ergab das vorne ALBERTZ! hinten ABTRETEN. Ensslin trug das Hemd mit dem Ausrufungszeichen; Bilder der Aktion auf dem Kurfürstendamm wurden auch von der »Tagesschau« ausgestrahlt.
Doch was wesentlich wichtiger war: Bei einem Treffen dieser »Buchstabenballett«-Aktivisten lernte Ensslin einen Mann kennen, der sich bislang vorwiegend in Künstlerkneipen und Schwulenbars herumgetrieben hatte. Er war vier Jahre zuvor aus München in die Mauerstadt gekommen, war aber am 2. Juni nicht in Berlin gewesen, weil er in Bayern eine Haftstrafe wegen Fahrens ohne Führerschein absitzen musste. Er hieß Andreas Baader. Obwohl beide in festen Beziehungen lebten und jeweils kleine Kinder hatten, knisterte es sofort zwischen ihnen.8
Ensslin, das vierte von sieben Kindern eines protestantischen Pfarrers von der Schwäbischen Alb, war 1964 nach West-Berlin gekommen. Ein Jahr später arbeitete sie für eine von Günter Grass gegründete Initiative zur Unterstützung des Wahlkampfes der SPD. Als die Sozialdemokraten sich aber im November 1966 mit der CDU auf die Große Koalition unter Führung des ehemaligen NSDAP-Parteigenossen Kurt Georg Kiesinger einließen, wandte die Studentin sich von der SPD ab.
Ensslin war eine hochkarätige Intellektuelle. Wenn sie eine Sache für richtig erkannt hatte, setzte sie sich bedingungslos für sie ein. Eine Gefängnisdirektorin bewunderte sie, »weil sie so absolut ist, notfalls mit dem Leben für ihre Überzeugung eintritt«. Ein Gerichtspsychiater attestierte ihr »eine heroische Ungeduld«.
Baader war drei Jahre jünger als Ensslin, dunkelhaarig, körperlich präsent und ebenso unverschämt wie charmant. Da sein Vater, ein promovierter Historiker, kurz nach Kriegsende umgekommen war, wuchs er bei der Mutter und Großmutter auf, die ihn vergötterten. Er motzte und provozierte unentwegt. Baader war direkt und vulgär und konnte sich stundenlang in Monologen ergehen. Klaus Wagenbach erinnerte er an »einen kleinen Luden«; die meisten Männer konnten ihn schwer ertragen. »Doch bei Frauen«, so ein ehemaliger RAF-Mann, »hatte er einen Stich.«
Baader ging nicht arbeiten, hatte nie Geld und ließ sich aushalten. Statt Bus fuhr er Taxi. Um sich wichtig zu machen, erzählte er gerne Lügengeschichten, etwa, dass er mit 16 als Hochbegabter das Abitur gemacht habe. Der Künstlerin, mit der er zusammenlebte, bevor er Gudrun Ensslin traf, prophezeite er: »Eines Tages wirst du mich auf dem Cover des SPIEGEL sehen.«
»Gudrun und Andreas«, erinnert sich deren einstige Freundin Astrid Proll, »ergänzten sich genial.« Die beiden waren ein Paar, das Himmel und Hölle in Bewegung setzen konnte; sie bildeten später die Doppelspitze der RAF. Sie trafen sich mit Künstlern in einer Kneipe namens »S-Bahn-Quelle« und tanzten zu Rock’n’ Roll aus der Musicbox. Ensslin blühte auf an der Seite von Baader.
Die dramatischen Ereignisse des 2. Juni 1967 hatten auch Bohemiens wie Baader politisiert. Er suchte Kontakt zur Kommune 1, war beständig in Bewegung. Astrid Proll, deren älterer Bruder Thorwald sich mit Baader angefreundet hatte, fuhr die beiden und deren Freunde nachts durch West-Berlin. Sie brüllten aus dem Fenster: »Wir schlagen alles kaputt, wir schlagen alles kaputt!«
Nach einer der vielen Demonstrationen murrte Baader: »Jetzt laufen wir hier durch die Gegend, und das war es dann. Das bringt doch nichts. So ändert sich nie etwas.« Er war der Protagonist der revolutionären Ungeduld und drängte auf radikale Aktionen. Einmal schlug er vor, den Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in die Luft zu sprengen.
 
Die Idee und der Mythos, der Studenten, aber auch Schüler und Lehrlinge faszinierte, hieß Revolution. Sie bewunderten Ché Guevara, den selbstlosen Guerillero, der gefordert hatte: »Schafft ein, zwei, drei, viele Vietnams.« Und sie bewunderten Mao Zedong, dessen Rote Garden in der chinesischen Kulturrevolution alles Alte bedenkenlos abräumten. Die Radikalität der Rotgardisten in China passte gut zum Misstrauen der jungen Deutschen gegen die eigenen Eltern, die über die Nazijahre schwiegen.